Die Zwangskonvertiten

23. Dezember 2018

Zu den Wehnachtstagen veröffentliche ich diesen Beitrag von Josef Möddel, der vor 40 Jahren den Arbeitskreis Juden Christen im Altkreis Lingen eV gründete. Nehmen Sie sich einige Mínuten  Zeit, ihn zu lesen, bitte. Josef Mödel hat in seinem Exkurs den Namen des Neonazis verschlüsselt. Ich meine, das sollte nicht sein.

Zur Situation der Juden in Spanien/Portugal im 15. Jahrhundert

Im 8. Jh. drangen muslimische Araber in die „Iberischen Halbinsel“ ein. Und, man staune, Juden und Christen, zählten zu den Schutzbefohlenen. Die Situation der Juden unter dem Kalifat war deutlich besser als in den Reichen des  christlichen Europas. Juden aus anderen Teilen Europas wanderten ein. Die Juden, die Sepharden, wie man sie nannte, lebten dort friedlich bis zu ihrer Vertreibung 1492 und 1513 (Inquisitionin Portugal, zweite Verfolgungswelle gegen die Juden auf der iberischen Halbinsel), da hatte das tolerante Kalifat schon ausgedient und das „christliche“ Mittelalter hatte das Sagen: Die katholischen Könige (Ferdinand II.und Isabella I.) stellten  die Juden Spaniens vor die Wahl zwischen Exil/ Flucht, Konversion zum Katholizismus durch die Taufe oder Tod. Viele zogen die Flucht der Taufe vor. Die Zwangskonvertiten blieben, aber sie zahlten einen hohen Preis. Viele dieser Konvertiten, die zwangsweise Getauften, die Marranen, wanderten in der zweiten Verfolgungswelle aus.

Einige flüchteten nach Nord-West-Deutschland, Emden, Esens, von dort auch ins Emsland, viele nach Hamburg. Ein Teil der „Hamburger“ zogen weiter nach Amsterdam. Dort wurde 1675 die Portugiesische Synagoge (s. oben, Kupferstich von Romeijn de Hooghe) eingeweiht.

Fahrt mit Schülern nach Amsterdam

Vor Gründung des  Arbeitskreises Juden-Christen  habe ich mit meinen Schülern 1979 an einem Wettbewerb der Bundeszentrale Politischen Bildung teilgenommen. Wir bekamen für unsere eingereichte Arbeit eine Klassenfahrt nach Amsterdam zum Anne-Frank-Haus und zur Portugiesischen Synagoge. Ehemalige Schüler sprechen heute noch gerne davon: Efterpi Kalligas, Restaurant Santorini in der Rheinerstraße, und Frosa in dem Kurzwarengeschäft in der Burgstraße.

Nach der Gründung des AK Judentum-Christentum  folgte eine weitere Fahrt nach Amsterdam im Jahr 1989. Leo de Vries, der Schwager von Erna de Vries, der Onkel von Michael Grünbergs Frau Ruth, der vom Judenhaus in Lingen 1941 deportiert wurde und überlebte, war unser Reiseführer in Amsterdam. Eine Schülerin, Nicola Büher, die damals noch van Acken hieß, berichtet noch gerne von ihren Eindrücken.

Zusammenleben von Juden und Christen in Lingen

In Lingen lebten Juden und Christen lange friedlich zusammen. Im Dezember bestückten die Christen ihren Adventskranz mit vier dicken Kerzen und freuten sich auf den 24. Dezember, auf Weihnachten, auf die Geburt Jesu. Dass er Jude war, dass Maria, seine Mutter, Jüdin war, das war schon lange vergessen. Das Schmücken des Weihnachtsbaumes musste bis Heilig Abend geschafft sein – und darunter sollten dann Äpfel und Nüsse liegen.

Die Juden holten in dieser Zeit ihre Menora, ihren achtarmigen Leuchter hervor und zündeten acht Tage lang Kerzen zur Erinnerung an die Befreiung des Tempels durch die Makkabäer an, die übrigens zu den katholischen Heiligen gehören, ohne die das Christentum gar nicht entstanden wäre. Den Deutungsschlüssel, besonders, was das Lichterfest mit uns Christen zutun hat, findet man in den  religiös gedeuteten Geschichten,  in den Büchern der Makkabäer (AT), bes. im Zweiten Buch, das nach 160 v. Chr. entstanden sein dürfte.

Juden sprechen übrigens von der Zeit im Dezember gelegentlich auch von „Weihnukka“.

Das Schicksal von Selma Hanauer

In Lingen gab es ein Mädchen, das freute sich jedes Jahr auf den 22. Dezember, auf ihren Geburtstag. Sie heiß Selma und gehörte zu den Hanauers, die in der Elisabethstraße mit Kohlen und anderen Brennstoffen handelten. Für die handfeste Arbeit im Kohlehandel war sie nicht geeignet. Aber sie machte sich schon früh nützlich durch schriftliche Arbeiten; besonders ihre tadellose Buchführung war von ihren Brüdern gefragt. Das erfuhr der Direktor der Kreissparkasse, auf welchem Wege auch immer, möglicherweise durch besonders sorgfältig erstellte Rechnungen oder Quittungen. Er holte sie in sein Institut. Dort arbeite sie jahrelang zu seiner vollen Zufriedenheit.

Juden waren deutsche Staatbürger mit allen Rechten und Pflichten, bis zum unheilvollen Jahr 1933. In der noch jungen NS-Diktatur passten sich einige schnell an, hatten keine Berührungsängste, machten unterm Hakenkreuz Karriere und ließen sich umjubeln. Andere verloren ihre Jobs, beispielsweise Selma Hanauer, die angesehene Sparkassenangestellte. Sie fiel unter das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums; sie wurde bereits 1933 entlassen. Ihr Chef und Sparkassendirektor stelle ihr noch ein Zeugnis voller Lob aus und bat den NS-Kreisleiter um Rücknahme der Entlassung – leider erfolglos. Wären es doch mehr Stimmen gewesen, die, wie die Propheten des Alten Testaments, z.B.  Jeremia, Jesaja oder Amos, die  laut aussprachen, was alles falsch lief. Ihnen war es nicht egal, wie es mit ihrer Stadt weiterging.

Am Anfang war alles nicht so schlimm, keiner wusste davon, wird argumentiert. Falsch, sagten in den 80-er Jahren Änne Brümmer und Rita de Hoek, die Schwester von Fredy Markreich, die, in Amsterdam untergetaucht, überlebte. Jeder in Lingen (in der Kleinstadt mit 25.000 Einwohnern) hatte bei der Sparkasse ein Sparbuch – und auf einmal war die freundliche Selma nicht mehr da!

Das Fremdwerden in Deutschland begann und hörte nicht auf. Die Ungewissheit wich, „das wird nicht gut enden“ kam in großen Schritten. Das mussten die Hanauers mit einem realistisch deprimierenden Blick auf ihre neue Situation feststellen.

Reichspogromnacht in Lingen

Selma musste noch die Reichspogromnacht gegen jüdisches Leben und jüdischen Glauben mit ihren Geschwistern Hedwig und Hugo in Lingen durchleiden. Vor ihrem Gotteshaus stand ein Schild „Hier stand einmal eine Synagoge“. Sie stand, nachdem man sie aus dem Bett geholt hatte, am frühen Morgen des 10. November mit 17 weiteren Männern und Frauen jüdischen Glaubens in der Nähe „ihrer Kreissparkasse“ auf dem Marktplatz. Nach Öffnung der Polizeiwache wurden alle dort festgehalten. Sie und Hedwig konnten später nach Hause gehen. Hugo nahm man Uhr, Schlüssel und Geld ab, dann wurde er der SS-übergeben; er „ging“ –  wie die anderen Männer –  nach „Buchenwald“. In Lengerich und Freren war es nicht besser. Wohnungen wurden demoliert und Menschen misshandelt. Bevor man die jüdischen Männer in Freren in das KZ Buchenwald verfrachtete, wurden sie noch vorher stundenlang auf einem Viehwagen durch die Stadt gefahren und verspottet.

Nach der Entlassung aus dem KZ Buchenwald kam Hugo, wie seine Glaubensgenossen, abgemagert, kahlgeschoren und traumatisiert zurück. Immerhin konnte Selma ihren kleinen Bruder, er war elf Jahre jünger als sie, in ihre Arme schließen und ihn wiederaufpäppeln.

Die Perspektivlosigkeit mit dem Kohlenhandel wurde den Hanauers nun endgültig klar. „Man kauft nicht bei Juden“  war ja auch in Lingen angekommen. Und Selma hatte seit über fünf Jahren kein Einkommen mehr aus ihrer Tätigkeit bei der Kreissparkasse. Zudem wurden den Juden eine Milliarde Reichsmark als sog. Sühneumlage in Rechnung gestellt. Perverser ging’s nicht, 1939 noch nicht, später aber wohl.  Hitler hatte bereits 1938 Göring mit der „Gesamtlösung der Judenfrage“ beauftragt. In Heydrichs undHimmlers teuflischen Köpfen wurde sie konkret umgesetzt. Die SS war sowohl treibender Faktor als auch Werkzeug der Shoa.

Selma suchte mit ihren Geschwistern verzweifelt nach Zukunft, nach Sicherheit, nach einem erträglichen Leben. Da sie lt. Gesetz vom 30.04.1939 auch aus ihrem „trauten Heim“ ausziehen und in sog. Judenhäuser einziehen sollten, drängte die Zeit. Ihre Glaubensbrüder, auch aus Lengerich und Freren, wurden in die Häuser in der Wilhelmstraße und in der Marienstraße einquartiert und verbrachten die Zeit vor ihrer Deportation in qualvolle Enge.

Im Frühjahr Jahr 1939 gelangen Selma, Hugo und Hedwig noch die Ausreise nach Spanien, Ibiza, wo schon seit 1936 Alfred, Henriette und Else in Sicherheit lebten. In Sicherheit?

Exkurs:

Der liebe tiefreligiöse Opa von Jens Hessler (Name nicht geändert) in Laxten kannte die Lingener Juden gut und erzählte seinem Enkel ausführlich und gerne von den Juden, die Jesus ans Kreuz schlugen und ihrer gerechten Strafe nicht entgehen können. Aber sie machen sich schlau, mit ergaunertem Geld davon und leben dann gut im Ausland. Einmal, 1993, drang Jens mit seinem Freund aus Magdeburg, in Springerstiefeln und in Bomberjacken in unsere Veranstaltung im Gemeindehaus St. Josef ein und sie „klärten uns auf“. Gott sei Dank sorgte Gerhard Sels mit seiner ruhigen Stimme für „Deeskalation“.

Jens erbte später das Häuschen von seinem Opa, die NS-Ideologie hatte er ja schon vorher geerbt. Davon lebt er heute noch gut, schreibt Dirk Fisser in seinem LT-Bericht vom 13.08.2018.

Ein Leben – weit weg von Sicherheit

Die Flucht der Familie Hanauer war 1936 und dann 1939 mit Selma „geglückt“, sie konnten sorgenfrei am Strand liegen. Falsch Sie lebten als emigrierte deutsche Juden auf „Spanischem Boden“ extrem gefährlich, weil ab 1936 Herr Franco, ein Freund und Gehilfe (Guernikca) von Adolf Hitler, diktatorisch und gnadenlos regierte. Hier erlebten die Hanauers neue Machtstrukturen.

Der lange Arm der Deutschen Botschaft, die nach San Sebastian verzogen war, machte sich immer wieder bemerkbar und bereitete der Familie Hanauer mehr als Sorgen. Sie lebte in Angst und Schrecken vor einer Auslieferung nach Deutschland. Was das bedeuten würde, war ihnen bewusst. Mit den Namen Dachau, Esterwegen, Börgermoor, Buchenwald, später dann Auschwitz, verbanden sie Deportationen in Orte unbeschränkter Gewaltherrschaft, Folter, die willkürliche Entscheidung über Leben und Tod; SS-Wachmänner behandelten gerade jüdische KZ-Insassen besonders brutal, das musste ihnen niemand erklären.

Hugo, den kleinen Bruder von Selma, plagten wieder Alpträume, die er aus „Buchenwald“ mitgebracht hatte.

Gab es einen Ausweg? Hoffnung durch eine Taufe keimte auf, die in NS-Deutschland inzwischen undenkbar war (Edith Stein). Aber in Francos Spanien herrschte ein steingewordener Nationalkatholizismus, der gewissen Schutz bot, wenn man einmal dazugehörte. In großer Not ließen sie sich taufen. Was macht Hoffnungslosigkeit mit den Menschen?

Selma wurde auf den Namen Maria getauft, eine zusätzliche Firmung kam hinzu. Die Hanauer zahlten mit ihrem „Überkreuzlaufen“ einen hohen Preis. Sie gehörten zu einem Volk, das ständig auf Wanderschaft war. Es hatte wenig Gelegenheit, sich an Orte zu klammern, um heimisch zu werden. War ihr Auf und Ab mit der Himmelsleiter vergleichbar, von der einst der biblische Jakob träumte? Stand am anderen Ende der Leiter jemand, ein Engel? Bot ihnen ihr alter Glaube „Heimat“? Konnten sie im Dezember, wenn auch nicht öffentlich, aber in ihren eigenen vier Wänden ihre Chanukkakerzen anzünden – ihren inneren Tempel wieder einweihen?

Ganz sicher ist, dass sie jeweils am 22. Dezember Selmas Geburtstag feierten. Vielleicht dachten sie dann auch an gute Zeiten in Lingen, an „Weihnukka“.

Wie oft die  LingenerZwangskonvertiten im spanischen Herrschaftsbereichihr „Sch´ma Israel“ in äußerster Bedrängnis gesprochen, geflüstert haben, wie oft es als Stoßseufzer über die Lippen kam, das weiß nur Haschem.

Die Zwangskonvertitin Selma/Maria Hanauer verstarb 1969. Wer kann schon tief in die Welt von Selma Hanauer eintauchen? Hier ist die Grenze des Beschreibbaren erreicht.

Epilog

Wer setzt sich heute in einem Erinnerungskult für Umjubelte ein? Wer pflegt das Gedenken an die Opfer in angemessener Erinnerungskultur?

G´tt hat keinen anderen Wirkungsraum als unseren Lebensraum. Daher müssen wir hellhörig sein für das, was in ihm heute geschieht – und auch mal, wie die Propheten damals, kein Blatt vor den Mund nehmen, wenn etwas falsch, wenn was aus dem Ruder zu laufen droht.

Nach vielen relativierenden Erklärungen ohne eindeutige Haltung, nach schwer erträglichen Diskussionen, muss auch mal ein unbedingtes „NEIN – nicht mit uns“ gesprochen werden – „neutral“, „gleichgültig“, „unbestimmt“, „unentschieden“, oder „mal sehen, wie sich alles entwickelt“ – geht nicht.

Fahrplanwechsel

9. Dezember 2018

Seit heute gilt der neue Fahrplan der Bahn. Das bedeutet für Bahnpendler im Nordwesten erst eimal, dass die Streckensperrungen und der Schienenersatzverkehr auf der Emslandlinie sein Ende hat. Man muss also in Meppen nicht mehr den Schienenersatzverkehr-Bus suchen und dann mit einem schweigenden emsländischen Busfahrer durchs Emsland fahren – also ohne jede Information, was denn nun als nächster Halt kommt.

Ob allerdings morgen Intercity-Züge wieder durchs Emsland fahren ist unverhofft aus einem ganz anderen Grund fraglich. Denn aus heiterem Himmel hat die Eisenbahnergewerkschaft EVG die Tarifverhandlungen mit der deutschen Bahn abgebrochen – etwa weil sie erkannt hat, dass sie bei einem Arbeitskamp im Weihnachtsverkehr größtmögliche Aufmerksamkeit erreicht? Es wird warngestreikt und die Bahn versucht zu reagieren. Zum Beispiel, indem alle Reisenden mit einem Sparpreisticket für morgen schon heute fahren können. Die Zugbindung ist aufgehoben.

Auf der Verbindung Hamburg-Bremen-Osnabrück-Ruhrgebiet-Köln sollen laut Bahn künftig „mehr ICE“ statt der in die Jahre gekommenen IC eingesetzt werden. Auf der Strecke Amsterdam-Bentheim-Osnabrück-Hannover-Berlin ändert sich allerdings nichts; dort fahren weiterhin die Museumszüge aus den 70er und 80er Jahren.

Entgegen allen Planungen und Versprechungen ist auch die Strecke Bad Bentheim-Nordhorn-Neuenhaus nicht fertig. Sie wird erst im Laufe des kommenden Jahres mit Personenzügen wieder befahren. Aber die Bahnhöfe in Neuenhaus und der Fensterkletterbahnhof in Bad Bentheim sind renoviert.

Die Bahntickets umfassen ab heute ohne Mehrkosten die Nutzung der Busse. Diese Regelung gilt auch für Fahrten nach Hamburg und Bremen. Ausnahme: Die Landkreise Osnabrück und (allerletzter Platz in Niedersachsen!) Schaumburg. Dort gibt es bisher keine Anerkennung für das Niedersachsenticket  – genauso wie -man ahnt es- im Landkreis Emsland.

Aber sonst wird’s teurer. Verbraucherschützer kritisieren daher das Preissystem der Bahn. Denn  für Fahrten im Fernverkehr steigen die Preise um 0,9 Prozent. Fahrscheine zum vollen Preis, dem sogenannten Flexpreis, werden im Durchschnitt 1,9 Prozent teurer. Auch für Streckenzeitkarten sowie die Bahncard 100 müssen Reisende in Zukunft im Schnitt 2,9 Prozent mehr zahlen. Die Preiserhöhungen halten die Verbraucherzentralen angesichts „eklatanter Verspätungen“ im Fernverkehr für „nicht begründbar“.

Auch das Extra-Entgelt für den Kauf eines Tickets im DB-Zug wird übrigens kräftigst erhöht: von 12,50 Euro auf stolze 19 Euro. Pro-Bahn-Sprecher Karl-Peter Naumann nannte das „bedenklich für einige ländliche Regionen“, in denen es an Automaten nur Nahverkehrstickets gibt. Bucht also bitte über das Smartphone, wenn ihr denn eins habt…

 

Standortsuche im Emsland

20. November 2018

Der Landkreis Emsland könnte von der Suche nach einem Standort für ein tiefengeologisches Lager für hochradioaktiven Atommüll betroffen sein. Denn hier gibt es sowohl Salz- als auch Tonformationen, die grundsätzlich für das Suchverfahren infrage kommen. In den letzten Wochen haben die regionalen Medien darüber berichtet und erste Kommunalpolitiker*innen äußerten sich dazu. Doch was steckt konkret dahinter?

Seit 2017 läuft die neue Suche für ein langfristiges Atommüll-Lager. Der Staat gibt vor, aus den vergangenen Versuchen gelernt zu haben und verspricht einen wissenschaftlich basierten Prozess mit ausreichender Bürger*innenbeteiligung. Doch damit ist es nicht weit her.

Auf Einladung des Elternvereins Restrisiko Emsland e.V. wird Jochen Stay von „ausgestrahlt“ die aktuellen Entwicklungen zur Standortsuche beleuchten und der Frage nachgehen: Wie lässt sich ein schlechtes Lager verhindern?

WANN: am Donnerstag, 22. November um 19 Uhr
WO: im Gemeindehaus der evang.-luth. Kreuzkirche,
Bäumerstraße 16, 49808 Lingen (Ems)

In den ersten Septembertagen ist der Lingener Jochen Berke im Alter von 87 Jahren gestorben. Der leidenschaftliche Fotograf und Autor war am 18.11.1930 in Bad Landeck/Schlesien als erstes Kind von Max und Maria Berke geboren worden.  Seine Eltern tauften ihn auf die Namen Joachim Paul Ferdinand.

1932 zog die Familie nach Glatz/Schlesien und übernahm dort die Gaststätte  „Reichsgarten“, die sie bis 1941 bewirtschafteten. Hier in Glatz wuchs der kleine Jochen auf. 1941, mitten im Krieg, zog die Familie zurück nach Bad Landeck und bewirtschaftete dort den „Waldtempel“ am Rande des Kurortes. Täglich fuhr Jochen Berke mit der Bahn nach Glatz, um dort auf das altsprachliche Gymnasium zu gehen.

Noch mit gerade einmal 14 Jahren zum „Schanzen“ eingezogen, erlebte der Verstorbene das Kriegsende 1945 mit seiner Familie und Verwandten, die sich nach Landeck geflüchtet hatten, im „Waldtempel“ (Foto unten). 1946 wurde die Familie dann auf immer aus Schlesien vertrieben. Ein Trauma, das Jochen Berke bis zu seinem Lebensende nicht überwinden konnte. Alles verloren, die Zukunftspläne zerstört, fand er sich als Knecht auf einem Bauernhof in Ostfriesland wieder. Die seelischen und körperlichen Wunden der Vertreibung waren für Berkes Vater zu viel. Der Hotelier Max Berke starb schon nach kurzer Zeit in Ostfriesland und fand seine letzte Ruhestätte auf dem Friedhof in Loppersum bei Emden.

1949 kam Jochen Berke nach Lingen und begann hier, in der legendären Drogerie „Zum Goldenen Becher“ im heutigen Kivelinghaus, seine Lehre als Drogist bei Kurt Wisniewsky, dem Vater des später so erfolgreichen Axel Wisniewsky.  Während seiner Lehrzeit entdeckte Jochen Berke seine Leidenschaft für das Photographieren, denn die „Drogerie zum goldenen Becher“ verkaufte auch Photoartikel und entwickelte im Kundenauftrag auch schon Rollfilme und stellte Bilder her.

Nach Abschluss seiner Lehre trampte (wohl gemerkt in den fünfziger Jahren!) Jochen Berke nach Florenz und von dort nach Rom. Eine Reise, die ihn tief beeindruckte und sicher auch den Keim für seine spätere Reiselust legte.

Mitte der fünfziger Jahre verstarb unerwartet Kurt Wisniewsky und sein Sohn Alexander, genannt Axel, übernahm die kleine Drogerie.  Das Photolabor wurde schnell in den Keller des Wisnieswky Hauses an der Tecklenburger Straße verlegt, Jochen Berke wurde Laborleiter, heiratete Gisela van Kampen. Die Eheleute bekamen zwei Kinder, Claudia und Stephan. 

Jochen Berke arbeitete viel und gerne. An der Expansion der Firma Colibri und dem Neubau von Colibri 1962 an der Laxtener Hohenfeldstraße hatte er großen Anteil. Axel Wisniewsky und er waren beide aus Schlesien und vielleicht auch deshalb ein kongeniales Paar, das sich sehr gut ergänzte. Es trafen das Organisationstalent von Jochen Berke und das geschäftliche Talent von Axel Wisniewsky zusammen und das führte zum Erfolg. Auf dem Weg in den Urlaub wurde in jener handyfreien Zeit noch während der Hinfahrt von der Autobahn mit Lingen telefoniert, ob alles in Ordnung sein. Bei der Rückkehr dann, fuhr die Familie nicht nach Hause, sondern erst einmal in die Firma, um zu schauen, was es Neues gab. Sonntagabends Ging es nicht selten an die Hohenfeldstraße und man stellte dort die Maschinen an, damit die Nachtschicht schon alles vorbereitet vorfand. Viele Wochenenden verbachten die Berkes bei Colibri in Laxten und sortierten Filme. Auch Familie Wisniesky fand den Weg dorthin und so arbeitete man gemeinsam an zahlreichen  Sonntagnachmittagen.

Mit zunehmendem geschäftlichem Erfolg von Colibri und dem Ankauf wie der Neuerrichtung von weiteren Großlaboren in Deutschland verlagerte sich die Arbeit. Jochen Berke richtete die neuen Labore ein, brachte sie zum Laufen.

Mit einer Fernreise Jochen und Gisela Berkes nach Ceylon brach Anfang der siebziger Jahre bei Berke das Reisefieber aus. Ausgerüstet mit diversen Kameras, ging es, mal alleine, mal mit Ehefrau rund um die Welt. Nepal, Afghanistan, China, Feuerland, die USA und Kanada, Italien, Spanien, Norwegen oder Afrika waren nur einige der Ziele. Von allen Reisen brachte Jochen Berke Hunderte Photoaufnahmen und Erinnerungen mit ins emsländische Lingen. In diese Zeit fielen auch Berkes erste schriftstellerischen Versuche. Er wollte das Erlebte auch im Wort verarbeiten und festhalten.

Jochen Berke wurde bei Colibri für den Umweltbereich zuständig – ein Thema, in das er sich akribisch ein – und mit viel Freude bearbeitete. Dann 1993 änderte sich alles. Axel Wisniewsky verkaufte Colibri an Kodak und für Jochen Berke – wie auch manch andere – war in dem Unternehmen kein Platz mehr. Mit 63 Jahren ging er vorzeitig in den Ruhestand – ein Ereignis, das ihn tief traf. Er fühlte sich um den Lohn seiner vielen Jahre Arbeit betrogen und beiseite gedrängt.

Bis dahin hatte die „alte Heimat“ Schlesien in seinem Leben keine sichtbar Rolle gespielt. Erst die Idee seiner Frau in dieser Zeit, bei einer Busreise dahin mitzufahren, führte dazu, dass er sich wieder dafür interessierte.  Von diesem Zeitpunkt reiste Jochen Berke regelmäßig in die schlesische Grafschaft Glatz – „nach Hause“ wie er es nannte.

Mit der Entdeckung der Möglichkeiten des Computers begann Jochen Berke mit seiner zweiten Karriere. Er wurde „Autor“ – Autor von Geschichten und Anekdoten, aus der alten schlesischen und der emsländischen Heimat, über Tschernobyl und Reiseerzählungen. Daneben gab er Bildbände heraus und verlegte alte Heimatkalender aus der Grafschaft Glatz neu. Er wurde aktiv in der Schreibwerkstatt der Volkshochschule, veranstaltete Lesungen aus seinen Werken und trat der Bürgerstiftung bei. Jochen Berke hatte sich neu erfunden.

Ergebnis sind über zwanzig Bücher, ungezählte gedruckte Geschichten und weltweit verkaufte Fotografien. Noch in diesem Frühjahr erschien sein letztes Buch mit dem Titel: „Weltenbummel. Reiserzählungen“ (mehr…). Die Arbeiten an seinem letzten Vorhaben: „Weihnachtsgeschichten“ konnte er nicht mehr abschließen.

Jochen Berke hat mich und meine Familie mehr als 60 Jahre begleitet. Er fotografierte alle  unsere Familienfeiern, häufig mit seiner 9 x 9 Rollei und, wenn es richtig festlich war, auch im Cut. Jochen war unser Fotograf, weil Gisela, seine Frau,  und meine Mutter Cousinen waren. Ich durfte ihn auch in diesem Blog zitieren und erwähnen. Als er 2015 seinen 85. feierte, fragte ich ihn, ob er nicht Sorge vor dem, was komme, habe, beispielsweise Demenz. Er schaute auf und antwortete: „Ganz und gar nicht. Ich bin so gespannt darauf, was noch kommt.“

Bis zum Schluss seines Lebens war er blitzgescheit und ein angenehmer Gesprächspartner, stets charmant und witzig, ein Optimist, stolz und kritisch zugleich. Jochen Berke diskutierte gern und kontrovers, bisweilen auch traurig und mit sich hadernd, geduldig wie  ungeduldig und nicht selten war er auch ein Träumer. Ja, er war unmusikalisch, aber  schriftstellerisch begabt, neugierig und eigensinnig. Ein Organisationstalent und ein Vorbild für alle, die mit ihm zu tun hatten. Danke, dass ich ihn kennenlernen durfte.

(Foto oben: Jochen Berke, © Foto Gisela)

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Laubengänge

24. Juli 2018

Was machen eigentlich gerade die Emsland-Protagonisten  Gerhard Kromschröder und Gerhard Henschel? „Laubengänge“, weiß die Bremer taz-Journalistin Simone Schnase. Sie rezensiert das neue Wandertagebuch der beiden. Es heißt Laubengänge und berichtet über eine Wanderung auf den Spuren von Wilhelm Busch durchs Weserbergland zum Harz:

„Wilhelm Busch war selbst kein Freund von Wanderungen, aber: „Ich freue mich, wenn andere sie machen“, schrieb er einst. Diese Freude wollten Gerhard Henschel und Gerhard Kromschröder ihm machen und machten sich auf den Weg.

Zwei Wochen waren der Schriftsteller und der Fotograf im vergangenen Jahr zu Fuß vom Schaumburger Land durch das Weserbergland bis zum Harz unterwegs, 300 Kilometer von Wiedensahl nach Mechtshausen, auf den Spuren Wilhelm Buschs. Resultat der Reise: Das just in der Edition Temmen erschienene Buch „Laubengänge“, das sich einerseits der Biografie des Dichters und Zeichners Wilhelm Busch widmet, andererseits aber auch wieder nicht.

Was damit gemeint ist, ahnt, wer Henschels und Kromschröders 2016 erschienenes – und mit dem Ben-Witter-Preis 2017 ausgezeichnetes – Buch „Landvermessung“ kennt: Das basiert ebenfalls auf einer „Recherche-Wanderschaft“ der beiden, durch die Lüneburger Heide auf den Spuren von Arno Schmidt und Walter Kempowski – aber herausgekommen ist auch eine scharfsichtige und teils urkomische Analyse eines Landstrichs, der durchaus exemplarisch steht für viele Gegenden in der norddeutschen Provinz. Und Gleiches gilt auch für ihr neues Werk.

Vorgemacht hatte das einst, allerdings „nur“ fotografisch, Gerhard Kromschröder mit seinem Bildband „Expeditionen ins Emsland“, ohne den sich die beiden Gerhards möglicherweise nie begegnet wären. Henschel, der im Emsland aufgewachsen ist, nachzulesen in seinem Buch „Jugendroman“, hat für den 2011 erschienenen Bildband das Vorwort geschrieben. „So haben wir uns kennengelernt – und seither sind wir befreundet“, sagt Kromschröder.

Dabei könnten die beiden auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum sein: Der 77-jährige Fotograf, ehemals Reporter, auch….“

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Gerhard Henscel / Gerhard Kromschröder
Laubengänge – Auf den Spuren von Wilhelm Busch durchs Weserbergland zum Harz,

224 Seiten,  Edition Temmen,

ISBN 978-3837850352,

24,90 €

 

(Foto: Kromschröder/edition Temmen)

immer für immer

24. Juni 2018

Vorgestern wurde der „Grimme-Online-Award“ (GOA) verliehen. Dabei ging es bei der Gala-Veranstaltung in der Kölner Flora auch um’s Emsland, genauer um das auf dem Hümmling liegende Dorf Werpeloh.

Der 37. Abschlussjahrgang der Henri-Nannen-Journalistenschule hatte 2017 das Online-Projekt  „Ein deutsches Dorf “ vorgestellt. Die künftigen Journalisten berichten darin über das scheinbar allzu bekannte Leben jenseits der Großstadtmetropolen, „ohne dass sich die Autoren über ihre Protagonisten erheben würden“, so die GOA-Jury, die das Projekt in der GOA-Kategrie „Kultur und Unterhaltung“ auszeichnete.

Überzeugend fand sie dabei vor allem die „Zurückhaltung bei der Multimedialität zugunsten des eigentlichen Inhalts und des preiswürdigen redaktionellen Konzepts.“ Dabei zeigte die JournalistenschülerInnen auch die eigene Rolle reflektiert und Gegensätze wie Gemeinsamkeiten – nicht nur von jungen Menschen – auf dem Dorf und der Stadt auf.

Vor einem Jahr hatten sich die Journalistenschülerinnen und -schüler zwei Wochen im Jugendgästehaus in Sögel einquartiert, um das Leben in der Hümmlinger Nachbargemeinde „hautnah mitzuerleben“ und multimedial zu dokumentieren. So entstanden Geschichten über Gülle-Influencer auf YouTube, Schützenfeste oder Klischees über das Dorfleben.

Die Macher:  Henri-Nannen-Journalistenschule, 37. Lehrgang
Redaktionsleitung: Benedikt Becker, Stefanie Pichlmair, Daniel Sippel
Redaktion: Marius Buhl, Susan Djahangard, Martin Eimermacher, Steffi Hentschke, Lisa McMinn, Robert Pausch, Martin Pfaffenzeller, Jonas Schaible, Nico Schmidt, Florentin Schumacher, Frederik Seeler, Markus Sehl, Jean-Pierre Ziegler
Unterstützung Video-Produktion: Carsten Behrendt, Martin Jäschke, Shahin Shokoui
Unterstützung Fotografie: Heiner Müller-Elsner
Gestaltung und Umsetzung: Maximilian Schmidt
Koordination: Renate Lehnert
Herausgeber: Andreas Wolfers


 Werpeloh also. 1.174 Einwohner, eine Kirche, eine Kneipe, 14.391 Schweine, 221 Schafe. Spezialität: Grünkohl mit Pinkel. Und eine Stunde bis zur nächsten Autobahn. Vielleicht denken Sie gerade: Was für ein Kaff! Doch an Orten wie diesem wird die Bundestagswahl entschieden. Mehr als die Hälfte der Deutschen lebt fernab der großen Städte. Millionen Menschen, die Journalisten und Hauptstadtpolitiker zu oft aus den Augen verlieren. Wie lebt es sich in einem Dorf wie Werpeloh?

Um ein Dorf auszuwählen, hatten die Journalistenschüler erst überlegt, Dartpfeile auf eine Deutschlandkarte zu werfen. Dann machten Berliner Sozialforscher die Journalistenschüler auf Werpeloh aufmerksam: 500 Kilometer entfernt von Berlin, 240 Kilometer von Hannover, 29 Kilometer bis zum nächsten Bahnhof. Ein in jeder Hinsicht durchschnittliches deutsches Dorf.

Die Reporter halfen Schweinezüchtern beim Ausmisten, begleiteten die Freiwillige Feuerwehr, feierten im Schützenverein; am Sonntag saßen sie mit in der Kirche. Sie begannen, sich Fragen zu stellen: Wird der Schützenkönig wirklich durchs Schießen bestimmt? Wer ist der Mann, der mit all den EU-Geldern das Dorf erneuert hat? Warum wollen fast alle jungen Leute in Werpeloh bleiben?

Die Journalistenschüler wohnten im katholischen Jugendhaus im Nachbarort Sögel. Im Editorial heißt es:

„In der dritten Nacht klaute jemand unsere Fahrräder. Wir hatten sie gemietet, um jeden Morgen von einem Nachbarort aus nach Werpeloh zu radeln. In Werpeloh selber hatten wir keine Unterkunft gefunden, kein Wunder, wer reist schon nach Werpeloh: kleines Dorf im Emsland, 1200 Einwohner, eine Kirche, eine Kneipe, ansonsten viele Schweine, Kornfelder, Windräder.

Die Werpeloher betonten sogleich, dass die Räder ja nicht in ihrem Dorf gestohlen worden waren, sondern vor unserer Herberge im Nachbarort. In Werpeloh sei so etwas undenkbar. Hier gebe es keine Diebe. Die Botschaft war klar: In ihrem Flecken, wo jeder jeden kennt, sei die Welt noch in Ordnung.

Ist sie das wirklich? Und falls ja: Worauf beruht diese heile Welt? Macht es Spaß, in ihr zu leben?“

Die Werpeloher luden die Henri-Nannen-Schüler zu Erdbeerkuchen ein, aber sie blieben auch emsländisch-skeptisch. Was wird bei alldem herauskommen? Entstanden ist das jetzt mit dem Grimme Online Award ausgezeichnete Multimediaprojekt www.eindeutschesdorf.de. Es ist online, und die Beiträge waren im vergangenen August in der Print-Ausgabe der ZEIT zu lesen.

Meine Leserschaft darf wie ich in emsländischer Identitätsbeschreibung versnken, die so ganz anders ansetzt als die augenzwinkernde von Gerhard Kromschröder, doch genauso entschieden ist. Und folgerichtig lese ich authentische Emsland-Sätze wie den von Petra: „In Werpeloh ist es immer für immer.“

 

(Foto: Steinkreis Werpeloh von Frank Vincentz CC Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

fällt zurück

9. Juni 2018

Egentlich wollte ich den folgenden netzpolitik-Beitrag schon am Donnerstag lesen. Das ging aber nicht, weil ich im Zug saß und da gilt im Emsland bekannt- und peinlich „Zwischen Rheine und Leer empfängt er nicht mehr“ Bei „Kein Netz“ hört die Kreativität auf, was dem Landkreis Emsland egal ist, weil er seine Aktivitäten lieber in eine ökologisch unsinige  Autobahn invstiert. Also erst jetzt und damit für die werte samstägliche Leserschaft:

Deutschland wird den Sprung in die Gigabit-Gesellschaft wohl nicht rechtzeitig schaffen, urteilt der Europäische Rechnungshof. Mängel bei der öffentlichen Planung, Wettbewerbsprobleme und der Einsatz von Vectoring sorgen dafür, dass Deutschland nicht mehr lange mithalten kann.

Deutschlands digitale Infrastruktur fällt im europäischen Vergleich immer weiter zurück, warnt der Europäische Rechnungshof (EuRH) in einem Anfang der Woche veröffentlichten Bericht. Noch liegt der Wirtschaftsmotor Europas aufgrund seiner weitflächig verfügbaren Kupferleitungen im europäischen Mittelfeld. Doch eine verfehlte Ausbaustrategie, mangelhafte Planung, der Fokus auf die Vectoring-Technologie und damit verbundene Wettbewerbsprobleme werden dazu führen, dass Deutschland nicht mehr lange wird mithalten können, so der EuRH.
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Neben einem allgemeinen Vergleich haben die Prüfer fünf EU-Mitgliedstaaten, darunter Deutschland, näher unter die Lupe genommen und untersucht, ob sie bestimmte Zielvorgaben der EU-Kommission erreichen. Das Ergebnis fällt ernüchternder aus als erwartet: So könnte Deutschland – vielleicht – bis 2020 alle Haushalte mit mindestens 30 MBit/s versorgen, schätzt der EuRH. Die letzte Bundesregierung hatte noch eine flächendeckende Versorgung mit 50 MBit/s bis Ende 2018 versprochen. Diesen angepeilten Meilenstein hat die aktuelle Regierung mittlerweile fallengelassen, bislang aber noch keine schlüssige Nachfolgestrategie präsentiert.

Alles für die Telekom

Noch düsterer sieht es aus, wenn es um den weiteren Schritt in die oftmals beschworene Gigabit-Gesellschaft geht. Denn um das ziel von 50 MBit/s zu erreichen, hatten die in Deutschland Verantwortlichen – das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) unter dem geschassten Ex-Minister Alexander Dobrindt (CSU) sowie die Bundesnetzagentur – die Rahmenbedingungen so umgestaltet, dass sich das Land auf absehbare Zeit nicht aus der Umklammerung des Ex-Monopolisten Telekom Deutschland und der auf Kupfer aufsetzenden Vectoring-Technologie wird lösen können. [von Rückständigen auch hier in unserem Städtchen installiert und  beubelt]

„Vectoring mag zwar ausreichen, um die Ziele der Strategie Europa 2020 zu erreichen, doch die Zielsetzungen der Gigabit-Gesellschaft für 2025, mit den geforderten Geschwindigkeiten von 1 Gbit/s, werden mit dieser Technologie wahrscheinlich nicht zu verwirklichen sein“, heißt es im Bericht. Zukunftssicherer seien Glasfaser oder Kabelnetze, so der EuRH. Zudem befürchten die Prüfer einen eingeschränkten Wettbewerb, denn technikbedingt hat immer nur ein Anbieter physischen Zugriff auf eine mit Vectoring aufgebohrte „letzte Meile“, die Strecke zwischen Verteilerkasten und Hausanschluss beim Kunden. Und das ist hierzulande meist die Telekom, die mit der ihr gehörenden Infrastruktur direkt oder indirekt gut drei Viertel des Marktes kontrolliert.

Deutschland liegt bei der Versorgung mit mindestens 30 Mbit/s knapp über dem EU-Schnitt, wird wohl aber bald zurückfallen. All rights reserved Europäischer Rechnungshof
Kritik üben die Prüfer am „Rosinenpicken“ des Marktführers, also dem Überbau bestehender oder geplanter Infrastruktur. Zumindest in einem Fall habe sich die Telekom entschlossen, in unterversorgte Gebiete zu investieren, nachdem die öffentliche Investition geplant oder bereits angelaufen war. Der Anschluss der profitabelsten Standorte hatte zur Folge, „dass die Standorte, deren Anschluss am schwierigsten und kostspieligsten war, vom öffentlich finanzierten Projekt übernommen werden mussten, wodurch sich die Kosten der öffentlichen Förderung erhöhten“, bemängelt der EuRH.

Rahmenbedingungen nicht angemessen

Insgesamt herrschten hierzulande, im Unterschied zu Ungarn, Italien oder Polen, keine angemessenen ordnungspolitischen und wettbewerblichen Rahmenbedingungen für Breitbanddienste. Konkrete Probleme für Verbraucher würden sich daraus etwa beim Anbieterwechsel ergeben oder bei den notorisch nicht eingehaltenen Geschwindigkeitsversprechen der Netzbetreiber.

Ähnlich wie der deutsche Bundesrechnungshof lassen die europäischen Kollegen kaum ein gutes Haar an der Planung. So seien die Ausbaukarten unvollständig, weshalb sich schwer ermitteln ließe, wo sich überhaupt unterversorgte Gebiete befänden. Zwar habe sich die Qualität der Daten seit 2010 erheblich verbessert, sie sei jedoch nicht immer zufriedenstellend, „da die Aktualisierung der Karten durch größere Breitbandanbieter nicht mit der Geschwindigkeit mithält, in der der Netzausbau erfolgt“. Auch habe der Bund die Finanzierungslücke nicht ausreichend ermittelt und weiß deshalb nicht, wie viel Geld eigentlich für einen umfassenden Ausbau notwendig ist.

Nicht förderlich sei zudem die mangelnde Koordinierung in Deutschland, um die verschiedenen Finanzierungsquellen effizient einzusetzen. Zur Folge hätte dies eine fragmentierte Breitbandinfrastruktur, weil die Verantwortung für die Umsetzung des Breitbandausbaus bei den Ländern und Kommunen liege, die finanzielle Förderung jedoch auf Bundes- und Landesebene erfolge. Hinzu kämen noch Mittel aus verschiedenen EU-Fördertöpfen und der staatseigenen KfW-Bank. Das Ergebnis: „Ende Dezember 2017 waren noch keine Projekte abgeschlossen, obwohl den Landesregierungen mehr als 3 Milliarden Euro zugewiesen worden waren.“

Funkstille aus dem Infrastrukturministerium

Derweil bleibt unklar, wie es mit der deutschen digitalen Infrastrukturpolitik genau weitergehen wird. An Geld mangelt es jedenfalls nicht, sondern an einer grundsätzlichen Neuausrichtung des Bundesförderprogramms. Immerhin hat Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) angekündigt, dass in Zukunft nur mehr echte Glasfaserleitungen gefördert werden sollen.

Das allein ändert aber nichts an den weiterhin komplizierten Förderbedingungen, mitverursacht durch die föderale Struktur Deutschlands und der daraus folgenden Zersplitterung der Kompetenzen. Zwar wird auf Arbeitsebene derzeit eine Zentralisierung der Bundesförderung erwogen, was aber Lokalpolitiker und den Deutschen Landkreistag auf die Barrikaden steigen lässt.

Unterdessen schafft der Markt neue Tatsachen: Winken die deutschen Behörden, wie erwartet, den Kauf des Kabelbetreibers Unitymedia durch Vodafone durch, dann würde neben der Telekom ein weiterer, zumindest regional marktbeherrschender Akteur entstehen. Das könnte allerdings auch sein Gutes haben, nämlich Vorabregulierung und Zugangsverpflichtungen für Wettbewerber, wie sie derzeit der Telekom auferlegt sind.

„Wir werden genau hinschauen, ob es irgendwo Regionen oder Lokalitäten gibt, wo das Kabel dann dominant und marktmächtig ist“, sagte jüngst der Präsident der Bundesnetzagentur, Jochen Homann. „Und dann müsste gegebenenfalls natürlich auch das Kabel in diesen Fällen reguliert werden. Da würden wir Vodafone nicht anders behandeln als die Telekom.“

(Ein Beitrag von Tomas Rudl auf  netzpolitik.org.
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(Foto Glasfaser, von Christoph Scholz via flickr CC BY-SA 2.0)

 

update 17.10.2018:
Mich hat eine anwaltliche Abmahnung mit Schadensersatzforderung usw. des Fotografen Christoph Scholz (Hamburg) erreicht, dessen Glasfaser-Aufnahme ich im Beitrag verwendet habe. Er lässt mich abmahnen, weil der CC-Hinweis am Ende dieses Beitrags nicht unterhalb des von mir verwendeten Bildes platziert sei. Ich halte diese Abmahnung für ungerechtfertigt.

Ich habe bei neuerlicher Prüfung jetzt zusätzlich auf Scholz‘ flickr-Acount und auf CC BY-SA 2.0 verlinkt.

bis 2025 festhalten

6. Juni 2018

aus der taz:

Im Kampf um ein Ende der Belieferung der hochgefährlichen belgischen AKW Tihange und Doel mit Brennstoff aus deutscher Produktion erhöhen Atomkraftgegner den Druck. 350 Organisationen aus Umwelt- und Klimabewegung, Parteien und Bürgerinitiativen rufen für Samstag zu Protesten am Atomstandort Lingen im Emsland auf.

Ab 13 Uhr soll die Demonstration vom dortigen AKW zur Brennelementefabrik des französischen Atomkonzerns EDF führen. „Dass marode Reaktoren in Tihange und Doel in Belgien sowie Fessenheim und Cattenom in Frankreich mit Brennelementen aus Lingen beliefert werden dürfen, ist ein fortwährender Skandal“, heißt es im Aufruf.

Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen sorgen die belgischen Meiler seit Jahren für Unruhe. Die Druckbehälter der Blöcke Tihange 2 und Doel 3 sind von Tausenden Haarrissen durchzogen – dabei sollen sie den Austritt von Radioaktivität aus dem Reaktorkern verhindern. Auch die ältesten Reaktorblöcke Tihange 1 sowie Doel 1 und 2 gelten als technisch überholt und unsicher.

Entsprechend ernst nehmen gerade die Menschen in der Grenzregion die atomare Bedrohung: So hat Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU) Jodtabletten verteilen lassen – sie sollen bei einem GAU vor Schilddrüsenkrebs schützen. 2017 hatten mehr als 50.000 BürgerInnen mit einer 90 Kilometer langen Menschenkette gegen die belgischen „Bröckelreaktoren“ demonstriert.

Trotzdem sei ein sofortiger Exportstopp für deutsche Brennelemente „noch immer kein Thema“ für die Bundesregierung, kritisierten Atomkraftgegner bei einer Pressekonferenz in Lingen. Bei ihnen hatte der Antrittsbesuch von SPD-Bundesumweltministerin Svenja Schulze in Belgien für Empörung gesorgt: Wie die Aachener Nachrichten berichteten, hatte die Sozialdemokratin gegenüber dem belgischen Innenminister Jan Jambon zwar die Stilllegung der Altmeiler Tihange 1, Doel 1 und Doel 2 gefordert, die rissigen Blöcke Tihange 2 und Doel 3 aber „vergessen“.

Die belgische Regierung will bis 2025 an den AKWs festhalten

Die belgische Regierung will bis 2025 an den AKWs festhalten – andernfalls drohten Stromausfälle. Doel 1 und 2 waren erst über Ostern aus Lingen beliefert worden. „Warum“, fragt Jörg Schellenberg vom Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie, „genehmigt das Bundesumweltministerium weiterhin Brennelementexporte an Reaktoren, die die Ministerin eigentlich vom Netz sehen möchte?“ Aus Berlin hieß es, Schulze wolle weitere Exporte verhindern. Es müsse geprüft werden, ob „dieses Ziel rechtssicher erreicht werden kann“.

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Quelle:

In Memoriam Carl v. Ossietzky – *03.10.1889 · †04.05.1938

Carl von Ossietzky war ein deutscher Journalist, Schriftsteller und Pazifist. Er starb heute vor 80 Jahren an den Folgen der KZ-Haft in Esterwegen in Berlin.

Die Zeit (Dietrich Strothmann), 29.10.1971 | Aktualisiert 22.11.2012

Ossietzky
Carl von Ossietzky (1889–1938) war der dritte Deutsche, dem – im November 1936 – der Friedens-Nobelpreis zugesprochen wurde. Er war aber der erste Preisträger, der die Ehrung als Gefangener erhielt. Als „Ossi“, wie ihn seine Freunde von der „Weltbühne“ nannten, das Telegramm aus Oslo empfing, war er nur eine Nummer: Häftling Nr. 562.

Zuvor war er „schwerkrank“ – zusammengeschlagen – aus dem Kozentrationslager Esterwegen im Emsland in ein Berliner Gefängnislager gebracht worden. Hermann Göring soll ihn für einen monatlichen Judas-Lohn von 500,– Mark zu überreden versucht haben, den Preis auszuschlagen. Doch noch in diesem Augenblick hielt Ossietzky zu seiner Fahne, getreu einem Wort, das er im Februar 1933 sich und seinen Gefährten gegeben hatte: „Wir werden keine Konzessionen machen und überall dort, wo ein Geßler-Hut aufgesteckt wird, in schweigender Verachtung vorübergehen.“

» Der Name, den das Weltgewissen sprach, war seiner: Carl von Ossietzky
RadioFeature von Paul Assall | SWR (SWF) | 1979 | 50:41 Min.

» Unübertroffene Zivilcourage | Vor 80 Jahren starb der Publizist Carl von Ossietzky
Neues Deutschland, 03./04.05.2018

» Für Carl v. Ossietzky
Kurt Tucholsky, Die Weltbühne, 17.05.1932

» Carl von Ossietzky
https://www.noz.de/lokales/nordhuemmling/artikel/73689/carl-von-ossietzky-gilt-als-prominentester-kz-haftling-in-esterwegen#gallery&0&0&73689

Noch dies:
Keine einzige Straße, kein einziger Platz, keine Einrichtung im Emsland ist nach Carl von Ossietzky benannt, der hier so unsäglich gequält wurde.
Ich schäme mich für diese Geschichtslosigkeit.