Am Flughafen Hannover-Langenhafen haben am Dienstagabend etwa 100 Menschen gegen die Sammelabschiebung nach Afghanistan protestiert. Für Mittwoch, 17 Uhr, war eine weitere Demonstration angemeldet, die vor dem Landtag in Hannover beginnt. Proteste gab es auch in Celle, wo 50 Menschen bereits am Montag lautstark gegen die Abschiebung nach Afghanistan protestierten (siehe Bericht der Celler Zeitung). Insgesamt 27 Männer wurden in das Bürgerkriegsland abgeschoben. Zum zweiten Mal überhaupt war Hannover-Langenhagen der Abflugort des Sammelcharters (erstmals im März 2021). Es war die die insgesamt 40. Sammelabschiebung nach Afghanistan seit Dezember 2016.

Von der am Flughafen anwesenden Polizei wurde die aus der Ferne erfolgte Abschiebebeobachtung ohne nachvollziehbaren Grund verhindert. Zwei Fotografen erhielten sogar Platzverweise und wurden in ihrer Berichterstattung behindert.

Insgesamt sechs der abgeschobenen Menschen kamen aus Niedersachsen. Betroffen war u.a. ein schwer erkrankter Mann aus dem Landkreis Osnabrück. Die grüne Landrätin sah „keine Möglichkeit“, die vom Landkreis Osnabrück eingeleitete und vom nds. Innenministerium bestätigte Abschiebung zu stoppen. Nach Afghanistan abgeschoben wurde auch ein junger Mann aus der Stadt Celle. Der Afghane lebte seit 2015 in Niedersachsen. Er wollte bald heiraten. In Afghanistan hat er keine Familie. Siehe auch Presseerklärung vom 5.7.2021.

Eine der Abschiebungen aus Niedersachsen nach Afghanistan wurde vom Verwaltungsgericht Oldenburg gestoppt. Der junge Mann aus dem Landkreis Leer wurde vom Flüchtlingsrat Niedersachsen in der Abschiebungshaft beraten und an einen Anwalt vermittelt. Zuvor waren bereits zwei Abschiebungen aus Hamburg gestoppt worden.

Der Flüchtlingsrat wiederholt seine Forderung an die Landesregierung, von der rechtlichen Möglichkeit Gebrauch zu machen, einen Abschiebungsstopp für drei Monate auf Länderebene zu erlassen und das Auswärtige Amt aufzufordern, einen neuen Lagebericht zu Afghanistan zu erstellen. „Es ist einfach unfassbar, dass die Innenminister von Bund und Ländern sich auch angesichts des dokumentierten Todes eines aus Hamburg abgeschobenen Afghanen und vor dem Hintergrund der fortschreitenden Geländegewinne der Taliban nicht dazu bewegen lassen, innezuhalten und eine neue Lageeinschätzung vorzunehmen. Mit der ungerührten Abschiebung in das laut global peace index „gefährlichste Land der Welt“ nehmen die Innenminister den Tod weiterer Menschen zumindest fahrlässig in Kauf.“

Der derzeitige Lagebericht des Auswärtigen Amts, auf dessen Grundlage Behörden und Gerichte die Lage einschätzen, ist vom Juli 2020 und somit ein Jahr alt. Darin heißt es laut tageschau.de: Dem Auswärtigen Amt seien „keine Fälle bekannt, in denen Rückkehrer nachweislich aufgrund ihres Aufenthalts in Europa Opfer von Gewalttaten wurden“.

Doch eine Anfang Juni veröffentlichte Studie der Afghanistan-Expertin Friederike Stahlmann zur Gefährdungslage Abgeschobener kommt zu ganz anderen Ergebnissen – und das bei Recherchen, die vor dem von den westlichen Truppen angekündigten Truppenabzug lagen: Nach der Langzeitrecherche der Afghanistan-Expertin Friederike Stahlmann, herausgegeben von Diakonie und Brot für die Welt, sind aus Deutschland abgeschobene Afghanen der Gefahr einer erneuten Verfolgung durch die Taliban ausgesetzt. Ihnen wird wegen der Flucht nach Europa Verrat, Verwestlichung, unmoralisches Verhalten oder die Abkehr vom Islam vorgeworfen.

Nachtrag:
Afghanische Regierung bittet vergeblich um die Aussetzung von Abschiebungen

Ein Sprecher des Flüchtlingsministeriums in Kabul sagte der Deutschen Presse-Agentur, dass man aufgrund der Sicherheitssituation, hoher Arbeitslosigkeit, steigender Armut und der Corona-Pandemie in offiziellen Treffen mit den abschiebenden Ländern immer wieder anfrage, die Abschiebungen auszusetzen. Allerdings hätten die Länder ihre eigenen Regeln und würden Afghanen nach diesen Regeln weiter abschieben. (Quelle)

(Quelle: Nds. Flüchtlingsrat)

Prinz Heinrich

19. Juni 2021

Ganz kurzfristig ein Tipp für diesen Samstag.  „Prinz Heinrich“ heißt das Schiff, das seit 11 Jahrzehnten rund um Borkum unterwegs ist. 1909 wurde es als Bau-Nr. 240 von der Papenburger Werft Josef L. Meyer für den Fahrgast- und Postverkehr zwischen Emden und der Nordseeinsel Borkum für die Borkumer Kleinbahn- und Dampfschiffahrts-Aktiengesellschaft in Emden gebaut. 0203 erwarb der damals neu gegründete Verein „Traditionsschiff Prinz Heinrich“ e. V.“ in Leer das Schiff vom letzten Eigner in Rostock, und die Vereinsmitglieder brachten den ehemaligen Seebäderdampfer nach Leer, in seinen neuen Heimathafen.

Dank engagierter Vereinsmitglieder ist der historische Dampfer längst bestens in Schuss und bietet an diesem Samstag eine Fahrt von Leer (Binnenhafen am Amtsgericht, ab 9.00) über Emden-Außenhafen (ab 11.30) nach Delfzijl (NL) und zurück (Emden an: 16.45; Leer an 20.00 Uhr).

Von Lingen aus könnte man zur Tour mit dem Zug („RE 15“) und dem Niedersachsenticket um 9.55 Uhr zum Hauptbahnhof Emden aufbrechen (an: 11.09 Uhr), dann mittels Taxi zum Außenhafen Emden und von dort wiederum mit der Prinz Heinrich zum Anleger im Yachthafen Delfzijl für 25 Euro pP. Die Abfahrt am Außenhafen Emden ist um 11:30 Uhr ab Emden (Außenhafen) und die Rückkehr um 16:45Uhr in Emden (Außenhafen)

Besonderheit: In Delfzijl werden auf der Prinz Heinrich frische holländische Matjes serviert!

Alle weiteren Infos gibt es hier und Ticketreservierungen für diese Seereise via
E-Mail: ticketservice(at)prinz-heinrich-leer.de bzw. Tel 0491 9879374 oder 04924 949670.

(Foto: Prinz Heinrich, von Ole Sevecke auf Pixabay)

Fest im Blick

13. Dezember 2020

Der heutige Fahrplanwechsel der DB zeigt, was ein One-Summer-Wonder bleiben dürfte: Die direkte ICE-Verbindung von Bayern nach Ostfriesland und zurück. Die ohnehin nur an rund einem Dutzend Wochenenden im vergangenen Sommer angebotenen ICE der Deutschen Bahn München – Norddeich und Würzburg-Emden wird es wohl nicht wieder geben. Offiziell heißt es zwar, die Deutsche Bahn halte sich die Entscheidung offen. In Wahrheit nennt die Bahn aber nur Gründe, die das Ende der Verbindungen ankündigen.

Gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung sagte eine Sprecherin der Deutschen Bahn etwas, das wir längst wussten: „Die Verbindung war sehr kurzfristig an einzelnen Wochentagen – ab München an Freitagen, Samstagen und Sonntagen, ab Norddeich an Samstagen, Sonntagen und Montagen – für die Zeit von Anfang Juli bis Ende September realisiert worden, um den während der Corona-Pandemie zunehmenden innerdeutschen Tourismus zu unterstützen“.

Das letzte ICE-Zugpaar München-Norddeich verkehrte am Wochenende 19./20. September. Für das Emsland brachte die Verbindung zwar etwas Prestige, war aber nicht wirklich attraktiv.  Denn in Lingen (Ems) hielt der ICE nur in nördlicher Richtung und rauschte auf seinem Weg nach Bayern ohne Stopp durch den Lingener Bahnhof.  Nach Norden nutzten ab Lingen natürlich nur wenige Fahrgäste den zuschlagpflichtigen ICE, weil selbst die Westfalenbahn in diese Richtung ähnlich schnell unterwegs war.

Insgesamt sei, ergänzte die DB-Sprecherin, diese zusätzliche Reiseverbindung von den Fahrgästen „im Vergleich zum Gesamtnetz auch eher unterdurchschnittlich“ genutzt worden. „Vor allem die neu angebotenen Direktverbindungen, beispielsweise München-Norddeich oder auch Würzburg-Emden, wurden nur in geringem Umfang nachgefragt. Die deutliche Mehrheit der Kunden von und nach Norddeich kam aus Nordrhein-Westfalen.“

Vor dem Hintergrund des derzeit nicht abschätzbaren Pandemiegeschehens und der damit verbundenen Entwicklung des Reise- und Urlaubsverhaltens sei eine mögliche Weiterführung der neuen Verbindung zur Urlaubssaison im kommenden Jahr noch offen. „Zum Buchungsstart des neuen Jahresfahrplanes 2021 seit Mitte Oktober ist die Direktverbindung aus Bayern deshalb nicht buchbar. Nach wie vor behält die DB Fernverkehr aber auch für die nächste Sommersaison den Ausbau der bestehenden, zahlreichen Verbindungen in die touristischen Regionen an Nord- und Ostsee beziehungsweise in die Berge fest im Blick“, so die Sprecherin in feinstem PR-Deutsch.

Trotz Corona-bedingt schwächerer Reisendenzahlen halte die Deutsche Bahn ihr Fernverkehrsangebot für die Region „aber weitestgehend aufrecht“ und weite es teilweise sogar aus, ergänzte die Sprecherin. So erfolgten auf der Intercity-Linie Köln–Münster–Emden/Norddeich Mole mehrere bislang nur in der Sommersaison angebotene IC-Fahrten am Wochenende neu ganzjährig, also auch in den Wintermonaten. Dies betreffe zum Beispiel die Fahrten samstags nach Emden (Ankunft Außenhafen um 12:16 Uhr sowie Ankunft Emden Hbf 21:25 Uhr) und zum Fähranleger Norddeich Mole (Ankunft 10:16 und 14:59 Uhr).

Auch retour führen, so die Sprecherin, mehr Züge, zum Beispiel ab Emden samstags 13:26 Uhr (Außenhafen) und sonntags 8:33 Uhr (Emden Hbf) nach Köln oder ab Norddeich Mole samstags um 17:58 Uhr nach Köln. Insgesamt sei die Region an Ems und Vechte durch die zweistündliche Linie Norddeich Mole/Emden-Münster-Düsseldorf-Köln/Koblenz gut angebunden .

Daneben verwies die Bahn-Sprecherin auf die ebenfalls zweistündliche Verbindung Norddeich Mole/Emden-Oldenburg-Bremen-Hannover-Leipzig. Die aber fährt für Emsländer*innen in  Richtung Osten nur ab Leer und hat alles andere als einen optimalen Anschluss aus dem Emsland; wer einmal 40 Minuten im zugigen Bahnhof Leer (oder gar 60 Minuten in der Gegenrichtung) warten musste, weiß das. Der Frühzug nach Bremen verlässt Leer außerdem um 4.41 Uhr und damit glatt 2 Stunden bevor der erste Zug (der täglich spät startenden Westfalenbahn) aus dem Emsland in Leer eintrifft. Emsländer erreichen Bremen daher auf dieser Strecke erst frühestens um 8.15 Uhr (und das in drei Stunden auf dem Weg über Rheine und Osnabrück).

Grund ist natürlich auch die unzureichende, weil einspurige Streckenführung nördlich Dörpen und die sich daraus häufig ergebenden Fahrzeitverzögerungen. Auch allen den Zug zum Flug nutzenden Emsländer*innen bleibt weiterhin das große Ärgernis, auf dem Weg zum Flughafen Düsseldorf in 26 Minuten vier mal wie ein Regionalexpress zu stoppen und dann sechs Minuten später stets in Duisburg umsteigen zu müssen.

Noch ein Hinweis aus Lingener Sicht: Weder die Direktverbindung Lingen-Osnabrück noch die Aufnahme des Bahnhofs Lingen in das im Werden befindliche Münsteraner S-Bahn-Netz findet statt, obwohl damit eine deutliche Verbesserung (Behördendeutsch „Attraktivierung“) der Zugverbindung nach (und von!) Münster und Osnabrück verbunden wäre.

Leider sind die im Emsland Verantwortlichen der CDU-Mehrheits nur zu 95% auf Auto geeicht und haben an einem besseren Zugverkehr kein Interesse.

Hinweis:
Über die kleinen, nicht nur unproblematischen Änderungen, die der heutige Fahrplanwechsel sonst noch mit sich gebracht hat, vermittelt die Website des Fahrgastverbandes proBahn einen freundliche Übersicht…

 

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Quellen: NOZ, pro Bahn, bahn.de

Leer ist eine wirklich schmucke Stadt in Weser-Ems. Meiner Meinung nach einer der schönsten in Deutschlands Nordwesten. Aber hinter den Mauern gibt es (auch) dort Diskriminierung und Probleme.

Charmaine Wagner aus Ostfriesland ist alleinerziehende Mutter und Sinteza. Die Minderheit der Sinti ist seit 600 Jahren hier heimisch – doch viele Sinti fühlen sich noch immer ausgegrenzt. Wagner will das ändern. Nur wie? fragt der SPIEGEL in einem Sittengemälde über Leer und seine Menschen.
„Leer ist eine Kleinstadt. Hier kennt man sich – und wer einmal einen schlechten Ruf hat, wird den nur schwer wieder los. Der Judolehrer von Charmaine Wagners Tochter lebte jahrelang im 25 Kilometer entfernten Aurich. Er berichtet, dass er dort weniger Probleme bei der Job- und Wohnungssuche gehabt habe, weil sein Nachname bei Auricher Vermietern und Arbeitgebern nicht dieselben Assoziationen ausgelöst habe. Ein Sinto aus Nienburg erzählt, dass es dort mit den Nachnamen Claasen und Schmidt schwer sei. Aus Celle ist zu hören, es sei der Name Dettmer.“
Was die beiden SPIEGEL-Journalistinnen zusammengetragen haben und schildern, berührt  und nicht nur wegen der Zeilen zu Nienburg und Celle ist sofort klar, dass es in anderen kleinen deutschen Städten genauso oder zumindest sehr ähnlich ist.
Also: Das ist mein herzlicher, sonntäglicher Lesebefehl.

Foto: Leer, Altstadt pixabay

Papiertiger

13. August 2020

Die Ende 2016 in Niedersachsen eingeführte Mieterschutzverordnung, die sog. Mietpreisbremse gegen überteuerte Wohnungen, ist laut einem Urteil des Landgerichts Hannover von Mittwoch unwirksam. Diese  zivilrechtlich Entscheidung ist zwar nicht bindend, wirkt aber weit über den entschiedenen Fall hinaus

Die Mietpreisbremse soll bekanntlich vor überteuerten Wohnungen schützen.  Nach der Verordnung darf der Preis für Neuvermietungen „nur noch zehn Prozent“ über der ortsüblichen Vergleichsmiete liegen. Andernfalls können Mieter/innen die gezahlte Miete zurückfordern. Die Regelung galt bisher in Braunschweig, Buchholz in der Nordheide, Buxtehude, Göttingen, Hannover, Langenhagen, Leer, Lüneburg, Oldenburg, Osnabrück, Vechta, Wolfsburg sowie auf allen ostfriesischen Inseln.

Die bisherige niedersächsische Mietpreisbremse ist wegen handwerklicher Fehler in der Verordnung unwirksam. Grund dafür ist, dass mit der Veröffentlichung der Mieterschutzverordnung Ende 2016 nicht auch eine Begründung geliefert wurde, entschied das Landgericht Hannover am Mittwoch (LG Hannover, Urt. v. 12.08.2020, Az.: 7 S 7/20) und bestätigte ein vorhergehendes Urteil des Amtsgericht Hannover, das Ende 2019 einer Mieterin einen Rückzahlungsanspruch auf zu viel gezahlte Miete verweigert hatte. Die Berufung der Mieterin blieb ohne Erfolg.

Das Land Niedersachsen hatte auf Grundlage einer Ermächtigung im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) eine Verordnung erlassen, die eine Mitpreisbremse beinhaltet. In der Verordnung wird unter anderem Hannover als Gebiet mit angespanntem Wohnungsmarkt ausgewiesen, die Begründung dafür fehlte allerdings.

Das Gericht bemängelte insbesondere diese fehlende Begründung. Zwar sei im März 2018 nachträglich auf der Homepage des Ministeriums eine Begründung veröffentlich worden, dies reiche aber nicht aus, so ein Gerichtssprecher gegenüber LTO. Das Gericht stützte sich dabei auf eine Entscheidung des Bundesgerichtshofes (BGH) zur hessischen Mietpreisbremse. Demnach muss eine Begründung der Verordnung bereits bei Erlass vorliegen und nachprüfbare Tatsachen liefern, warum gerade die jeweilige Kommune in die Verordnung aufgenommen wurde. Zivilgerichte, die eine solche Verordnung anwenden, hätten nämlich die Pflicht, diese auch auf ihre „Vereinbarkeit mit höherrangigem Recht“ zu prüfen und sie im Falle ihrer Unwirksamkeit nicht anzuwenden; die Verordnung enthalte nicht, wie in der sog. „Ermächtigungsgrundlage“ in § 556d Abs. 2 BGB vorgeschrieben, eine Begründung. Wegen desselben Formfehlers der Ministerialbürokratie hatten auch schon Gerichte in Hamburg,  München oder in Stuttgart die dortigen Mietpreisbremsen für ungültig erklärt. Im schwarz-grün regierten Hessen ist übrigens am 28. Juni 2019 eine neue, formal korrekte Mieterschutzverordnung in Kraft getreten.

Auch bei der bisherigen niedersächsischen Verordnung fehlt -so das LG in seinem gestrigen Urteil- die notwendige Begründung; aus der daher unwirksamen Regelung können die klagende Mieterin daher auch keine Ansprüche geltend machen.

Zwar ist diese Entscheidung in dem Hannoveraner Fall nicht für andere Gerichte in Niedersachsen bindend. Wwegen der in ihr zugrunde liegenden Entscheidung des BGH gehen Juristen aber davon aus, dass auch bei anderen Klagen niemand Ansprüche aufgrund der Verordnung geltend machen kann. Kurzum: Die bisherige Mieterschutzverordnung ist bloß ein Papiertiger. Oder, um einen großen Europäer zu zitieren, sie ist „viel Lärm um Nichts„. Sie ist Murks.

Wie geht es jetzt weiter? Das (jetzt zuständige) Ministerium für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz in Hannover „arbeitet bereits“ an einer neuen Verordnung, zu deren Entwurf derzeit die betroffenen Kommunen und Verbände angehört werden. „Voraussichtlich im Spätherbst“ soll sie verabschiedet werden, schreiben die Medien.

Aus dem Schutz der neuen Fassung der Verordnung sollen dann die Städte Buchholz, Buxtehude, Leer, Vechta und Wolfsburg herausfallen. Wegen zahlreicher Neubauten in den letzten Jahren seien dort „die Mieten nicht mehr stärker als im Landesdurchschnitt gestiegen“. Neu hinzu kommen sollen die Kommunen Gifhorn und Laatzen.

In unserer Region an Ems und Vechte werden übrigens keine Kommunen, auch nicht die Mittelstädte Lingen, Nordhorn, Meppen oder Papenburg, in die Mieterschutzverordnung aufgenommen. Daran ändert sich nichts. Der Grund dafür ist weder klar noch überprüfbar; denn die bisherige Auswahl der Kommunen erfolgte aufgrund „einer Analyse der Investitions- und Förderbank Niedersachsen (NBank)“, die für mich trotz eines Links hier im Internet nicht auffindbar ist. Ob eine solche private „Analyse“ für eine gesetzesmäßige Begründung ausreicht, darf übrigens bezweifelt werden…


Quellen. PM LG, LTO; DPA; Haufe

Malle kann warten

6. Mai 2020

Ab wann kann man wieder in den Urlaub fahren – und vor allem wohin? Mit dieser Frage beschäftigen sich zurzeit viele Menschen bundesweit, aber auch in Lingen. Die Chance: Viele Deutsche lernen durch die „weltweite Reisewarnung“ des Auswärtigen Amts ihre Heimat besser kennen und machen statt Reisen in ferne Länder jetzt Tagesausflüge in die Region oder Kurzurlaub in Deutschland.  

Zwar halten nach einer Umfrage immer noch fast die Hälfte der Befragten (47 Prozent) an ihren Urlaubsplänen fest, allerdings haben 27 Prozent ihre geplante Urlaubsreise bereits ersatzlos storniert. 18 Prozent haben ihre Reise verschoben. Von der anhaltenden Unsicherheit, profitieren vor allem Angebote in der Region: Fast jeder Zweite will Tagesausflüge in die nähere Umgebung machen, wenn er nicht in den Urlaub fahren kann, 40 Prozent wollen Kurzurlaube in Deutschland machen.
Was aber geht für uns Urlauber in Lingen und in der Region?
Für Kinder und Jugendliche wird im Rathaus gerade ein besonderer Corona-Ferienpass zusammengestellt. Auf das Ergebnis dürfen wir gespannt sein. Für Familien dürften neben dem Moormuseum in Groß Hesepe die Zoos und Tierparks in Nordhorn, Rheine und Osnabrück ganz oben anstehen. Und die Burg in Bad Bentheim, alternativ die Meyer Werft oder  etwas weiter zum Wattwandern mit der Familie an die Küste. Schade, dass der Dierenpark in Emmen in der benachbarten niederländischen Provinz Drenthe für einen Familienbesuch nicht wirklich preiswert ist, wenn sie ihn nur eimal besucht. Andererseits ist die Vesting Bourtange ebenso einen Besuch wert wie das Kloster Ter Apel; weil man aber dort die Stille hört, ist die Anlage doch eher etwas für ältere Semester.
Für die darf ich natürlich die Stadt Leeroder die Kunsthalle Emden oder das Museumsquartier Osnabrück empfehlen und immer wieder die einzigartige Chrissis Tortenliste mit zahlreichen Ausflugszielen empfehlen, nachdem die Restaurants wieder geöffnet haben und auch wenn das Ergebnis mehrerer derartiger Ausflüge wohl auf den Hüften sichtbar aufträgt.
Apropos aufträgt: Am Besten geht es natürlich im Emsland und drum rum zu Fuß: Ab Rheine wandert man auf den Hermannsweg; der etappenweise insgesamt 156 Kilometer lange Hermannsweg (Wegzeichen lks)  führt über den Kamm des Teutoburger Waldes und gilt als einer der schönsten Höhenwege Deutschlands. Sonst ist bei uns aber natürlich Flachlandwandern angesagt und zwar in der Grafschaft Bentheim und auf zahlreichen Wanderwegen im Emsland und vor allem auf dem Hümmlinger Pilgerweg, wo dieses Zeichen (lks) den 90-km-Weg markiert.
Dann ist im Emsland natürlich die Radtour das Mittel der Wahl, sofern sich unsere Straßenbaubehörden endlich des ärgerlichen Eichenprozessionsspinners annehmen und nicht nur profan Schilder aufstellen, die die ESP bekanntlich nicht lesen. Von Lingen (Chrissis Liste klicken!) zu den Bauerncafes in Mehringen (mit Salzgrotte und Swingolf und Hünensteinen) und Gleesen, dem Gartencafé Helming in Lünne, wo um die Ecke Borchers Landhausbrauerei eine feine Alternative ist. Enkings Mühle in Emsbüren, das sagenhafte, und mit dem Abstecher zum Heimathof mit Kräutergarten muss man ansteuern und mit Freund, Freundin oder Verhältnis natürlich das Stiftscafé Wietmarschen oder das Pier 99 in Nordhorn.  Die Tour führt im Juni auf die Erdbeer- und Blaubeerfelder, damit man nach der Selbstpflückerei den eigenen Rücken wieder spürt und die Kinder ihren eigenen,  und auf dem Emsradweg flussab und flussaufwärts ab Rheine entlang am Oberlauf des kleinsten deutschen Stromes und bis zu seiner Quelle. Oder eben von dort in der Senne gleich bis zur Mündung. Das ist dann ein wirklicher Abenteuerurlaub für die Familie wie Gift für die Radler mit den gepolsterten Hüften.

Ich breche hier ab, weil ich mit dem Beitrag jetzt „auf Sendung“ gehen muss. Wer weitere Vorschläge hat, bitte mailen (robert.koop(at)web.de).
Mein Fazit ist jedenfalls klar: Malle kann gern warten, die Ems nicht.

Friesland & Co.

23. April 2020

Regionalkrimis stillen ein ähnliches Verlangen des Publikums nach der Idylle wie die Heimatfilme in den 1950er-Jahren, schreibt die taz, und was soll ich drum reden? Die taz hat recht.

Klischees stören da nicht, sondern sind im Gegenteil unbedingt nötig. Realismus sollte dagegen möglichst vermieden werden. Die Morde sind gepflegt und mit der Aufklärung im letzten Akt ist die Welt wieder in Ordnung. Aber sie haben das gemütlich Altbekannte ja auch kaum angekratzt.

Im Netz sind mit „Friesland“, „Nord bei Nordwest“ und „Deichbullen“ drei sehr unterschiedliche Regionalkrimiserien von der Küste als Streaming-Angebote zu sehen.

  • „Friesland“: die erste Staffel auf Netflix, die zweite in der ZDF-Mediathek
  • „Nord bei Nordwest“: die letzten sechs von elf Folgen in der ARD-Mediathek
  • „Deichbullen“ läuft deftig als sechsteilige Miniserie bei Netflix.

„Friesland“ spielt übrigens nebenan im ostfriesischen Leer. Die Serie wird in der dortigen Altstadt, auf Norderney und am Hafen von Ditzum gedreht. Die Fälle löst ein uniformiertes Polizistenpaar: Sophie Dahl spielt die Streifenbeamtin Süher Özlügül, Florian Lukas den Polizisten Jens Jensen. In der zweiten Staffel wurde er durch Maxim Mehmet als Henk Cassens ersetzt. Süher Özlügül ist die Tochter des türkischstämmigen Hafenmeisters von Leer, der schon mal ein paar kleine Knirpse in einen Verschlag sperrt, weil sie ins Hafenbecken gepinkelt haben…

Wir sollen ja -Corona sei bei uns- trotz guten Wetters Hände waschend und mit Mundschutz zuhause bleiben, und das machen wir auch. Also, liebe Leute, auf’s Sofa und klickt mal in die Beiträge. (Mehr…)

Küstengefühl

3. Januar 2020

Eine frische Brise Nordsee liegt in der Luft. In Groningen stellt sich schnell das besondere Küstengefühl ein, das viele haben, wenn sie die Region besuchen und wonach viele sich sehnen, wenn sie schon mal dort gewesen sind. Wege, um nach Groningen zu gelangen, gibt es viele; zum Beispiel die Reise mit dem Fernbus von Oldenburg über Ostfrieslan.

Das norddeutsche Verhältnis zu den Niederlanden ist vielleicht auch wegen der räumlichen Nähe oft verklärt, weswegen jede Fahrt dorthin, und sei sie noch so unspektakulär, mit Cannabis assoziiert wird. Da werden eigentlich ganz normale Fernbusse plötzlich zu Drogenbussen uminterpretiert. Damit holen die Student:innen der einen deutschen Universitätsstadt angeblich ihren Stoff von der Universitätsstadt jenseits der Grenze. „Aus Holland“ ist für Marihuana ein Gütesiegel, weiß jede:r Kiffer:in.

Und doch zieht es nicht viele Oldenburger:innen an diesem Wochenende vor den Feiertagen in den Fernreisebus. Es ist nur eine kleine Gruppe junger Frauen, die einsteigt und wohl eher auf einer Einkaufstour als auf der Suche nach dem besten Gras ist. Spannender ist die Option des straffreien Kiffens wohl für die vielen deutschen Studierenden, die sich länger dort aufhalten wollen: Die Niederlande sind auf dem zweiten Platz hinter Österreich, wenn es um die Beliebtheit von Auslandssemestern für Studierende aus deutschen Universitäten geht.

Im Bus, der aus Berlin kommt und über Oldenburg, Westerstede und Leer in Ostfriesland nach Groningen fährt, sitzt im vorderen Teil eine Gruppe niederländischer Männer, die wohl…“

[hier geht’s weiter…]

Der beste Kaffee

7. Dezember 2019

Teetied – das Teeritual der Ostfriesen. In dieser Region fließt zehnmal so viel Tee die Kehle herunter wie in der übrigen Republik. Und während der Teekonsum der Briten und Inder weltberühmt ist, hat Ostfriesland den größten Teeverbrauch pro Kopf. Weltweit. Wie passt eine Kaffeerösterei in dieses Umfeld?

Dieser Frage geht Andreas Baum nach. Im Jahr 2013 gründete er in Leer seine Rösterei und bietet seitdem Spezialitäten-Kaffees an. Er führt rund 20 Sorten verschiedener Kaffees aus aller Welt und versieht jede mit einem eigenen Röstprofil. Jede erdenkliche Zubereitung vom handgefilterten, puren Kaffee über verschiedene Milchkaffees bis hin zu Exoten wie dem Leche y leche findet Anklang bei seinen Gästen. In diesem Interview sprechen wir über sein Café im Land der ostfriesischen Teekultur, die geschmackliche Vielfalt der Welt des Kaffees und die Bedeutung für unser aller Ernährung:

Weiterlesen bei Felix Olschewskis Urgeschmack: Der beste Kaffee im Land der Teetrinker – hier

 

ps Als jemand, der in einer Konditorei aufgewachsen ist, gibt es von mir noch einen Extratipp: Die Kaffeerösterei Baum hat in Leer zwei Standorte: In der Mühlenstraße 41 und, direkt am Waageplatz, in der Neuen Straße 41, wo es den -versprochen!- weltweit besten Käsekuchen gibt. Unbedingt probieren!

Der Hauptmann

17. Januar 2018

Es ist eine schreckliche Mordgeschichte aus der NS-Zeit am Ende des Zweiten Weltkrieges, die jetzt als Spielfilm in die Kinos kommt:

1943 als Schornsteinfegerlehrling zum Wehrdienst eingezogen wurde Willi Herold Anfang April 1945 von seiner Einheit getrennt und fand nahe Bardel (Obergrafschaft Bentheim) eine Offizierskiste mit der Uniform eines Hauptmanns der Luftwaffe. Fortan gab er sich mit dieser Uniform als Offizier aus und sammelte ein Dutzend ebenfalls versprengter Soldaten um sich und gelangte am 11. April 1945 zum Lager II der Emslandlager, dem Strafgefangenenlager Aschendorfermoor. Mit den Worten „Der Führer persönlich hat mir unbeschränkte Vollmachten erteilt“ übernahm der gerade einmal 18jährige dort das Kommando und errichtete ein Schreckensregiment. Häftlinge, die kurz vorher einen Fluchtversuch unternommen hatten, wurden sofort erschossen. Innerhalb der nächsten acht Tage ließ Herold über 100 Lagerinsassen ermorden, einige ermordete er eigenhändig.

Nach einem schweren Luftangriff gelang den meisten überlebenden Häftlingen die Flucht. Auch die Einheit von Herold setzte sich vor der vorrückenden Front ab und beging letzte Kriegsverbrechen. Der Bauer Spark aus Börgermoor, der die weiße Fahne gehisst hatte, wurde von Herolds Leuten gehängt, und vor der Stadt Leer wurden fünf Niederländer Johannes Gerhardus Kok, Kornelis Pieter Fielstra, Johannes Adrianus Magermans, Carolus Henricus Hubertus Magermans und Johannes Verbiest wegen angeblicher Spionage nach zehnminütigem Scheinprozess ermordet; diese Männer waren aus dem bereits befreiten Groningen gekommen, um niederländische Zwangsarbeiter zu befreien (oben: die 2013 enthüllte Tafel zum Gedenken an die fünf Ermordeten am Rathaus Leer).

Herolds Täuschung flog noch vor Kriegsende auf, ein deutsches Militärgericht ließ Herold jedoch laufen. Nach Kriegsende tauchte Herold zunächst unter und ging aber durch einen Zufall – er stahl Brot in Wilhelmshaven- der britischen Militärregierung ins Netz. Im August 1946 begann vor dem Britischen Militärgericht in Oldenburg der Prozess gegen Herold und 13 weitere Angeklagte. Sie wurden für die Ermordung von 125 Menschen verantwortlich gemacht. Herold, der als „Henker vom Emsland“ berüchtigt wurde, und sechs weitere Mitangeklagte wurden zum Tode verurteilt, fünf andere freigesprochen. Am 14. November 1946 wurden sechs der Urteile im Gefängnis von Wolfenbüttel von Scharfrichter Friedrich Hehr mit dem Fallbeil vollstreckt; das siebte Todesurteil war aufgehoben worden.

„Der Hauptmann“ – ab 15. März in den Kinos.