Zu Karin gehen

2. Oktober 2022

„Zu Karin gehen“ war 27 Jahre lang in der Gesamtschule Emsland an der Lingener Heidekampstraße  ein feststehender Ausdruck. Dahinter steckten ganz viel, gleichermaßen Nöte wie Freuden des Alltags: Sich krank fühlen, einen Rat benötigen, etwas Zuwendung abholen, ordentlich den Kopf gewaschen bekommen, weil man „Mist gebaut“ hat, sich entspannen, Spiele spielen…
Die Bedürfnisse von jungen Menschen, die den ganzen Tag gemeinsam leben und lernen gehen eben deutlich über unterrichtliche Belange hinaus. Dies führte dazu, dass schon kurz nach dem Start der Gesamtschule klar wurde, dass sie Schulsozialarbeit braucht. Das wäre auch im so genannten Halbtagsbetrieb so gewesen, aber der Ganztagsbetrieb der Gesamtschule machte und macht sie umso deutlicher.
1995 startete Karin Albers (Foto) deshalb an der Gesamtschule als eine der ersten Schulsozialarbeiterinnen in der Region. Ihre Aufgaben waren zahlreich. Sie vermittelte bei familiären Konflikten, beriet Eltern, Schülerinnen und Schüler bei sozialen und psychischen Problemen und allen Besonderheiten. Immer hielt sie engen Kontakt zu anderen sozialen Einrichtungen. Ihre einzigartige Vernetzung macht es möglich, dass Karin Albers stets über aktuelle soziale Entwicklungen informiert war und einen Überblick über vielseitige -auch außerschulische-Hilfsangebote für Familien hatte. Wenn es überhaupt jemand konnte, dann Karin: Alle notwendigen Kontakte herzustellen. Besonders wichtig war ihr, die individuelle Entwicklung von Kindern und Jugendlichen an der Gesamtschule zu verstehen, diese zu begleiten, zu unterstützen, zu ermuntern und, wo nötig, auch schlicht einzugreifen.
Karin Albers hatte am Freitag ihren letzten Schultag. Sie wurde von allen an der Gesamtschule wehmütig in den Ruhestand verabschiedet. Auch ehemalige Schülerinnen und Schüler schauten vorbei. Das größte Lob: Karin Albers war die wichtigste Identifikationsperson an der Lingener GE, ihr Gesicht. Es ist zu hoffen, dass dies auch über ihr/e Nachfolger/in gesagt wird, wenn diese/r in den Ruhestand geht.
Hintergrund:
Die Gesamtschule Emsland (GE) ist eine 1993 gegründete vierzügige Integrierte Gesamtschule. Die einzige integrierte Gesamtschule im Landkris emsland.  Zuvor war durch die maßgeblich durch die damalige Landtagsabgeordnete Elke Müller (SPD) auf den Weg gebrachte „Aktion 108“ der Elternwille für diese Schule so deutlich gemacht worden. der Name der Aktion hing damit zusammen, dass es 108 Eltern brauchte, um einen Antrag beim Schulträger für die Einrichtung der Gesamtschule zu stellen. Dies gelang schnell, so dass sogar die die Gesamtschule aus ideologischen Gründen ablehnende CDU dem nicts mehr entgegensetzen konnte. Der langjährige Schul- und Umweltpolitiker Werner Remmers (CDU) hatte seine Parteifreunde ermutigt, die Schule zuzulassen. Sein Übriges tat der  Regierungswechsel 1990 in Niedersachsen von der CDU- zu einer rotgrünen Regierung.
Einzugsbereich und Schulträger der GE ist der Landkreis Emsland. Sie pflegt längst einen musisch-kulturellen Schwerpunkt, hat sich darüber hinaus in den letzten Jahren stark darum bemüht unterschiedliche Schülerinteressen zu verknüpfen; weiterhin ist sie die einzige Gesamtschule im Landkreis Emsland. Bisher vergeblich waren Bemühungen, die Schule mit einer Sekundarstufe II auszustatten, damit SchülerInnen auch das Abitur machen können.

Ze’ev Friedman

5. September 2022

Vor genau 50 Jahren ermordete ein palästinensisches Terrorkommando bei den bis dahin so heiteren Olympischen Spielen in München 12 Menschen, darunter 11 israelische Olympiateilnehmer. Der Versuch schlecht ausgebildeter deutscher Polizeibeamter, auf dem Flughafen von Fürstenfeldbruck die von dem Terrorkommando genommenen israelischen Geiseln zu befreien, endete mit dem Tod aller Geiseln und dem des deutschen Polizisten Anton Fliegerbauer. Auch fünf Geiselnehmer starben, drei wurden festgenommen, aber schon nach wenigen Wochen durch eine Flugzeugentführung freigepresst.

Einer der am frühen Morgen in Fürstenfeldbruck getöteten Isarelis  war der 28jährige Gewichtheber Ze‘ev Friedman. Seine Eltern Hannah und Shlomo Friedman stammten aus Polen. Sie waren in die Sowjetunion geflohen, nachdem das NS-Regime ihre beiden Familien ermordet hatten. Hier kommt 1946 auch Ze’evs Schwester Nina zur Welt. Nach deren Aussage bleiben die Geschwister Zeit seines Lebens eng verbunden.

Ze’ev Friedman ist dreizehn, als die Familie 1957 nach Bielawa [in die heutige Partnerstadt Lingens] in Polen zieht, um von hier aus die lang ersehnte Emigration nach Israel vorzubereiten. [Nach dem  Eintrag in der Gedenkstätte im Olympiapark (Foto oben) war Bielawa damals für einige Jahre ein wichtiger Zwischenstopp für Jüdinnen und Juden, die nach Israel auswandern wollten. Zusammen mit rund 50.000 anderen Jüdinnen und Juden gelang den Friedmans in der Folge aus Polen die Emigration nach Israel, wo die Familie ab 1960 in einem Vorort von Haifa lebte.]

Ze’ev Friedman mit seiner Familie. V.l.: Nina, Mutter Hannah, Cousin Yakov, Vater Shlomo, Ze’ev, in Prokopjewsk, um 1954, Foto: © Privat

Von klein auf sportbegeistert, beginnen Ze’ev und seine Schwester schon in Polen zu turnen. Mit 17 Jahren nimmt er an ersten Wettkämpfen teil. Er gewinnt mehrere Medaillen und die israelischen Meisterschaften im Ringturnen und Bockspringen. Ze’ev Friedman ist nur 1,56 Meter groß. Diese geringe Körpergröße scheint ihm trotz seiner Erfolge als nachteilig für den Turnsport. Deshalb wechselt er zu den Gewichthebern und wird im Hapoel Kiryat Chaim Sportclub ausgebildet. Sieben Jahre lang ist er Israels Meister im Bantamgewicht. 1967 wird er „Athlet des Jahres“ im Gewichtheben. Er bricht drei israelische Rekorde und vertritt Israel auch international, wie etwa 1971 bei den Asienmeisterschaften auf den Philippinen, wo er den dritten Platz macht.

Weil Ze’ev Friedman gerne mit Kindern und Jugendlichen in der Nachwuchsförderung arbeitet, lässt er sich nach seinem Wehrdienst ab 1965 am Wingate Sportleistungszentrum zum Sportlehrer ausbilden. Die Olympischen Spiele sollten der Höhepunkt und das Ende seiner Profikarriere werden. Danach wollte er sich ganz seinen Aufgaben als Sportlehrer widmen.

Bei den Spielen in München belegt er den zwölften Platz, die beste Leistung der israelischen Gewichtheber. Am 3. September, dem Tag seines Wettkampfes, schreibt er auf einer Ansichtskarte an seine Familie, dass alles wunderbar sei und er gut abgeschnitten habe, dass er alle vermisse und wieder nach Hause wolle. Diese und eine Karte vom 26.8. sollten seine Familie erst nach seinem Tod erreichen.

Am 5. September 1972 werden Ze’ev Friedman und zehn weitere israelische Delegationsmitglieder in ihrem Quartier im Olympischen Dorf von palästinensischen Terroristen als Geiseln genommen. Bei dem missglückten Befreiungsversuch auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck wird Friedman von einem der Geiselnehmer in einem der beiden Hubschrauber erschossen.

„Beinahe vergessen – ich gratuliere euch zum Neujahr, wünsche viel Glück und Gesundheit“, hatte Ze’ev abschließend auf seine Karte vom 26.8. geschrieben. Die guten Wünsche erfüllten sich nicht: Ze’ev wird ermordet, Vater Shlomo erleidet einen Herzinfarkt, Mutter Hannah einen Nervenzusammenbruch.

Ze’ev Friedman wurde an einem Dienstag ermordet. Dienstag für Dienstag fährt Hannah Friedman von nun an ans Grab ihres Sohnes und legt frische Blumen nieder. Vierundzwanzig Jahre lang, bis zu ihrem eigenen Tod 1996.

Und Nina? Trotz des Schmerzes über den Tod ihres geliebten Bruders sinnt sie nicht nach Rache: „Killing brings only more killing. We kill they kill, we kill they kill. It didn’t make it any easier for us or better. It will never bring my brother back. It will only be better the moment we sit and talk to each other and find a solution instead of killing each other all the time“.

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Quelle: Jüdisches Museum München (Blog) und [eigene Recherchen]

Text: Elisabeth Lang, Bauernhofmuseum Jexhof; Recherche: Piritta Kleiner, Bayerisches Staatsministeriums für Unterricht und Kultus

Bilder: (c) privat/Jüdisches Museum München

Kurzer Zwischenruf

3. September 2022

Naja, mich hat Herr Schaper bei Twitter geblockt und dadurch fühle ich mich durchaus geehrt. Aber OB Krone scheint tatsächlich „schmerzfrei“ unterwegs zu sein. Auch dass der Frauenfeind Hendrik Nitsch alias Udo Brönstrup aus Steuermitteln bezahlt auf dem bevor stehenden Altstadtfest auftritt, ist für ihn nicht so wichtig. Schließlich lägen Nitsch‘ frauenfeindliche Sprüche schon zwei Jahre zurück, sagte der OB unlängst in einer Sitzung. Na dann…

Zusatzaufgabe

19. August 2022

Die Initiative Musik ist die zentrale Fördereinrichtung der Bundesregierung und der Musikbranche für die deutsche Musikwirtschaft. Man liest von ihr:  „Wir stärken die Präsentation und Verbreitung von Musik aus Deutschland im In- und Ausland. Schwerpunkte unserer Programme, Projekte und Awards sind die Unterstützung von professionellen Newcomer:innen, Musiker:innen, Livemusikclubs und Musikunternehmen sowie der Ausbau bundesweit nachhaltiger Strukturen für Rock, Pop und Jazz. Darüber hinaus realisiert die Initiative Musik für die Bundesregierung aktuell fünf Teilprogramme im Rahmen des Rettungs- und Zukunftspakets NEUSTART KULTUR.“

Ein wesentlicher Punkt ist die Künstler:innenförderung der Initiative Musik. Sie richtet sich an Solokünstler:innen und Bands und Autor:innen, die auf dem deutschen und internationalen Musikmarkt Fuß fassen wollen. Mögliche Fördergegenstände sind Komposition und Konzeption, Produktion und Aufnahme, Tonträgerherstellung, Videos und Contentproduktion, Promotion und Marketing, Tour sowie Proben für Studioproduktion und Konzerte. Dank NEUSTART KULTUR können wir für Künstler:innen und ihre professionellen Partnerunternehmen aktuell besondere Konditionen anbieten.

Über die eingereichten Projektanträge wird von einer vielseitigen Jury von zwölf Künstler:innen und Persönlichkeiten aus der Musikwirtschaft entschieden. Die Ernennung der Jurymitglieder erfolgt durch Staatsministerin Claudia Roth (Bündnis’90/Die Grünen), die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, sowie die Gesellschafter der Initiative Musik; das sind die Gesellschaft zur Verwertung Leistungsschutzrechten GVL und den altehrwürdigen Deutschen Musikrat DMR.

Bei all diesen bundesweiten Hochkarätern ist jetzt ein guter alter Bekannter in der Jury. Nicht wirklich überraschend hat Claudia Roth den EmslandArena-Macher Stefan Epping in das Gremium berufen. Der studierte Literaturwissenschaftler ist von Beginn an der kreative Kopf des Kulturprogramms der EL-Arena. Jetzt hat er eine Zusatzaufgabe. Mindestens drei Jahre lang wird „Stepping“ nun einer von 12 Juroren des Bundesprogramms sein. Die Jury prüft aktuell die Bewerber:innen der 58. Auflage des Förderprogramms und will im September die neuen Förderpreisträger:innen bekannt geben.


Foto: Stefan Epping  © privat

Omas gegen Rechts

19. August 2022

Am vergangenen Donnerstag hat sich Dagmar Fuchs mit anderem „Omas gegen Rechts“ auf den Osnabrücker Marktplatz gestellt. Sie haben dort gegen die Kundgebung „Aktion Leuchtturm ARD“ von Gegner*innen der Coronamaßnahmen protestiert.Bei der „Aktion Leuchtturm ARD“ werfen An­hän­ge­r*in­nen der Querdenken-Bewegung den öffentlich rechtlichen Medien fälschliche und subjektive Medienberichterstattung vor sowie das Verbreiten von Regierungspropaganda. Sie fordern die Abschaffung der Rundfunkgebühren und eine Reform ihrer Arbeitsweisen.

Dagmar Fuchs sieht darin eine große Gefahr für die Gesellschaft, denn Pressefreiheit ist für sie ein hohes Gut der Demokratie, das sie durch die Anschuldigungen der Maß­rah­men­kri­ti­ker­*­in­nen gefährdet sieht. Vor der Pandemie haben sich die Omas vor allem gegen rechte Strukturen in der Region Osnabrück gestellt. Sie…

[weiter im Dagmar-Fuchs-Porträt bei der taz]

Michael Rensing

15. August 2022

Der langjährige Bundesliga-Torhüter Michael Rensing, der zwischen 2013 und 2020 in 141 Pflichtspielen für die Fortuna auf dem Platz stand, wurde vor einer Woche in der Sitzung des Sportausschusses von den Abteilungsleitern in den Aufsichtsrat von Fortuna Düsseldorf gewählt. Dieter vom Dorff (74), der als Leiter der Handballabteilung zuletzt den vom Sportausschuss bestellten Platz im Aufsichtsrat innehatte, legte dafür nach über 17 Jahren sein Mandat nie

Der Aufsichtsrat der Fortuna setzt sich nun wie folgt zusammen: Dirk Böcker, Björn Borgerding, Sebastian Fuchs, Tim Greiner Mai, Prof. Dr. Horst Peters (alle gewählt), Peter Frymuth, Lutz Granderath, Martina Voss-Tecklenburg (alle vom Wahlausschuss bestellt) und Michael Rensing (vom Sportausschuss bestellt).

Michael Rensing, der in Lingen aufwuchs, spielte in der Jugendmannschaft des TuS Lingen. Er wechselte 2000 in die Jugendabteilung des FC Bayern München, mit dem er 2001 die B- und 2002 die A-Junioren-Meisterschaft gewann Im Jahr darauf wurde er Profi des deutschen Rekordmeisters. Der 38-jährige Rensing übernimmt jetzt  die Rolle des ehrenamtlichen Jugendleiters beim Düsseldorfer Zweitligisten Zuvor hat Michael Brechter diese Rolle bekleidet, der dem Verein als Teil der Marketingabteilung erhalten bleibt.

Björn Borgerding, Aufsichtsratsvorsitzender: „Dieter vom Dorff war als Teil des Aufsichtsrates eine feste Intuition, die immer das Wohl der Fortuna im Sinn hatte und sich uneigennützig über einen langen Zeitraum im Ehrenamt für unsere Fortuna engagiert hat. Er hat sich im Aufsichtsrat und in der Handball-Abteilung extrem für seinen Verein eingesetzt und das bereits zu einem Zeitpunkt, als es der Fortuna nicht besonders gut ging. Das verdient den allergrößten Respekt. Im Namen des Gremiums und des ganzen Vereins möchte ich mich daher ausdrücklich für dieses außergewöhnliche Engagement bedanken. Durch die Wahl des Sportausschusses bekommen wir mit Michael Rensing einen ehemaligen Bundesliga-Profi als neues Mitglied hinzu, der über die Jahre zu einem echten Fortunen geworden ist. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit ihm.“

Dieter vom Dorff: „Nach so vielen Jahren aufzuhören, fällt einem natürlich nicht leicht, weil ich eine sehr schöne Zeit in meinen Funktionen bei der Fortuna hatte. Aber mein Entschluss ist lange gereift, denn das Alter mahnt auch zur Vernunft. Ich habe mich immer mit Herz und Seele für die Fortuna eingesetzt und der Verein wird auch in Zukunft immer ein wichtiger Teil in meinem Leben bleiben. Ich möchte mich bei allen Wegbegleitern für das Vertrauen bedanken und wünsche dem Aufsichtsrat und dem gesamten Verein alles Gute. Auch meinen Nachfolger Michael Rensing wünsche ich nur das Beste und viele gute Entscheidungen im Sinne der Fortuna.“

Michael Rensing: „Die Fortuna, der gesamte Verein und die Fans sind mir in meiner aktiven Zeit sehr ans Herz gewachsen und nun kann ich etwas zurückgeben. Ich freue mich sehr, nach sieben wundervollen und emotionalen Jahren auf dem Platz, jetzt wieder zurück bei meiner Fortuna zu sein. Mich erwartet in meiner neuen Funktion eine spannende und interessante Aufgabe.“

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Foto: Michael Rensing, 2015, von  Fuguito CC BY-SA 3.0

Peter Eisenman

12. August 2022

Zum 90. Geburtstag von
Peter Eisenman

„Das Holocaust-Mahnmal in Berlin gehört zu jenen Orten der Hauptstadt, die man gesehen haben muss – der Erinnerung wegen, aber sicherlich auch als Kunstwerk. Mit seinen 2.700 zwar streng gereihten, jedoch in der Höhe variierenden Quadern bleibt der Eindruck unvergesslich. Das Hauptwerk des amerikanischen Architekten Peter Eisenman kann bis heute wütende Debatten über den Sinn und Nicht-Sinn von Architektur und öffentlicher Kunst auslösen, über die Frage, was Würde bedeutet: Dürfen Kinder zwischen diesen Stelen Versteck spielen? Gar von einer zur anderen springen? Eisenman war da immer denkbar offen, sah und sieht wohl den Umgang mit dieser Riesenanlage als Teil des Kunstwerks, als Teil der Architektur. So wie er auch alle Assoziationen und Interpretationen zuließ: Jüdischer Friedhof in Prag, jungsteinzeitliches Megalithfeld, Soldatenfriedhof, abstraktes Spiel mit Licht und Schatten…

Gestern wurde Peter Eisenman 90 Jahre alt….“

[weiter bei Baunetz]


Text: von Nikolaus Bernau
Foto: Holocaust-Mahnmal Berlin, von K. Weisser CC BY-SA 2.0 de via wikipedia.org

Das „Pimmelgate“ des Hamburger Innensenators Andy Grote wird sorgfältig juristisch aufgearbeitet. Vor wenigen Tagen stellte die Hamburger Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen den Autor des Tweets „Du bist so 1Pimmel“ ein und verwies Grote auf den Privatklageweg. Nun ist auch entschieden, ob die Hausdurchsuchung in Ordnung ging. Tut sie nicht, so das Landgericht Hamburg. Das Amtsgericht hatte die Durchsuchung einer Wohnung erlaubt, in der der Verfasser eines Tweets, durch den sich Grote beleidigt fühlte, früher zuhause war. Nach Einschätzung des Landgerichts war dies jedoch unverhältnismäßig. Die Inhaberin der Wohnung und ehemalige Lebensgefährtin des Verfassers, hatte Beschwerde eingelegt.

Die Richter sagen in ihrer Entscheidung, es habe zwar einen Anfangsverdacht auf Beleidigung gegeben. Allerdings verweisen sie auch auf gewisse rechtsstaatliche Grenzen. Diese sind seinerzeit der Staatsanwaltschaft wie dem zuständigen Ermittlungsrichter offenbar aus dem Blick geraten – aus welchen Gründen auch immer.

Die Hausdurchsuchung halten die Richter für unverhältnismäßig, vor allem das Grundrecht auf Unverletzlichkeit der Wohnung (einer Mitbewohnerin) stehe über dem möglichen Strafverfolgungsinteresse des Staates. Eine Rolle spielte sicher auch, dass der Twitterer nicht einfach losblaffte, sondern auf Äußerungen Grotes reagierte. Dieser hatte nämlich Menschen, die trotz Corona feierten, als „ignorant und „dämlich“, so das Hamburger Abendblatt, “ tituliert. Grote selbst hatte allerdings zu Beginn der Pandemie seine neuerliche Berufung zum Innensenator unter Missachtung der Corona-Regeln in einer Kneipe gefeiert und dafür eine Geldbuße von 1.000 Euro zahlen müssen.

Der Pimmelgate-Vorfall hatte übrigens für erhebliches Aufsehen gesorgt auch international, so dass sogar die Washington Post über die Angelegenheit berichtete.

„Seinen verdienten Platz in den Archiven“ (Udo Vetter) findet das Geschehen allerdings erst, wenn der Innensenator die Sache nicht doch noch selbst vor Gericht bringt oder möglicherweise schon hat. Wie er sich zur juristischen Privatklage-Möglichkeit positioniert, wird sich bestimmt noch zeigen. Im Regelfall ist ein Verfahren allerdings mit dem Verweis auf den Privatklageweg beendet, da das mit erheblichem Kosten- und Zeitaufwand verbunden ist und in den allerseltensten Fällen mit einer Verurteilung des Privatbeklagten endet. Ich jedenfalls habe noch nicht von einem solchen Ende gehört.


Quellen; SPON, LTO, LawBlog, Hamburger Abendblatt
Foto: Rasande Tsykar (CC BY-NC 2.0)

1000 %-ig

10. Juli 2022

Rund 100 LingenerInnen nahmen am Sonntagnachmittag an dem Schweigemarsch vom Bahnhofsvorplatz zum Stolperstein für das NS-Opfer Fredy Markreich in der Großen Straße teil, eine große Gruppe Studierender der Hochschule schloss während des Schweigemarsches zu den knapp 60, bis dahin überwiegend älteren Demonstrierenden auf.

Wie überhaupt heute spannend und aufschlussreich nicht die anwesenden Menschen waren, sondern die, die es nicht waren – kein CDU-Ratsmitglied und keines der SPD. Wieviel Scham muss das machen, wenn ich an einer Veranstaltung zur Erinnerung an die verbrecherischen Taten der Nazis nicht teilnehmen kann, weil mein Abstimmverhalten (oder das eigener  Fraktionsmitglieder) es nicht hergibt?  Sollte diese Frage nicht über allem stehen?

Vor dem ehem. Markreich’schen Haus Große Straße 11 ergriff Dr. Walter Höltermann das Wort, um das Votum des Stadtrates  geschichtlich einzuordnen. Er zeichnete auch das Leben Fredy Markreichs nach. Um diesen Lingener als Opfer des NS-Terrors zu ehren, sollte auf Antrag der FDP und des Forums die Bernd-Rosemeyer-Straße umbenannt werden: „Er ist ein besserer Namensgeber als der Rennfahrer und SS-Hauptsturmführer.“

Dann nahm der Ehrenvorsitzende des Forum Juden Christen, Dr. Heribert Lange, einen Debattenbeitrag aus der Ratssitzung auf, bei der sich Monika Sterrenberg, nach eigenen Angaben eine Nichte des SS-Offiziers Rosemeyer, zu Wort gemeldet hatte, und ihr unter der nachträglich eigens eröffneten „Einwohnerfragestunde“ durch die Ratsvorsitzende Annette Wintermann (CDU) keine Frage sondern ein Plädoyer für den SS-Offizier gestattet wurde. In dessen Mittelpunkt stand die historisch falsche Entschuldigung, der SS-Offizier Bernd Rosemeyer sei kein Nazi gewesen, weil er und seine Familie „1000%-ige Katholiken“ gewesen seien. Lange ordnete ein:

„Kein Mensch konnte sich vorstellen“, so 1960 mein ansonsten ehrenwerter, und gescheiter  Religionslehrer, der päpstliche Geheimkämmerer, Monsignore und Oberstudienrat am Otto-Pankok-Gymnasium in Mülheim an der Ruhr, Karl Mücher zu seinem Verständnis von der Shoah, „kein Mensch konnte sich vorstellen, dass sich in unserem Leben und in unserer Zeit die Rache Gottes am jüdischen Volk ereignen würde.“

Dieser Satz fiel mir im Verlauf bzw. am Ende der Ratsdebatte am vergangenen Mittwoch wieder ein, als in einem eigentlich unzulässigen Redebeitrag aus dem Publikum unmittelbar vor der Abstimmung davon die Rede war, dass Bernd Rosemeyer kein SS-Mann, zumindest kein  eigentlicher SS-Mann gewesen sei, was allein schon daraus ersichtlich werde, dass Rosemeyers alle zusammen „1000-prozentige Katholiken gewesen“ seien.

Hat denn etwa die katholische Kirche der SS ihren Ungeist, der schließlich in den millionenfachen Mord jüdischer Menschen im Holocaust mündete, ausgetrieben, ihn untersagt oder wenigstens kritisiert. Hat sie verhindert oder ernst-hafte Anstrengungen dagegen  unternommen, dass 2.579 ihrer treuesten Priester im KZ Dachau inhaftiert waren und in großer Zahl umkamen bzw. regelrecht ermordet wurden? Der in Lingen tätige Kaplan Heinrich Schniers (Foto lks oben) und der Onkel unseres Johannes Wiemker, der Priester Leopold Wiemker, gehörten zu den Gefangenen in Dachau (Foto lks unten). Hat der spätere Kardinal Clemens August Graf von Galen bei seinen mutigen und beeindruckenden Predigten gegen Hitlers und der Ärzte Euthanasie-Programm, wovon schon bald auch kranke und behinderte Kinder aus der kirchlichen Einrichtungen betroffen waren – hat von Galen dabei  wohl auch daran gedacht, dass Juden und ihre Kinder auch damals schon und genauso zu Tode gebracht wurden? Nein! Wir wissen heute, dass er dies weder bedacht noch erkundet hat.

Wovor also hätte die Kirche einen ehrgeizigen SS-Offizier wie den Rennfahrer Bernd Rosemeyer bewahren können, dem Bedenken oder Skrupel, als er sich der, wie sich später erweisen sollte, Mörderbande der SS andiente, wahrschein-lich gar nicht und nie in den Sinn gekommen waren? Ihre völkische Idee von der arischen Rasse, mit der die wissenschaftliche Medizin auch die Juden dem Ausrottungsprogramm der Nazis überantwortet hatte, wurde doch von kaum jemandem noch ernsthaft infrage gestellt oder gar einer kritischen Auseinandersetzung unterzogen – auch nicht mehr von der Kirche, vielleicht genau aus dem Grund, den Karl Mücher, von dem soeben die Rede war, uns Oberprimanern auseinandergesetzt hatte.

Der ungeschützte und freie Fall der deutschen Gesellschaft in die moralische Katastrophe erwischte Bernd Rosemeyer nicht unverhofft und unversehens, aber umstandslos, und machte ihn zum Teil des Systems, sogar so, dass er, so Viktor Klemperer, die Nazi-Idol-Figur Horst Wessel zeitweilig noch zu überstrahlen schien. Denn der inzwischen zum SS-Hauptsturmführer avancierte Rennfahrer verweigerte keinen Auftritt, keinen Dienst und keinen Gunstbeweis, den das System von ihm erwartete, wenn und da es doch und vor allen Dingen um seine Rennfahrerkarriere ging. Es ist ziemlich gleichgültig, ob Nazi-Ideologie ihn dabei antrieb, ob seine Rennfahrerleidenschaft oder einfach und banal das Kalkül des Opportunismus.

Dennoch: Niemand von uns ist befugt, darüber zu urteilen oder deshalb über Bernd Rosemeyer, wie wir oft genug erklärt haben, den Stab zu brechen und schon gar nicht über seine Familie.

Die Frage aber, ob er aus heutiger Sicht und vor dem dargelegten historischen Hintergrund immer noch der Ehrung würdig ist,  die ihm 1939 posthum vom Lingener NS-Bürgermeister mit der Widmung der Bahnhofstraße nach seinem Namen zuteil wurde, hat der Lingener Stadtrat, wenn auch mit knapper Mehrheit, am vergangenen Mittwoch, zu unser aller Entsetzen positiv entschieden. Und die Ratsmehrheit hat damit auch entschieden, dass es keinen Namenstausch eines Naziprofiteurs gegen ein Naziopfer, also Fredy Markreich, am Bahnhof in Lingen geben soll, an dessen Stolperstein und zu seinem Gedenken wir uns hier versammelt haben

Das ist heute, so denke ich,  noch viel mehr als die Biografie Bernd Rosemeyers der eigentliche Skandal, über dessen Gründe nachzudenken mir schwer fällt, weil es Angst macht. Angst macht vor den Kräften der Reaktion und des Revisi-onismus, aber auch vor der Unbelehrbarkeit der Unbelehrbaren.

Lassen Sie mich schließen mit dem Satz, dass ich mich schäme für die Stadt Lingen, die seit mehr als 50 Jahren auch meine Stadt Lingen ist. Ja, Ich schäme mich!“

Nachträglich ergänztes Zusatzschild zur Bernd-Rosemeyer-Straße am Lingener Bahnhof.

„Ferda Ataman hat polarisiert wie selten jemand zuvor. Nun hat der Bundestag sie zur Antidiskriminierungsbeauftragten des Bundes gewählt. Mit nur sieben Stimmen über der Mehrheit.“ resumierte gestern DIE ZEIT. Tatsächlich stand die neue deutsche Antidiskriminierungsbeauftragte seit Mitte Juni im Mittelpunkt einer rechts-konservativen Kampagne. Der Journalist Stephan Anpalagan hat sich die etwas genauer angesehen:

„Die Kampagne gegen Ferda Ataman hat auch etwas Gutes. Seit am 15. Juni 2022 bekannt wurde, dass das Bundeskabinett sie für die Position der Bundesbeauftragten für Antidiskriminierung vorschlagen wird, tobt eine Kampagne gegen Ataman. Die Vorwürfe sind durchweg immer dieselben: Sie habe Deutsche als „Kartoffel“ beleidigt. Sie habe Horst Seehofer des Rassismus bezichtigt. Sie habe die Berichterstattung über Clan-Kriminalität mit einem Negativpreis ausgezeichnet. Sie habe sich in ihrer Arbeit nicht zu Ehrenmorden, Zwangsehen, „Clan-Kriminalität“, Rassismus unter Migranten, Schwulenfeindlichkeit im Islam und Antisemitismus unter Muslimen geäußert. Sie wäre der Meinung, dass nur weiße Deutsche rassistisch sein könnten. Sie würde Identitätspolitik betreiben – was auch immer das ist.

An den zahlreichen Kolumnen, Interviews und Streitgesprächen lässt sich – und das ist das Gute – der Zustand der deutschen Medienlandschaft einigermaßen präzise feststellen: Er ist schlecht. Sehr schlecht. Wenn das, was in den vergangenen drei Wochen zu Atamans Nominierung geschrieben, gedruckt und gesendet wurde, auch nur annähernd die Pluralität und die Recherche-Qualität der deutschen Medien darstellen soll, haben wir ein gewaltiges Problem. Nahezu alle Beiträge sind falsch, ausnahmslos alle Bezichtigungen, die ich bisher gelesen habe, sind geprägt von falschen Tatsachenbehauptungen. Ein veritabler Anteil der Texte würde einer juristischen Prüfung nicht standhalten. Vieles klingt dennoch plausibel. Manches wird durch Wiederholung leicht verdaulich. Ausnahmslos alles führt zu Klicks, Reichweite und Werbeeinnahmen. Und dazu, dass…“

[weiter hier  im Blog von Stephan Anpalagan]


Foto: Stephan Anpalagan / Twitter