Fenna Wanink weiß noch genau, an welcher Stelle des Weges zwischen Emlichheim und Wilsum sie im Sommer 2009 die Nachricht im Autoradio gehört hat. Noch heute verspürt sie „ein Ziehen“, wenn sie dort vorbeifährt, so stark sei die Erinnerung. „Das ist mir so durch Mark und Bein gegangen“, sagt sie sichtlich berührt. Und das war die Nachricht: Zwei junge Frauen, die wenige Tage zuvor zusammen mit weiteren für Hilfsorganisationen tätigen Personen in der nordjemenitischen Provinz Saada entführt worden waren, hatte man erschossen aufgefunden. Sie hatten im Jemen als Praktikantinnen in einem Krankenhaus gearbeitet.

Im selben Sommer hält sich Fenna Waninks damals 28 Jahre alte Tochter für einige Monate im Jemen auf. Sie war dort als Krankenschwester tätig, hatte zuvor schon in Finnland und Israel in Krankenhäusern gearbeitet. „Als wir von der Entführung der anderen Deutschen erfuhren, war sie erst sechs oder sieben Wochen dort. Danach lebten wir in einer ständigen Spannung. Sie ist dann zum Glück gesund und wohlbehalten wiedergekommen“, sagt Wanink. Aber als sie die Nachricht im Autoradio hörte, da sei ihr durch den Kopf gegangen, wie es damals wohl der alten Frau Kortmann aus Waninks altreformierten Heimatgemeinde in Wilsum gegangen sei, als sie vom Tod ihrer 29-jährigen Tochter Hindrika Kortmann erfahren musste. Das war im Jahr 1969, als Hindrika, ebenfalls ausgebildete Krankenschwester, bereits einige Monate in Vietnam war. Sie wollte als Mitglied des Malteser-Hilfsdienstes dort vor allem Kindern und den Verletzten des Vietnamkriegs helfen.

Dass sich die Geschichten…

[weiter bei den Grafschafter Nachrichten]


Hindrika Kortmann wird am 4. Oktober 1940 in Großringe als Tochter von Johann und Everdine Kortmann geboren. Ihr Vater stirbt im Zweiten Weltkrieg, die Familie zieht 1941 nach Wilsum, wo ihre Mutter ab 1947 als Küsterin der altreformierten Gemeinde arbeitet.
Im März 1963 ist Hindrika examinierte Krankenschwester und arbeitet dann zunächst als Narkoseschwester im Stadt- und Kreiskrankenhaus in Nordhorn; Anfang 1968 wechselt sie zur Pieter-van-Foreest-Klinik nahe Amsterdam und lernt die Auslandsarbeit des Malteser Hilfsdienstes kennen.

Noch im selben Jahr bricht sie nach Vietnam auf, arbeitet dort im 120 Betten Malteser-Krankenhaus in Da-Nang, das sie mit aufbaut. Am 27. April 1969 wird sie zusammen mit vier anderen Deutschen bei einem Ausflug in die Umgebung von den Vietkong entführt; sie stirbt am 17. Juli in Gefangenschaft an Nahrungsmangel und Entkräftung.

Sie wird von us-amerikanischen Gefangenen begraben, die nach ihrer Freilassung im November 1969 von Hindrikas Tod berichten können. 1990 werden Kortmanns sterbliche Überreste durch eine forensische Untersuchung identifiziert und 1992 nach Wilsum überführt und begraben. Eine weitergehende Erinnerung an Hindrika Wilsum fehlt bisher in der Gemeinde.

(Quelle: Grafschafter Nachrichten (GN); die GN bieten ein preiswertes Online-Bezahlabo)

Emcke

13. Juni 2021

Zu den besonders klebrigen Ausfällen im bisherigen Wahlkampf zählt, wie die deutschen Konservativen -selbst programmlos und ausgebrannt – gerade mit Carolin Emcke umgehen, sie beschimpfen und eine Aufzählung aus dem Zusammenhang reißen und in einen relativierenden Vergleich umdeuten. „Fakten und Respekt sind zumutbar“, liebe CDU. Hier das unverfälschte Original zum Nachhören und Selbstbewerten:

 

Bob Dylan zum 80.

24. Mai 2021

Bob Dylan, eigentlich Robert Allen Zimmerman, wurde heute vor 80 Jahren, am 24. Mai 1941 in Duluth, Minnesota (USA), geboren. Dylan ist ein US-amerikanischer Singer-Songwriter und Lyriker. Er gilt als einer der einflussreichsten Musiker des 20. Jahrhunderts. 2016 erhielt er „für seine poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Songtradition“ als erster Musiker den Nobelpreis für Literatur. Sein Auftritt in der EmslandArena am 12. April 2017 war wohl das größte Musikereignis in der Geschichte unserer Stadt überhaupt – und unvergesslich. Genießt an diesem Tag drei Stunden Dylan von diesem Sampler.

Udo wird 75.

17. Mai 2021

Udo Lindenberg wird 75. Kaum zu fassen. Der Mann, „der seinen Überzeugungen immer treu geblieben ist und der seinen Glauben an das Gute im Menschen nie verloren hat“ (Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier), wurde am 17. Mai 1946 geboren – in Gronau(Westf), auch kaum zu glauben. 😉

100 Jahre Beuys

11. Mai 2021

Morgen, am 12. Mai vor 100 Jahren wurde der Künstler Joseph Beuys am Niederrhein geboren. 2021 ist daher Beuys-Jahr. Was hat Joseph Heinrich Beuys uns heute noch zu sagen? Warum sollen wir  noch an ihn erinnern?

Sicher: Beuys hat den traditionellen Kunstbegriff herausgefordert: Alles kann Kunst sein.  Fettecke, Filzpiano, Eichen, Kojoten, Performances und Politik: Joseph Beuys‘ künstlerisches Wirken könnte man heutzutage in ein paar Hashtags zusammenfassen – und viele würden sich sofort an die dazugehörigen Werke erinnern.

Seine Botschaft dahinter war für die 1960er und 1970er-Jahre geradezu bewusstseinserweiternd: Demokratie kann Wirklichkeit werden –  und zwar durch Kunst. Beuys ließ selbst gestandene Kunstkritiker die hilflose Frage stellen, was das alles eigentlich soll.

Er versuchte, die Kunst „sozial“ zu machen, alle Menschen sollten teilhaben können. Oder noch einfacher: Beuys wollte sich selbst nur als Künstler verstehen, wenn auch folgende These anerkannt ist: Alle Menschen sind Künstler.

Für seine Arbeiten und seine Haltung wurde Beuys bewundert und verachtet; er empörte und begeisterte. Und gab seine Ideen weiter – als Professor der Kunstakademie Düsseldorf, wo er kurzerhand das Bewerbungsverfahren boykottierte und alle Bewerberinnen und Bewerber eines Jahrgangs aufnahm. Oder 1980 auch als Gründungsmitglied der Grünen.

Es geht aber auch um die Abgründe, die in Erzählungen über ihn immer wieder im Dunklen bleiben – wenn es zum Beispiel um eine mögliche Verstrickung in der NS-Zeit geht.

Also, warum sollte man heute noch an Beuys erinnern? Passt er noch – oder sogar vielleicht besonders gut – in die heutige Zeit?

(Quelle: DLFKultur)

Sophie Scholl

9. Mai 2021

Heute vor 100 Jahren wurde Sophie Scholl geboren. Zum einhundertsten Geburtstag von Sophie Scholl  erscheint eine 20-Euro-Sammlermünze aus Silber. Erstaunlich, was das Finanz­ministerium im Bild eines pummeligen Mädchens im Kleid mit Rüschenkragen und herabhängenden Haarsträhnen erblickt: „Die Bildseite zeigt ein Porträt von Sophie Scholl, das ihre besondere Persönlichkeit sichtbar macht. Die junge Frau signalisiert schon durch ihre äußere Erscheinung geistige Unabhängigkeit, Klarheit und Weisheit und die Kraft, zu ihren humanitären Prinzipien auch in höchster Lebensgefahr zu stehen.“

Nur wer bereits von der Außergewöhnlichkeit der Porträtierten überzeugt ist, kann das auf der Münze erkennen. Dabei entspricht die charakterliche Beschreibung Sophie Scholls durchaus ihrem Öffentlichkeitsbild. Man verehrt sie wie eine Heilige. Doch wie wurde aus der Studentin, Gottsucherin und Freiheitskämpferin eine Ikone, ein Kultbild?

Sophie Scholl gehörte mit ihrem Bruder Hans zu einer sechsköpfigen Widerstandsgruppe, die 1942/43 in München und anderen Großstädten mit sechs Flugblättern gegen Hitler kämpfte. Sie riefen im Namen der Freiheit zu Widerstand, Sabotage und Umsturz auf und beriefen sich dabei auf ein humanistisches und christliches Weltbild.

Die 21-jährige Studentin war die Jüngste und einzige Frau neben vier Studenten und einem Professor. Sie wurden im Laufe des Jahres 1943 hingerichtet. Nach dem Krieg nannte man die Freiheitskämpfer „Weiße Rose“, weil die ersten vier Flugblätter so überschrieben waren. Im Westen Deutschlands sah man in der Gruppe zunächst nai­ve Idealisten, im Osten sozia­listische Antifaschisten.

1946 veröffentlichte die Schriftstellerin Ricarda Huch in der Hessischen Zeitung einen Aufruf. Unter dem Titel „Für die Märtyrer der Freiheit“ bat sie, ihr Briefe und Erinnerungen an den Widerstand im Dritten Reich zur Verfügung zu stellen, denn sie wolle ein „Gedenkbuch“ zu Ehren dieser „Heldenmütigen“ verfassen. Inge Scholl, die Älteste der Scholl-Kinder, antwortete der Dichterin und kündigte einen Beitrag über ihre Geschwister an.

Sie hoffte, Huchs Werk werde „ein starkes Gegengewicht bedeuten gegenüber all dem Unrat, der schon über die Lieben publiziert wurde“. Inge Scholl hatte schon früh den Kampf um die Deutungshoheit der Weißen Rose aufgenommen. Sie war zeitlebens fest davon überzeugt, alleine zu wissen, wie die Dinge „wirklich“ waren und dass ausschließlich ihre familiäre Interpretation der beteiligten Personen und ihrer Taten richtig sei.

Im März 1947 sandte Scholl die „Biographischen Notizen“ an Huch. Es ist die erste ausführliche Zusammenfassung und Interpretation des Lebens von Hans und Sophie aus der Sicht der Schwester. Sie will…

weiter bei der taz

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(Foto: Sophie Scholl 1939 Foto: Stadtarchiv Crailsheim/Slg. Hartnagel via taz)

Die Meteorologin

14. April 2021

Ein kleiner Blick zurück auf die Wetter-Moderatorin Dr. Karla Wege, also eine Erinnerung für Menschen, die – wie der Blogbetreiber- eher fortgeschrittenen Alters sind: Karla Wege  wurde zum Gesicht der Wetter-Berichterstattung. Der Spiegel nannte sie einst „Klima-Mutter der Nation, die jahrzehntelang im ZDF das Zeigestöckchen kühler Wissenschaftlichkeit hochhielt“. Medien-Journalist Stefan „Niggi“ Niggemeier erinnerte bereits 1999 an ihren Einfluss und schrieb: „Bereits 1969 durfte Dr. Karla Wege im ZDF zunächst vor Pappen auf einer Stafette und später drei drehbaren Tetraedern den Wetterbericht präsentieren – zwei Jahre vor der ersten Nachrichtensprecherin.“  Die Meteorologin prägte die Berichterstattung und die öffentliche Wahrnehmung des Wetterberichts für Jahrzehnte.

Karla Wege war bei weitem nicht nur TV-Wetter-Moderatorin, sondern absolute Expertin auf ihrem Gebiet. So schrieb sie ihre Doktorarbeit über die „Messung der atmosphärischen Gegenstrahlung mit dem neuen Oktantenaktinometer“. Vor einigen Tagen ist Karla Wege-Schneider 90jährig gestorben, einem SZ-Nachruf zufolge in München und an den Folgen von COVID-19. Hier der Erinnerungstweet eines aktuellen Wetter-Moderators:

ps Das fehlende Bescheuerte-N hat Jörg Kachelmann übrigens nachgetragen…

#geschichtenderbefreiung

10. April 2021

Die Gedenkstätte Esterwegen erinnert mit ihrer Reihe #geschichtenderbefreiung an das Ende des 2. Weltkriegs in unserer Region. Gestern stand der 9. April 1945 im Fokus, als das Kriegsgefangenenlager Wesuwe befreit wurde. Es geht um die Geschichte des Weißrussen Aleksandr Machnatsch.
Am 9. April 1945 wird das mit sowjetischen Kriegsgefangenen belegte Zweiglager Wesuwe des Offizierslagers VI Oberlangen durch kanadische Truppen befreit. Aleksandr Machnatsch schreibt anschließend seiner Mutter aus dem Lager folgenden Brief:
„Jetzt erst bin ich frei. Am 9. April 1945 wurde ich (zum zweiten Mal) neu geboren. An diesem Tag befreiten unsere verbündeten kanadischen Truppen an der Grenze Hollands das Konzentrationslager inmitten der öden Moore. Dorthin waren wir rund 500 Kommandeure am 1. Dezember 1944 gebracht worden, wo täglich 18 – 20 Menschen aus Hunger starben. Wer dort umfiel, stand dann nicht mehr auf. Ich bestand nur noch aus Knochen, Wunden öffneten sich, und ich stand nicht mehr auf. Noch 10 – 12 Tage, und ich wäre nicht mehr unter den Lebenden gewesen. […]“ (Übersetzung aus dem Russischen; Museum der Verteidigung der Brester Festung, Brest, Weißrussland)

Das Lager Wesuwe – 1934 ursprünglich als Konzentrationslager geplant – wurde im Juni 1938 als Strafgefangenlager für 1.000 Gefangene fertiggestellt. Ab September 1939 übernahm das Oberkommando der Wehrmacht das Lager Wesuwe als Zweiglager des Kriegsgefangenen-Mannschaftsstammlagers (Stalag) VI B Versen. 1940 wurde das Lager mit 200 polnischen Fähnrichen belegt und ab 1941 mit ca. 2.100 sowjetischen Kriegsgefangenen. Formell wurde das Lager ab Mai 1942 zum Zweiglager des Stalag VI C Bathorn und ab 1943 Zweiglager des Offizierslagers VI Oberlangen. Am 17. Februar 1945 war das Lager Wesuwe mit 1.875 sowjetischen Kriegsgefangenen belegt.

Der Brief von Aleksandr Iwanowitsch Machnatsch kam erst ein Jahr später – abgestempelt von der sowjetischen Militärzenzur – bei seiner Mutter an. Machnatsch wurde 1922 im Dorf Sabolotje/Weißrussland geboren. 1941 schloss er die militärische Ausbildung als Leutnant ab. Die Rote Armee stationierte ihn anschließend als Kommandeur einer Einheit in Brest. Kurz nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion wurde er bei den Kämpfen um die Festung Brest schwer verletzt, bevor er am 27. Juni 1941 in Kriegsgefangenschaft geriet. Über Kriegsgefangenlager in Polen und Deutschland kam er schließlich 1944 in das Lager Wesuwe, wo er am 9. April 1945 befreit wurde.

Kurze Zeit später kehrte er zurück in seine Heimat. Aber dort stand er unter dem Verdacht des Verrats – wie viele ehemalige Kriegsgefangene: sie hätten angeblich nicht tapfer gekämpft. Dadurch, dass in seinen Unterlagen vermerkt war, dass er bewusstlos gefangen genommen worden sei, geriet er aber nicht in weitere Lagerhaft. Er lebte anschließend in Minsk. In Weißrussland wurde er ein erfolgreicher Schriftsteller, schrieb Kinderbücher und verarbeitete so auch seine Kriegserlebnisse. Das Buch „Kinder der Festung“ handelt von Kindern, die seinerzeit den sowjetischen Soldaten in Brest halfen, indem sie diese mit Trinkwasser und Munition versorgten. Machnatsch starb 2001.
Foto: Aleksandr Machnatsch (3. von links) nach der Befreiung im Lager Wesuwe, 12. April 1945; Fotograf Alexander M. Stirton.
Quelle: Library and Archives Canada, Gedenkstätte Esterwegen

Der Lingener Ehrenbürger Bernhard Grünberg ist heute Mittag auf dem jüdischen Friedhof an der Weidestraße beigesetzt worden. Der hochbetagte Holocaust-Überlebende war am 16. Januar des Jahres in seinem englischen Wohnort Derby-Alvaston dem Corona-Virus erlegen. Seither hatte sich die Stadt Lingen (Ems) darum bemüht, die sterblichen Überreste Grünbergs nach Lingen zu überführen, um den Verstorbenen -seinem Wunsch entsprechend- hier auf dem Jüdischen Friedhof zu bestatten. Trotz aller Bemühungen der Stadtverwaltung, ihres früheren Mitarbeiters Atze Storm, der städt. Beauftragten Elisabeth Spanier sowie des Bestattungshauses Schnitker in Lingen und dessen britischen Kollegen in Derby brauchte es bis Ende vergangener Woche; erst dann traf der Sarg Bernhard Grünbergs über den Frankfurter Flughafen in Lingen ein.

Der Grund: Die Corona-Restriktionen. Ihretwegen stockte die Überführung trotz aller Bemühungen; selbst das Auswärtige Amt war machtlos. Damit erinnerte diese schwierige Rückkehr auf besondere Weise zugleich auch an die traurige Flucht des damals 15jährigen Grünberg im Jahr 1938 mit einem Kindertransport nach England; als einziger seiner Familie  überlebte er den Holocaust.

Rund 60 TeilnehmerInnen nahmen an der heutigen Beisetzungsfeier nach jüdischem Ritus teil. Auf dem Weg zum Grab sprach Rabbi Michael Grünberg (Osnabrück) Gebete und Psalmen. Nachdem acht jüdische Männer den einfachen Holzsarg in das Grab abgesenkt hatten, warfen Angehörige und Trauergäste 3 Schaufeln Erde in das Grab. Als der Sarg mit Erde bedeckt war, wurde das Kaddischgebet (Totengebet) gesprochen.

Neben den Angejörige des verstorbenen waren viele LingenerInnen anwesend, die zum „Menschenfreund“ Bernhard Grünberg über die Jahre eine starke persönliche Beziehung geknüpft hatten, u.a. der ehemalige Oberstadtdirektor Karl-Heinz Vehring, der Mitbegründer des Forum Juden-Christen Josef Möddel, dessen Ehrenvorsitzender Heribert Lange, das langjährige Vorstandsmitglied Johannes Wiemker und aus Berlin Anne-Dore Jakob (Pax Christi). Unter den Trauergästen waren auch der Erste Bürgermeister der Stadt Heinz Tellmann, die Fraktionsvorsitzenden im Stadtrat Edeltraut Graeßner (SPD) und Robert Koop (Die BürgerNahen) sowie die stellv. Fraktionsvorsitzende der CDU-Ratsmitglieder Irene Vehring und alle städtischen Dezernenten.

Neben dem Vorsitzenden des Forum Juden Christen Gernot Wilke-Ewert sprach auch Oberbürgermeister Dieter Krone. Hier seine Rede im Wortlaut, die auch das Leben des Verstorbenen skizzierte:

„Sehr geehrte Trauergemeinde,
wir stehen hier tief bewegt am Grab unseres Lingener Ehrenbürgers und Freundes Bernhard Grünberg, der bereits am 16. Januar verstorben ist. Es war sein sehnlichster Wunsch hier auf dem Jüdischen Friedhof in Lingen beerdigt zu werden. Aufgrund der Corona-Erkrankung von Bernhard Grünberg, aber auch aufgrund des Brexit und damit verbundenen hohen bürokratischen Auflagen hat sich die Überführung seiner sterblichen Überreste sehr lange hingezogen. Heute dürfen wir ihn gemeinsam auf seiner letzten Wegstrecke begleiten, um ihm damit unsere tiefe Ehrerbietung zu erbringen. Das hohe Alter von 97 Jahren beschreibt nicht nur einen langen, sondern vor allem auch einen sehr beschwerlichen Lebensweg.
Bernhard Grünberg wurde am 22. März 1923 in Lingen geboren und verbrachte seine Kindheit in unserer Stadt. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten nahm die einst glückliche und unbeschwerte Kindheit ein jähes Ende. 1938 gelang es dem 15-Jährigen, dieser zu entkommen, indem er Deutschland mit einem Kindertransport verlassen konnte. Sein Vater, der nur wenige Tage zuvor aus dem Konzentrationslager Buchenwald nach Lingen zurückgekehrt war, brachte ihn zum Bahnhof und die beiden verabschiedeten sich für immer voneinander. Bernhard Grünberg wurde nach England gebracht, wo er bis zu seinem Tod lebte.
Seine Familie konnte nicht entkommen. Seine Eltern Marianne und Bendix Grünberg sowie seine Schwester Gerda wurden 1941 nach Riga deportiert. Dort wurde sein Vater in einem Ghetto ermordet. Seiner Mutter und seiner Schwester ereilte 1944 das gleiche Schicksal im Konzentrationslager Stutthof. Somit war Bernhard Grünberg der einzige seiner Familie, der den Holocaust überlebte.
1986 erfuhr die Stadt Lingen (Ems) dank Ruth Foster davon, dass Bernhard Grünberg noch lebte. Im gleichen Jahr folgte er der herzlichen Einladung, an der Enthüllung des Gedenksteins zur Erinnerung an die ermordeten jüdischen Familien unserer Stadt teilzunehmen. Von da an besuchte Bernhard Grünberg seine Heimatstadt regelmäßig. Oft begleitete ihn seine Frau Daisy, die 2001 verstorben ist.
Nach all dem Leid, das ihm und seiner Familie hier in unserer Stadt in Zeiten der nationalsozialistischen Herrschaft widerfahren ist, hierher zurückzukehren und der Stadt die Hand zu reichen, zeugte von seiner unglaublichen Größe. Er brachte den Lingener Bürgerinnen und Bürgern stets Vertrauen, Verständnis und Dankbarkeit entgegen. 1993 erwies er unserer Stadt die Ehre, die ihm angetragene Ehrenbürgerschaft anzunehmen.
Ein ganz besonderes Anliegen war es ihm seitdem, mindestens einmal im Jahr die beschwerliche Reise auf sich zu nehmen, um von England aus für einige Tage nach Lingen zu reisen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie schwierig es nach ein paar Jahren war, ihm klarzumachen, dass er mit seinen 90 Jahren nicht mehr alleine mit seinem Auto, seinem Vauxhall, nach Lingen fahren könne und wir ihn selbstverständlich vom Flughafen in Amsterdam abholen würden. Diese kleine Episode aus seinem Leben zeigt, wie willensstark und entschlossen Bernhard Grünberg auch war.Vor drei Jahren feierte er mit vielen auch heute anwesenden Wegbegleitern noch seinen 95. Geburtstag in unserer Stadt. Ich erinnere mich noch immer an sein strahlendes Gesicht, mit denen er die vielen Gäste begrüßte und es sich nicht nehmen ließ, mit allen ein wenig zu plaudern. Er genoss die Aufmerksamkeit in vollen Zügen und freute sich über jeden, der gekommen war, um mit ihm zu feiern. Wenn er hier in Lingen war, schien er die Zeit immer sehr zu genießen. Unzählige Gespräche haben wir im Rathaus geführt. Und auch vor und nach seinen Besuchen Mails ausgetauscht.Doch es war ihm vor allem auch immer ein Anliegen, egal ob bei Beth Shalom in England oder in den Lingener Schulen, aus seinem Leben zu erzählen. Bernhard Grünberg mahnte besonders die jungen Menschen, dass sich so etwas niemals wiederholen dürfe. Seine zahlreichen Vorträge und sein Engagement gegen Antisemitismus und Rassenwahn bleiben unvergessen.
Neben den Erinnerungen in unseren Köpfen finden sich hier in Lingen auch an vielen Orten Spuren von Bernhard Grünberg, seinen Eltern und seiner Schwester: Der Gedenkstein zur Erinnerung an seine Familie, den wir hier sehen, wurde 1998 gemeinsam mit Bernhard Grünberg enthüllt. Stolpersteine in der Georgstraße erinnern an das Schicksal der Familie Grünberg und ihrer Angehörigen. Bernhard nahm an der Einweihung der Jüdischen Schule teil und schmiedete das Tor zum Eingang des Lern- und Gedenkortes. Zudem trägt eine Straße im Emsauenpark seinen Namen. Bei seinen letzten Aufenthalten in Lingen besuchte er regelmäßig die Bernhard-Grünberg-Straße und traf sich mit den Anwohnern – Begegnungen, die sicherlich allen immer im Gedächtnis bleiben werden.
Lassen Sie uns diese vielen Erinnerungen an ihn wachhalten und weitertragen. Möge sein Tod ein Vermächtnis sein, uns auch in Zukunft aktiv gegen Antisemitismus, Rassenwahn und Fremdenfeindlichkeit einzusetzen und dafür zu sorgen, dass sich solch schreckliche Ereignisse, die unser menschliches Vorstellungsvermögen übersteigen, niemals wiederholen.
Mit der Beerdigung heute erfüllen wir den letzten Wunsch unseres Ehrenbürgers, ihn hier auf dem Jüdischen Friedhof in Lingen beizusetzen, wo auch der Gedenkstein zur Erinnerung an seine Familie steht. Wir treten ihm mit größtem Respekt und Hochachtung gegenüber und werden in auch nach seinem Tod gebührend in Ehren halten. Wir sind ihm unendlich dankbar für seine menschliche Größe, die er uns erwiesen hat und sein unermessliches Engagement. Er hat nun seine letzte Ruhestätte in unserer Stadt gefunden. Ein Ort, an dem wir uns an ihn erinnern und seiner gedenken können.
Ich danke Ihnen für Ihre Anteilnahme.“


 

Nachtrag:

Der Verstorbene wuchs in Lingen (Ems) als Bernhard Grünberg auf. Nach Jahren in England schrieb der Verstorbene seinen Namen englischsprachig: Bernard Grunberg.
Foto: Jüdischer Friedhof in Lingen (Ems) © Forum Juden Christen

eingestellt

31. März 2021

Die Generalstaatsanwaltschaft Celle hat das Ermittlungsverfahren gegen den aus den USA nach Deutschland ausgewiesenen ehemaligen KZ-Wächter Friedrich Karl Berger wegen des Verdachts der Beihilfe zum Mord erneut eingestellt. Dem 95-Jährigen war zur Last gelegt worden, als Wachmann im Konzentrationslager Neuengamme, Nebenlager Meppen-Dalum (Foto) oder Meppen-Versen, zwischen dem 28. Januar 1945 und dem 4. April 1945 insbesondere durch die Bewachung eines Marsches zur Evakuierung der Nebenlager einen Beitrag zum Tod vieler Gefangener geleistet zu haben.

In Versen und Dalum hatte die SS seit November 1944 Außenlager des KZ Neuengamme eingerichtet. 4.000 Häftlinge aus Neuengamme mussten Panzergräben ausheben und gebunkerte Unterstände errichten, die das Vorrücken alliierter Truppen im Emsland stoppen sollten. Im Winter 1944/45 waren die Häftlinge in unzureichender Kleidung und undichten Baracken härtesten Witterungsbedingungen und Krankheiten ausgesetzt. Mehr als 600 Menschen starben.

Im März 1945 kamen dann auf dem Rückmarsch der KZ-Gefangenen nach Neuengamme „unter unmenschlichen Bedingungen“ rund 70 Häftlinge ums Leben. Berger, ein abkommandierter Marinesoldat, sei dabei als Wachmann eingesetzt gewesen. Generalstaatsanwaltschaft hatte das Ermittlungsverfahren bereits Ende November 2020 eingestellt, weil ein hinreichender Tatverdacht nicht zu begründen sei.

Nachdem der Berger am 20. Februar aus den USA nach Deutschland abgeschoben worden war und seine grundsätzliche Aussagebereitschaft signalisiert hatte, wurden die Ermittlungen wieder aufgenommen, um dem Beschuldigten rechtliches Gehör zu gewähren. Ein Verteidiger erklärte nach Rücksprache mit seinem Mandanten, dass dieser für eine verantwortliche Vernehmung als Beschuldigter nicht zur Verfügung stehe, hieß es in einer Mitteilung der Celler Staatsanwaltschaft am Mittwoch. Nach Ausschöpfen sämtlicher Beweismittel stellte die Generalstaatsanwaltschaft daher das Ermittlungsverfahren daraufhin erneut mangels hinreichenden Tatverdachts ein.

Der Deutsche war nach dem 2. Weltkrieg zunächst nach Kanada ausgewandert. Seit 1959 hatte er dann in den USA gewohnt – jahrzehntelang war seine Vergangenheit unbekannt. Erst die Auswertung der Personalkartei des KZ Neuengamme führte die Ermittler auf seine Spur: Am 3. Mai 1945, also unmittelbar vor dem Kriegsende, hatten im emsländischen Lünne gestartete Kampfbomber der Royal Air Force zwei, als schwimmende KZ in der Lübecker Bucht genutzte Schiffe angegriffen und versenkt. Auf dem ehem. Passagierschiff  „Cap Arcona“ starben dabei 4.600 KZ-Gefangene aus Neuengamme, auf dem ebenfalls versenkten Frachter „Thielbek“ weitere 2.800 Menschen. Später wurden in den untergegangenen Schiffen die Karteikarten der KZ-Wachmannschaften gefunden. Ihre Auswertung führte dann schließlich zu Berger. Nach Angaben der US-Behörden gestand Berger dann, als Wachmann in einem der beiden emsländischen Außenlager des Hamburger KZ Neuengamme Gefangene bewacht zu haben.

Eine US-Bundesrichterin in in Memphis (Bundesstaat Tennessee) ordnete daraufhin seine Abschiebung an. Die deutsche Justiz nahm die Ermittlungen gegen B. im Jahr 2020 auf, stellte sie mangels hinreichenden Tatverdachts aber Ende 2020 ein. Damals hieß es: „Die eingeräumte Bewachung von Gefangenen in einem Konzentrationslager, das nicht der systematischen Tötung der Gefangenen diente, reicht als solche für einen Tatnachweis nicht aus.“ Die Ermittlungen in den USA hätten den Beschuldigten nicht mit einer konkreten Tötungshandlung in Verbindung gebracht.

( Foto: Oben: ufnahme von CC Frank Vincentz CC BY-SA 3.0 via wikipedia; unten: lumbricus )