Der Hauptmann

17. Januar 2018

Es ist eine schreckliche Mordgeschichte aus der NS-Zeit am Ende des Zweiten Weltkrieges, die jetzt als Spielfilm in die Kinos kommt:

1943 als Schornsteinfegerlehrling zum Wehrdienst eingezogen wurde Willi Herold Anfang April 1945 von seiner Einheit getrennt und fand nahe Bardel (Obergrafschaft Bentheim) eine Offizierskiste mit der Uniform eines Hauptmanns der Luftwaffe. Fortan gab er sich mit dieser Uniform als Offizier aus und sammelte ein Dutzend ebenfalls versprengter Soldaten um sich und gelangte am 11. April 1945 zum Lager II der Emslandlager, dem Strafgefangenenlager Aschendorfermoor. Mit den Worten „Der Führer persönlich hat mir unbeschränkte Vollmachten erteilt“ übernahm der gerade einmal 18jährige dort das Kommando und errichtete ein Schreckensregiment. Häftlinge, die kurz vorher einen Fluchtversuch unternommen hatten, wurden sofort erschossen. Innerhalb der nächsten acht Tage ließ Herold über 100 Lagerinsassen ermorden, einige ermordete er eigenhändig.

Nach einem schweren Luftangriff gelang den meisten überlebenden Häftlingen die Flucht. Auch die Einheit von Herold setzte sich vor der vorrückenden Front ab und beging letzte Kriegsverbrechen. Der Bauer Spark aus Börgermoor, der die weiße Fahne gehisst hatte, wurde von Herolds Leuten gehängt, und vor der Stadt Leer wurden fünf Niederländer Johannes Gerhardus Kok, Kornelis Pieter Fielstra, Johannes Adrianus Magermans, Carolus Henricus Hubertus Magermans und Johannes Verbiest wegen angeblicher Spionage nach zehnminütigem Scheinprozess ermordet; diese Männer waren aus dem bereits befreiten Groningen gekommen, um niederländische Zwangsarbeiter zu befreien (oben: die 2013 enthüllte Tafel zum Gedenken an die fünf Ermordeten am Rathaus Leer).

Herolds Täuschung flog noch vor Kriegsende auf, ein deutsches Militärgericht ließ Herold jedoch laufen. Nach Kriegsende tauchte Herold zunächst unter und ging aber durch einen Zufall – er stahl Brot in Wilhelmshaven- der britischen Militärregierung ins Netz. Im August 1946 begann vor dem Britischen Militärgericht in Oldenburg der Prozess gegen Herold und 13 weitere Angeklagte. Sie wurden für die Ermordung von 125 Menschen verantwortlich gemacht. Herold, der als „Henker vom Emsland“ berüchtigt wurde, und sechs weitere Mitangeklagte wurden zum Tode verurteilt, fünf andere freigesprochen. Am 14. November 1946 wurden sechs der Urteile im Gefängnis von Wolfenbüttel von Scharfrichter Friedrich Hehr mit dem Fallbeil vollstreckt; das siebte Todesurteil war aufgehoben worden.

„Der Hauptmann“ – ab 15. März in den Kinos.

Lingen im 19. Jhdt.

16. Dezember 2017

Lingen im 19. Jahrhundert
Herbstvortrag des Stadtarchivs von Dr. Mirko Crabus
Lingen (Ems) – Professorenhaus, Universitätsplatz 5/6
Di 19.12. – 19 Uhr

Eintritt frei

Im Mittelpunkt steht die Entwicklung Lingens zwischen 1815 und 1904.

1815 wird Lingen Teil des Königreichs Hannover. Doch ein wirtschaftlicher Aufschwung bleibt zunächst aus. Lingen habe, so ein Zeitgenosse, eine Kaserne ohne Soldaten und einen Hafen ohne Schiffe. Dann aber erhält Lingen 1856 den Anschluss an die Hannoversche Westbahn (Bahnhof Lingen – Farbstiftzeichnung von Friedrich Gottlieb Müller um 1860 © Stadtarchiv Lingen), das Eisenbahnausbesserungswerk entwickelt sich bald zum größten Arbeitgeber der Stadt und die Bevölkerungszahlen steigen deutlich. Der Ems-Vechte-Kanal wird eröffnet, dann der Dortmund-Ems-Kanal. 1904 schließlich bricht die Kleinbahn Lingen-Berge-Quakenbrück zu ihrer ersten Fahrt auf.

All das hat auch Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben. Das gerade gegründete Bonifatius-Hospital muss schon bald erweitert werden, und der Lingener Viehmarkt erlangt überregionale Bedeutung. Durch die Industrialisierung entsteht aber auch eine neue Form von Armut. Arbeiterinnen und Arbeiter leiden oftmals unter niedrigen Löhnen und widrigen Arbeitsbedingungen. Dennoch findet die Sozialdemokratie in Lingen nur wenige Fürsprecher. Vielmehr sind es die katholischen Zentrumsanhänger und die protestantischen Nationalliberalen, die sich in Lingen während des Kulturkampfes erbitterte Auseinandersetzungen

Mehrheitlich

8. Dezember 2017

Dürfen Demokraten mittels propagandistischer Nazi-Kunst an tote Soldaten der beiden Weltkriege erinnern? Das Thema stand gestern auf der Tagesordnung des Lingener Kulturausschusses. In einer ernsten Debatte befasste sich das Gremium mit dem Vorhaben, eine 4 x 2 m (!) große Gedenktafel an der Halle IV zu installieren – wenige Schritte neben dem Eingang der Kunsthalle. Diese Tafel war an anderer Stelle des Reichseisenbahn-Ausbesserungswerks im Jahr 1936, also zu tiefsten NS-Zeiten, mit großem öffentlichen Helden-Tamtam enthüllt worden. Sie nennt die Namen der als Soldaten gefallenen Arbeiter des „EAW“  des 1. Weltkriegs. Nach 1945 übernahm man im „EAW“ die „Heldentafel“ und ergänzte sie um die vielen Toten des 2. Weltkriegs.

Dabei spiegelt das Relief typische Nazi-Ästhetik, also Kunstsprache der Nationalsozialisten, wider – ganz im Sinne Hitlers: „Blut und Rasse werden wieder zur Quelle der künstlerischen Intuition“. Ist die heroisierend-völkische Darstellung mit einem Soldaten auf der einen und einem, ihm  und den Namen  der „Gefallenen“ zugewandten Arbeiter auf der anderen also überhaupt eine Gedenktafel?

Den SPD-Ratsmitgliedern erschließt sich die Frage gar nicht. Sie lassen gleich doppelt die notwendige kritische Reflexion vermissen. Die SPD will das Objekt im Original und zudem nur wenige Schritte neben dem Eingang zur Kunsthalle präsentieren; denn dort sei eben der einzige „geeignete freie Platz“ an der ehemaligen Werkshalle,  auch „wenn da zufällig die Kunsthalle ist“ (Edeltraut Graeßner, SPD). Jeder spürte gestern sofort die Oberflächlichkeit dieser Position: Die SPD erkennt die historische Funktion der angeblichen Gedenktafel nicht und präsentiert damit nichts anderes als Geschichtslosigkeit.

Unisono machten Grüne, FDP und BürgerNahe gestern deutlich, dass sie diese Form des Gedenkens und damit diese Tafel nicht wollen. Auch die in den Kulturausschuss hinzu gewählten „sachkundigen Bürger“ argumentierten gegen die Tafel, nachdrücklich beispielsweise Kunsthallendirektorin Meike Behm „in einem Plädoyer“ an den Ausschuss. Harald Volker Sommer (TPZ) fragte rhetorisch, ob man auch so entscheiden würde, würde das Reflief „nur einen Millimeter weitergehen und Hakenkreuze zeigen“, und Studiendirektor Martin Kolbe zeigte sich fassungslos-empört über das Vorhaben.

Das Problem erkennen offenbar auch Teile der CDU, in der heftig über die Tafeln diskutiert wurde. Dies verriet Ratsmitglied Björn Roth im Kulturausschuss und sagte, die CDU sei „mehrheitlich“ dafür, wie geplant die Tafel an der Halle IV (neben dem Eingang zu moderner Kunst) zu installieren. Hoffen wir, dass sich dies noch ändert. Ein Schritt dazu könnte sein, dass der Kulturausschuss sich zunächst die monumentale Tafel in Natura ansehen will und den Beschluss gestern vertagte.

Dann dürfte hoffentlich auch ihren Befürwortern klar werden, dass sie nur vordergründig an die Toten erinnert, sie den Krieg in Wahrheit aber bloß verherrlicht und ihn damit vorbereitet. Das sehen sie nämlich. Übrigens: Angebracht wurde die Tafel 1936, nur gut drei Jahre später begann durch Deutsche das kriegerische Morden.

Damit wir uns richtig verstehen: An die Toten der beiden Weltkriege und an den unendlichen Schrecken aller Kriege muss erinnert werden – nicht nur an tote Soldaten, sondern an alle Opfer! Doch niemals darf dies mit NS-Propaganda-Bildern geschehen, die in Wahrheit den Krieg nicht als grausames Schlachten sondern als etwas Heldenhaftes, Ehrenvolles verklären. In Wahrheit gedenken sie damit gar nicht.

 

Aus der Reihe Mittwochs im Museum
Als das Fräulein vom Amt verstummte
Lingen (Ems) – Emslandmuseum, Burgstraße 30 a
Mi 6.12.2017 – 16 Uhr und 19.30 Uhr
Eintritt: 5 € bzw. 3 € für Heimatvereinsmitglieder

Erst 50 Jahre ist es her, seit im Lingener Fernmeldeamt die letzte Telefonvermittlung durch ein „Fräulein vom Amt“ von Hand vermittelt wurde. Darin erinnert die Vortragsreihe „Mittwochs im Museum“ am 6.12. (Mi., 16 und 19.30 Uhr) mit einer Veranstaltung rund um die Telefongeschichte von Lingen. Mit dabei ist als Zeitzeugin auch Elisabeth Kremer, geb. Fockers aus Salzbergen. Die gebürtige Salzbergenerin gehörte am 20. Dezember 1967 zur letzten Nachtschicht der „Fernmelde-Handvermittlungsstelle Lingen“. Auch einige ihrer Kolleginnen von damals haben sich bereits angekündigt. Den passenden Rahmen für die Veranstaltung bietet die laufende Sonderausstellung „Bandsalat und Waschbeton“ über die 60er und 70er Jahre.

1952 wurde in Lingen hinter dem Postamt ein eigenes Fernmeldeamt eingerichtet. Wie viele andere junge Frauen hatte auch Elisabeth Fockers dort eine Anstellung als „Fräulein vom Amt“ gefunden. Im Schichtbetrieb stöpselten bis zu 24 Damen – bei Herren war diese Tätigkeit offenbar nicht so beliebt – die Gesprächsverbindungen für die Orts- und Ferngespräche. Zu Stoßzeiten, aber auch an Feiertagen wie Weihnachten, Silvester oder Ostern herrschte Hochbetrieb.

Doch dann änderte die Selbstwähltechnik alles. 1963 richtete die Post in Lingen eine „Hauptvermittlungsstelle“ ein, die 10.000 „Selbstwählferngespräche“ täglich absolvieren konnte. Damit wurde auch im Emsland die sogenannte „Landesfernwahl“ möglich – Auslandsgespräche mussten auch weiterhin von Hand vermittelt werden. Was den Wähldienst erheblich vereinfachte, kostete damals viele Arbeitsplätze. Daran erinnert ein Gedicht von Helga Kreft, die damals ebenfalls im Vermittlungsdienst bei der Post tätig war und heute zum Vorstand des Lingener Heimatvereins gehört. Sie gehörte damals zu den wenigen Beschäftigten, die im Fernmeldedienst bleiben konnten, während zahlreiche Kolleginnen in andere Berufe wechselten. Die damals im Fernmeldeamt aufgestellten „Selbstwählzentralen“ mit voluminösen Schaltschränken wurden keine zwei Jahrzehnte später von der digitalen Technik überholt.
Welchen rasanten technischen Wandel die Telekommunikation in den letzten gut 100 Jahren erfahren hat, zeigt auch jenes Originaltelefon, das 1906 bei der ersten Verteilung der Telefonnummern in Lingen die Anschlussnummer 1 erhielt. Es hat kein Display und keine Wählscheibe, das Rufsignal musste mit einer Handkurbel betätigt werden. Dieses Telefon gehörte damals der Familie Klukkert, die an der Stelle des heutigen Arbeitsamtes einen Landhandel betrieb. Das wertvolle historische Gerät wurde dem Emslandmuseum von einem Nachfahren aus Rheine übergeben.

Tanzende Bauern

5. Dezember 2017

Tanzende Bauern und betrunkene Studenten
Vortrag zur Trink- und Festkultur im früh-neuzeitlichen Lingen
Lingen (Ems) – Gaststätte Timmer, Forstweg 57
Do 07.12.2017 – 18.00 Uhr
Eintritt: frei

Zu einer adventlichen Vortragsveranstaltung lädt der „Arbeitskreis Lingener Familienforscher“  ein. Im Mittelpunkt der Veranstaltung steht ein Vortrag von Stadtarchivar Dr. Mirko Crabus über „Tanzende Bauern und betrunkene Studenten.“ Dabei geht es um die Trink- und Festkultur im frühneu-zeitlichen Lingen. Vor allem Soldaten, Studenten und Bürgersöhne feierten kräftig und wurden so immer wieder aktenkundig. Doch Fest ist nicht gleich Fest. Neben den von der Obrigkeit als ausschweifend bekämpften Feierlichkeiten der breiten Bevölkerung gab es auch von oben verordnete Feste.

„Nach Vortrag und Diskussion ist ein gemeinsames Abendessen vorgesehen. In netter Runde besteht Gelegenheit mit Kolleginnen und Kollegen genealogische Erfahrungen auszutauschen.“

Zu der im wahrsten Sinne lokalgeschichtlichen Veranstaltung musste man sich „eigentlich“ bis Sonntag, 3.12. anmelden. Doch vielleicht versucht man’s einfach mit einer nachträglichen Anmeldung hier oder fragt, ob man nach dem Vortrag und Diskussion ohne Essen gehen darf.

 

(Grafik Die Hohe Schule in Lingen“ – altkolorierter Kupferstich von Romeyn de Hooghe,  ca. 1700)

Wortlaut

12. November 2017

Als Nachtrag hier iM Wortlaut die Rede am 9. November von Gerhard Kastein am Stolperstein für die Lingenerin jüdischen Glaubens, Henriette Flatow, die im KZ Theresienstadt (Nazisprech: „Altersghetto“) ermordet wurde. Der Stolperstein befindet sich vor dem Alten Krankenhaus in der Gymnasialstraße. Die Rede:

„Wir befinden uns hier an einem Ort in Lingen, wo -bislang einmalig- ein Stolperstein und ein Straßenschild in unmittelbarer Nähe auf die Gräuel der deutschen Vernichtungsmaschinerie in Bezug auf eine ehemalige Lingenerin hinweisen.

Diese Todesfallanzeige Henriette Flatows im Ghetto Theresienstadt  zeigt, wie exakt der Ältestenrat des Ghetto Theresienstadt, sicher im Sinne deutscher Gründlichkeit durch die Besatzer, die Todesbuchführung erledigte.

Nun könnte ich eigentlich schon den Vortrag beenden. Doch das wäre der Person und der Intension unseres Treffens nicht angemessen.

Wer also war Henriette Flatow?

Henriette Flatow wurde 1866 in Wormditt (heute Orneta), Kreis Braunsberg in Ostpreußen geboren. Sie wuchs dort mit zwei Geschwistern Aurelia Rachel und Louis auf. Im Jahr 1915 zog sie von Rheine nach Lingen in die Rheinerstr. 57. Wie und warum, bleibt bislang im Dunkeln.

Im September 1921 verlegte sie den Wohnsitz in die Kaiserstr. 20, direkt dem damaligen Eisenbahnausbesserungswerk gegenüber. Als Pfründnerin schrieb sich Henriette Flatow im September 1929 in das Bonifatius Hospital ein. Sie war dort wahrscheinlich als Küchenhilfe tätig. (In der Meldekartei der Stadt wird sie als Invalide, im Adressbuch als Rentnerin geführt).

Ab 1933 wird sie sicherlich auch die Diskriminierung des Regimes mehr oder wenig stark ertragen habe. Die massive Flut von Gesetzen, Erlassen und Verfügungen dienten alle dazu, diese Bürgerinnen und Bürger des Deutschen Reiches zu entwürdigen. Eine inhumane Bürokratie machte es möglich. Da war zum Beispiel das Verbot des Haltens von Haustieren. Auch diese mussten getötet werden, selbst ein Verschenken an „arische“ Bekannte oder Freunde war nicht zulässig. Jeder heutige Tierbesitzer möge sich das vorstellen.

Ende 1941 wurden alle Juden verpflichtet, in ein so genanntes „Judenhaus“ einzuziehen. Henriette Flatow wurde dieser Einzug in ein „Judenhaus“ erspart.

Trotzdem wurde sie am 29. Juli 1942 mit dem Zug nach Münster deportiert. Zwei Tage später erfolgte der Transport in das Ghetto Theresienstadt. Ihr Tod wurde laut der Todesfallanzeige am 20. Juli 1943 pedantisch mit exakter Uhrzeit protokolliert. Die Beerdigung erfolgte dann zwei Tage später ebenfalls in Theresienstadt

Jahrzehnte wurden die jüdischen Bürgerinnen und Bürger Lingens in der breiten Öffentlichkeit buchstäblich vergessen. Sicher hat sich die Stadt Lingen mit der Renovierung der seinerzeit zum Pferdestall gemachten jüdischen Synagogenschule des Problems des Nichtvergessens angenommen. Auch fanden zwei große Gedenksteine zum Nichtvergessen Platz, allerdings im „Hinterhof“.

Im Jahr 1997 verlegte der Künstler Gunter Demnig in Köln sogenannte Stolpersteine, ein Exemplar für Henriette Flatow liegt vor ihnen, im Sinne des Erinnerns in ihrer Heimatstadt.

Dieses Projekt wurde Anfang des 21. Jahrhundert von der Ratsfraktion der SPD diskutiert und fand dann seinen Weg zur Realisierung durch einen Antrag, wie das demokratisch so üblich ist, in den Kulturausschuss des Rates. In der Sitzung des Ausschusses vom 20. Januar 2003 stimmte die Ausschussmehrheit dieser Empfehlung der Verwaltung zu:

„Es wird vorgeschlagen, diese Gedenkorte [gemeint sind die jüdische Schule, die beiden Gedenksteine …] auch in Zukunft [gemeint ist hier ausschließlich] in den Mittelpunkt des Erinnerns zu stellen. Das Projekt des Künstlers Demnig sollte daher in der Stadt Lingen (Ems) nicht umgesetzt werden“.

Übrigens wurden hier keine öffentlichen Gelder gefordert – alles werde über Spenden erfolgen. Wie gesagt: Die Ausschussmehrheit stimmte dem Verwaltungsvorschlag zu.

Nach zwei Jahren intensiver Vorarbeit wurden dann doch 12 Stolpersteine, u.a. auch der vor ihnen liegende, ins Pflaster unserer Stadt gemauert. Jetzt war der Bann gebrochen. Am 29. Juli 2002 wurde die hinter ihnen liegende Straße als Henriette-Flatow-Straße durch den damaligen Oberbürgermeister Heiner Pott feierlich eingeweiht. Es folgten zwei weitere Stolpersteinverlegungen und das Benennen von Straßen mit den Namen unserer verfolgten Mitbürger.

Es hat sich in diesem Prozess gezeigt, dass eine offene Gesellschaft immer der Mehrheit bedarf. Gedenkarbeit, und das findet hier gerade statt, ist für die Zukunft unserer Demokratie unabdingbar. Unsere offene Gesellschaft hat voraussichtlich weiterhin viele Probleme zu erwarten – ihre Gegner stehen bereit. Denn wie sagte es Harald Welzer:

‚Es ist einfacher, für die Demokratie zu kämpfen, solange es sie noch gibt.‘Danach wird es erheblich schwerer.“

 

ESV

11. November 2017

Vor 90 Jahren gründete sich der Eisenbahner Sportverein Lingen – kurz: ESV Lingen. Aus diesem Anlass gibt es jetzt eine Ausstellung über den Verein und zwar dort, wo er gegründet wurde, im damaligen Eisenbahnausbesserungswerk.

Vorgestellt werden die Geschichte des einst größten Arbeitgebers unserer Stadt wie auch die sportliche Entwicklung des ESV: 1927 ging es los. Das Gelände der „Emsbadeanstalt“ wurde gepachtet und  in über 1000 ehrenamtlich geleisteten Arbeitsstunden kultiviert. Es entstanden Sportanlagen und zwei Behelfsumkleideräumen los. Am Dortmund-Ems-Kanal wurde ein erstes kleines Bootshaus errichtet – für zunächst ein Ruder- und zwei Paddelboote.

Neben vielen historischen Fotos sind auch humorvolle Bilder und Anekdoten zu sehen.  Die Ausstellung ist noch bis zum 25. November täglich von 10 bis 18 Uhr im Hochschulcampus Lingen zu sehen, der Eintritt ist frei.

Wortlaut

10. November 2017

Hier der Wortlaut der Rede von Benno Vocks bei der Gedenkfeier zur Erinnerung an das Novemberpogrom 1938 gestern Abend am Gedenkort Jüdische Schule in Lingen(Ems):

„Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir dürfen Sie hier am Gedenkort Jüdische Schule ganz herzlich begrüßen. Ein besonderer Gruß gilt dem „Lingener Flüchtlingsforum für Integratiuon und Menschenrechte“  mit ihrem Vorsitzenden, Herrn Jean-Marie Minani. Dieses Forum bemüht sich um eine selbständige und verbesserte Kommunikation zwischen Flüchtlingen und Asylbewerbern einerseits und den Behörden und Bewohnern unserer Stadt andererseits….

In Lingen wurde zweimal gefackelt am 9. November 1938. Welch großer Kontrast – welch beklemmender Zusammenhang!

Wie die Zeitung Neue Volksblätter vermeldete, loderten zu beiden Seiten des Saales der Wilhelmshöhe Hunderte von Fackeln zu Ehren der Opfer der Bewegung am 9. November 1923, dem Tag des Hitler-Putsches in München. Zuvor hatte man am Kriegerehrenmal am Neuen Friedhof die Toten geehrt und anschließend gingen die Nationalsozialisten zum Grab von Gottfried Talle.

Dieser Lingener Polizist, der keiner Nazi-Organisation angehörte, war im Jahre 1932 als Polizist in Bremen bei einer kommunistischen Gegendemonstration gegen Nationalsozialisten durch eine Bombenexplosion ums Leben gekommen. Ihn vereinnahmte der hiesige Bürgermeister dreist und verlogen bei seiner Rede als Kämpfer und Opfer für Hitler.

Stunden später loderten die Flammen zum zweiten Mal in Lingen: hier in der jüdischen Synagoge. Und die Reaktion dazu in der Lingener Zeitung? Keine!

Wohl aber lesen wir Aussagen von Joseph Goebbels zu dem Mord des 17jährigen Herschel Grünspan an den deutschen Botschafter von Rath in Paris. Ich zitiere: Die berechtigte und verständliche Empörung des deutschen Volkes über den feigen Mord hat sich in der vergangenen Nacht in umfangreichem Maße Luft verschafft. In zahlreichen Städten und Orten wurden Vergeltungsaktionen gegen jüdische Gebäude und Geschäfte vorgenommen. Es ergeht nunmehr die strenge Aufforderung, von allen weiteren Maßnahmen gegen das Judentum abzusehen. Die endgültige Antwort auf dieses Verbrechen wird auf dem Wege der Gesetzgebung gegen das Judentum erteilt werden.

An anderer Stelle lesen wir: Trotzdem hat sich die Vergeltungsaktion gegen die Juden in einer äußerst disziplinierten Form vollzogen. In Deutschland wurde nicht einem Juden ein Haar gekrümmt.  Zitat Ende

Und geschah hier in Lingen am nächsten Tag? Mit Fredy Markreich, dessen Geschäft in der Großen Straße ausgeplündert und zerstört wurde? Mit Hugo Hanauer? Mit Wilhelm Heilbronn, dem Vater von Ruth Foster? Mit Neumann Okunski, der halbangezogen die Treppe heruntergeworfen wurde – hier gegenüber? Mit dem Synagogenvorsteher Jakob Wolff? Mit Bendix Grünberg, dessen Sohn [und Ehrenbürger der Stadt Lingen(Ems)] Bernard sich hoffentlich nach seiner Operation erholen und im nächsten Frühjahr hier seinen 95. Geburtstag feiern kann.

Diese sechs Lingener Mitbürger wurden ins KZ Buchenwald verschleppt und Wochen später nach ihrer sogenannten Freilassung unter Androhung der Todesstrafe zum Schweigen verpflichtet.

Lassen Sie mich nun einige persönliche Gedanken aufgreifen: Im Jahre 1963 lasen wir Schüler mit Dr. Göken im Deutschunterricht am Georgianum die Erzählung von Albrecht Goes: Das Brandopfer.

In dieser Erzählung geht es darum, dass eine Metzgersfrau in einer deutschen Kleinstadt dazu bestimmt ist, als einzige knapp vor dem Sabbat Fleisch an die Juden auszugeben. Ihre winzigen Möglichkeiten zu helfen bestehen darin, eventuell eine Nachricht von einer Jüdin zur anderen in das Papier der minimalen Fleischration einzuwickeln oder ein freundliches Wort zu wechseln.

Bei einem Bombenalarm während des Krieges bleibt sie in ihrer Wohnung. Sie will sich in ihrer Barmherzigkeit opfern wegen ihrer Schwäche und vermeintlichen Schuld. Sie wird aber von einem Juden aus dem brennenden Haus geborgen. Diesem war wegen seines Judensterns auf dem Mantel der Zutritt zum Bunker verweigert worden. Das Opfer wird aber von Gott, wie der Theologe Albrecht Goes sagt, nicht angenommen. Aber seit diesem Zeitpunkt nimmt die Metzgersfrau als Zeichen ihrer „passiven Schuld“ ein Brandmal in ihrem Gesicht an.

Ein Satz aus dieser Erzählung ist seit meiner Schülerzeit mir äußerst intensiv im Gedächtnis hängengeblieben:

Sabine, die Tochter eines jüdischen Verlegers, fragt zunächst ihre Mutter nach dem Verbleib ihrer Freundin Rebecca, die plötzlich verschwunden ist: Die Mutter sagt aus Angst vor der Wahrheit mit dem Satz „Sie ist verreist!“ die zweifache Unwahrheit. Sie ist nicht VERREIST. Und wenn schon: Dann WAR sie verreist. Sabine löchert nun ihren Vater immer wieder „Wo ist Rebecca?“, bis er antwortet: REBECCA IST IN DIR!

Rebekka ist in dir. Ist das nicht auch immer wieder unser Auftrag: sie, die Ermordeten in uns aufzunehmen, ihrer zu gedenken und ihnen wieder einen Namen zu geben?

Schauen wir nur auf diese Gedenktafel, auf Straßennamen und die Stolpersteine in unserer Stadt.

Auch die Probleme der heutigen Flüchtlinge und Asylbewerber werden Fall identischer, wenn wir nicht von DEN Flüchtlingen und Asylbewerbern sprechen, sondern sie beim Namen nennen, zum Beispiel Ahmed oder Saphira, Mahmood oder Okbeab, so wie es auch sicher die Flüchtlingshelfer unter uns machen.

Wir wollen gleich anschließend bei der Mahnwache an dem Stolperstein zwischen altem Krankenhaus und der Stadtbücherei der unscheinbaren Frau Henriette Flatow wieder einen Namen geben und die Erinnerung an sie und die anderen ermordeten Mitbürger in uns tragen. Zu dieser Mahnwache mit Herrn Kastein darf ich Sie noch sehr gerne einladen.“

Schürze

27. Oktober 2017

„Angebandelt – Ein Date mit der Schürze“

Nordhorn – Stadtmuseum im NINO-Hochhaus, NINO-Allee 11
So 29.10.2017, 11.00 Uhr

Öffentliche Führung

und

Sonntag, 5. November, 11 Uhr
Szenische Lesung mit Reinhard Prüllage

jeweils Eintritt: 5 Euro/erm. 3 Euro

Schürzen – veraltet, hoffnungslos altbacken und überhaupt nicht mehr modern? Mitnichten! Schürzen werden immer noch zu vielen Anlässen getragen: im Garten, beim Kochen, auf Volksfesten oder in bestimmten Berufen; ob selbstgenäht, humorvoll bedruckt oder sachlich schlicht und praktisch. Schürzen sind immer noch allgegenwärtig – für ältere wie jüngere Frauen, Männer wie Kinder. Über den praktischen Zweck hinweg, nehmen sie für ihre Besitzer oft eine ganz persönliche Bedeutung ein: Sie sind Zeichen von Prestige, Teil der Berufskleidung, dienen als Zierde oder Teil von Brauchtum. Mit dem Trend des Selbernähens sind auch die Schürzen wieder groß in Mode gekommen.

Für die Nordhorner Industriegeschichte ist die Bedeutung der Schürze eine überaus große: Mit der Massenproduktion des ‚Waterstoffs‘ – einem besonders robusten, für Schürzen sehr beliebtem Baumwollstoff des 19. Jahrhunderts – gab die Textilfabrik Povel den entscheidenden Anstoß zur hochindustriellen Massenproduktion der Textilindustrie in Nordhorn. ‚Waterstoffe‘ waren sehr gefragt: Man nähte Kleidung noch selbst; das Reinigen war zeitaufwändig und arbeitsintensiv. Dass die Bedeutung der Schürze über Arbeit und Alltag hinausreich, in welchen Formen Schürzen getragen wurden und bis heute getragen werden, zeigt die Sonderausstellung „Angebandelt. Ein Date mit der Schürze“ noch bis zum 5. November im Stadtmuseum Nordhorn im NINO-Hochbau.

Die Ausstellung wurde vom Stadtmuseum Deggendorf, dem Textilmuseum Neumünster und Studierenden des Lehrstuhls für Vergleichende Kulturwissenschaften an der Universität Regensburg in Kooperation erarbeitet. In Nordhorn wird sie ergänzt um die Geschichte der Waterschürzen, und sie spannt den Bogen bis zur Schürze aus der Grafschafter Textilindustrie heute als Teil moderner Berufsbekleidung des 21. Jahrhunderts.

Mehr im Ems-Vechte-Welle-Podcast

 

(Quelle. Stadtmuseum Nordhorn)

Die Prozesse des Abraham Abraham
Einblicke in das 18. Jahrhunderts
Herbstvortrag des Stadtarchivs von Madeleine Gänge
Lingen (Ems) – Professorenhaus, Universitätsplatz 5/6
Heute, 24. Okt. – 19 Uhr

Eintritt frei

Zum Auftakt der Herbstvorträge des Lingener Stadtarchivs spricht die angehende Kulturwissenschaftlerin Madeleine Gänge über jüdisches Leben im 18. Jahrhundert. Ihr Thema sind „Die Prozesse des Abraham Abraham“

1763 kam Abraham Abraham – ein sog. „Schutzjude“ – nach Lingen (Ems) und starb hier 1807 in hohem Alter. Abraham, der im Hause Burgstraße 14 wohnte (auf dem Foto das rechte Gebäude), war ein Bürger, der besonders häufig verklagt wurde und noch häufiger eigene Klagen einreichte. „Wir sind in der glücklichen Situation, dass zahlreiche Akten der in Lingen geführten Zivilprozesse noch heute erhalten sind. Diese Akten erzählen von den konkreten Lebensumständen der Kläger und der Beklagten“, berichtet Stadtarchivar Dr. Mirko Crabus. „Seine Akten vermitteln ein sehr lebendiges Bild vom Alltag eines Lingener Juden im 18. Jahrhundert“, erläutert Madeleine Gänge, die Abrahams Akten im Lingener Stadtarchiv eingehend ausgewertet hat. In seinen Gerichtsverfahren sei es um unbezahlte Rechnungen, aber beispielsweise auch um Beleidigungen gegangen. „In all den Berichten werden auch die schwierigen Rahmenbedingungen sichtbar, mit denen ein Jude im Preußen des ausgehenden 18. Jahrhunderts zu kämpfen hatte“, verrät Madeleine Gänge.


Die Vortragsreihe wird am Dienstag, 28.11. 2017 im Professorenhaus mit einem Reisevortrag von Ulli Brinker über „Namibia“ fortgesetzt.

(Foto: Stadtarchiv Lingen)