Heute vor 10 Jahren

10. September 2021

Ich hatte schon gar nicht mehr daran gedacht, und frage mich gerade, wie es wohl den beiden Nachbarn geht, die damals im selben Haus auf der Couch lagen und runterfielen, als es knallte. Sie sind kurz danach weggezogen.

Heute wackelt übrigens mein Haus, weil nebenan die Sparkasse abbricht. Das nenne ich unter diesem Blickwinkel eigentlich eine positive Entwicklung. Aber nur eigentlich…

Lieber Herr Koop,

8. September 2021

Lieber Herr Koop,

wie Sie vielleicht bemerkt haben, hat die LT diesen Leserbrief nicht abgedruckt. Auf Rückfrage an Herrn Pertz hat dieser nicht reagiert. Wenn Sie Lust dazu haben, können Sie gern nachhaken. Ich finde, man darf der LT dies nicht durchgehen lassen. Zumal andere Mitstreiter/innen schon oft ähnliche Erfahrungen machen mussten.

Freundliche Grüße

Ihr

Christoph Frilling

Da kann geholfen werden. Gern: 

Sehr geehrte Damen und Herren, ich bitte um Veröffentlichung folgenden Leserbriefs:

Der Name Rosemeyer-Straße ist inakzeptabel

Nicht nur in Lingen wird über die Umbenennung von Straßen debattiert, die den Namen eines Nationalsozialisten tragen. Diese Diskussionen sind begrüßenswert, sie beleben die politische Kultur und schärfen unsere Wachsamkeit gegenüber dem Neonazismus.

Einen „Fall“ möchte ich hervorheben: In Ingolstadt sollte auf Antrag mehrerer Parteien der Name Ewald Kluge aus dem Stadtbild verschwinden. Kluge galt seinerzeit als der beste Motorradrennfahrer der Welt, aber er war Mitglied des NSKK (Nationalsozialistisches Kraftfahrer Korps) und fuhr wohl auch zuweilen mit Hakenkreuzarmbinde.

Nun meldete sich ein Jürgen Ehrhard im Auftrag der „Freunde des Historischen Motorradrennsports Ewald Kluge Weixdorf e.V. Dresden“ zu Wort. Der Name Ewald-Kluge-Straße müsse bleiben, so Erhard, denn „ohne ein Minimum an geforderter politischer Anpassung (…) ging es für Spitzensportler im Dritten Reich einfach nicht“, argumentierte er in einem Leserbrief im „Donaukurier“ (Nr. 177, 2021).

Doch dann trifft er eine feine Unterscheidung: „Anders kann man die Benennung einer Straße in Lingen nach dem Auto-Rennfahrer Bernd Rosemeyer beurteilen.“  Dieser sei „ohne Druck“ der SS beigetreten und „brachte es dort bis zum Hauptsturmführer“. Dies hätte er nicht nötig gehabt, so Erhard weiter, denn eine Mitgliedschaft im NSKK wäre ausreichend gewesen.  „Dies unterscheidet ihn von Ewald Kluge.“

Ich persönlich teile diese Unterscheidung zwischen „Nazis-light“ – wie womöglich dem Motorradfahrer Ewald Kluge –  und  SS-Männern wie Rosemeyer nicht. Beide haben im Straßenbild einer deutschen Stadt nichts zu suchen. Bemerkenswert ist jedoch, dass selbst unter den Gegnern von Straßenumbenennungen wie den „Freunden des Historischen Motorradrennsports“ Einigkeit darüber besteht, dass speziell ein Bernd Rosemeyer als Namensgeber für eine Straße untragbar ist.

Christoph Frilling
Georgstraße 66
49809 Lingen

„Pack die Badehose ein“ – Noch Ende der 1960er-Jahre galt die Ems als „der sauberste Fluss Deutschlands“. Baden in der Ems war ein unbeschwertes Vergnügen und an vielen Stellen gab es wie in Schepsdorf (Foto unten) sogenannte Flussbadeanstalten, in denen man ganz offiziell und unter Aufsicht eines Bademeisters in das kühle Nass steigen konnte. Doch auch an vielen anderen Stellen nutzten Badelustige die Ems als Gelegenheit zu einer Erfrischung an heißen Tagen.

Besonders beliebt waren die aufgestauten Flussabschnitte vor den großen Wehren in Hanekenfähr und Listrup. Hier boten die großen Wasserflächen auch die Möglichkeit zum sportlichen Schwimmen und ganz mutige wagten einen Sprung von den Wehrpfeilern in die Fluten.

Ein ganz spezielles Thema war die Badekleidung – soweit sie denn gewünscht wurde. Ärmellange Badeanzüge bildeten im 19. Jahrhunderts noch das züchtiges Schwimmsuit für Damen und Herren. Nach der Jahrhundertwende wurde es sportlicher, aber für die Damen war der Badeanzug nach wie vor Pflicht und bauchfrei ein Unding. Bikinis sah man am Emsstrand erst in den 1950er-Jahren.

Selbst die Klosterschüler zog es an heißen Tagen in oder zumindest an das kühle Nass. Für die Pater und Seminaristen galten besondere Baderegeln – auch hinsichtlich der Badekleidung.

Die vielen Sandbänke in den Flussschleifen der Ems bildeten ideale Badestrände. Sie waren allerdings zu schwer zu erreichen und als Umkleidekabine musste hier das Ufergebüsch herhalten. Dabei galt es vorsichtig zu sein, denn in den Emswiesen weideten früher überall die Kühe und manchmal auch ausgewachsene Bullen. Sie wollten ihre Trinkstellen am Fluss nur ungern mit den unbekannten Besuchern teilen und vertrieben manchen Badegast. Auch die vielen kleinen Bootsstege bildeten eine beliebte Einstiegsmöglichkeit in den Fluss.

Eine besondere Attraktion zwischen Gleesen und Hanekenfähr, wo die Ems auf einem kurzen Abschnitt mit dem Dortmund-Ems-Kanal zusammenläuft, war das sogenannte „Schiffschwimmen“. Geübte Schwimmer kletterten vom Fluss aus unbemerkt auf einen der Lastkähne und fuhren dort ein Stück mit, um dann mit einem kühnen Sprung wieder über Bord zu gehen. Ein spektakuläres, aber auch gefährliches Badevergnügen.

Emsbadeanstalt in Schepsdorf in den 1950er Jahren

Die vielen Kölke und Untiefen in den engen Flussbiegungen waren für die Badenden nicht ungefährlich. Immer wieder wurden Ungeübte und vor allem Kinder von den Strudeln in die Tiefe gezogen und konnten sich aus eigener Kraft nicht wieder befreien.

Doch nicht diese Gefahr bereitete in den 1970er-Jahren dem Baden in der Ems ein Ende. Es war vor allem die sich stetig verschlechternde Wasserqualität, die einen sicheren Betrieb in den Flussbadeanstalten nicht mehr zuließ. An vielen inoffiziellen Badestellen besonders am Oberlauf der Ems wurde und wird natürlich weiter gebadet und wenn dort behördliche Aufsicht erscheint, dann sind es in der Regel die Naturschützer.

Heute gibt es im Emsland ein dichtes Netz von Freibädern, Schwimmhallen und Freizeitbädern. Dennoch hat ein spontaner Sprung in den Fluss seinen besonderen Reiz – einen Hauch von Naturnähe, Unbeschwertheit und Freiheit.


Ein Beitrag des Emslandmuseum-Blogs. Danke für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.

Hinweis:
Seit dem Wochenende ist das Emslandmuseum in Lingen (Ems) wieder zu den üblichen Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag von 14.30 bis 17.30 Uhr geöffnet.

Coronabedingt ist eine Registrierung der Museumsbesucher erforderlich. Bei starkem Andrang können Wartezeiten entstehen. In den Ausstellungsräumen ist das Tragen einer Maske erforderlich.

Adresse

3. Juli 2021

In dieser Woche ist die Redaktion der „Lingener Tagespost“ (LT) in einen Neubau umgezogen. er liegt an einer Straße, die einst von einem NS-Bürgermeister nach einem  SS-Offizier benannt wurde, der erfolgreicher Rennfahrer war. LT-Leser Christoph Frilling hatte dazu einen Hinweis aus der CDU bekommen und ein Foto geschossen. Seine Frage ist auch meine Frage:

Ob sich die NOZ/Lingener Tagespost unter ihrer neuen Adresse komfortabler fühlt?

 

auch unsere Helden

24. Juni 2021

Vor 80 Jahren überfiel Hitler-Deutschland die Sowjetunion und begann einen Krieg an desen Ende die Befreiung Deutschlands durch die Rote Armee und die westlichen Alliierten stand. Daran erinnert Anne-dore Jakob (Pax Christi) in einem Schreiben an mich. Anlässlich des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion vorgestern vor 80 Jahren, legte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Dienstag im Rahmen eines „stillen Gedenkens“ einen Kranz am sowjetischen Ehrenmal in der Schönholzer Heide nieder. Ein Solo-Trompeter der Bundeswehr spielte die Melodie „Der gute Kamerad“, gedichtet 1809 von Ludwig Uhland.

Die bekannteren Ehrenmale finden sich bekanntlich im Berliner Tiergarten an der Straße des 17. Juni und in Treptow, die beide vielleicht schon jemand bei einem Berlin-Besuchen gesehen hat. Erstmals besuchte ein Bundespräsident die sowjetische Kriegsgräberstätte in Pankow. Eine weitere Besonderheit: Erinnert wird in der Schönholzer Heide auch an gestorbene sowjetische Kriegsgefangene. Stalin hatte übrigens ausdrücklich befohlen, dieser Opfer nicht zu gedenken, denn er sah sie als mögliche Kollaborateure an.

Im April 1945 fanden 33.000 Rotarmisten in der Schlacht um die Seelower Höhen den Tod fanden, zehn Tage später starben 20.000 in der „Kesselschlacht bei Märkisch Buchholz“ im Unteren Spreewald. Bei der „Schlacht um Berlin“ starben weitere 80.000 Rotarmisten, 13.200 fanden 1949 in der Schönholzer Heide ihre letzte Ruhestätte. Nur 2.700 konnten namentlich ermittelt werden. Der Historiker Götz Aly gehörte zu den wenigen, beim Gedenkbesuch Steinmeiers anwesenden Journalisten am Ehrenmal in der Schönholzer Heide. Er berichtete gestern ausführlich in der Berliner Zeitung über den Gedenkstättenbesuch Steinmeiers. Über die toten russischen Soldaten schrieb Aly in der Berliner Zeitung:

„Sie alle und ihre etwa zwölf Millionen bereits gefallenen Kameraden und – in der Roten Armee auch: – Kameradinnen opferten ihr Leben für ihr Mutterland, für die Freiheit Europas und für das Glück von uns heutigen Deutschen. Die Helden der Sowjetunion sind auch unsere Helden.“

Am letzten Freitag hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Foto lks) übrigens eine vielbeachtete Rede im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst gehalten. Eröffnet wurde dort eine Ausstellung über sowjetische Kriegsgefangene im II. Weltkrieg, die noch bis zum 3. Oktober 2021 zu sehen ist. Hier ein Bericht auf der Homepage des Bundespräsidenten und ein Link zu seiner Rede. Ich empfehle sie zum Nachlesen bzw. Nachhören.

Zurück ins Emsland:
Auf dem Lingener Neuen Friedhof hat niemand am Dienstag Blumen auf den Gräbern der sowjetischen Kriegsgefangenen niedergelegt. Die toten Russen fanden auch keine Erwähnung in der Lokalzeitung. Daher sei erinnert, dass vor nunmehr 20 Jahren das Dokumentations- und Informationszentrum DIZ Emslandlager in Papenburg (seit 1989 zum 7. Mal) zu einem Treffen ehemaliger „Moorsoldaten“ einlud, wie die Meppener Tagespost am 22. März 2001 berichtete. 30 Überlebende mit ihren Angehörigen sagten zu. Aus Russland kam der ehemalige Kriegsgefangene des Lagers Meppen-Versen, Nikolaji Sorin. Stellvertretend für seine Kameraden besuchte er den ehemaligen Lagerort. In einem Bericht beschreibt der spätere Kinderarzt, wie die Kriegsgefangenem mit dem Kauen von trockenem Heidekraut gegen den Hunger ankämpften. Das Meppener Ehepaar Focken begleitete Nikolaji Sorin in jenen Maitagen, später verband sie eine lange Brieffreundschaft.

In vielen deutschen Familien gibt es viele erzählte und unerzählte Geschichten unserer Väter, Großväter und Urgroßväter über den Krieg in Russland und anderen Ländern. Es ist aber längst notwendig,  nach Jahrzehnten auch die „andere Seite“ in den Blick zu nehmen und zu hören, was das „Unternehmen Barbarossa“ 1941 angerichtet hat. Denn die „Wehrmachtsausstellung“ in den 90er Jahren war kontrovers, aber wahr.

Bekanntlich hat die Sowjetunion den höchsten Blutzoll im Zweiten Weltkrieg gezahlt. Insgesamt verloren mindestens 24 Millionen sowjetische Bürger:innen ihr Leben – bedingt durch den Rassenwahn des nationalsozialistischen Deutschlands.

Historiker schätzen, dass 12 Millionen russische Soldat:innen fielen, bis zu 5,7 Millionen sowjetische Soldaten gerieten während des Zweiten Weltkrieges in deutsche Gefangenschaft gerieten. 2,6 bis 3,3 Millionen Gefangene sind hierzulande ums Leben gekommen, zumeist verhungerten sie. Meine Mutter berichtete, dass sich Tausende russischer Kriegsgefangener vom Lingener Bahnhof in die Emslandlager quälten, quer durch die Stadt und über die Wilhelmstraße. Anwohnerinnen, die ihnen Brot zusteckten, bekamen Schwierigkeiten mit den lokalen NS-Behörden.

Apropos Emslandlager: Bekannt wurde übrigens Anfang dieser Woche, dass die Generalstaatsanwaltschaft Celle seit einigen Tagen offiziell gegen einen 95-Jährigen aus Bayern ermittelt, der Wachmann des Kriegsgefangenen-Lagers VI C Bathorn in der Niedergrafschaft Bentheim war. Die Ermittler werfen dem Mann Beihilfe zum Mord vor.

Er soll zwischen Oktober 1943 und April 1945 Dienst in dem Kriegsgefangenenlager geleistet haben, wie die Generalstaatsanwaltschaft Celle der taz bestätigt hat. In dem Lager auf dem Gebiet der Gemeinde Hoogstede (Landkreis Grafschaft Bentheim) sollen viele sowjetische Kriegsgefangene zu Tode gekommen sein. Die meisten sind verhungert. Die Zentrale Stelle für die Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg (Baden-Württemberg) hatte mehr als zwei Jahre lang Hinweise zur möglichen Schuld des 95-Jährigen zusammengetragen.

Der Celler Oberstaatsanwalt Bernd Kolkemeier sagte, noch sei nicht klar, ob es zu einer Anklage komme. Man müsse Beschuldigten, die in einem Kriegsgefangenenlager eingesetzt waren, „konkrete Beteiligungshandlungen an Tötungsdelikten nachweisen“, sagte Kolkmeier dem Evangelischen Pressedienst. Außerdem müssen Wohnort und Gesundheitszustand des 95-Jährigen ermittelt werden, so Kolkmeier, bevor die Tatvorwürfe weiter verfolgt werden könnten. Dem Bericht zufolge gingen den Ermittlungen der Generalstaatsanwaltschaft mehr als zwei Jahre Vorermittlungen der Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg voraus.

Foto: Frank-Walter Steinmeier, CC s. Archiv v. 3.5.20

 

Vor 75 Jahren

18. Juni 2021

Vor 75 Jahren ging es um eine Schicksalsfrage im Emsland: Zu welchem deutschen Teilstaat wolle man gehören?

Mit der Aufteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen und der Auflösung des größten deutschen Bundesstaates Preußen standen die Besatzungsmächte vor der Aufgabe, die staatlichen Verwaltungseinheiten in ihren jeweiligen Zonen neu zu regeln. Ziel war ein föderaler Aufbau und Voraussetzung dafür die Schaffung neuer Bundesländer, die sich an historischen Einheiten wie an praktischen, vor allem wirtschaftlichen Gegebenheiten orientieren sollten.

Die Britische Militärbehörde hatte im Sommer 1946 mit der Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen Fakten geschaffen. Um den Wiederaufbau des Ruhrgebietes zu erleichtern und es mit einem breiten ländlichen Umland zu versorgen bildete sie aus den früheren preußischen Provinzen Rheinland und Westfalen ein neues Mega-Bundesland mit dem größten Industrierevier Westdeutschlands.

Damit stand auch der Rest der Britischen Zone unter Zugzwang. Ein echtes Gegengewicht zu NRW hätte nur ein einheitlicher „Nordstaat“ von der holländischen bis an die dänische Grenze mit dem Zentrum Hamburg gebildet. Doch den wollten die Norddeutschen nicht. Ganz im Norden war bald ein Land Schleswig-Holstein abgesteckt. Es blieben die frühere preußische Provinz Hannover, das Land Braunschweig, das Großherzogtum Oldenburg sowie die Grafschaft Schaumburg-Lippe und das Fürstentum Lippe-Detmold.

Hannover förderte eine „Fünferlösung“, bei der alle diese fünf Länder unter dem Dach eines neuen Landes Niedersachsen mit dem Kern Hannover bilden sollten. Eine schon in den 1920er-Jahren diskutierte Ausweitung Niedersachsens um angrenzende Teile Westfalen wurde vorgeschlagen, aber von NRW entschieden abgelehnt.

Oldenburg schlug vor, den niedersächsischen Raum in drei etwa gleich große Länder aufzuteilen: ein vergrößertes Land Braunschweig im Süden, ein Land Hannover mit Teilen Westfalens sowie ein Land Weser-Ems mit dem Kern in Oldenburg, das natürlich auch die Hauptstadt werden sollte.

Hiergegen regte sich der Widerstand besonders in den Kreisen Lingen und Grafschaft Bentheim, wo eine regelrechte „Los von Oldenburg-Bewegung“ entstand. Denn dem nationalsozialistischen Gau Weser-Ems war man gerade erst entronnen und hatte mit den Oldenburger offenbar keine guten Erfahrungen gemacht. Der spätere Bentheimer Landrat Heinrich Specht forderte im Mai 1946:

„Nach 1933 nutzte Oldenburg seine Stellung als Gauhauptstadt zu starken wirtschaftlichen und politischen Zentralisierungsbestrebungen aus … heute will man nicht herausgeben, was (die NSDAP-Gauleiter) Röver und Wegener eingeheimst haben. Die Grafschaft Bentheim verwahrt sich jedoch dagegen, zum Opfer dieses Machtstrebens degradiert zu werden, und erst recht dagegen, mit jenem Oldenburger Partikularismus identifiziert zu werden, den man heute bereits in ganz Deutschland belächelt. Sie tritt beharrlich ein für eine völlige und endgültige Lösung aller Wirtschafts- und Verwaltungsbindungen an Oldenburg. In der Erkenntnis, daß sie Hannover ihre wirtschaftliche Existenz verdankt, wünscht sie vollen Anschluss an die Provinz Hannover…“.

Ebenfalls im Mai 1946 hatte in Meppen eine Versammlung der emsländischen und südoldenburgischen Landkreise stattgefunden, an der auch Bürgermeister Zurhorn aus Münster teilnahm, der eifrig für einen Anschluss an Westfalen zu warb. Um die befürchtete Zuordnung an Oldenburg zu verhindern, forderten die Kreise Cloppenburg, Meppen und Lingen am 4. Juni ihren Anschluss an Westfalen. Der Redakteur Andreas Büscher schrieb hierzu am 2. Juli 1946 in der Osnabrücker Rundschau:

„Es unterliegt keinem Zweifel, daß das Emsland wirtschaftlich nach Westfalen orientiert ist. Ein möglichst enger Zusammenschluss dieser Gebiete, auch in verwaltungstechnischem Sinne, würde diese Zusammengehörigkeit vertiefen und sich dadurch zum Besten beider Gebiete auswirken. Deshalb müssen die vier Emslandkreise – möglichst geschlossen – rechtzeitig danach trachten, in der zukünftigen Neuordnung des nordwestdeutschen Raumes den Anschluß an das benachbarte Westfalen zu erreichen.“

Vorgeschlagen wurde hierzu ein Volksentscheid parallel zu den geplanten Kommunalwahlen im Herbst 1946. Doch daraus wurde nichts, denn mittlerweile war die Gründung von NRW bereits erfolgt. Osnabrück hatte ohnehin mehr auf Niedersachsen gesetzt, weil es die Bezirksregierung nicht an Oldenburg oder Münster abgeben wollte und erreichte einen Beschluss aller Landkreise des Regierungsbezirks, dass sie auf jeden Fall zusammenbleiben wollten. Im Falle eines Anschlusses an Nordrhein-Westfalen befürchtete man, letztlich doch nur Randregion in einem zukünftigen vergrößerten „Ruhrstaat“ zu werden. So setzten die Emsländer im Zweifelsfall gemeinsam mit Osnabrück auf Niedersachsen.

Dort hatte es schon im Sommer 1945 den Vorschlag gegeben, die Provinz Hannover per Staatsvertrag mit Braunschweig und Oldenburg unter eine „gemeinsame Landesregierung in Niedersachsen“ zusammenzufassen. Die Militärregierung lehnte dies ab, weil die Leiter besetzter Länder keine Verträge miteinander schließen könnten. Sie bildete für die entsprechenden Gebiete aber einen „Gebietsrat Niedersachsen“.

Auch eine Umwandlung der Provinz Hannover in ein Land Hannover als Vorstufe für einen freiwilligen Zusammenschluss lehnten die Briten zunächst ab. Doch nach der Bildung von NRW lenkte die Besatzungsmacht ein. Am 4. Juli 1946 befahl sie dem Zonenbeirat die Bildung eines Sonderausschusses zur Neugliederung der Zone. Von den fünf dort vorgelegten Möglichkeiten erhielt der Vorschlag von Hinrich Wilhelm Kopf die meisten Stimmen. Er favorisierte ein Land Niedersachsen aus Hannover, Braunschweig, Oldenburg, Schaumburg-Lippe und Lippe-Detmold sowie weiteren Gebieten im nördlichen Westfalen, wo seit dem Frühjahr bei Versammlung und Vorträgen für einen Anschluss an Niedersachsen geworben wurde.

Dieser war aber nach der Bildung von NRW nicht mehr durchsetzbar und Lippe-Detmold entschied sich für einen Anschluss an NRW. Der Nordstaat, das Land Weser-Ems und weitere Vorschläge fanden keine Mehrheit…


gefunden im  Blog des Emslandmuseum / Andreas Eiynck

Lingener Jung‘

14. Juni 2021

Straßennamen sind öffentlich sichtbare „Ehrungen“, Anerkennungen und Widmungen. Somit formen sie aktiv einen essentiellen Teil der kollektiven Erinnerungskultur. Vor diesem Hintergrund müssen wir uns also die Frage stellen: An wen wollen wir mit einem Straßennamen erinnern und wen wollen wir „ehren“?“

Am vergangenen Donnerstag hat der Kulturausschuss des Lingener Stadtrates darüber debattiert, die bisherige, vom damaligen NS-Bürgermeister Plesse beschlossene Bernd-Rosemeyer-Straße neu in Fredy-Markreich-Straße zu benennen. Rosemeyer war ein großartiger Autorennfahrer, aber als einziger deutscher Renfahrer nach eigenem Bekunden bereits vor Hitlers sog. „Machtergreifung“ in SA und SS eingetreten. Als er bei dem Versuch starb, einen Geschwindigkeitsrekord aufzustellen, war er SS-Hauptsturmführer, was neben dem „Lingener Jung'“-Atttribut auf den Schildern an der Lingener Rosemeyer-Straße allerdings verschwiegen wird und alsbald nachgetragen werden muss. Fredy Markreich (Foto) war damals ein beliebter Lingener, wegen Tapferkeit im 1. Weltkrieg ausgezeichnet, Mitglied der Kivelinge und anderer lokaler Vereine und er war jüdischen Glaubens. Daher musst er 1939 seinen Besitz in der Großen Straße verkaufen und aus Deutschland vor der drohenden Vernichtung fliehen.

Am Ende der ernsten und sachlichen Debatte sprachen sich am Donnerstag im Ausschuss  „Die BürgerNahen“, Bündnis’90/Die Grünen und die FDP für die Umbenennung in Fredy-Markreich-Straße aus, CDU und SPD waren dagegen und setzten mit 8:3 Stimmen statt dessen einen Auftrag an die Verwaltung durch, einen Kriterienkatalog zu erarbeiten, nach denen künftig in Lingen Straßen benannt werden. Kriterien sind immer gut. Aber ernsthaft: In der öffentlichen Debatte der letzten Wochen ist mehrfach betont worden, dass Rosemeyer ein „Lingener Jung'“ gewesen sei. Wenn dies ein Kriterium für eine Ehrung durch einen Straßennamen ist, kann sich tatsächlich jemand vorstellen, dass dieses Merkmal seine Mitgliedschaft in SA und SS und seinen Offiziersrang in eben der SS unbedeutend werden lassen könnte?

Alles erinnert mich an die aktuelle Diskussion im fränkischen Schweinfurt. Dort gibt es das Willy-Sachs-Stadion, das 1936  der damalige Alleininhaber der Schweinfurter Fichtel & Sachs AG Willy Sachs für eine Million Reichsmark der Stadt Schweinfurt stiftete. Sie ahnen es: Willy Sachs trat 1933 in die SS ein und war seit 1. Mai 1933 Mitglied der NSDAP. Er hatte schließlich den Rang eines SS-Obersturmbannführers (1943), gehörte dem „Freundeskreis Reichsführer SS“ (Heinrich Himmler) an und war auch sonst tief in den NS-Staat verstrickt. Deshalb hat sich eine Initiative gebildet, damit sich der Stasionname jetzt ändert.

Man braucht kein Prophet zu sein: Die Neubenennung wird sowohl in Schweinfurt als auch in Lingen erfolgen. Dass Willy Sachs ein großzügiger Mäzen und Bernd Rosemeyer ein sehr guter Autorennfahrer waren, führt nicht dazu, den Mantel der Liebe über ihre jeweilige Verstrickung in den NS-Staat legen zu können.  Nach einem SS-Mann benennen eben nur Nazis eine Straße.

Bei uns wird die notwendige Neubenennung auch kaum dazu führen, dass die jetzige Rosemeyer-Straße wieder den Namen Bahnhofstraße trägt, wie es die etwas geschichtslos wirkende SPD favorisiert; denn zweifellos wäre dies eine Missachtung des Juden Fredy Markreich, der 1939 gerade noch vor Kriegsausbruch aus Deutschland nach Afrika flüchten konnte, dann aber leider nur fünf Jahre später im afrikanischen Liberia „an einer Seuche“ starb, wie man es in den lokalen Veröffentlichungen nachlesen kann.

Angesichts dessen weiß ich, wie ich mich zu entscheiden habe.

Hier geht es zu meiner Rede
am vergangenen Donnerstag (10.06.) im Kulturausschuss unserer Stadt, in der ich meine Position formuliert habe.

Hier geht es dann zur
Online-Petition für die Neubenennung

 

„Civis, Civis, Civibus“ – den entschlossenen Festruf der Kivelinge wird es wohl erst 2024 geben, wenn es um das gewohnten 5-tägige Fest  geht. Der Bürgersöhne-Aufzug hat jetzt nämlich „entschieden“, sein zunächst für Pfingsten 2020, dann für dieses Jahr geplantes, internes Fest erst einmal auf den Herbst des Jahres zu verschieben. Im Vertrauen: Ihm blieb auch nichts anderes übrig als diese „Entscheidung“; denn jede Festivität scheitert aktuell an den Corona-Einschränkungen.

Aber dann, vier Monate später im Herbst 2021,  soll am sonntäglichen „Tag der deutschen Einheit“ ein „Bürgersöhne-Aufzug“ stattfinden. Intern, aber mit (fast) allem historisierenden Tamtam: Königsfrühstück, Königs- und Königinkrönung im hist. Rathaus, Kaffeekonzert, vielleicht auch ein Festball aber vor allem das Ausschießen des neuen Königs im Rahmen eines Frühschoppens. Voraussetzung: Corona und ihre Mutanten haben nichts dagegen…

Allerdings gibt es dann wohl keinen Festumzug und auch das Volksfest fällt aus. Das soll erst zu Pfingsten 2022 folgen  – doch dann, welch‘ Überraschung – mit dem alten König, wiewohl „Majestät“ Johannes Kruse schon seit dem Sommer 2020 verehelicht ist – und das nicht einmal mit seiner „liebreizenden“ (Kivelingssprech) Königin Julia Duscha. Qua Kivelingssatzung ist Johannes damit längst aus dem Kivelingsverein ausgeschieden. Aber es gibt eine „Lex Johannes“, die das gestoppt hat.

Wo während all der Volksfestaktivität an Pfingsten 2022 der sieben Monate zuvor neu ausgeschossene und proklamierte Kivelingskönig dann  bleibt, weiß der Hugo. Ehrenmitglied Friedrich-Wilhelm Gelshorn, der Hüter des ehrwürdigen Satzungsgrals der Kivelinge, verstand bei der samstäglichen Online-Konferenz der Kivelinge auch deshalb die Welt nicht mehr. Nun, die nicht satzungskonforme, von „Vorstand und des Offizierscorps“ fast einstimmig beschlossene Idee wurde mit 90%  durchgewunken, und sie ist vor allem eins – pragmatisch.

Bei all diesem Intern-Extern-Aufzug-Volksfest-Durcheinander verlieren bisweilen die selbst Kivelinge den notwendigen Überblick. Nur so kann ich es mir erklären, dass für den bevor stehenden Herbst 2021 auf der Facebookseite des, zum immateriellen Kulturerbe zählenden ältesten Bürgersöhnevereins Deutschland, nun doch ein Volksfest-Foto (s.o.) zu sehen ist, das aber erst in einem Jahr stattfindet…

Egal: Feiert schön geteilt, Jungs, auch ich schau mal vorbei.

Der Lingener Ehrenbürger Bernhard Grünberg ist heute Mittag auf dem jüdischen Friedhof an der Weidestraße beigesetzt worden. Der hochbetagte Holocaust-Überlebende war am 16. Januar des Jahres in seinem englischen Wohnort Derby-Alvaston dem Corona-Virus erlegen. Seither hatte sich die Stadt Lingen (Ems) darum bemüht, die sterblichen Überreste Grünbergs nach Lingen zu überführen, um den Verstorbenen -seinem Wunsch entsprechend- hier auf dem Jüdischen Friedhof zu bestatten. Trotz aller Bemühungen der Stadtverwaltung, ihres früheren Mitarbeiters Atze Storm, der städt. Beauftragten Elisabeth Spanier sowie des Bestattungshauses Schnitker in Lingen und dessen britischen Kollegen in Derby brauchte es bis Ende vergangener Woche; erst dann traf der Sarg Bernhard Grünbergs über den Frankfurter Flughafen in Lingen ein.

Der Grund: Die Corona-Restriktionen. Ihretwegen stockte die Überführung trotz aller Bemühungen; selbst das Auswärtige Amt war machtlos. Damit erinnerte diese schwierige Rückkehr auf besondere Weise zugleich auch an die traurige Flucht des damals 15jährigen Grünberg im Jahr 1938 mit einem Kindertransport nach England; als einziger seiner Familie  überlebte er den Holocaust.

Rund 60 TeilnehmerInnen nahmen an der heutigen Beisetzungsfeier nach jüdischem Ritus teil. Auf dem Weg zum Grab sprach Rabbi Michael Grünberg (Osnabrück) Gebete und Psalmen. Nachdem acht jüdische Männer den einfachen Holzsarg in das Grab abgesenkt hatten, warfen Angehörige und Trauergäste 3 Schaufeln Erde in das Grab. Als der Sarg mit Erde bedeckt war, wurde das Kaddischgebet (Totengebet) gesprochen.

Neben den Angejörige des verstorbenen waren viele LingenerInnen anwesend, die zum „Menschenfreund“ Bernhard Grünberg über die Jahre eine starke persönliche Beziehung geknüpft hatten, u.a. der ehemalige Oberstadtdirektor Karl-Heinz Vehring, der Mitbegründer des Forum Juden-Christen Josef Möddel, dessen Ehrenvorsitzender Heribert Lange, das langjährige Vorstandsmitglied Johannes Wiemker und aus Berlin Anne-Dore Jakob (Pax Christi). Unter den Trauergästen waren auch der Erste Bürgermeister der Stadt Heinz Tellmann, die Fraktionsvorsitzenden im Stadtrat Edeltraut Graeßner (SPD) und Robert Koop (Die BürgerNahen) sowie die stellv. Fraktionsvorsitzende der CDU-Ratsmitglieder Irene Vehring und alle städtischen Dezernenten.

Neben dem Vorsitzenden des Forum Juden Christen Gernot Wilke-Ewert sprach auch Oberbürgermeister Dieter Krone. Hier seine Rede im Wortlaut, die auch das Leben des Verstorbenen skizzierte:

„Sehr geehrte Trauergemeinde,
wir stehen hier tief bewegt am Grab unseres Lingener Ehrenbürgers und Freundes Bernhard Grünberg, der bereits am 16. Januar verstorben ist. Es war sein sehnlichster Wunsch hier auf dem Jüdischen Friedhof in Lingen beerdigt zu werden. Aufgrund der Corona-Erkrankung von Bernhard Grünberg, aber auch aufgrund des Brexit und damit verbundenen hohen bürokratischen Auflagen hat sich die Überführung seiner sterblichen Überreste sehr lange hingezogen. Heute dürfen wir ihn gemeinsam auf seiner letzten Wegstrecke begleiten, um ihm damit unsere tiefe Ehrerbietung zu erbringen. Das hohe Alter von 97 Jahren beschreibt nicht nur einen langen, sondern vor allem auch einen sehr beschwerlichen Lebensweg.
Bernhard Grünberg wurde am 22. März 1923 in Lingen geboren und verbrachte seine Kindheit in unserer Stadt. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten nahm die einst glückliche und unbeschwerte Kindheit ein jähes Ende. 1938 gelang es dem 15-Jährigen, dieser zu entkommen, indem er Deutschland mit einem Kindertransport verlassen konnte. Sein Vater, der nur wenige Tage zuvor aus dem Konzentrationslager Buchenwald nach Lingen zurückgekehrt war, brachte ihn zum Bahnhof und die beiden verabschiedeten sich für immer voneinander. Bernhard Grünberg wurde nach England gebracht, wo er bis zu seinem Tod lebte.
Seine Familie konnte nicht entkommen. Seine Eltern Marianne und Bendix Grünberg sowie seine Schwester Gerda wurden 1941 nach Riga deportiert. Dort wurde sein Vater in einem Ghetto ermordet. Seiner Mutter und seiner Schwester ereilte 1944 das gleiche Schicksal im Konzentrationslager Stutthof. Somit war Bernhard Grünberg der einzige seiner Familie, der den Holocaust überlebte.
1986 erfuhr die Stadt Lingen (Ems) dank Ruth Foster davon, dass Bernhard Grünberg noch lebte. Im gleichen Jahr folgte er der herzlichen Einladung, an der Enthüllung des Gedenksteins zur Erinnerung an die ermordeten jüdischen Familien unserer Stadt teilzunehmen. Von da an besuchte Bernhard Grünberg seine Heimatstadt regelmäßig. Oft begleitete ihn seine Frau Daisy, die 2001 verstorben ist.
Nach all dem Leid, das ihm und seiner Familie hier in unserer Stadt in Zeiten der nationalsozialistischen Herrschaft widerfahren ist, hierher zurückzukehren und der Stadt die Hand zu reichen, zeugte von seiner unglaublichen Größe. Er brachte den Lingener Bürgerinnen und Bürgern stets Vertrauen, Verständnis und Dankbarkeit entgegen. 1993 erwies er unserer Stadt die Ehre, die ihm angetragene Ehrenbürgerschaft anzunehmen.
Ein ganz besonderes Anliegen war es ihm seitdem, mindestens einmal im Jahr die beschwerliche Reise auf sich zu nehmen, um von England aus für einige Tage nach Lingen zu reisen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie schwierig es nach ein paar Jahren war, ihm klarzumachen, dass er mit seinen 90 Jahren nicht mehr alleine mit seinem Auto, seinem Vauxhall, nach Lingen fahren könne und wir ihn selbstverständlich vom Flughafen in Amsterdam abholen würden. Diese kleine Episode aus seinem Leben zeigt, wie willensstark und entschlossen Bernhard Grünberg auch war.Vor drei Jahren feierte er mit vielen auch heute anwesenden Wegbegleitern noch seinen 95. Geburtstag in unserer Stadt. Ich erinnere mich noch immer an sein strahlendes Gesicht, mit denen er die vielen Gäste begrüßte und es sich nicht nehmen ließ, mit allen ein wenig zu plaudern. Er genoss die Aufmerksamkeit in vollen Zügen und freute sich über jeden, der gekommen war, um mit ihm zu feiern. Wenn er hier in Lingen war, schien er die Zeit immer sehr zu genießen. Unzählige Gespräche haben wir im Rathaus geführt. Und auch vor und nach seinen Besuchen Mails ausgetauscht.Doch es war ihm vor allem auch immer ein Anliegen, egal ob bei Beth Shalom in England oder in den Lingener Schulen, aus seinem Leben zu erzählen. Bernhard Grünberg mahnte besonders die jungen Menschen, dass sich so etwas niemals wiederholen dürfe. Seine zahlreichen Vorträge und sein Engagement gegen Antisemitismus und Rassenwahn bleiben unvergessen.
Neben den Erinnerungen in unseren Köpfen finden sich hier in Lingen auch an vielen Orten Spuren von Bernhard Grünberg, seinen Eltern und seiner Schwester: Der Gedenkstein zur Erinnerung an seine Familie, den wir hier sehen, wurde 1998 gemeinsam mit Bernhard Grünberg enthüllt. Stolpersteine in der Georgstraße erinnern an das Schicksal der Familie Grünberg und ihrer Angehörigen. Bernhard nahm an der Einweihung der Jüdischen Schule teil und schmiedete das Tor zum Eingang des Lern- und Gedenkortes. Zudem trägt eine Straße im Emsauenpark seinen Namen. Bei seinen letzten Aufenthalten in Lingen besuchte er regelmäßig die Bernhard-Grünberg-Straße und traf sich mit den Anwohnern – Begegnungen, die sicherlich allen immer im Gedächtnis bleiben werden.
Lassen Sie uns diese vielen Erinnerungen an ihn wachhalten und weitertragen. Möge sein Tod ein Vermächtnis sein, uns auch in Zukunft aktiv gegen Antisemitismus, Rassenwahn und Fremdenfeindlichkeit einzusetzen und dafür zu sorgen, dass sich solch schreckliche Ereignisse, die unser menschliches Vorstellungsvermögen übersteigen, niemals wiederholen.
Mit der Beerdigung heute erfüllen wir den letzten Wunsch unseres Ehrenbürgers, ihn hier auf dem Jüdischen Friedhof in Lingen beizusetzen, wo auch der Gedenkstein zur Erinnerung an seine Familie steht. Wir treten ihm mit größtem Respekt und Hochachtung gegenüber und werden in auch nach seinem Tod gebührend in Ehren halten. Wir sind ihm unendlich dankbar für seine menschliche Größe, die er uns erwiesen hat und sein unermessliches Engagement. Er hat nun seine letzte Ruhestätte in unserer Stadt gefunden. Ein Ort, an dem wir uns an ihn erinnern und seiner gedenken können.
Ich danke Ihnen für Ihre Anteilnahme.“


 

Nachtrag:

Der Verstorbene wuchs in Lingen (Ems) als Bernhard Grünberg auf. Nach Jahren in England schrieb der Verstorbene seinen Namen englischsprachig: Bernard Grunberg.
Foto: Jüdischer Friedhof in Lingen (Ems) © Forum Juden Christen

Buren-Skandal

23. März 2021

Das Emslandmuseum berichtet just in seinem Blog über den Buren-Skandal vor drei Jahren und hat herausgefunden, dass der Skandal kein Skandal war. Eine wunderbare Emslandgeschichte:

Mit großem Widerhall in Presse und Medien wurde 2018 das große Ortsjubliäum „1200 Jahre Emsbüren“ kurzerhand abgesagt, weil sich die entsprechende Urkunde zum Jahr 819 als Fälschung des 10. Jahrhunderts herausgestellt hatte. Das hatten die Historiker zwar schon Jahre vorher herausgefunden, aber nun hatte es sich auch bis Emsbüren herumgesprochen.

Noch bevor man die Hintergründe dieser Fälschung auf sachlicher Ebene erst einmal diskutiert hatte – eine gefälschte Urkunde enthält in der Regel auch viele zutreffende Informationen, sonst wäre sie ja nicht glaubwürdig – fürchtete die Emsbürener Geistlichkeit um ihre eigene Glaubwürdigkeit beim Jubiläum und wandte sich in ihren Gewissensnöten an die vorgesetzte Dienststelle der Diözese, die sich mit solcherlei Anfragen wohl auch nicht jede Woche beschäftigt.

In erstaunlicher Geschwindigkeit kamen dabei Historiker des Bistumsarchivs in Osnabrück, die bislang nicht unbedingt durch Forschungen zum Mittelalter in Erscheinung getreten waren, zu dem aus kirchlicher Sicht – wen wunderts – unanfechtbaren Urteil, dass man auf Grundlage einer gefälschten Urkunde keinen echten Geburtstag feiern dürfe. Kirche ist ja bekanntermaßen stets um Wahrheit und Transparenz bemüht. Etwas erstaunt ist man da schon, denn wenn der Grundsatz, dass Dinge aus der Vergangenheit, für die man keinen urkundlichen Nachweis besitzt, nicht gefeiert werden dürfen, dann dürfte ja gerade in der katholischen Kirche, wenn man’s zu Ende denkt, so manches nicht gefeiert werde. In Emsbüren hielt man sich jedenfalls an die Ansage aus Osnabrück zur Absage des Jubiläums.

Unrecht – wie der namhafte Mittelalter-Historiker Prof. Dr. Manfred Balzer jetzt in einem umfangreichen Beitrag in der wissenschaftlichen Zeitschrift „Nordmünsterland“ (Bd. 8, 2021) erläutert.

Balzer kommt nämlich zu dem Ergebnis, dass der im Mittelpunkt der gefälschten Urkunde von 819 stehende Abt Castus in Visbek identisch ist mit jenem Castus oder Gerbert, der als Schüler und Weggefährte des Heiligen Ludgerus schon lange bekannt ist. Auf breiter Quellenbasis stellt Balzer heraus, dass die in der Falschurkunde von 819 genannten Orte sehr wohl als Freren und Emsbüren identifiziert werden können und dass auch absolut wahrscheinlich ist, dass diese Orte um das Jahr 820 schon existierten und über eine Kirche verfügten.

Hat er oder hat er nicht ? – Ludgerus als Gründer der Kirche in Emsbüren am dortigen Kirchenportal

Im Verlauf seiner Darstellung kommt Balzer zu dem Ergebnis, dass der Diakon Castus zur Sippe des heidnischen Sachsenherzogs Widukind gehörte. Sein Familienzweig verfügte über erhebliche Besitzungen im heutigen Oldenburger Münsterland, im Osnabrücker Nordland sowie auch im Südlichen Emsland. Castus stiftete seinen Erbteil, das waren vor allem Bauernhöfe, zum einen für das Kloster Werden, das sein Lehrer Ludgerus gegründet hatte, und zum anderen für ein von ihm selber gegründetes kleines Kloster in Visbek, das später samt allem Zubehör in den Besitz des Klosters Corvey an der Weser gelangte.

Zu diesen Stiftungen des Castus gehörten auch zahlreiche Höfe und die Zehnteinnahmen in Freren, die später an Corvey fielen, sowie Höfe in Schale, die das Kloster Werden erhielt. In Schapen richtete dieses Kloster schon im 9. Jahrhundert einen Haupthof ein, der die zahlreichen Einnahmen der Mönche aus der Umgebung sammelte, und errichtete dort schon früh eine Kirche unter dem Patronat des Heiligen Ludgerus.

Emsbüren hat durch den vermeintlichen Skandal um die gefälschte Urkunde nicht nur sehr viel Staub aufgewirbelt, sondern sehenden Auges ein wichtiges Ortsjubiläum verstreichen lassen.

Die Herren vom Bistumsarchiv empfahlen seinerzeit ersatzweise ein Jubiläum zum Jahr 1181 – damals wurde die Pfarrei Emsbüren zum ersten Mal erwähnt. Das Jubiläum wäre dann 2081. Bis dahin ist ja noch Zeit und wer weiß denn, ob es in der Zwischenzeit bezüglich der Echtheit dieser Quelle nicht noch zu neuen Erkenntnissen kommt. Oder zu einem neuen Sturm im Wasserglas.


Quelle und Fotos: Emslandmuseum Lingen;  Literaturhinweis: Manfred Balzer: Abt Castus von Visbek. In: Nordmünsterland. Forschungen und Funde. Bd. 8, 2021.