Eigenbehörige

2. Dezember 2020

Um das Jahr 1800 waren die meisten Bauern im Emsland noch sogenannte Eigenbehörige, das heißt, ihre Höfe und auch sie selber gehörten rechtlich einem Grundherrn, meist dem Landesherrn, der Kirche oder einem Kloster, einem Adeligen oder irgendeiner Person, die das grundherrschaftliche Recht an ihrem Hof erworben hatte.

Die Münsterische Eigenthums-Ordnung von 1770 (Foto) umschreibt es so:

„Die Leibeigenschaft ist eine Personal-Dienstbarkeit, und rechtliche Verbindung, vermög welcher jemand seinem freyen Stande zum Nachtheil, einem andern in Absicht auf einen gewissen Hof, Erbe oder Kotten mit Gut und Blut zugethan, und zu Abstattung sicherer Pflichten, neben dem auch, wann er einen Hof, Erbe oder Kotten nach Eigenthums-Recht würcklich unter hat, gegen den Genuß und Erbnies-Brauch seinem Guts-Herren die hergebrachte oder vereinbarte jährliche Praestanda abzutragen, schuldig ist.“

Diese Eigenbehörigkeit basierte auf der Leibeigenschaft in der Zeit des Feudalismus im Mittelalter und vererbte sich von Generation zu Generation. Wer von einem solchen Bauernhof abziehen wollte, musste sich aus der Eigenbehörigkeit freikaufen und einen Freibrief erwerben, sonst war er oder sie kein freier Mensch, der über Wohnort, Ehepartner, Arbeit und Vermögen frei entscheiden konnte….

[weiter im Blog des Emslandmuseums]

 

 

 

 

 

Dass übrigens die Bauern aber auch nach dem Ende der Leibeigenschaft nicht ganz so frei waren, habe Hartmut Lensind und Bernd Robben in ihrem achtfach neu aufgelegten und aktuellen wieder vergriffenen Buch über die Heuerleute in Nordwestdeutschland erforscht. Wann erscheint die 9. Auflage?

Eisenbahnausbesserungswerk

14. November 2020

Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war Deutschland eine Monarchie und die Eisenbahn war eine „königliche Eisenbahn“. Im November 1918 ging der deutsche Kaiser und König von Preußen, Wilhelm II., nach Holland ins Exil. Aus der „königlichen Hauptwerkstätte“ in Lingen wurde die „preußische Hauptwerkstätte“. 1920, vor genau einhundert Jahren, ging die Preußische Eisenbahn dann in der Deutschen Reichsbahn auf.

Eisenbahner im Ausbesserungswerk Lingen Anfang der 1920er-Jahre

Unmittelbar nach Kriegsende begann im Lingener eine kurze Blütezeit. Doch es war nur eine Scheinblüte. Der kriegsbedingte Reparaturrückstau an Dampfloks und Waggons musste dringend abgearbeitet werden. Als weitere Aufgabe kam bald die Aufarbeitung von Lokomotiven und Wagen für die Reparationsleistungen an Frankreich und Belgien hinzu. Die einstigen Kriegsgegner akzeptieren nur vollständig instandgesetzte und intakte Fahrzeuge. Möglich war dies nur durch die Einstellung von zusätzlichem Personal. 1919 erreichte die Beschäftigtenzahl mit 2287 Arbeitern einen Höchststand. Viele Eisenbahnarbeiter zogen mit ihren Familien nach Lingen – die Wohnungsnot stieg.

Die Lehrlingswerkstatt Anfang der 1920er-Jahre. Links die damals neue Halle I (heute Campus Lingen)

Lingen war ein wichtiger Standort, weil man hier während des Krieges die große Lokrichthalle gebaut hatte (Halle I, heute: Campus Lingen). 1919 wurde hier die sogenannte „Fließfertigung“ aufgenommen, die den Reparaturablauf wesentlich vereinfachte. Betrug die Reparaturzeit für eine Dampflok bei einer Hauptuntersuchung in der Zeit um 1900 je nach Aufwand noch drei bis sechs Monate, so war sie mit dem „Fließverfahren“ in der Regel nach vier Wochen wieder fahrbereit. Durch die Einführung des „Kesseltauschverfahrens“ verringerte sich die Standzeit noch einmal auf 16 bis 18 Tage. Hierfür war jedoch ein Ausbau der Kesselschmiede durch seitliche Anbauten notwendig.

Übergabe einer Dampflok Anfang der 1920er-Jahre

Parallel dazu erfolgte eine wichtige Neuorganisation im deutschen Eisenbahnwesen. Am 1. April 1920 wurde aus den bislang selbständigen Ländereisenbahnen der deutschen Bundesstaaten zunächst die „Reichseisenbahn“, die dann zur „Reichsbahn“ umfirmierte. Die Werkstätten wurden organisatorisch vom Eisenbahnbetriebsdienst getrennt und einer eigenen „Direktion für das Werkstättenwesen“ zugeordnet. Aus der „Preußischen Hauptwerkstätte“ wurde das „Reichsbahn-Ausbesserungswerk“ (RAW) im Rang eines eigenen „Werkstättenamtes Lingen-Ems“.

Die Arbeitsbedingungen für die Eisenbahner verbesserten sich in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg. Der 8-Stunden-Tag wurde eingeführt, neue Sozialeinrichtungen geschaffen: ein Speisesaal, Wasch- und Umkleideräume sowie eine neue Badeanstalt mit Brausebädern und Badewannen. Eisenbahn und Baugenossenschaften nahmen Wohnungsbauprogramme für Eisenbahnerfamilien in Angriff. Im Strootgebiet entstanden neue Arbeitersiedlungen.

Hungerdemonstration der Eisenbahnarbeiter auf dem Lingener Marktplatz am 2. April 1919
Demonstrierende Eisenbahnarbeiter auf dem Lingener Marktplatz am 2. April 1919

Die Eisenbahner vor Ort hatten nach dem Krieg in ihrem Alltag viele Sorgen. An der miserablen Versorgungslage änderte das Kriegsende zunächst wenig und im Frühjahr 1919 kam es in Lingen zu Hungerdemonstrationen der streikenden Eisenbahnarbeiter. In den folgenden Jahren hatten die Eisenbahner zwar Arbeit, aber die aufziehende Inflation vernichtete den Wert des Einkommens. Die Belegschaft in Lingen machte von ihrem Streikrecht Gebrauch, um auf die wachsende Not aufmerksam zu machen. Mit eigenem Notgeld in Milliardenwerten versuchte die Eisenbahn, die Auszahlung der Löhne sicherzustellen.

Die „Verreichlichung“ der Ländereisenbahnen zur „Reichseisenbahn“ von 1920 war nur der erste Schritt beim Umbau des Eisenbahnwesens. 1924 wurde die „Reichseisenbahn“ von einem staatlichen Betrieb zu einem selbständigen Unternehmen umgewandelt, der „Deutschen Reichsbahn“. Diese übernahm 1925 auch die Bahnstrecke von Salzbergen bis zur niederländischen Grenze, die bis dahin eine holländische Eisenbahngesellschaft betrieben hatte.

Die Eisenbahn galt als sicherer Arbeitsplatz – Lehrwerkstatt im Ausbesserungswerk Lingen Anfang der 1920er-Jahre

Die Zusammenlegung der Ländereisenbahnen zur Reichsbahn brachte für den Eisenbahnverkehr in Deutschland viele Vorteile. Die Organisationsstrukturen wurden vereinheitlich, technische Neuerungen konnten nun deutschlandweit eingeführt und umgesetzt werden. Allerdings überschattete die Wirtschaftskrise die vielen Verbesserungen, die Anfang der 20er-Jahre bei der Eisenbahn erfolgten. Auch im Lingener Eisenbahnwerk kam es zu Massenentlassungen. Viele, die geglaubt hatten, sie hätten einen sicheren Arbeitsplatz bei der Bahn, waren nun von Arbeitslosigkeit betroffen. Der Personalabbau war begleitet von Protesten der Arbeiter. Im Herbst 1924 wurde eine ganze Kompanie Reichswehr zum Schutz der Werkstatt nach Lingen verlegt. Vor den Haupteingängen brachten die Soldaten Maschinengewehre in Stellung, die ihre Mündungen auf die Werkshallen richteten. Die Lage blieb friedlich, aber das Vertrauen in die neue Republik wurde durch solche Maßnahmen nicht gerade gestärkt. Die Entlassungswellen liefen weiter. Ende der 20er-Jahre waren nur noch gut 1100 Eisenbahner im Werk beschäftigt, Anfang der 30-er-Jahre sank die Zahl weiter auf unter 1000 Mitarbeiter.


Gefunden im Blog des Emslandmuseum Lingen.

stillgelegt

12. November 2020

Museumsplaner Heinrich Liesen hat vor ein paar Tagen mit dem Umbau des Hauses Burgstraße 20 angefangen, in dem er bekanntlich ein Museum für Bernhard Rosemeyer schaffen will, welcher nach eigenem Bekunden bereits 1932 der verbrecherischen SS beigetreten ist und es dort bis zum SS-Hauptsturmführer brachte. Nach dem Willen des Museumsplaners soll seiner deshalb gedacht werden, weil er so furchtbar schnell mit einem Rennauto fahren konnte.

Dafür beauftragt ist inzwischen das Münsteraner Büro Schwerdtfeger & Vogt, das sich modern museumspädagogisch wie -konzeptionell betätigt und nun an dem SS-Mitglied-Museum mitwirkt. Zeitgemäßes Ziel kann da doch nur sein, die SS-Entscheidung Rosemeyers zu relativieren – so nach dem Motto: „Wie hättest Du Dich denn damals entschieden? Autorennen ade oder Verbrecherbande hallo?“

Dem Bauamt der Stadt Lingen (Ems) war zum begonnenen Bauvorhaben übrigens mitgeteilt, es werde nur eine neue Schaufensteranlage eingebaut. Dann aber wurde zu Wochenbeginn im Gebäudeinnern so heftig und bestens hörbar herumgebrochen, dass dies mit einer bloßen Schaufensteranlage nicht vereinbar war. Darüber von einem aufmerksamen Spaziergänger informiert, hat die Baubehörde die Baustelle gestern stillgelegt.

Was sagt uns das alles? Hat jemand Vorschläge?

 


Foto: Es grüßt Bernd Rosemeyer. CC s. Archiv vom 25.11.18

allerdings pünktlich

10. November 2020

Gestern Abend wurde an der Jüdischen Schule in Lingen (Ems) der Pogromnacht vor 82 Jahren gedacht – wegen der Corona-Verordnung nur vor geladenen Gästen. Neben der traditionellen Ansprache des Oberbürgermeisters sprach von Seiten des Forum Juden Christen zum ersten Mal deren stellv. Vorsitzender Dr. Walter Höltermann, dessen Rede hier im Wortlaut nachzulesen ist. Umrahmt wurde die Gedenkveranstaltung durch die einfühlsam gespielte Klarinette des Lulzim Bucaliu.

Höltermann hat auf die Blumen hingewiesen, die Lingener/innen am Montag auf zahlreiche Stolpersteine in der Stadt zum Gedenken an die jüdische Opfer der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 gelegt hatten. Zum Beispiel hier in der Schlachterstraße 12, wo sechs Stolpersteine an Rosa Wolf, Siegfried Hanauer, Siegmund Hanauer und Bernard Hanauer sowie Max Hanauer und Familie erinnern. Schon nach sehr kurzer Zeit waren die kleinen Erinnerungsrosen durch ein Lieferauto plattgefahren. Die Pizza soll allerdings pünktlich gewesen sein.

Update vom 11.1.20:
Ich habe Walter Hoeltermanns Rede nachgetragen und den Text daher angepasst

Dr. Felix Klein, der „Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus“, besuchte jetzt das Forum Juden-Christen.  Dabei stellte er seine Tätigkeit vor und informierte sich über die Arbeit des Forums.

Der stellvertretende Vorsitzende des Forums, Dr. Walter Höltermann, begrüßte den Gast mit einem Überblick über die Geschichte des Gedenkortes Jüdische Schule. Als die nahegelegene Synagoge von den Nazis niedergebrannt wurde, blieb das Schulgebäude aus „Brandschutzgründen“ in der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 verschont. Bevor die Stadt Lingen das Gebäude kaufte, diente es als Pferdestall und Lagerraum. „Heute ist die Jüdische Schule neben dem Jüdischen Friedhof ein wichtiger Ort des Gedenkens an die Ermordung und Vertreibung der jüdischen Mitbürger Lingens“, so Höltermann.

Dr. Felix Klein unter Corona-Bedingungen in der Jüdischen Schule. Dr. Walter Hölltermann und Simon Göhler vom Vorstand freuen sich über das Lob für das Forum.

Forum-Vorstandsmitglied Simon Göhler, der den Besuch organisiert hatte, berichtete, wie er persönlich zum Forum gekommen sei. Als Schüler am Franziskus-Gymnasium hatte er im Rahmen einer Facharbeit ein von Anne Scherger verfasstes Buch über den jüdischen Friedhof illustriert. Seither engagiere er sich für die Erinnerungsarbeit. Göhler berichtete zudem von den „Stolpersteinen“, die im Stadtgebiet an die Opfer des Naziterrors erinnern.

Angela Prenger von der Arbeitsgemeinschaft Erinnerungskultur des Forums berichtete über die Schicksal der Lingener Ehrenbürger Ruth Foster und Bernard Grünberg. Ruth Foster, als Ruth Heilbronn in Lingen geboren, wurde nach Riga und von dort in das KZ Stutthoff verschleppt. Ihre Eltern wurden ermordet, sie überlebte. Foster forderte 1984 ein Mahnmal für die Lingener Opfer der Verfolgung. Durch ihr Engagement kam auch der Kontakt mit Bernard Grünberg zustande. Grünberg konnte 1938 mit einem „Kindertransport“ nach England entkommen. Seine Eltern und seine Schwester wurden ermordet.

Ebenfalls für die AG Erinnerungskultur stellte Agnes Kläsener, Referentin im Ludwig-Windhorst-Haus, Projekte zur Jugendbildung vor. Mit Fahrten nach Auschwitz und Stutthoff sollen junge Menschen auf die Folgen von Rassismus und Hetze aufmerksam werden.

Felix Klein hob die Bedeutung von Erinnerungskultur hervor. Bürgerliches Engagement wie das des Forum Juden Christen sei unverzichtbar, um dem Vergessen des Naziterrors entgegenzuwirken. Klein freute sich darüber, dass eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen ihm und den Antisemitismusbeauftragten der Bundesländer bestehe. Auch die Zusammenarbeit mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland sei im Kampf gegen den Hass auf jüdische Menschen sehr wichtig. Klein erwähnte, dass der Zentralrat der Juden nicht mit AfD- Politikern spreche. In den Staat Israel würden sie nicht offiziell eingeladen.

Albert Stegemann (CDU-MdB) bezeichnete das Forum Juden-Christen als „Leuchtturm“ der Erinnerungsarbeit. Er hob die Bedeutung der Schule für die Immunisierung von Kindern und Jugendlichen gegen „falsche Propheten“ hervor. Er selbst sei durch das Tagebuch der Anne Frank im Schulunterricht über die Naziverbrechen aufgeklärt worden.

Felix Klein, Albert Stegemann und OB Dieter Krone waren sich einig, dass der Rückgang der Zeitungslektüre in jüngeren Jahrgängen die Gefahr berge, dass Falschnachrichten verbreitet würden. Krone erwähnte insbesondere junge Menschen, die ungeprüfte Nachrichten ohne Quellenangabe konsumierten. Die Arbeit von Zeitungsredakteuren sei gerade im Bereich der politischen Bildung und der Diskussionsfähigkeit gesellschaftlicher Gruppe unverzichtbar. Ein Vertreter der lokalen Lingener Tagespost war allerdings bei dem Gespräch in der Jüdischen Schule nicht anwesend.

Dr. Felix Klein, der sich bei seinem Besuch in das Gästebuch des Forum Juden Christen eintrug, führte übrigens am Freitag auch ein Pressegespräch mit Redakteuren der Lokalzeitung, auf die er dem Vernehmen nach nicht gut zu sprechen war. Klein hatte sehr wohl registriert, dass in der Diskussion um das Rosemeyer-Museum die „LT“ einen zitierten Satz aus seinem kritischen Brief zu dem Vorhaben aus dem Zusammenhang gelöst hatte. Dadurch war der falsche Eindruck entstanden, der Antisemitismusbeauftragte habe keine Einwände gegen das Museum.

(Fotos: © Forum Juden Christen; Quelle: PM Forum Juden Christen)

präkolumbianisch

31. Oktober 2020

Das imposanteste Denkmal auf dem Alten Friedhof in Lingen ist sicherlich das frühere Mausoleum der Familie Koke, das heute als Kolumbarium dient. An herausragender Stelle gelegen besticht das Bauwerk durch seine markante Architektur im strengen griechisch-dorischen Stil.

Inneres des Mausoleums vor der Sanierung (im orangefarbigen Kreis das Fundstück)

Doch bevor die Friedhofskommission nach dem Erwerb des Mausoleums mit den Restaurierungs- und Umbauarbeiten beginnen konnte, waren umfangreiche Vorarbeiten notwendig. Bauschäden an Dach und Mauerwerk mussten aufgenommen, Sanierungskonzepte erstellt und Finanzmittel beantragt werden.

Bei einer der ersten Begehungen stand im Inneren des Gebäudes noch diverses Inventar wie Blumenvasen, Garten- und Reinigungsgeräte sowie anderes mehr. Darunter befand sich auch ein eigenartiges Gefäß, das auf den ersten Blick wie eine Gießkanne für Zimmerpflanzen aussah. Die Oberfläche zeigte einen metallischen Glanz. Es handelt sich aber nicht um Zinkblech, Bronze oder Blei, sondern um Keramik mit einer sehr glatten, grau glänzenden Oberfläche. Wenn dieses seltsame Objekt die geplanten Bauarbeiten überstehen sollte, musste es an einen sicheren Ort überführt werden – „manchmal findet man eben Sachen, die haben andere Leute noch nicht einmal verloren“ (Heinrich Wilming, Darme).


Auffällig sind die flache Form des Behälters, die runde, spitz zulaufende Ausgusstülle, der eigenartig gebogene Griff sowie vier kleine Figuren, die auf die Oberfläche aufgesetzt sind: zwei stilistierte Frösche, eine Art Kaulquappe und ein Wesen mit einem menschenartigen Gesicht.

Das Material erwies sich bei genauerer Analyse als Keramik mit sogenanntem Reduktionsbrand. Dabei wird gegen Ende des Brandes wurde der Ofen hermetisch abgedichtet, um Zufuhr von Sauerstoff zu verhindern. Der noch vorhandene Rauch schlägt sich auf die Oberfläche des Gegenstandes nieder und gibt ihm eine glänzende, schwarze Farbe. In Europa war dieses Brennverfahren z.B. bei traditioneller Keramik in Portugal, der sogenannten „schwarzen Keramik, lange Zeit üblich.

Bei der regionalen und zeitlichen Zuweisung des Objektes herrschte zunächst allgemeine Ratlosigkeit. Selbst gestandene Museumskollegen hatten „so ein Ding“ noch nie gesehen, womit die Option, dass es sich um ein außereuropäisches Objekt handeln könnte, an Wahrscheinlichkeit gewann. Doch wo suchen?

Im Zweifelsfall bei Google-Bildsuche: Keramik, Irdenware, grau, schwarz, Tülle… – Treffer! – Südamerika, Peru, präkolumbianisch. Nun konnte Dr. Michael Brodhäcker vom Emslandmuseum mit seinen Musealogen die Spur aufnehmen und landete bei der Keramik aus Chan Chan, der Hauptstadt des Königreiches Chimu im heutigen Peru, das zuerst von den Inka angegriffen und dann im 16. Jahrhundert von den spanischen „Entdeckern“ vernichtet wurde. Dort werden bei Ausgrabungen auf Gräberfeldern solche Keramiken als frühere Grabbeigaben häufig geborgen.

Doch wie kommt das mindestens 500 Jahre alte Stück von einem Gräberfeld in Peru in ein Mausoleum auf dem Alten Friedhof in Lingen? Nun, Bauherr bzw. Auftraggeber des um 1930 entstandenen Koke-Mausoleums waren der 1857 in Lingen geborene Müllersohn Friedrich Koke, der 1924 im chilenischen Rancagua starb. Seine Frau Maria, geb. Klasing, wurde 1875 in Lingen geboren und starb 1938 ebenfalls in Chile. Beide wurden in Särgen in ihre alte Heimat überführt und ihrem Mausoleum beigesetzt. Später fanden hier auch ihre Tochter und ihr Schwiegersohn ein Urnengrab: der Vizeadmiral der Kriegsmarine Friedrich Frisius (1895-1970) und seine Frau Bianca geb. Koke (1897-1993)

Prakolumbianische Keramik war schon früher ein beliebtes Sammelgebiet bei Antiquitätenfreunden. Vermutlich also wurde die antike Grabbeigabe mit Kokes Sarg nach Europa überführt und in seinem Mausoleum aufgestellt. Die Bedeutung des Gegenstandes geriet dann bald in Vergessenheit. Vielleicht hat ja einer der Leser dieses Beitrags hierzu genauere Kenntnisse oder eine eigene Idee.


Ein Beitrag/Crosspost zur Lokalgeschichte aus dem Blog des Emslandmuseum Lingen (Ems). Von dort stammen auch die (c) Fotos.

Ach, Opa…

11. Oktober 2020

Mein Großvater war Bäckermeister und Mitbegründer der CDU in Lingen. Später war er 17 lange Jahre Bürgermeister unserer Stadt. An ihn wird in Lingen trotzdem nicht erinnert, obwohl mein Großvater es verdient hätte. Zum Beispiel, wie der spätere Oberbürgermeister Bernhard Neuhaus (CDU) wusste, weil Opa von HJ-Leuten in der Schlachterstraße zusammengeschlagen wurde, als er der jüdischen Familie Hanauer Brot gebracht hatte, damit sie etwas zu essen hatte.

Jetzt ist einem aufmerksamen Zeitgenossen eine weitere kleine und, ich sage, fiese Spitze gegen meinen Opa aufgefallen. Auf der neugestalteten Website der Stadt fand er unter „Politik, Rathaus & Service“ in der Rubrik „Ehrenbürger*innen“ dies:

“ … . Bisher ist das Ehrenbürgerrecht in Lingen an folgende Personen verliehen worden“  und es folgen dann die Namen von Martin Kruse, Ruth Foster, Bernhard Grünberg, Karl-Heinz Vehring und Ursula Ramelow. Neben der Anmerkung, dass die Verleihung dieser Ehre  nicht mit einem wie auch immer gearteten formalen, verliehenen oder erworbenen Recht verbunden ist, möchte ich“, schrieb der Mann jetzt an die Stadtverwaltung, „ihre Liste um drei weitere Namen ergänzen, die nämlich bereits am 18. Dezember 1975 mit der Ehrenbürgerwürde geehrt wurden:

– die Ordensfrau der Mauritzer Franziskanerinnen und im St. Bonifatius-Hospital fast 50 Jahre als Krankenschwester tätige Schwester M. Firminia,
– der Mitgründer des Christophoruswerk und Kinderarzt Dr. Engelbert Lindgen und
– Altbürgermeister Robert Koop (sen.).“

Der Brief geht weiter: „Ich nehme an, dass es keine Absicht war, die Liste der Geehrten nicht mit diesen Namen zu beginnen. Wenn aber doch, würde mich Ihre Erklärung dazu sehr interessieren…“ 

Über die Nichterwähnung der mildtätigen Ordensfrau und des selbstlosen Arztes kann ich nur empört den Kopf schütteln, und meinem Großvater möchte ich denn, wenn es möglich wäre, zurufen:

Ach Opa, du kannst ja wenig dafür, dass du so wenig Respekt und Erinnerung in deiner, von deiner Partei regierten Stadt erfährst, nur weil -wie der im Frühjahr verstorbene Pädagoge und Heimathistoriker Benno Vocks sich einmal ironisch ausdrückte- du den falschen Enkel hast und ich auch noch ausgerechnet so heiße, wie du geheißen hast…

zum Heulen

1. Oktober 2020

Im März 2018 feierte Bernard Grünberg, Ehrenbürger unserer Stadt und durch glückliche Fügung Überlebender des Holocaust, in Lingen seinen 95. Geburtstag. An diesem Tag wurden vier Stolpersteine vor seinem Geburts- und Elternhaus in der Georgstraße verlegt, und der alte, greise Mann berichtete dabei den Anwesenden mit stockender, tränenerstickter Stimme vom Schicksal seines kleinen Verwandten (Herman) Nico de Jong, zu dessen Andenken ein Stolperstein verlegt wurde. Nico war Grünbergs Großneffe. Zusammen mit seinen Eltern wurde das jüdoische Kind im Juni 1943 im Vernichtungslager Sobibor vergast. Nico war da gerade einmal zwei Jahre alt.

Am 9. November 2018 schlug der damalige Vorsitzende des Forum Juden Christen Dr. Heribert Lange vor, an Nico de Jong zu erinnern und nach ihm die Kita an der Kiesbergstraße zu benennen. Das blieb unbeachtet, bis die Fraktion Die BürgerNahen im Lingener Rat im Juli einen Antrag dazu ankündigte und dann nach der Sommerpause einbrachte, die zweite Kindertagesstätte („Kita“) nach Nico de Jong zu benennen, die gerade neu am Kiesberg entsteht.

Ich durfte für die BN den Antrag schreiben, ich habe ihn ergänzend begründet und allen stimmberechtigten Mitgliedern des Jugendhilfe-Ausschusses noch weiteres Material zugänglich gemacht. Doch bei diesen siegte nicht Verantwortung sondern angstvolle Geschichtslosigkeit.

Der Jugendhilfe-Ausschuss hat den Nico-Antrag der BürgerNahen nämlich am Montag dieser Woche abgelehnt. Die Begründung: Die Kita-Kinder bekämen Angst, wenn sie vom Schicksal Nicos erführen. Unbenannte „Lingener Kinderärzte“ und ein Kinderpsychiater wurden dafür ins Feld geführt, die „das bestätigt“ hätten. Dabei ist die Behauptung falsch, weil es längst kluge, menschliche Konzepte gibt, allen Vorschulkindern Angst-nehmende Informationen zum Holocaust zu vermitteln. Zum Beispiel aus Yad Vashem, aber auch von deutschen Fachleuten wie Matthias Heyl oder Andrea Becher. Diese Erziehungswissenschaftler wollte man aber nicht hören und hat stattdessen lieber den Herzenswunsch von Bernard Grünberg rundweg abgelehnt: Alle Jugendhilfe-Mitglieder stimmten mit Nein, nur unsere Fraktionskollegin, die Ärztin Sabine Stüting, stimmte mit Ja, ein Vertreter der Grünen enthielt sich, was ich übrigens auch nicht verstehe.

Ich sehe, nicht wenige Entscheidungsträger/innen in Lingen erkennen gar nicht, welche einende gesellschaftliche Kraft aktiver Erinnerungsarbeit innewohnt. Stattdessen brüskieren sie mit all ihrer undurchdachten Angst unseren 97jährigen Ehrenbürge. Doch damit noch nicht genug: Sie beschließen ihr -auch antisemitisches- Nein genau an dem Tage, an dem Juden weltweit Jom Kippur feiern, den heiligsten jüdischen Feiertag.

Jom Kippur ist der Tag der Versöhnung, und damit war das Nein auch noch dumm und geschichtslos: Bei besagter Feierstunde im März 2018 vor dem Geburtshaus von Bernard Grünberg erinnerten sowohl Dr. Heribert Lange als auch Oberbürgermeister Dieter Krone daran, dass Bernard Grünberg bei seinem ersten Besuch in Lingen 1986 die Hand ausgestreckt habe –

nicht mit dem Willen zur Vergebung und zum Verzeihen sondern mit dem Willen zur Versöhnung. Diese Versöhnung setzt darauf, dass sich alle Nachverfahren der Tätergeneration sich immer der Verantwortung bewusst sind, die aus den Millionen ermordeter Juden und den Millionen Toten des hitlerkrieges erwachse. Es gilt, dafür zu sorgen, dass solch teuflisches Machwerk nie wieder in die Köpfe der Menschen und auch nich auf unsere Straße und Plätze kommt.“ (Lange)

Ausgerechnet der Jugendhilfe-Ausschuss unserer Stadt ist dieser, seiner Verantwortung nicht ansatzweise gerecht geworden. Vielmehr hat er mit seinem montäglichen Nein die  von Bernard Grünberg ausgestreckte Hand weggeschlagen. Es ist zum Heulen.

Erich Maria Remarque

25. September 2020

Auf Erich Maria Remarque ist Deutschland längst stolz – auf ihn, den US-amerikanischen Staatsbürger, der viel in der Schweiz lebte. 1964 erhielt Remarque die Justus-Möser-Medaille seiner Geburtsstadt Osnabrück, 1967 das Große Bundesverdienstkreuz. 1968 wurde Remarque als Mitglied in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen. Insbesondere diese Ehrung soll den 70-Jährigen sehr gefreut haben. Seit Längerem immer wieder schwer krank starb der Schriftsteller heute vor 50 Jahren am 25. September 1970 in einer Klinik im schweizerischen Locarno.

Der NDR würdigt diesen großen Deutschen:

„Als 18-Jähriger muss Erich Paul Remark zum Militär. Nach kurzer Ausbildung kämpft er im Ersten Weltkrieg als Rekrut an der Westfront. Sehr bald wird er von Granatsplittern schwer verwundet, liegt lange im Lazarett – und intensiviert dort sein Schreiben. „Den wahren Schrecken des Krieges lernt man erst im Lazarett kennen“, formuliert er später in seinem Anti-Kriegsroman „Im Westen nichts Neues“, mit dem er als Erich Maria Remarque berühmt wird.

Als Erich Paul Remark kommt der Schriftsteller am 22. Juni 1898 in Osnabrück als Sohn des Buchbinders Remark auf die Welt. Diese Tatsache, die 30 Jahre später aus politischen Gründen bestritten wird, ist durch eine Geburtsurkunde der Stadt belegt. Er besucht er die Schule, danach das katholische Lehrerseminar. Im Jahr 1916 erscheint sein erster Text „Von den Freuden und Mühen der Jugendwehr“.

Als der Krieg zu Ende ist, absolviert er seine Lehrerprüfung und beginnt in Lohne bei Lingen als Volksschullehrer zu arbeiten, unterrichtet einige Wochen in Klein Berßen, schließlich einen Monat lang in Nahne bei Osnabrück. Aber der Beruf ist nicht das Richtige für ihn. Er quittiert den Schuldienst, hält sich mit Jobs über Wasser, schreibt Gedichte und Kurzgeschichten und veröffentlicht Theater- und Konzertkritiken bei der „Osnabrücker Tages-Zeitung“. In dieser Zeit experimentiert er mit Künstlernamen. Er sieht den Ursprung seines Namens Remark bei französischen Vorfahren und entscheidet sich irgendwann – auch in Anlehnung an den Schriftsteller Rainer Maria Rilke – für Erich Maria Remarque. 1920 erscheint sein erster Roman „Die Traumbude“…“

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„Meppen-Dalum“

23. September 2020

In Niedersachsen könnte es zu einem weiteren Prozess gegen einen ehemaligen KZ-Wächter kommen: Das Justizministerium­ in Hannover hat die Generalstaatsanwaltschaft in Celle mit den Ermittlungen gegen den 94-jährigen Karl Friedrich Berger beauftragt. Er soll als Wachposten im Außenlager des Konzen­trationslagers Neuengamme, das sich in „Meppen-Dalum“ -so die taz- befand, Beihilfe zum Mord an Gefangenen geleistet haben. Der Mann lebt seit 1959 in den USA, soll dort aber abgeschoben werden.

Berger war von Januar bis März 1945 Aufseher im Außenlager des KZ Neuengamme. Dort mussten die Gefangenen Strafarbeiten verrichten. Auch bewachte er die Häftlinge im März 1945 nach der Auflösung des Außenlagers während des Marsches nach Neuengamme. Während dieses Marsches sollen rund 70 Häftlinge gestorben sein.

„Der Vorwurf, Beihilfe zur Tötung von Gefangenen geleistet zu haben, bezieht sich insbesondere auf die Bewachung des Marsches zur Evakuierung der Nebenlager“, sagt der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Celle. Für seine Arbeit im KZ erhält B. bis heute eine Rente. Seinen Kriegsdienst verrichtete er ursprünglich bei der Marine.

Derzeit lebt der Mann noch im US-Bundesstaat Tennessee. Nach dem Krieg war er mit seiner Frau und seiner Tochter zunächst nach Kanada ausgewandert, 1959 dann weiter in die USA. In diesem März ordnete ein Gericht in Memphis seine Abschiebung an.

B. war erst in die USA ausgewandert, als eine Vergangenheit als NS-Verbrecher nicht mehr von den amerikanischen Behörden verfolgt wurden. Allerdings können mit einem 1978 eingeführten Bundesgesetz NS-Verbrecher neuerlich abgeschoben werden. Laut dem US-Justizministerium geschah dies seither mit 67 Personen.

Das US-amerikanische Justizministerium konnte den Dienst im KZ durch die Auswertung von Karteikarten nachweisen, auf denen seine Diensttätigkeiten notiert waren. Diese befanden sich 1945 auf den Schiffen Cap Arcona und Thielbek, auf die die KZ-Häftlinge des Neuengammer Außenlagers gebracht wurden, nachdem sie vor den vorrückenden Alliierten evakuiert worden waren. Aufgrund einer versehentlichen Bombardierung durch die Alliierten sanken sie in der Ostsee. Tausende Häftlinge starben.

Einige Jahre später wurden die Schiffe geborgen, die Karteikarte mit den Informationen über B. blieb erhalten. Durch zusätzliche Nachforschungen des U.S. Holocaust Memorial Museum konnten die Vorwürfe erhärtet werden.

Laut  Generalstaatsanwaltschaft ist unklar, wann es zu einer Abschiebung kommen wird. Ohnehin ist laut US-Medien über die Berufung Bergers noch nicht entschieden worden.

Ob es in Niedersachsen zu einem Verfahren kommt, ist auch angesichts des Alters von B. fraglich. Dabei dürfte es noch Monate dauern, ehe die Generalstaatsanwaltschaft im Fall Berger Anklage erhebt. „Wir sichten derzeit noch die vorliegenden Unterlagen“, sagt der Sprecher der Behörde.

(Foto: CC s. Arvhiv vom, 08.03.2020; Text: taz)