Funnelcloud

9. Juni 2020

Am 1. Juni vor 93 Jahren zerstörte ein „Wirbelsturm“ große Teile der Lingener Innenstadt. Am Montag tauchte eine Funnelcloud, eine routierende Trichterwolke auf – fast punktgenau wie damals über der Sturmstraße.

Im April 2020 jährte sich das Ende der Emslandlager zum 75. Mal. Wenige Wochen später – am 8. Mai 1945 – endete schließlich auch der Zweite Weltkrieg in Europa. Cover Broschüre 2020

Über die Ereignisse des Kriegsendes 1945 und die Geschehnisse in den Emslandlagern hat die Gedenkstätte Esterwegen im März und April 2020 auf ihrer Facebook- und Twitter-Seite mit kleinen Beiträgen informiert.

Die Auswahl beinhaltete bekannte und weniger bekannte Ereignisse, die aus unterschiedlicher Perspektive Schlaglichter auf die letzten Wochen der Emslandlager warfen.

Diese Beiträge sind nun als Broschüre in der Gedenkstätte Esterwegen und in folgenden Buchhandlungen erhältlich: Eissing (Papenburg), Ulenhus (Papenburg), Knudsen (Papenburg), Fehnbuch (Rhauderfehn), Schlörmann (Ostrhauderfehn), Fokken (Westoverledingen), Kremer (Haren), LeseZeichen (Meppen), Borchers (Meppen), Bücher Holzberg (Lingen), Aus Liebe zum Buch (Nordhorn), Buchhandlung am Schlosspark (Bad Bentheim), Buchhandlung zur Heide (Osnabrück).

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(Mit Dank an den Osnabrücker Geschichtsblog CC Osnabrücker Geschichtsblog – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.)

Hans Calmeyer

2. Juni 2020

In Osnabrück soll ein Friedensinstitut eröffnet werden, das den Namen des ehemaligen Juristen Hans Georg Calmeyer (Foto lks.), einem »Gerechten unter den Völkern«, tragen soll. Eine Gruppe von 200 niederländischen Prominenten, darunter Künstler und Wissenschaftler, möchten nun aber mit einer Petition an Bundeskanzlerin Angela Merkel dafür sorgen, dass das Haus nicht nach der umstrittenen Person benannt wird.  

Der in Osnabrück geborene Calmeyer war ab 1941 in einer sog. Entscheidungsstelle der Wehrmacht in den Niederlanden stationiert, in der er Einspruchsanträge von zu Juden erklärten Personen bearbeitete. Indem er etwa 2.500 „Arier-Gutachten“ akzeptierte, konnte er ebenso viele Menschen vor einer Deportation bewahren. Die Kehrseite: Calmeyer lehnte gleichzeitig auch 1.500 Anträge ab, was zur damaligen Zeit einem Todesurteil gleichkam.

Wegen dieser zwiespältigen Rolle gibt es in Osnabrück gerade eine aktuelle Diskussion über den Juristen Calmeyer. Soll nach ihm die Villa Schlikker am Heger Torwall benannt werden, die in der Zeit des NS-Staates die NSDAP-Zentrale Osnabrücks war und in der ein Friedenszentrum geschaffen werden soll?

Das Wirken Hans Calmeyers und seine Rolle als Teil der Besatzungsmacht in den Niederlanden zwischen 1940 bis 1945 ist also längst nicht nur Inhalt einer geschichtswissenschaftlichen und theologisch-ethischen Kontroverse. Im Rahmen eines Interviews für die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) blickte jetzt der Osnabrücker Rechtsanwalt Thomas Klein (Foto: unten; © Kanzlei für Strafrecht, Osnabrück) auf die Rolle von Calmeyer in Den Haag und zwar aus der Sicht eines Strafverteidigers, der auch kommunalpolitisch tätig ist.

Kleins Resümee: Heute müsste sich Hans Calmeyer vor Gericht verantworten. Ein Gericht, so Kleins Fazit, würde den Osnabrücker angesichts der aktuellen Rechtsprechung wohl der „x-fachen Beihilfe zum Mord“ für schuldig befinden. Der Anwalt mahnt daher bei der Umbenennung der Villa Schlikker „zur Vorsicht“.

„Er beteiligte sich aktiv an der Vernichtung von mindestens 104.000 in den Niederlanden ansässigen Juden. Daher kann man ihn schwerlich ohne Vorbehalt als Helden bezeichnen“, heißt es auch in dem Petitionsschreiben. Hans Knoop, Journalist und Initiator der parallelen niederländischen Aktion fügt an: „Er führte normale Amtsarbeit aus und tat nie etwas außerhalb der Richtlinien, er ist nie in Gefahr gewesen.“

Nichtsdestotrotz honorierte ihn nicht nur der Historiker Leo de Jong vom niederländischen Institut für Kriegs-, Holocaust- und Genozidkunde, 1992 war der „Schindler von Osnabrück“ als einer von wenigen Deutschen durch Yad Vashem, posthum auch den Titel  »Gerechter unter den Völkern« gewürdigt worden.

Die niederländische Wissenschaftlerin Petra van den Boomgaard, die im Beratungsgremium des Museums sitzt und in den Niederlanden über Calmeyer forscht, bestätigt , dass Hans Calmeyer keineswegs unumstritten ist. Aber: „Calmeyer hat vielen Juden geholfen, und es gibt eine große Gruppe von Menschen, die ihm ihr Überleben zuschreibt und die ihm noch immer sehr dankbar ist.“ Gleichwohl sei der Jurist ab 1943 unter Druck geraten – wohl auch, weil er einige Male verraten wurde. Sie habe Verständnis für die Auffassung der Unterstützer der Petition, fügt aber auch an, dass in Deutschland ein Wunsch danach bestehe, zeigen zu können, dass es auch „gute“ Deutsche während der Besatzungszeit gegeben hat.

Deshalb will die „Friedensstadt“ Osnabrück, trotz der Diskussion um die Rolle Calmeyers, im ehemaligen Verwaltungshaus der NSDAP  ein „Friedenslabor“ errichten. Ziel wird es sein, die Geschichten von Opfern des Nazi-Regimes aufzuarbeiten und gleichzeitig die Komplexität der Person Calmeyer so darzustellen, dass der Besucher sich selbst ein Urteil über dessen Fall bilden könne, so die Osnabrücker Stadtverwaltung.

Die Bundesregierung solle das Vorhaben nicht subventionieren, wenn es nach dem umstrittenen Juristen Hans Calmeyer benannt werde, unterstreicht hingegen Hans Knoop, der die Petition am vergangenen Donnertag dem deutschen Botschafter in den Haag übergab. Tatsächlich hat bisher die Bundesregierung Fördermittel für das geplante Osnabrücker Friedenszentrum zugesagt.


Quellen: Jüdische Allgemeine, Osnabrücker Geschichtsblog, NOZ

Heute vor 22 Jahren trug sich in unserer Stadt Schreckliches zu, an das ich erinnern möchte:

In der Justizvollzugsanstalt an der Kaiserstraße übergoss sich in der Nacht zu Pfingstmontag der 21jährige kurdische Flüchtling Hasan Akdag mit einer brennbaren Flüssigkeit und zündete sich an. 

Hasan Akdag zog sich entsetzliche Verbrennungen, blieb aber bei Bewusstsein, weinte, stammelte etwas von Abschiebung und verlangte nach Wasser. Seine Mitgefangenen konnten ihm nicht helfen, und es dauerte 40 Minuten bis Rettungskräfte die Tür zu seiner Zelle öffneten. Mit dem Rettungshubschrauber wurde er in die MHH nach Hannover gebracht, wo er abends starb. Er war 21 Jahre jung. In seiner kurdischen Heimat hinterließ er eine Frau und ein eijähriges Kind.

1996 war der junge Kurde aus seinem Dorf in der Nähe von Diyarbakır geflohen, nachdem zwei seiner Angehörigen erschossen worden waren und ihm Unterstützung der kurdischen PKK vorgeworfen worden war. Die PKK bezeichnet ihn bis heute als ihren Kämpfer, obwohl Akdag sich von der kurdischen PKK abgesetzt haben soll. Mir blieb bei den Recherchen zu diesem Posting die Rolle der PKK denn auch unklar. Sie erwähnt einen Abschiedsbrief, den es aber nach Angaben der niedersächsischen Justizbehörden nicht gegeben hat.

Als Akdags Asylgesuch in der Bundesrepublik abgelehnt wurde, tauchte der Kurde unter, wurde Anfang April an der deutsch-holländischen Grenze vom damaligen Bundesgrenzschutz  festgenommen und kam direkt in die JVA Lingen. Dort musste er zwei zusammen 120-tägigen Ersatzfreiheitsstrafen absitzen, weil er als Asylbewerber die ihm zugewiesene Stadt Essen ohne Erlaubnis verlassen. Statt in einer Essener Flüchtlingsunterkunft habe sich Hasan Akdag häufig bei seinem Onkel in Bochum aufgehalten, war der Vorwurf. Die deswegen verhängten Geldstrafen hatte er nicht bezahlt. Ein Asylfolgeantrag, den er in der Haft gestellt hatte, wurde einige Tage vor seiner Selbsttötung abgelehnt. 

„Gesicherte Hinweise auf das Motiv des Selbstmordes“ gebe es nicht, sagte damals die Sprecherin des niedersächsischen Justizministeriums.  Die Selbsttötung erfolgte aber offenbar aus Angst vor seiner Abschiebung, obwohl diese wohl nicht vor September zu erwarten gewesen wäre. Das berichtete seinerzeit Kai Weber,  Geschäftsführer des Niedersächsischen Flüchtlingsrats, am Pfingstdienstag 1998 nach Gesprächen mit Geistlichen und Sozialarbeitern der JVA. Möglicherweise hat der junge Mann seine Situation falsch eingeschätzt.


Quellen: taz , Nieders. Flchtlingsrat, und ND, ari-dok.org,

 

130 Jahre

30. Mai 2020

130 Jahre Kivelingsfeste im Bild zeigt das Emslandmuseum in seinem Museumsblog.

Mit den versammelten Kivelingen im Festjahr 1890 auf dem Lingener Marktplatz beginnt die Bildchronik des Emslandmuseums.

Jetzt wäre das große Ereignis schon fast auf dem Höhepunkt: Das lange geplante Kivelingsfest Anno Domini 2020. Aber Corona hat auch diesem Volksfest leider einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Für alle, die jetzt zwar nicht feiern können, aber gerne in der Erinnerung an frühere Fest schwelgen, hat das Emslandmuseum hier eine Bildchronik zu den Kivelingsfesten von 1890 bis 2020 zusammengestellt. Zu jedem Fest in diesem Zeitraum haben die Museumsmacher in ihrem Bildarchiv mindestens ein Foto gefunden, manchmal auch ganze Bilderserien und zu den letzen Festen natürlich jede Menge Datenträger mit unzähligen Bilddateien. So entstand ein einzigartiger Spaziergang durch 130 Jahre Festgeschehen. Und das ist nicht nur Kivelings-Historie, sondern Lingener Zeitgeschichte pur. Und für viele einfach auch eine schöne Erinnerung. mehr…

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Text und Bild: Emslandmuseum Lingen

Vor 75 Jahren wurde aus dem emsländischen Haren das polnische Maczków. Am Pfingstsonntag 1945 mussten die Harener*innen auf Befehl der britischen Militärregierung ihre Stadt räumen. Am 21. Mai war die Räumung Harens abgeschlossen. Die ersten polnischen Familien trafen ein: Soldaten der polnischen Exil-Armee, aber auch Vertriebene und Befreite aus den Emslandlagern. Insgesamt lebten nach Ende des 2. Weltkrieges schließlich mehr als 4.000 Polinnen und Polen in Haren. Weil viele Polen aus dem heute in der westlichen Ukraine gelegenen, damals ostpolnischen Lemberg stammten, bekam Haren zunächst den Namen Lwów (=Lemberg)

Während eines Truppenbesuches am 24. Juni 1945 gab dann der polnische Oberbefehlshaber General Graf Tadeusz Bór-Komorowski der Stadt in einer Feierstunde ihren neuen Namen: Maczków. Dieser Name war eine Ehrenbezeugung gegenüber dem scheidenden Kommandeur der 1. Panzerdivision: Stanislaw Maczek. (mehr auf polnisch). Maczek hatte an der Universität Lemberg Philosophie und Polonistik studiert, bevor er im ersten Weltkrieg Soldat wurde.

Mazcków wurde das Zentrum des neu geschaffenen polnischen Besatzungsgebiets im Emsland und den angrenzenden Gebieten Ostfrieslands und Oldenburgs, in dem rund 50.000 Soldaten und Vertriebene („DP“ = Displaced Persons) lebten. Eine Besonderheit der emsländischen Geschichte, über das damals die britische Daily Mail berichtet:

Haren ist die Hauptstadt von einem kleinen Polen, um ein schwieriges Problem zu lösen. Das Problem von polnischen Zwangsarbeitern, die befreit wurden, und die entweder nicht nach Hause können oder nicht nach Hause wollen. Die Polen haben bereits ihre eigene Verwaltung gewählt. Sie pflegen die Pflanzungen der Deutschen und beginnen bereits mit der ersten Ernte. Daily Mail, 1945

Die Polen bauten in Maczków schnell ein funktionierendes Gemeinwesen auf: mit Bürgermeister, Stadtrat, Schulen und einem Krankenhaus. Im Sommer 1946 gab es dort Schuster, Schneider, Uhrmacher, Fleischer und Bäcker, die auch die umliegenden polnischen Lager belieferten. Sogar eine Spielzeugwarenfabrik schuf man. Es  gab zwei Theater, Kabarett und ein Kino. Der große Geiger Yehudi Menuhin gab hier im Sommer 1945 ein Konzert und nannte Mazcków eine fröhliche, „scheinbar unbeschwert lebende Stadt“.   Junge Polen wie der Künstler Joseph Scheiner hatten jahrelang in Konzentrationslagern gelitten. In einem Brief schreibt er, berichtet der NDR, über diese Zeit rückblickend: „Zum ersten Mal nach sechs Jahren wohnte ich in einem normalen Zimmer mit Küche und WC. Wir lebten sehr bescheiden. In Maczków liebten sich die Menschen, gründeten Familien.“

Nach zwei Jahren übergaben im September 1947 die Briten die Stadt zurück an die Deutschen und die mehr als 500 beschlagnahmten Häuser wurden sukzessive zurückgegeben. Großbritannien hatte nach dem Regierungswechsel und der Ablösung von Premierminister Winston Churchill der russischen Forderung nachgegeben die polnische Exilarmee und die polnische Besatzungszone im deutschen Nordwesten aufzulösen. Im August 1948 schließlich verließ die letzte polnische Familie Miasto Maczków – und die Stadt wurde am 10. September 1948 mit einer Feierstunde wieder zu Haren.

Mehr in der WELT, in diesem kurzen NDR-Beitrag, auf den Seiten von Porta Polonica (viele Fotos und Dokumente!) und der Stadt Haren. 

Radio Veronica

18. Mai 2020

Gestern vor sechzig Jahren strahlte im Nachbarland das legendäre „Radio Veronica“ die erste Sendung aus. Radio Veronica feiert dieses Jubiläum groß – unter anderem mit der Wahl des legendärsten Programms der Veronica-Geschichte. Zuhörer konnten bis gestern für Shows wie Countdown Café, Curry & van Inkel, Evers in the Wild und Jensen in the Morning stimm

Sänger Tim Akkerman würdigte auch alle Veronics in den Niederlanden. 60 Frauen mit diesem Namen wurden mittels -wie’s heute heißt – „Live-Schalte“ – in die Jubiläumssendung gespielt. Zurück Radio kehrt für kurze Zeit auch der Roepie-Roepie-Vogel (Grafik unten) und im Rest der Woche folgen auch in den Niederlanden einst populäre Radiospiele. Am kommenden Freitag, den 22. Mai, präsentieren „die heutigen und die alten Helden“ des Senders dann die „Veronica Top 60“. Mit dabei sind die legendären Veronica-DJs Wessel van Diepen, Rob Stenders und Edwin Evers.

Die Geschichte des Zeezender Radio Veronica ist in der Rückschau schnell erzählt: Eine Gruppe niederländischer Radiohändler gründete im Oktober 1959 in Amsterdam den „Vrije Radio Omroep Nederland“ (VRON). Sie wollten künftig Rundfunkprogramme nach amerikanischem und dänischem Vorbild senden. Wegen der geltenden Gesetze in den meisten europäischen Ländern konnten solche Projekte nur außerhalb der nationalen Hoheitsgebiete (damals Drei-Meilen-Zone) verwirklicht werden. Aus dem Namenskürzel der VRON-Gesellschaft entstand der Projektname „Veronica“.

Am 9. Dezember 1959 kaufte die neue Offshore-Radiogesellschaft in Emden für 63.000 niederl. Gulden  das ausrangierte Feuerschiff Borkumriff. Die Emder Cassens-Werft wurde rüstete es zum Sendeschiff umg; am 18. April 1960 verließ das neue Radioschiff als Schleppverband den Emder Hafen unter panamaischer Flagge, um in internationalen Gewässern bei Katwijk vor der niederländischen Küste vor Anker zu gehen.

Am 17. Mai 1960 ging’s dann auf der Mittelwelle (1562,5 kHz !) los – in einer Zeit, als kommerzielle Radiosender in den Niederlanden verboten waren. In diesen Jahren wurde in den regulären niederländischen Radiosendern am Radiostandort Hilversum („Radio Hilversum“ stand auf der Senderanzeige aller damals modernen „Musiktruhen“) fast keine Popmusik gespielt. Schon im Jahr darauf hörten 5 Millionen (von damals 13,2 Millionen Niederländer/innen Radio Veronica). Mitte der 1960er Jahre wurde Radio Veronica mehr und mehr zur Rock-und-Pop-Popmusik-Legende. Ab 1965 sendete Radio Veronica die Charts der beliebtesten Schallplatten, die „Veronica Top 40“.

Der besondere Ehrgeiz der Radiomacherbestand darin, als einer der ersten Sender neue Singles großer Bands wie der Beatles oder der Rolling Stones zu präsentieren. Dies geschah in der Form, dass die Songs dann etwa dreißig Mal am Tag gesendet wurden. Bis heute verwendet man in den niederländischen Hitparaden die Veronica-Erfindung „Alarmschijf“ als Markierung für Topsongs.

1964 ersetzte der Island-Fischtrawler Norderney das erste Sendeschiff. In einem schweren Sturm wurde die Norderney dann am 2. April 1973 auf den Strand von Scheveningen geworfen. Die Radiosendungen mussten unterbrochen und die Besatzung von Bord gebracht werden. Die Bergungsarbeiten zogen Tausende Schaulustige an.

Trotz seiner Popularität -übrigens auch hier bei uns im Grenzgebiet – und sogar einer massiven Demonstration Tausender vor dem niederländischen Parlament in Den Haag  musste Radio Veronica seinen Sendebetrieb am 31. August 1974 einstellen. Das Parlament setzte mit seinem Verbotsgesetz internationale Vereinbarungen um, die Radiosendungen auf See nicht erlaubten. Später kehrte Veronica als regulärer Kanal in das niederländische Fernsehen zurück.

(Quellen: wikipedia.nl; Tubantia.nl; Foto: Musiktruhe Kuba Dominante; von Aeon Perfect CC by-sa/2.0/de)

Schuld ohne Sühne

3. Mai 2020

„Schuld ohne Sühne“ titelt die taz ihren Bericht über ein unbeschreibliches Todesdrama in den letzten Kriegstagen. Den tod von 6.000 KZ-Häftlingen auf der von Bombern auf die Cap Arcona in der Lübecker Bucht:

„Heute vor 75 Jahren sank die „Cap Arcona“ mit 4.600 KZ-Häftlingen. Die Erinnerung daran ist wach, doch das offizielle Gedenken tut sich schwer. Es ist das wohl stärkste Trauma rund um die Lübecker Bucht: die Bombardierung der „Cap Arcona“, die noch fünf Jahre gekippt vor Neustadt lag, bis man sie 1950 auseinanderschweißte. Das allerdings, ohne die Toten zu bergen. Was die Schweißer unter Wasser vorfanden, ist nicht überliefert.

Sicher ist, dass noch lange tote Körper gefunden wurden – sogar an Dänemarks Küsten. Denn jene Anwohner, die 1945 die Toten mit Traktoren von den Stränden holten, um sie würdig zu bestatten, fanden längst nicht alle. Auch die Namen der Opfer kennt man nicht, denn die Nazis „haben keine Passagierlisten geführt“, sagt Reimer Möller, Archivar der KZ-Gedenkstätte Neuengamme.

Aus dem KZ Neuengamme stammten die meisten der Opfer. Und weil man die Namen eben nicht kennt, sind auch die vielen großen und kleinen „Ehrenfriedhöfe“, die man 1945 an der Lübecker Bucht einrichtete – etwa in Neustadt und in Grevesmühlen in der Ex-DDR – anonym.

Der „Ehrenfriedhof“ in Haffkrug, ungemütlich gelegen an der Autobahnabfahrt Eutin und mit über 1.100 Bestatteten der größte von ihnen, ist gar etwas verwahrlost. Außerdem läuft er Gefahr, durch eine dicht daneben geplante Bahntrasse zur Fehmarnbelt-Querung weiter entwürdigt zu werden.

Das „Cap Arcona“-Gedenken ist also nicht nur geografisch, sondern auch organisatorisch dezentral und zersplittert. Das… [weiter bei der taz]


Die alliierten Flugzeuge starteten zu ihrem verhängnisvollen Einsatz vom Militärflugplatz Plantlünne/Wesel, südlich Lingen.

Foto: Die brennende Cap Arcona am 3. Mai 1945, Quelle Royal Air Force, gemeinfrei)

Endlich. Mit Zustimmung des Pfarrers der Bonifatius-Kirche und bei Stimmenthaltung mehrerer Mitglieder des Kirchenvorstandes der zentralen katholischen Lingener Gemeinde hat unsere Stadt Lingen (Ems) eines der originellsten Lingener der letzten 60 Jahre gedacht. Zwar muss der Stadtrat die Ehrung noch förmlich beschließen. Doch weil er aus bekannten Gründen zurzeit nicht tagt, sind die neuen Namensschilder bereits seit gestern angebracht; Hauseigner Robert Blanke persönlich schraubte sie an seine Burgstraßen-Ostwand: Das Areal vor der Bonifatiuskirche zwischen Haupteingang und Burgstraße trägt künftig den Namen von Rudi Gels. Es wirkt wie der Namensgeber durch bodenständige, heimatbezogene Eleganz und heißt ab jetzt Rudi-Gels-Platz.

Das nötige Zusatzschild fehlt noch, auch deshalb hier in meinem kleinen Blog meine Hommage an diesen Recken: Rudi Gels war nämlich tatsächlich einer jener unverwechselbaren Lingener -ja, ich sage-  Typen, die in den Jahren wuchsen, in denen Laxten und Darme noch bar ihres nivellierenden Einflusses waren. Auch ihm gelang nicht immer alles, auch nicht immer alles völlig gesetzestreu, weshalb er bisweilen in den Baulichkeiten Kaiserstraße 5 unterkommen  musste. Dort war er dann einer der wenigen, denen ein Ausflug auf das Dach von Haus 3 gelang, wo er seinen um die Einrichtung staunend versammelten -ich schätze 150- Fans zuwinkte, die ihm ein langgezogenes „Ruuuudiiii “ zuriefen – viele Jahre übrigens, bevor dies wegen eines anderen Rudi ein Schlachtruf in deutschen Fußballarenen wurde. Das waren genauso einzigartig-ungezogene Rudi-Gels-Momente wie seine konfrontativ-entschlossenen  Begegnungen mit den bundgekleidet-beamteten Ordnungshütern dieser Stadt in seinem Stammlokal VAT69. Wer erinnert sich nicht?! Und man mochte diesen Schlawiner irgendwie, selbst wenn man selbst versehentlich in seine forsch gestreckte Faust lief.

Im Früchtehaus Corbach bewegte er im morgendlichen Krafttraining manche Pflaumen- und Birnenkiste und respektierte meist deren stabile Konstruktion. Dabei war Rudi Gels im Grunde seines Herzens aber zutiefst antiautoritär;  wirkliche Autoritäten. hingegen respektierte der jetzt Ausgezeichnete. Nicht selten besuchte er beispielsweise montags in aller Frühe im Amtsgericht den langjährigen Schöffenrichter Josef Haakmann, ein Unvergessener der Lingener Richterszene, um ihn entschlossen-zaudernd mit dem Satz „Herr Haakmann, ich habe Scheiße gebaut“ schon im doppelten Sinne wirklich früh über neue berufliche Herausfordrungen in der Haakmann’schen Gerichtsabteilung in Kenntnis zu setzen.

„Ach, Rudi“, entgegnete Josef Haakmann ihm dann mit ruhigem Augenaufschlag und setzte hinzu „Es wird schon nicht so schlimm. Mal sehen, was überhaupt wird.“ Die beiden verstanden sich über Jahrzehnte; ihre Beziehung war tief und geradezu symbiotisch.

Wen Rudi ins Herz geschlossen hatte, belohnte er mit Einzigartigkeiten: Vor allem manche  Frauen seiner Heimatstadt wussten das zu schätzen, die er seinen buschigen Fuchsschwanz berühren und streicheln ließ, mit dem er seine Mofa-25 so überaus heimelig gestaltet hatte. Dann fuhr er mit ihnen auf dem Choppersitz seines motorisierten Mofa-Gefährts am Campingplatz in Schepsdorf in die untergehende Sonne.

Rudi, Du warst, jedenfalls in seinen spöten Jahren, ein toller Hecht, und es ist schön, dass deine Heimatstadt Deiner jetzt rund 10 Jahre nach Deinem Ableben gedenkt – gerade auf diese weise und hier, zwischen Amtsgericht und Bonifatiuskirche; so wird auch daran erinnert, dass und wie Du mit Deiner Mofa durch das Kirchenschiff fuhrst.

Lingen(Ems) ehrt den lieben Rudi Gels! Dass ich das noch erleben darf.


Nachtrag: Hat bitte jemand aus Lingen ein gutes Bild von Rudi – mit oder ohne Mofa? Das würde ich mir etwas kosten lassen. Bitte also ggf. eine persönliche E-Mail…

(Foto: RobertsBlog)

Wegen des Corona-Virus bleibt das Emslandmuseum für Besucher und Veranstaltungen bis auf Weiteres  geschlossen. Alle angekündigten Veranstaltungen fallen aus. Dies betrifft alle Vorträge und Lesungen, Exkursionen und auch die Stadtführungen.
Die aktuelle Ausstellung „Das Kriegsende im Raum Lingen 1945“ ist ab sofort auf dem neuen Museum-Blog im Internet einsehbar. Alle Ausstellungstafeln werden dort im Laufe der nächsten Tage eingestellt und können dann von zu Hause aus genutzt werden. Bisher sind Teil 1 und Teil 2 (von insgesamt 8 Beiträgen) veröffentlicht.
Museumsdirektor Andreas Eiynck: „Wir danken allen Zeitzeugen und allen Leihgebern, die Fotos, Dokumente und Ausstellungsstücke zur Verfügung gestellt haben.“
Auf dem neuen Blog gibt es fortlaufend auch weitere Informationen aus dem Emslandmuseum Lingen und von der Baustelle für den Erweiterungsbau des Museums.
Die Adresse im Internet lautet: www.emslandmuseum.de