Vor 75 Jahren

18. Juni 2021

Vor 75 Jahren ging es um eine Schicksalsfrage im Emsland: Zu welchem deutschen Teilstaat wolle man gehören?

Mit der Aufteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen und der Auflösung des größten deutschen Bundesstaates Preußen standen die Besatzungsmächte vor der Aufgabe, die staatlichen Verwaltungseinheiten in ihren jeweiligen Zonen neu zu regeln. Ziel war ein föderaler Aufbau und Voraussetzung dafür die Schaffung neuer Bundesländer, die sich an historischen Einheiten wie an praktischen, vor allem wirtschaftlichen Gegebenheiten orientieren sollten.

Die Britische Militärbehörde hatte im Sommer 1946 mit der Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen Fakten geschaffen. Um den Wiederaufbau des Ruhrgebietes zu erleichtern und es mit einem breiten ländlichen Umland zu versorgen bildete sie aus den früheren preußischen Provinzen Rheinland und Westfalen ein neues Mega-Bundesland mit dem größten Industrierevier Westdeutschlands.

Damit stand auch der Rest der Britischen Zone unter Zugzwang. Ein echtes Gegengewicht zu NRW hätte nur ein einheitlicher „Nordstaat“ von der holländischen bis an die dänische Grenze mit dem Zentrum Hamburg gebildet. Doch den wollten die Norddeutschen nicht. Ganz im Norden war bald ein Land Schleswig-Holstein abgesteckt. Es blieben die frühere preußische Provinz Hannover, das Land Braunschweig, das Großherzogtum Oldenburg sowie die Grafschaft Schaumburg-Lippe und das Fürstentum Lippe-Detmold.

Hannover förderte eine „Fünferlösung“, bei der alle diese fünf Länder unter dem Dach eines neuen Landes Niedersachsen mit dem Kern Hannover bilden sollten. Eine schon in den 1920er-Jahren diskutierte Ausweitung Niedersachsens um angrenzende Teile Westfalen wurde vorgeschlagen, aber von NRW entschieden abgelehnt.

Oldenburg schlug vor, den niedersächsischen Raum in drei etwa gleich große Länder aufzuteilen: ein vergrößertes Land Braunschweig im Süden, ein Land Hannover mit Teilen Westfalens sowie ein Land Weser-Ems mit dem Kern in Oldenburg, das natürlich auch die Hauptstadt werden sollte.

Hiergegen regte sich der Widerstand besonders in den Kreisen Lingen und Grafschaft Bentheim, wo eine regelrechte „Los von Oldenburg-Bewegung“ entstand. Denn dem nationalsozialistischen Gau Weser-Ems war man gerade erst entronnen und hatte mit den Oldenburger offenbar keine guten Erfahrungen gemacht. Der spätere Bentheimer Landrat Heinrich Specht forderte im Mai 1946:

„Nach 1933 nutzte Oldenburg seine Stellung als Gauhauptstadt zu starken wirtschaftlichen und politischen Zentralisierungsbestrebungen aus … heute will man nicht herausgeben, was (die NSDAP-Gauleiter) Röver und Wegener eingeheimst haben. Die Grafschaft Bentheim verwahrt sich jedoch dagegen, zum Opfer dieses Machtstrebens degradiert zu werden, und erst recht dagegen, mit jenem Oldenburger Partikularismus identifiziert zu werden, den man heute bereits in ganz Deutschland belächelt. Sie tritt beharrlich ein für eine völlige und endgültige Lösung aller Wirtschafts- und Verwaltungsbindungen an Oldenburg. In der Erkenntnis, daß sie Hannover ihre wirtschaftliche Existenz verdankt, wünscht sie vollen Anschluss an die Provinz Hannover…“.

Ebenfalls im Mai 1946 hatte in Meppen eine Versammlung der emsländischen und südoldenburgischen Landkreise stattgefunden, an der auch Bürgermeister Zurhorn aus Münster teilnahm, der eifrig für einen Anschluss an Westfalen zu warb. Um die befürchtete Zuordnung an Oldenburg zu verhindern, forderten die Kreise Cloppenburg, Meppen und Lingen am 4. Juni ihren Anschluss an Westfalen. Der Redakteur Andreas Büscher schrieb hierzu am 2. Juli 1946 in der Osnabrücker Rundschau:

„Es unterliegt keinem Zweifel, daß das Emsland wirtschaftlich nach Westfalen orientiert ist. Ein möglichst enger Zusammenschluss dieser Gebiete, auch in verwaltungstechnischem Sinne, würde diese Zusammengehörigkeit vertiefen und sich dadurch zum Besten beider Gebiete auswirken. Deshalb müssen die vier Emslandkreise – möglichst geschlossen – rechtzeitig danach trachten, in der zukünftigen Neuordnung des nordwestdeutschen Raumes den Anschluß an das benachbarte Westfalen zu erreichen.“

Vorgeschlagen wurde hierzu ein Volksentscheid parallel zu den geplanten Kommunalwahlen im Herbst 1946. Doch daraus wurde nichts, denn mittlerweile war die Gründung von NRW bereits erfolgt. Osnabrück hatte ohnehin mehr auf Niedersachsen gesetzt, weil es die Bezirksregierung nicht an Oldenburg oder Münster abgeben wollte und erreichte einen Beschluss aller Landkreise des Regierungsbezirks, dass sie auf jeden Fall zusammenbleiben wollten. Im Falle eines Anschlusses an Nordrhein-Westfalen befürchtete man, letztlich doch nur Randregion in einem zukünftigen vergrößerten „Ruhrstaat“ zu werden. So setzten die Emsländer im Zweifelsfall gemeinsam mit Osnabrück auf Niedersachsen.

Dort hatte es schon im Sommer 1945 den Vorschlag gegeben, die Provinz Hannover per Staatsvertrag mit Braunschweig und Oldenburg unter eine „gemeinsame Landesregierung in Niedersachsen“ zusammenzufassen. Die Militärregierung lehnte dies ab, weil die Leiter besetzter Länder keine Verträge miteinander schließen könnten. Sie bildete für die entsprechenden Gebiete aber einen „Gebietsrat Niedersachsen“.

Auch eine Umwandlung der Provinz Hannover in ein Land Hannover als Vorstufe für einen freiwilligen Zusammenschluss lehnten die Briten zunächst ab. Doch nach der Bildung von NRW lenkte die Besatzungsmacht ein. Am 4. Juli 1946 befahl sie dem Zonenbeirat die Bildung eines Sonderausschusses zur Neugliederung der Zone. Von den fünf dort vorgelegten Möglichkeiten erhielt der Vorschlag von Hinrich Wilhelm Kopf die meisten Stimmen. Er favorisierte ein Land Niedersachsen aus Hannover, Braunschweig, Oldenburg, Schaumburg-Lippe und Lippe-Detmold sowie weiteren Gebieten im nördlichen Westfalen, wo seit dem Frühjahr bei Versammlung und Vorträgen für einen Anschluss an Niedersachsen geworben wurde.

Dieser war aber nach der Bildung von NRW nicht mehr durchsetzbar und Lippe-Detmold entschied sich für einen Anschluss an NRW. Der Nordstaat, das Land Weser-Ems und weitere Vorschläge fanden keine Mehrheit…


gefunden im  Blog des Emslandmuseum / Andreas Eiynck

Lingener Jung‘

14. Juni 2021

Straßennamen sind öffentlich sichtbare „Ehrungen“, Anerkennungen und Widmungen. Somit formen sie aktiv einen essentiellen Teil der kollektiven Erinnerungskultur. Vor diesem Hintergrund müssen wir uns also die Frage stellen: An wen wollen wir mit einem Straßennamen erinnern und wen wollen wir „ehren“?“

Am vergangenen Donnerstag hat der Kulturausschuss des Lingener Stadtrates darüber debattiert, die bisherige, vom damaligen NS-Bürgermeister Plesse beschlossene Bernd-Rosemeyer-Straße neu in Fredy-Markreich-Straße zu benennen. Rosemeyer war ein großartiger Autorennfahrer, aber als einziger deutscher Renfahrer nach eigenem Bekunden bereits vor Hitlers sog. „Machtergreifung“ in SA und SS eingetreten. Als er bei dem Versuch starb, einen Geschwindigkeitsrekord aufzustellen, war er SS-Hauptsturmführer, was neben dem „Lingener Jung'“-Atttribut auf den Schildern an der Lingener Rosemeyer-Straße allerdings verschwiegen wird und alsbald nachgetragen werden muss. Fredy Markreich (Foto) war damals ein beliebter Lingener, wegen Tapferkeit im 1. Weltkrieg ausgezeichnet, Mitglied der Kivelinge und anderer lokaler Vereine und er war jüdischen Glaubens. Daher musst er 1939 seinen Besitz in der Großen Straße verkaufen und aus Deutschland vor der drohenden Vernichtung fliehen.

Am Ende der ernsten und sachlichen Debatte sprachen sich am Donnerstag im Ausschuss  „Die BürgerNahen“, Bündnis’90/Die Grünen und die FDP für die Umbenennung in Fredy-Markreich-Straße aus, CDU und SPD waren dagegen und setzten mit 8:3 Stimmen statt dessen einen Auftrag an die Verwaltung durch, einen Kriterienkatalog zu erarbeiten, nach denen künftig in Lingen Straßen benannt werden. Kriterien sind immer gut. Aber ernsthaft: In der öffentlichen Debatte der letzten Wochen ist mehrfach betont worden, dass Rosemeyer ein „Lingener Jung'“ gewesen sei. Wenn dies ein Kriterium für eine Ehrung durch einen Straßennamen ist, kann sich tatsächlich jemand vorstellen, dass dieses Merkmal seine Mitgliedschaft in SA und SS und seinen Offiziersrang in eben der SS unbedeutend werden lassen könnte?

Alles erinnert mich an die aktuelle Diskussion im fränkischen Schweinfurt. Dort gibt es das Willy-Sachs-Stadion, das 1936  der damalige Alleininhaber der Schweinfurter Fichtel & Sachs AG Willy Sachs für eine Million Reichsmark der Stadt Schweinfurt stiftete. Sie ahnen es: Willy Sachs trat 1933 in die SS ein und war seit 1. Mai 1933 Mitglied der NSDAP. Er hatte schließlich den Rang eines SS-Obersturmbannführers (1943), gehörte dem „Freundeskreis Reichsführer SS“ (Heinrich Himmler) an und war auch sonst tief in den NS-Staat verstrickt. Deshalb hat sich eine Initiative gebildet, damit sich der Stasionname jetzt ändert.

Man braucht kein Prophet zu sein: Die Neubenennung wird sowohl in Schweinfurt als auch in Lingen erfolgen. Dass Willy Sachs ein großzügiger Mäzen und Bernd Rosemeyer ein sehr guter Autorennfahrer waren, führt nicht dazu, den Mantel der Liebe über ihre jeweilige Verstrickung in den NS-Staat legen zu können.  Nach einem SS-Mann benennen eben nur Nazis eine Straße.

Bei uns wird die notwendige Neubenennung auch kaum dazu führen, dass die jetzige Rosemeyer-Straße wieder den Namen Bahnhofstraße trägt, wie es die etwas geschichtslos wirkende SPD favorisiert; denn zweifellos wäre dies eine Missachtung des Juden Fredy Markreich, der 1939 gerade noch vor Kriegsausbruch aus Deutschland nach Afrika flüchten konnte, dann aber leider nur fünf Jahre später im afrikanischen Liberia „an einer Seuche“ starb, wie man es in den lokalen Veröffentlichungen nachlesen kann.

Angesichts dessen weiß ich, wie ich mich zu entscheiden habe.

Hier geht es zu meiner Rede
am vergangenen Donnerstag (10.06.) im Kulturausschuss unserer Stadt, in der ich meine Position formuliert habe.

Hier geht es dann zur
Online-Petition für die Neubenennung

 

„Civis, Civis, Civibus“ – den entschlossenen Festruf der Kivelinge wird es wohl erst 2024 geben, wenn es um das gewohnten 5-tägige Fest  geht. Der Bürgersöhne-Aufzug hat jetzt nämlich „entschieden“, sein zunächst für Pfingsten 2020, dann für dieses Jahr geplantes, internes Fest erst einmal auf den Herbst des Jahres zu verschieben. Im Vertrauen: Ihm blieb auch nichts anderes übrig als diese „Entscheidung“; denn jede Festivität scheitert aktuell an den Corona-Einschränkungen.

Aber dann, vier Monate später im Herbst 2021,  soll am sonntäglichen „Tag der deutschen Einheit“ ein „Bürgersöhne-Aufzug“ stattfinden. Intern, aber mit (fast) allem historisierenden Tamtam: Königsfrühstück, Königs- und Königinkrönung im hist. Rathaus, Kaffeekonzert, vielleicht auch ein Festball aber vor allem das Ausschießen des neuen Königs im Rahmen eines Frühschoppens. Voraussetzung: Corona und ihre Mutanten haben nichts dagegen…

Allerdings gibt es dann wohl keinen Festumzug und auch das Volksfest fällt aus. Das soll erst zu Pfingsten 2022 folgen  – doch dann, welch‘ Überraschung – mit dem alten König, wiewohl „Majestät“ Johannes Kruse schon seit dem Sommer 2020 verehelicht ist – und das nicht einmal mit seiner „liebreizenden“ (Kivelingssprech) Königin Julia Duscha. Qua Kivelingssatzung ist Johannes damit längst aus dem Kivelingsverein ausgeschieden. Aber es gibt eine „Lex Johannes“, die das gestoppt hat.

Wo während all der Volksfestaktivität an Pfingsten 2022 der sieben Monate zuvor neu ausgeschossene und proklamierte Kivelingskönig dann  bleibt, weiß der Hugo. Ehrenmitglied Friedrich-Wilhelm Gelshorn, der Hüter des ehrwürdigen Satzungsgrals der Kivelinge, verstand bei der samstäglichen Online-Konferenz der Kivelinge auch deshalb die Welt nicht mehr. Nun, die nicht satzungskonforme, von „Vorstand und des Offizierscorps“ fast einstimmig beschlossene Idee wurde mit 90%  durchgewunken, und sie ist vor allem eins – pragmatisch.

Bei all diesem Intern-Extern-Aufzug-Volksfest-Durcheinander verlieren bisweilen die selbst Kivelinge den notwendigen Überblick. Nur so kann ich es mir erklären, dass für den bevor stehenden Herbst 2021 auf der Facebookseite des, zum immateriellen Kulturerbe zählenden ältesten Bürgersöhnevereins Deutschland, nun doch ein Volksfest-Foto (s.o.) zu sehen ist, das aber erst in einem Jahr stattfindet…

Egal: Feiert schön geteilt, Jungs, auch ich schau mal vorbei.

Der Lingener Ehrenbürger Bernhard Grünberg ist heute Mittag auf dem jüdischen Friedhof an der Weidestraße beigesetzt worden. Der hochbetagte Holocaust-Überlebende war am 16. Januar des Jahres in seinem englischen Wohnort Derby-Alvaston dem Corona-Virus erlegen. Seither hatte sich die Stadt Lingen (Ems) darum bemüht, die sterblichen Überreste Grünbergs nach Lingen zu überführen, um den Verstorbenen -seinem Wunsch entsprechend- hier auf dem Jüdischen Friedhof zu bestatten. Trotz aller Bemühungen der Stadtverwaltung, ihres früheren Mitarbeiters Atze Storm, der städt. Beauftragten Elisabeth Spanier sowie des Bestattungshauses Schnitker in Lingen und dessen britischen Kollegen in Derby brauchte es bis Ende vergangener Woche; erst dann traf der Sarg Bernhard Grünbergs über den Frankfurter Flughafen in Lingen ein.

Der Grund: Die Corona-Restriktionen. Ihretwegen stockte die Überführung trotz aller Bemühungen; selbst das Auswärtige Amt war machtlos. Damit erinnerte diese schwierige Rückkehr auf besondere Weise zugleich auch an die traurige Flucht des damals 15jährigen Grünberg im Jahr 1938 mit einem Kindertransport nach England; als einziger seiner Familie  überlebte er den Holocaust.

Rund 60 TeilnehmerInnen nahmen an der heutigen Beisetzungsfeier nach jüdischem Ritus teil. Auf dem Weg zum Grab sprach Rabbi Michael Grünberg (Osnabrück) Gebete und Psalmen. Nachdem acht jüdische Männer den einfachen Holzsarg in das Grab abgesenkt hatten, warfen Angehörige und Trauergäste 3 Schaufeln Erde in das Grab. Als der Sarg mit Erde bedeckt war, wurde das Kaddischgebet (Totengebet) gesprochen.

Neben den Angejörige des verstorbenen waren viele LingenerInnen anwesend, die zum „Menschenfreund“ Bernhard Grünberg über die Jahre eine starke persönliche Beziehung geknüpft hatten, u.a. der ehemalige Oberstadtdirektor Karl-Heinz Vehring, der Mitbegründer des Forum Juden-Christen Josef Möddel, dessen Ehrenvorsitzender Heribert Lange, das langjährige Vorstandsmitglied Johannes Wiemker und aus Berlin Anne-Dore Jakob (Pax Christi). Unter den Trauergästen waren auch der Erste Bürgermeister der Stadt Heinz Tellmann, die Fraktionsvorsitzenden im Stadtrat Edeltraut Graeßner (SPD) und Robert Koop (Die BürgerNahen) sowie die stellv. Fraktionsvorsitzende der CDU-Ratsmitglieder Irene Vehring und alle städtischen Dezernenten.

Neben dem Vorsitzenden des Forum Juden Christen Gernot Wilke-Ewert sprach auch Oberbürgermeister Dieter Krone. Hier seine Rede im Wortlaut, die auch das Leben des Verstorbenen skizzierte:

„Sehr geehrte Trauergemeinde,
wir stehen hier tief bewegt am Grab unseres Lingener Ehrenbürgers und Freundes Bernhard Grünberg, der bereits am 16. Januar verstorben ist. Es war sein sehnlichster Wunsch hier auf dem Jüdischen Friedhof in Lingen beerdigt zu werden. Aufgrund der Corona-Erkrankung von Bernhard Grünberg, aber auch aufgrund des Brexit und damit verbundenen hohen bürokratischen Auflagen hat sich die Überführung seiner sterblichen Überreste sehr lange hingezogen. Heute dürfen wir ihn gemeinsam auf seiner letzten Wegstrecke begleiten, um ihm damit unsere tiefe Ehrerbietung zu erbringen. Das hohe Alter von 97 Jahren beschreibt nicht nur einen langen, sondern vor allem auch einen sehr beschwerlichen Lebensweg.
Bernhard Grünberg wurde am 22. März 1923 in Lingen geboren und verbrachte seine Kindheit in unserer Stadt. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten nahm die einst glückliche und unbeschwerte Kindheit ein jähes Ende. 1938 gelang es dem 15-Jährigen, dieser zu entkommen, indem er Deutschland mit einem Kindertransport verlassen konnte. Sein Vater, der nur wenige Tage zuvor aus dem Konzentrationslager Buchenwald nach Lingen zurückgekehrt war, brachte ihn zum Bahnhof und die beiden verabschiedeten sich für immer voneinander. Bernhard Grünberg wurde nach England gebracht, wo er bis zu seinem Tod lebte.
Seine Familie konnte nicht entkommen. Seine Eltern Marianne und Bendix Grünberg sowie seine Schwester Gerda wurden 1941 nach Riga deportiert. Dort wurde sein Vater in einem Ghetto ermordet. Seiner Mutter und seiner Schwester ereilte 1944 das gleiche Schicksal im Konzentrationslager Stutthof. Somit war Bernhard Grünberg der einzige seiner Familie, der den Holocaust überlebte.
1986 erfuhr die Stadt Lingen (Ems) dank Ruth Foster davon, dass Bernhard Grünberg noch lebte. Im gleichen Jahr folgte er der herzlichen Einladung, an der Enthüllung des Gedenksteins zur Erinnerung an die ermordeten jüdischen Familien unserer Stadt teilzunehmen. Von da an besuchte Bernhard Grünberg seine Heimatstadt regelmäßig. Oft begleitete ihn seine Frau Daisy, die 2001 verstorben ist.
Nach all dem Leid, das ihm und seiner Familie hier in unserer Stadt in Zeiten der nationalsozialistischen Herrschaft widerfahren ist, hierher zurückzukehren und der Stadt die Hand zu reichen, zeugte von seiner unglaublichen Größe. Er brachte den Lingener Bürgerinnen und Bürgern stets Vertrauen, Verständnis und Dankbarkeit entgegen. 1993 erwies er unserer Stadt die Ehre, die ihm angetragene Ehrenbürgerschaft anzunehmen.
Ein ganz besonderes Anliegen war es ihm seitdem, mindestens einmal im Jahr die beschwerliche Reise auf sich zu nehmen, um von England aus für einige Tage nach Lingen zu reisen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie schwierig es nach ein paar Jahren war, ihm klarzumachen, dass er mit seinen 90 Jahren nicht mehr alleine mit seinem Auto, seinem Vauxhall, nach Lingen fahren könne und wir ihn selbstverständlich vom Flughafen in Amsterdam abholen würden. Diese kleine Episode aus seinem Leben zeigt, wie willensstark und entschlossen Bernhard Grünberg auch war.Vor drei Jahren feierte er mit vielen auch heute anwesenden Wegbegleitern noch seinen 95. Geburtstag in unserer Stadt. Ich erinnere mich noch immer an sein strahlendes Gesicht, mit denen er die vielen Gäste begrüßte und es sich nicht nehmen ließ, mit allen ein wenig zu plaudern. Er genoss die Aufmerksamkeit in vollen Zügen und freute sich über jeden, der gekommen war, um mit ihm zu feiern. Wenn er hier in Lingen war, schien er die Zeit immer sehr zu genießen. Unzählige Gespräche haben wir im Rathaus geführt. Und auch vor und nach seinen Besuchen Mails ausgetauscht.Doch es war ihm vor allem auch immer ein Anliegen, egal ob bei Beth Shalom in England oder in den Lingener Schulen, aus seinem Leben zu erzählen. Bernhard Grünberg mahnte besonders die jungen Menschen, dass sich so etwas niemals wiederholen dürfe. Seine zahlreichen Vorträge und sein Engagement gegen Antisemitismus und Rassenwahn bleiben unvergessen.
Neben den Erinnerungen in unseren Köpfen finden sich hier in Lingen auch an vielen Orten Spuren von Bernhard Grünberg, seinen Eltern und seiner Schwester: Der Gedenkstein zur Erinnerung an seine Familie, den wir hier sehen, wurde 1998 gemeinsam mit Bernhard Grünberg enthüllt. Stolpersteine in der Georgstraße erinnern an das Schicksal der Familie Grünberg und ihrer Angehörigen. Bernhard nahm an der Einweihung der Jüdischen Schule teil und schmiedete das Tor zum Eingang des Lern- und Gedenkortes. Zudem trägt eine Straße im Emsauenpark seinen Namen. Bei seinen letzten Aufenthalten in Lingen besuchte er regelmäßig die Bernhard-Grünberg-Straße und traf sich mit den Anwohnern – Begegnungen, die sicherlich allen immer im Gedächtnis bleiben werden.
Lassen Sie uns diese vielen Erinnerungen an ihn wachhalten und weitertragen. Möge sein Tod ein Vermächtnis sein, uns auch in Zukunft aktiv gegen Antisemitismus, Rassenwahn und Fremdenfeindlichkeit einzusetzen und dafür zu sorgen, dass sich solch schreckliche Ereignisse, die unser menschliches Vorstellungsvermögen übersteigen, niemals wiederholen.
Mit der Beerdigung heute erfüllen wir den letzten Wunsch unseres Ehrenbürgers, ihn hier auf dem Jüdischen Friedhof in Lingen beizusetzen, wo auch der Gedenkstein zur Erinnerung an seine Familie steht. Wir treten ihm mit größtem Respekt und Hochachtung gegenüber und werden in auch nach seinem Tod gebührend in Ehren halten. Wir sind ihm unendlich dankbar für seine menschliche Größe, die er uns erwiesen hat und sein unermessliches Engagement. Er hat nun seine letzte Ruhestätte in unserer Stadt gefunden. Ein Ort, an dem wir uns an ihn erinnern und seiner gedenken können.
Ich danke Ihnen für Ihre Anteilnahme.“


 

Nachtrag:

Der Verstorbene wuchs in Lingen (Ems) als Bernhard Grünberg auf. Nach Jahren in England schrieb der Verstorbene seinen Namen englischsprachig: Bernard Grunberg.
Foto: Jüdischer Friedhof in Lingen (Ems) © Forum Juden Christen

Buren-Skandal

23. März 2021

Das Emslandmuseum berichtet just in seinem Blog über den Buren-Skandal vor drei Jahren und hat herausgefunden, dass der Skandal kein Skandal war. Eine wunderbare Emslandgeschichte:

Mit großem Widerhall in Presse und Medien wurde 2018 das große Ortsjubliäum „1200 Jahre Emsbüren“ kurzerhand abgesagt, weil sich die entsprechende Urkunde zum Jahr 819 als Fälschung des 10. Jahrhunderts herausgestellt hatte. Das hatten die Historiker zwar schon Jahre vorher herausgefunden, aber nun hatte es sich auch bis Emsbüren herumgesprochen.

Noch bevor man die Hintergründe dieser Fälschung auf sachlicher Ebene erst einmal diskutiert hatte – eine gefälschte Urkunde enthält in der Regel auch viele zutreffende Informationen, sonst wäre sie ja nicht glaubwürdig – fürchtete die Emsbürener Geistlichkeit um ihre eigene Glaubwürdigkeit beim Jubiläum und wandte sich in ihren Gewissensnöten an die vorgesetzte Dienststelle der Diözese, die sich mit solcherlei Anfragen wohl auch nicht jede Woche beschäftigt.

In erstaunlicher Geschwindigkeit kamen dabei Historiker des Bistumsarchivs in Osnabrück, die bislang nicht unbedingt durch Forschungen zum Mittelalter in Erscheinung getreten waren, zu dem aus kirchlicher Sicht – wen wunderts – unanfechtbaren Urteil, dass man auf Grundlage einer gefälschten Urkunde keinen echten Geburtstag feiern dürfe. Kirche ist ja bekanntermaßen stets um Wahrheit und Transparenz bemüht. Etwas erstaunt ist man da schon, denn wenn der Grundsatz, dass Dinge aus der Vergangenheit, für die man keinen urkundlichen Nachweis besitzt, nicht gefeiert werden dürfen, dann dürfte ja gerade in der katholischen Kirche, wenn man’s zu Ende denkt, so manches nicht gefeiert werde. In Emsbüren hielt man sich jedenfalls an die Ansage aus Osnabrück zur Absage des Jubiläums.

Unrecht – wie der namhafte Mittelalter-Historiker Prof. Dr. Manfred Balzer jetzt in einem umfangreichen Beitrag in der wissenschaftlichen Zeitschrift „Nordmünsterland“ (Bd. 8, 2021) erläutert.

Balzer kommt nämlich zu dem Ergebnis, dass der im Mittelpunkt der gefälschten Urkunde von 819 stehende Abt Castus in Visbek identisch ist mit jenem Castus oder Gerbert, der als Schüler und Weggefährte des Heiligen Ludgerus schon lange bekannt ist. Auf breiter Quellenbasis stellt Balzer heraus, dass die in der Falschurkunde von 819 genannten Orte sehr wohl als Freren und Emsbüren identifiziert werden können und dass auch absolut wahrscheinlich ist, dass diese Orte um das Jahr 820 schon existierten und über eine Kirche verfügten.

Hat er oder hat er nicht ? – Ludgerus als Gründer der Kirche in Emsbüren am dortigen Kirchenportal

Im Verlauf seiner Darstellung kommt Balzer zu dem Ergebnis, dass der Diakon Castus zur Sippe des heidnischen Sachsenherzogs Widukind gehörte. Sein Familienzweig verfügte über erhebliche Besitzungen im heutigen Oldenburger Münsterland, im Osnabrücker Nordland sowie auch im Südlichen Emsland. Castus stiftete seinen Erbteil, das waren vor allem Bauernhöfe, zum einen für das Kloster Werden, das sein Lehrer Ludgerus gegründet hatte, und zum anderen für ein von ihm selber gegründetes kleines Kloster in Visbek, das später samt allem Zubehör in den Besitz des Klosters Corvey an der Weser gelangte.

Zu diesen Stiftungen des Castus gehörten auch zahlreiche Höfe und die Zehnteinnahmen in Freren, die später an Corvey fielen, sowie Höfe in Schale, die das Kloster Werden erhielt. In Schapen richtete dieses Kloster schon im 9. Jahrhundert einen Haupthof ein, der die zahlreichen Einnahmen der Mönche aus der Umgebung sammelte, und errichtete dort schon früh eine Kirche unter dem Patronat des Heiligen Ludgerus.

Emsbüren hat durch den vermeintlichen Skandal um die gefälschte Urkunde nicht nur sehr viel Staub aufgewirbelt, sondern sehenden Auges ein wichtiges Ortsjubiläum verstreichen lassen.

Die Herren vom Bistumsarchiv empfahlen seinerzeit ersatzweise ein Jubiläum zum Jahr 1181 – damals wurde die Pfarrei Emsbüren zum ersten Mal erwähnt. Das Jubiläum wäre dann 2081. Bis dahin ist ja noch Zeit und wer weiß denn, ob es in der Zwischenzeit bezüglich der Echtheit dieser Quelle nicht noch zu neuen Erkenntnissen kommt. Oder zu einem neuen Sturm im Wasserglas.


Quelle und Fotos: Emslandmuseum Lingen;  Literaturhinweis: Manfred Balzer: Abt Castus von Visbek. In: Nordmünsterland. Forschungen und Funde. Bd. 8, 2021.

Frauentag

8. März 2021

Erstmals fand der Frauentag 1911 statt und dann ab 1921 in jedem Jahr. Das genaue Datum wählten die Vereinten Nationen (UN) im Internationalen Jahr der Frau 1975 zum „Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden“ und richteten erstmals dazu am 8. März eine Feier aus.

1921 machte Berta Gelshorn la erste Frau in Lingen (Ems) ihr Abitur. Das war vor 100 Jahren – genau heute am Frauentag. Ihren verschlungenen, schwierigen Weg zu diesem Meilenstein der Gleichberechtigung zeichnete jetzt der Lingener Stadtarchivar Dr. Mirko Crabus nach:

„1909 gründete die Stadt eine Höhere Mädchenschule für Schülerinnen aller Konfessionen. Eine der ersten Schülerinnen war Berta Gelshorn. Sie wurde 1901 als Tochter des Lingener Malermeisters Gelshorn geboren und hatte bereits drei Jahre lang die Bürgerschule besucht.

Jedoch konnte man an der Höheren Mädchenschule keinen Abschluss erwerben und sich danach höchstens noch zur Handarbeits-, Turn- oder Hauswirtschaftslehrerin ausbilden lassen. Die Schulleiterin Clara Eylert drängte jedoch auf einen Unterricht nach dem Lehrplan der Höheren Schulen.

So konnte Berta Gelshorn nach der vorletzten Klasse eine Prüfung ablegen und in die Abschlussklasse des Lyzeums in Rheine wechseln. Nach einem Jahr bestand sie dort die Prüfungen zur Mittleren Reife. Damit war die nunmehr 17-jährige Berta zum Besuch eines Oberlyzeums berechtigt.

Noch waren das nichts anderes als höhere Lehrerinnenseminare. Das nächste Oberlyzeum befand sich in Münster, doch Berta ging stattdessen auf die städtische Studienanstalt Hannover. Erstmals stand Latein auf ihrem Stundenplan, die Sprache musste sie sich privat aneignen: Auf dem Abschlusszeugnis der ansonsten guten Schülerin reichte es zu einem „genügend“.

Die Weimarer Republik eröffnete Frauen neue Möglichkeiten. Ihnen wurde das Wahlrecht zugestanden, und auch das Georgianum stand nun regulär Schülerinnen offen. So kehrte Berta Gelshorn nach Lingen zurück und wechselte Ostern 1919 in die Unterprima des Gymnasiums.

Zwar war sie dort zunächst nur als Hospitantin zugelassen, doch wurde ihr die Gastschulzeit später angerechnet. Erstmals hatte sie nun auch Griechischunterricht – wieder musste sie den Unterrichtsstoff privat nachholen.

1921 wurden sie und zölf Mitschüler zu den Abiturprüfungen zugelassen. Ende Januar wurden die Klausuren geschrieben: Berta bestand alle Prüfungen mit einem „gut“, Mathematik sogar mit „sehr gut“. Von ihren Mitabiturienten erhielt sonst nur einer Bestnoten: Franz Demann, der spätere Bischof von Osnabrück, in Mathematik und Deutsch. Beide gehörten damit zu den fünf Schülern, deren Leistungen so gut waren, dass sie zur mündlichen Prüfung nicht mehr antreten mussten. Ein Kandidat fiel durch.

Für alle anderen galten alle Prüfungen am 8. März als bestanden, und so war Berta Gelshorn vor genau hundert Jahren die erste Schülerin, die in Lingen das Abitur machte.“

Foto: Berta Gelshorn im Kreise ihrer 12 Mitabiturienten. Ein Foto aus dem Stadtarchiv Lingen.

Text: Mirko Crabus

„Ich war 19 Jahre alt“

20. Februar 2021

Die USA haben heute den ehemaligen KZ-Wachmann Friedrich Karl Berger nach Deutschland abgeschoben. Der 95 Jahre alte Mann landete am Samstag in einem Ambulanzflugzeug auf dem Frankfurter Flughafen. Berger soll es, so das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, seinem Alter entsprechend gesundheitlich gut gehen.

Vor einem Jahr hatte der Deutsche bei einer Anhörung vor US-Bundesrichterin Rebecca L. Holt in Memphis (Bundesstaat Tennessee) eingeräumt, als Wachmann im Außenlager Dalum des Hamburger Konzentrationslagers Neuengamme eingesetzt gewesen zu sein. „Ich war 19 Jahre alt“, sagte er bei dem Gerichtsprozess, „mir wurde befohlen, dort hinzugehen.“ Berger ist deutscher Staatsbürger und lebte aufgrund einer Niederlassungserlaubnis mehr als 60 Jahre in Tennessee.

Bundesrichterin Holt ordnete nach der Anhörung Bergers dessen Abschiebung an. In ihrer erstinstanzlichen Entscheidung vom 28. Februar 2020 hieß es, in dem Außenlager nahe Meppen seien unter anderem Juden, Polen, Russen, Dänen, Niederländer, Franzosen und politische Gefangene inhaftiert gewesen. Im Winter 1944/45 seien sie unter „grauenhaften“ Bedingungen interniert gewesen und hätten „bis zur Erschöpfung und zum Tod“ arbeiten müssen (mehr…).

Am 19. November 2020 lehnte der Board of Immigration Appeals (BIA) in Memphis das Rechtsmittel Berger ab. Er sei „aktiver Teilnehmer in einem der dunkelsten Kapitel der Geschichte der Menschheit“ gewesen, erklärte ein Vertreter der Einwanderungsbehörde. Die USA böten „Kriegsverbrechern“ keinen Schutz:

“Kriegsverbrecher und Menschenrechtsverletzter dürfen sich nicht der Gerechtigkeit entziehen und hier bei uns einen sicheren Hafen finden.” (mehr…).

Beide Entscheidungen stützen sich auf den Holtzman Amendment to the Immigration and Nationality Act aus dem Jahr 1978 (mehr…)

Im Spätsommer vergangenen Jahres hatte auch die Generalstaatsanwaltschaft Celle Ermittlungen gegen Berger eingeleitet, diese aber im Dezember „mangels hinreichenden Tatverdachts“ eingestellt. Die eingeräumte Bewachung von Gefangenen in einem „Konzentrationslager, das nicht der systematischen Tötung der Gefangenen diente“, reiche als solche für einen Tatnachweis nicht aus, hieß es damals zur Begründung. Die Ermittlungen hätten den Beschuldigten auch „nicht mit einer konkreten Tötungshandlung in Verbindung gebracht“ (mehr…).

In Versen und Dalum hatte die SS seit November 1944 Außenlager des KZ Neuengamme eingerichtet. 4.000 Häftlinge aus Neuengamme mussten Panzergräben ausheben und gebunkerte Unterstände errichten, die das Vorrücken alliierter Truppen im Emsland stoppen sollten. Im Winter 1944/45 waren die Häftlinge in unzureichender Kleidung und undichten Baracken härtesten Witterungsbedingungen und Krankheiten ausgesetzt. Mehr als 600 Menschen starben. Im März 1945 kamen dann auf dem Rückmarsch der KZ-Gefangenen nach Neuengamme „unter unmenschlichen Bedingungen“ rund 70 Häftlinge ums Leben. Berger, ein abkommandierter Marinesoldat, sei dabei als Wachmann eingesetzt gewesen.

Der Däne Morten Ruge überlebte Neuengamme und das Dalumer Nachbarlager Meppen-Versen; er beschrieb 1983 die Emslandlager in der Endphase des 2. Weltkrieges:

Das Schlimmste, was ich den Nazis nicht verzeihen kann, ist die Tatsache, daß das System im Lager so aufgebaut war, dass man nur überleben konnte, wenn man sich gegen die Mithäftlinge behauptete. (…)
Jeder musste für sein eigenes Überleben kämpfen. Das Stück Brot, das ich für mich selbst ergatterte, fehlte einem anderen und ließ ihn sterben. Er ist eine schreckliche Erfahrung, an sich selbst zu spüren, daß man kein moralisches Verhalten mehr zustande bringt, wenn man weniger als 900 Kalorien bekommt.“

Am Samstag übergab in Frankfurt die Bundespolizei den abgeschobenen Friedrich Karl Berger dem hessischen Landeskriminalamt (LKA). Ein LKA-Sprecher sagte, es liege ein Vernehmungsauftrag der Generalstaatsanwaltschaft Celle  wegen des Vorwurfs „Beihilfe zum Mord“ vor.

Ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Celle erläuterte, es gehe seiner Behörde jetzt zunächst darum, die Aussagebereitschaft des Mannes zu klären. Die Verfahrenseinstellung sei „nicht in Stein gemeißelt“: Sollte Berger bereit sein, sich zu äußern, könne das Verfahren jederzeit wieder aufgenommen werden.

„Der Spiegel“ analysiert:

„Das Verfahren in Celle, hieß es aus Justizkreisen, würde nur dann wieder aufgenommen, wenn es neue Beweise gegen Berger gibt. Übersetzt aus dem Juristendeutsch heißt dies, er müsste sich bei seiner Befragung selbst belasten. Damit aber rechnet niemand. Kommende Woche will man in Celle nun entscheiden, ob und wann man Berger vernehmen will.“

Der jetzt Ausgewiesene war Ende der 1940er Jahre nach Kanada ausgewandert und von dort 1959 in die USA nach Tennessee gezogen, wo er dann mehr als 60 Jahre lebte. Erst die Auswertung der Personalkartei des KZ Neuengamme führte die Ermittler auf seine Spur: Am 3- Mai 1945, also unmittelbar vor dem Kriegsende, hatte die Royal Air Force zwei, als schwimmende KZ in in der Lübecker Bucht genutzte Schiffe angegriffen und versenkt. Auf dem ehem. Passagierschiff  „Cap Arcona“ starben dabei 4.600 KZ-Gefangene aus Neuengamme, auf dem ebenfalls versenkten Frachter „Thielbek“ weitere 2.800 Menschen. Später wurden in den untergegangenen Schiffen die Karteikarten der Wachmannschaften gefunden. Ihre Auswertung führte dann schließlich zur heutigen Abschiebung Bergers (hier die Presseerklärung des US-Justizministeriums von heute).

(mehr…)


Foto: Eingang des ehem. Emslandlagers Dalum, Aufnahme von CC Frank Vincentz CC BY-SA 3.0 via wikipedia; Quellen: Blog, Spiegel, DPA, Bericht von Morten Ruge, Dänemark, in: Kirchenboten des Bistums Osnabrück vom 11.09.1983; Erinnerungen an Morten Ruge, DIZ-Nachrichten 28, Papenburg 2008, S. 21)

 

Gestern

12. Februar 2021

Gestern vor 75 Jahren stand die Lingener Innenstadt 1,5 m hoch unter Wasser. Am Wasserstraßenknotenpunkt Hanekenfähr südlich von Lingen hatte sich vor dem Emswehr und den Kanalschleusen eine riesige Flutwelle gestaut, die sich schließlich ihren

Weg in den Dortmund-Ems-Kanal bahnte. Dafür waren die Kanaldämme aber nicht ausgelegt. Der Wasserpegel im Kanal stieg rasch an. Und während sich bei Lingen die Rettungskräfte noch auf die Sicherung der Emsdeiche mit tausenden von Sandsäcken konzentrierten, geschah das Unerwartete im Rücken der Helfer: der hoch aufgeschüttete Kanaldamm brach in Richtung Lingen. Innerhalb kürzester Zeit stand die gesamte Innenstadt etwa 1,5 Meter unter Wasser. Weil keine Warnung erfolgt war, hatte niemand die Keller und Erdgeschosse geräumt. Die Schäden waren entsprechend hoch.

Auch in Meppen, wo die Flutwellen von Ems und Hase aufeinandertrafen, soff die gesamte Innenstadt ab. Nur der Hügel mit der Kirche ragte wie eine Hallig aus den Fluten. In Haren, damals Maczkow, überraschte das Hochwasser die polnische Besatzung der Stadt, die zunächst an einen Sabotageakt der Deutschen glaubte. Aber es war „nur“ eine Naturkatastrophe. Weiter nördlich ergossen sich die Fluten kilometerweit in die Flächen des nördlichen Emslandes und Ostfrieslands. Das Wasser stand hier nicht so hoch, wollte dafür aber wochenlang nicht ablaufen, während weiter südlich die Welle rasch abflachte und das Wasser sich wieder zurückzog. Schnell wurde das Ausmaß der Schäden sichtbar, denn es war ja kein sauberes Quellwasser, das sich dort in Keller und Wohnräume, Geschäfte und Betriebe ergoss, sondern eine stinkende Brühe mit viel Schlamm und Gefahrenstoffen.

Trotz aller Schrecken markierte das Februarhochwasser 1946 einen ersten Wendepunkt in der Nachkriegszeit. Die britischen Besatzungsbehörden traten zum ersten Mal in einer großen Aktion als Helfer auf, retteten Menschen aus den Fluten und versorgten die Eingeschlossenen in ihren Häusern. Der frühere Feind übernahm die Verantwortung für die Bevölkerung in seiner Besatzungszone. Britisches Militär und deutsche Hilfskräfte arbeiteten angesichts der Katastrophe Hand in Hand.

Im Rückblick der Zeitzeugen bildet das Hochwasser von 1946 daher eine wichtige Erinnerungsmarke. Schon fünf Jahre nach der Katastrophe erschienen in den Lokalzeitungen die ersten Rückblicke, jedes weitere „runde Jubiläum“ wurde von Zeitzeugenberichten und Zeitungsbeiträgen begleitet. 50 Jahre nach dem Hochwasser erinnerten 1996 eine große Wanderausstellung, zahlreiche Aufsätze und ein eigenes Erinnerungsbuch an das katastrophale Ereignis.

75 Jahre nach der großen Flut stehen heute nur noch wenige Zeitzeugen zur Verfügung, etwa Karl-Ludwig Galle aus Nordhorn, der als 18jähriger mit seinem Faltboot durch die überfluteten Straßen von Lingen paddelte. Am alten Rathaus findet sich eine Wandplatte mit der damaligen Hochwassermarke; die allerdings war höher. der Marktplatz ist in den letzten 75 Jahren reichlich aufgepflastert worden.

Was bleibt nach 75 Jahren von der großen Naturkatastrophe? Zum einen die Hochwassermarken an einigen Rathäusern und Brücken, die an einem friedlichen Sommertag an der Ems unglaublich erscheinen. Dann die Fotos und Berichte der Zeitzeugen. Und all diese Zeugnisse erinnern daran, dass ein Jahrhunderthochwasser an der Ems sich jederzeit wiederholen kann.

(Text: Andreas Eiynck; Foto oben Marktplatz, unten Große Straße)

Handwagen

9. Februar 2021

Wieder einmal glänzt das Blog des Lingener Emslandmuseums mit besonders Aufschlussreichem, dieses Mal zu „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland – ein denkwürdiges Jubiläum. Es hat etwas Paradoxes, doch das schadet nicht. Warum paradox? Vor 1700 Jahren gab es zwar zweifellos schon Juden, aber noch keine Deutschen und kein Deutschland. Es gab vielleicht Germanen – jedenfalls gab es Leute, die von anderen als solche bezeichnet wurden. Aber das waren keine Deutschen und schon gar keine Christen. Zu sagen hatten sie auch nichts, denn große Teile des heutigen Deutschlands waren damals eine römische Provinz. Darum war es auch der römische Kaiser Konstantin, der im Jahr 321 in einem Schreiben zum ersten Mal eine jüdische Gemeinde in Köln erwähnt, einer Stadt, die bekanntlich von den Römern gegründet wurde….

Die ersten jüdischen Stücke, die ich 1988 in Lingen entdeckte, war zwei Sabbatlampen aus dem 18. Jahrhundert. Sie hingen als Flurbeleuchtung bei zwei alten Damen im Strootgebiet. Eine der beiden war früher Haushälterin bei dem Lingener Kunstsammler, Carl Johannsen, gewesen. Sie hatte die beiden Lampen nach seinem Tod unerkannt geerbt und nichtsahnend als Flurleuchten eingebaut. Sollte der gute alte Carl Johannsen 1938 etwa… – hat er nicht! Denn schon 10 Jahre vorher, bei der Heimatschau der Kivelinge 1928, waren seine beiden „siebenstrahligen Schabbeslampen“ zum 650sten Stadtjubiläum als Zeugnisse der Lingener Geschichte ausgestellt. Ob sie bei der Wiederholung dieser Schau 1937 auch noch ausgestellt waren?

Besomimdose für die Sabbatfeier, aus einer Lingener jüdischen Familie

An dunkle Zeiten erinnert eine silberne jüdische Gewürzdose im Museum. Wir erhielten sie 1989 von einem früheren Lingener Arzt. Einer seiner Patienten hatte seine Arztrechnung damit bezahlt. Später hat ein anderer Patient dem Arzt erzählt, dass er diesen Mann am Abend des 9. November 1938 mit einem Handwagen voller Wertsachen aus den geplünderten jüdischen Haushalten nach Hause fahren sah.

Später einmal kam eine Lehrerin mit einer Schulklasse in die jüdische Schule. Sie sah dort eine ähnliche Silberdose und fragte ahnungslos, was das denn wohl sei, so etwas habe sie nämlich auch zuhause, ebenfalls aus Silber, von ihren Eltern geerbt. Aber die waren keine Juden. Auch nicht heimlich. Bei Nachfrage stellte sich nämlich heraus: die Lehrerin war die Tochter jenes Mannes mit dem Handwagen….“

(von Andreas Eiynck, Quelle: Emslandmuseum Lingen, mehr)

Abweichen von der Satzung

1. Februar 2021

Am vergangenen Wochenende gab es für zwei Lingener Traditions-Veranstaltungen Entscheidungen. Und beide betroffenen Vereine gingen ganz unterschiedlich damit um:

Zum einen das Lautfeuer-Festival, ausgerichtet vom Abifestival seit 1981 e.V. und maßgeblich unterstützt vom Förderverein Abifestival e.V.. Sie lautet: 2021 wird es kein Lautfeuer-Festival geben. Die Mitglieder des Vereins wurden am 30. Januar um kurz nach Mitternacht darüber ausführlich und auf direktem Weg informiert. Anschließend blieb Zeit die Partner, Sponsoren und Fördervereinsmitglieder zu informieren, die Nachricht medial zu verbreiten und schließlich wurde am 01. Februar die erweiterte Öffentlichkeit über die Presse informiert.

Der Vorstand vergaß nicht wirklich ein „S“, stellte ausführlich die Beweggründe für seine getroffene Entscheidung dar, lud zum Dialog und erklärte die Kommunikation. Sogar ich verstand: Scheise reimt sich ganz laut auf leise. Stark gemacht.

Einladung zur Außerordentlichen Generalversammlung 2021

Fast zeitgleich fand die „außerordentliche Generalversammlung des Bürgersöhne-Aufzug Die Kivelinge“ statt. Die Kivelinge tagten ganz zeitgemäß corona-online, um über die weiteren Vorbereitungen zu ihrem 2020 verschobenen Kivelingsfest zu beraten. Als „Stadt der Kivelinge“ ist Lingen (Ems) bekanntlich besonders mit dem Kivelingsverein von 1372 und seiner fast 650-jährigen Tradition verbunden. Denn es  heißt ganz selbstbewusst in den Statuten des Bürgersöhne-Vereins:
„Der Bürgersöhne-Aufzug ist als Einrichtung der Stadt Lingen (Ems) zudem ein tragendes Element in der Außendarstellung seiner Heimatstadt. So stellen die Kivelinge in der breiten Öffentlichkeit weit über die Grenzen der Stadt Lingen (Ems) hinaus eine wichtige Rolle und präsentieren unter dem Motto „Lingen (Ems) ~ Stadt der Kivelinge“ als wichtiger Repräsentant der Stadt national wie international ihre Heimatstadt.“
Das ist wahrlich ein hoher, selbst gesteckter Anspruch, der „weit über die Grenzen“ anderer Lingener Vereine hinausgeht und damit auch gegenüber den Bürger*innen verpflichtet. Übrigens auch wenn die Stadt inzwischen die Schilder mit dem Alleinstellungsmerkmal „Stadt der Kivelinge“ klammheinlich durch „Hochschulstadt“ übermalt hat, was auf geschätzt 120 Städte in Deutschland zutreffen dürfte.
Bereits im Vorfeld beantragten einige Vereinsmitglieder zur vom Vorstand vorgeschlagenen und eher unklar gehaltenen Tagesordnung eine Änderung. Das war vergeblich, Und dann machte der Vorstand des Bürgersöhne-Aufzuges in allen beantragten und abgestimmten Punkten keine bella figura. Aus der Versammlung wurden zwar viele Infos verbreitet und weiter verbreitet, und auch unsere BürgerNahen schrieben dazu einen Tweet.


Zum Inhalt gab es schnell unterschiedliche Meinungen; selbst innerhalb meiner Familie war das so.

Überraschend war dann aber doch das eher wütend-unsachliche Echo auf eben diesen und andere Tweets – angeführt von einem ehemaligen Junge-Union-Mann. Wie könne man nur aus einer nicht-öffentlichen Sitzung ein solches Ergebnis posten? Dabei war es eine der wenigen Informationen über das größte und älteste Fest in der Stadt überhaupt.
Denn zu keinem Zeitpunkt informierte der Kivelingsverein darüber, was denn nun generalversammlungsmäßig beschlossen worden ist – und agitierte damit ganz anders als die Lautfeuer-Leute. Nirgends findet und fand sich schon digital eine Ankündigung zur außerordentlichen Generalversammlung am letzten Samstagabend.
Selbst bis heute früh gibt’s immer noch kein offizielles Wort der Verantwortlichen an alle Kivelinge, die Mitglieder des Fördervereins der Kivelinge, keine Infos an die Bürgerschützen als Pikeniere – keine Infos an die ehemaligen Kivelinge und Davelinge, von den Marketenderinnen ganz zu schweigen; doch die sind ja auch gar nicht im Verein organisiert.

Kivelinge bei Instagram

instagram.com/kivelinge1372

 

Kivelinge bei Twitter.com

twitter.com/kivelinge

Das geht viel besser, liebe Kivelinge.
Corona fordert uns alle, und auch ihr schafft das.

Nachdem Samstagabend und Sonntag die Beschlüsse meldungslos blieben, kommt ja vielleicht am heutigen Montagmorgen die notwendige Information „im amtlichen Mitteilungsblatt“, also der lokalen Lingener Tagespost.
Wie so oft dann aber wohl  hinter einer ausgrenzenden Paywall – leider.