Erich Maria Remarque

25. September 2020

Auf Erich Maria Remarque ist Deutschland längst stolz – auf ihn, den US-amerikanischen Staatsbürger, der viel in der Schweiz lebte. 1964 erhielt Remarque die Justus-Möser-Medaille seiner Geburtsstadt Osnabrück, 1967 das Große Bundesverdienstkreuz. 1968 wurde Remarque als Mitglied in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen. Insbesondere diese Ehrung soll den 70-Jährigen sehr gefreut haben. Seit Längerem immer wieder schwer krank starb der Schriftsteller heute vor 50 Jahren am 25. September 1970 in einer Klinik im schweizerischen Locarno.

Der NDR würdigt diesen großen Deutschen:

„Als 18-Jähriger muss Erich Paul Remark zum Militär. Nach kurzer Ausbildung kämpft er im Ersten Weltkrieg als Rekrut an der Westfront. Sehr bald wird er von Granatsplittern schwer verwundet, liegt lange im Lazarett – und intensiviert dort sein Schreiben. „Den wahren Schrecken des Krieges lernt man erst im Lazarett kennen“, formuliert er später in seinem Anti-Kriegsroman „Im Westen nichts Neues“, mit dem er als Erich Maria Remarque berühmt wird.

Als Erich Paul Remark kommt der Schriftsteller am 22. Juni 1898 in Osnabrück als Sohn des Buchbinders Remark auf die Welt. Diese Tatsache, die 30 Jahre später aus politischen Gründen bestritten wird, ist durch eine Geburtsurkunde der Stadt belegt. Er besucht er die Schule, danach das katholische Lehrerseminar. Im Jahr 1916 erscheint sein erster Text „Von den Freuden und Mühen der Jugendwehr“.

Als der Krieg zu Ende ist, absolviert er seine Lehrerprüfung und beginnt in Lohne bei Lingen als Volksschullehrer zu arbeiten, unterrichtet einige Wochen in Klein Berßen, schließlich einen Monat lang in Nahne bei Osnabrück. Aber der Beruf ist nicht das Richtige für ihn. Er quittiert den Schuldienst, hält sich mit Jobs über Wasser, schreibt Gedichte und Kurzgeschichten und veröffentlicht Theater- und Konzertkritiken bei der „Osnabrücker Tages-Zeitung“. In dieser Zeit experimentiert er mit Künstlernamen. Er sieht den Ursprung seines Namens Remark bei französischen Vorfahren und entscheidet sich irgendwann – auch in Anlehnung an den Schriftsteller Rainer Maria Rilke – für Erich Maria Remarque. 1920 erscheint sein erster Roman „Die Traumbude“…“

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„Meppen-Dalum“

23. September 2020

In Niedersachsen könnte es zu einem weiteren Prozess gegen einen ehemaligen KZ-Wächter kommen: Das Justizministerium­ in Hannover hat die Generalstaatsanwaltschaft in Celle mit den Ermittlungen gegen den 94-jährigen Karl Friedrich Berger beauftragt. Er soll als Wachposten im Außenlager des Konzen­trationslagers Neuengamme, das sich in „Meppen-Dalum“ -so die taz- befand, Beihilfe zum Mord an Gefangenen geleistet haben. Der Mann lebt seit 1959 in den USA, soll dort aber abgeschoben werden.

Berger war von Januar bis März 1945 Aufseher im Außenlager des KZ Neuengamme. Dort mussten die Gefangenen Strafarbeiten verrichten. Auch bewachte er die Häftlinge im März 1945 nach der Auflösung des Außenlagers während des Marsches nach Neuengamme. Während dieses Marsches sollen rund 70 Häftlinge gestorben sein.

„Der Vorwurf, Beihilfe zur Tötung von Gefangenen geleistet zu haben, bezieht sich insbesondere auf die Bewachung des Marsches zur Evakuierung der Nebenlager“, sagt der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Celle. Für seine Arbeit im KZ erhält B. bis heute eine Rente. Seinen Kriegsdienst verrichtete er ursprünglich bei der Marine.

Derzeit lebt der Mann noch im US-Bundesstaat Tennessee. Nach dem Krieg war er mit seiner Frau und seiner Tochter zunächst nach Kanada ausgewandert, 1959 dann weiter in die USA. In diesem März ordnete ein Gericht in Memphis seine Abschiebung an.

B. war erst in die USA ausgewandert, als eine Vergangenheit als NS-Verbrecher nicht mehr von den amerikanischen Behörden verfolgt wurden. Allerdings können mit einem 1978 eingeführten Bundesgesetz NS-Verbrecher neuerlich abgeschoben werden. Laut dem US-Justizministerium geschah dies seither mit 67 Personen.

Das US-amerikanische Justizministerium konnte den Dienst im KZ durch die Auswertung von Karteikarten nachweisen, auf denen seine Diensttätigkeiten notiert waren. Diese befanden sich 1945 auf den Schiffen Cap Arcona und Thielbek, auf die die KZ-Häftlinge des Neuengammer Außenlagers gebracht wurden, nachdem sie vor den vorrückenden Alliierten evakuiert worden waren. Aufgrund einer versehentlichen Bombardierung durch die Alliierten sanken sie in der Ostsee. Tausende Häftlinge starben.

Einige Jahre später wurden die Schiffe geborgen, die Karteikarte mit den Informationen über B. blieb erhalten. Durch zusätzliche Nachforschungen des U.S. Holocaust Memorial Museum konnten die Vorwürfe erhärtet werden.

Laut  Generalstaatsanwaltschaft ist unklar, wann es zu einer Abschiebung kommen wird. Ohnehin ist laut US-Medien über die Berufung Bergers noch nicht entschieden worden.

Ob es in Niedersachsen zu einem Verfahren kommt, ist auch angesichts des Alters von B. fraglich. Dabei dürfte es noch Monate dauern, ehe die Generalstaatsanwaltschaft im Fall Berger Anklage erhebt. „Wir sichten derzeit noch die vorliegenden Unterlagen“, sagt der Sprecher der Behörde.

(Foto: CC s. Arvhiv vom, 08.03.2020; Text: taz)

Tag des offenen Denkmals

13. September 2020

Heute findet der alljährliche Tag des offenen Denkmals statt. Trotz Corona, aber deshalb natürlich unter besonderen Bedingungen. Das diesjährige Motto lautet: „Chance Denkmal: Erinnern. Erhalten. Neu denken.“ Im Jahr 2020 rückt die veranstaltende Deutsche Stiftung Denkmalschutz damit ein Thema in den Fokus, das uns alle betrifft: „Den bewussteren Umgang mit unserem Planeten, unseren Ressourcen und unserem eigenen Handeln. Ausgehend von der Forstwirtschaft prägt der Begriff Nachhaltigkeit die Politik, die Lebensmittelindustrie, Energie- und Kosmetikbranche und stellt sie vor neue Herausforderungen. Welche Rolle nimmt in dieser Gesellschaftsdebatte die Denkmalpflege ein?

Dank geistiger, technischer, handwerklicher und künstlerischer Maßnahmen erhält Denkmalpflege historische Bauten und wahrt Erinnerungen. Gleichzeitig schont die Instandsetzung von Denkmalen wertvolle Ressourcen und macht sie zukunftstauglich.“ Die Veranstaltung, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz sagt: „Gemeinsam mit Ihnen möchten wir uns der Frage nähern: Wie nachhaltig ist Denkmalpflege tatsächlich? Das Thema des Jahres „Chance Denkmal: Erinnern. Erhalten. Neu denken.“ ist dabei ganz unterschiedlich auslegbar und umfasst, so die Stiftung, mehrere Themenschwerpunkte:

  • Bauweisen von Denkmalen: Verwendung beständiger und regionaler Baumaterialien, ressourcenschonender Baukonzepte oder energetischer Sanierungen
  • Langlebigkeit und Reparaturfähigkeit von Denkmalen: Traditionelle handwerkliche Techniken für die Zukunft
  • Neue Nutzungskonzepte von Denkmalen: Umnutzung bestehender Räumlichkeiten als Zukunftspotential und Vorbeugung von Leerstand
  • Natur trifft auf Kultur: Grünflächen, Parkanlagen oder Friedhöfe als landschaftliche Freiräume und moderne Naturoasen

Aufgrund der Corona-Pandemie hat die Deutsche Stiftung Denkmalschutz alle Veranstalter aufgerufen, den Tag des offenen Denkmals in diesem Jahr auf neuen Wegen zu begehen: wir möchten mit Ihnen gemeinsam Denkmale digital erleben. Mehr Informationen findet man hier. 

Neue Wege ist natürlich ein Stichwort. Und Digitalisiserung auch. Denn nun raten Sie mal, wieviele dieser neuen Wege im Westen Niedersachsens gegangen werden, im Land von Ems und Vechte, den Landkreisen Emsland und Grafschaft Bentheim oder gar in Lingen (Ems), unserer Großen Selbständigen Stadt mit oberzentralen Teilfunktionen? Na, eine Idee?

Weil dies angesichts des ausgesprochen zurückhaltenden Umgangs unserer lokalen Behörden mit Baudenkmalen natürlich eine schwierige Frage an die geschätzte Leserschaft ist, gibt es als Hilfestellung eine digitale Karte aus der diesjährigen Online-Präsentation der Stiftung. Sie finden darauf in unserem Landstrich: Nichts.

Stutzen Sie auch wie ich und denken an die Rahmenbedingungen in Zeiten, in denen viele Selbständige in der IT, Fotografen, Gestalter und Designer händeringend nach Aufträgen suchen und sogar viel Geld vorhanden ist, ihnen Arbeit zu geben. Ich halte allerdings die Nichtteilnahme auch für ehrlich: Denkmalschutz nämlich spielt bei uns eben keine wesentliche Rolle.

Empfehlen kann ich übrigens Besuche auf der TdOD-Internetseite oder bei Facebook. Die Bilder und Informationen entschädigen ein wenig für die kulturelle Leere unserer Region. Ansonsten muss man halt nach Bunde (Ostfr.), Bramsche (OS) und Rheine (NRW) fahren. Dort nämlich befinden sich in diesem Jahr die nächsten offenen Denkmäler. Schaut bitte selbst.

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Einen ganz persönlichen Wunsch habe ich noch: In der Lingener Burgstraße 28 befindet sich das Amtsgericht. Sein Altbau ist ein Palais, das im 17. Jahrhundert von Sylvester von  Danckelman errichtet wurde und seither ununterbrochen Gericht ist. Vor rund 30 Jahren hat sich dann jemand Behördliches des Gebäudeerhalts angenommen. Einerseits baute man Fenster im Stil des 17. Jahrhunderts ein, aber andererseits wurde eine hellgraue Bauchemie-Pampe auf den Bentheimer Sandsteinsockel geschmiert, vorgeblich um diesen zu schützen. Dieses wunderschöne historische Gebäude ist dadurch schrecklich verunstaltet worden. Wann sorgt der Denkmalschutz dafür, dass dieser Chemiemist wieder entfernt wird?

In der vergangenen Woche klingelte es plötzlich bei der Familie Koop in der Bauerntanzstraße. Draußen vor der Tür stand das niederländisches Ehepaar Olislagers aus Rotterdam mit einem Dokument in der Hand. Darin stand vermerkt, dass der Vater von Frau Mia Olislagers, Dirk Kranendonk, vor 75 Jahren hier im Hause Koop das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt hat.

Rasch wurden die beiden Niederländer eingelassen, Kaffee gekocht und Informationen ausgetauscht (Foto). Bekannt ist in der Familie Koop bis heute der belgische Kriegsgefangene Emile Wilmotte. Dieser attestierte der Familie Koop auf der Rückseite eines Fotos die gute Behandlung, die er als Kriegsgefangener in der damaligen Bäckerei Koop erfahren hatte und vermerkte hierzu auch noch seine Heimatadresse in Brüssel. Als Anfang April 1945 die Engländer in Lingen einrückten, flüchtete die Familie Koop aus ihrem Haus in der Bauerntanzstraße, legte das Foto mit dem Kommentar aber gut sichtbar auf den Tisch. Die Engländer haben daraufhin, so ist es in der Familie überliefert, in der Wohnung und in der Backstube nichts angerührt.

In dem niederländischen Dokument der Familie Olislagers wird dieser belgische Kriegsgefangene erwähnt, ferner als weitere Kollegen in der Bäckerei ein Niederländer mit dem Namen Paul und ein Deutscher namens Walter, dem aber keiner traute, weil sein Vater bei der SA war. Was aber machte der damals 19jährige Dirk Kranendonk aus Rotterdam im Frühjahr 1945 in der Bäckerei Koop in Lingen?

Auskunft gibt ein Interview, das sein Neffe Dirk Tulp, ein bekannter niederländischer Künstler, schon im Jahr 2000 mit seinem inzwischen verstorbenen Onkel Dirk Kranendonk geführt hat.

Im Mai 1940 hatte die Wehrmacht die Niederlande erobert und die Deutschen hatten dort ein Besatzungsregime eingerichtet, das die Niederlande fünf Jahre lang rücksichtslos ausplünderte. Erst mit der Landung in der Normandie im Juni 1944 zeichnete sich die Möglichkeit der Befreiung ab. Im Herbst 1944 standen die Alliierten bereits in den südlichen Niederlanden und machten sich zum weiteren Vorrücken bereit. Wegen des starken deutschen Widerstandes und weil die Deutschen ganze Landstriche in den Niederlanden unter Wasser gesetzt hatten, stockte jedoch der Vormarsch.

Dirk Kranendonk (Jg. 1925) war während des Krieges Bäcker in Rotterdam. Am 10. November wurde er bei einer Razzia in der Backstube von deutschen Soldaten verhaftet. Zu diesem Zeitpunkt lief die größte Razzia im Zweiten Weltkrieg in den Niederlanden. Dabei wollten die deutschen Besatzungstruppen möglichst…

[weiter im Blog des Emslandmuseum Lingen]

Oh, wait…

5. September 2020

In Memmingen im beschaulichen Allgäu gibt es einen uralten Brauch: Zur Feier des Fischertags wird dabei der Stadtbach ausgefischt – aber nur von Männern. Doch derlei Traditionen rechtfertigen keine Diskriminierung, urteilte jetzt das lokale Amtsgericht (AG).

Auch Frauen dürfen also künftig am Höhepunkt des Memminger Fischertags den Stadtbach ausfischen. Wie das Amtsgericht Memmingen (AG) in dieser Woche entschied urteilte, ist der Ausschluss von Frauen aus der Gruppe der Stadtbachfischer durch den veranstaltenden Verein eine unzulässige Diskriminierung. Geklagt hatte ein weibliches Mitglied.

Amtsrichterin Katharina Erdt betonte bei der Urteilsverkündung, der gemeinnützige Verein mit rund 4.500 Mitgliedern habe in Memmingen eine „besondere soziale Machtstellung“ inne und sei an den Grundsatz der Gleichberechtigung im Grundgesetz gebunden. Eine männliche Tradition sei kein zulässiger Grund für Diskriminierung. Der Vereinsvorstand hatte den Ausschluss von Frauen vom Höhepunkt des Volksfests mit Zehntausenden Besuchern mit der Wahrung eines jahrhundertealten Brauchtums begründet.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig Der Fischertagsverein hatte schon vor der Verkündung der Entscheidung angekündigt, im Fall einer Niederlage  Berufung einlegen zu wollen. Jetzt also wird das zuständige Landgericht entscheiden, das auch in Memmingen ist. Zuständig ist -wenn ich den Geschäftsverteilungsplan richtig gelesen habe, die 1. Zivilkammer, die-  nur mit Männern besetzt – unter dem Vorsitz des neuen Landgerichtspräsidenten Konrad Beß steht.

Das Allgäu ist bekanntlich weit, also würde diese Entscheidung jetzt für unsere Stadt Lingen (Ems) nur Bedeutung haben, wenn es auch bei uns Vereine mit Tradition gäbe, die nur Männer aufnehmen und privilegieren. Gäbe es sie und hätten sie eine „besondere soziale Machtstellung“ inne, könnte es spannend sein. Doch so etwas gibt es ja in unserem Lingen (Ems) nicht,  oder?

Oh, wait…

 


(AG Memmingen, Urt. v. 31.8.2020, Az. 21 C 952/19) Quelle: LTO, BR24

heimliche Kneipenmetropole

29. August 2020

Da waren selbst Michael Merscher und Andreas Eiynck vom Emslandmuseum baff: die heimliche Kneipenmetropole unter den Lingener Ortsteilen heißt: …

Hochstimmung in der Gaststube bei Schievink in Hanekenfähr

…Darme. Denn nirgendwo sonst war und ist eine solche Anzahl und Vielfalt gastronomische Betriebe zu finden wie hier. Der Ort verdankt dies nicht zuletzt seiner besonderen Lage an Ems und Kanal sowie wichtigen Fernstraßen.

Die Gaststätte Reinel an der Rheiner Straße mit der Schranke für die Wegezoll-Erhebungsstätte, um 1905

Schon vor 1830 ist an der Rheiner Straße die Gastwirtschaft Reinel belegt. Dort wurde ein Wegezoll für die Straßenbenutzung erhoben. Ein Lebensmittelgeschäft und eine Postnebenstelle kamen hinzu, später eine Kegelbahn. Seit über 200 Jahren wird an der Rheiner Straße 147 Gastronomiegeschichte geschrieben  – heute als Imbissbetrieb „Tommi’s food club“.

Die Gaststätte Schepergerdes, vormals Wehkamp, 1962

Der zweite wichtige Kneipenstandort in Darme war der Verkehrsknotenpunkt Hanekenfähr. Dort bestand schon 1845 die Gaststätte Wehkamp, aus der das heutige Hotel „Am Wasserfall“ hervorging. Zunächst in einer Scheune eröffnet, war das Lokal schon um die Jahrhundertwende ein beliebtes Ausflugsziel. Durch Einheirat übernahm Heinrich Schepergerdes 1942 die Gaststätte. Ein Campingplatz und ein Hotelbetrieb kamen hinzu und heute gehört das mehrfach ausgebaute Hotel „Am Wasserfall“ zu den gastronomischen Highlights im Emsland….

[weiter mit vielen Fotos im Blog des Emsland-Museum Lingen]


Ein Blogbeitrag des Emslandmuseums Lingen

Kneipenmetropole stimmt und Lokalgeschichte sowieso: Denn nachzutragen sind das Eiscafeé von Max Thiel an der heutigen Emsstraße, und wie hieß das Lokal gegenüber vom Kindergarten an der Bernhard-Lohmann-Straße?

Fotos: Emslandmuseum Lingen /Richard Heskamp

Auf einem Stadtrundgang der unabhängigen Wählergemeinschaft „Die BürgerNahen“ sollen am Montagabend (10.Aug.) „Spuren jüdischen Lebens in Lingen“ erkundet werden. Der Ehrenvorsitzende des Forum Juden-Christen, Dr. Heribert Lange, führt die Erkundungstour. Treffpunkt ist um 18 Uhr der Jüdische Friedhof an der Weidestraße. Anschließend geht es über die Schilderung des Lebens der Opfer des NS-Regimes, deren durch die vom Kölner Künstler Gunter Demnig verlegten Stolpersteine gedacht wird zur Jüdischen Schule.

Die BN weist daraufhin, dass Männer auf dem Jüdischen Friedhof bitte eine Kopfbedeckung tragen . aus Respekt und Ehrerbietung den Toten gegenüber; denn nach jüdischem Glauben sollte man sowohl in der Synagoge, im Angesicht Gottes, als auch auf dem Friedhof, im Angesicht des Todes, sein Haupt bedecken.

Wegen der Corona-Einschränkungen ist die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Die BN bittet daher um eine Anmeldung per E-Mail an Andre Schoo (schoo(at)bn-lingen.de). Der etwa 90minütige Rundgang ist kostenlos.

(Quelle: PM Die BürgerNahen)

Ein, auch aus Lingener Sicht, ebenso spannendes wie bedrückendes Stück deutsch-jüdischer Geschichte behandelt das in Berlin erschienene, neue Buch „Am Gelände von Herrn Latte fing ein reges Leben an“, das die „Berliner Woche“ jetzt vorstellte. 

Der Beitrag enthält ein Foto von Johannes Jakob aus dem Sommer 2016. Unschwer erkennt man auf ihm Lingens Ehrenbürger Bernard Grünberg (Jg. 1923), der vor mehr als 80 Jahren eine Ausbildung an eben diesem Ort in Berlin-Niederschönhausen machte. Die Dame mit der gepunkteten Bluse ist Eva Seker, geb. Jany, aus Tel Aviv/Israel; sie wurde 1933 in Pankow in der Kissingenstraße geboren, wo ihr Vater bis 1939 einen Großhandel für Landmaschinen unterhielt. Das Fabrikantenehepaar, Selma und Paul Latte (Bild auf der Stele), das ab 1934 mehrere Ausbildungshallen für junge Leute zur Verfügung stellte, waren Evas Großtante und Großonkel. Der Herr (Bildmitte, mit Krawatte) ist Dennis Kew aus Cambridge/GB, Sohn von Leopold „Poldi“ Kuh (später „Kew“), dem damaligen Ausbildungsleiter, der für Bernard Grünberg zum Lebensretter wurde.

Vor vier Jahren waren sie alle in Berlin-Niederschönhausen, als eine bis dahin namenlose Grünfläche zwischen Beuth- und Buchholzer Straße endlich einen Namen erhielt. Benannt wurde sie nach Selma und Paul Latte. Gleichzeitig wurde vor Ort eine kleine Gedenkstätte eingerichtet. An deren Einweihung nahmen Zeitzeugen und deren Angehörige teil, darunter auch Bernard Grünberg. Inzwischen erhielt auch die dortige BVG-Haltestelle den Namen Selma- und Paul-Latte-Platz.

Dieser Benennung ging eine jahrelange Recherche und Beschäftigung mit der Geschichte des nahegelegenen ehemaligen Betriebsgeländes der Flaschenfabrik Latte voraus. Diese wurde in der NS-Zeit zu einer bedeutenden Hachscharah-Einrichtung für jüdische Auswanderer. Initiatoren der Benennung waren Gudrun Schottmann und Christof Kurz. „Im November 2013 erfuhren wir vom Leiter der Stolpersteingruppe Pankow, dass das Mehrfamilienhaus, in dem wir seit 2001 wohnen, früher dem jüdischen Flaschenfabrikanten Paul Latte und seiner Frau Selma gehört hat“, berichtete Gudrun Schottmann zur Platzbenennung. Eine Radioreportage des rbb über das Ehepaar Latte und die auf dem Gelände ihrer Flaschenfabrik befindliche Hachschara-Einrichtung regte sie und Christof Kurz an, mehr über das Schicksal des Ehepaares und die Geschichte ihres Fabrikgeländes herauszufinden. 

Bei der Hachschara-Einrichtung handelte es sich um eine Ausbildungsstätte, in der junge Juden in der NS-Zeit auf eine Emigration vorbereitet wurden. Die Einrichtung bestand aus Lehrwerkstätten, einem großen Garten und Wohnbaracken für junge Frauen und Männer. 

Nach der Platzbenennung liefen die Recherchen weiter, und in einigen Tagen erscheint nun unter dem Titel „Am Gelände von Herrn Latte fing ein reges Leben an“ ein Buch über das engagierte jüdische Ehepaar Selma und Paul Latte. Herausgegeben wird es von Museum Pankow im Verlag Hentrich & Hentrich. Daran mitgeschrieben haben die langjährige Baccumerin Anne-Dore Jakob mit Verena Buser, Gudrun Schottmann und Christof Kurz.

Das Fabrikantenehepaar Latte betrieb zwar eine große Flaschenhandlung. Aber ab 1934 befanden sich auf dem Fabrikgelände eben auch die Hachscharah-Einrichtung. 

Das jetzt erschienene Buch ermöglicht einen Blick in den Alltag der Hachscharah in Berlin-Niederschönhausen. Darin ist unter anderem mehr über Einzelschicksale ehemaliger Teilnehmer zu erfahren. Illustriert ist es mit zahlreichen Fotos. Natürlich wird auch auf die Biografie des Ehepaares Latte eingegangen. Diese widerspiegelt auch, welche Versuche der jüdischen Selbsthilfe es gab und wie das jüdische Unternehmertum in Nazi-Deutschland systematisch ausgelöscht wurde. 

Das Buch umfasst 120 Seiten und ist im Buchhandel und im Museum Pankow an der Prenzlauer Allee 227/228 zum Preis von 16,90 Euro erhältlich, ISBN 978-3-95566-377-4.

Nachtrag:
Manchmal schließen sich Kreise: Ruth Foster-Heilbronn, der die Stadt Lingen (Ems) zusammen mit Bernard Grünberg die Ehrenbürgerwürde verlieh, war mit Leopolds Witwe, Ruth Kew, zusammen in einem Survivor Club in London. Gemeinsam besuchten sie Ende der 90er Jahre „Beth Shalom“ in Laxton/GB und luden dann Bernard Grünberg dorthin ein. Es war der Beginn eines 20jährigen Engagements Grünbergs, um englischen Schulkindern als Zeitzeuge von seiner Rettung durch den Kindertransport zu erzählen.


Quelle: rbb, berlin.de, Berliner Woche, Foto: © privat/Johannes Jakob

Funnelcloud

9. Juni 2020

Am 1. Juni vor 93 Jahren zerstörte ein „Wirbelsturm“ große Teile der Lingener Innenstadt. Am Montag tauchte eine Funnelcloud, eine routierende Trichterwolke auf – fast punktgenau wie damals über der Sturmstraße.

Im April 2020 jährte sich das Ende der Emslandlager zum 75. Mal. Wenige Wochen später – am 8. Mai 1945 – endete schließlich auch der Zweite Weltkrieg in Europa. Cover Broschüre 2020

Über die Ereignisse des Kriegsendes 1945 und die Geschehnisse in den Emslandlagern hat die Gedenkstätte Esterwegen im März und April 2020 auf ihrer Facebook- und Twitter-Seite mit kleinen Beiträgen informiert.

Die Auswahl beinhaltete bekannte und weniger bekannte Ereignisse, die aus unterschiedlicher Perspektive Schlaglichter auf die letzten Wochen der Emslandlager warfen.

Diese Beiträge sind nun als Broschüre in der Gedenkstätte Esterwegen und in folgenden Buchhandlungen erhältlich: Eissing (Papenburg), Ulenhus (Papenburg), Knudsen (Papenburg), Fehnbuch (Rhauderfehn), Schlörmann (Ostrhauderfehn), Fokken (Westoverledingen), Kremer (Haren), LeseZeichen (Meppen), Borchers (Meppen), Bücher Holzberg (Lingen), Aus Liebe zum Buch (Nordhorn), Buchhandlung am Schlosspark (Bad Bentheim), Buchhandlung zur Heide (Osnabrück).

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(Mit Dank an den Osnabrücker Geschichtsblog CC Osnabrücker Geschichtsblog – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.)