Heute am Sonntag

16. Juni 2019

kunstwegen- Frischluftführung mit dem Rad
„Von Schüttorf über das Samerott und den Rabenbaum nach Ohne“
Schüttorf – Treffpunkt Kuhmplatz.
Heute, So 16. Juni – 13.30 Uhr – 16.00 Uhr
Kosten 4 Euro

kunstwegen bietet als Frischluftführung eine kleine Radtour an, die am Kuhm-Parkplatz in Schüttorf beginnt, durch das Samerott und den Rabenbaum nach Ohne führt und da nach etwa  zweieinhalb Stunden endet.

Die Teilnahme an der Führung kostet 3 Euro pro Person, Kinder nehmen gratis teil. Die Veranstalter bitten um Anmeldung bei bei Frau Kleve: 05923 / 6062.

Die Rückfahrt (von Ohne sind es nur rund 8 km bis Schüttorf) zählt mW nicht zum Programm. Bei Abfahrt um 12.04 Uhr mit der Westfalenbahn in Lingen (Ems) wird der Bahnhof Schüttorf eine knappe Stunde später, also sehr pünktlich zum Beginn der Radtour erreicht. Rückfahrt zu jeder vollen Stunde ab Bahnhof Schüttorf,; di Ankunft in Lingen ist dann  rd. eine Stunde später. (Achtung: längerer Aufenthalt beim Umsteigen in Salzbergen, vielleicht lohnt sich daher auch die 10-km-Fahrt im dem Rad von Salzbergen nach Schüttorf? Das Wetter ist übrigens ideal für eine Radtour)


 

Themenführung:
„BÄUERLICHER UND KLÖSTERLICHER ALLTAG IN BENTLAGE“
mit dem Köttersohn Bennatz  
Rheine – Dreigiebelhaus Bentlage, Salinenstraße 105
Heute, So 16. Juni – 15 Uhr
Kosten 5 €

Bennatz war ein pfiffiger Kerl. Er lebte im ausgehenden Mittelalter als 8. Kind mit seinen Brüdern und Schwester in der Kate seiner Eltern. Als Kötter gehörte die Familie zur unteren sozialen Schicht. Deswegen hatte Bennatz trotz seines klugen Köpfchens kaum eine Chance aus dieser Lebenslage, in die er hineingeboren wurde, herauszukommen. Vielleicht hat dieser Bennatz in Bentlage gewohnt und vielleicht gehörte die Familie zu einem Kotten des Klosters Bentlage…

Bei dem Rundgang, der von Rheine.Tourismus.Veranstaltungen. e.V. organisiert wird, werden die Teilnehmer durch die Bentlager Klosterlandschaft in die Zeit des Klosterlebens versetzt. Bentlage ist ein Ort mit einer über 1000 jährigen Geschichte, die von allen Flurbereinigungen verschont und deswegen in ihrer Struktur fast unverändert geblieben ist. Noch heute können wir die Geschichte der Menschen, die hier wohnten und arbeiteten, erspüren und erleben. Die Gästeführerin Monika Knüppels erzählt, kostümiert als „Leibeigener Bennatz“, anschaulich vom Leben und Arbeiten der Bauern und Klosterbrüder.

Infos: Treffpunkt  ist um 15.00 Uhr am Informationszentrum Dreigiebelhaus in Bentlage        (gegenüber der Saline). Die Führung dauert ca. 1,5 Stunden. Die Teilnahmegebühr von 5,00 € p.P., Kinder bis 14 Jahren sind frei, kann direkt vor Ort entrichtet werden. Eine Voranmeldung ist nicht erforderlich.

Tipp für die Anfahrt: Der Stadtbus C12 fährt zum Salinenpark. Tipp für die Pkw-Anfahrt per NAVI: die Parkplätze befinden sich an der Weihbischof-d´Ahlhaus-Straße.


 

Lingener KreuzKirchenKonzert
Peter Müller an der Flentrop-Orgel
Orgelzyklus Johann Sebastian Bach – Konzert 3: Leipziger Choräle
Lingen (Ems) – Kreuzkirche, Universitätsplatz 1
Heute, So 16. Juni – 20 Uhr
Kosten 5 Euro (erm. 3 Euro)

(Foto1 :Ohne, Landkreis Grafschaft Bentheim, Gehöft an der Vechte; Heribert Duling (Famduling) CC BY-SA 3.0; Foto2: Kloster Bentlage: Sharps CC  Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 Deutschland;; Foto32: Kreuzkirche Lingen (Ems), © milanpaul via flickr)

„Adolf“ geritzt

15. Juni 2019

Es gibt Orte, die wirken so verlassen, dass es weh tut. Der Bohmter Friedhof „Meyerhöfen“ im Landkreis Osnabrück ist einer von ihnen. Halb vergessen liegt er zwischen Venner Moor und Ochsenmoor, an einer winzigen Nebenstraße ins Nirgendwo, zwischen Wald und Feld. 482 Tote sind hier bestattet, in den 1950er- und 1960er-Jahren aus dem gesamten Regierungsbezirk Osnabrück umgebettet, die meisten Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter der NS-Diktatur, viele Frauen und Kinder.

Etwas Unheimliches liegt über dem Ort: schiefe, heruntergebrochene Lattenzäune, Bänke, deren Sitzbretter wegfaulen, verrostete Grablichter, tief ins halbtote Gestrüpp geschleudert. Einige der kleinen Granit-Grabblöcke sind aus dem Boden gehebelt, andere von Astwerk überwuchert, viele so schmutzig, dass die Nummern, die sie tragen, nicht mehr lesbar sind. Müll liegt herum. Wer immer hier mäht, scheint nicht zu wissen, was ein Freischneider ist. Hinten, an den Betonstelen, ver­trocknet ein Kranz.

Das Schlimmste aber sind die Schändungen. Die vier Bronzetafeln der Stelen wurden abgesägt, aus der Verankerung gebrochen, vor Jahren schon – sie trugen die Namen der Toten. In die verblichene, verfärbte, schon längst nicht mehr faktenaktuelle Plastiktafel am Eingang hat jemand „Adolf“ geritzt.

Daniel…

weiter bei der taz-Nord.

Gräber, Gruften, Grün

10. Juni 2019

Gräber, Gruften, Grün
Eiyncks Führung über den Alten Friedhof
Lingen (Ems) – Alter Friedhof, Am Gasthausdamm,
Donnerstag, 13. Juni – 17.00 Uhr
Kosten: 4 €
Der Lingener Alte Friedhof (Foto: @milanpaui via flickr) ist nicht nur eine Jahrhunderte alte Begräbnisstätte, sondern auch ein besonderer historischer Ort. Einst stand hier eine Kapelle auf einem Hügel an der Ems, deren mittelalterlicher Kirchhof später zu einem Friedhof aller christlichen Gemeinden in Lingen ausgebaut wurde. Uralte Grabsteine mit Wappen und Inschriften, markante Erinnerungsstelen sowie Denkmäler aus jüngerer Zeit verleihen diesem Friedhof mit seinen Grünanlagen und seinem Baumbestand einen parkartigen, ja fast romantischen Charakter. Museumsleiter Dr. Andreas Eiynck berichtet bei einem Spaziergang über die Geschichte des Friedhofs und erläutert ausgewählte Grabdenkmäler. Der Rundgang schließt ab mit einem Blick auf den benachbarten Jüdischen Friedhof.
Eintrittskarten können vorab in der Tourist Information im Rathaus oder auch direkt vor Ort erworben werden.

Mittwochs im Museum
Stadt des Erdöls und der Viehmärkte
Lingen in den 1960er-Jahren
Eine Präsentation von Dr. Andreas Eiynck
Lingen (Ems) – Emslandmuseum, Burgstr. 28b
Mittwoch 05.06.2017 und Freitag 07.07.
jeweils um 11.00 Uhr, 16.00 Uhr und 19.30 Uhr
Eintritt: 5,00 € / Heimatvereinsmitglieder 3,00 €

Mit „Lingen in den 60er Jahren“ geht die Mittwochs-im-Museum-Reihe über unsere Stadt im 20. Jahrhundert weiter. Dr. Andreas Eiynck präsentiert Fotos, Dokumente und Berichte aus der „Stadt des Erdöls und der Viehmärkte“, die sich in jenen Jahren zum Industriestandort und zum kulturellen Zentrum des Emslandes wandelte.

1960 sind die Kriegsschäden in Lingen beseitigt. Nach langjähriger Diskussion um Standort und Architektur entsteht das neue Rathaus im modernen Baustil mit einer Waschbetonfassade und markiert damit den Aufbruch in eine neue Zeit. Die Innenstadt präsentiert sich in neuzeitlichem Gesicht und die Erdölindustrie läuft auf Hochtouren. Nur beim Eisenbahn-Ausbesserungswerk geht die Auftragslage spürbar zurück, denn das Zeitalter der Dampfloks neigt sich unaufhaltsam dem Ende zu. Neue Arbeitsplätze bietet das Atomkraftwerk in Darme, dessen Bau damals allgemein bejubelt wird. Der relativ kleine Kernreaktor zeigt eine spezielle Konstruktionsweise, die sich im späteren Betrieb technisch nicht bewährt. Doch in den 60er Jahren sieht man in der Atomkraft eine neue, scheinbar unerschöpfliche Energiequelle.

In den Lingener Wohngebieten herrscht allgemeiner Wohlstand. Der Traum vom eigenen Heim, vom eigenen Auto und vom Urlaub geht für immer mehr Familien in Erfüllung. Überschattet wird die friedliche Atmosphäre vom „kalten Krieg“. Die Gefahr eines Atomkrieges ist allgegenwärtig und die Bundeswehr unterhält in Lingen eine große Garnison (Foto links: Reservisten in der Lookenstraße, ©Stadt Lingen) .

In der Kommunalpolitik ist die Dominanz der Christdemokraten unangefochten.

Die 60er-Jahre werden auch in Lingen zu einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs. Die Freizeit gewinnt zunehmend an Bedeutung. Davon profitieren Vereine und Verbände, eine neue Unterhaltungs- und Freizeitindustrie entsteht.

Die Zeit der Dorfmusik geht zu Ende und die Beat-Musik erobert auch das Emsland. Legendäre Bands wie die „Beat Kings“ und die „Les Copains“ bringen die Lingener Jugend im Saal Pölker in Wallungen. In der Innenstadt eröffnen die ersten Diskotheken mit Namen wie „New Orleans“ oder „Vat 69“. Das kulturelle Leben wird breiter und offener. Eine junge Nachkriegesgeneration mit ganz neuen Lebensvorstellungen wächst heran.

Lingen unter

1. April 2019

Mittwochs im Museum:
Lingen unter dem Hakenkreuz
Eine Stadt im Nationalsozialismus
Lingen (Ems) – Emslandmuseum, Burgstraße 30a
Mittwoch, 3. April 2019
Wegen des starken Interesses findet die etwa einstündige Präsentation am Mittwoch (3.4.) in mehreren Durchgängen um 11 Uhr, 14 Uhr, 16 Uhr und 19.30 Uhr statt.
Der Eintritt beträgt 5 Euro, für Heimatvereinsmitglieder 3 Euro.

„Lingen unter dem Hakenkreuz“ lautet das Thema beim nächsten „Mittwoch im Museum“ . Dr. Andreas Eiynck schildert die Zeit des Nationalsozialismus in Lingen von der sog. Machtergreifung im Januar  1933 bis zum Kriegsende 1945. Zu der Veranstaltung laden das Emslandmuseum und der Heimatverein alle Interessierten ein.

Zunächst beschreibt der Museumschef, wie die Nationalsozialisten auch im Emsland an die Macht gelangten, obwohl sie hier nie eine Mehrheit hatten. Sie konnten ihre Position in kürzester Zeit so ausbauen, dass jeder Widerstand, ja sogar Widerspruch gegen das System gefährlich wurde.

Es folgten dann die sogenannten „Erfolgsjahre“ des Regimes, in denen sich die Wirtschaft erholte und die Arbeitslosigkeit rasch zurückging. Dafür nahmen viele die politischen Repressionen und die Verfolgung von Gegnern teilnahmslos hin. Viele interessierten sich nicht dafür, dass der Aufschwung aus dem geraubten Vermögen der Juden finanziert und über die Aufrüstung Deutschlands umgesetzt wurde. Andere fürchteten Nachteile oder Verfolgung, wenn sie ihre Stimme dagegen erhoben. Jeder Widerstand wurde im Keim erstickt, während sich das Regime bei Aufmärschen, Großkundgebungen, im Glanz von Sportveranstaltungen, erfolgssportlern und Olympischen Spielen sonnte.

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs nahm die Gewalt des Systems ungehemmt zu. Aus der Judenverfolgung wurde der Holocaust, friedliche Nachbarstaaten wurden militärisch erobert, ihre Bevölkerung gewaltsam unterdrückt und ihre Wirtschaft ausgeplündert. Doch auch die deutsche Bevölkerung spürte bald die Folgen des Krieges. Immer mehr junge Männer starben an allen Fronten Europas und 1944 war Lingen das Ziel zweier verheerender Luftangriffe mit vielen Toten.

Bis zur letzten Minute lief auch im Emsland die Propaganda- und Unterdrückungsmaschinerie des NS-Staates. Die Stadt Lingen (Ems) sollte „bis zur letzten Patrone“ gehalten werden, um die Gegner an der Ems aufzuhalten. Der Kampf um die strategisch wichtige Stadt forderte viele Opfer und führte zu schweren Zerstörungen im Stadtgebiet. Ostern 1945 rückten die alliierten Truppen in Lingen ein, die letzten verbliebenen Nazis flüchteten. Erst allmählich realisierten die Meisten, dass die Besetzung durch die Kriegsgegner die Befreiung vom Nationalsozialismus war.

Was machte Großvater in der Nazizeit? War Opa ein Nazi? War mein Vater in der SS? Tipps zur Recherche zur eigenen Familie in der NS-Zeit – ein (Chrismon-)Dossier

Was haben meine Eltern, Großeltern, Onkels, Tanten zur Zeit der Nationalsozialismus gemacht? Waren sie verstrickt in das Nazisystem? Waren sie gar an Verbrechen beteiligt? Das Interesse an diesen Fragen lässt nicht nach und steigt in der Kinder- und Enkelgeneration jetzt sogar noch einmal an. Sie spüren: Da ist was nicht erledigt.

Woran liegt das gestiegene Interesse? Zum einen daran, dass viele ZeitzeugInnen sterben, dass sich also ihre (erwachsenen) Kinder endlich frei fühlen zu recherchieren; die Enkelgeneration hat ohnehin eine größere emotionale Distanz, was solch eine Recherche erleichtert.

Das gestiegene Interesse hat aber vor allem mit der neuesten Geschichtsforschung zu tun: Die wendet nämlich seit den 90er Jahren den Blick von den Spitzen des NS-Systems immer mehr in Richtung der „kleinen“ Täter, beschäftigt sich also mit den gewöhnlichen Deutschen, den Wehrmachtssoldaten, den Polizisten, den Verwaltungsangestellten. Den Anfang machten die Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ und die Bücher von Christopher R. Browning oder Daniel Goldhagen (s.u. Buchtipps).

Vorsicht vor falschen Erwartungen

1. „Das geht schnell.“ – Nein, das ist selten. Eine Recherche zur eigenen Familie in der NS-Zeit dauert fast immer länger als zwei Monate. Man sollte mit mindestens einem Jahr rechnen. Man wartet ja schon Wochen, bis ein Archiv antwortet.

2. „Am Ende weiß ich alles.“ – Eher nicht. Meist weiß man am Ende immer noch nicht, wie der Verwandte dachte – wie er zum Nationalsozialismus stand, ob sich seine Einstellung über die Jahre geändert hat….

3. „Am Ende weiß ich doch nichts.“ – Auch wenn man am Ende meist nicht weiß, was ein Verwandter konkret getan hat, kann man es sich – mit einem Trick – ausmalen. Der Trick heißt: lesen, lesen, lesen. Und zwar Bücher zum Umfeld. Zum Beispiel Fachliteratur über einzelne Dienststellen des NS-Apparates, über einzelne Feldzüge, über Verbrechen an bestimmten Bevölkerungsgruppen usw. So kann man das Dunkelfeld erhellen und den Verwandten darin verorten….

Alles weitere hier bei Chrismon...

Gestern Abend wurde mit einem Konzert des Fink-Körner-Duo mit Posaune und Piano die Woche der Brüderlichkeit auch in Lingen (Ems) eröffnet. Manfred Rockel rezitierte bei der gemeinsamen Veranstaltung des Kunstvereins und des Forum Juden Christen in der Lingener Kunsthalle den nachfolgenden Text. zum Thema: „Der / Die/ Das Fremde„, den ich hier gern im Wortlaut wiedergebe.

„Es sagte die Mutter zu ihrem kleinen Sohn: „Steig’ bei keinem fremden Mann ins Auto!“ In den 1950er-Jahren fuhren wenige Autos. Deshalb sagte sie auch meistens: „Geh mit keinem fremden Mann mit!“ Später, als der kleine Junge größer geworden war, sagte sie zu ihm: „Du kannst keinem fremden Menschen trauen.“

Die Mutter hatte schlimme Erfahrungen gemacht, im Krieg, auf der Flucht. Sie hatte das Vertrauen in andere Menschen verloren. Der Junge wusste oder besser: ahnte davon und wollte seiner Mutter bewusst oder unbewusst nicht zusätzlichen Kummer bereiten. So war er brav, gefällig, ordentlich, so wie sich das seine Mutter wohl wünschte.

Die Fremde lernte er mit seinen Eltern, die keine Fremdsprache gelernt hatten, nicht kennen. Einmal über die Grenze, in die Schweiz, zum Rheinfall nach Schaffhausen, am Abend wieder zurück. Ganz schön teuer im Ausland. Und doch ein Urlaub in Holland, wo man mit Deutsch gut zurecht kam. Hier waren bisher unbekannte Pommes Frites das große Erlebnis.

Das Junge wuchs heran, und er machte andere Erfahrungen mit fremden Menschen, gute Erfahrungen, aufregend schöne Erfahrungen. Zum Beispiel bei einer Begegnung mit jungen Franzosen, organisiert vom gerade gegründeten deutsch-französischen Jugendwerk. Zum Beispiel bei einer vom Stadtjugendring Hannover 1968 durchgeführten Austauschfahrt nach Prag. Und auch bei einer Fahrt mit einem Freund nach England, wo sie per Anhalter reisten. „Steig bei keinem fremden Mann ins Auto.“ Das musste er nun endlich doch seiner Mutter sagen, dass er den Satz, Fremde zu meiden und ihnen nicht zu trauen, nicht als Lebensmotto akzeptieren könne.

Natürlich wäre dem Kind auch eine Duo-Besetzung Piano und Posaune völlig fremd gewesen. Denn in der Musik gab es für den Jungen zwar keine Vorgaben, Musik spielte gar keine Rolle in der Familie. Da lief am Morgen die laue Unterhaltungsmusik im Radio, wichtig waren die ständigen Zeitansagen, damit man den Aufbruch zur Arbeit oder zur Schule nicht verpasste. Kein Wunder, dass er sich zum Geburtstag als erste Schallplatte für die elterliche neue Musiktruhe „Weiße Rosen aus Athen“ von Nana Mouskouri wünschte. Das Süße und Glatte blieb sein Geschmack, bis er an anderen Orten ganz andere Töne vernahm. In der Eisdiele kamen aus der Musikbox ja nicht nur Schlager, sondern auch härtere, rhythmischere, ja wilde Klänge. Ziemlich fremd. Er warf dafür kein Geld hinein.

„Fremdes kann auch durch Gewöhnung vertraut und liebgewonnen werden,“ dachte er, als er nun freiwillig und regelmäßig dichtgedrängt an der Raupe stand, einem Fahrgeschäft auf der Kirmes, wo es ums Fahren ging, aber noch mehr um Mädchen und um die neuesten Hits aus Amerika oder aus England. Bald war er verrückt danach und hatte erfahren, dass der Deutschlandfunk die Hits am Samstag um 23 Uhr sendet und der britische Soldatensender BFBS am Sonntag um 17 Uhr.

Einen Jazzclub gab es in seiner Nähe, der freitags Dixieland und montags Modern Jazz anbot. Bald stellte er für sich fest, dass er viel häufiger an Montagen dort war. War nicht Dixieland und „Icecream, Icecream“ doch irgendwie so süß wie Schlager? Er fand für sich heraus, dass ihn die Musik mehr reizte, die gerade nicht so griffig war, die ihn forderte und die etwas hatte, an dem er sich reiben musste, Modern Jazz.

Als er dann von der Großstadt in die Kleinstadt kam, merkte er bald, dass den meisten Menschen dort diese Art der Musik noch recht fremd war. Sie wollten sich das nicht anhören.

Dabei waren es Größen des Jazz, die um 1990 in der Kleinstadt auftraten und die er hörte, in kleinem Kreis. So schrieb der Rezensent der Lokalzeitung zu Peter Herbolzheimer und dem Bundesjazzorchester:

„Eine starke Truppe, in jeder Hinsicht: Peter Herbolzheimers Bundesjazzorchester, mitreißende Kompositionen, geschliffene Arrangements, engagiertes und gekonntes Spiel der deutschen Jungjazzerelite unter der souveränen Führung Peter Herbolzheimers, …

Wenn er allerdings auch auch die Lingener als eine `starke Jazzgemeinde` begrüßt – auf die Größe käme es nicht an – dann kann damit die peinliche und so wenig inspirierende Situation eines schwach besetzten Theaters kaum aufgelöst werden.“

Und die Posaune als Soloinstrument? Der damalige Weltmeister des Instruments, Albert Mangelsdorff, trat tatsächlich mit seinen „Ohritschinells“, er war Hesse, auch in dieser Kleinstadt auf. Und wieder hieß es in der Lokalzeitung: „Beim Anblick des schwach gefüllten Parplatzes vor dem Theater … war schon klar, daß dieses Konzert mit der kulturellen Fünfprozentklausel des Publikumszuspruchs zu kämpfen haben würde.“

Schön, dass Sie da sind. Und sich auf das Fremde oder das etwas Fremde einlassen.

Denn so kann es auch gehen: Ich suche Heimat und finde die Fremde. Nicht alles Fremde fängt jenseits der Grenzen an.

Ich suche der/die/das Fremde und finde Heimat. Ich habe das Grenzenlose nicht als fremd und bedrohlich, Angst machend, sondern – wie gesagt – als bereichernd erlebt. Und natürlich leben wir in gemischten Formen mit gemischten Gefühlen:

VOLL INTEGRIERT

Seine Familie stammt aus Ostpreußen,
und er ist hier voll integriert.
Seine emsländischen Freunde:
Martin aus Loccum, Marianne aus Hessen,
Georg aus Cloppenburg, Klaus aus Essen,
Natalia, Kirgisien, Eva, Josef, Tschechoslowakei,
Doctores der Nachbarn, Leipziger Allerlei,
Elisabeth aus Polen, Christel Wolfenbüttel,
Petar halb Serbien, Sabine Osnabrück-EL.
Walter ist fast von hier, aus Rheine.

Er fühlt sich gut, gar nicht alleine.
Er ist hier voll integriert
in die Parallelgesellschaft.

Was ihn stört:
Wo bleibt Heribert?
(aus: Manfred Rockel / Gedichte Emsiges Land, Düsseldorf 2017)

Ich möchte anlässlich dieses Konzerts zur Woche der Brüderlichkeit noch kurz zweier jüdischer Musiker gedenken, mit denen ich persönlich Kontakt hatte. Musik kann viele Funktionen haben, sie kann auch erzwungen und missbraucht werden. Damit möchte ich an Esther Bejarano erinnern, die im Mädchenorchester von Auschwitz spielen musste, wenn im Arbeitslager Auschwitz die Gefangenen zur Zwangsarbeit gingen und zurückkehrten. Sie überlebte.  Und die Musik half ihr zu überleben.

Sie engagierte sich danach im Auschwitz-Komitee und als Künstlerin mit ihrem Programm „Spiel mir das Lied vom Frieden“, um damit auch eine Brücke zu schlagen für eine Gesellschaft „ohne Fremdenfeindlichkeit, ohne Rassismus, ohne Antisemitismus“, wie sie 1991 bei ihrem Auftritt in Lingen sagte. Esther Bejarano ist auch als 94-Jährige noch als Zeitzeuge aktiv.

Zum zweiten möchte ich des Musikers Coco Schumann gedenken, der als ganz junger jüdischer Jazz-Gitarrist im Ghetto Theresienstadt bei den „Ghetto Swingers“ Schlagzeug spielte. Und auch nach seiner Deportation nach Auschwitz wohl überlebte, weil er für die SS Musik machte, dann kein Swing, sondern „La Paloma“ usw. Er wollte nach 1945 nicht in erster Linie als Holocaust-Überlebender gesehen werden, sondern als Musiker. Er machte weiter Musik in verschiedenen Ensembles, u.a. bei dem Geiger Helmut Zacharias und spielte Jazzgitarre auf der Bühne. Er war um 1990 bereit, in Lingen ein Konzert zu geben, in Verbindung mit dem Jazzfest Münster und einem Auftritt in Papenburg, aber aus irgendwelchen Gründen kam es nicht zustande.

Coco Schumann starb im Januar 2018 mit 93 Jahren.


Nachbemerkung. Duo Körner Fink duo brachte mancherlei Fremdes oder fremd Erscheinendes zu Gehör. Auch dies sehr Bekanntes:

 

[Star Trek – The Next Generation (Jerry Goldsmith/Aleander Courage)]


Woche der Brüderlichkeit

 

nichts zu sagen

11. März 2019

Ich glaube, sie  wurde nicht veröffentlicht, die neue Leserzuschrift von Dr. Christoph Frilling an die  Lokalzeitung (oder hab ich’s überblättert?). Deshalb hier Frillings Gedanken zu dem Rosemeyermuseum-Beirat, der da „ab sofort“ gebildet wurde. Es ist kein Geheimnis, dass ich,  wie Frilling, dieser Einrichtung für den Rennfahrer Bernd Rosemeyer angesichts dessen freiwilliger Mitgliedschaft in der von Anbeginn an verbrecherischen SS nichts abgewinnen kann.

Ein Beirat, der nichts zu sagen hat

Dem …Artikel ist zu entnehmen, dass ein „Beirat“ [mehr, Paywall]  die Arbeit an der Gestaltung des umstrittenen Museums für den SS-Hauptsturmführer Bernd Rosemeyer aufnehmen soll. Dieses Gremium ist von Heinrich Liesen und dem von ihm beauftragten Ex-Professor Walter unter Ausschluss jeglicher demokratischer Grundsätze „berufen“ worden.  Der „Beirat“ hat eine – wie der Name schon sagt –  bloß beratende Funktion und keinerlei Entscheidungskompetenz. Als Propagandainstrument dient er  allein der Außendarstellung und Werbung für ein höchst fragwürdiges Projekt, das Lingen schon jetzt überregional ins Gerede gebracht hat.

Für eine scheindemokratische Fassade eines hauseigenen „Beirats“ mag sich nicht jeder so ohne weiteres hergeben. So ist es offenbar auch nicht gelungen, bestimmte Personalwünsche von Herrn Liesen zu realisieren.  Keine Zusage erhielten die Museumsbetreiber demnach von:

  • Dr. Andrea Kaltofen, die auch Mitglied des Beirats der Gedenkstätte Esterwegen ist (Liesen: „Es wäre gut, wenn sie für das Museum gewonnen werden könnte“),
  • Heiner Schüpp vom Kreisarchiv Emsland. Dieser Personalvorschlag war besonders pikant, weil Schüpp gleichzeitig Vorstandsmitglied beim Forum Juden-Christen ist, das sich bekanntlich klar gegen das Museum positioniert hat.
  • Ebenfalls gescheitert ist die Anwerbung des Stadtarchivs Lingen, des Emsland-Museums und der Heimatvereins, den Liesen gern „wg. des Auftrags der schulischen Bildung“ dabei gehabt hätte.

Übrig geblieben ist ein Rumpfkollegium von 4 Personen, von denen drei (!) in keinerlei Beziehung zu Lingen und zum Emsland stehen.

Wie letzten Endes dieses fragwürdige Gremium zusammengesetzt sein mag: Die Mitglieder müssen sich darüber im Klaren sein, dass sie eine reine Alibi-Funktion wahrnehmen und dass letzten Endes nur einer bestimmt, was im Museum geschieht: Heinrich Liesen!
Dr. Christoph Frilling, M.A.“

Krisen und Krawalle

4. März 2019

Lingen in den 20er Jahren
Krisen und Krawalle
Lingen (Ems) – Emslandmuseum, Burgstr. 28a
Mittwoch, 6. März – 16.00 und 19.30 Uhr

Eintritt: 5 € (Mitglieder des Heimnatvereins 3 €)

Um die Lingener Zeitgeschichte in den 20er-Jahren geht es beim nächsten „Mittwoch im Museum“ im Lingener Emslandmuseum. Im Mittelpunkt stehen dabei die lokalen Ereignisse zur Zeit der „Weimarer Republik“ . Wirtschaftskrisen und politische Radikalisierung überschatteten die junge Demokratie, deren Erfolge doch eigentlich unübersehbar waren. Verblüffend sind dabei manche Parallelen zur heutigen Situation. Zu der etwa einstündigen Präsentation laden das Emslandmuseum und der Heimatverein alle Interessierten ein.

Als der spätere Schriftsteller Erich Maria Remarque 1919 als Junglehrer nach Lohne in den damaligen Landkreis Lingen versetzt wird, hat die neue Republik in Deutschland erste Erfolge vorzugweisen: Wahlrecht für alle Frauen und Männer, eine moderne Verfassung mit gleichen Rechten für alle sowie erste Sozialprogramme für die vom Krieg geschundene Bevölkerung. Doch mit dem Zusammenbruch der Kriegswirtschaft und der daraus resultierenden Hyperinflation des Jahres 1923 werden alle Ansätze zu einer ökonomischen Wiederbelebung zunichte gemacht. Breite Bevölkerungsschichten verarmen, darunter die Lingener Eisenbahner und viele Gewerbetreibende in der Stadt. Auch in Lingen kommt es zu Massenstreiks. Wichtige Strukturmaßnahmen verzögern sich – erst 1925 erhielt Lingen Anschluss an das Elektrizitätsnetz der VEW.

Als sich die wirtschaftliche Lage allmählich erholte, nimmt auch das gesellschaftliche Leben wieder Fahrt auf. 1927 bereitet sich Lingen auf die 600-Jahrfeier vor, doch ein Wirbelsturm mit großen Verwüstungen im Stadtzentrum lässt die Feststimmung buchstäblich im Winde verwehen. Die Feier wird auf das Folgejahr verlegt, und die Kivelinge organisieren hierzu eine große Heimatschau. Mit dem Erlös des Festes finanziert die Stadt den Bau einer Jugendherberge. Bau- und Siedlungsprogramme schaffen Wohnraum für Familien im Stadtgebiet. Ein blühendes Vereinsleben sowie zahlreiche Kulturveranstaltungen bringen einen Hauch der „goldenen 20er-Jahre“ auch nach Lingen.

Die 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise überschattet bald alle Errungenschaften der jungen Demokratie. Das politische Leben wird immer mehr durch radikale Kräfte bestimmt und Anfang der 1930er Jahre zeichnet der Weg in die Katastrophe des Nationalsozialismus sich auch in Lingen immer deutlicher ab.

Rund 60 Minuten lang präsentiert Dr. Andreas Eiynck Bilder und Dokumente aus dieser Zeit in Lingen und vermittelt ein anschauliches Bild der damaligen Ereignisse. Hierzu laden das Emslandmuseum und der Heimatverein ein.


(Quelle Text und Foto: Eingang zur Wilhelmshöhe bei der 600-Jahrfeier der Stadt Lingen (Ems) 1928)