20. Korn- und Hansemarkt

7. September 2022

Seit nunmehr fast 40 Jahren lockt der alle zwei Jahre im September stattfindende ‚Historische Korn- und Hansemarkt‘ immer wieder zahlreiche begeisterte Besucher in die Mauern der alten Hansestadt Haselünne.

Zwei Tage lang begeistern dann Burgmänner in farbenfrohen Kostümen, Landsknechte, Handeltreibende und Marketenderinnen die Besucher. Fahrendes Volk, Spielmänner und Gaukler sorgen für kurzweilige Unterhaltung auf mehreren Bühnen sowie in den Gassen der ganzen Haselünner Innenstadt.

Zu Beginn der Markttage nehmen freitags an dem großen Festumzug durch die Straßen der geschmückten Stadt traditionell mittlerweile mehr als 3000 gewandete Bürger, sowie zahlreiche Schausteller und Freunde des Korn- und Hansemarktes teil.

Ein prachtvolles Bild, das von Jahr zu Jahr die Zuschauer mehr begeistert und in der Region und darüber hinaus seinesgleichen sucht. Auf dem großzügig angelegten Marktgelände im Herzen der Stadt, das durch zahlreiche historische Marktstände, Fahrgeschäfte sowie Verpflegungsstände mit Leben gefüllt ist, werden die Besucher in die ‚gute alte Zeit‘ versetzt, und können das bunte Markttreiben aktiv miterleben.

Alt und Jung wird animiert sich auf vielerlei Art und Weise kurzweilig am historischen Marktgeschehen zu beteiligen, wie z.B. durch Seife sieden, Kerzen ziehen, oder Brot auf traditionelle Art und Weise backen.

Nachdem 2020 der Markt aufgrund der Corona-Pandemie ausfallen musste, findet am kommenden Wochenende die 20. Auflage des Korn- und Hansemarktes statt.

Freitag: Eintritt frei
Samstag, 10. Sept. und Sonntag, 11. Sept.
Erwachsene: 7 Euro
Menschen bis 15 Jahre: Eintritt frei
Menschen ab 16 Jahre: 3,00 €
Gruppen ab 20 Personen; 6,00 € pP


Foto: Kornundhansemarkt.de
Text: Korn- und Hansemarkt

und das ist gut so

10. August 2022

Die im Bund bremsende FDP hindert aktuell mit ihrer Klientelpolitik eine wirkliche durchgreifende Reformpolitik der Ampel-Koalition; auch in Lingen haben sich FDP-Mannen der CDU verschrieben und helfen ihr, deren bisherige Politik durchzusetzen. Anders bei den Straßennamen; zwar haben die Vorderleute der FDP es vergessen, die Umbenennung der nach dem Rennfahrer und SS-Offizier benannten Rosemeyer-Straße in die Gruppen-Vereinbarung mit der CDU zu schreiben, die der Union weiterhin das Sagen in Lingen sichert.

Das Resultat dieses Versäumnisses war, dass offenbar kein einziger CDU-Vertreter im Stadtrat die Umbenennung der Rosemeyer-Straße unterstützte und die zusammen mit den Sozialdemokraten Bendick und Wittler beschlossen, die Straße nicht umzubenennen. damit unterstützte der Rat mit einer relativen Mehrheit den 80 Jahre alten Beschluss von NS-Bürgermeister Erich Plesse, die Straße nach Rosemeyer zu benennen (mehr…).

Doch die FDP hat jetzt einen neuen Antrag zur geschichtlichen Auseinandersetzung mit Bernd Rosemeyer im Besonderen und den Straßenbenennungen in Lingen (Ems) im Allgemeinen in den Rat der Stadt eingebracht. Der Stadtrat tritt das nächste Mal am 15. September zusammen. Darin schreibt FDP-Fraktionsvorsitzender Dirk Meyer, bei dem Ratsvotum am 7. Juli habe Einigkeit darüber geherrscht, dass „zusätzliche Maßnahmen zur Erläuterung der Rolle von Bernd Rosemeyer in der NS-Zeit notwendig“ seien. Die FDP-Fraktion beantragt aus diesem Grund konkret, im Rat drei Punkte zu beschließen:

  1. Das Erläuterungsschild unter dem Straßenschild wird um den Hinweis auf seine SS-Mitgliedschaft und seinen Rang bei der SS ergänzt.
  2. Im Zuge der Erneuerung des Bahnhofs und des Umfeldes wird eine Informationstafel, -installation errichtet, die zum einem die Bedeutung des Rennsportes in der NS-Zeit einordnet und zum anderen die Person Bernd Rosemeyer in seinen Facetten als Rennfahrer, SS-Hauptsturmführer und seine Verwicklungen mit dem NS-Regimes darstellen soll.
  3. Die Straßennamen aller Lingener Straßen die Personennamen tragen und deren Lebensdaten mit der NS-Zeit von 1933 bis 1945 eine zeitliche Schnittmenge besitzen, sollen entsprechend des auf Antrag der CDU erstellten Kriterienkatalog, auf ihre Belastung untersucht werden. Personen mit Geburtsdaten ab 1.1.1929 sind nicht zu betrachten.

Punkt 1 gefällt mir sofort. Bekanntlich war ich da schon aktiv und überhaupt  muss man ja stadtgeschichtlich bei der Wahrheit bleiben. Deshalb wird auch Punkt 3 etwas, das die Bedeutung von Straßenbenennungen in unserer Stadt aus dem emsländischen Hauptkriterium „Lingener Jung“ heraushebt.

Klar ist auch: Sollten tatsächlich Ratsmitglieder geglaubt haben, mit dem „Alles-bleibt-so“-Beschluss vom 7. Juli sei das Thema abgearbeitet und erledigt, dürfen sie jetzt zwanglos erkennen, dass das nicht stimmt. Das Thema bleibt vielmehr wie vorhergesagt auf der Tagesordnung – auch im Rat unserer Stadt, und das ist gut so.

Vor knapp drei Wochen zeigte Nordhorns Bürgermeister Thomas Berling (SPD, Foto lks) unserer Ratsfraktion „Die BürgerNahen“  die Nachbarstadt Nordhorn an der Vechte. In Erinnerung ist mir eine ungewöhnliche und geradezu entschleunigte Stadtführung per Boot über die Kanäle rund um das Zentrum und über den Vechtesee mit einem sachkundigen wie uneitlen Gastgeber; Berling ist seit 11 Jahren Nordhorner Bürgermeister und zeigte in allen Belangen Sachkunde. Der Abend klang mit einem Fachgespräch im Grafschafter Brauhaus aus und war rundum gelungen.

An jenen Juli-Abend musste ich denken, als man mich am Sonntag auf einen großen Artikel im Juni  in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hinwies; darin  ging es um eben unsere Nachbarstadt Nordhorn und wie sich aus schweren Zeiten und trostlosen Haushaltsdaten heraus gekämpft hat. Unter der Überschrift: Wie eine Stadt sich neu erfand“ las ich:

„Bis vor 40 Jahren war das niedersächsische Nordhorn einer der bekanntesten Textilstandorte Europas. Dann kam die Globalisierung.

Er könnte sie jetzt auch an­schmeißen, klar, die mehr als 20 Maschinen, eine nach der anderen, nur würde man dann kein Wort mehr verstehen. Also holt Gerhard Kock, 83  Jahre alt, sein Smartphone aus der Jacken­tasche, Whatsapp-Gruppe „Mu­seum“. Eine der – mittlerweile ja historischen – Webmaschinen hat er vor Kurzem aufgenommen, er startet das Video. Ton ist an, laut genug? Es dröhnt und hämmert, und Kock spricht nebenbei von Tourenzahlen, die einen ehemaligen Spinnereileiter wie ihn in offensichtlich augenweitende Begeisterung verfallen lassen. Nach zwei Minuten ist der Lärm vorbei oder auch: der Bass, der die Stadt Nordhorn über Jahrzehnte hinweg vibrieren ließ. Wenn die Ma­schinen der Textilfabriken stillstanden, erinnert sich Kock, dann fehlte etwas.

Ungefähr 40 Jahre ist es her, dass er und der Rest der Einwohner einstimmig sagen konnten, was „ihr Nordhorn“ sei: eine der bekanntesten Textilstädte Deutschlands, gar Europas. Nordhorn in Niedersachsen, das waren im Grunde drei Unternehmen – Povel, Rawe und NINO –, die gemeinsam mehrere Millionen Meter Stoff im Jahr produzierten und damit die Welt belieferten. Die ganze Stadt arbeitete hier, 80 Prozent der Einwohner, und es wurden immer mehr: angeworben aus Portugal, Italien, der Türkei. Die Zeitungen tauften Nordhorn damals „Klein-Amerika“….“

[weiter bei der faz]

Sagen wir es mal so: Es läuft, Nordhorn, und das hilft beiden Städten.


Foto: Bürgermeister Thomas Berling, Nordhorn. Foto: SPD Grafschaft Bentheim

„Harry Kramer und seine Zeit“
Meike Behm, Dr. Stefan Lüddemann und Heiner Schepers  im Gespräch
Lingen (Ems) – Kunsthalle IV, Kaiserstraße 10a
Di, 19.07. 2022 –  19.30 Uhr
Eintritt: 6 €, erm. 4 €, Studierende der Hochschule frei

Am Dienstagabend sprechen Meike Behm, Dr. Stefan Lüddemann und Heiner Schepers über Harry Kramer und seine Zeit, in der er und sein Werk lebten.

Harry Kramer wurde 1925 in Lingen in der Hinterstraße, heute vis-avis vom Rathaus gelegen geboren. 1997 starb er in Kassel. Bis 1942 arbeitete er in Lingen als Frisör und besuchte ab 1947 die Tanzschule von Lola Rogge in Hamburg. In den 1950er Jahren entwarf er ein mechanisches Theater, das in der Berliner Galerie Springer uraufgeführt wurde.

Anschließend gestaltete Harry Kramer in den 1960er Jahren zahlreiche Automobile Skulpturen, die jeweils mit einer eigenen Mechanik ausgestattet waren und innerhalb derer sich Drahtobjekte drehten oder auch Klingeln einen Ton erzeugten. Es folgten buntfarbige Plastiken und Bilder sowie Plastiken, die wie Stehaufmännchen bewegt werden konnten. 1964 nahm Harry Kramer an der documenta 3 in Kassel teil.

Im Jahr darauf nahm er eine Gastprofessur in Hamburg wahr. Zu Beginn der 1970er Jahre erhielt Kramer dann einen Ruf als Professor an die Kunsthochschule Kassel. Hier gestaltete er gemeinsam mit seinen Studierenden unter dem Namen „Atelier Kramer“ zahlreiche großformatige Installationen und Kunstaktionen. In den 1990er Jahren entwickelte und realisierte Harry Kramer das Projekt der Nekropole im Kasseler Habichtswald, innerhalb dessen Künstlerinnen und Künstler wie beispielsweise Rune Mields, Timm Ulrichs, Fritz Schwegler und Werner Ruhnau Grabmäler gestalteten, zuletzt wurde 2011 das Grabmal von Gunter Demnig realisiert.

Zahlreiche Facetten der künstlerischen Arbeit und der Zeit, in der es entstand, reflektieren im Rahmen des Gesprächs die Kunsthistorikerin Meike Behm, Dr. Stefan Lüddemann, Verfasser einer Monografie über Harry Kramer, und Heiner Schepers, ein Kenner des Künstlers Person und des Werks Harry Kramers, der 1994 Harry Kramer als erster auch den Lingenerinnen und Lingen erschloss.


Harry Kramer, Ein Künstler aus Lingen – Installationsansicht Kunsthalle Lingen 2015
Foto: © Kunsthalle Lingen

 

EAW

14. Juli 2022

25 Jahre Kunsthalle Lingen:
EAW

Larissa Fassler, Harry Kramer, Ulrike Kuschel, Christian Odzuck und Stefan Odzuck, Alexander Rischer, Bastian Wiels, Alexander Wolff

Eröffnung mit Performance am Freitag, 15. Juli 2022 um 19 Uhr, anschließend Jubiläumsfeier vor der Kunsthalle

Kaiserstraße 10a, 49809 Lingen (Ems),
www.kunsthallelingen.de

Die spannungsvolle Geschichte des Lingener Eisenbahnausbesserungswerks charakterisiert unterschiedliche historische, architektonische und sozialpolitische Aspekte, die im Rahmen der Gruppenausstellung „EAW“ direkt thematisiert werden oder auch als Hintergrund für künstlerische Arbeiten dienen, die sich mit dem Komplex Eisenbahn oder auch Bahnhof auseinandersetzen. Eingeladen wurden die national und international bekannten Künstler*innen Larissa Fassler, Harry Kramer, Ulrike Kuschel, Christian Odzuck und Stefan Odzuck, Alexander Rischer, Bastian Wiels und Alexander Wolff. Larissa Fassler setzt sich in ihren Werken mit der architektonischen Gestaltung von Städten und Bahnhöfen auseinander und zeigt eine Arbeit zum Pariser Bahnhof „Gare du Nord“.

Von dem 1997 verstorbenen Künstler Harry Kramer werden Drahtplastiken aus den 1960er Jahren präsentiert, die das Thema Mensch/ Maschine beleuchten. Ulrike Kuschel präsentiert eine neu entstandene Arbeit, bestehend aus einem Film und Texten, die sich auf Fotografien richtet, die im Zusammenhang mit dem Lager Telgenkamp entstanden sind, in dem während der NS Zeit Zwangsarbeiter untergebracht wurden, die im Eisenbahnausbesserungswerk unbezahlt arbeiten mussten. Christian Odzuck und Stefan Odzuck zeigen eine Videoinstallation, die sich auf Erinnerungen ihres Urgroßvaters bezieht, der Lokführer war. Alexander Rischers Fotografien lenken den Blick auf aktuelle Randerscheinungen des Geländes rund um das EAW, während Bastian Wiels‘ Arbeiten die Sanierung der Halle I/II des EAW in den Blick nehmen. Alexander Wolff realisiert ein mehrschichtiges Wandbild, auf dem wiederum Bilder hängen, die die beeindruckenden Fassaden des Eisenbahnausbesserungswerks in Szene setzen.

Die Ausstellung wird am Freitag, 15. Juli 2022 um 19 Uhr eröffnet. „Um die Ausbreitung der Corona-Pandemie einzudämmen, bitten wir Sie freundlich eine FFP2 KN95/N95-Maske zu tragen.“ Einen Höhepunkt des Abends bildet um 20 Uhr die Aufführung einer Performance in 3 Akten, konzipiert von den Brüdern Christian und Stefan Odzuck mit dem Titel „Zikkurat“. Anschließend feiert die Kunsthalle Lingen an dem Abend ihr 25-jähriges Jubiläum.

Öffnungszeiten der Ausstellung vom 16. Juli bis  04. Sept. 2022:
Di – Fr 10 – 17 Uhr
Sa – So 11 – 17 Uhr
Eintritt € 3,–
Ermäßigter Eintritt € 1,50

 

Lingens traurige Provinzposse vom vergangenen Mittwoch erreicht jetzt  die überregionalen Medien. Ein tollkühner Mann in einer völlig ideologiefreien Kiste, titelt die taz den heutigen Beitrag von Autorin Simone Schnase:

Seit der NS-Zeit ehrt in Lingen im Emsland eine Straße den Namen eines SS-Hauptsturmführers. Nun hat die Stadtrat-Mehrheit beschlossen: So soll‘s auch bleiben

Im emsländischen Lingen wird mit Bernd Rosemeyer eine höchst fragwürdige Figur verehrt. Denn der gebürtige Lingener war in der NS-Zeit nicht nur ein berühmter Rennfahrer, sondern auch Mitglied der SS. Das kann man seit Freitag auch auf dem Schild der Straße lesen, die seit 1939 nach Rosemeyer benannt ist.

Denn der Rechtsanwalt Robert Koop, Fraktionsvorsitzender der unabhängigen Wählergemeinschaft „Die BürgerNahen“ im Stadtrat, hat es gemeinsam mit weiteren Lin­ge­ne­r*in­nen kurzerhand modifiziert oder, wie er es selbst nennt, „nach rechts justiert“: Neben den Informationen „Bernd Rosemeyer (1909–1938) Motorrad- und Autorennfahrer. Weltrekordler“, die auf dem Schild zu lesen sind, steht dort nun auch: SS-Hauptsturmführer.

Der wird in Lingen fast schon wie ein Heiliger verehrt: Es gibt einen Motorsportclub Bernd Rosemeyer, ein aus dem Mittelalter stammender Lingener Junggesellenverein namens Kivelinge hat eine Sektion nach Rosemeyer benannt, der lokale Schützenverein ebenfalls. Der Bauunternehmer Heinrich Liesen gründete eine Bernd-Rosemeyer-„Stiftung“ und plant in Lingen ein Rosemeyer-Museum. Ginge es nach ihm, wäre dem SS-Mann schon längst posthum die Ehrenbürgerschaft der Stadt verliehen worden.

Letzteres wurde abgelehnt, aber eine Umbenennung der ehemaligen Lingener Bahnhofstraße ebenfalls: Am vergangenen Mittwoch stimmte der Stadtrat dagegen. Und so wird die Straße auch weiterhin den Namen Bernd Rosemeyer tragen.

Rosemeyer…

[weiter in der taz]

Tiefe Enttäuschung

11. Juli 2022

Den folgenden offenen Brief richtete Verleger Georg Aehling (Edition Virgines) nach der Entscheidung des Rates für den Straßennamen des Rennfahrers und SS-Offiziers Bernd Rosemeyer an den Lingener Oberbürgermeister Dieter Krone:

“Ich möchte hiermit meine tiefe Enttäuschung über die Entscheidung des Rats der Stadt Lingen vom 06.07.2022 zur Frage der Umbenennung der Bernd-Rose­meyer-Straße bekunden und Ihnen für Ihre aufrechte Haltung in dieser Ange­legenheit danken und meine hohe Anerkennung dafür ausdrücken.

Die Meinungen über das Für und Wider einer Umbenennung sind ausgetauscht, aber die fragwürdigen wahren Motive vieler Gegner einer Umbenennung werden leider selten benannt.

Ich erfahre in Gesprächen mit entsprechenden Personen immer wieder, dass eine falsch verstandene Heimattreue und ein falsch verstandener Lokalpatrio­tismus den Hintergrund für den Wunsch nach Beibehaltung des Straßennamens Bernd-Rosemeyer-Straße bilden. Beides zeigt sich in dem sentimentalischen und selbst­gefälligen Festhalten an der verehrten Sports ‘kanone’ Rosemeyer, die für viele eine in nahezu kindischer Weise verehrte Identifikationsfigur darstellt. Von einem solchen lokalen Idol, das schon in jungen Jahren Kunststücke mit dem Motorrad auf dem Marktplatz vorführt und später als Rennfahrer den Namen Lingens in die Welt trägt, fällt vielen eine innere Abkehr schwer. Ein solches Verhalten nenne ich infantil statt geschichtsbewusst, bei nicht wenigen Anwohnern der Straße zudem gepaart mit dem unverhohlen geäußerten Motiv, die Kosten von Umfirmierungen ihrer Anschriften im Falle einer Umbenennung zu vermeiden.

Hinzu kommt, dass viele die Zugehörigkeit Rosemeyers zur SS aus mangelndem Geschichtsbewusstsein nicht ernst genug nehmen, frei nach dem immer wieder zu hörenden Motto: ‘Was soll das ganze Theater! Haben wir nichts Wichtigeres zu tun? Was hat Rosemeyer denn Schlimmes verbrochen?’ Viele Lingener regi­strie­ren überhaupt nicht, dass die SS eine der schlimmsten Mörder- und Terrororgani­sa­tionen der Weltgeschichte war, der man sich nicht, wie viele immer noch meinen, anschließen musste, um in der Nazi-Zeit überleben zu können, sondern der man aus Überzeugung oder Opportunismus beitrat im Wissen um deren menschen­verachtende Ziele als Schutzstaffel Adolf Hitlers.

Ich unterstelle…“

[Fortsetzung auf der Seite des Forum Juden Christen]

1000 %-ig

10. Juli 2022

Rund 100 LingenerInnen nahmen am Sonntagnachmittag an dem Schweigemarsch vom Bahnhofsvorplatz zum Stolperstein für das NS-Opfer Fredy Markreich in der Großen Straße teil, eine große Gruppe Studierender der Hochschule schloss während des Schweigemarsches zu den knapp 60, bis dahin überwiegend älteren Demonstrierenden auf.

Wie überhaupt heute spannend und aufschlussreich nicht die anwesenden Menschen waren, sondern die, die es nicht waren – kein CDU-Ratsmitglied und keines der SPD. Wieviel Scham muss das machen, wenn ich an einer Veranstaltung zur Erinnerung an die verbrecherischen Taten der Nazis nicht teilnehmen kann, weil mein Abstimmverhalten (oder das eigener  Fraktionsmitglieder) es nicht hergibt?  Sollte diese Frage nicht über allem stehen?

Vor dem ehem. Markreich’schen Haus Große Straße 11 ergriff Dr. Walter Höltermann das Wort, um das Votum des Stadtrates  geschichtlich einzuordnen. Er zeichnete auch das Leben Fredy Markreichs nach. Um diesen Lingener als Opfer des NS-Terrors zu ehren, sollte auf Antrag der FDP und des Forums die Bernd-Rosemeyer-Straße umbenannt werden: „Er ist ein besserer Namensgeber als der Rennfahrer und SS-Hauptsturmführer.“

Dann nahm der Ehrenvorsitzende des Forum Juden Christen, Dr. Heribert Lange, einen Debattenbeitrag aus der Ratssitzung auf, bei der sich Monika Sterrenberg, nach eigenen Angaben eine Nichte des SS-Offiziers Rosemeyer, zu Wort gemeldet hatte, und ihr unter der nachträglich eigens eröffneten „Einwohnerfragestunde“ durch die Ratsvorsitzende Annette Wintermann (CDU) keine Frage sondern ein Plädoyer für den SS-Offizier gestattet wurde. In dessen Mittelpunkt stand die historisch falsche Entschuldigung, der SS-Offizier Bernd Rosemeyer sei kein Nazi gewesen, weil er und seine Familie „1000%-ige Katholiken“ gewesen seien. Lange ordnete ein:

„Kein Mensch konnte sich vorstellen“, so 1960 mein ansonsten ehrenwerter, und gescheiter  Religionslehrer, der päpstliche Geheimkämmerer, Monsignore und Oberstudienrat am Otto-Pankok-Gymnasium in Mülheim an der Ruhr, Karl Mücher zu seinem Verständnis von der Shoah, „kein Mensch konnte sich vorstellen, dass sich in unserem Leben und in unserer Zeit die Rache Gottes am jüdischen Volk ereignen würde.“

Dieser Satz fiel mir im Verlauf bzw. am Ende der Ratsdebatte am vergangenen Mittwoch wieder ein, als in einem eigentlich unzulässigen Redebeitrag aus dem Publikum unmittelbar vor der Abstimmung davon die Rede war, dass Bernd Rosemeyer kein SS-Mann, zumindest kein  eigentlicher SS-Mann gewesen sei, was allein schon daraus ersichtlich werde, dass Rosemeyers alle zusammen „1000-prozentige Katholiken gewesen“ seien.

Hat denn etwa die katholische Kirche der SS ihren Ungeist, der schließlich in den millionenfachen Mord jüdischer Menschen im Holocaust mündete, ausgetrieben, ihn untersagt oder wenigstens kritisiert. Hat sie verhindert oder ernst-hafte Anstrengungen dagegen  unternommen, dass 2.579 ihrer treuesten Priester im KZ Dachau inhaftiert waren und in großer Zahl umkamen bzw. regelrecht ermordet wurden? Der in Lingen tätige Kaplan Heinrich Schniers (Foto lks oben) und der Onkel unseres Johannes Wiemker, der Priester Leopold Wiemker, gehörten zu den Gefangenen in Dachau (Foto lks unten). Hat der spätere Kardinal Clemens August Graf von Galen bei seinen mutigen und beeindruckenden Predigten gegen Hitlers und der Ärzte Euthanasie-Programm, wovon schon bald auch kranke und behinderte Kinder aus der kirchlichen Einrichtungen betroffen waren – hat von Galen dabei  wohl auch daran gedacht, dass Juden und ihre Kinder auch damals schon und genauso zu Tode gebracht wurden? Nein! Wir wissen heute, dass er dies weder bedacht noch erkundet hat.

Wovor also hätte die Kirche einen ehrgeizigen SS-Offizier wie den Rennfahrer Bernd Rosemeyer bewahren können, dem Bedenken oder Skrupel, als er sich der, wie sich später erweisen sollte, Mörderbande der SS andiente, wahrschein-lich gar nicht und nie in den Sinn gekommen waren? Ihre völkische Idee von der arischen Rasse, mit der die wissenschaftliche Medizin auch die Juden dem Ausrottungsprogramm der Nazis überantwortet hatte, wurde doch von kaum jemandem noch ernsthaft infrage gestellt oder gar einer kritischen Auseinandersetzung unterzogen – auch nicht mehr von der Kirche, vielleicht genau aus dem Grund, den Karl Mücher, von dem soeben die Rede war, uns Oberprimanern auseinandergesetzt hatte.

Der ungeschützte und freie Fall der deutschen Gesellschaft in die moralische Katastrophe erwischte Bernd Rosemeyer nicht unverhofft und unversehens, aber umstandslos, und machte ihn zum Teil des Systems, sogar so, dass er, so Viktor Klemperer, die Nazi-Idol-Figur Horst Wessel zeitweilig noch zu überstrahlen schien. Denn der inzwischen zum SS-Hauptsturmführer avancierte Rennfahrer verweigerte keinen Auftritt, keinen Dienst und keinen Gunstbeweis, den das System von ihm erwartete, wenn und da es doch und vor allen Dingen um seine Rennfahrerkarriere ging. Es ist ziemlich gleichgültig, ob Nazi-Ideologie ihn dabei antrieb, ob seine Rennfahrerleidenschaft oder einfach und banal das Kalkül des Opportunismus.

Dennoch: Niemand von uns ist befugt, darüber zu urteilen oder deshalb über Bernd Rosemeyer, wie wir oft genug erklärt haben, den Stab zu brechen und schon gar nicht über seine Familie.

Die Frage aber, ob er aus heutiger Sicht und vor dem dargelegten historischen Hintergrund immer noch der Ehrung würdig ist,  die ihm 1939 posthum vom Lingener NS-Bürgermeister mit der Widmung der Bahnhofstraße nach seinem Namen zuteil wurde, hat der Lingener Stadtrat, wenn auch mit knapper Mehrheit, am vergangenen Mittwoch, zu unser aller Entsetzen positiv entschieden. Und die Ratsmehrheit hat damit auch entschieden, dass es keinen Namenstausch eines Naziprofiteurs gegen ein Naziopfer, also Fredy Markreich, am Bahnhof in Lingen geben soll, an dessen Stolperstein und zu seinem Gedenken wir uns hier versammelt haben

Das ist heute, so denke ich,  noch viel mehr als die Biografie Bernd Rosemeyers der eigentliche Skandal, über dessen Gründe nachzudenken mir schwer fällt, weil es Angst macht. Angst macht vor den Kräften der Reaktion und des Revisi-onismus, aber auch vor der Unbelehrbarkeit der Unbelehrbaren.

Lassen Sie mich schließen mit dem Satz, dass ich mich schäme für die Stadt Lingen, die seit mehr als 50 Jahren auch meine Stadt Lingen ist. Ja, Ich schäme mich!“

Nachträglich ergänztes Zusatzschild zur Bernd-Rosemeyer-Straße am Lingener Bahnhof.

Rechts nachjustiert

9. Juli 2022

Nach der Entscheidung des Rates, die nach dem Rennfahrer und SS-Hauptsturmführer benannte Bernd-Rosemeyer-Straße nicht umzubenennen, hat das Forum Juden Christen für den morgigen Sonntag zu einem Schweigemarsch vom Bahnhof zum Haus des von den Nazis verfolgten und entrechteten Fredy Markreich aufgerufen. Die Veranstaltung beginnt um 15 Uhr am Bahnhof.

Und dann habe ich gestern Abend gemeinsam mit Freunden in der Causa SS-Hauptsturmführer noch rechts nachjustiert:

Pyrrhus

7. Juli 2022

Kennen Sie Pyrrhus bzw. Pyrrhos? König Pyrrhos I. von Epirus kämpfte im 3 Jahrhundert vor Christi gegen die Römer. Er gab dem sog. Pyrrhussieg den Namen. Ein solcher Pyrrhussieg ist ein zu teuer erkaufter Erfolg. Im ursprünglichen Sinne geht der Sieger aus dem Konflikt ähnlich geschwächt hervor wie ein Besiegter und kann mit dem Sieg nichts anfangen. Pyrrhos I. von Epirus soll 279 v. Chr. nach dem Sieg seiner Armee über die Römer in der Schlacht bei Asculum 279 v. Chr. einem Gratulanten gesagt haben:  „Noch so ein Sieg, und wir sind verloren!“ In dieser Schlacht musste Pyrrhus nämlich so erhebliche Verluste hinnehmen, dass seine Armee auf Jahre hinaus geschwächt war und schließlich den ganzen Krieg verlor. Was hat Lingen damit zu tun?

Gestern hat eine relative Mehrheit von 20 Mitglieder im Rat unserer Stadt Lingen dafür gestimmt, die Bernd-Rosemeyer-Straße weiterhin nach dem umstrittenen Autorennfahrer zu benennen. 20 (von 43 Ratsmitgliedern) waren dafür, 19 waren für eine Neubenennung, ein Ratsmitglied enthielt sich gar, drei waren nicht anwesend. Etwa 50 Lingener*innen besuchten die Ratssitzung in der Halle IV.

Die Entscheidung  wurde möglich, weil die an diesem Tag 19-köpfige CDU auf einer nicht-offenen Abstimmung bestand und Teile der gestern 7köpfigen SPD-Stadtratsfraktion sie darin unterstützten. Aus beiden Fraktionen kommen auch die Gegner der Umbenennung, während BN (4 Ratsmitglieder), Grüne/FWL (7),die Antrag stellende FDP (2) und Oberbürgermeister Krone, also 14 Ratsmitglieder, für eine Neubenennung waren; nach der Abstimmung hatten zahlreiche Mitglieder Stadtratsfraktionen der Grünen-FWL und unserer BürgerNahen in persönlichen Erklärungen erklärt, dass sie für die Umbenennung votiert hatten. OB Krone hatte dies vor der Abstimmung gesagt und die Umbenennung gefordert. Hiergegen intervenierte Dr. Bernhard Bendick (SPD), dem dies sichtlich unangenehm war und der die Abgabe dieser persönlichen Erklärungen für unerlaubt hielt. Übrigens hatte zuvor auch Bendick wie der SPD-Fraktionsvorsitzende Andreas Kröger und der 2. stellvertretende Bürgermeister Stefan Wittler (SPD) für eine geheime Abstimmung votiert.

Den Antrag auf Umbenennung hatte die FDP bereits im vergangenen Frühsommer gestellt. In der Folge war ein Kriterienkatalog erarbeitet worden. Stadtarchivar Dr. Mirko Crabus hatte überzeugend in einem Dossier Wesentliches zum Rennfahrer Rosemeyer und seine Verstrickungen in den NS-Staat zusammengetragen.

Das gestrige Votum unseres Rates beschädigt das Ansehen unserer Stadt, weil Autorennfahrer Rosemeyer eine tragende Säule der NS-Propaganda und SS-Hauptsturmführer war. Sie beschädigt auch das Ansehen der SPD um Kröger, Wittler und Bendick und das der Kulturausschussvorsitzenden Irene Vehring (CDU), die -genauso wie der CDU-Fraktionsvorsitzende Uwe Hilling- in dieser wesentlichen Frage ihre Fraktion nicht zu einen vermochte. Sie sind Pyrrhus.

Zwar appellierten nach der knappen Abstimmung mehrere Ratsmitglieder, das demokratische Votum zu akzeptieren. Bei der Benennung einer Straße zu Ehren eines SS-Offiziers ist das inhaltlich aber nicht vorstellbar. Wer will so eine Relativierung der SS und ihres Protagonisten Rosemeyer in unseren aufgeklärten Zeiten? Das Thema wird also künftig erneut im Rat behandelt werden und, wenn es sein muss, anschließend ein weiteres Mal.

Ein Straßennamen soll ehren. Dieser vom damaligen NS-Bürgermeister Plesse verordnete Straßenname aber ist eine Beleidigung für die Opfer des NS-Terrors und damit für jede Demokratin und jeden Demokraten. Daher kann und wird er keinen Bestand haben. Die nächste Abstimmung kommt.


Pyrrhus von Epirus, Foto von Marie-Lan Nguyen (2011) CC BY 2.5