Lingen unter

1. April 2019

Mittwochs im Museum:
Lingen unter dem Hakenkreuz
Eine Stadt im Nationalsozialismus
Lingen (Ems) – Emslandmuseum, Burgstraße 30a
Mittwoch, 3. April 2019
Wegen des starken Interesses findet die etwa einstündige Präsentation am Mittwoch (3.4.) in mehreren Durchgängen um 11 Uhr, 14 Uhr, 16 Uhr und 19.30 Uhr statt.
Der Eintritt beträgt 5 Euro, für Heimatvereinsmitglieder 3 Euro.

„Lingen unter dem Hakenkreuz“ lautet das Thema beim nächsten „Mittwoch im Museum“ . Dr. Andreas Eiynck schildert die Zeit des Nationalsozialismus in Lingen von der sog. Machtergreifung im Januar  1933 bis zum Kriegsende 1945. Zu der Veranstaltung laden das Emslandmuseum und der Heimatverein alle Interessierten ein.

Zunächst beschreibt der Museumschef, wie die Nationalsozialisten auch im Emsland an die Macht gelangten, obwohl sie hier nie eine Mehrheit hatten. Sie konnten ihre Position in kürzester Zeit so ausbauen, dass jeder Widerstand, ja sogar Widerspruch gegen das System gefährlich wurde.

Es folgten dann die sogenannten „Erfolgsjahre“ des Regimes, in denen sich die Wirtschaft erholte und die Arbeitslosigkeit rasch zurückging. Dafür nahmen viele die politischen Repressionen und die Verfolgung von Gegnern teilnahmslos hin. Viele interessierten sich nicht dafür, dass der Aufschwung aus dem geraubten Vermögen der Juden finanziert und über die Aufrüstung Deutschlands umgesetzt wurde. Andere fürchteten Nachteile oder Verfolgung, wenn sie ihre Stimme dagegen erhoben. Jeder Widerstand wurde im Keim erstickt, während sich das Regime bei Aufmärschen, Großkundgebungen, im Glanz von Sportveranstaltungen, erfolgssportlern und Olympischen Spielen sonnte.

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs nahm die Gewalt des Systems ungehemmt zu. Aus der Judenverfolgung wurde der Holocaust, friedliche Nachbarstaaten wurden militärisch erobert, ihre Bevölkerung gewaltsam unterdrückt und ihre Wirtschaft ausgeplündert. Doch auch die deutsche Bevölkerung spürte bald die Folgen des Krieges. Immer mehr junge Männer starben an allen Fronten Europas und 1944 war Lingen das Ziel zweier verheerender Luftangriffe mit vielen Toten.

Bis zur letzten Minute lief auch im Emsland die Propaganda- und Unterdrückungsmaschinerie des NS-Staates. Die Stadt Lingen (Ems) sollte „bis zur letzten Patrone“ gehalten werden, um die Gegner an der Ems aufzuhalten. Der Kampf um die strategisch wichtige Stadt forderte viele Opfer und führte zu schweren Zerstörungen im Stadtgebiet. Ostern 1945 rückten die alliierten Truppen in Lingen ein, die letzten verbliebenen Nazis flüchteten. Erst allmählich realisierten die Meisten, dass die Besetzung durch die Kriegsgegner die Befreiung vom Nationalsozialismus war.

Was machte Großvater in der Nazizeit? War Opa ein Nazi? War mein Vater in der SS? Tipps zur Recherche zur eigenen Familie in der NS-Zeit – ein (Chrismon-)Dossier

Was haben meine Eltern, Großeltern, Onkels, Tanten zur Zeit der Nationalsozialismus gemacht? Waren sie verstrickt in das Nazisystem? Waren sie gar an Verbrechen beteiligt? Das Interesse an diesen Fragen lässt nicht nach und steigt in der Kinder- und Enkelgeneration jetzt sogar noch einmal an. Sie spüren: Da ist was nicht erledigt.

Woran liegt das gestiegene Interesse? Zum einen daran, dass viele ZeitzeugInnen sterben, dass sich also ihre (erwachsenen) Kinder endlich frei fühlen zu recherchieren; die Enkelgeneration hat ohnehin eine größere emotionale Distanz, was solch eine Recherche erleichtert.

Das gestiegene Interesse hat aber vor allem mit der neuesten Geschichtsforschung zu tun: Die wendet nämlich seit den 90er Jahren den Blick von den Spitzen des NS-Systems immer mehr in Richtung der „kleinen“ Täter, beschäftigt sich also mit den gewöhnlichen Deutschen, den Wehrmachtssoldaten, den Polizisten, den Verwaltungsangestellten. Den Anfang machten die Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ und die Bücher von Christopher R. Browning oder Daniel Goldhagen (s.u. Buchtipps).

Vorsicht vor falschen Erwartungen

1. „Das geht schnell.“ – Nein, das ist selten. Eine Recherche zur eigenen Familie in der NS-Zeit dauert fast immer länger als zwei Monate. Man sollte mit mindestens einem Jahr rechnen. Man wartet ja schon Wochen, bis ein Archiv antwortet.

2. „Am Ende weiß ich alles.“ – Eher nicht. Meist weiß man am Ende immer noch nicht, wie der Verwandte dachte – wie er zum Nationalsozialismus stand, ob sich seine Einstellung über die Jahre geändert hat….

3. „Am Ende weiß ich doch nichts.“ – Auch wenn man am Ende meist nicht weiß, was ein Verwandter konkret getan hat, kann man es sich – mit einem Trick – ausmalen. Der Trick heißt: lesen, lesen, lesen. Und zwar Bücher zum Umfeld. Zum Beispiel Fachliteratur über einzelne Dienststellen des NS-Apparates, über einzelne Feldzüge, über Verbrechen an bestimmten Bevölkerungsgruppen usw. So kann man das Dunkelfeld erhellen und den Verwandten darin verorten….

Alles weitere hier bei Chrismon...

Gestern Abend wurde mit einem Konzert des Fink-Körner-Duo mit Posaune und Piano die Woche der Brüderlichkeit auch in Lingen (Ems) eröffnet. Manfred Rockel rezitierte bei der gemeinsamen Veranstaltung des Kunstvereins und des Forum Juden Christen in der Lingener Kunsthalle den nachfolgenden Text. zum Thema: „Der / Die/ Das Fremde„, den ich hier gern im Wortlaut wiedergebe.

„Es sagte die Mutter zu ihrem kleinen Sohn: „Steig’ bei keinem fremden Mann ins Auto!“ In den 1950er-Jahren fuhren wenige Autos. Deshalb sagte sie auch meistens: „Geh mit keinem fremden Mann mit!“ Später, als der kleine Junge größer geworden war, sagte sie zu ihm: „Du kannst keinem fremden Menschen trauen.“

Die Mutter hatte schlimme Erfahrungen gemacht, im Krieg, auf der Flucht. Sie hatte das Vertrauen in andere Menschen verloren. Der Junge wusste oder besser: ahnte davon und wollte seiner Mutter bewusst oder unbewusst nicht zusätzlichen Kummer bereiten. So war er brav, gefällig, ordentlich, so wie sich das seine Mutter wohl wünschte.

Die Fremde lernte er mit seinen Eltern, die keine Fremdsprache gelernt hatten, nicht kennen. Einmal über die Grenze, in die Schweiz, zum Rheinfall nach Schaffhausen, am Abend wieder zurück. Ganz schön teuer im Ausland. Und doch ein Urlaub in Holland, wo man mit Deutsch gut zurecht kam. Hier waren bisher unbekannte Pommes Frites das große Erlebnis.

Das Junge wuchs heran, und er machte andere Erfahrungen mit fremden Menschen, gute Erfahrungen, aufregend schöne Erfahrungen. Zum Beispiel bei einer Begegnung mit jungen Franzosen, organisiert vom gerade gegründeten deutsch-französischen Jugendwerk. Zum Beispiel bei einer vom Stadtjugendring Hannover 1968 durchgeführten Austauschfahrt nach Prag. Und auch bei einer Fahrt mit einem Freund nach England, wo sie per Anhalter reisten. „Steig bei keinem fremden Mann ins Auto.“ Das musste er nun endlich doch seiner Mutter sagen, dass er den Satz, Fremde zu meiden und ihnen nicht zu trauen, nicht als Lebensmotto akzeptieren könne.

Natürlich wäre dem Kind auch eine Duo-Besetzung Piano und Posaune völlig fremd gewesen. Denn in der Musik gab es für den Jungen zwar keine Vorgaben, Musik spielte gar keine Rolle in der Familie. Da lief am Morgen die laue Unterhaltungsmusik im Radio, wichtig waren die ständigen Zeitansagen, damit man den Aufbruch zur Arbeit oder zur Schule nicht verpasste. Kein Wunder, dass er sich zum Geburtstag als erste Schallplatte für die elterliche neue Musiktruhe „Weiße Rosen aus Athen“ von Nana Mouskouri wünschte. Das Süße und Glatte blieb sein Geschmack, bis er an anderen Orten ganz andere Töne vernahm. In der Eisdiele kamen aus der Musikbox ja nicht nur Schlager, sondern auch härtere, rhythmischere, ja wilde Klänge. Ziemlich fremd. Er warf dafür kein Geld hinein.

„Fremdes kann auch durch Gewöhnung vertraut und liebgewonnen werden,“ dachte er, als er nun freiwillig und regelmäßig dichtgedrängt an der Raupe stand, einem Fahrgeschäft auf der Kirmes, wo es ums Fahren ging, aber noch mehr um Mädchen und um die neuesten Hits aus Amerika oder aus England. Bald war er verrückt danach und hatte erfahren, dass der Deutschlandfunk die Hits am Samstag um 23 Uhr sendet und der britische Soldatensender BFBS am Sonntag um 17 Uhr.

Einen Jazzclub gab es in seiner Nähe, der freitags Dixieland und montags Modern Jazz anbot. Bald stellte er für sich fest, dass er viel häufiger an Montagen dort war. War nicht Dixieland und „Icecream, Icecream“ doch irgendwie so süß wie Schlager? Er fand für sich heraus, dass ihn die Musik mehr reizte, die gerade nicht so griffig war, die ihn forderte und die etwas hatte, an dem er sich reiben musste, Modern Jazz.

Als er dann von der Großstadt in die Kleinstadt kam, merkte er bald, dass den meisten Menschen dort diese Art der Musik noch recht fremd war. Sie wollten sich das nicht anhören.

Dabei waren es Größen des Jazz, die um 1990 in der Kleinstadt auftraten und die er hörte, in kleinem Kreis. So schrieb der Rezensent der Lokalzeitung zu Peter Herbolzheimer und dem Bundesjazzorchester:

„Eine starke Truppe, in jeder Hinsicht: Peter Herbolzheimers Bundesjazzorchester, mitreißende Kompositionen, geschliffene Arrangements, engagiertes und gekonntes Spiel der deutschen Jungjazzerelite unter der souveränen Führung Peter Herbolzheimers, …

Wenn er allerdings auch auch die Lingener als eine `starke Jazzgemeinde` begrüßt – auf die Größe käme es nicht an – dann kann damit die peinliche und so wenig inspirierende Situation eines schwach besetzten Theaters kaum aufgelöst werden.“

Und die Posaune als Soloinstrument? Der damalige Weltmeister des Instruments, Albert Mangelsdorff, trat tatsächlich mit seinen „Ohritschinells“, er war Hesse, auch in dieser Kleinstadt auf. Und wieder hieß es in der Lokalzeitung: „Beim Anblick des schwach gefüllten Parplatzes vor dem Theater … war schon klar, daß dieses Konzert mit der kulturellen Fünfprozentklausel des Publikumszuspruchs zu kämpfen haben würde.“

Schön, dass Sie da sind. Und sich auf das Fremde oder das etwas Fremde einlassen.

Denn so kann es auch gehen: Ich suche Heimat und finde die Fremde. Nicht alles Fremde fängt jenseits der Grenzen an.

Ich suche der/die/das Fremde und finde Heimat. Ich habe das Grenzenlose nicht als fremd und bedrohlich, Angst machend, sondern – wie gesagt – als bereichernd erlebt. Und natürlich leben wir in gemischten Formen mit gemischten Gefühlen:

VOLL INTEGRIERT

Seine Familie stammt aus Ostpreußen,
und er ist hier voll integriert.
Seine emsländischen Freunde:
Martin aus Loccum, Marianne aus Hessen,
Georg aus Cloppenburg, Klaus aus Essen,
Natalia, Kirgisien, Eva, Josef, Tschechoslowakei,
Doctores der Nachbarn, Leipziger Allerlei,
Elisabeth aus Polen, Christel Wolfenbüttel,
Petar halb Serbien, Sabine Osnabrück-EL.
Walter ist fast von hier, aus Rheine.

Er fühlt sich gut, gar nicht alleine.
Er ist hier voll integriert
in die Parallelgesellschaft.

Was ihn stört:
Wo bleibt Heribert?
(aus: Manfred Rockel / Gedichte Emsiges Land, Düsseldorf 2017)

Ich möchte anlässlich dieses Konzerts zur Woche der Brüderlichkeit noch kurz zweier jüdischer Musiker gedenken, mit denen ich persönlich Kontakt hatte. Musik kann viele Funktionen haben, sie kann auch erzwungen und missbraucht werden. Damit möchte ich an Esther Bejarano erinnern, die im Mädchenorchester von Auschwitz spielen musste, wenn im Arbeitslager Auschwitz die Gefangenen zur Zwangsarbeit gingen und zurückkehrten. Sie überlebte.  Und die Musik half ihr zu überleben.

Sie engagierte sich danach im Auschwitz-Komitee und als Künstlerin mit ihrem Programm „Spiel mir das Lied vom Frieden“, um damit auch eine Brücke zu schlagen für eine Gesellschaft „ohne Fremdenfeindlichkeit, ohne Rassismus, ohne Antisemitismus“, wie sie 1991 bei ihrem Auftritt in Lingen sagte. Esther Bejarano ist auch als 94-Jährige noch als Zeitzeuge aktiv.

Zum zweiten möchte ich des Musikers Coco Schumann gedenken, der als ganz junger jüdischer Jazz-Gitarrist im Ghetto Theresienstadt bei den „Ghetto Swingers“ Schlagzeug spielte. Und auch nach seiner Deportation nach Auschwitz wohl überlebte, weil er für die SS Musik machte, dann kein Swing, sondern „La Paloma“ usw. Er wollte nach 1945 nicht in erster Linie als Holocaust-Überlebender gesehen werden, sondern als Musiker. Er machte weiter Musik in verschiedenen Ensembles, u.a. bei dem Geiger Helmut Zacharias und spielte Jazzgitarre auf der Bühne. Er war um 1990 bereit, in Lingen ein Konzert zu geben, in Verbindung mit dem Jazzfest Münster und einem Auftritt in Papenburg, aber aus irgendwelchen Gründen kam es nicht zustande.

Coco Schumann starb im Januar 2018 mit 93 Jahren.


Nachbemerkung. Duo Körner Fink duo brachte mancherlei Fremdes oder fremd Erscheinendes zu Gehör. Auch dies sehr Bekanntes:

 

[Star Trek – The Next Generation (Jerry Goldsmith/Aleander Courage)]


Woche der Brüderlichkeit

 

nichts zu sagen

11. März 2019

Ich glaube, sie  wurde nicht veröffentlicht, die neue Leserzuschrift von Dr. Christoph Frilling an die  Lokalzeitung (oder hab ich’s überblättert?). Deshalb hier Frillings Gedanken zu dem Rosemeyermuseum-Beirat, der da „ab sofort“ gebildet wurde. Es ist kein Geheimnis, dass ich,  wie Frilling, dieser Einrichtung für den Rennfahrer Bernd Rosemeyer angesichts dessen freiwilliger Mitgliedschaft in der von Anbeginn an verbrecherischen SS nichts abgewinnen kann.

Ein Beirat, der nichts zu sagen hat

Dem …Artikel ist zu entnehmen, dass ein „Beirat“ [mehr, Paywall]  die Arbeit an der Gestaltung des umstrittenen Museums für den SS-Hauptsturmführer Bernd Rosemeyer aufnehmen soll. Dieses Gremium ist von Heinrich Liesen und dem von ihm beauftragten Ex-Professor Walter unter Ausschluss jeglicher demokratischer Grundsätze „berufen“ worden.  Der „Beirat“ hat eine – wie der Name schon sagt –  bloß beratende Funktion und keinerlei Entscheidungskompetenz. Als Propagandainstrument dient er  allein der Außendarstellung und Werbung für ein höchst fragwürdiges Projekt, das Lingen schon jetzt überregional ins Gerede gebracht hat.

Für eine scheindemokratische Fassade eines hauseigenen „Beirats“ mag sich nicht jeder so ohne weiteres hergeben. So ist es offenbar auch nicht gelungen, bestimmte Personalwünsche von Herrn Liesen zu realisieren.  Keine Zusage erhielten die Museumsbetreiber demnach von:

  • Dr. Andrea Kaltofen, die auch Mitglied des Beirats der Gedenkstätte Esterwegen ist (Liesen: „Es wäre gut, wenn sie für das Museum gewonnen werden könnte“),
  • Heiner Schüpp vom Kreisarchiv Emsland. Dieser Personalvorschlag war besonders pikant, weil Schüpp gleichzeitig Vorstandsmitglied beim Forum Juden-Christen ist, das sich bekanntlich klar gegen das Museum positioniert hat.
  • Ebenfalls gescheitert ist die Anwerbung des Stadtarchivs Lingen, des Emsland-Museums und der Heimatvereins, den Liesen gern „wg. des Auftrags der schulischen Bildung“ dabei gehabt hätte.

Übrig geblieben ist ein Rumpfkollegium von 4 Personen, von denen drei (!) in keinerlei Beziehung zu Lingen und zum Emsland stehen.

Wie letzten Endes dieses fragwürdige Gremium zusammengesetzt sein mag: Die Mitglieder müssen sich darüber im Klaren sein, dass sie eine reine Alibi-Funktion wahrnehmen und dass letzten Endes nur einer bestimmt, was im Museum geschieht: Heinrich Liesen!
Dr. Christoph Frilling, M.A.“

Krisen und Krawalle

4. März 2019

Lingen in den 20er Jahren
Krisen und Krawalle
Lingen (Ems) – Emslandmuseum, Burgstr. 28a
Mittwoch, 6. März – 16.00 und 19.30 Uhr

Eintritt: 5 € (Mitglieder des Heimnatvereins 3 €)

Um die Lingener Zeitgeschichte in den 20er-Jahren geht es beim nächsten „Mittwoch im Museum“ im Lingener Emslandmuseum. Im Mittelpunkt stehen dabei die lokalen Ereignisse zur Zeit der „Weimarer Republik“ . Wirtschaftskrisen und politische Radikalisierung überschatteten die junge Demokratie, deren Erfolge doch eigentlich unübersehbar waren. Verblüffend sind dabei manche Parallelen zur heutigen Situation. Zu der etwa einstündigen Präsentation laden das Emslandmuseum und der Heimatverein alle Interessierten ein.

Als der spätere Schriftsteller Erich Maria Remarque 1919 als Junglehrer nach Lohne in den damaligen Landkreis Lingen versetzt wird, hat die neue Republik in Deutschland erste Erfolge vorzugweisen: Wahlrecht für alle Frauen und Männer, eine moderne Verfassung mit gleichen Rechten für alle sowie erste Sozialprogramme für die vom Krieg geschundene Bevölkerung. Doch mit dem Zusammenbruch der Kriegswirtschaft und der daraus resultierenden Hyperinflation des Jahres 1923 werden alle Ansätze zu einer ökonomischen Wiederbelebung zunichte gemacht. Breite Bevölkerungsschichten verarmen, darunter die Lingener Eisenbahner und viele Gewerbetreibende in der Stadt. Auch in Lingen kommt es zu Massenstreiks. Wichtige Strukturmaßnahmen verzögern sich – erst 1925 erhielt Lingen Anschluss an das Elektrizitätsnetz der VEW.

Als sich die wirtschaftliche Lage allmählich erholte, nimmt auch das gesellschaftliche Leben wieder Fahrt auf. 1927 bereitet sich Lingen auf die 600-Jahrfeier vor, doch ein Wirbelsturm mit großen Verwüstungen im Stadtzentrum lässt die Feststimmung buchstäblich im Winde verwehen. Die Feier wird auf das Folgejahr verlegt, und die Kivelinge organisieren hierzu eine große Heimatschau. Mit dem Erlös des Festes finanziert die Stadt den Bau einer Jugendherberge. Bau- und Siedlungsprogramme schaffen Wohnraum für Familien im Stadtgebiet. Ein blühendes Vereinsleben sowie zahlreiche Kulturveranstaltungen bringen einen Hauch der „goldenen 20er-Jahre“ auch nach Lingen.

Die 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise überschattet bald alle Errungenschaften der jungen Demokratie. Das politische Leben wird immer mehr durch radikale Kräfte bestimmt und Anfang der 1930er Jahre zeichnet der Weg in die Katastrophe des Nationalsozialismus sich auch in Lingen immer deutlicher ab.

Rund 60 Minuten lang präsentiert Dr. Andreas Eiynck Bilder und Dokumente aus dieser Zeit in Lingen und vermittelt ein anschauliches Bild der damaligen Ereignisse. Hierzu laden das Emslandmuseum und der Heimatverein ein.


(Quelle Text und Foto: Eingang zur Wilhelmshöhe bei der 600-Jahrfeier der Stadt Lingen (Ems) 1928)

Leben hinter Wall und Graben
Aussstellung(seröffnung)
Lingen (Ems) – Emslandmuseum, Burgstraße 28b
Heute – 16 Uhr
Freier Eintritt zur heutigen Veranstaltung

Lingen als Festungsstadt behandelt die neue Sonderausstellung „Leben hinter Wall und Graben“, die am heute um 16 Uhr im Emslandmuseum eröffnet wird. Sie geht der Frage nach, wie bis heute Traditionen aus den Zeiten der Festung Lingen Geschichte, Stadtbild, Brauchtum und Leben in Lingen (Ems) formen. Die Ausstellung ist eine Gemeinschaftsproduktion der Museen in Lingen und Coevorden unter dem Dach des niederländisch-deutschen Projektes „Grenzkultur“ der Emsländischen Landschaft und der Ems-Dollart-Region.
Alte Stadtansichten und Festungsgrundrisse zeigen nachvollziehbar das enge Nebeneinander von Zivilbevölkerung und Militär in einer mit Wall und Graben befestigten Garnisonsstadt. Kupferstiche dokumentieren nicht nur die militärischen Ereignisse, sondern auch die fatalen Folgen für die Bewohner einer Festungsstadt. Authentische Zeugnisse aus der Festungszeit sind die zahlreichen Bodenfunde aus der Lingener Innenstadt. Sie stammen größtenteils aus dem Nachlass des Lingener Archäologen Hartmut Oosthuys und werden hier erstmals in ihrer ganzen thematischen Breite gezeigt. Kanonen- und Musketenkugeln erinnern an die Kämpfe um die Festung Lingen. Fragmente von Weinkrügen, Bierhumpen und Tabakpfeifen spiegeln das Alltagsleben der Soldaten. Aus den Bürgerhaushalten stammen Küchengeschirre und Alltagsgegenstände. Ofenkacheln und Reste bemalter Fensterschreiben dokumentieren, wie die Menschen in den spanischen und niederländischen Zeiten in Lingen wohnten.
Die Ausstellung zeigt auch, wo bis heute Spuren der Festungszeit sichtbar sind und welche Traditionen in Lingen auf die Festungszeit zurückgehen – von alten Straßennamen  bis zum Kivelingsfest. Zwei kurz Dokufilme über die Belagerungen 1597 und 1605 sowie eine Stadtführung auf den Spuren der Oranier runden das Angebot ab.
Zur Ausstellungseröffnung heute um 16.00 Uhr lädt das Museum herzlich ein. Das Café im Kutscherhaus mit selbstgebackenem Kuchen ist ab 14.00 geöffnet.
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Der Kupferstich von  Johan Orlers (Leiden, NL) zeigt die Belagerung Lingens durch Moritz von Oranien für die Utrechter Union im Jahr 1597. Textquelle

Kaiserreich

4. Februar 2019

Gebetbuch und Pickelhaube
Lingen im Kaiserreich
Lingen (Ems)
Mi 6. Februar 2019 16 Uhr und 19.30 Uhr

Eintritt 5 € (erm 3€)

Mit „Lingen im Kaiserreich“ wird am kommenden Mittwoch die Vortragsreihe „Mittwochs im Museum“ fortgesetzt. Museumsleiter Dr. Andreas Eiynck zeigt Fotos, Dokumente und Objekte aus der zeitgeschichtlichen Sammlung des Emslandmuseums und aus privaten Archiven. Schwerpunktthema ist in diesem Jahr das 20. Jahrhundert, dessen wichtigste Epochen jeweils am ersten Mittwoch im Monat vorgestellt werden.

Die Zeit des deutschen Kaiserreiches war bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs eine Epoche des Wohlstands in unserer Stadt. Nie zuvor ging es breiten Bevölkerungsschichten wirtschaftlich so gut wie damals, auch wenn die sozialen Unterschiede zwischen Bauern und Adel, Arbeitern und Unternehmern riesig waren. Der Lebensstandard stieg spürbar an, die große Auswanderungswelle ebbte ab. Doch es gab auch Schattenseiten. Echte demokratische Rechte blieben den Deutschen weitgehend verwehrt, Frauen waren nicht einmal wahlberechtigt. Sozialdemokratie und Gewerkschaften wurden unterdrückt, Nationalismus und Militarismus wurden verherrlicht. Besonders der Bundesstaat Preußen, zu dem auch Lingen und das Emsland gehörten, galt als Musterbeispiel eines Obrigkeitsstaates.

Die Kirche und das religiöse Leben hatten zu Kaisers Zeiten einen hohen Stellenwert. Im sogenannten „Preußischen Kulturkampf“ entluden sich die Spannungen zwischen dem protestantischen Staat und der katholischen Kirche. Katholiken waren in Preußen lange Zeit nur Bürger zweiter Klasse. Doch in vielen Gebieten bildeten sie die Bevölkerungsmehrheit. Sie formierten sich in der Zentrumspartei sowie in katholischen Vereinen und Verbänden für alle „Stände“: Mütter und Jungfrauen, Handwerker und Kaufleute, Arbeiter und Bauern. In Lingen war besonders der Kolpingverband aktiv, auch im Bereich von Musik- und Theateraufführungen. Von evangelischer Seite gab es, quasi als Gegenstück, einen „Arbeiter-Bildungsverein“. Auch viele Freizeitvereine wurden damals gegründet: Chöre, Musikvereine, Kegelclubs und die ersten Sportvereine. Das Vereinswesen blühte in allen Bereichen.

Auch im Lingener Stadtbild gab es damals mancherlei Veränderungen. Die Bonifatiuskirche erhielt ihren hohen Turm und setzte damit eine weithin sichtbare Landmarke, die selbst die Schornsteine der Industriebetriebe überragte. Viele traditionelle Fachwerkhäuser wurden durch stattliche Neubauten im „Zuckerbäckerstil“ des Kaiserreiches ersetzt. Viele dieser Fassaden prägen heute noch das Stadtbild und sind damit wichtige Zeugnisse eine Epoche, die heute schon über ein Jahrhundert zurückliegt.

Die etwa einstündige Präsentation beginnt am Mittwoch  um 16 und um 19.30 Uhr. Eintritt: 5 Euro, Heimatvereinsmitglieder 3 Euro. Eine Voranmeldung ist nicht erforderlich.

Versachlichung

27. Januar 2019

Ein aktueller, lokaler E-Mail-Dialog . 

Christoph F. schreibt am Montag, 21.01. um 11.27 Uhr diese E-Mail an die Lokalzeitung

Sehr geehrte Damen und Herren,

anliegend überreiche ich einen Leserbrief mit der Bitte um kurzfristige Veröffentlichung.

Mit freundlichen Grüßen

Christoph F,

Der beigefügte Text lautet:

Ein Beirat, der nichts zu sagen hat

„Der wissenschaftliche Beirat begleitet die wissenschaftliche Arbeit des Museums und gibt Empfehlungen in Angelegenheiten von grundsätzlicher wissenschaftlicher Bedeutung.“ So lautet die Aufgabenstellung des Wissenschaftlichen Beirates des Deutschen Museums in München. Es handelt sich um ein Gremium mit rein beratender Funktion. Der Beirat verfügt über keinerlei Entscheidungskompetenz.

Nun möchte der Lingener Bauunternehmer Heinrich Liesen auch hier einen Beirat für sein Rosemeyer-Beinhorn Museum etablieren.

Während bei öffentlich-rechtlichen Museen der Beirat regelmäßig durch den Verwaltungsrat gewählt wird, bestimmt in Lingen allein der Unternehmer Heinrich Liesen, wer in den Beirat berufen wird. Zu sagen hat der natürlich nichts. Er soll aber durch die in ihm vertretenen Personen die Reputation des Museums erhöhen und etwaige Kritiker zum Schweigen bringen.

Heinrich Liesen und sein Haus- und Hof Historiker  Bernd Walter wollen – wie aus gut unterrichteter Quelle verlautet – folgende Personen für ihren hauseigenen Beirat anheuern:

Dr. Andrea Kaltofen, die auch Mitglied des Beirats der Gedenkstätte Esterwegen ist (Liesen: „Es wäre gut, wenn sie für das Museum gewonnen werden könnte“)

Heiner Schüpp vom Kreisarchiv Emsland. Dieser Personalvorschlag ist besonders pikant, weil Schüpp gleichzeitig Vorstandsmitglied beim Forum Juden-Christen ist, das sich bekanntlich klar gegen das Museum positioniert hat.

Prof. Thamer von der Uni Münster (Herr Liesen meint, er sei an der Uni Osnabrück), der „großes Ansehen“ genießt und sich für die Umbenennung des Münsteraner Hindenburgplatzes einsetzte.

Weiter angeworben werden sollen das Stadtarchiv Lingen, das Emsland-Museum, der Heimatverein „wg. des Auftrags der schulischen Bildung“, last but not least „und vor allen Dingen Dr. Remling“ sowie Prof. Dr. Malte Thießen, der Walters Nachfolger als Leiter des LWL-Instituts für westfälische Regionalgeschichte ist und Prof. Dr. Alfons Kenkmann aus Leipzig.

Wie letzten Endes auch ein solcher Beirat zusammengesetzt sein mag: Die Mitglieder müssen sich darüber im Klaren sein, dass sie eine reine Alibi-Funktion wahrnehmen und dass letzten Endes nur einer bestimmt, was im Museum geschieht: Heinrich Liesen!

Dr. Christoph F

Thomas P., Chef der Lingener Tagespost, antwortete am Freitag, 25.01.2019 um 11.29 Uhr mit dieser E-Mail:

Lieber Herr F…,

wir haben entschieden, den Leserbrief nicht zu veröffentlichen, weil er unseres Erachtens inhaltlich nicht zu einer Versachlichung des ohnehin von beiden Seiten – Befürwortern wie Gegnern – aufgeladenen Themas beiträgt. Eine Versachlichung sollte aber im Interesse der Leser unbedingt das Ziel sein. Ob dies am Ende nur ein „frommer Wunsch“ meinerseits ist, wird das Jahr 2019 noch zeigen.

Viele Grüße,

Thomas P…

uodate:
Christoph F. antwortet am Samstag, 26.01.2019 um 10.39 Uhr mit dieser E-Mail an Thomas P.

Lieber Herr Pertz,

manchmal geht ja mein Temperament mit mir durch, allerdings in diesem Falle kann ich nicht erkennen, wo ich unsachlich oder unhöflich gewesen wäre. Bitte helfen Sie mir: Ich lasse mich gern belehren!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Christoph F

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Kein Kommentar

-.-.-.

100 Jahre Frauenwahlrecht

15. Januar 2019

Als sich Frauen in Deutschland im November 1918 das passive und aktive Wahlrecht erkämpfen, lagen hinter ihnen jahrzehntelange Kämpfe gegen immense Widerstände. Auch 100 Jahre nach der neu erworbenen politischen Ermächtigung sind engagierten Frauen solche Auseinandersetzungen bis heute nicht fremd. Am 19. Januar 1919 wählen in Deutschland Frauen zum ersten Mal: Die Nationalversammlung.

Übrigens: Ist es nicht typisch für unsere traditionell wenig fortschrittliche Region, dass es in Lingen(Ems) und Umland keine Erinnerung an diesen 19. Januar 1919 gibt, an dem Frauen erstmals wählten? Wie es leider auch kein Gedenken an die Gründung des SPD-Wahlvereins in Lingen am 2. Dezember 1918 gab…

Taschenlampenführung

3. Januar 2019

Taschenlampenführung
Lingen (Ems) – Emslandmuseum,  Burgstraße 0b
Samstag, 5. Januar 2019 – 16.30 Uhr
Eintritt: 4 €
Wegen der begrenzte Teilnehmerzahl wird um telefonische Voranmeldung gebeten:0591 47601
Ich habe das kleine Eereignis umbenannt. Denn eine Versnattlunvom 16.30 Uhr bisirgendetwas um 19.00 Uhr ist keine „Nacht im Museum“. Also, es geht hierum:

„Es ist schon ein besonderes Erlebnis, wenn das Emslandmuseum am 5.Januar (Samstag, 16.30 Uhr) zu einer Taschenlampenführung in das alte Kutscherhaus einlädt. Unter dem Thema „Nachts im Museum“ werden die historischen Schätze dabei in geheimnisvoller Atmosphäre speziell für Kinder ab 6 Jahren präsentiert. Eltern oder Großeltern dürfen mitgebracht werden. Denn noch ist die richtige Jahreszeit, an einem späten Nachmittag das Museum in der Dunkelheit zu erleben.

Gibt es denn in dem kleinen Kutscherhaus so viel zu Spannendes zu entdecken? Das werden die Museumsleute oft gefragt. Doch die Schätze in diesem fast 300 Jahre alten Fachwerkhaus sind ebenso umfangreich wie geheimnisvoll. Und bei der Taschenlampenführung präsentieren sie sich in flackerndem Kerzenschein, ganz wie vor vielen hundert Jahren. So können die Besucher mit allen Sinnen eintauchen in die Stimmung einer längst vergangenen Welt voller Geheimnisse und Mythen. Die knarrenden Balken und die knackenden Fußböden des uralten Fachwerkhauses tragen auf ihre Weise zur besonderen Stimmung bei. Im Schein des Kerzenlichtes werfen die Exponate lange Schatten, die über die Wände der Räume huschen. Im Strahl der Taschenlampen glitzern und funkeln die alten Gegenstände. Nur im Lichtkegel lassen sich die auf den ersten Blick manchmal eher unscheinbaren Dinge genauer betrachten und werden so auf ganz besondere Weise in den Fokus gerückt.

Plötzlich blickt man in ein Gesicht – meist ist es ein Porträt auf einem alten Gemälde. Aber hat es nicht gerade mit den Augen geblinzelt? Und sehen die Räume im Kutscherhaus nicht so wohnlich aus, als hätten die einstigen Besucher sie gerade erst verlassen? So wird der Museumsbesuch zum kleinen Abenteuer in der Dunkelheit, besonders für die jüngeren Teilnehmer. Sie können hier 90 Minuten lang die Ausstellung einmal auf eine ganz besondere und spannende Weise kennenlernen.
(Foto Historischer Gartenmauer am Kutscherhaus @milanpaul via flickr)