1901

1. März 2021

Auch gewusst?

Centrum ist eine alte Schreibweise von Zentrum. Sie ist seit den Beschlüssen der Orthographischen Konferenz von 1901 nicht mehr korrekt. Anders ist dies allerdings in unserer kleinen Stadt im Nordwesten. Da ist zwar inzwischen nach langen Jahren hartnäckigen Beharrens unserer Stadtverwaltung das Wort Jnnenstadt (mit Jot) auf vielen Wegweisern endlich überwunden.

Doch jetzt fahren Radfahrer eben ins Centrum. Wie bis 1901.. 😜

Wasserstoff, grün

28. Februar 2021

Ende Januar warb der große deutsche Energiekonzern E.ON in einer Pressemitteilung dafür, mit grünem Wasserstoff zu heizen – das sei der kostengünstigste und sozial ausgewogenste Weg zum Klimaschutz bei der Wärmeversorgung, habe eine Studie ergeben (die E.ON praktischerweise gleich selbst durchgeführt hat). Mit grünem Wasserstoff könne man energetische Sanierungen und die damit verbundenen Mietsteigerungen vermeiden. Schön für den Versorger, weil er so seinem Geschäft mit dem Transport und Vertrieb von Brennstoffen für den Heizungskeller eine Zukunft geben kann.

Auch in anderen Branchen setzen Akteure auf grünen Wasserstoff, um ihre bestehenden Geschäftsmodelle zu sichern. Die Autoindustrie zum Beispiel, die so den Verbrennungsmotor retten will (und damit bei der Bundesregierung sperrangelweit offene Ohren findet, wie die jüngsten Beschlüsse zur Umsetzung der europäischen Erneuerbare-Energien-Richtlinie RED II zeigen).

Und auch auf den politischen Ebenen -ganz besonders im südliche Emsland um Lingen herum- überschlägt man sich mit der PR für all den grünen Wasserstoff, der in Zukunft alle Probleme lösen wird. Nun, all das schient bei näherem Hinsehen ausgesprochen naiv.

Im Spiegel hat Wissenschaftsredakteur Kurt Stukenberg darüber geschrieben, dass der überall gehypte, „breite“ Einsatz von Wasserstoff ein Irrweg ist. Wasserstoff ist mitnichten Allheilmittel für den Klimaschutz. Bei dessen Erzeugung geht nämlich viel Energie verloren. Das macht ihn zum einen sehr teuer. Vor allem aber benötigt man enorme Mengen an Ökostrom, um nennenswerte Volumina an Wasserstoff zu produzieren.

Schon heute, so Stukenberg, reichen die anvisierten Erneuerbare-Ausbaupfade bei Weitem nicht aus, um die Ziele für 2030 zu erreichen.

„Wer von Wasserstoff träumt, muss in erneuerbare Energien investieren und deutlich schneller ausbauen als bisher“,

zitiert er Claudia Kemfert vom wahrlich nicht progressiven Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Wo immer möglich, sollte der Ökostrom direkt genutzt werden, statt den Umweg über Wasserstoff zu gehen. Das vermeidet die hohen Effizienzverluste. Also: Elektroautos statt Benziner mit synthetischem Kraftstoffe im Tank. Und Wärmepumpen statt Wasserstoff im Heizkessel. Der Wasserstoff sollte denjenigen Anwendungen vorbehalten bleiben, die sich nicht elektrifizieren lassen, der Stahlindustrie zum Beispiel oder dem Flug- und Schiffsverkehr.

Alles weitere dazu findet sich hier im SPIEGEL, den man tatsächlich bisweilen noch lesen kann und auch muss, um manch euphorischen Jublern nicht auf den Leim zu gehen.

ps Bei uns in Lingen soll eine dutzende Meter breite Strom-Schneise von der A 31 nördlich Wietmarschen-Lohne quer durch die Wälder im Lohner Sand und der nördlichen Elberger Schlipse geschlagen werden, um dann den Bereich östlich der Bahnstrecke in Darme zu erreichen und den dortigen Endmoränen den Garaus zu machen. Auf vielen Hektar zwischen Bundesbahnstrecke und Bärlocjer Chemie soll eine für den grünen Wasserstoff notwendige Konverterstation entstehen, plant Amprion. Vielleicht sollten auf die ökologischen Kosten genauer geachtet werden?


Grafik burlesonmatthew auf pixabay
Quelle Ralph Diermann auf piqd

Vergangenen Montag meldete die Lingener Tagespost:

„Die Freiwillige Feuerwehr Lingen ist am Montag, 22. Februar, gegen 11.30 Uhr zum Zwischenlager beim Kernkraftwerk Emsland in Lingen ausgerückt. Alarmiert wurden die Einsatzkräfte durch die Brandmeldeanlage.
Dort angekommen, stellten die Einsatzkräfte fest, dass es nicht brannte. Ein Sprecher der bundeseigenen Gesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ), die das Zwischenlager seit dem 1. Januar 2019 betreibt, erklärte, dass es sich um einen klassischen Fehlalarm gehandelt habe.“

Dazu gibt es hier eine Premiere in diesem Blog: Der Leserbrief, den Alexander Vent an die Lingener Tagespost geschrieben hat, hier ohne weiteren Kommentar. Die Fragen sind nötig. Wann kommt die Antwort?

„Feueralarm im Lingener Atommüll-Lager! Die Feuerwehr rückt aus und stellt vor Ort fest, dass es gar nicht brannte. Ein ,klassischer Fehlalarm‘, so nennt es die Betreiberin, und wir sind beruhigt, weil nichts Schlimmes passiert ist und alles so gut funktioniert hat.

Und doch tun sich zwischen den Zeilen Fragen auf: Warum hat erst die Feuerwehr nach ihrem Eintreffen festgestellt, dass es sich um einen Fehlalarm handelte? Ist denn da sonst niemand auf dem Gelände, der das hochgradig radioaktiv strahlende und Hitze entwickelnde Inventar überwacht?

Gibt es außer diesem einen, offenbar defekten Brandmelder keine weitere technische Kontrolle der Atomanlage?

Wird ein Brandmelder, der Feuer meldet, wo keines ist, denn wohl Alarm auslösen, wenn es wirklich mal brennt?

Wie kann es überhaupt sein, dass das Brandmeldesystem im Lingener Atommüll-Lager defekt ist? Wird es nicht regelmäßig überprüft?

Ich gebe zu: Die Brandmelder bei mir zu Hause schlagen auch manchmal grundlos Alarm. Aber das ist für mich okay, die haben nur 20 Euro gekostet, ich habe mehrere davon installiert, und wir haben keinen hochgefährlichen Atommüll im Haus.

Für die Atomanlage in Lingen-Darme ist das absolut nicht okay. Nach diesem Fehlalarm sollte die Betreiberin in höchstem Maße alarmiert sein, und es bleibt zu hoffen, dass das Sicherheitssystem jetzt umgehend überprüft und ausgebessert wird, denn ein Ende dieser ,Zwischen‘-Lagerung ist noch lange nicht in Sicht – und die Castoren werden mit Ablauf ihrer Zulassungsdauer von 40 Jahren garantiert nicht sicherer.“
Alexander Vent, Lingen

Eine wichtige Frage hintendran:
Was geht wohl in den Köpfen der eingesetzten Feuerwehrleute vor, die zu einem Einsatz in das Brennelemente-Zwischenlager alarmiert sind, weil es dort brennen soll?


Foto: CC s. Archiv v. 09.02.2020

Großbaustelle

22. Februar 2021

Wie gut muss es uns doch gehen, wenn in Lingen solche Großbaustellen so zielgenau und entschlossen bewältigt werden!

Im September vergangenen Jahres fuhr ein Kfz gegen die Laterne vor dem Fachwerkhaus Hellmann in der Burgstraße. Und, was soll ich sagen, knapp sechs Monate später ist jetzt Ersatz da.

Also jedenfalls fast! Denn das Leuchtmittel fehlt noch und der Kandelaber drum rum auch. Aber wir sind ja nicht verwöhnt.

Heute beginnt übrigens eine weitere, angeblich 6wöchige Baustelle für die Erneuerung von etwas Bundesstraße in Darme. Auch das lässt mich in Ehrfurcht innehalten und der Leserschaft einen schönen Zeitlupen-Montag wünschen.

17 Wanderwege

21. Februar 2021

17 Wanderwege, pardon 17 „coronakonforme Wanderwege“  im ganzen Emsland präsentieren die Lingener Tagespost und die anderen beiden Emslandausgaben der NOZ gerade: „Wir haben die Wanderschuhe angezogen, die Videoausrüstung geschultert und uns mit Bernward Rusche getroffen, Wanderexperte des Naturschutzbundes (Nabu) Emsland Süd, schreiben die Lokalzeitungen. Das Ergebnis ist eine Sammlung von attraktiven Wanderungen und Spazierrouten in Text, Bild und Video.

„Los geht es mit unserem Spaziergang durch den Lohner Sand in Lingen-Schepsdorf. Bernward Rusche teilt sein Wissen über den Naturerlebnispfad mit uns, denn der ehemalige Truppenübungsplatz der Bundeswehr beherbergt allerhand Überraschungen für Naturfreunde.“

Ausgangspunkt: Parken rechts an der K34 (Straße von Schepsdorf nach Nordlohne) beim Abzweig nach Rheitlage am Waldrand.

Die Spaziergänger queren die Straße und gehen vor der Holzhütte rechts in den Wald. Sie kommen dann auf der Freifläche an die Station 8 des Naturlehrpfades (Ziegenmelker). Dann den Pfad über die Stationen 9 bis 12 folgen bis zum Aussichtsturm und von dort geht es zur Station 1 (Übersicht und Zeitreise). Schließlich geht es dann an Station 2 vorbei zurück zum Ausgangspunkt. Das sind etwa 3 Kilometer und wer möchte, kann den Weg über das südlich gelegene Dünengebiet gerne „ausweiten“ oder bei Station 1 einen Abstecher zum Bienenstand machen.

Übrigens: Wer beim Vogelquiz auf Anhieb alles richtig gemacht hat, bekommt vom Nabu einen schönen Aufkleber…“

Für Mehr bitte den Tweet anklicken:

 

 

Grüner Radiopunkt

16. Februar 2021

Vorgestern war „World Radio Day“ und dazu fand ich dieses wunderbare Internetding. Jede Radiostation ist ein grüner Punkt, den man anklicken und dann hören kann. Mit dabei: Die Ems-Vechte-Welle in unserer Stadt. Geht mal auf die Klicktour.

Bestimmt!

15. Februar 2021

Das wussten Sie bestimmt noch nicht: Aber in unserer Stadt gibt es „Sportförderrichtlinien„. Penibel regeln sie, wonach sie benannt sind: Die Förderung des organisierten Sports durch die Stadt Lingen (Ems). Dabei geht das nicht immer gleich zu. Das konnte man am vergangenen Mittwoch sehen, als der städtische Sportausschuss tagte. Denn noch versteckter in den Richtlinien sind die Traditionsveranstaltungen aufgeführt, die seit einigen Jahren regelmäßig stattfinden und als besonders förderungswürdig erachtet werden. Unter Textziffer 7.3.3. werden als Traditionsveranstaltungen eingestuft und mit unerhörten 600,- Euro gefördert:

• SV Olympia Laxten e.V., Internat. A-Jugend-Fußballturnier
• Reit- und Fahrverein Lingen, ein überregionales Reitturnier
• TC Blau-Weiß Lingen, Offenes Einladungstennisturnier
• VFL Lingen, Lingener Citylauf
• VfB Lingen, Internationales E-Jugendturnier
• Handballclub Lingen e.V., LIN-Cup
• Lingener Rudergesellschaft von 1923 e.V., Drachenboot-Cup
• SuS Darme e. V., Badminton-Turnier am 03.10. eines Jahres
• Fußballstadtmeisterschaft der Damen
• Schachverein Lingen e. V., Ems-Vechte-Cup

Sportbegeisterte Leser dieses kleinen Blogs werden alle diese Veranstaltungen kennen. Bestimmt!

Nun hat es seit 1990 alljährlich durch den TuS Lingen (und nach dessen Insolvenz auch durch den Nachfolger RB Lingen) zu jedem Jahresende in der Kiesberghalle einen Hallencup im Fußball gegeben, der meist den Namen einer sponsorenden Getränkesorte trug wie Vitamalz, Kronsberg oder jetzt auch Veltins. Stets war er ordentlich besucht und neben den 9 Lingener Fußballvereinen kamen auch 7 aus der Region. Daher meinte der ausrichtende Verein jetzt, man könne doch nach 35 Jahren beantragen, diese Veranstaltung genauso wie den seit wenigen Jahren durchgeführten Drachenbootcup, das Darmer Badminton-Turnier, den „Ems-Vechte-Cup“ der (nicht-olympischen) Schachspieler und die Fußballstadtmeisterschaft der Damen nach den „Sportförderrichtlinien“ auch als Lingener Traditionsveranstaltung einzustufen.

2015

Da aber hatten sie die Rechnung ohne die CDU gemacht. Die lehnte in der vergangenen Woche den TuS-Antrag ab. Eine Begründung gab es nicht. In der entsprechenden Verwaltungsvorlage steht wenig mehr. Vor allem macht sie nicht deutlich, wo eigentlich der Unterschied des Veltins-Cup zum Citylauf des VfLDrachenbootregatta oder der Lingener Fußballstadtmeisterschaft der Frauen liegt.

Das Nein verstehe also, wer will. Der Blogbetreiber versteht es nicht. Noch in der Sitzung habe ich daher angekündigt, den Aufnahmeantrag im letztlich zuständigen Rat zu wiederholen. SPD und Grüne, die genauso verdutzt guckten wie ich, werden diesen Antrag unterstützen. Ein wenig bin ich gespannt, wie weit die traditionelle Abneigung der CDU und des Oberbürgermeisters gegen den TuS noch geht, den sie vor fünf Jahren in die Insolvenz fallen ließen, wo doch eine Bürgschaft ausgereicht hätte, den mehr als 100 Jahre alten Verein zu retten…

-.-.-

 

mdrza

14. Februar 2021

Die Aktion #mdrza, also „Mit dem Rad zur Arbeit“, ist eine AOK-Mitmachaktion in Kooperation mit dem ADFC und wird seit 2003 bundesweit veranstaltet. Die Hauptaktion startet auch in diesem Jahr wieder ab dem 01. Mai – für die Ankündigung des Wintergewinnspiels heißt es jedoch aktuell:

Das Rad ist nicht nur eine klimafreundliche sondern auch eine überaus gesunde Option für den Arbeitsweg. Hinzu kommt, dass es im Nahbereich sogar oft dabei gleichzeitig die schnellere Alternative zum Auto oder den Öffentlichen darstellt.
Dennoch wird es häufig unterschätzt und hat bei Unternehmen manchmal noch einen eher geringen Stellenwert, z.B. gegenüber Autos. Und das, obwohl Aktivitäten zur Fahrradförderung auch den Unternehmen viele Vorteile einbringen, auch und nicht zuletzt in Sachen Attraktivität als Arbeitgeber und der Gesundheit der Mitarbeitenden.
Unternehmen im Fokus
Konkrete Verbesserungs-Tipps und Wegweiser für Unternehmen wird daher ein Schwerpunkt-Thema des kommenden Aktionsjahres sein. Folgerichtig dreht sich deshalb auch bereits das Vorabgewinnspiel um Fahrradfreundlichkeit im Betrieb.
Wir möchten von Ihnen wissen: Wie fördert Ihr Arbeitgeber heute bereits die Radnutzung im Kollegenkreis?
Und wenn Sie einen Wunsch an ihn frei hätten: Welcher wäre das?

Diese Frage übersetze ich mal an die Leserschaft dieses kleinen  Blogs:

Wie fördert Ihre Kommune heute bereits die Radnutzung?
Und wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Welcher wäre das?

Mein Wunsch wäre, dass nach Schneefall Fahrradwege und vor allem Fahrradstraßen (s.o.) genauso flott geräumt werden wie die Straßen für die Autos…

 

Gestern

12. Februar 2021

Gestern vor 75 Jahren stand die Lingener Innenstadt 1,5 m hoch unter Wasser. Am Wasserstraßenknotenpunkt Hanekenfähr südlich von Lingen hatte sich vor dem Emswehr und den Kanalschleusen eine riesige Flutwelle gestaut, die sich schließlich ihren

Weg in den Dortmund-Ems-Kanal bahnte. Dafür waren die Kanaldämme aber nicht ausgelegt. Der Wasserpegel im Kanal stieg rasch an. Und während sich bei Lingen die Rettungskräfte noch auf die Sicherung der Emsdeiche mit tausenden von Sandsäcken konzentrierten, geschah das Unerwartete im Rücken der Helfer: der hoch aufgeschüttete Kanaldamm brach in Richtung Lingen. Innerhalb kürzester Zeit stand die gesamte Innenstadt etwa 1,5 Meter unter Wasser. Weil keine Warnung erfolgt war, hatte niemand die Keller und Erdgeschosse geräumt. Die Schäden waren entsprechend hoch.

Auch in Meppen, wo die Flutwellen von Ems und Hase aufeinandertrafen, soff die gesamte Innenstadt ab. Nur der Hügel mit der Kirche ragte wie eine Hallig aus den Fluten. In Haren, damals Maczkow, überraschte das Hochwasser die polnische Besatzung der Stadt, die zunächst an einen Sabotageakt der Deutschen glaubte. Aber es war „nur“ eine Naturkatastrophe. Weiter nördlich ergossen sich die Fluten kilometerweit in die Flächen des nördlichen Emslandes und Ostfrieslands. Das Wasser stand hier nicht so hoch, wollte dafür aber wochenlang nicht ablaufen, während weiter südlich die Welle rasch abflachte und das Wasser sich wieder zurückzog. Schnell wurde das Ausmaß der Schäden sichtbar, denn es war ja kein sauberes Quellwasser, das sich dort in Keller und Wohnräume, Geschäfte und Betriebe ergoss, sondern eine stinkende Brühe mit viel Schlamm und Gefahrenstoffen.

Trotz aller Schrecken markierte das Februarhochwasser 1946 einen ersten Wendepunkt in der Nachkriegszeit. Die britischen Besatzungsbehörden traten zum ersten Mal in einer großen Aktion als Helfer auf, retteten Menschen aus den Fluten und versorgten die Eingeschlossenen in ihren Häusern. Der frühere Feind übernahm die Verantwortung für die Bevölkerung in seiner Besatzungszone. Britisches Militär und deutsche Hilfskräfte arbeiteten angesichts der Katastrophe Hand in Hand.

Im Rückblick der Zeitzeugen bildet das Hochwasser von 1946 daher eine wichtige Erinnerungsmarke. Schon fünf Jahre nach der Katastrophe erschienen in den Lokalzeitungen die ersten Rückblicke, jedes weitere „runde Jubiläum“ wurde von Zeitzeugenberichten und Zeitungsbeiträgen begleitet. 50 Jahre nach dem Hochwasser erinnerten 1996 eine große Wanderausstellung, zahlreiche Aufsätze und ein eigenes Erinnerungsbuch an das katastrophale Ereignis.

75 Jahre nach der großen Flut stehen heute nur noch wenige Zeitzeugen zur Verfügung, etwa Karl-Ludwig Galle aus Nordhorn, der als 18jähriger mit seinem Faltboot durch die überfluteten Straßen von Lingen paddelte. Am alten Rathaus findet sich eine Wandplatte mit der damaligen Hochwassermarke; die allerdings war höher. der Marktplatz ist in den letzten 75 Jahren reichlich aufgepflastert worden.

Was bleibt nach 75 Jahren von der großen Naturkatastrophe? Zum einen die Hochwassermarken an einigen Rathäusern und Brücken, die an einem friedlichen Sommertag an der Ems unglaublich erscheinen. Dann die Fotos und Berichte der Zeitzeugen. Und all diese Zeugnisse erinnern daran, dass ein Jahrhunderthochwasser an der Ems sich jederzeit wiederholen kann.

(Text: Andreas Eiynck; Foto oben Marktplatz, unten Große Straße)

Handwagen

9. Februar 2021

Wieder einmal glänzt das Blog des Lingener Emslandmuseums mit besonders Aufschlussreichem, dieses Mal zu „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland – ein denkwürdiges Jubiläum. Es hat etwas Paradoxes, doch das schadet nicht. Warum paradox? Vor 1700 Jahren gab es zwar zweifellos schon Juden, aber noch keine Deutschen und kein Deutschland. Es gab vielleicht Germanen – jedenfalls gab es Leute, die von anderen als solche bezeichnet wurden. Aber das waren keine Deutschen und schon gar keine Christen. Zu sagen hatten sie auch nichts, denn große Teile des heutigen Deutschlands waren damals eine römische Provinz. Darum war es auch der römische Kaiser Konstantin, der im Jahr 321 in einem Schreiben zum ersten Mal eine jüdische Gemeinde in Köln erwähnt, einer Stadt, die bekanntlich von den Römern gegründet wurde….

Die ersten jüdischen Stücke, die ich 1988 in Lingen entdeckte, war zwei Sabbatlampen aus dem 18. Jahrhundert. Sie hingen als Flurbeleuchtung bei zwei alten Damen im Strootgebiet. Eine der beiden war früher Haushälterin bei dem Lingener Kunstsammler, Carl Johannsen, gewesen. Sie hatte die beiden Lampen nach seinem Tod unerkannt geerbt und nichtsahnend als Flurleuchten eingebaut. Sollte der gute alte Carl Johannsen 1938 etwa… – hat er nicht! Denn schon 10 Jahre vorher, bei der Heimatschau der Kivelinge 1928, waren seine beiden „siebenstrahligen Schabbeslampen“ zum 650sten Stadtjubiläum als Zeugnisse der Lingener Geschichte ausgestellt. Ob sie bei der Wiederholung dieser Schau 1937 auch noch ausgestellt waren?

Besomimdose für die Sabbatfeier, aus einer Lingener jüdischen Familie

An dunkle Zeiten erinnert eine silberne jüdische Gewürzdose im Museum. Wir erhielten sie 1989 von einem früheren Lingener Arzt. Einer seiner Patienten hatte seine Arztrechnung damit bezahlt. Später hat ein anderer Patient dem Arzt erzählt, dass er diesen Mann am Abend des 9. November 1938 mit einem Handwagen voller Wertsachen aus den geplünderten jüdischen Haushalten nach Hause fahren sah.

Später einmal kam eine Lehrerin mit einer Schulklasse in die jüdische Schule. Sie sah dort eine ähnliche Silberdose und fragte ahnungslos, was das denn wohl sei, so etwas habe sie nämlich auch zuhause, ebenfalls aus Silber, von ihren Eltern geerbt. Aber die waren keine Juden. Auch nicht heimlich. Bei Nachfrage stellte sich nämlich heraus: die Lehrerin war die Tochter jenes Mannes mit dem Handwagen….“

(von Andreas Eiynck, Quelle: Emslandmuseum Lingen, mehr)