steigende Zahl

26. November 2020

Die taz fordert, den CoViD-19-Toten ein Gesicht zu geben. Sie beklagt die steigende Zahl an Corona-Toten: Zuletzt sind in Deutschland mehr als 400 Menschen innerhalb eines Tages an CoViD-19 gestorben. Die taz fragt: „Woran liegt es, dass niemand ihre Geschichten erzählt?

Allein in Deutschland gab es am Dienstag 410 Coronatote. Das ist die höchste Todeszahl seit Beginn der Coronakrise. Doch die Zahl ist alles andere als eine statistische Spitze. Am Vortag waren 259 Tote im Zusammenhang mit dem Coronavirus zu beklagen, davor waren es 90, 138 und 254 Tote. Es ist, als würde jeden Tag ein Flugzeug über Deutschland abstürzen und alle Passagiere kämen um.

Doch anders als bei Flugzeugabstürzen pilgern keine Betroffenen zur Absturzstelle. Es gibt keine organisierten Trauerstunden, keine Schweigeminuten oder Gedenkgottesdienste. Medien erzählen keine Geschichten der Toten, geben ihnen kein Gesicht. Viele Medien melden nicht einmal täglich die Todeszahlen – anders als die Zahl der an Corona neu infizierten Menschen. Gleichgültigkeit? Oder Gewöhnung?

Oder liegt es daran, dass man sich an Toten, anders als an Infizierten, nicht mehr selbst anstecken kann? Liegt es daran, dass die Menschen nicht alle am gleichen Ort zu Tode kommen? Man muss lange auf den Seiten des Robert-Koch-Instituts suchen, um Angaben zu finden, welche Gruppen unter den bislang fast 15.000 Coronatoten stärker vertreten sind. 85 Prozent von ihnen sind älter als 70 Jahre. Viele lebten in Großstädten. Unter den Bundesländern verzeichnet Bayern mit 3.500 die meisten Coronatoten. Eine Studie der Uni Bremen zeigt, dass rund die Hälfte der Toten zuletzt in Seniorenheimen gelebt hat. Das heißt auch, sie hatten eher wenige soziale Kontakte. Ist das ein Grund für die Gleichgültigkeit?

Zu Beginn der Coronakrise haben Medien durchaus gemeldet, dass Deutschland im Verhältnis zu anderen Staaten äußerst geringe Todeszahlen hatte – und nach Erklärungen dafür gesucht. Inzwischen sind die Todeszahlen hier in der weltweiten Normalität angekommen, falls man es „Normalität“ nennen darf. Nimmt man die Zahl der in den letzten sieben Tagen neu an Sars-CoV-2 infizierten Menschen, liegt Deutschland in absoluten Zahlen weltweit auf Platz 9. Bei der Zahl der Toten ist es Platz 11. Aber niemand erzählt bisher ihre Geschichten.“

Danke, taz, für diesen Beitrag. Im Frühsommer hat DIE ZEIT ein Dossier über Corona-Opfer  veröffentlicht, in dem sie das Leben an CoViD-19 Verstorbener, auch des Rheiner Autokaufmann Andreas Senger, nachzeichnete. Meine erste Bitte damals und dann nochmal geäußerte Bitte an den Chef der „Lingener Tagespost“, gleiches zu tun, blieb unbeantwortet. Man kann das aber nachholen, Thomas Pertz…

komplexes Thema

21. November 2020

Wir müssen noch einmal über die lokale Sicherheitskultur sprechen, die seit einigen Wochen in Form eines Polizeicontainers auf dem Marktplatz demonstriert wird.

Eigentlich sollte dieser Polizei-Container gar nicht unbedingt auf Lingens beschaulichen Marktplatz. Die Polizei soll, sagt meine Quelle, mit diesem zentralen Ort für ihren Container gar nicht geliebäugelt haben. Sie wollte -angesichts der Corona-Maßnahmen und der lokalen Feier-Szene- nur im Zentrum präsent sein. Den Container-Standort mitten auf dem Markt habe dann OB Dieter Krone aber selbst festgelegt – übrigens ohne irgendein Ratsgremium zu beteiligen. Wie immer öfter, hat er wohl nur die CDU-Spitzen von seiner Entscheidung informiert. Unter keinem (!) seiner Vorgänger hätte es so einen Alleingang gegeben.

In der abgelaufenen Woche versuchte die lokale CDU dann schon wieder, die sachliche Kritik an dem Bild, das unsere Stadt jetzt ihren Besuchern vermittelt, als unbegründet darzustellen und Krone natürlich auch. Die CDU nutzte dazu eine Sitzung des stets nicht-öffentlich tagenden Verwaltungsausschusses der Stadt -bekanntlich nach dem Rat das höchste Beschlussgremium unserer Kommune. Die Container-Kritik deutete sie bewusst fälschlich zu einer Kritik an der Polizei um und behauptete außerdem, „alle Bürger“, mit denen sie gesprochen habe, hätten sich positiv geäußert. Man kümmere sich eben „auch um das subjektive Sicherheitsgefühl der Bürger“;  OB Krone stimmte dem zu.

Ich habe der Einschätzung widersprochen und darauf hingewiesen, dass es ohne jeden sachlichen Grund nicht richtig sei, unbegründete, subjektive Gefühle zum Maßstab einer solchen kommunalen Entscheidung zu machen und im konkreten Fall damit gar den gegenteiligen Effekt zu erzielen. Noch vor einem Monat habe die Polizei im Stadtrat bei der Vorstellung der Lingener Kriminalitätsstatistik objektiv eine sichere Stadt Lingen nachgewiesen. Dem laufe das jetzt erzeugte Bild völlig zuwider; es erzeuge bei den Menschen erst das, was es zu bekämpfen vorgebe: ein Unsicherheitsgefühl. Wer wolle sich schon in einem solchen, offenbar gefährlichen Stadtzentrum aufhalten oder unterwegs sein, wo man sogar einen Container aufstellt, damit die Polizei sofort eingreifen kann? Daher sei der Container für das Stadtzentrum einfach nur schädlich.

Eine höhere Polizeipräsenz und nicht einmal schwer bewaffnete Einsatzkräfte führen in der Tat gar nicht dazu, dass sich BürgerInnen sicherer fühlen. Das ist das Ergebnis einer Befragung von Besuchern des Weihnachtsmarkts am Berliner Breitscheidplatz Ende 2019, wie Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik ganz aktuell dem Tagesspiegel in einem Interview erklärte.

Entscheidend für das Sicherheitsempfinden sei vielmehr, ob der letzte Kontakt der Bürger mit der Polizei positiv oder negativ empfunden werde. Hatten Bürger also bei einer Polizei-Kontrolle oder auf einer Demonstration einen Kontakt mit Beamten, an sie sich im positiven erinnern, steigt auch ihr Sicherheitsgefühl, mit dem sie sich durch die Stadt bewegen.

„Man kann also nicht nur an der Stellschraube drehen, mit mehr Polizisten fühlen sich alle auf der Straße sicherer“, sagte Slowik zu der in Berlin erscheinenden Zeitung. „Das funktioniert so nicht.“ Auch die technische Ausstattung der Polizei spielt laut Berlins Polizeipräsidentin eine Rolle. Wenn Polizisten eine Maschinenpistole tragen, sinke die gefühlte Sicherheit. Die Menschen hätten dann den Eindruck, dass die Lage unsicher sei.

Berlins Polizeipräsidentin hatte in einem Interview mit „Zeit Online“ Ende 2018 erklärt, dass sie sich auch für die gefühlte Sicherheit der Bürger verantwortlich fühle. Sie sagte dem Tagesspiegel nun, dass die Polizei inzwischen untersuche, inwiefern Polizeipräsenz das Sicherheitsgefühl verändert. „Das ist ein sehr komplexes Thema.“

Und da sind wir neben dem vermittelten Unsicherheitsbild dann beispielsweise auch wieder bei diesen polizeilichen Abkassier-Fahrradkontrollen, bei denen beispielsweise auf völlig leeren sonntäglichen Straßen Radfahrer anhalten und wegen einer Ordnungswidrigkeit abkassieren, hinter ihnen herbrüllen, um sie zu stoppen, und ähnliches praktizieren, was Menschen bloß aus unserem Stadtzentrum vertreibt. Dies alles in seine undemokratischen „Ich-bin-OB-Entscheidungen“ einzubinden, ist aber wohl zu komplex für diesen ausgebildeten Musiklehrer…

 

ps Die Lingener Container-Wochen sind übrigens bis Weihnachten verlängert…

 

Nachtbürgermeister

21. November 2020

Es ist eine der grundlegenden Forderungen der in Normalzeiten von Feiertunkenen so geplagten Lingener Innenstadtbewohner/innen: Stellt bitte einen Nachtbürgermeiste ein, damit wir nicht schlaflos bleiben, weil andere (in Zeiten ohne Corona) nächtens Party machen! Nebenan in Osnabrück haben sich jetzt gerade 17 Frauen und Männer um den Posten des sog. Nachtbürgermeisters beworben. Dieser allerdings soll auch dafür sorgen, dass nach Corona das Nachtleben der Stadt wiederbelebt wird.

Unter den BewerberInnen seien Gastronomen, Clubbesitzer und Kaufleute, teilte das Osnabrücker Stadtmarketing mit. Geschäftsführer der Marketing Osnabrück Alexander Illenseer sagte, er sei sicher, dass ein passender Kandidat unter den Bewerbern ist. Eine Entscheidung, wer die Teilzeitstelle bekommt, wird wohl spätestens Anfang 2001 fallen.

Im September hatte der Rat der Stadt Osnabrück dem Pilotprojekt zugestimmt, Mitte November endete die Bewerbungsfrist. Die Stelle wird von der Stadt Osnabrück und der Wirtschaft bezahlt und zunächst auf zwei Jahre befristet. Der Nachtbürgermeister oder die Nachtbürgermeisterin wird die zentrale Anlaufstelle und Ansprechperson für Gastronomen, Veranstalter, Kulturschaffende, Anwohner, Politik und Verwaltung. „Es ist klar, dass in dem Bereich gerade besondere Unterstützung nötig ist. Sozusagen für die Nach-Corona-Zeit. Der Zeitpunkt ist also perfekt“, erklärte Illenseer.

Gänzlich neu ist der Ansatz nicht: 2018 hatte in Mannheim Deutschlands erster Nachtbürgermeister sein Amt angetreten. Hierzulande gibt es inzwischen auch in Heidelberg, Mainz und Berlin bereits welche. Bald auch in Lingen (Ems)?

Leserbrief etc.

19. November 2020

Ronny Knaak schreibt dazu, es sei „irgendein Leserbrief aus einem Printmedium“, wobei er „Covidioten nicht benutzen“ möge. Ich wohl, nachdem nahe an meinem Bekanntenkreis in den letzten 14 Tagen vier Menschen an CoViD-19 verstorben sind. Zwei davon am 6. November und damit einen Tag bevor Covidioten durch Leipzig hüpften und dabei „Eins-zwei-drei, Corona ist vorbei!“ riefen. Der Brief ist vom Volk und er ist vorbildlich.

 

 

 

Ach ja:

Nach einer ausgesprochen frustrierenden, dem OB geradezu abgetrotzten Debatte gestern im Verwaltungsausschuss (VA) unserer Stadt finde ich es skandalös, dass immer noch -nach acht Monaten Pandemie!-  täglich die Schulkinder in völlig überfüllten Schulbussen zusammengepfercht durch die Gegend zu ihren Schulen gefahren werden. Das beweist ein völliges Versagen der Verwaltungen in Stadt und Landkreis, die deutlich machen, wie gleichgültig ihnen der Schülertransport ist. Besonders unangenehm ist der übrigens für die Schüler aus dem Stadtteil Lingen-Bramsche, weil jetzt auch noch monatelang die B70 gesperrt ist und sie auf der Umleitung morgens und mittags bis zu einer dreiviertel Stunde in überfüllten Bussen unterwegs sind.

Doch dann hörte ich gestern, die Stadt sei nicht zuständig, so der OB dieser Stadt mit zartem Augenaufschlag (kann er am besten), und man habe das Problem nach dem VA vor zwei Wochen „bereits“ dem Landkreis mitgeteilt. Geändert hat sich natürlich nichts.

Ja, so wird es bestimmt klappen, mit dem schnellen Überwinden von Corona…

 

 

vergammelte

18. November 2020

Radfahrer sind in unserer Stadt nur akzeptiert, wenn sie sich mit dem bescheiden, was ihnen die Protagonisten des Autoverkehrs gönnen. Bei jedem kleinen und kleinsten Schritt zur Verbesserung des Radverkehrs muss daher gegen die Autofahrerlobby im Stadtrat angetreten werden. Die findet ihren Platz in der CDU-Ratsmehrheit ebenso wie in den Kreisen der SPD – von der Stadtverwaltung ganz zu schweigen. So zeigt sich schnell, wie wahr doch der Satz ist von dem Fortschritt, der eine Schnecke ist.

Gleichzeitig geschieht nicht viel, um die bestehenden Radwege zu erhalten. Es gibt dafür ein neues aktuelles Beispiel: Die  Fußgänger- und Radfahrerbrücke, die von der Straße Kokenmühle hinüber zum hist. Wasserturm und zur Schwedenschanze führt bzw.  zur Rheiner Straße abzweigt. Abgesehen davon, dass sie die Radfahrer sowohl auf der Schwedenschanze wie der Rheiner Straße auf die für sie falsche, linke Straßenseite führt, ist sie -zurückhaltend formuliert, in einem schlechten Zustand; deutlicher gesagt, ist ihr Zustand jämmerlich.

Dies Erkenntnis habe ich jetzt zum Anlass genommen, die Brücke genau zu inspizieren und dabei auf dieser Brücke die Kaputtleuchten zu zählen, die den städtischen Verantwortlichen seit Monaten nicht aufgefallen sind. Ergebnis: Insgesamt sind auf der kurzen Brücke aktuell 17 (!) kaputte Leuchten, die zuletzt vor 40 Jahren gestrichen wurden. Ich habe sie einzeln mit Paketband (gibt’s günstig bei Obi) kenntlich gemacht, um so für die  Reparatur etwas behilflich zu sein und zwar so: Ein Paketband eine kaputte Leuchte, zwei Paketbänder zwei kaputte Leuchten

Den schmierigen Dreck und die kaputte Fahrbahn habe ich nicht markiert, weil ich annehme, dass die Verantwortlichen das auch ohne Paketband sehen (können).

Jetzt bin ich gespannt, wie schnell es mit der Reparatur geht und wie lange es braucht, damit die Dinge auch sonst wieder in Ordnung gebracht werden. Zum Beispiel wäre es doch mehr als notwendig, wenn die vielfachst ausgebesserte Brückenfahrbahn wieder neu asphaltiert wird. Und wenn die Stadt schon dabei ist, sollte man die Abfahrten von der Brücke bitte so gestalten, dass man nicht links in der Schwedenschanze und links auf der Rheiner Straße landet.

Während übrigens jeden Tag hunderte Radfahrer- und Fußgänger diese vergammelnde Brücke im Stadtzentrum benutzen, entsteht gerade für Hunderttausende Euro eine Beleuchtung der alten B 70 zwischen der Altenlingener Kanalbrücke und dem Ortsteil Holthausen/Biene, damit die dort nicht sehr zahlreichen Radfahrer in StVO-widrig kurzer Distanz  zu den vorbeirasenden Kfz Licht von oben haben. Diese Beleuchtung kann man natürlich bauen, sie liegt aber angesichts des schlechten Zustandes der sonstigen Radwege in unserer Stadt so etwa an 300. Stelle der Prioritätenliste.

Dass die Schwedenschanze-Brücke vergammelt und stattdessen die Alte-B-70-Beleuchtung entsteht, liegt daran, dass sich die Ortsbürgermeister dieser Stadt auf die Alte-B-70-Beleuchtung geeinigt haben und dabei weder das Stadtzentrum noch die Stroot angehört wurden. Beide Stadtteile haben nämlich keinen solchen Ortsbürgermeister (m/w/d), der vielleicht auf die Schwedenschanze-Brücke hätte hinweisen können, die es viel nötiger hat. OrtsbürgermeisterInnen im alten Stadtgebiet durch neue Ortsräte zu ermöglichen, lehnt die CDU-Mehrheit nämlich ab; das ist einfach so, weil sie nicht riskieren möchte, einmal einen Ortsbürgermeister (m/w/d)  ohne CDU-Parteibuch zu bekommen. Übrigens, der sich  parteilos gebende, tatsächlich aber mehr als CDU-nahe Oberbürgermeister unserer Stadt will das auch nicht.

Also wird es wohl auch noch länger dauern, bis sich auf der Fußgänger- und Radfahrerbrücke Schwedenschanze wirklich etwas Substantielles tut oder auch beispielsweise 100m weiter an der Schwedenschanze, wo der rechte Radweg nach einer Mehrfamilienhaus-Baustelle kaputt fahren ist und bei Regenwetter nasse Füße garantiert.

(Fotos: privat)

 

Volkstrauertag

15. November 2020

Heute ist Volkstrauertag. Diesen stillen Gedenktag gibt es etwa 100 Jahre; ursprünglich gedachte man der getöteten deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs. Heutzutage hat sich das geändert: Am Volkstrauertag wird an die Toten beider Weltkriege sowie die Menschen erinnert, die unter Gewaltherrschaft Opfer ihrer Überzeugung oder ihres Glauben, ihrer Herkunft waren oder einem anderen Volk angehörten. 2020 prägt das  deutsch-britisches Gedenken den Tag. Prinz Charles spricht daher auf der Zentralen Gedenkstunde zum Volkstrauertag im Plenarsaal des Bundestages, die ab 13.30 Uhr  vom ZDF direkt übertragen wird.

Die kleine Gedenkveranstaltung in unserer Stadt beginnt bereits um 11.30 Uhr am Ehrenmal am Alten Friedhof – ohne deutsch-britische Bezüge und pandemiebedingt in kleinem Rahmen. Die Ansprache hält Pfarrer Thomas Burke (St. Bonifatius Gemeinde). Die musikalische Untermalung erfolgt durch Andreas Lögering (Trompete).

Der Gedenktag und seine Veranstaltungen sind übigens nicht, wie man meinen könnte, aus der Zeit gefallen. Das belegt diese Reportage, die die taz schon vor fünf Jahren veröffentlichte:

 

„Das letzte Laub glänzt an den Rebstöcken, der Himmel ist blau, hinten liegt das Dorf. „Wie Frühling“, sagt Walter Hoffmann, blinzelt in den Himmel und weist auf seinen Wein. „Hoffmann’s Tropfen“ steht auf dem Etikett. Der ehemalige Bürgermeister führt durch die Weinberge, seine und die der anderen aus Niederhorbach im Landkreis Südliche Weinstraße. Im Osten glitzert der Rhein, im Westen liegt der Pfälzer Wald. Zwischen sanfte Hügel schmiegt sich, wie in einem goldenen Bett, Niederhorbach, 800 Jahre alt, 500 Einwohner, kleine Höfe, viel Fachwerk. Ein lieblicher Ort. Angela Merkel wird trotzdem nicht kommen mit der Sammelbüchse in der Hand. Auch nicht Ursula von der Leyen oder Frank Walter Steinmeier. Und Joachim Gauck hat im vorigen Jahr bereits eine Absage geschickt.

„Ich habe mir über Jahre die Hacken abgelaufen“, erzählt Hoffmann und stampft über die Hauptstraße. Man kann sich gut vorstellen, wie der 67-Jährige, so wie jetzt, leicht nach vorn gebeugt, von Hof zu Hof gezogen ist, um für die Kriegsgräberfürsorge zu sammeln. Hoffmann stammt von hier. Er hat sich hochgearbeitet, vom Kleinbauernjungen zum Dozenten bei Siemens in Karlsruhe. Im Jahr 2010 wurde der Ruheständler zum Bürgermeister gewählt. Du hast doch jetzt Zeit, haben die Leute gesagt. Wenn Hoffmann in der Tür stand, haben sie das Portemonnaie aufgemacht.

Damit ist Schluss. [2014] hat dies der Gemeinderat einstimmig beschlossen. Und er hat eine Resolution verabschiedet. Sollen die Leute wissen, warum die Büchse nicht mehr rasselt. Nein, es geht nicht gegen den Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge, stellen die Volksvertreter klar. Die Arbeit gegen das Vergessen sei richtig und wichtig. Deswegen rufen sie die Einwohner auf, das Geld zu überweisen. Aber wenn „etliche Vertreter unserer großen Politik“ meinen, Deutschland müsse „mit Mann und Material an internationalen Brandherden mitzündeln“, dann sollen sie in Zukunft selbst die Häuser abklappern, stellten die Gemeinderäte klar.

Mehr noch: „Wenn im Militärhaushalt Geld ist, um in fremde Kriege zu ziehen, dann ist erst recht Geld da, vorhandene und zwangsläufig hinzukommende Gräber gefallener Soldaten zu pflegen.“ Und sie schließen: „Krieg geht von deutschem Boden aus, wenn deutsche Soldaten in die Kriege der Welt getrieben werden, und wenn die deutsche Rüstungsindustrie erfolgreich ihrem Bombengeschäft nachgeht.“ Die Resolution haben sie dann…“

[weiter bei der taz]

Eisenbahnausbesserungswerk

14. November 2020

Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war Deutschland eine Monarchie und die Eisenbahn war eine „königliche Eisenbahn“. Im November 1918 ging der deutsche Kaiser und König von Preußen, Wilhelm II., nach Holland ins Exil. Aus der „königlichen Hauptwerkstätte“ in Lingen wurde die „preußische Hauptwerkstätte“. 1920, vor genau einhundert Jahren, ging die Preußische Eisenbahn dann in der Deutschen Reichsbahn auf.

Eisenbahner im Ausbesserungswerk Lingen Anfang der 1920er-Jahre

Unmittelbar nach Kriegsende begann im Lingener eine kurze Blütezeit. Doch es war nur eine Scheinblüte. Der kriegsbedingte Reparaturrückstau an Dampfloks und Waggons musste dringend abgearbeitet werden. Als weitere Aufgabe kam bald die Aufarbeitung von Lokomotiven und Wagen für die Reparationsleistungen an Frankreich und Belgien hinzu. Die einstigen Kriegsgegner akzeptieren nur vollständig instandgesetzte und intakte Fahrzeuge. Möglich war dies nur durch die Einstellung von zusätzlichem Personal. 1919 erreichte die Beschäftigtenzahl mit 2287 Arbeitern einen Höchststand. Viele Eisenbahnarbeiter zogen mit ihren Familien nach Lingen – die Wohnungsnot stieg.

Die Lehrlingswerkstatt Anfang der 1920er-Jahre. Links die damals neue Halle I (heute Campus Lingen)

Lingen war ein wichtiger Standort, weil man hier während des Krieges die große Lokrichthalle gebaut hatte (Halle I, heute: Campus Lingen). 1919 wurde hier die sogenannte „Fließfertigung“ aufgenommen, die den Reparaturablauf wesentlich vereinfachte. Betrug die Reparaturzeit für eine Dampflok bei einer Hauptuntersuchung in der Zeit um 1900 je nach Aufwand noch drei bis sechs Monate, so war sie mit dem „Fließverfahren“ in der Regel nach vier Wochen wieder fahrbereit. Durch die Einführung des „Kesseltauschverfahrens“ verringerte sich die Standzeit noch einmal auf 16 bis 18 Tage. Hierfür war jedoch ein Ausbau der Kesselschmiede durch seitliche Anbauten notwendig.

Übergabe einer Dampflok Anfang der 1920er-Jahre

Parallel dazu erfolgte eine wichtige Neuorganisation im deutschen Eisenbahnwesen. Am 1. April 1920 wurde aus den bislang selbständigen Ländereisenbahnen der deutschen Bundesstaaten zunächst die „Reichseisenbahn“, die dann zur „Reichsbahn“ umfirmierte. Die Werkstätten wurden organisatorisch vom Eisenbahnbetriebsdienst getrennt und einer eigenen „Direktion für das Werkstättenwesen“ zugeordnet. Aus der „Preußischen Hauptwerkstätte“ wurde das „Reichsbahn-Ausbesserungswerk“ (RAW) im Rang eines eigenen „Werkstättenamtes Lingen-Ems“.

Die Arbeitsbedingungen für die Eisenbahner verbesserten sich in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg. Der 8-Stunden-Tag wurde eingeführt, neue Sozialeinrichtungen geschaffen: ein Speisesaal, Wasch- und Umkleideräume sowie eine neue Badeanstalt mit Brausebädern und Badewannen. Eisenbahn und Baugenossenschaften nahmen Wohnungsbauprogramme für Eisenbahnerfamilien in Angriff. Im Strootgebiet entstanden neue Arbeitersiedlungen.

Hungerdemonstration der Eisenbahnarbeiter auf dem Lingener Marktplatz am 2. April 1919
Demonstrierende Eisenbahnarbeiter auf dem Lingener Marktplatz am 2. April 1919

Die Eisenbahner vor Ort hatten nach dem Krieg in ihrem Alltag viele Sorgen. An der miserablen Versorgungslage änderte das Kriegsende zunächst wenig und im Frühjahr 1919 kam es in Lingen zu Hungerdemonstrationen der streikenden Eisenbahnarbeiter. In den folgenden Jahren hatten die Eisenbahner zwar Arbeit, aber die aufziehende Inflation vernichtete den Wert des Einkommens. Die Belegschaft in Lingen machte von ihrem Streikrecht Gebrauch, um auf die wachsende Not aufmerksam zu machen. Mit eigenem Notgeld in Milliardenwerten versuchte die Eisenbahn, die Auszahlung der Löhne sicherzustellen.

Die „Verreichlichung“ der Ländereisenbahnen zur „Reichseisenbahn“ von 1920 war nur der erste Schritt beim Umbau des Eisenbahnwesens. 1924 wurde die „Reichseisenbahn“ von einem staatlichen Betrieb zu einem selbständigen Unternehmen umgewandelt, der „Deutschen Reichsbahn“. Diese übernahm 1925 auch die Bahnstrecke von Salzbergen bis zur niederländischen Grenze, die bis dahin eine holländische Eisenbahngesellschaft betrieben hatte.

Die Eisenbahn galt als sicherer Arbeitsplatz – Lehrwerkstatt im Ausbesserungswerk Lingen Anfang der 1920er-Jahre

Die Zusammenlegung der Ländereisenbahnen zur Reichsbahn brachte für den Eisenbahnverkehr in Deutschland viele Vorteile. Die Organisationsstrukturen wurden vereinheitlich, technische Neuerungen konnten nun deutschlandweit eingeführt und umgesetzt werden. Allerdings überschattete die Wirtschaftskrise die vielen Verbesserungen, die Anfang der 20er-Jahre bei der Eisenbahn erfolgten. Auch im Lingener Eisenbahnwerk kam es zu Massenentlassungen. Viele, die geglaubt hatten, sie hätten einen sicheren Arbeitsplatz bei der Bahn, waren nun von Arbeitslosigkeit betroffen. Der Personalabbau war begleitet von Protesten der Arbeiter. Im Herbst 1924 wurde eine ganze Kompanie Reichswehr zum Schutz der Werkstatt nach Lingen verlegt. Vor den Haupteingängen brachten die Soldaten Maschinengewehre in Stellung, die ihre Mündungen auf die Werkshallen richteten. Die Lage blieb friedlich, aber das Vertrauen in die neue Republik wurde durch solche Maßnahmen nicht gerade gestärkt. Die Entlassungswellen liefen weiter. Ende der 20er-Jahre waren nur noch gut 1100 Eisenbahner im Werk beschäftigt, Anfang der 30-er-Jahre sank die Zahl weiter auf unter 1000 Mitarbeiter.


Gefunden im Blog des Emslandmuseum Lingen.

BürgerFerne

11. November 2020

Manchmal ärgere ich mich einfach nur, bisweilen sogar doppelt: Dazu dieses kleine Baustellenbeispiel aus unserer Stadt: Unsere Stadtratsmitglieder der BürgerNahen haben den Vorschlag gemacht, die neue Kindertagesstätte auf dem Gelände der ehemaligen Tenisvereins GrünWeiß an den Kiesbergstraße (Arbeitstitel „2. Kita am Kiesbergwald“) nicht nach einer christlichen Märtyrerin wie andere Kindergärten sondern nach dem jüngsten Holocaust-Opfer Lingens, dem zweijährigen Nico de Jong, zu benennen, der im Vernichtungslager Sobibor ermordet wurde. Wir wollten und wollen, dass an den kleinen Neffen unseres Ehrenbürgers Bernard Grünberg (97) dauerhaft erinnert wird.
Die CDU, die SPD und alle anderen, die im Jugendhilfeausschuss unserer Stadt Sitz und/oder Stimme haben, haben diesen Antrag abgelehnt, weil man „auch an die Kinder denken“ müsse, die die Kita besuchen und diesen der Name Nico de Jong (im Gegensatz zu einer christlichen Märtyrerin) nicht zu vermitteln sei. Das ist falsch und das war ein falscher und vor allem geschichtsloser Beschluss. Darüber habe ich in diesem kleinen Blog geschrieben. Vor der Sitzung hatte ich am Wochenende zuvor allen stimmberechtigten Mitgliedern des Jugendhilfeausschusses dazu Material zumailen wollen. Daran bin ich -nach Stunden (!) vergeblichen Suchens der E-Mailadressen- gescheitert, weil viele der Ausschussmitglieder ihre E-Mailadressen einfach verschweigen – eine besondere Art der BürgerFerne, wie ich finde. Am 27. September habe ich deshakb an die zuständige Dezernentin Monika Schwegmann, die auch Stadtkämmerin ist, und die für die Ratsarbeit zuständige Verwaltungsmitarbeiterin Sophia Gebken dies geschrieben:

Sehr geehrte Frau Stadtkämmerin,

Sie haben eben von mir als BN-Fraktionsvorsitzenden eine E-Mail zum Tagesordnungspunkt „Benennung der zweiten Kita pp.“ [der Sitzung des Jugendhilfeausschusses]  erhalten. Diese E-Mail ist vom Unterzeichner an die stimmberechtigten Mitglieder Ausschusses gesandt worden, wobei es ausgesprochen mühsam war, die jeweiligen E-Mailadressen zu ermitteln. 
Daher bitte ich Sie namens unserer Fraktion, die E-Mail Montagfrüh auch noch an die nicht-stimmberechtigten Mitglieder des Jugendhilfe-Ausschusses weiterzuleiten. Ich nehme an, dass Ihnen ein entsprechender Verteiler leicht zugänglich ist. Herzlichen Dank dafür im Voraus.
Frau Gebken bitte ich namens der Fraktion gleichzeitig, über eine Zusammenstellung der Mitglieder der Ratsausschüsse auf der städt. Webseite nachzudenken, damit diese ggf. problemlos mit einem Klick und gemeinsam per E-Mail informiert werden können. 
Denn die jetzige Handhabung ist mit hohem, überflüssigem Aufwand verbunden, was nicht sein muss. Insbesondere ist eben eine E-Mail an alle Ausschussmitglieder ohne mehrstündigen Ermittlungsaufwand schlicht nicht machbar Auch die Kontaktformulare, die manche Kolleginn/en nutzen, sind nicht hilfreich, wenn man E-Mails an mehrere Ausschusskolleginn/en zu versenden hat. Die Visitenkarten funktionieren (jedenfalls auf iOS) nicht. Ggf. mag dies zeitnah im Ältestenrat besprochen werden.
Mit freundlichen Grüßen
Die BürgerNahen – Stadtratsfraktion
Robert Koop, Vors.
Nun weiß ich bislang nicht, ob die Stadtkämmerin unser Informationsschreiben den Mitgliedern des Jugendhilfeausschusses übermitteln ließ. Angesichts der Entscheidung der Ausschussmitglieder hoffe ich für diese fast, dass sie die Argumentation nicht kannten. Es dauerte dann einige Wochen; doch gestern gab es jedenfalls zu den anderen Punkten diese Antwort von Sophia Gebken:

Sehr geehrter Herr Koop,

http://www.koop.de/NicoDeJong.AnDenJuhiAusschuss.pdfzu Ihrer Anfrage hinsichtlich SD.NET kann ich Ihnen folgendes mitteilen:

Alle Personen, die im [Ratsinformationssystem] RIM aufgeführt sind, haben aus datenschutzrechtlichen Gründen selbst bestimmt, welche persönlichen Daten (z. B. E-Mail-Adresse) veröffentlicht werden und welche nicht. Es ist in der Tat so, dass viele Personen die E-Mail-Adresse nicht zur Veröffentlichung freigegeben haben. Daran kann die Verwaltung allerdings nichts ändern, da die Entscheidung bei der jeweiligen Person liegt.

Wenn man eine Person im RIM aufruft, kann man das Kontaktformular und die Visitenkarte anklicken. Über das Kontaktformular erscheint keine E-Mail-Adresse, aber in der Visitenkarte ist diese im Klartext sichtbar.

Nach Rücksprache mit der Firma Sternberg wurde bestätigt, dass die Visitenkarten auf iOS nicht funktionieren. Das Problem konnte dort nachgestellt werden und wurde an die Entwicklung weitergegeben. Das Problem wird somit hoffentlich durch eines der nächsten Updates behoben.

Ein E-Mail-Verteiler für ein gesamtes Gremium kann über das Ratsinformationssystem nicht erstellt werden. Nur der Versand an Einzelpersonen ist technisch möglich, so die Firma Sternberg.

Freundliche Grüße

Sophia Gebken

Und jetzt frage ich mich, weshalb die Mitglieder eines kommunalen Ausschusses, die für die Einwohnerinnen und Einwohner unserer Stadt in einem öffentlich Gremien ehrenamtlich tätig sind, „aus datenschutzrechtlichen Gründen“ ihre elektronische Erreichbarkeit für eben all diese Einwohnerinnen und Einwohner verschleiern und erschweren. Ehrlich gesagt ist das nämlich gar kein Datenschutz und es wird weder des Amtes noch der Aufgabe der Ausschussmitglieder gerecht. Oder?

allerdings pünktlich

10. November 2020

Gestern Abend wurde an der Jüdischen Schule in Lingen (Ems) der Pogromnacht vor 82 Jahren gedacht – wegen der Corona-Verordnung nur vor geladenen Gästen. Neben der traditionellen Ansprache des Oberbürgermeisters sprach von Seiten des Forum Juden Christen zum ersten Mal deren stellv. Vorsitzender Dr. Walter Höltermann, dessen Rede hier im Wortlaut nachzulesen ist. Umrahmt wurde die Gedenkveranstaltung durch die einfühlsam gespielte Klarinette des Lulzim Bucaliu.

Höltermann hat auf die Blumen hingewiesen, die Lingener/innen am Montag auf zahlreiche Stolpersteine in der Stadt zum Gedenken an die jüdische Opfer der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 gelegt hatten. Zum Beispiel hier in der Schlachterstraße 12, wo sechs Stolpersteine an Rosa Wolf, Siegfried Hanauer, Siegmund Hanauer und Bernard Hanauer sowie Max Hanauer und Familie erinnern. Schon nach sehr kurzer Zeit waren die kleinen Erinnerungsrosen durch ein Lieferauto plattgefahren. Die Pizza soll allerdings pünktlich gewesen sein.

Update vom 11.1.20:
Ich habe Walter Hoeltermanns Rede nachgetragen und den Text daher angepasst

BN

2. November 2020

Umgehend widersprochen hat die Stadtratsfraktion „Die BürgerNahen“ der kurzfristigen heutigen Absage der Sitzung des Lingener Ortsrates Schepsdorf. Am Nachmittag war dessen Mitgliedern eine kurze Nachricht aus dem Rathaus zugegangen: „Aufgrund der aktuellen Entwicklungen in Bezug auf die Corona-Pandemie wird die laut Terminspiegel für den 03. November 2020 vorgesehene Sitzung des Ortsrates Schepsdorf abgesagt. Eine Einladung zur nächsten Sitzung erfolgt rechtzeitig.“ Orts- und Stadtratsmitglied Sabine Stützung (Foto) reagierte sofort mit diesem Protest:

Hallo,
ich vermisse eine inhaltliche Begründung. So ist dies nicht ausreichend! Ohne tragfähige Begründung ist die Absage nicht hinzunehmen und unterläuft den demokratischen Prozess.
Gruß
Sabine Stüting

Auf der Tagesordnung des Ortsrates Schepsdorf standen auch zwei Anträge der BN. Einer befasste sich mit dem Glasfaserausbaus im Ortsteil, dessen Ausbauweise in der Bevölkerung kritisiert wird. Hier sollte die Stadtverwaltung berichten und der Ortsrat debattieren. Besonders wichtig war aber, so Sabine Stüting, der Antrag zur Arbeit des Ortsrates in Coronazeiten; denn er behandelt die Aufrechterhaltung demokratischer Prozesse im Ortsrat.

Sehr geehrter Ortsbürgermeister,
lieber Hermann,
in einem Gesetz vom 15.07.2020 hat der Nieders. Landtag das Gesetz zur Änderung der niedersächsischen Rechtsvorschriften aus Anlass der COVID-19-Pandemie beschlossen. Es ist zwei Tage später im Gesetz- und Verordnungsballt des Landes veröffentlicht worden (GVBl. 2020, S.244 ff). Tags darauf trat es in Kraft. Es ändert auch das Niedersächsische Kommunalverfassungsgesetz.
Unter anderem fügt es einen einen eigenen Paragraphen 182 ein. Er trägt die Überschrift „Sonderregelungen für epidemische Lagen“. In § 182 Abs. 2 Nr. 7 kann zur Bewältigung der epidemischen Lage … in den in § 94 [Nieders. Kommunalverfassungsgesetz] genannten Angelegenheiten anstelle des Ortsrates der Ortsbürgermeister … angehört werden.
§ 94 Nds. Kommunalverfassungsgesetz nennt diese Angelegenheiten:1. Planung und Durchführung von Investitionsvorhaben in der Ortschaft,2. Aufstellung, Änderung, Ergänzung und Aufhebung des Flächennutzungsplans sowie von Satzungen nach dem Baugesetzbuch (=Bebauungspläne), soweit sie sich auf die Ortschaft erstrecken,3. Errichtung, Übernahme, wesentliche Änderungen und Schließung von öffentlichen Einrichtungen in der Ortschaft,4. Um- und Ausbau sowie Benennung und Umbenennung von Straßen, Wegen und Plätzen in der Ortschaft, soweit keine Entscheidungszuständigkeit nach § 93 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 oder 3 besteht,5. Veräußerung, Vermietung und Verpachtung von Grundvermögen der Gemeinde, soweit es in der Ortschaft liegt,6. Änderung der Grenzen der Ortschaft,7. Aufstellung der Vorschlagsliste für Schöffinnen und Schöffen sowie8. Wahl der Schiedsperson des Schiedsamts, zu dessen Amtsbezirk die Ortschaft gehört.
Wenn in diesen Angelegenheiten der Ortsrat nicht angehört zu werden braucht sondern lediglich der Ortsbürgermeister, ist dies undemokratisch. Einschränkungen demokratischer Beteiligungsrechte in der Pandemie sind nämlich nur begründbar, wenn sie zwingend notwendig sind.
Die vergangenen Monate haben aber längst bewiesen, dass unser Ortsrat weiterhin gut arbeitet. Es ist also nicht notwendig, sein Votum durch die bloße Anhörung des Ortsbürgermeisters zu ersetzen.
Deshalb beantrage ich, folgenden Beschluss zu fassen:
1. Der Ortsrat hat seit Ausbruch der Pandemie seine Arbeitsfähigkeit bewiesen. Es bedarf keines Ersatzes der Anhörung des ganzen Ortsrats in den in § 94 Kommunalverfassungsgesetz genannten Angelegenheiten durch die Anhörung lediglich des Ortsbürgermeisters. Die epidemische Lage kann weiterhin problemlos bewältigt werden.
2. Sollte sich aber die Ausgangslage wesentlich ändern, fordert der Ortsrat den Ortsbürgermeister auf, vor einer von ihm angeforderten Stellungnahme zu einer in § 94 Nieders. Kommunalverfassungsgesetz genannten Angelegenheit die Mitglieder des Ortsrats vollständig und schriftlich über den Anhörungssachverhalt zu informieren und ihre Stellungnahme einzuholen. Dies kann im Umlaufverfahren und insbesondere mittels unverschlüsselter E-Mail oder im Ratsinformationssystem geschehen. Dazu sind die Einladungsfristen der Geschäftsordnung zu beachten.
Erst danach hat der Ortsbürgermeister seine Erklärung unter Beachtung des Votums der Mehrheit der Ortsratsmitglieder abzugeben. Sofern es ein Votum der Minderheit der Ortsratsmitglieder gibt, ist dies ebenfalls mitzuteilen.
Sofern die anderen Ortratsmitglieder das Thema noch beraten wollen, sollte in der nächsten Sitzung beraten und der Beschluss dann gefasst werden.
Mit freundlichen Grüßen
Sabine Stüting
Die BürgerNahen
In der Tat muss es in diesen schwierigen Zeiten darauf ankommen, die kommunale Selbstverwaltung nicht durch bloßes Verwaltungshandeln zu ersetzen. Das soll offenbar geschehen, doch das wäre undemokratisch.