Einmal mehr gaaaanz viel Text & Information heute:
Der Landkreis Emsland und der Landkreis Grafschaft Bentheim gründen gerade eine gemeinsame „Leitstelle für Rettungsdienst und Brandschutz“. Für bis zu 27 Mio € soll dafür in der Gemeinde Twist an der Autobahn eine neue Zentrale geschaffen werden. Ich hatte im Frühjahr in einem Brief an den OB Krone vorgeschlagen, dass sich die Stadt Lingen bewerben möge.

Lingen sei als Standort aber „durchaus denkbar“, berichtete OB Krone Anfang April nach einem Gespräch mit dem Landrat im Verwaltungsausschuss (VA) der Stadt. Es gebe allerdings Bedenken aufgrund der Nähe zum Kraftwerk. Das klang dann zwei Monate später völlig anders. Da informierte OB Krone, dass Lingen nicht als Standort vorgesehen werden könne, da eine Leitstelle nicht innerhalb des Evakuierungsradius des Kernkraftwerks Emsland von 20 Kilometern gebaut werden dürfe. Dies gelte auch für die Zeit des Rückbaus des Kernkraftwerks.

Bei der Suche nach einem Standort für die neue Einrichtung ist die Stadt Lingen (Ems) -obwohl raumordnerisch „Mittelzentrum mit oberzentralen Teilfunktionen“- also ausgeschieden, weil dies der „Evakuierungsradius von 20 km um das Kernkraftwerk Emsland“ hindere. Dies gelte selbst, hieß es im Verwaltungsausschuss der Stadt Lingen (Ems), wenn das KKE zum 31.12.2022 vom Netz geht und stillgelegt wird.


Meine Fragen waren: Trifft das zu? Warum ist das selbst nach Abschalten des KKE so und für welchen Zeitraum gilt der Evakuierungsradius? Was muss geschehen, damit es insoweit zu einer Änderung kommt?

Meine Fragen habe ich über das Portal fragdenstaat.de am 9. Juni an das Niedersächsische Ministerium für für Umwelt, Energie und Klimaschutz gerichtet – „als Antrag auf Aktenauskunft nach § 3 Abs. 1 des Niedersächsischen Umweltinformationsgesetzes (NUIG), soweit Umweltinformationen im Sinne des § 2 Abs. 3 Umweltinformationsgesetzes des Bundes (UIG) betroffen sind, sowie nach § 2 Abs. 1 des Gesetzes zur Verbesserung der gesundheitsbezogenen Verbraucherinformation (VIG), soweit Verbraucherinformationen betroffen sind.“ Vorsorglich habe ich gebeten, meine Anfrage als Bürgeranfrage zu behandeln und geschrieben: 
„Sollte die Aktenauskunft Ihres Erachtens gebührenpflichtig sein, bitte ich, mir dies vorab mitzuteilen und dabei die Höhe der Kosten anzugeben. Es handelt sich meines Erachtens um eine einfache Auskunft bei geringfügigem Aufwand. Gebühren fallen somit nicht an. Ich verweise auf § 3 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 UIG/§ 5 Abs. 2 VIG und bitte, mir die erbetenen Informationen unverzüglich, spätestens nach Ablauf eines Monats zugänglich zu machen. Ich bitte Sie um eine Antwort per E-Mail.
Sollten Sie für diesen Antrag nicht zuständig sein, bitte ich Sie, ihn an die zuständige Behörde weiterzuleiten und mich darüber zu unterrichten. Ich widerspreche ausdrücklich der Weitergabe meiner Daten an Dritte. Ich möchte Sie um eine Empfangsbestätigung bitten und danke Ihnen für Ihre Mühe!
Mit freundlichen Grüßen
Robert Koop“
Nach zwei Tage antwortete das Ministerium:
„Sehr geehrter Herr Koop,
Ihren Antrag auf den Zugang zu Umweltinformationen habe ich gem. § 4 Abs. 3 des Umweltinformationsgesetzes an das dafür zuständige Niedersächsische Ministerium für Inneres und Sport (Lavesallee 6, 30169 Hannover) weitergeleitet. Ich gehe davon aus, dass Sie von dort alsbald weitere Nachricht erhalten werden.
Mit freundlichen Grüßen
Im Auftrage…“
Nach weiteren sechs Tagen erhielt ich aus dem Ministerium für Inneres und Sport diese Zwischennachricht
„Sehr geehrter Herr Koop,
Ihre Anfrage habe ich an den dafür zuständigen Landkreis Emsland weitergeleitet. Ich gehe davon aus, dass Sie von dort alsbald weitere Nachricht erhalten werden.
Mit freundlichen Grüßen
M…“
Ich fragte nach, weshalb der Landkreis Emsland zuständig sei, und erhielt diese Antwort:

„Sehr geehrter Herr Koop,
gemäß § 2 Abs. 1 Nr. 2 des Niedersächsischen Umweltinformationsgesetzes (NUIG) vom 7. Dezember 2006 in der Fassung vom 08.06.2016 (Nds.GVBl. S. 94) ist der Landkreis als der Aufsicht des Landes unterstehende Stelle informationspflichtig.

Für die Planungen und den Bau der gemeinsame Leitstelle für Rettungsdienst und Brandschutz der Landkreise Emsland und Grafschaft-Bentheim liegt die örtliche und sachliche Zuständigkeit bei den Landkreisen. Nach meinen Ermittlungen ist der Landkreis Emsland hier federführend.
Mit freundlichen Grüßen
Im Auftrage…“

Gestern Mittag antwortete nun über das Portal fragdenstaat.de doch das zunächst nicht zuständige Niedersächsische Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz so:

„Eine Feuerwehreinsatz- und Rettungsleitstelle (Leitstelle) ist die zentrale Ansprechstelle für hilfesuchende Bürgerinnen und Bürger. Die Leitstelle nimmt alle Notrufe und Hilfeersuchen aus den Bereichen Brandschutz, Hilfeleistung, Rettungsdienst sowie Krankentransport entgegen. Sie disponiert alle Rettungsmittel und koordiniert die Einsatzkräfte im Tagesgeschäft und bei besonderen Einsatzlagen.

Diesbezüglich gehört die Leitstelle im Bereich der Daseinsvorsorge zur so genannten kritischen Infrastruktur eines Landkreises. Für die Sicherheit der Bevölkerung ist eine ständige Verfügbarkeit der Leitstelle, insbesondere die ständige Erreichbarkeit und Einsatzfähigkeit, eine besondere Voraussetzung.

Bei den Standortüberlegungen für den Neubau einer gemeinsamen Leitstelle ist unter zahlreichen Aspekten auch ein Störfall in einer kerntechnischen Anlage, hier dem Kernkraftwerk Emsland in Lingen (KKE), als „Worst-Case-Szenario“ betrachtet worden. Für solche kerntechnischen Anlagen vom Typ 1 sehen die Rahmenempfehlungen der Strahlenschutzkommission die Evakuierung der Bevölkerung in einem Radius von bis zu 20 km in einer bestimmten Zeit vor.

Um die Handlungs- und Einsatzfähigkeit einer Leitstelle auch bei einem solchen Szenario mit geringer Eintrittswahrscheinlichkeit vollständig zu gewährleisten und die kritische Infrastruktur Leitstelle nicht auch evakuieren zu müssen, haben sich die Landkreise Emsland und Grafschaft Bentheim darauf verständigt, die Leitstelle außerhalb eines solchen vorbestimmten Evakuierungsradius zu errichten.

Die Festlegung zur Evakuierung eines Radius von 20 km um eine kerntechnische Anlage gilt für aktive Kernkraftwerke und abgeschaltete Kernkraftwerke solange diese noch nicht frei von Brennelementen sind. Nach Feststellung der Brennstofffreiheit reduziert sich der Evakuierungsradius für diese kerntechnischen Anlage vom Typ 2 auf 10 km. Nach derzeitigen Planungen soll der Rückbau des Kernkraftwerkes Emsland bis Ende 2037 abgeschlossen sein. Die Brennstofffreiheit ist für 2027 geplant.

In räumlicher Nähe zum KKE befindet sich mit dem Standortzwischenlager eine weitere kerntechnische Anlage des Typs 2. Auch für diese gilt ein Evakuierungsradius von 10 km. Das Standortzwischenlager hat eine Betriebsgenehmigung bis 2045. Daher ist der Evakuierungsradius auch in den nächsten Jahrzehnten zu berücksichtigen.“

Mein Fazit: Mit der Sicherheit unserer AKW-Industrie ist es dann wohl doch nicht so bestellt, wie es die Offiziellen hier vor Ort immer wieder tapfer verbreiten. Wären die Atom-Anlagen sicher, wie behauptet, gäbe es nichts gegen eine Leitstelle in der Stadt Lingen (Ems).

Sie sind aber in Wahrheit natürlich doch keine Schokoladenfabrik. Die neue Leitstelle entsteht deshalb ganz woanders. Wir behalten stattdessen abklingende Brennstäbe im KKE und im Zwischenlager. Damit werden die Lingener/innen noch „viel Freude“ haben…

—-

(Foto: KKE, ©dendroaspis via flickr)

mehr…

schwächelt

30. Juli 2018

Es ist ja reichlich heiß in diesen Tagen und es soll auch heiß bleiben.  Die konventionelle Stromerzeugung schwächelt daher. Denn Kohle- und Atomkraftwerke brauchen Kühlung. Die kommt von Kühltürmen oder von Flusswasser. Beides ist zunehmend ein Problem.

Das Steinkohle-Kraftwerk Bergkamen A musste seine Leistung am Mittwoch um 150 Megawatt drosseln. Grund: Die Lufttemperatur war so hoch, dass der Kühlturm des Kraftwerksblocks nur noch 30 Grad warmes und damit unbrauchbares „Kühlwasser“ ins System speiste.

Und bei Atomkraftwerken, bei ‚unserem‘ auch, gibt es ein Limit dafür, wie viel Warmwasser das Kraftwerk an den Fluss abgeben darf, denn wenn das Wasser im Fluss zu heiß wird, sterben die Fische und mehr…

Naja, importieren wir halt Ökostrom aus Norwegen, die haben Wasserkraftwerke, denkt man jetzt vielleicht. Aber die Skandinavier haben gerade Engpass wegen Dürre. Norwegen importiert gegenwärtig Strom.

Gewinner der Situation ist übrigens Deutschland. Wegen der Erneuerbaren, weniger wegen der Erzeugung in Großkraftwerken. Hier ist eine Übersicht über die letzte Woche und da sieht man, dass die Windenergie gerade die Steinkohle-Ausfälle überkompensiert. Der Effekt in der Import-Export-Statistik ist, dass wir tagsüber teuer verkaufen, wo wir ein Überangebot an Solarstrom haben, und nachts billig einkaufen.

Kennt übrigens jemand die Entnahmewerte im Speicherbecken Geeste (Foto, gestern Abend), das vor 35 Jahren entstanden ist, damit immer genug Kühlwasser für die Großkraftwerke im Lingener Süden vorhanden ist?  Das ist eine Aufgabe für die okalpresse wie ich finde, die gern auch messen darf, wie heiß es in der Ems inzwischen ist…

Schöne Woche!

(Quelle)

bis 2025 festhalten

6. Juni 2018

aus der taz:

Im Kampf um ein Ende der Belieferung der hochgefährlichen belgischen AKW Tihange und Doel mit Brennstoff aus deutscher Produktion erhöhen Atomkraftgegner den Druck. 350 Organisationen aus Umwelt- und Klimabewegung, Parteien und Bürgerinitiativen rufen für Samstag zu Protesten am Atomstandort Lingen im Emsland auf.

Ab 13 Uhr soll die Demonstration vom dortigen AKW zur Brennelementefabrik des französischen Atomkonzerns EDF führen. „Dass marode Reaktoren in Tihange und Doel in Belgien sowie Fessenheim und Cattenom in Frankreich mit Brennelementen aus Lingen beliefert werden dürfen, ist ein fortwährender Skandal“, heißt es im Aufruf.

Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen sorgen die belgischen Meiler seit Jahren für Unruhe. Die Druckbehälter der Blöcke Tihange 2 und Doel 3 sind von Tausenden Haarrissen durchzogen – dabei sollen sie den Austritt von Radioaktivität aus dem Reaktorkern verhindern. Auch die ältesten Reaktorblöcke Tihange 1 sowie Doel 1 und 2 gelten als technisch überholt und unsicher.

Entsprechend ernst nehmen gerade die Menschen in der Grenzregion die atomare Bedrohung: So hat Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU) Jodtabletten verteilen lassen – sie sollen bei einem GAU vor Schilddrüsenkrebs schützen. 2017 hatten mehr als 50.000 BürgerInnen mit einer 90 Kilometer langen Menschenkette gegen die belgischen „Bröckelreaktoren“ demonstriert.

Trotzdem sei ein sofortiger Exportstopp für deutsche Brennelemente „noch immer kein Thema“ für die Bundesregierung, kritisierten Atomkraftgegner bei einer Pressekonferenz in Lingen. Bei ihnen hatte der Antrittsbesuch von SPD-Bundesumweltministerin Svenja Schulze in Belgien für Empörung gesorgt: Wie die Aachener Nachrichten berichteten, hatte die Sozialdemokratin gegenüber dem belgischen Innenminister Jan Jambon zwar die Stilllegung der Altmeiler Tihange 1, Doel 1 und Doel 2 gefordert, die rissigen Blöcke Tihange 2 und Doel 3 aber „vergessen“.

Die belgische Regierung will bis 2025 an den AKWs festhalten

Die belgische Regierung will bis 2025 an den AKWs festhalten – andernfalls drohten Stromausfälle. Doel 1 und 2 waren erst über Ostern aus Lingen beliefert worden. „Warum“, fragt Jörg Schellenberg vom Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie, „genehmigt das Bundesumweltministerium weiterhin Brennelementexporte an Reaktoren, die die Ministerin eigentlich vom Netz sehen möchte?“ Aus Berlin hieß es, Schulze wolle weitere Exporte verhindern. Es müsse geprüft werden, ob „dieses Ziel rechtssicher erreicht werden kann“.

mehr…

Quelle:

umgehend

8. April 2015

BBUDer Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) hat die Wiederinbetriebnahme des Atomkraftwerk Emsland (AKW Lingen 2) scharf kritisiert. Von der zuständigen rot-grünen Landesregierung in Hannover fordert der Verband, dem auch der Elternverein Restrisiko Emsland angehört, die sofortige und endgültige Stilllegung des AKW Emsland. Gleichzeitig ruft der BBU zu weiteren Protesten gegen alle Atomkraftwerke und Atomanlagen in ganz Niedersachsen und anderswo auf.

„Störfallrisiken und ständige Atommüllproduktion in allen Anlagen sind verantwortungslos und nicht hinnehmbar“, so Udo Buchholz vom Vorstand des BBU.

Das fast 30 Jahre alte AKW Emsland war am Karfreitag nach einer Leckage vom Netz gegangen. Anti-Atomkraft-Organisationen wie das Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen und der BBU richteten spontan Forderungen an den AKW-Betreiber RWE sowie an die verantwortliche Atomaufsicht in Hannover:

Das AKW soll umgehend ganz vom Netz genommen werden, bevor es wegen fortschreitender Materialermüdung zu immer weiteren Problemen kommt. Seitens der Anti-Atomkraft-Bewegung wird betont, dass Pannen am Primärkreislauf grundsätzlich sehr bedenklich sind.

Der BBU kritisiert, dass das AKW Emsland bereits am Dienstag (7. April) wieder in Betrieb genommen wurde. Für den engagierten Verband ist nicht nachvollziehbar, wie über die Osterfeiertage eine umfassende Schadensprüfung und Reparatur erfolgt sein soll. „Offenbar haben die AKW-Betreiber dem zuständigen Umweltminister Wenzel (Grüne) das Heft aus der Hand genommen, um die schnelle Wiederinbetriebnahme durchzupeitschen. Minister Wenzel muss jetzt beweisen, ob er die Interessen der Atomindustrie vertritt, oder ob für ihn die Sicherheit der Bevökerung absoluten Vorrang hat“, so BBU-Vorstandsmitglied Buchholz.

Der BBU weist darauf hin, dass schon vor dem jüngsten Störfall im AKW Emsland weit über 100 Initiativen, Verbände und Parteigliederungen in einer Resolution von der Landesregierung in Hannover die sofortige Stilllegung des AKW Emsland und der benachbarten Brennelementefarik gefordert haben. Dieser Resolution haben sich in den letzten Tagen weitere initiativen angeschlossen. Weitere Informationen zur „Lingen-Resolution“ unter www.bbu-online.de/presseerklaerungen/prmitteilungen/PR%202015/28.01.15.pdf.

Weiterhin weist der BBU darauf hin, dass am Sonntag, 26. April, also am 29. Jahrestag der Tschernobyl-Atomkatastrophe, in Lingen (Ems) ein Anti-Atom-Schweigekreis stattfinden wird. Veranstalter ist der Elternverein Restrisiko Emland. Die Aktion beginnt um 18.00 Uhr vor dem Alten Rathaus in Lingen (Ems). Auch der BBU ruft zur Teilnahme auf.

Weitere Informationen über die Gefahren der Atomindustrie u. a. unter www.bbu-online.dewww.ippnw.dewww.antiatomgruppe-osnabrueck.dewww.sofa-ms.de,  www.urantransport.de.

versäumt

17. Januar 2015

atomkraftneindankeDas Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hat gestern entschieden, dass die Genehmigung für das Zwischenlager im Atomkraftwerk Brunsbüttel aufgehoben bleibt. Es wies eine Beschwerde gegen ein Urteil des Oberverwaltungsgericht Schleswig (OVG) vom 19. Juni 2013 (Az.: 4 KS 3/08 = NVwZ 2013, 8) zurück. Damit steht fest, dass hoch radioaktive Brennelemente im AKW nicht gelagert werden dürfen. Das höchste deutsche Verwaltungsgericht stimmte der Bewertung aus Schleswig zu.

  • Das hatte die Genehmigung u.a. deshalb aufgehoben, weil das Bundesamt für Strahlenschutz die Folgen eines Absturzes eines Airbus A380 auf das Zwischenlager vor der Genehmigungserteilung nicht ermittelt hatte, obwohl die hierfür erforderlichen Daten vorlagen. Das OVG hatte offengelassen, ob dieses Ermittlungsdefizit durch eine nachträgliche Untersuchung der Behörde aus dem Jahr 2010 gegenstandslos geworden sei; insoweit bestünden aber jedenfalls Zweifel gegenüber der verwendeten Untersuchungsmethodik.
  • Ein weiteres Ermittlungsdefizit der Beklagten liege darin – so das Schleswiger Gericght vor 19 Monaten-, dass im Genehmigungsverfahren bei der Untersuchung der Folgen eines Angriffs mit panzerbrechenden Waffen auf Castorbehälter offenbar nur ein älterer Waffentyp aus dem Jahr 1992 berücksichtigt worden sei, obwohl neuere Waffen eine größere Zerstörungswirkung hinsichtlich der Castorbehälter haben könnten und schneller nachladbar sind, was für die Trefferanzahl von Bedeutung sein könne. Es sei auch nicht nachvollziehbar geworden, dass wegen sogenannter „ausreichender temporärer Maßnahmen“ bis zu einer künftigen Nachrüstung des Zwischenlagers nunmehr das Risiko des Eindringens entschlossener Täter in das Lager ausgeschlossen sein solle.
  • Zusätzlich habe die Genehmigungsbehörde nicht ermittelt, ob infolge der erörterten Angriffsszenarien der Eingreifrichtwert für die Umsiedlung der betroffenen Bevölkerung überschritten werde, obwohl auch eine Umsiedlung als schwerwiegender Grundrechtseingriff hier zu berücksichtigen sei. Ein weiterer Bewertungsfehler der Behörde liege in der Anwendung des sog. 80-Perzentils bei der Untersuchung des Kerosineintrages  bei einem Flugzeugabsturz in das Brennelemente-Zwischenlager.

Und jetzt? Was bedeutet diese Rechtslage für das mit Brunsbüttel baugleiche Brennelemente-Zwischenlager am Atomkraftwerk in Lingen? Es weist nämlich ebenfalls nicht die von den Gerichten geforderte Sicherheit gegen den Absturz großer Verkehrsmaschinen auf und es ist ebenfalls nicht gegen einen Angriff mit panzerbrechenden Waffen [mehr…] geschützt? Die baurechtliche Genehmigung für das Gebäude des Atommüllzwischenlagers erteilte die Stadt Lingen (Ems) am 27.9.2000. Damit war das erste sog. Standort-Zwischenlager an einem deutschen Atomkraftwerk genehmigt worden, das 40 Jahre ab Erstbeladung betrieben werden soll. Aber ob die ausreichend sind?.

Gegen das „Standort-Zwischenlager Lingen“ hatten etwa 3500 Menschen Einwendungen erhoben. Seine Inbetriebnahme erfolgte mit Einlagerung des ersten Behälter im Dezember 2002. Inzwischen sind „Ertüchtigungsmaßnahmen“ für das Zwischenlager angelaufen. Ich weiß es nicht.

Update:
Der Kieler Energieminister Habeck geht davon aus, dass das Urteil zunächst keinen Einfluss auf die beiden anderen schleswig-holsteinischen Kernbrennstoff-Zwischenlager an den Atomkraftwerken in Krümmel und Brokdorf hat. Auch deren Genehmigungen hat das Bundesamt erteilt. Habeck fordert, dass die Bundesregierung für alle Zwischenlager Untersuchungen zum Risiko von Flugzeugabstürzen oder Terrorangriffe veranlasst.

Duty of care

31. Januar 2013

milieudefensie2013Von fünf Klagen wurden vier abgewiesen. Aber eine war erfolgreich. Deshalb kann das gestern in Den Haag gesprochene, niederländische Urteil jetzt Geschichte schreiben: Ein Zivilgericht hat erstmals in Europa einen Ölmulti, den britisch-niederländischen Konzern Royal Dutch Shell (RDS), wegen Umweltschäden in der Dritten Welt zu Schadenersatz verurteilt:

Die Sümpfe im nigerianischen Ogoniland waren einst das drittgrößte Feuchtgebiet der Erde. Aber seit Shell vor mehr als 50 Jahren dort große Ölvorkommen entdeckte, war es damit vorbei. Heute ist das Ogoniland einer der wichtigsten Ölproduktionsstandorte, mit fatalen Folgen für die Umwelt. Aus Pipelines der Shell-Tochter (SPDC) in Nigeria floss im Oktober 2004 tonnenweise Öl aus, als eine Pipeline leckte. Feuer brach aus. Tagelang brannte es um die Dörfer Oruma und Goi. Die Region wurde ökologisch vernichtet: Aus den Gewässern wurden schwarze Tümpel, die Obstbäume verbrannten, die Gemüsefelder sind bis heute mit Öl verseucht. Fünf afrikanische Bauern und Fischer zogen vor Gericht.

Vier der Klagen wurden gestern abgewiesen, weil für die von ihnen reklamierten Schäden Shell nicht verantwortlich sei; denn der Schaden sei auf Sabotage zurückzuführen. Richter Henk Wien berief sich ausdrücklich auf die nigerianischen Gesetze, wonach ein ausländischer „Mutterkonzern nicht grundsätzlich für Schäden seiner Tochterunternehmen an Dritten“ verantwortlich sei.

Im Falle des vor etwas mehr als einem Jahr verstorbenen Fischers Chief Eric Dooh aus dem Küstendorf Ikot Ada Uto, für den sein Sohn Eric Dooh (Foto oben) die Klage weiterführte, sah das Gericht das aber anders und verurteilte Shell zu Schadensersatz. Der Konzern habe besonders nachlässig gehandelt und damit seine „Duty of care“ verletzt. [Mehr…]

Es gibt bei all dem einen Bezug zu Lingen: Möglich wurden die Klagen durch die niederländische Umweltschutzorganisation Milieudefensie. Und da habe ich mich an eine Veranstaltung im Herbst 2008 in der Watermoole Singraven nahe Denekamp erinnert, an der ich teilnehmen durfte. Es war das Abschlusstreffen der niederländischen Stiftung „Burgerinspraak over de Grens“, die in den 1980er und 1990er Jahren durchsetzte, dass auch Niederländer formal Einspruch gegen die Pläne für das KKE-Atomkraftwerk in Lingen einlegen konnten; das nämlich ließen konservative Verwaltungsjuristen und -richter bis dahin nicht zu. Einige Wochen nach dem Treffen jenseits der Grenze berichtete ich über das Treffen der „alten Kämpfer“ in meinem kleinen Blog:

„Mein alter Gefährte Jan Holsheimer gab einen Rückblick auf die Geschichte der Stichting Burgerinspraak over de Grens, was ich mit “Stiftung Bürgereinwand über Grenzen hinweg” übersetzen würde. Sein Beitrag kann hier nachgelesen werden. Die Anwesenden bedauerten, dass Coen Hamers nicht dabei war, der vor einigen Jahren, wohl wegen eines Streits innerhalb der PvdA, aus der Gruppe geschieden war.

Ach ja, gut 30.000 Euro besaß die Stiching noch. Das Geld wurde einer anderen niederländischen Stiftung (“Milieudefensie”) zur Verfügung gestellt. Sie kümmert sich um den Schutz der Umwelt, übrigens nicht nur innerhalb (der Grenzen) der Niederlande. Auf Wunsch von Burgerinspraak erhält Milieudefensie den Betrag fur die Unterstützung einer Klage von nigerianischen Betroffenen gegen den niederländisch-britischen Ölmulti Shell wegen der Ölverschmutzung, die der Konzern bei seiner Ölförderung in dem afrikanischen Staat anrichtet. Es bleibt also international.“

Und das hat jetzt Erfolg gehabt. Mich freut’s.

(Foto: Urteilsverkündung in Den Haag am 30.01.2013 mit Eric Dooh (Mitte) © Milieudefensie)

1987

22. Januar 2012

Atom-Diskussion des NDR in Lingen vor 25 Jahren: „Das Entsorgungsproblem ist noch nicht endgültig gelöst…. Wir haben Zeit genug, das Problem endgültig zu lösen.“

Ernstlich zweifelhaft

20. September 2011

Die Betreiber des Kernkraftwerks Emsland (KKE)  stehen offenbar vor einem Prozesserfolg in Sachen Brennelemente-Steuer, die seit Anfang des Jahres in Kraft ist. Seitdem müssen Betreiber von Atomkraftwerken 145 Euro je Gramm Kernbrennstoff an den Fiskus abführen. Die neue Steuer gehört zum so genannten  Sparpaket der Bundesregierung und sollte ursprünglich Milliarden Euro zur Konsolidierung des Haushalts abwerfen. Und sie sollte quasi eine Gegenleistung für die Laufzeitverlängerung der deutschen Atomkraftwerke sein, die unsere schwarz-gelbe Regierungskoalition vor nicht einmal einem Jahr durchgesetzt hatte.  Nach Angaben der Süddeutschen Zeitung haben alle AKW-Betreiber, auch die KKE-Gesellschaft, bei den Finanzgerichten einen Antrag auf vorläufigen Rechtsschutz gestellt,  die Brennelemente-Steuer nicht zahlen zu müssen.

Gestern nun hat das Finanzgericht Hamburg in einem Parallelverfahren zu den offenen Rechtsfragen „ernste Bedenken an der Verfassungsmäßigkeit der Brennelemente-Steuer“ geäußert (Az. 4 V 133/11). Mit ihrer Entscheidung gaben die Hamburger Richter  dem  Eon-Konzern in Sachen Atomkraftwerk Grafenrheinfeld vorläufig recht.

In seinem Beschluss, der einstweilen ‚vorläufigen Rechtsschutz‘ gewährt, äußert das Gericht gleich aus mehreren Gründen ‚ernstliche Zweifel an der formellen Verfassungsmäßigkeit des Kernbrennstoffsteuergesetzes‘, in dem die neue Steuer geregelt ist. So sei zweifelhaft, ob es sich bei der Atomsteuer überhaupt um eine dem Bund zustehende Verbrauchssteuer handelt. Sei dies aber nicht der Fall, hätte der Bund keine Kompetenz gehabt, das Gesetz ohne Zustimmung der Bundesländer im Alleingang zu erlassen. Außerdem sei es ‚ernstlich zweifelhaft‘, ob der Bund eine neue Steuer ‚erfinden‘ dürfe, die im Grundgesetz nicht vorgesehen sei.

Konkret ging  es, wie die Süddeutsche weiß, um 96 Millionen Euro Steuern, die AKW-Betreiber Eon nach einem Brennelementewechsel an das zuständige Hauptzollamt Hannover abgeführt hat. Parallel hatte das Unternehmen  einen Antrag auf vorläufigen Rechtsschutz gestellt. Auch die anderen AKW-Betreiber haben solche Anträge gestellt. Damit müsste der Bund einstweilen auf die Millionen verzichten. ‚Nach diesem Beschluss müssen andere Richter gut begründen, wenn sie den vorläufigen Rechtsschutz nicht gewähren wollen‘, hieß es laut SZ bei dem Hamburger Gericht.

Der 4. Senat des Finanzgerichts Hamburg, der in Sachen Grafenrheinfeld entschieden hat, ist der Gemeinsame Senat für die Bundesländer  Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein mit einer länderübergreifenden Zuständigkeit für Zoll-, Verbrauchsteuer- und Marktordnungsrecht. Er hat
„wegen der grundsätzlichen Bedeutung der Rechtssache“ ausdrücklich die Beschwerde an den Bundesfinanzhof zugelassen.  (Mehr in der Presseerklärung des FG Hamburg)

Weshalb ich das alles berichte?
Nun, weil „dem einen sin Uhl dem annern sin Nachtigall is“: Ist die Brennelemente-Steuer verfassungswidrig, fallen für das Lingener Stadtsäckel voraussichtlich deutlich höhere Gewerbesteuereinnahmen an – allerdings erst wenn die Hauptsache entschieden ist, also wohl frühestens in der Amtsperiode des Rates ab 2016…

Fische

10. August 2011

Das Tankerunglück im Hafen der BP-Raffinerie in Lingen (Ems) am 4. April hat viel weitreichendere Folgen als bisher gedacht. Seit gestern warnt der Landkreis Emsland  vor dem Verzehr von Fischen aus dem Dortmund-Ems-Kanal (Kürzel DEK)  in dessen Abschnitt Lingen bis Dörpen. Das ist mehr als vier Monate nach der Brandkatastrophe neu und es belegt -entgegen allen Beschwichtigungen der führenden Verwaltungsbeamten– die Umweltkatastrophe, die vor allem durch den eingesetzten Löschschaum eingetreten ist. Raffinerie Lingen bis Dörpen – das sind rund 50 km  Wasserlauf.

Bleibt die Frage, was in Lingen ist?

Denn das südlich von Lingen gelegene Atomkraftwerk KKE dürfte ausreichend Kühlwasser benötigt haben; aber Mai und  Juni waren sehr trocken. Diese  Frühsommertrockenheit hat  daher, wie ich annehme, zur Entnahme von Wasser aus dem Speicherbecken Geeste  (das dafür gebaut ist; Foto lks) geführt. Das Wasser wurde über den DEK nach Süden in Richtung Kernkraftwerk Emsland geführt.
Sind dabei die gefährlichen perfluorierten Tenside (PFT)  oder andere  Schadstoffe dabei auch in Lingen DEK-Fische vergiftet worden? Vielleicht werden wir informiert, ob auch hier gesucht und gefunden wurde, was nicht in Fische gehört. Und vielleicht kann uns auch die BP darüber aufklären, was sie eigentlich unternimmt oder unternehmen will, um den im Hafen ihres Unternehmen entstandenen ökologischen Schaden auszugleichen.

 

(Foto: Entnahmebauwerk Speicherbecken Geeste, © dendroaspis2008)