Julians Nein

11. November 2022

Am heutigen Freitag stimmt der Bundestag über die von Kanzler Olaf Scholz (SPD) verordnete Laufzeitverlängerung (auch) des Kernkraftwerks Emsland ab. Der Lingener Meiler speist bereits seit einigen Tagen weniger Strom als üblich in das bundesdeutsche Stromnetz; das hängt damit zusammen, dass die Brennstäbe nahezu ausgebrannt sind. Daher sollen sie Ende Januar nach dem heutigen Beschluss noch einmal neu im Reaktorkern umgesetzt und dann bis zum 15. April Strom erzeugen. Dann ist Schluss mit der teuren und gefährlichen Atomenergie. Teuer weil der Müll Jahrtausende sicher verwahrt werden muss. Gefährlich ist sie, wie gerade wieder die Kämpfe um das ukrainische Atomkraft Saporischschja zeigt.

Rund ein Dutzend Bundestagsabgeordnete von Bündnis’90/Die Grünen, so gestern der Spiegel, wollen  gegen den Weiterbetrieb des AKW in Lingen stimmen: „Es gibt für mich keinen Grund und ich sehe keine Notwendigkeit, dem zuzustimmen“, sagte gestern einer von ihnen, der Abgeordnete Julian Pahlke, dem Nachrichtenmagazin. Pahlke hat Rückgrat. Zusammen mit anderen jungen Ehrenamtlichen rettete er auf dem Rettungsschiff Iuventa flüchtende Menschen im Mittelmeer aus Seenot, versorgt sie und brachte sie in Sicherheit.

Nach seiner Ansicht wird der Strom durch den Weiterbetrieb nicht günstiger, die Versorgungssicherheit sei nicht garantiert, „stattdessen müssen Windkraftwerke an der Nordsee dafür abgestellt werden“, so Pahlke.
Seine Entscheidung begründete Julian Pahlke mit seiner Verbundenheit mit dem Emsland. Er könne ein Ja zur Verlängerung nicht mit seinem Gewissen vereinbaren, eine Zustimmung vor Ort nicht vertreten. „Dieses marode Kraftwerk liegt in meiner Region. Der Bundeskanzler hat seine Richtlinienkompetenz gezogen. Diese ist für die Mitglieder der Bundesregierung bindend, nicht aber für die Mitglieder des Bundestages.“ Eine Mehrheit in der Grünen-Fraktion ist allerdings bereit, dem Machtwort des Kanzlers zähneknirschend zuzustimmen.

Auf ihrem Parteitag in Bonn hatten die Grünen im September unterstrichen: keine neuen Brennelemente, keine Laufzeitverlängerung, nur Isar 2 und Neckarwestheim sollten bis April als Netzreserve bleiben. Schon zwei Tage später teilte Kanzler Scholz per Brief an die Minister Habeck, Lemke und Lindner mit, dass alle drei Kraftwerke am Netz bleiben.

Der Ärger bei den Grünen über diesen Schritt ist noch nicht verschmerzt. Doch abgesehen von Julian Pahlke und den weiteren 11 aufrechten Abweichlern dürfte die Abstimmung am Freitag eindeutig sein. Trotz fehlender Generalüberholung, die eigentlich 2019 stattfinden sollte und nur wegen des Abschaltens Ende dieses Jahres unterblieben ist, wird in den 105 Tagen Laufzeitverängerung bis zum 15. April 2023 hoffentlich alles gut gehen.

Für das Atomkraftwerk Emsland im niedersächsischen Lingen wird übrigens der Betreiber RWE keine neuen Brennelemente bestellen. „Der Bundeskanzler hat die Entscheidung gefällt, dass wir bis Mitte April in den Streckbetrieb gehen“, sagte RWE-Finanzvorstand Michael Müller am Donnerstag in Essen. „Das werden wir dementsprechend so auch einrichten und Brennelemente werden wir deshalb auch nicht bestellen.“

Der Manager antwortete damit auf die Frage, wann RWE sich angesichts der Debatte um eine weitere Laufzeitverlängerung mit dem Kauf neuer Brennelemente beschäftigen werde. RWE rechnet nach Müllers Angaben damit, dass das Kraftwerk Emsland bis April im Streckbetrieb insgesamt 1,7 Terawattstunden Strom produzieren kann. „Die sind bisher noch nicht vermarktet.“ Sie sollen im Spotmarkt verkauft werden, sagte Müller weiter. Bei Spotmarktgeschäften geht es um den kurzfristigen Handel mit einer Stromlieferung noch am gleichen Tag oder am Folgetag.


Quellen SPIEGEL, SZ

 

 

 

„Es ist schön hier“

23. Oktober 2022

Die überregionalen Zeitungen nehmen unser Städtchen in den Blick. Hinter ihrer Paywall fragt die Süddeutsche, wie denn die Stimmung in Lingen sei. Auch die taz berichtet „vor Ort“ und titelt: „Es ist schön hier“.

“Auch eine Atomstadt kann idyllisch sein. Die Fahrt zum Atomkraftwerk Emsland führt an einem Flüsschen voller Kajütboote vorbei, durch lichte Wälder. Es ist schön hier, im Süden des beschaulichen Städtchens Lingen, zumindest auf den ersten Blick. Das Besucherzentrum des niedersächsischen Meilers ist in Schneckenhausform gebaut, mit viel Holz; umwachsen von Bambus wirkt es eher wie ein Yogaretreat.

Aber da sind die RWE-Fahnen. Und da ist die Terrasse, für den Blick auf die nukleare Festung gegenüber, mit Reaktorkuppel, Schornstein und Kühlturm, alles in fahlem Grau. Hinter einem Wassergraben eine Mauer. Abweisend wirkt das, das „Herzlich willkommen“-Schild am Tor hilft da nicht wirklich.

Im Besucherzentrum lernen wir, wie ein Castorbehälter V/19 aussieht und ein Brennelement Typ 18-24, lesen Sätze wie „Strom ist Leben“. Man kann, per Fahrradelektrizität, Rennwagen über eine Carrerabahn jagen. Ach ja, und die ungesunde Strahlenbelastung: Atomtechnische Anlagen, erfahren wir, sind ein Witz gegen das Zigarettenrauchen und gegen manch ärztliche Diagnosetechnik erst recht.

Vor allem aber lesen wir hier Worte wie: Stilllegung. Rückbau. Dass Kanzler Scholz zwei Tage zuvor kurzerhand Paragraf 7 des Atomgesetzes ausgehebelt hat, das für den betagten 1.300-Megawatt-Druckwasserreaktor ein Ende zum 31. Dezember 2022 vorschreibt, steht hier noch nirgendwo. Bis Mitte April 2023…“

[weiter bei der taz]

Ausgebrannt

21. Oktober 2022

Es ist schon mehr als seltsam. Da behaupten rot-grüne Politiker nach angeblichen Stresstests monatelang, dass das Atomkraftwerk in Lingen am Jahresende ausgebrannt und schon daher als Winterreserve nicht nutzbringend sei. Dann kommt zu Wochenbeginn  das „Kanzler-Machtwort“ und jetzt ist plötzlich alles anders. Harte Fakten dazu finde ich im Netz eher versteckt und zwar diese:

Die Erweiterung der drei verbleibenden deutschen Kernreaktoren kann vom 1. Januar bis 15. April 2023 weitere 5 TWh Strom produzieren. Das sagt der Gesetzentwurf, der am Mittwoch vom Habeck-Ministerium veröffentlicht wurde. Durch den Weiterbetrieb des Reaktors im Emsland A in die Kernenergiereserve werden zusätzlich 1,7 TWh Strom produziert.

Der Reaktor, der dem Energieversorger RWE gehört, sollte ursprünglich Ende dieses Jahres außer Betrieb genommen werden, aber am Montag verlängerte die Bundesregierung seinen Betrieb, um die Versorgung und Netzstabilität inmitten der durch den russischen Krieg in der Ukraine ausgelösten Energiekrise zu sichern.

Im vergangenen Monat hatte die Bundesregierung mit den Energieunternehmen Eon und ENBW, den Eigentümern der Reaktoren Isar 2 (1,4 GW) und Neckarwestheim 2 (1,3 GW), eine Vereinbarung getroffen, um die Betriebsdauer dieser Meiler über das gesetzlich durch die Regierungskoalition von CDU/CSU und FDP vor 11 Jahren als Gesetz eingebrachte und verabschiedete Atomausstiegsziel hinaus bis zum 15. April 2023 zu verlängern.

Durch den Reservebetrieb der nunmehr drei Kernkraftwerke könne eine Stromknappheit „so weit wie möglich“ vermieden werden, heißt es in dem auf seiner Website veröffentlichten Gesetzesentwurf des Ministeriums. Sie würden auch den Bedarf an Netzausgleichsmaßnahmen um 0,5 GW auf 4,6 GW reduzieren, während das Ministerium erwartet, dass der Streckbetrieb den Gasverbrauch im Stromsektor um 0,9 TWh in Deutschland und 1,5 TWh im Ausland senken wird.

Das Emsland-AKW muss allerdings Ende Januar für etwa zwei bis drei Wochen vom Netz genommen werden, um die Brennelemente im Reaktorkern neu zu konfigurieren, teilte das Ministerium mit. Danach kann es bis zum 15. April laufen, wobei die Leistung in diesem Zeitraum weiter abnimmt.

Isar 2 soll ab heute für rund 10 Tage zur Wartung vom Netz genommen werden und kann danach bis Anfang März laufen. Anfangs kann es mit 95 % der Kapazität laufen, sagte das Ministerium, und sinkt gegen Ende auf etwa 50 %. Insgesamt soll Isar 2 zusätzlich 2 TWh Strom produzieren.

Neckarwestheim 2 wird bis zum Jahresende vom Netz genommen, um den Kern der Einheit neu zu konfigurieren, was zwei bis drei Wochen dauern könnte, sagte das Ministerium. Nach dem Stopp kann die Einheit zunächst 70 % produzieren, die bis zum 15. April auf 55 % sinken sollen. Insgesamt soll die Einheit zusätzlich 1,7 TWh produzieren.

Übrigens schreibt das Bundesumweltministerium: „AKW müssen in regelmäßigen Abständen grundlegend auf ihre Sicherheit überprüft werden, mit so genannten Periodischen Sicherheitsüberprüfungen (PSÜ). Eine solche Überprüfung dauert mehrere Jahre und hat in der Regel diverse Sicherheitsnachrüstungen zur Folge. Die letzte derartige Prüfung der drei verbliebenen AKW liegt inzwischen 13 Jahre zurück. Ein zusätzlicher Betrieb durch eine Laufzeitverlängerung würde daher ohne die Erkenntnisse aus einer PSÜ erfolgen und deshalb ein nicht hinnehmbares Risiko darstellen.“

Für das AKW Emsland fand das letzte Mal im Jahr 2009 eine PSÜ statt. Das wurde akzeptiert, weil ihre Betreiberin die verbindliche Erklärung abgegeben hatte, den Leistungsbetrieb einzustellen. Die Anlagen wurde also vor 13 Jahren das letzte Mal „auf Herz und Nieren“ geprüft.

Bedenklich ist nicht nur nach Ansicht des Bundesumweltministeriums, dass manche Befürworter einer Laufzeitverlängerung die Bedeutung dieser ganzheitlichen Sicherheitsüberprüfung herunterspielen und verzerren. Dabei ist die Rolle der PSÜ seit Jahrzehnten unmissverständlich klargestellt – im PSÜ-Leitfaden von 1997 und im internationalen Regelwerk. Übrigens sehen auch die Spitzen der AKW-Betreiberkonzerne die wichtige Rolle der PSÜ ähnlich wie das BMUV. Hinzu kommt, dass das Gesetz ein Erlöschen der Berechtigung zum Leistungsbetrieb nach der dreijährigen Verlängerung vorsieht. Es gibt also einer PSÜ so großes Gewicht, dass ohne sie am Jahresende unwiederbringlich Schluss für das betreffende AKW sein musste. Am 31. Dezember 2022 war also der Leistungsbetrieb aller drei noch laufenden AKW rechtlich zwingend zu beenden nicht nur aufgrund des gesetzlichen Laufzeitendes, sondern auch weil eine notwendige PSÜ fehlt.

Nun werden trotzdem dreieinhalb Monate auf das Kernkraftende drauf gesattelt. Hoffen wir, dass diese 105 Tage wirklich so ungefährlich sind, wie die Befürworter dies darstellen. Ausgemachter Bürokraten-Quatsch ist nämlich die ministerielle Einschätzung im Gesetzentwurf, dass „die Bürgerinnen und Bürger von den Regelungen dieses Gesetzes nicht betroffen“ seien. An anderer Stelle des Gesetzentwurfs heißt es geradezu treuselig, es gelte nicht zuletzt dem Schutz des Lebens und der körperlichen Unversehrtheit (Artikel 2 Absatz 2 des Grundgesetzes) und dem Artikel 20a des Grundgesetzes Rechnung zu tragen.

Denn alle wissen: Es gibt mindestens drei Gründe, warum Deutschland aus der Atomkraft als Hochrisikotechnologie ausgestiegen ist – nach einem Gesetzentwurf von CDU/CSU und FDP:

  • ihre Nutzung ist risikoreich, Tschernobyl, Fukushima und andere Katastrophen haben es gezeigt.
  • Sie ist teuer und produziert hochgiftige Hinterlassenschaften, mit denen noch viele Generationen fertig werden müssen.
  • Die Sicherheitslage von Atomkraftwerken hat sich im Februar 2022 in Europa radikal geändert. Sie sind zum Kriegsziel des Krieges Russlands gegen die Ukraine geworden, wenige Hundert Kilometer von uns entfernt.

Noch Fragen?

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Foto: AKW in Lingen, © Dendroaspis (oben); Kein Dampf aus dem KKE-Kühlturm, denn das AKW in Lingen steht;  (CC) RobertsBlog (unten), Quellen: Montel, BMWK, BMUV, SPON, Stern, t-online

Leitungen

19. Oktober 2022

Neues zum „Machtwort“ des Kanzlers und seinen Auswirkungen: Nun feiern auch Atomfreunde wie der ehemalige SPD-Stadtratsfraktionsvorsitzende Dr. Bernhard Bendick  („SPD-Politiker“) in der konservativen WELT das Machtwort; er weiß warum, denn er war beim Brennelementehersteller ANF beschäftigt, der seinen Brennelemente-Grundstoff von Putins russischem Rosneft-Konzern bezieht. Jetzt jubelt er über das „Kann-bis-Mitte-April-3023-weiterbetrieben-Werden“ beim KKE. Wenn das KKE denn angesichts ausgebrannter Brennelemente denn betrieben werden kann.

Der Landesverband Erneuerbare Energien (LEE) in Niedersachsen fürchtet jedenfalls, dass mit der längeren Laufzeit des Atomkraftwerkes im Emsland die verfügbaren erneuerbaren Energien in diesem Winter nicht voll ausgeschöpft werden könnten. Allein im vergangenen Jahr seien 2.643 Gigawattstunden erneuerbare Energien aus Windkraft, Solar und Biogas in Niedersachsen abgeschaltet worden, da in den Stromnetzen Kapazität für den Weitertransport fehlte, sagte die Geschäftsführerin Silke Weyberg am Dienstag. Wenn nun das AKW im Emsland länger laufe, werde auch dafür Leitungskapazität benötigt.

In Norddeutschland ist die Windstromproduktion in den vergangenen Jahren stark ausgebaut worden; ich habe darüber am Wochenende geschrieben. Aber größer ist die Stromnachfrage im Süden mit seinen vielen energieintensiven Industrieunternehmen. Für den Transport fehlen allerdings die notwendigen  Stromleitungen. Um die bestehenden nicht zu überlasten, sind teure Maßnahmen zur Sicherung und Stabilisierung des Netzes notwendig. Nicht selten  müssen etwa bestehende Windkraftanlagen dafür abgeschaltet werden.

„Wenn jetzt mehr abgeschaltet wird, durch das Anfahren des Atomkraftwerkes, dann muss man mehr für nicht erzeugten Strom bezahlen. Das ist kaum jemandem klar zu machen“, sagte Silke Weyberg. 2021 habe die abgeschaltete Strommenge aus Erneuerbaren den Steuerzahler in Niedersachsen laut LEE rund 425 Millionen Euro gekostet.

Weyberg zeigte sich, schreibt dpa, über die Entscheidung von Kanzler Olaf Scholz für den befristeten Weiterbetrieb der drei deutschen Atomkraftwerke verwundert. Die Verbandschefin verwies auch auf das Detail, dass es gerade im Emsland viele Biogasanlagen gebe, die neben der Stromerzeugung auch Wärmenetze versorgten. „Wenn diese Anlagen abgeschaltet werden über einen längeren Zeitraum, können sie auch ihr Wärmenetz nicht mehr vernünftig versorgen. Dann bräuchten sie im Zweifel wieder eine konventionelle Wärmequelle“, so Weyberg.

Energiewende: Jetzt!

28. September 2022

Die 2011 gesetzlich verankerte Stilllegung der letzten drei Atomkraftwerke in der Bundesrepublik zum 31.12.2022 wird gestoppt, zwei der über 30 Jahre alten Atom-Meiler sollen bis ins nächste Jahr im Stand-By-Modus verbleiben – die süddeutschen AKW Neckarwestheim 2 und Isar 2. FDP und CDU fordern auch einen Weiterbetrieb des AKW Emsland in Lingen. Die Bundesregierung hat Tür und Tor geöffnet für weitere, absurde Forderungen aus den Reihen der Energiewende-Blockierer – das ist fatal!

In dem Spiel mit der Angst vor einem kalten Winter ist es den Akteuren offenbar gleichgültig, dass Sicherheitsüberprüfungen bei bereits vorhandenen Rissen (wie in Lingen) abgelehnt werden, dass schon kleinste Fehler größtes Unheil anrichten können, dass wir tausenden Generationen ein ungelöstes Problem mit hochgefährlichem Atom-Müll hinterlassen und dass Atomkraft die Energiewende blockiert, die wir und unser Klima so bitter nötig haben.

Zur Sicherung unserer Stromversorgung gibt es bessere Alternativen als Atomkraft: Wind- und Solarenergie, Geothermie, besseres Lastmanagement und eine Steigerung der Energieeffizienz.

Stauchungsbetrieb

8. August 2022

Das AKW in Lingen hat den prosaischen Namen KKE. Es geht heute in 146 Tagen vom Netz. Das hat angesichts der von  konservativen Atomfreunden inszenierten Debatte über einen verlängerten Betrieb der Kernkraftwerke jetzt Niedersachsens Energieminister Olaf Lies (SPD) bekräftigt. „Der Reaktor wird zum Jahresende vom Netz gehen. Alles andere macht keinen Sinn“, sagte Lies in einem am Montag veröffentlichten „Spiegel“-Interview.

„Die Brennelemente sind bereits jetzt derart abgebrannt, dass sie nicht mehr genügend Energie haben, um bis zum Jahresende im Vollbetrieb zu laufen.“ Darum werde das AKW bereits im November in einen sog. Stauchungsbetrieb gehen.

Die Idee, neue Brennelemente für den in Darme liegenden Meiler zu bestellen lehnt der SPD-Mann ab, denn dann „müssten wir diese vier bis fünf Jahre einsetzen, damit die dann so weit abgebrannt sind, dass man sie einlagern kann.“ Dies wäre ein Wiedereinstieg in die Kernenergie. Das wolle man nicht.

Lies: „Für das bayerische Kraftwerk Isar II mag eine zeitlich begrenzte Streckung sinnvoll sein, da die Brennstäbe noch nicht abgebrannt sind und für weitere 120 Tage in Volllast Strom erzeugen könnten.“

Angesichts steigender Preise und drohender Energieknappheit war in den letzten Wochen eine Debatte um den weiteren Betrieb der drei letzten deutschen AKW entbrannt. Umstritten ist dies auch deshalb, weil Atomkraft vor allem zur Stromerzeugung genutzt wird, fehlendes russisches Gas hingegen zur Wärmeproduktion. Befürworter argumentieren auch mit möglichen Stromengpässen. Nach der gültigen Gesetzeslage gehen die verbliebenen AKW Isar 2 in Niederbayern, Emsland in Niedersachsen und Neckarwestheim 2 in Baden-Württemberg zum Jahresende außer Betrieb. Deswegen hatte der Bund auch auf die vorgeschriebene große Sicherheitsüberprüfung der drei Kernkraftwerke verzichtet, die sonst 2019 stattgefunden hätte.

Spoiler:
Und dann gibt es noch den CSU-Vorsitzenden Markus Soeder, den eine besondere  Fähnchen-in-den-Wind-Einstellung ausmacht:


Quelle: SPON, SZ
Foto: AKW Emsland © dendroaspis via flickr

 

Stresstest

27. Juli 2022

Atomkraftwerk Emsland: Niedersachsen bei der Weiternutzung von Kernenergie zwiegespalten

Menschheits(alb)traum

20. Juli 2022

Eine der verblüffendsten Volten der Nachrichtenwelt ist ja derzeit, dass ausgerechnet jene Parteien nun für eine verlängerte Laufzeit der Atomkraftwerke in Deutschland eintreten, die den deutschen Atomausstieg in seiner jetzigen Form bei gleichzeitiger massiver Verhinderung des Ausbaus Erneuerbarer Energien zu verantworten haben. Der Bundestag beschloss am 28. Oktober 2010 eine Novelle des Atomgesetzes (Bundestagsmehrheit durch CDU/CSU und FDP) für eine Laufzeitverlängerung und hob damit den rot-grünen Ausstieg auf, den die rot-grüne Koalition mit der Industrie vereinbart hatte. Das CDUCSU/FDP-Gesetz zur Laufzeitverlängerung trat Ende 2010 in Kraft

Dabei hatte es erheblichen Widerstand gegeben: Im September 2009 demonstrierten über 50.000 Menschen in Berlin, im April 2010 bildeten 120.000 Menschen eine Aktions- und Menschenkette von Krümmel nach Brunsbüttel, im September 2010 trafen sich über 100.000 Menschen zur Umzingelung des Bundestags und im Oktober 2010 demonstrierten 50.000 Menschen in München. Am 12. März 2011 bildeten nach Polizeiangaben rund 60 000 Personen eine Menschenkette vom Kernkraftwerk Neckarwestheim zum Landtagsgebäude in Stuttgart um anschließend dort  auf dem Schlossplatz gegen die Laufzeitverlängerung und die Energiepolitik der Koalition aus CDU und FDP zu protestieren. Tags zuvor hatte Fukushima stattgefunden und dann wurde über Nacht alles zurückgedreht. Die Steuerzahler hat dies Milliarden gekostet.

Das muss man erst einmal hinkriegen, im Dezember 2010 rin und ein Vierteljahr später raus. Inhaltlich soll eine neue, zweite Laufzeitverlängerung trotzdem vernünftig sein, weil hierzulande, sagen die Befürworter, in den nächsten Monaten möglicherweise der Energieträger Gas wegbrechen wird. Auch wenn Atomkraftwerke in Deutschland derzeit nur noch zwischen zwei und drei Prozent zur Energiegewinnung beitragen, sagen sie: Besser ein kleiner Beitrag als keiner. Oder?

Atomkraft Forever – der Dokumentarfilm (in ganzer Länge in der ARD-Mediathek, gibt   eine andere, sehr schön erzählte Antwort. Er ist dabei, wie schon der Titel unterstellt, nicht unparteiisch. Er geht nicht mal darauf ein, dass der wesentliche Rohstoff zur nuklearen Energiegewinnung derzeit in vielen Fällen auch aus Russland kommt, sondern zeichnet anhand der Geschichte der Atomkraft in Deutschland eher die praktischen Probleme nach, etwa die Zigtausenden Tonnen radioaktiven Mülls, dessen Lagerung völlig unklar ist. Oder die vielen Milliarden Euro öffentlicher Gelder, die Betrieb und Ausstieg verschlingen.

Natürlich hat sich in der Nuklearforschung seit dem Bau der derzeit aktiven deutschen Atomkraftwerke viel getan. Doch in diesem Jahr steigt Deutschland endgültig aus der Atomkraft aus. Weil das Risiko zu hoch ist, die Technik nicht beherrschbar. Doch der nukleare Albtraum geht mit Zigtausenden Tonnen radioaktiven Mülls, dessen Lagerung völlig unklar ist, weiter. Mit dem gefährlichen Rückbau der Kraftwerke, der Jahrzehnte dauern und viele Milliarden Euro verschlingen wird. Und mit Nachbarländern, die am Menschheitstraum Kernenergie festhalten: Von 27 EU-Staaten betreiben 13 Atomkraftwerke und der Ausbau dort geht immer noch weiter…


Hinweis: 
Durch irgendwas oder -wen war die „Embedded“-Verlinkung auf den in der ARD-Mediathek sehbare Dokumentarfilm unverhofft entschwunden. Jetzt also der Trailer mit dem Mediathek-Link

AKW Emsland

9. Juli 2022

Heute: Schweigekreis

26. April 2022

Tschernobyl 2022

36 Jahre sind heute seit dem GAU in Tschernobyl vergangen und heute wird Krieg geführt in und um dieses AKW. Das Abkommen der IAEA (Internationale Atomenergie Agentur) ist das Papier nicht wert, auf dem es geschrieben wurde. Während des Angriffskriegs auf die Ukraine-Krieges wurde mehrfach die Stromleitung zerstört, die zur Kühlung der zerstörten über 20 000 Brennstäbe notwendig ist. Am und im Kraftwerk wurde immer wieder gekämpft und es gibt zahlreiche Zerstörungen. Man erkennt: Das ist kein sicherer Einschluss, und es zeigt sehr deutlich das Gefahrenpotential, dass alle Atomanlagen haben.

In unserer direkten Nachbarschaft läuft das AKW in Lingen (Ems) immer noch bis zum 31.12.2022 und die Brennelementefabrik ANF produziert Brennstäbe für Atomanlagen und arbeitet mit russischen Unternehmen im Atombereich zusammen, trotz des Embargos.  Daher findet heute ein

Schweigekreis am Alten Rathaus ab 18 Uhr bis  18.30 Uhr

statt. Es wird der Opfer dieser Katastrophe gedacht. „So lange in Lingen noch ein AKW in Betrieb ist und uns AnwohnerInnen gefährdet, wollen wir der Opfer der Atomindustrie und gegen den Weiterbetrieb der Atomanlagen in Lingen protestieren“, schreibt Gerd Otten (Elternverein Restrisiko) und ergänzt: „Jederzeit kann auch bei uns ein GAU geschehen. Wir müssen Flagge zeigen.“

Der BUND, AGiEL, Bündnis’90/Die Grünen und der Elternverein Restrisiko rufen zur Teilnahme auf.

Der heutige Schweigekreis ist ein besonderer. In eigener Sache informiert Organisator Gerd Otten (Foto lks):

„Dies wird der letzte von mir organisierte Schweigekreis sein. Ich werde in diesem Jahr 75 Jahre alt und habe meine Arbeit erledigt. In den Unterlagen des Elternvereins habe ich eine Anmeldebestätigung der Stadt Lingen für den Schweigekreis im Jahre 1989 gefunden. Also machen wir diese Aktionen bereits mindestens seit 33 Jahren.

Die Schweigekreise wird Alexander Vent weiter durchführen. Über den Elternverein  (Neuer Vorstand oder Auflösung) werden z.Z. Gespräche geführt. Falls jemand einen Vorschlag hat, sollte sie oder er mich informieren.“