Das gab es in dieser Form noch nicht: Das Morgenland Festival Osnabrück 2022 bringt in diesem Frühsommer ein spektakuläres Musiktheaterwerk auf die Bühne. Die Uraufführung der Oper „Songs for Days to Come“ von Kinan Azmeh am Samstag, 4. Juni, im Theater am Domhof, wird gleichzeitig die Eröffnung des Festivals sein.

Bis einschließlich 18. Juni stehen etliche weitere Konzerte mit MusikerInnen aus Ländern östlich des Mittelmeerraums auf dem Programm. Nach zwei kraftzehrenden Jahren präsentiert sich das beliebte Festival wieder in seiner gewohnten Gestalt an fünf Orten in der Stadt. Der Kartenvorverkauf hat soeben begonnen. Auch die Website mit dem ausführlichen Programm ist jetzt online (www.morgenland-festival.com).

Im Rahmen des Festivals und in den folgenden Wochen wird „Songs for Days to Come“ des syrischen Komponisten und Klarinettisten Kinan Azmeh sieben Male im Theater am Domhof zu erleben sein. Entstanden ist die Oper als Ko-Produktion mit dem Theater Osnabrück, dessen Intendant Ulrich Mokrusch die Regie übernimmt. „Die Osnabrücker Kulturszene mit ihrer unkomplizierten Kollegialität ermöglicht es uns in diesem Jahr, über uns hinauszuwachsen“, so Festival-Leiter Michael Dreyer. „Songs for Days to Come“ ist das umfangreichste Projekt, das das Morgenland Festival Osnabrück bislang in seiner Geschichte realisiert hat.

Das Publikum erwartet ein vielschichtiges Mosaik aus Musik, Dichtung und Bühnenbildkunst für Solisten, Schauspieler, Chor und Orchester. Es basiert auf Gedichten zeitgenössischer syrischer Lyriker, die von Liwaa Yazji und Mohammad Abou Laban zu einem Libretto geformt wurden. Inhaltlich befasst sich das Werk mit der jüngsten Geschichte Syriens und den weltweiten Fluchtbewegungen. „Keiner konnte im Jahr 2020, als Kinan Azmeh die ersten Überlegungen für sein Werk anstellte, ahnen, wie traurig aktuell das Thema auch zwei Jahre später sein würde“, sagt Michael Dreyer. Die musikalische Leitung hat Daniel Inbal. Der Kompositionsauftrag wurde durch die Ernst von Siemens Musikstiftung finanziert. Weitere Aufführungstermine im Rahmen des Morgenland Festival Osnabrück sind der 10. und 14. Juni, anschließend wird die Oper noch am 22. Juni, am 1., 3. und 8. Juli zu sehen sein. Deutschlandfunk Kultur und das spanische Radio Nacional werden einen Mitschnitt in ihren Programmen senden.

Schon am Sonntag, 5. Juni, geht es ebenso spannend weiter: Mit dem Projekt „Timbres of Middle-East-Europe“ kommt Mehdi Aminian mit seinem Ensemble in die Lagerhalle Osnabrück. Der im iranischen Isfahan geborene Musiker verließ im Alter von 16 Jahren seine Heimat, um Musik, Musikethnologie und Informationstechnik in Bosnien, Rumänien, Malaysia, Österreich und den Niederlanden zu studieren. Heute lebt und arbeitet er in Wien. Aminians Projekt befasst sich mit den Schnittstellen der Musik des Balkans und des Vorderen Orient.

Am Montag, 6. Juni, präsentiert in der Lagerhalle zunächst das Ensemble Romengo aus Budapest ungarische Roma-Musik: Die experimentierfreudige Gruppe um die charismatische Sängerin Mónika Lakatos steht in der Oláh-Tradition. Sie nutzt Haushaltsgegenstände wie Wasserkannen und Holzlöffel als Instrumente und integriert Elemente aus Jazz und Flamenco in ihre Musik. Eigene Kompositionen werden ebenso zu hören sein wie Interpretationen von Liedern, die von Generation zu Generation in der Familie weitergegeben wurden. Anschließend kommt der legendäre bulgarische Klarinettist Ivo Papasov mit seiner Wedding Band auf die Lagerhallen-Bühne. Der Sohn einer Roma-Familie ist bekannt für seine explosive Mischung aus bulgarischer Volksmusik, Jazz und zeitgenössischen Elementen. Er prägte und bereicherte damit die Musikszene schon lange bevor Balkan-Bands in den 1980er Jahren die Charts stürmten. Der Avantgarde-Rocker Frank Zappa nannte ihn als ein Vorbild.

Am Mittwoch, 8. Juni, werden gleich sieben Werke im Osnabrücker Rosenhof uraufgeführt werden. Die Gesellschaft der Freunde. Morgenland Festival Osnabrück hat im Corona-Jahr 2020 bei Jalgasbek Iles, Dima Orsho, Merima Ključo, Moslem Rahal, Yasamin Shahhosseini, Saman Gambarov und Ibrahim Keivo Kompositionen in Auftrag gegeben, um ihnen in dieser schwierigen Zeit Arbeit zu ermöglichen. Die festivaleigene Morgenland All Star Band wird sie in der Friedensstadt einstudieren und dem Publikum präsentieren. Seit 2012 begeistert die Morgenland All Star Band mit einem globalen Soundgeflecht aus traditionellen Klängen, Jazz und Rock. Die Band vereint einige der herausragenden Musikerpersönlichkeiten des Vorderen Orients mit europäischen Jazzgrößen.

Das niederländische Trio „Under the Surface“ taucht gemeinsam mit dem Publikum mit sphärischen Gesangslinien, nachdenklichen Gitarrenklängen und atmosphärischen Effekten in traumverlorene Welten ein. Die Sängerin Sanne Rambags, der Schlagzeuger und Perkussionist Joost Lijbaart und der Gitarrist Bram Stadhouders vereinen drei Generationen niederländischer MusikerInnen und sind weltweit auf Tour – am Donnerstag, 9. Juni, machen sie Station im Blue Note in Osnabrück und treffen dort auf die junge syrische Sängerin Abeer Albatal und weitere Gäste.

Drei weitere Konzerte folgen in der Lagerhalle: Am Freitag, 10. Juni, sind dort die beiden bosnischen Musikerinnen Jelena Milušić (Gesang) und Merima Ključo (Akkordeon) mit einem von Ključo komponierten Liederzyklus zu hören. Am Mittwoch, 15. Juni, teilen die junge iranische Oudspielerin Yasamin Shahhosseini (Oud) und der legendäre iranische Kamanche-Virtuose Kayhan Kalhor erstmals die Bühne.

In seinem Projekt „I EXIST“ begibt sich am Donnerstag, 16. Juni, der Komponist, Gitarrist und transkulturelle Aktivist Marc Sinan auf eine musikalische Reise zu den mythischen Ursprüngen des Roma-Volkes im nordindischen Rajasthan. Gemeinsam mit Musikern und Künstlern aus Europa und Indien erkundet er die in uralten Erzählungen beschriebene Herkunft und überquert dabei mit Leichtigkeit stilistische Grenzen. Für die Avantgarde-Musikerin Iva Bittová und das Künstlerduo Damian & Delaine Le Bas bedeutet die Begegnung mit diesem Ursprung auch eine Bewegung zurück zu einem Teil ihrer Herkunft.

Zum fulminanten Abschluss des Programms lädt das Morgenland Festival Osnabrück am Samstag, 18. Juni, zum Open Air auf den Domvorplatz ein. Aufgeführt wird ein Projekt, das in Zusammenarbeit mit dem Theater Osnabrück entwickelt wurde: „Young Syrian Generation“ präsentiert fünf junge syrische Komponisten im Zusammenspiel mit dem Osnabrücker Symphonieorchester unter der Leitung von Daniel Inbal. Naīssam Jalal (Flöte und Gesang), Angela Boutros (Klavier), Mevan Younes (Buzuq), Mohannad Nasser (Oud) und Basilius Alawad (Violoncello) wirken dabei auch als SolistInnen mit.

Das marokkanisch-französische Quartett Bab L’Bluz („Das Tor zum Blues“) sorgt in der Weltmusikszene für viel Aufruhr und landete prompt auf Platz eins der Transglobal Music Charts. Am späten Abend des 18. Juni wird die Band das Festival mit einem Auftritt in der Osnabrücker Lagerhalle beschließen.

Tickets und Infos zum Programm sind ab sofort über www.morgenland-festival.com erhältlich. Karten gibt es außerdem bei der Osnabrücker Tourist-Information, unter http://www.adticket.de und bei anderen bekannten Vorverkaufsstellen. Besucher*innen können sich über die tagesaktuellen Corona-Bestimmungen an den unterschiedlichen Veranstaltungsorten zu informieren.


Text: Stadt Osnabrück

Ostermärsche ’22

14. April 2022

Ja, man darf noch auf Ostermärsche gehen. Die traditionellen Ostermärsche der Friedensbewegung waren in den vergangenen zwei Jahren wegen der Corona-Pandemie nicht oder nur unter Einschränkungen und meist allein in alternativen Formaten möglich. 2022 soll es aber wieder in 90 deutschen Städten Ostermärsche geben. 

Auch in Städten Niedersachsens, NRW und in Bremen sind in diesem Jahr wieder Ostermärsche geplant. Wie das Netzwerk Friedenskooperative mitteilte, soll es an Karsamstag  in Emden, Nordenham, Oldenburg und Osnabrück sowie am Ostermontag in Wilhelmshaven Protestmärsche geben. In Bremen ist -nach einer Mahnwache auf dem Marktplatz am heutigen Gründonnerstag- ein Ostermarsch ebenfalls für Karsamstag geplant.

Im benachbarten Westfalen gibt es traditionell den Schulterschluss von Anti-Atom- und Friedensbewegung. In Gronau startet am Karfreitag um 13 Uhr eine Fahrraddemonstration am Bahnhof, gegen 14 Uhr beginnt dann die zentrale Kundgebung an der Urananreicherungsanlage Gronau (Röntgenstraße 4). Auch aus Enschede und Ochtrup sind Raddemos nach Gronau angekündigt. In Münster findet die Ostermarschaktion 2022 unter dem Motto „Waffen nieder! Nein zum Krieg! Eskalationsspirale stoppen! statt; sie beginnt amKarfreitag um 13.30 Uhr auf dem Schlossplatz mit dem Rad.

Alle Antikriegsdemonstrationen stehen in diesem Jahr unter dem Eindruck des völkerrechtswidrigen Angriffs Russlands auf die Ukraine. Aber auch die geplante Aufrüstung der Bundeswehr soll den Angaben der Veranstalter zufolge kritisch hinterfragt werden. Diese Hochrüstung helfe den Menschen in der Ukraine nicht, sagen die Organisatoren. Insbesondere lehne die Friedensbewegung die vorgesehene Anschaffung von Kampfflugzeugen vom Typ F35 ab.

 

düsterer Ort

13. April 2022

Die „Baracke 35“ in Osnabrück war in der NS-Zeit erst Kaserne, dann Kriegsgefangenenlager. Sie wäre als Erinnerungsort geeignet. Aber die Stadt Osnabrück weiß nicht recht. Die taz berichtet:

„Es ist ein düsterer Ort. Der fahle Anstrich der Holzverschalung blättert ab, überzogen von Schmutz und Schimmel. Kabelenden ragen aus den Wänden. Lampenfassungen hängen verbogen von der Decke. Die Wände sind fleckig und voller Löcher. Putz bröckelt. Der Boden des langen Mittelgangs ist ein Wechsel von grauschlierigen Fliesen und zerschlissenem Teppich. Es knirscht unter den Füßen. Es riecht muffig. Staub schwebt in der Luft.

Es gibt Orte, an denen zu spüren ist: Hier ist Schlimmes geschehen. „Baracke 35“ ist ein solcher Ort. 1935 für die Wehrmacht gebaut, war sie ab Ende 1937 Teil der Infanterie-Ausbildungskaserne Osnabrück-Eversheide. 1940 wurde die Kaserne zum Kriegsgefangenenlager Oflag VIc. Bis zu 6.000 Offiziere waren hier untergebracht, hauptsächlich Serben aus Jugoslawien. Hinzu kamen politische Gefangene aus Frankreich und Holland, Russland, Polen und der Ukraine. Am Ende war das Lager rund 40 Baracken groß.

Željko Dragić geht von Raum zu Raum in der einstigen Wach- und heutigen „Antikriegsbaracke“. Er ist Historiker, befasst sich mit Erinnerungskultur, südosteuropäischer Geschichte. Dragić…“

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Dritter Ort

5. April 2022

Osnabrücks CDU-Oberbürgermeisterin Katharina Pötter stellt sich in Sachen Kunsthalle gegen den Osnabrücker Rat. Damit bedroht sie die Kunsthalle in Osnabrück. Zwar nicht gleich abschaffen, aber „integrieren“ will sie sie: Harff-Peter Schönherr beleuchtet die Auseinandersetzung in der taz.

„Zauberworte sind beliebt in der Politik. Eins, das derzeit boomt: „Dritter Ort“. Neben seinem Zuhause und seinem Arbeitsplatz, mahnt es, braucht der Mensch einen Ort, um Gemeinschaft zu leben, Stresslast abzubauen, Entfremdung zu heilen. Viele Kommunen bemühen sich daher, „Dritte Orte“ zu schaffen.
Auch Katharina Pötter (CDU), seit Ende 2021 Oberbürgermeisterin von Osnabrück, hat einen neuen Dritten Ort ins Gespräch gebracht, „im Herzen unserer Altstadt“, mit „Kultur, einer großen Bibliothek und viel Raum zum Verweilen und für Begegnungen“. Da, wo sie ihn sich vorstellt, existiert allerdings schon etwas, seit Anfang der 1990er: die Kunsthalle. Die müsste dann weg. Oder sich verkleinern. Beides wäre ein Profilverlust für die Stadt.
Ihr gehe es „nicht darum, die Kunsthalle abzuschaffen“, sagt Pötter der taz, „sondern sie in ein größeres Konzept zu integrieren“. Die Halle habe „großartiges Potenzial“, aber man müsse „mehr Besucher“ interessieren. Sie frage sich, so Pötter, „ob wir mit dem aktuellen Konzept wirklich noch die überregionale Strahlkraft erzeugen, die wir schon einmal hatten“. Mit den „nackten Zahlen“ könne man „nicht zufrieden sein“.
Und dann rechnet sie auf: einerseits 1,3 Millionen Euro Gesamtkosten pro Jahr, bei zehn Stellen. Andererseits im Vor-Corona-Jahr 2019…“

[weiter bei der taz]

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Foto: Nagelkopf an der Kunsthalle Osnabrück
CC Attribution-Share Alike 3.0 Unported license. Attribution: MrsMyer

Thorsten Heese ist Historiker, Politologe und Kunsthistoriker, ist Kurator für Stadt- und Kulturgeschichte am Museumsquartier Osnabrück. Der 54jährige zeigt auf seinem Stadtrundgang koloniale Orte in Osnabrück. Die Stadt hat massiv an Leinenhosen für Versklavte verdient.

Aufwändig beworben: Osnabrücker Kolonial-Ausstellung von 1913
Foto: Thorsten Heese/Museumsquartier Osnabrück

taz: Herr Heese, welche Rolle hat Osnabrück im Kolonialismus gespielt?
Thorsten Heese: In puncto kolonial-imperiales Bewusstsein war Osnabrück genauso ein Rädchen im Getriebe wie die größeren Akteure Hamburg und Bremen. Auch hier gab es Ortsgruppen der „Deutschen Kolonialgesellschaft“, des „Alldeutschen Verbandes“ und des „Deutschen Flottenvereins“ sowie kolonialistisch gesinnte Militärvereine und Kaufmannsvereinigungen.
Wie stark hat Osnabrück wirtschaftlich profitiert?
Osnabrück hat in der Frühen Neuzeit vor allem am Leinen verdient. Daraus wurden unter anderem „Osnabrücker Hosen“ hergestellt, die versklavte Menschen auf karibischen und amerikanischen Plantagen als Arbeitskleidung trugen. Interessant ist, dass alle profitierten: von der Stadt über die Tuchhändler bis zu den einfachen Flachsbauern und Webern.
Was weiß man über den „Ersten Afrikaner von Osnabrück“?
Einzige Quelle ist eine gedruckte Taufpredigt von 1661. Da steht, dass…

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„Osnabrück post-kolonial – eine Spurensuche“,
Rundgang mit Thorsten Heese: Nächster Termin mit freien Plätzen: Dienstag, 22. März , 16 Uhr. Treffpunkt Museumskasse Museumsquartier Osnabrück, Lotter Str. 2. Maximal 10 Personen. Anmeldung über felix-nussbaum-haus(at)osnabrueck.de

Autokorrektur

16. Februar 2022

Es gibt da schon einiges, was in unserer Stadt für die Mobilität verbessert werden kann. Denken wir mal unerschrocken ( und teilweise auch sehr weit ) voraus:

Wann geht es los mit dem Bahnhofsumbau, der seit Jahren öffentlichkeitswirksam angekündigt wird und doch einfach nicht voran kommt?

Lingen soll und will sich inzwischen außerdem an das werdende S-Bahnnetz Münsterland anschließen; dann fahren Züge hier deutlich öfter nach Süden als zurzeit. Und es braucht eine Direktverbindung ohne Umsteigen nach Osnabrück. Außerdem braucht es einen barrierefreien zweiten Zugang zum Gleis 2 am Bahnhof, wo dann die S-Bahn-Züge starten und ankommen.

Nordhorns Bürgermeister Thomas Berling hat in diesen Tagen die Entwicklung des Schienennetzes Richtung Niederlande also in die Provinzen Drenthe und Groningen ebenso als notwendig unterstrichen wie Richtung Süden nach Gronau. Warum wird nicht über eine schienengebundene Verbindung zwischen Lingen (Ems) und Nordhorn debattiert? Wie wäre es mit einer Machbarkeitsstudie? Nordhorn scheint mir dafür offen zu sein – und die „Macher“ im Emsland? Sie akzeptieren die eingleisigen Engstellen der Emslandlinie nördlich Dörpen und Papenburg. „Die Macher“ sind immer noch auf dem „Wir-bauen-lieber-Straßen“-Tripp und wollen mit inzwischen 1,4 Milliarden Euro eine 4-spurige Straße durch das Hasetal bauen, anstatt dort die Bahnstrecke Richtung Bremen zu schaffen. Ein gestriges Konzept, scheint mir.

Alles Hirngespinste? Wohl kaum. Dies zeigt ein Blick nach Osnabrück, wo sich etwas tut, schreibt gerade die taz:

„Es gibt ja Leute, die sagen: Früher war alles besser. Meist ist ein solches Lob der Vergangenheit verklärender Unsinn. Aber es gibt Fälle, da stimmt es ein wenig. Ein solcher Fall tritt derzeit in Osnabrück zutage.

Es geht um die Machbarkeitsstudie für den Bau einer Stadtbahn, in Auftrag gegeben und finanziert von Stadt und Landkreis Osnabrück. Bis Ende 2022 sollen die Dresdner Verkehrsplaner Köhler und Taubmann (VKT) ihre Potenziale bewerten, ihre Wirtschaftlichkeit, ihre Ausbaubarkeit zur Stadt-Umland-Bahn, die städtebaulichen Konsequenzen.

Ein großer Erfolg für die Osnabrücker Stadtbahn-Initiative (SBI). Seit Anfang der 1990er kämpft sie für ihre Idee einer neuen Straßenbahn. Mitentscheidend war eine Petition von Ende 2020, die über 3.100 Unterzeichner fand, an Infoständen, auf Wochenmärkten, über die Plattform openPetition. Auch AktivistInnen von Fridays for Future hatten Unterschriften gesammelt.

Osnabrück hatte schon einmal eine Stadtbahn. Eine elektrische Straßenbahn, ab 1906. Aber 1960 war damit Schluss. Das System wurde demontiert, die Stadt mehr und mehr zur Autostadt. „Heute sagen fast alle, dass das ein fataler Fehler war“, sagt Johannes Bartelt von der SBI zur taz. „Aber es ist noch nicht zu spät, den Erfolg von damals wieder aufzugreifen.“

Dass Osnabrücks Straßen primär Autoverkehrsraum sind, rächt sich: Staus, Lärm, Abgase, Stress, Feinstaub, zu­ge­parkter öffentlicher Raum, Unfallgefahr für Radfahrer. Eine Stadtbahn könnte das entzerren, meint die SBI. Zudem…“

[weiter hier]

Angesichts der Klimaprobleme kann jedenfalls nicht weiter auf den Individualverkehr gesetzt werden, auch nicht mit E-Autos. Es müssen Alternativen entwickelt werden.

Es geht hier vor allem um die Schiene, aber eine zentrale Alternative ist das Rad, das für kurze Strecken unschlagbar ist, allerdings auch ein Umfeld braucht, damit es gern benutzt wird. Einfache Frage: Warum beispielsweise stehen Kfz trocken in öffentlich finanzierten Garagen, aber Räder allermeist im Regen, wenn man mit ihnen in die Stadt fährt? Eine weitere Alternative ist der schienengebundene Transport von Menschen und Gütern auch in der Region. Ideen gibt es reichlich. Doch für die Umesetzung braucht es den Abschied der einseitigen, Verkehrsplaner sagen „sehr besonderen“ Autoorientiertheit in Lingen oder, um es mit Katja Diehl zu sagen, die Autokorrektur. Dazu müssen belastbare Untersuchungen und Machbarkeitsstudien her.

Bevor übrigens BN-Mann und Stadtplaner Manfred Kunst mit mir schimpft: Ja, es sollte auch untersucht werden, ob angesichts grundlegend geänderter Finanzierungen des Bundes die Bahnstrecke im Lingener Stadtgebiet eine Etage tiefer zu legen ist, um so die Zerteilung unseres „Mittelzentrums mit oberzentralen Teilaufgaben“ in Ost und West zu beenden und viele Hektar neuen Stadtraum zu bekommen.

Spoiler:
Bitte unabhängige Expert*innen fragen und keine Leute, die das zurecht biegen, was unser OB für richtig hält.


Foto: Bahnhof Lingen (Ems) vor rund 100 Jahren (1919)

 

Leugner

12. Dezember 2021

Sprunghaft ist die Corona-Inzidenz am Samstag in Osnabrück angestiegen. Trotzdem skandidierten rund 2.300 Menschen „Eins, zwei, drei, Corona ist vorbei!“ bei einer Demonstration auf dem Heger-Tor-Wall gegen die Corona-Beschränkungen und gegen eine Impfpflicht. Es waren doppelt so viele Leugner des tödlichen Virus als vor einer Woche und mehr als erwartet.

Man kann es wirklich, wie Birgit Siepelmeyer in einem Kommentar auf der NOZ-Seite, bemerkenswert finden, mit welchem Selbstbewusstsein die Demonstrierenden den Anspruch auf den Besitz der alleinigen Weisheit und Wahrheit für sich reklamieren. Denn eine weltweite (!) Pandemie (!) als „Erkältungswelle“ zu bezeichnen, die man mit Vitaminen und gesünder Ernährung „in den Griff“ bekommen kann, „ist einfach ignorant“ (NOZ).

Dabei wollten die Osnabrücker Demonstranten nicht pauschal als Coronaleugner oder Impfgegner bezeichnet werden. Sie halten aber das tödliche Covid-19-Voraus  schlicht für eine Allerweltsinfektion und pochen auf ihre Grundrechte. Während der gesamten Veranstaltung blieb es friedlich und störungsfrei, wie Polizeisprecher Jannis Gervelmeyer bestätigte. Störungen, so fügte er hinzu, habe es lediglich im Verkehrsfluss gegeben. Die Stadt Osnabrück hatte angeordnet, dass die Teilnehmer des Zuges untereinander einen Mindestabstand von 1,5 Metern einhalten sollten. Andernfalls müssten Mund-Nase-Bedeckungen getragen werden. Masken waren allerdings nicht zu sehen, und die Sache mit dem Abstand habe auch nicht überall funktioniert, räumte der Polizeisprecher ein.

Für viele, die gestern mitmarschierten, ist die Pandemie lediglich eine Panikmache der Medien. Die Politik ignoriere den Willen des Volkes, die Demokratie sei „außer Kontrolle“, wurde immer wieder betont. „Wir sind keine Coronaleugner“, rief ein Redner der Kundgebung auf dem Willy-Brandt-Platz, „wir leugnen keine Erkältungsviren“. Dass Covid-19 von Wissenschaftlern und Medien als potenziell todbringende Krankheit beschrieben wird, passt entweder nicht ins Weltbild der Demonstranten, oder es wird relativiert.

Was die NOZ gestern Abend an Aussagen von Teilnehmenden an der Osnabrücker Leugner-Demonstration berichtete, ist abenteuerlicher Sch… und vor allem unwissenschaftlicher Quark. Ich muss gerade an das halbe Dutzend Bekannte denken, die an dem Scheiß-Virus gestorben sind. Jede/r klar Denkende weiß längst, dass es angesichts der Egoisten á la Osnabrück-Demo ohne strikte Impfpflicht nicht geht und wir angesichts der durch Impfgegner und Ungeimpften befeuerten Mutationen des CoVid19-Virus‘ uns schon mal auf Impfung No. 4 vorbereiten dürfen.

Und wo ich das schreibe, besuchen Delta und Omicron gerade diesen unsäglichen Lingener Weihnachtsmarkt und seine trunkenen Besucher und Besucherinnen. Ich höre sie laut und gut.

Entgegen den Zusicherungen von Oberbürgermeister Krone durften die Besuchenden übrigens auch bis 4 Uhr  in der Früh in der Bayernhütte neben der Eisbahn feiern saufen. OB Krone hatte auf ausdrückliche Frage eines grünen Ratsvertreters unlängst gesagt, auch dort sei wie auch sonst auf dem Weihnachtsmarkt längstens um 22 Uhr Schluss. Das war und ist unwahr. 

Arisierung übergangen

8. Dezember 2021

Harff-Peter Schönherr schreibt heute in der taz über Lengermann und Trieschmnn. „L +T“ in Osnabrück hat in der gebeutelten Textilszene einen guten Namen. Das Textil- und Sportkaufhaus in der Osnabrücker Innenstadt ließ sich jüngst für seine 111-jährige Firmengeschichte feiern. Allerdings heißt es erst seit 1935 nach einer „Arisierung“ so. Die wurde übergangen Auf diese Vergangenheit wiesen örtliche Schüler und Schülerinnen in einem Projekt hin. Weil das Unternehmen nicht die Aufstellung einer Gedenkskulptur unterstützen wollte, steht es jetzt unter Druck

Es gibt Situationen, die lösen beides aus: Hoffnung und Frust. Henrik Radewald, Lehrer an der Integrierten Gesamtschule Osnabrück (IGS), weiß, was das heißt. „Wir haben den Blick auf ein gesellschaftliches Problem gelenkt“, fasst er zusammen. „Das ist ein Erfolg.“ Aber wenn es um dunkle Zeiten und um dunkle Taten geht, sind Widerstände genauso wenig weit wie Rückschläge, Fallstricke.
Am Anfang sieht nichts nach einem Wechselbad aus. Mit Jan Müller, einem Kollegen des Gymnasiums Bad Iburg (GBI), betreut Radewald von September 2020 bis Februar 2021 sieben Schülerinnen des Jahrgangs 11 für ihre Teilnahme am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 2020/21. Das Thema des Wettbewerbs lautete „Bewegte Zeiten. Sport macht Gesellschaft“.

Die Schülerinnen erstellen dafür einen 15-Minuten-Podcast zum Thema Antisemitismus. In ihm erzählen sie die Geschichte von Lea Levy, die 1924 [!] als Zehnjährige aus dem Osnabrücker Turnverein (OTV) ausgeschlossen wird, weil sie Jüdin ist. Die Schülerinnen regen einen Gedenk­ort für sie an. Ende September wird der Podcast im Hannoveraner Landtag prämiert.

Danach…

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(Foto: Kaufhaus L + T etwa 1936, Quelle)

Was Münster am 28. Juli 2014 erlebte, gab es in Osnabrück scbon knapp vier Jahre zuvor,  am 28. August 2010.  Wie das benachbarte Osnabrück nach Antworten auf die Klimakrise sucht, beschreibt aktuell die taz. Zur erinnerung: Unser Lingen will im Überschwemmungsgebiet an der Nordlohner Straße in Schepsdorf ein neues Wohngebiet ermöglichen….

„Die A 1 und A 30 waren überflutet, die Bahnlinie Osnabrück– Rheine gesperrt. Tausende Notrufe gingen bei der Polizei ein, Tausende Helfer waren im Einsatz. Der Pegel des Stadtflusses Hase stieg auf 2,73 m über normal. Anwohner wurden evakuiert, Gärten und Straßen standen metertief unter Wasser, Keller und Tiefgaragen liefen voll.

Tage wie diese können sich auch in Osnabrück jederzeit wiederholen. Das ist auch Sven Dee bewusst. Er wohnt im Stadtteil Hellern, am Kampweg, und im Moment sieht dort alles sehr friedlich aus. Ein paar Schritte entfernt ein See mit Schilf und Insel und Blässhühnern, ringsum alter Baumbestand. Auf der anderen Straßenseite Felder, und im Wald dahinter mäandert, sonnenglitzernd, der Stadtfluss Düte.

Aber Dee weiß: Der See, so naturbelassen er wirkt, ist ein Regenrückhaltebecken. Und wenn die Düte über ihre Ufer tritt, wie 2010, können die Helleraner nur hoffen, dass der Strom nicht ausfällt, denn ohne den schweigen die Pumpen.

Dee kennt die Flut von 2010 nur von Fotos, er wohnt dort erst knapp fünf Jahre. Aber er macht sich Gedanken. Zumal, weil auf den Feldern, in Richtung Düte, ein neues Baugebiet entstehen soll, bis dicht heran an ihr Überschwemmungsgebiet, das auf Osnabrücks Hochwassergefahrenkarte rund 300 Meter breit ist – und nur knapp 300 Meter von Dees Haus entfernt.

„Wenn da zusätzlich so viel Fläche versiegelt wird, macht man sich natürlich schon Sorgen, dass bei einem erneuten Hochwasser auch unsere Häuser betroffen sind“, sagt Dee. „Da wurde nicht genug über Alternativgebiete nachgedacht – und an die Anwohner.“ Wir sitzen vor Dees Haus in der brütenden Sonne, trinken Wasser, sehen rüber Richtung Wald. Von dort käme die Flut. Nordwestlich vom Kampweg, wo sich die Düte mit dem Wilkenbach vereinigt, erreicht das Überschwemmungs­gebiet rund 1.000 Meter Breite.

Dee geht oft an der Düte im Wald spazieren. „Wunderschön, klar. Aber manchmal denke ich dann schon dran, was wäre, wenn.“ Dees Wohneigentümerversammlung überlegt, Granulat­schläuche anzuschaffen, als Blockade, zur Wasserbindung. „Die Natur sucht sich ihren Weg“, sagt Dee. „Und das ist auch richtig so. Immer wenn der Mensch in sie eingreift, bekommt er die Quittung.“ Auf der Unterschriftenliste der Anwohnergemeinschaft, die das Baugebiet verhindern will, steht auch seine Unterschrift.

Dee denkt sehr grün. „Wir müssen insgesamt viel klimabewusster leben“, sagt er. „Wir reagieren immer nur, statt langfristig dafür zu sorgen, dass wir nicht immer nur reagieren müssen.“

Das ist ein Satz, den…

[weiter bei der taz]


Foto: Hochwasser – Symbolfoto via pixabay

Entsperrcode

29. April 2021

Auch heute noch einmal etwas aus der regionalen Justiz, dieses Mal von Torsten Kolbe, Vorsitzender der Strafkammer 7 des Landgerichts Osnabrück (Foto) – einer Strafkammer, die nur Berufungssachen gegen Urteile der Amtsgerichte im Landgerichtsbezirk  behandelt:

Kolbe hatte als Vorsitzender der Strafkammer des Landgerichts Osnabrück im Rahmen einer „sitzungspolizeilichen Anordnung“ das Mobiltelefon das Angeklagten „sichergestellt“. Ein Zuschauer hatte nach Urteilsverkündung und Rechtsbehelfsbelehrung behauptet, der Angeklagte habe mit seinem Handy Aufnahmen im Sitzungssaal gemacht. Der Vorsitzende wollte die Vorwürfe überprüfen lassen. Der Angeklagte gab das Handy raus, verriet aber den Entsperrcode nicht. Ärger war also programmiert.

Der Gerichtsvorsitzende behielt das Handy und gab es an die Staatsanwaltschaft weiter. Diese sollte das Gerät auswerten lassen. Dagegen legte der Angeklagte Beschwerde ein. Das Oberlandesgericht Oldenburg hob vor einigen Tagen die Anordnung des Vorsitzenden auf. Sitzungspolizeiliche Anordnungen dienten dem ordnungsgemäßen und störungsfreien Ablauf der Sitzung. Mit der Anordnung habe der Vorsitzende aber klären wollen, ob eine Straftat vorliegt. Auch eine Sicherstellung nach der Strafprozessordnung komme nicht in Betracht. Diese falle nicht in die Kompetenz eines Vorsitzenden, denn für so was sind die Ermittlungsrichter zuständig.

Wieso Zuschauer bei Prozessen Hilfssheriff spielen, werden wir wohl nicht ergründen. Interessant ist aber das Vorgehen des Vorsitzenden. Denn jedenfalls hat er korrekte die Rollenverteilung zwischen der Staatsanwaltschaft als Strafverfolgungsbehörde und dem im Idealfall objektiven Gericht, das über einen konkreten Anklagevorwurf zu entscheiden hat, etwas aus den Augen verloren. Insoweit ein Beispiel für Schulterschlusseffekte zwischen Staatsanwaltschaft und Gericht. Die soll es ja öfter geben.

Endlich kann man aus Verteidigersicht nur davor warnen, unüberlegt Aufnahmen im Gericht anzufertigen. Egal ob als Prozessteilnehmer. Oder als Zuschauer. Wie man sieht, ist das Handy schnell weg und ein Verfahren droht. Aus dem Schneider ist der Osnabrücker Betroffene durch die Klarstellung des Oberlandesgerichts nämlich nicht. Der Senat weist nämlich im Schlusssatz seiner entscheidung ausdrücklich darauf hin, dass der Ermittlungsrichter noch tätig werden und das Mobiltelefon beschlagnahmen könne.

(OLG Oldenburg, Beschl. v. 22.03.2021 – 1 Ws 81/21 –)

Ein Beitrag des LawbLog, Udo Vetter. Foto: LG Osnabrück, CCs. Archiv v. 15.6.2013