Entsperrcode

29. April 2021

Auch heute noch einmal etwas aus der regionalen Justiz, dieses Mal von Torsten Kolbe, Vorsitzender der Strafkammer 7 des Landgerichts Osnabrück (Foto) – einer Strafkammer, die nur Berufungssachen gegen Urteile der Amtsgerichte im Landgerichtsbezirk  behandelt:

Kolbe hatte als Vorsitzender der Strafkammer des Landgerichts Osnabrück im Rahmen einer „sitzungspolizeilichen Anordnung“ das Mobiltelefon das Angeklagten „sichergestellt“. Ein Zuschauer hatte nach Urteilsverkündung und Rechtsbehelfsbelehrung behauptet, der Angeklagte habe mit seinem Handy Aufnahmen im Sitzungssaal gemacht. Der Vorsitzende wollte die Vorwürfe überprüfen lassen. Der Angeklagte gab das Handy raus, verriet aber den Entsperrcode nicht. Ärger war also programmiert.

Der Gerichtsvorsitzende behielt das Handy und gab es an die Staatsanwaltschaft weiter. Diese sollte das Gerät auswerten lassen. Dagegen legte der Angeklagte Beschwerde ein. Das Oberlandesgericht Oldenburg hob vor einigen Tagen die Anordnung des Vorsitzenden auf. Sitzungspolizeiliche Anordnungen dienten dem ordnungsgemäßen und störungsfreien Ablauf der Sitzung. Mit der Anordnung habe der Vorsitzende aber klären wollen, ob eine Straftat vorliegt. Auch eine Sicherstellung nach der Strafprozessordnung komme nicht in Betracht. Diese falle nicht in die Kompetenz eines Vorsitzenden, denn für so was sind die Ermittlungsrichter zuständig.

Wieso Zuschauer bei Prozessen Hilfssheriff spielen, werden wir wohl nicht ergründen. Interessant ist aber das Vorgehen des Vorsitzenden. Denn jedenfalls hat er korrekte die Rollenverteilung zwischen der Staatsanwaltschaft als Strafverfolgungsbehörde und dem im Idealfall objektiven Gericht, das über einen konkreten Anklagevorwurf zu entscheiden hat, etwas aus den Augen verloren. Insoweit ein Beispiel für Schulterschlusseffekte zwischen Staatsanwaltschaft und Gericht. Die soll es ja öfter geben.

Endlich kann man aus Verteidigersicht nur davor warnen, unüberlegt Aufnahmen im Gericht anzufertigen. Egal ob als Prozessteilnehmer. Oder als Zuschauer. Wie man sieht, ist das Handy schnell weg und ein Verfahren droht. Aus dem Schneider ist der Osnabrücker Betroffene durch die Klarstellung des Oberlandesgerichts nämlich nicht. Der Senat weist nämlich im Schlusssatz seiner entscheidung ausdrücklich darauf hin, dass der Ermittlungsrichter noch tätig werden und das Mobiltelefon beschlagnahmen könne.

(OLG Oldenburg, Beschl. v. 22.03.2021 – 1 Ws 81/21 –)

Ein Beitrag des LawbLog, Udo Vetter. Foto: LG Osnabrück, CCs. Archiv v. 15.6.2013

Mittagspause

28. April 2021

Über die Mittagspause in der regionalen Justiz:

Das Amtsgericht Osnabrück verurteilte am Montag einen 43-jährigen Georgier wegen Diebstahls zu einer Freiheitsstrafe von einem Monat. Die Vollstreckung der Freiheitsstrafe wurde nicht zur Bewährung ausgesetzt.

Der Angeklagte entwendete am 22.04.2021 gegen 12:00 Uhr eine Powerbank im Wert von 9,99 Euro in einem Drogeriemarkt an der Großen Straße in der Osnabrücker Innenstadt. Nach Verlassen des Kassenbereichs sprach ein Ladendetektiv den Angeklagten an und hielt ihn fest.

Während der Angeklagte noch mit dem Ladendetektiv rangelte, wurden zwei Staatsanwältinnen auf die Situation aufmerksam, welche sich in ihrer Mittagspause in die Innenstadt begeben hatten. Eine der Staatsanwältinnen erkannte den Angeklagten sofort wieder, da er nur etwa 30 Minuten zuvor ebenfalls in einem beschleunigten Verfahren vor dem Amtsgericht Osnabrück unter ihrer Mitwirkung wegen Diebstahls zu einer Geldstrafe verurteilt worden war. Diesem Verfahren lag ein Diebstahl von Zigaretten im Wert von 144,- Euro vom 21.04.2021 zugrunde. Die Staatsanwältinnen informierten die Polizei, welche den Ladendieb erneut festnahm.

Zur montäglichen Hauptverhandlung wurde er auf Antrag der Staatsanwaltschaft wiederum im Amtsgericht vorgeführt. Der Angeklagte gestand die Tat, konnte indes keine für das Gericht nachvollziehbare Erklärung für seinen Aufenthalt in Osnabrück nennen. Da die am Vortag verhängte Geldstrafe den Angeklagten nicht nachhaltig beeindruckt hatte, erkannte der zuständige Richter nunmehr auf eine Freiheitsstrafe. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

(Quelle: PM AG Osnabrück)

Buren-Skandal

23. März 2021

Das Emslandmuseum berichtet just in seinem Blog über den Buren-Skandal vor drei Jahren und hat herausgefunden, dass der Skandal kein Skandal war. Eine wunderbare Emslandgeschichte:

Mit großem Widerhall in Presse und Medien wurde 2018 das große Ortsjubliäum „1200 Jahre Emsbüren“ kurzerhand abgesagt, weil sich die entsprechende Urkunde zum Jahr 819 als Fälschung des 10. Jahrhunderts herausgestellt hatte. Das hatten die Historiker zwar schon Jahre vorher herausgefunden, aber nun hatte es sich auch bis Emsbüren herumgesprochen.

Noch bevor man die Hintergründe dieser Fälschung auf sachlicher Ebene erst einmal diskutiert hatte – eine gefälschte Urkunde enthält in der Regel auch viele zutreffende Informationen, sonst wäre sie ja nicht glaubwürdig – fürchtete die Emsbürener Geistlichkeit um ihre eigene Glaubwürdigkeit beim Jubiläum und wandte sich in ihren Gewissensnöten an die vorgesetzte Dienststelle der Diözese, die sich mit solcherlei Anfragen wohl auch nicht jede Woche beschäftigt.

In erstaunlicher Geschwindigkeit kamen dabei Historiker des Bistumsarchivs in Osnabrück, die bislang nicht unbedingt durch Forschungen zum Mittelalter in Erscheinung getreten waren, zu dem aus kirchlicher Sicht – wen wunderts – unanfechtbaren Urteil, dass man auf Grundlage einer gefälschten Urkunde keinen echten Geburtstag feiern dürfe. Kirche ist ja bekanntermaßen stets um Wahrheit und Transparenz bemüht. Etwas erstaunt ist man da schon, denn wenn der Grundsatz, dass Dinge aus der Vergangenheit, für die man keinen urkundlichen Nachweis besitzt, nicht gefeiert werden dürfen, dann dürfte ja gerade in der katholischen Kirche, wenn man’s zu Ende denkt, so manches nicht gefeiert werde. In Emsbüren hielt man sich jedenfalls an die Ansage aus Osnabrück zur Absage des Jubiläums.

Unrecht – wie der namhafte Mittelalter-Historiker Prof. Dr. Manfred Balzer jetzt in einem umfangreichen Beitrag in der wissenschaftlichen Zeitschrift „Nordmünsterland“ (Bd. 8, 2021) erläutert.

Balzer kommt nämlich zu dem Ergebnis, dass der im Mittelpunkt der gefälschten Urkunde von 819 stehende Abt Castus in Visbek identisch ist mit jenem Castus oder Gerbert, der als Schüler und Weggefährte des Heiligen Ludgerus schon lange bekannt ist. Auf breiter Quellenbasis stellt Balzer heraus, dass die in der Falschurkunde von 819 genannten Orte sehr wohl als Freren und Emsbüren identifiziert werden können und dass auch absolut wahrscheinlich ist, dass diese Orte um das Jahr 820 schon existierten und über eine Kirche verfügten.

Hat er oder hat er nicht ? – Ludgerus als Gründer der Kirche in Emsbüren am dortigen Kirchenportal

Im Verlauf seiner Darstellung kommt Balzer zu dem Ergebnis, dass der Diakon Castus zur Sippe des heidnischen Sachsenherzogs Widukind gehörte. Sein Familienzweig verfügte über erhebliche Besitzungen im heutigen Oldenburger Münsterland, im Osnabrücker Nordland sowie auch im Südlichen Emsland. Castus stiftete seinen Erbteil, das waren vor allem Bauernhöfe, zum einen für das Kloster Werden, das sein Lehrer Ludgerus gegründet hatte, und zum anderen für ein von ihm selber gegründetes kleines Kloster in Visbek, das später samt allem Zubehör in den Besitz des Klosters Corvey an der Weser gelangte.

Zu diesen Stiftungen des Castus gehörten auch zahlreiche Höfe und die Zehnteinnahmen in Freren, die später an Corvey fielen, sowie Höfe in Schale, die das Kloster Werden erhielt. In Schapen richtete dieses Kloster schon im 9. Jahrhundert einen Haupthof ein, der die zahlreichen Einnahmen der Mönche aus der Umgebung sammelte, und errichtete dort schon früh eine Kirche unter dem Patronat des Heiligen Ludgerus.

Emsbüren hat durch den vermeintlichen Skandal um die gefälschte Urkunde nicht nur sehr viel Staub aufgewirbelt, sondern sehenden Auges ein wichtiges Ortsjubiläum verstreichen lassen.

Die Herren vom Bistumsarchiv empfahlen seinerzeit ersatzweise ein Jubiläum zum Jahr 1181 – damals wurde die Pfarrei Emsbüren zum ersten Mal erwähnt. Das Jubiläum wäre dann 2081. Bis dahin ist ja noch Zeit und wer weiß denn, ob es in der Zwischenzeit bezüglich der Echtheit dieser Quelle nicht noch zu neuen Erkenntnissen kommt. Oder zu einem neuen Sturm im Wasserglas.


Quelle und Fotos: Emslandmuseum Lingen;  Literaturhinweis: Manfred Balzer: Abt Castus von Visbek. In: Nordmünsterland. Forschungen und Funde. Bd. 8, 2021.

Risiken meidend

13. März 2021

Durch die Überschuldung der Bremer Privatbank Greensill hat Osnabrücks Haushalt schwere Schäden erlitten. „14 Millionen Euro sind keine Peanuts, vor allem nicht als Verlust. Weil es dazu noch eine chronisch klamme Stadt wie Osnabrück getroffen hat – Gesamtkreditvolumen über 230 Millionen – ist der Zorn groß auf die inzwischen geschlossene Bremer Greensill-Bank. „Was da schiefgegangen ist, war nicht vorherzusehen“, verteidigt sich Osnabrücks Finanzvorstand Thomas Fillep (SPD). Die „strategische Ausrichtung des städtischen Anlagengeschäfts“ sei „Risiken meidend und auf Sicherheit bedacht“.
Vielleicht sind immerhin Teile der 14 Millionen noch zu retten. Aber ob bei Greensill, bei der sie liegen, noch was zu holen ist, steht in den Sternen. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) hat über Greensill jüngst ein Veräußerungs- und Zahlungsverbot verhängt, wegen drohender Überschuldung. Mittlerweile ist die Bank geschlossen. Gegen sie läuft eine Bafin-Klage wegen Bilanzmanipulation.

Osnabrück hält bei den Privatbankiers von Greensill drei Termingeldanlagen. Die Behauptung des Stadtkämmerers, aufgrund des „sehr guten Ratings“ habe man von einer „sehr sicheren Anlageform“ ausgehen müssen, bleibt nicht unwidersprochen. „Schon weit bevor der letzte, größte Betrag von 11,5 Millionen Euro Mitte November 2020 zu Greensill ging, gab es klare Anzeichen dafür, dass sich die Bank negativ entwickelt“, sagt etwa Michael Hagedorn, finanzpolitischer Sprecher der Osnabrücker Grünen. „Wir müssen jetzt aufklären, was da abgelaufen ist.“
Die 2019 beschlossene „Finanzrichtlinie 2.0“ der Stadt Osnabrück gestattet…“

[weiter bei der taz]

Nachtrag.
Lingen(Ems) hat übrigens nach Auskunft der Stadtkämmerin keine Guthaben- oder Anlagekonten bei Greensill.

Vorstrafe

3. Februar 2021

Das Landgericht Osnabrück (Foto) hat Mitte Januar einen Mann wegen fahrlässiger Körperverletzung zu einer Geldstrafe von 20 Tagessätzen à 25 Euro verurteilt. Einer seiner unangeleinten Schäferhunde hatte in Quakenbrück eine Frau angefallen. Diese war gestürzt und hatte sich dabei eine Halswirbeldistorsion und eine Kopfprellung zugezogen.

Laut dem Urteil hatte der Angeklagte seine zwei Hunde zwar zurückgerufen, als diese auf die Frau zuliefen; ein Tier hörte aber nicht auf ihn.

Fahrlässigkeitsdelikte sind die Deliktsgruppe, mit der man schneller zu tun bekommt, als einem häufig lieb ist. Für eine Strafbarkeit wegen fahrlässiger Körperverletzung reicht eine Sorgfaltspflichtverletzung aus, und zwar bei objektiver und subjektiver Vorhersehbarkeit der eingetretenen Folgen. Vorsätzlich im klassischen Sinn muss man gerade nicht handeln.

Bei der Vorhersehbarkeit und der Vermeidbarkeit neigen Gerichte in der Praxis gerne dazu, beides zu bejahen, obwohl das in der konkreten Situation nicht der Fall war, argumentiert RA Dr. André Bohn im LawBlog. „Dieses Phänomen ist psychologisch als sogenannter Rückschaufehler bekannt: Die Justiz stellt im Nachhinein überhöhte Anforderungen an den Betroffenen, das heißt, es wird ein zu strenger Sorgfaltsmaßstab angelegt.“

Im Hundefall war es aber doch eher eindeutig. Dass man einen Schäferhund, der offensichtlich nicht richtig hört und damit in gewisser Weise unberechenbar ist, anleinen muss, dürfte kaum zweifelhaft sein – und zwar auch dort, wo kein ausdrücklicher Leinenzwang besteht. Hundehaltern sollte auf jeden Fall klar sein: Sie können eine strafbare Körperverletzung auch durch ihr Tier begehen.

(Az. LG Osnabrück, Urt. v. 20.01.2021, Az. 5 Ns 112/20; das Urteil ist nicht rechtskräftig)

Ausführlicher Bericht in der Legal Tribune Online (LTO)

via LawBlog Udo Vetter (RA Dr. André Bohn)


Foto LG Osnabrück, CC s. Archiv v. 15.06.2013)

Stefan „Niggi“ Niggemeier ist aktuell wohl der bekannteste Medienjournalist im Land. Zusammen mit Boris Rosenkranz -früher taz und NDR- präsentiert er das Medienblog „UEBERMEDIEN“. Geboren im Harderberg nahe Osnabrück sammelte er nach dem Abitur bis 1993 erste berufliche Erfahrungen  als „fester freier Mitarbeiter“ bei der Neuen Osnabrücker Zeitung in seiner Heimat. Oder um seine „Offenlegung, natürlich“ zu zitieren:

„Ich habe vor rund 30 Jahren für die „Neue Osnabrücker Zeitung“ über Kaninchenzüchter, Karneval und Kommunalpolitik berichtet.“

Weihnachten war er zuhause im Osnabrücker Land, und jetzt bekannte er darüber bei UEBERMEDIEN dies:

„Ich hatte ja keine Ahnung! Ich war nur über Weihnachten für ein paar Tage in die alte Heimat gefahren und wusste nichts von dem Aufruhr, der die Region erfasst hat, seit RTL Mitte November bekannt gegeben hatte, dass der nächste Mann, dem in der Show „Der Bachelor“ knapp zwei Dutzend paarungswillige Kandidatinnen zugeführt werden, aus Osnabrück kommt.

Aus Osnabrück!

Und es kommt noch besser: Der Mann ist nicht irgendein Osnabrücker, nein: Es ist der Sohn des Oberbürgermeisters!

Die „Neue Osnabrücker Zeitung“ (NOZ) beschloss dann offenkundig, aus dieser Nachrichtenlage, die ihr beschert wurde, das Beste Meiste zu machen. Doch trotz ihres heftigen Buhlens um Aufmerksamkeit sieht es bislang nicht nach einer Liebesgeschichte zwischen dem Lokalblatt und dem Lokalbatsch aus.

Es beginnt alles ganz konventionell: Am Tag, als RTL die Personalie verkündete, klöppelte die NOZ aus dem PR-Material des Senders einen nachrichtlichen Artikel zusammen. Sie notiert, dass Niko Griesert 1,91 Meter groß und sportlich sei und „einfach immer gerne neue Sachen dazu“ lerne. Seine Wunsch-Partnerin solle „das Herz am rechten Fleck haben“ und „sich selbst nicht ganz so ernst nehmen“, das tue er nämlich auch nicht. Griesert sei Vater einer neunjährigen Tochter, die mit ihrer Mutter in den USA lebe und ihm alles bedeute.

Die Eskalation beginnt am nächsten Tag. „Fünf Dinge, auf die wir uns freuen“, formuliert Daniel Benedict. Benedict ist Online-Redakteur der Zeitung, aber ausweislich seines Autorenprofils auch „Zeitungspate des Bereichs Dschungelcamp“, was einerseits rätselhaft klingt, andererseits womöglich einiges erklärt.

Sein Text ist ein Ritt auf der Rasierklinge; eine gewagte Mischung aus Lokalstolz und Lokalverachtung, aus gut gelaunter Ironie und übertriebenem Wichtignehmen. Er fragt:

Hat Niko das Zeug zum OSfluencer? Hält die Stadt des Westfälischen Friedens den Zickenkriegen der Kuppel-Show stand? Und wird die Nation jetzt endlich begreifen, dass Osnabrück weder Oldenburg ist noch Saarbrücken?

Benedict weiß, dass RTL „traditionell“ schon in der ersten Folge an Orte führe, „die den Titelhelden prägten“:

Vor einem Millionenpublikum kann eine Stadt hier ihre schönsten Seiten zeigen. Sebastian beispielsweise, der Vorjahres-Bachelor, posierte im Münchner Wohnghetto seiner Kindheit, er zeigte die U-Bahn-Station, für die ihm wegen Jugendgewalt ein Platzverweis erteilt wurde, und die JVA, in der ihn seine Mutter besuchte.

Auch Osnabrück habe schöne Ecken:

gesellschaftliche Hotspots wie die Halle Gartlage mit ihren Zuchtviehauktionen. Naherholungsgebiete wie den Piesberg, jenen malerischen Steinbruch, in dem die Ladung von 500.000 Müllautos vergraben ist.

Bis an die Zähne bewaffnet mit einer beindruckenden, beunruhigenden Menge an Detailwissen über vergangene „Bachelor“-Staffeln malt sich der Berichterstatter aus, wie der gegen Ende der Show anstehende Besuch im Elternhaus der Auserwählten verlaufen…“

…das Osnabrücker Drama lest bitte weiter bei UEBERMEDIEN
Es lohnt, wie fast immer bei @niggi.

 

OB-Wahl in Osnabrück

17. Januar 2021

Annette Niermann weiß, wie es sich anfühlt, eine Wahl zu gewinnen. 2014 wird sie Bürger­mei­ste­rin von Bad Iburg, als erste Grüne in Niedersachsen. 53,3 Prozent fährt sie ein, deklassiert CDU und SPD. Ob es ihr gelingt, diesen Erfolg in Osnabrück zu wiederholen, wird sich im September zeigen. Da tritt sie an, um Oberbürgermeisterin zu werden. Sollte ihr das gelingen, würde sie mit Anna Kebschull, seit 2019 die bundesweit erste Grünen-Landrätin, eine Doppelspitze bilden. „Das wär natürlich total spannend“, sagt sie. „Da hätte ich echt Lust drauf.“

„Klimagerechter, fahrradfreundlicher, sozialer“ will Niermann Osnabrück machen. Außer ihr steht noch kein anderer Kandidat fest. Selbst Amtsinhaber Wolfgang Griesert (CDU) schweigt bislang, ob er noch mal antritt. Ein kleiner Coup des Vorstands der örtlichen Grünen, so früh den Hut in den Ring zu werfen. Die Parteibasis hat Niermann zwar noch nicht offiziell bestätigt, das steht für Ende Januar an, aber Gegenwind ist nicht zu erwarten – die Unterstützung durch die Ratsfraktion der Grünen ist bisher einstimmig.
Niermann habe in Bad Iburg gezeigt, „dass sie gestalten kann“, sagt Volker Bajus, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Osnabrücker Stadtrat und Landtagsabgeordneter. Es gelte, in Osnabrück „Stillstand und Bedenkenträgerei“ zu beenden. Viele hatten erwartet, Bajus werde selbst antreten, um Griesert abzulösen, den oft blassen Verwalter. Es kommt anders.

Niermann, seit 2002 Mitglied der Grünen, ist 52 und bezeichnet sich selbst als „begeisterungsfähig, zugewandt, experimentierfreudig und lösungsorientiert“. Und als „mutig“. Das muss auch sein, wer in Osnabrück dafür eintritt, die City langfristig autofrei zu machen und Flächenfraß durch neue Baugebiete zu vermeiden. „Das hab ich auch schon zu hören gekriegt“, sagt sie. „Da hieß es dann: Ist ja schon ziemlich radikal, was du da raushaust.“

Niermanns politische Karriere begann 2002 im Rat von Bad Iburg. 2006 wurde sie Mitglied im Kreistag und 2009 Fraktionsvorsitzende der Grünen. Osnabrück kennt sie ebenso gut wie Bad Iburg – sie hat lange dort gelebt, war dort lange Verwaltungsangestellte. Was jetzt das Vordringlichste ist? „Formate zu entwickeln, in denen Wahlkampf möglich ist, in Zeiten von Corona“, sagt sie. Wie sie demnächst von Bad Iburg nach Osnabrück ins Rathaus käme? „Ich hab ja ein E-Auto. Und ein E-Bike, da sind die Berge kein Problem.“

(Ein Beitrag von Harff-Peter Schönherr in der taz; Foto: Annette Niermann und Besucher)

Götz und Theater als Film

22. Dezember 2020

Das Theater Osnabrück zeigt „Götz von Berlichingen“ digital – als Film, der nicht nur Bühnengeschehen dokumentiert. Ein taz-Besuch bei den Dreharbeiten.

Spätmittelalterlicher Nahkampf ist laut. Kettenhemden klirren, Schwerter krachen auf Schilde, Harnische knirschen, Lanzenspitzen verhaken sich ineinander. Schlachtrufe branden auf, Verwundete röcheln sich in den Tod. In einem riesigen Banner wühlt knallend der Wind. Spätmittelalterlicher Nahkampf ist brutal.

Auch an diesem Mittwochmorgen Ende November, im 3. Akt von Goethes brachialem Sturm-und-Drang-Epos „Götz von Berlichingen“: Sechs blutgetränkte Kämpfer des Theaters Osnabrück stechen, hacken, schneiden, stoßen und prügeln aufeinander ein, ringen einander zu Boden, mitten unter ihnen Oliver Meskendahl mit bizarr deutschblonder Mähne, als Titelfigur. Schmerzschreie, Flüche, Wutgebrüll. „Yeah!“, feuert Kampfchoreograf Jan Krauter an. „Ihr macht das geil!“

Er ist der richtige Mann für solche (un-)klassischen Gemetzel. 2019 hat er in Osnabrück Heinrich von Kleists „Die Familie Schroffenstein“ auseinandergenommen, schräg, ironisch, nihilistisch und wild. Damals, als noch Zuschauer ins Theater durften, live, ohne Maske und Mindestabstand.

Es geht um die Grenzen der Freiheit. Darum, dass Gewalt Gegengewalt gebiert. Und der Kill Count ist am Ende wirklich beeindruckend

Seit vier Wochen dreht Foerster jetzt an seinem „Götz“. Jeden Morgen ist Aufnahme, jeden Nachmittag Probe. Dazwischen noch der Schnitt. Es wird ein abendfüllender Film. Am 12. Dezember hat er auf der Theater-Website Premiere, als Stream. „Götz“ ist eine Antwort auf Corona. Der einzige Weg, sich dem Publikum zu zeigen, ist ja derzeit das Video, die Drift ins Digitale.

Den Wandel zum Filmstudio ist das Theater Osnabrück mittlerweile gewohnt: Jüngst lief hier Dominique Schnizers „Tödliche Entscheidung“, ein interaktiver Krimi in drei Folgen, als Livestream, Chat mit dem Regieteam während der Vorstellung inklusive.

Aber heute, an diesem Mittwochmorgen Ende November, ist alles ein bisschen anders. Denn das goethesche Gefecht findet nicht auf der Bühne statt, sondern draußen, auf einem echten Gefechtsfeld, 20 Kilometer von Osnabrück entfernt, in Kalkriese: Für die Kampfszenen steht Foersters Regietisch ganz bewusst dort, wo…

[weiter bei der taz]

Chanukka

15. Dezember 2020

Aus Osnabrück erreichte mich zum vergangenen Wochenende ein Video zu Chanukka von der Jüdischen Gemeinde mit Grußbotschaften und Gesängen aus verschiedenen Ländern, u.a. Osnabrück/Deutschland, Jerusalem/Israel und Riga & Jurmala/Lettland, initiiert vom Verein „Drei Stufen e.V.“ um Kantor Baruch Chauskin und seiner Musikgruppe. Die Gedenkstätte Gestapokeller aus Osnabrück ist mit im Boot. Dauer: ca. 1:10 Std –  geduldiges Hören eröffnet fröhliche Gesänge.

Lichtsymbolik ist ein fester Bestandteil vieler Religionen, nicht nur der Christenheit mit ihren vier Adventskerzen, dem Stern von Bethlehem, der Lichterbaum und dem Licht der Welt. Vom 11. bis 20. Dezember 2020 feiern die Juden in aller Welt das jüdische Lichterfest Chanukka. Es fällt stets auf den 25. Tag des jüdischen Monats Kislew und damit in die Advents- und Weihnachtszeit. Doch mit der Geburt Christi hat dieser Feiertag natürlich nichts zu tun.

Die Juden erinnern mit dem acht Tage dauernden Chanukkafest an die Wiedereinweihung des zweiten Tempels von Jerusalem im jüdischen Jahr 3597 (also 164 vor Christus). Damals befreite Judas Makkabi mit seinen Männern Israel von der Herrschaft der Griechen und führte im Tempel zu Jerusalem wieder den jüdischen Gottesdienst ein.

Der Überlieferung nach wollten die Makkabäer damals die Menora, den großen siebenarmigen Leuchter, neu entzünden, fanden im zerstörten Tempel aber nur noch geweihtes Öl für einen Tag. Zur allgemeinen Verwunderung brannte das Licht aber acht Tage lang, bis man neues Öl beschafft hatte. Daran erinnern die Lichter am Chanukkafest.

Die Feier findet abends im Kreise der Familie statt. Es wird aus der Tora vorgelesen und an vergangene Zeiten erinnert. Die Kinder bekommen kleine Geschenke. Als Festspeise gibt es Ölkrapfen und jüdische Latkes. Diese Speisen sollen an der Wunder des brennenden Öls im Tempel erinnern. Nach Einbruch der Dunkelheit wird täglich ein weiteres Licht oder eine weitere Kerze entzündet, bis am letzten Tag alle 8 Lichter brennen…

Ein Livemitschnitt des Online-Musikabends „Wir feiern Chanukka – das Lichterfest“ 10. Dezember 2020 Livestream aus der Jüdischen Gemeinde Osnabrück , der Gedenkstätte Gestapokeller, aus Riga, Jurmala und aus Jerusalem
Begrüßung – Shimi Lang, Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Osnabrück –
Georg Hörnschemeyer, Vorsitzender des Vereines Gedenkstätte Gestapokeller und Augustaschacht e.V. in Osnabrück –
Lolita Tomsone, Direktor bei Žanis Lipke Memorial, Riga, Lettland
Beitragende Künstler:
Kantor Baruch Chauskin, Osnabrück –
Duo NIHZ (Bobby Rootveld und Sanna van Elst), Nordhorn –
Roman & Ilja Testelec, http://www.Rudaga.lv, Jurmala, Lettland –
Alexei Belousov & Ruth Levin, Israel –
Michel Kahn & CO, Jerusalem.

Es ist eine Veranstaltung im Rahmen des Projektes „Musik mit Musik überwinden“
Gefördert durch Sparkasse Osnabrück, Gemeinde Hasbergen und weitere Partner.
2020 – DREI STUFEN e.V.

Einspruch erfolglos

5. Dezember 2020

Die taz berichtet aktuell über einen Vorgang, von dem gemeinhin die interessierte Öffentlichkeit nichts erfährt. Es geht um die berufsständischen Selbstverwaltung der Ärzte in Deutschland. Sie findet in Ärztekammern statt, die die ihnen aufgrund landesrechtlicher Heilberufe-Kammergesetze übertragenen Aufgaben eigenverantwortlich wahrnehmen. Die Kammergremien werden regelmäßig gewählt. In diesen Tagen zum Beispiel die Kammerversammlung in Niedersachsen, in die der Arzt Dr. med. Steffen Grüner einziehen will. Er steht für die Kammerversammlung der Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN) im Wahlbezirk Osnabrück/Aurich zur Wahl.

Aktuelles Ziel des Allgemeinmediziners, der seit Mai 2020 bereits vorläufiger Leiter der Osnabrücker Bezirksstelle der Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN) ist, ist der Einzug in die Kammerversammlung der ÄKN, das Niedersächsische Ärzteparlament – doch daran gibt es große Kritik. Grüner fiel in der Vergangenheit häufig mit rechten Parolen auf. Auf Twitter stellt er muslimische Männer als generell gewalttätig dar, spricht von „Linksfaschismus“, hetzt gegen Migranten. So postete er zum Beispiel ein Vorher-Nachher-Bild eines muslimischen Pärchens. Vorher sagt sie lächelnd und unversehrt: „Ich war zu Beginn gegen das Kopftuch.“ Nachher: „Aber mein Mann hat mich doch überzeugt.“ Auf dem Nachher-Bild hat sie neben dem Kopftuch ein blaues Auge und ausgeschlagene Zähne.

Grüner kandidiert im Wahlbezirk Osnabrück/Aurich, auf Wahlliste 11, Motto: „Arzt sein verbindet“. Die Wahl läuft noch bis zum 14. Dezember. Würde Grüner gewählt, hätte er Einfluss auf die Ausschüsse, auf das Präsidium.

Das wollen einige seiner Ärztekollegen nicht zulassen. Sie haben Einspruch gegen Grüners Eintragung ins Wählerverzeichnis erhoben, sind damit aber gescheitert. Unter den Gegnern der Kandidatur ist Dr. med. Uwe Lankenfeld, Bezirksausschussvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN). Bis heute weiß er nicht, warum der Einspruch erfolglos war: „Der Wahlausschuss hat die vorgetragenen Argumente gar nicht geprüft.“ Dabei sprechen schon formale Gründe gegen Grüner. Denn Grüner praktiziert hauptsächlich in Westerkappeln in Nordrhein-Westfalen und ist deshab auch Mitglied der Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL). Das hatte schon bei seiner Wahl zum Leiter der Osnabrücker Bezirksstelle der ÄKN für Zündstoff gesorgt; denn die Kammersatzung legt fest, dass den Bezirksstellen Kammermitglieder angehören, „die ihren Beruf überwiegend in deren Verwaltungsbezirk ausüben“ – also in Niedersachsen. Lankenfeld hatte Grüners Wahl angefochten, mit Erfolg. Aber Grüner klagt noch vor dem Verwaltungsgericht, und diese Klage hat aufschiebende Wirkung. Seither schwebt das Verfahren, und Grüner amtiert somit vorerst als Leiter der Bezirksstelle.

In dieser Funktion mochte sich Grüner auch vm Arzt Dr. med. Siegfried Sonneck nicht offiziell distanzieren (Die taz berichtete) – ungeachtet des Imageschadens, den das für die ÄKN bedeutet. Auch Sonneck ist Mitglied der Osnabrücker Bezirksstelle der ÄKN und es läuft derzeit ein Verfahren wegen islamfeindlicher Volksverhetzung gegen ihn. Arzt sein verbindet? Hier sicher nicht. Oder eben doch, unter Gleichgesinnten. Filiz Polat,…

[weiter bei der taz]

(Foto: pixabay)