unboxing: Ökotopia

22. Juni 2021

UNBOXING: ÖKOTOPIA
Planet Zukunft Transformieren
 Zweites Diskurs-Festival des Instituts für Theaterpädagogik
der Hochschule Osnabrück 

Am Freitag25. und Samstag, 26. Juni 2021 findet das Festival „unboxing: Ökotopia“ der Hochschule Osnabrück in Lingen und im digitalen Raum statt.

Die Veranstalter:innen: „Wir thematisieren in Diskussionen, künstlerischen Beiträgen und Bildungsformaten das Verhältnis zwischen Mensch und Planet, auf der Suche nach ökologischen Formen von Leben und Wirtschaften. Es geht um Fragen wie: Welche Art von Wachstum brauchen wir, um eine nachhaltige Produktionsweise zu implementieren? Wie können wir Klimagerechtigkeit zwischen dem Globalen Norden und Süden erlangen? Wie bestimmen Bakterien den Naturorganismus Mensch, und was haben wir mit Tieren gemeinsam?

Künstlerische Höhepunkte sind der humorvolle Film zu unserem Tierverhältnis „Progress vs. Sunsets“ der Künstlerin Melanie Bonajo – Vertreterin der Niederlande bei der Venedig Biennale 2022 – sowie die Tanz-Performance der Künstlerin Agata  Siniarska „The soft act of killing“, über unsere Konzeption des Humanen.“

Die zentrale Diskussion am kommenden Samstag, 26.Juni moderiert Tadzio Müller Es sprechen die Aktivistin Tonny Nowshin, der ehemalige Minister für Energie und Bergbau Ecuadors, Alberto Acosta, die Care-Feministin Elke Krasny und der Vordenker der Postwachstumsökonomie, Niko Paech, Fragen von Klimagerechtigkeit, Postwachstum und Sorge-Arbeit für den Planeten.

„Das Globale und das Lokale hängen zusammen. Deswegen geht es uns darum, auch vor Ort mit anzupacken: Das Festival startet mit einer Kooperation mit dem Naturschutzbund (NABU) Emsland Süd, einer Stadtführung durch die Naturoasen Lingens, sowie einer Zusammenarbeit mit Ihnen bei einer Müllsammelaktion zur Errichtung vom „Lingener Archiv des Öffentlichen Mülls“.

Wir treffen und sehen uns in hybriden Festivalformaten. Wir werden erleben, diskutieren, experimentieren – sowohl analog als auch digital. Im Mittelpunkt steht ein Begehren nach Transformation und das Forschen nach möglichen Ökotopien: nach wünschenswerten und alternativen Zukünften zwischen Mensch und Planet.“

Eine Übersicht aller Programmpunkte, die Links zu den digitalen Angeboten sowie die Möglichkeit der vorherigen Ticketreservierung findet man hier auf der Festival-Website:

Alle Veranstaltungen sind kostenfrei, jedoch braucht man für viele Programmpunkte eine vorherige Anmeldung. Diese ist über die Festival-Website sowie mittwochs und donnerstags von 15 bis 18 Uhr im Büro des Burgtheaters, Baccumer Straße, unter (0591)80098-437 möglich.

Hier der Festivalplaner

Grüner Wasserstoff

27. Mai 2021

Tschernobyl-Tag

26. April 2021

35 Jahre sind heute seit dem GAU im ukrainischen Tschernobyl vergangen. Daran erinnern in unserer Stadt die aktiven atomkraftkritischen Vereine – allen voran der Elternverein Restrisiko, der 1986 gegründet wurde, nachdem es damals die Lingener Stadtverwaltung und die CDU ablehnten, die LingenerInnen über die aktuellen Strahlungswerte auch nur zu informieren. Sie treffen sich am Tschernobyl-Tag

um  17.00 Uhr am Bahnhof

um dann nach einem Gag durch die Innenstadt von 18 – 18.30 Uhr in einem

Schweigekreis
am Historischen Rathaus

der Opfer dieser Katastrophe mit einem Schweigekreis zu gedenken. Vereinsvorsitzender Gerd Otten: „Solange in Lingen noch ein AKW in Betrieb ist und uns Bürger gefährdet, wollen wir der Opfer der Atomindustrie gedenken und gegen den Weiterbetrieb der Atomanlagen in Lingen protestieren.“

Jederzeit könne auch bei uns ein GAU geschehen, schreibt Otten. Wie an dem baugleichen Atomreaktor in Neckarwestheim seien in Lingen die gleichen Wärmetauscher verbaut. „In Neckarwestheim ist festgestellt worden, dass die viele Rohre dieses Wärmetauschers erhebliche an Wanddicke verloren haben. Daher wurden dort alle Rohre überprüft.  In Lingen sind nur wenige Rohre vermessen worden   und man hat daraus geschlossen, dass der Rest noch ausreichend Wanddicke hat. Bei der Atomtechnik ist solch ein Vorgehen unverantwortlich.“

Gerd Otten: „Daneben zeigt die Entwicklung um die Brennelementefabrik in die falsche Richtung. Präsident Wladimir Putin (Russland) und Präsident Emanuel Macron (Frankreich) haben vereinbart, künftig in Lingen (Deutschland) gemeinsam Brennelemente herzustellen. ANF hat die Genehmigung beantragt. Eigentlich hat doch Europa nach der Annexion der Krim ein Wirtschaftsembargo gegen Russland verhängt. Hier aber wird nun zusammengearbeitet. Als Grüne und Linke genaueres über den Deal wissen wollten, wurde der Punkt von der Tagesordnung des Umweltausschusses des Deutschen Bundestages genommen und die Angelegenheit als Verschlusssache deklariert.“

„Dürfen wir in Lingen nicht wissen, was geschieht?“

Zu der Veranstaltung am heutigen Montag rufen der BUND, AgiEL, Bündnis’90/Die Grünen und der Elternverein Restrisiko auf.

Bekanntlich will die Betreiberin der Lingener Brennelementefabrik, der französische Framatome-Konzern, den Einstieg des russischen Atomkonzerns Rosatom in die eigene Brennelementeproduktion. Zu diesem geplanten Geschäft zwischen den beide internationalen Konzernen für die Produktion von nuklearen Brennelementen im Lingener Werk ANF sind am Wochenede weitere Details bekann geworden. Jetzt regt sich Widerstand:

Wie DER SPIEGEL am Wochenende berichtete,sollen 25% des Lingener Unternehmens an TVEL, ein Tochterunternehmen des russischen Staatskonzerns Rosatom, verkauft werden. Für ANF, deren Auslastung bei der Produktion von Brennelementen in den letzten Jahren nach eigenen Angaben bei nur 30% bis 40% lag und deren Betrieb in den vergangenen Jahren wirtschaftlich oft nur durch „Verlustübernahmen“ ermöglicht werden konnte, ist der Russland-Deal ein willkommenes Rettungsmanöver.

Rosatom produziert aber nicht nur für die zivile Nutzung der Atomkraft, sondern leitet auch die militärische Atomindustrie des Landes. Verflechtungen gibt es auch mit der Politik: dem Medienbericht zufolge stammt das radioaktive Gift Polonium-210, mit dem der russische Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko 2006 ermordet wurde, mutmaßlich aus dem TVEL-Standort Majak.

Die Entscheidung über das Atomgeschäft liegt nun beim Bundeswirtschaftsministerium, das die Angelegenheit nach Anfrage von Bundestagsabgeordneten allerdings zur Geheimsache erklärt hat.

„Wenn man bedenkt, dass Russland in den letzten Jahren hunderte Tonnen Atommüll von der Uranfabrik Urenco aus dem westfälischen Gronau angenommen hat erscheint eine Entscheidung des BMWi gegen den russischen Einstieg in Lingen aber eher unwahrscheinlich“, so Alexander Vent vom Antiatom-Bündnis Bündnis AgiEL. „Es ist zu befürchten, dass der sogenannte Atomausstieg in Lingen nicht stattfinden wird. Ganz im Gegenteil, die Atomindustrie wird hier sogar weiter ausgebaut.“

„Was wollen die Atomkonzerne und die Bundesregierung vor der Öffentlichkeit verbergen?“ fragt Heide Maria Kuhnert (Bündnis AgiEL). „Die Bürgerinnen und Bürger haben doch ein berechtigtes Interesse daran zu erfahren, welche Atom-Pläne Frankreich und Russland in unserer Stadt haben. Viele glauben immer noch, mit dem Aus des AKW Ende 2022 wäre die Atomindustrie in Lingen Geschichte, doch das ist leider völlig falsch. Lingen bleibt vom Atomausstieg ausgenommen, die Pläne der Atomfirmen sind geheim, die Öffentlichkeit soll möglichst gar nichts darüber erfahren, was hier wirklich los ist“, so Kuhnert weiter. „Die Bevölkerung darf aber nicht ausgeschlossen werden, wenn es um ihre Zukunft und die Zukunft ihrer Stadt geht!“

Alexander Vent ergänzt: „Wir haben nach den verheerenden Atomkatastrophen in Tschernobyl und Fukushima erkannt, dass Atomkraft nicht beherrschbar ist. Der bundesdeutsche Entschluss zum Atomausstieg war die einzig richtige Konsequenz. Wenn framatome und bald auch Rosatom dafür sorgen, dass Atomkraftwerke in aller Welt, und seien sie noch so alt und marode wie die Meiler in Doel und Tihange (Belgien), Borssele (Niederlande) und Leibstadt (Schweiz), mit nuklearem Brennstoff „made in Lingen“ versorgt werden, dann ist der sogenannte Ausstieg nichts weiter als eine Farce und an Verantwortungslosigkeit kaum zu übertreffen.“

„Anstatt hier Zukunftspläne für neue Geschäfte zugunsten der französischen und russischen Atomindustrie zu schmieden müssen die Brennelementefabrik in Lingen und die Uranfabrik im nahegelegenen Gronau endgültig geschlossen werden! Wir werden deshalb zeitnah zu neuen Protesten aufrufen,“ so Gerd Otten vom Elternverein Restrisiko Emsland.

Am Mittwoch, 21.4.2021, 15Uhr, findet vor der „Halle IV“ an der Kaiserstaße in Lingen eine Protestaktion gegen den Atom-Deal mit Russland und für einen konsequenten Atomausstieg auch in Lingen statt. Bündnis AgiEL und Elternverein Restrisiko Emsland rufen die Bürgerinnen und Bürger zur Teilnahme auf.

(Quellen: SPIEGEL, PM)

 

Fukushima-Schweigekreis

11. März 2021

Mit einem Schweigekreis auf dem Lingener Marktplatz erinnern am Donnerstag, 11. März Atomkraftgegner an die Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima vor zehn Jahren. „Die Katastrophe in Fukushima und ihre anhaltenden Folgen dürfen nicht in Vergessenheit geraten“, erklärte Gerd Otten vom Elternverein Restrisiko und listete auf:

  • „Wer die letzten Monate das Geschehen um die Atomkraft verfolgt hat, konnte feststellen, dass neuerdings Werbung für den Bau neuer Atomkraftwerke gemacht wird.  Dafür  wurde auch auf dem Marktplatz in Lingen geworben.
  • In Frankreich wurde die Laufzeit der AKWs von 40 auf 50 Jahre angehoben, obwohl die Anlagen nur für 40 Jahre ausgelegt sind und  ohne die Sicherheitsbedenken der Kritiker überhaupt anzuhören.
  • Im Bundeswirtschaftsministerium arbeitet ein Mitarbeiter, der Vorsitzender eines Vereines mit Industrienähe ist, der Kläger gegen Windkraftanlagen finanziell unterstützt und so die Energiewende hintertreibt.
  • Aus Gronau wird Atommüll nah Russland verfrachtet, obwohl kein Atommüll exportiert werden darf: Er wird als Wertstoff deklariert.
  • Das Brennelementeunternehmen ANF beantragt in den letzten Tagen die Genehmigung für eine Kooperation mit Russland zur Brennelemente-Herstellung. Frankreich und Russland wollen also eine Atomanlage in Deutschland mit Duldung der deutschen Regierung betreiben.
  • Die niedersächsische und deutsche Atomaufsicht handelte nicht, als ANF Brennelemente trotz eines schwebenden Verfahrens an marode Reaktoren in Nachbarländer transportiert. Das Bundesumweltministerium war entsetzt, es passierte aber nichts.
  • Im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD steht, dass man in dieser Wahlperiode ein Gesetz auf den Weg bringen wollte, dass solche Exporte verbietet. Das ist aufgegeben.
  • Deutsche Energieversorger wie RWE bauen in England ein neues AKW und haben eine Absichtserklärung für den Bau vieler kleiner AKW unterzeichnet und die deutsche Regierung schweigt dazu, obwohl der Atomstrom viel teurer ist als Strom aus regenerativen Anlagen.“

Otten: „Im Moment können wir sagen, ab Ende 2022 betreiben wir kein AKW mehr. Aber – in Eemshaven am Dollart wollen die Niederländer ein neues bauen. Was bleibt vom  Atomausstieg?“

Der Schweigekreis findet heute von 18 – 18.30 Uhr vor dem historischen Rathaus statt.

Heute in zwei Wochen wählen die Niederlande ihr neues Parlament. Am vergangenen Wochenende debattierten die Spitzenkandidaten der Parteien im TV-Sender RTL und dabei passierte etwas, was mich an Ernst Albrecht, weiland Ministerpräsident in Niedersachsen erinnerte. Der hatte Ende der 1970er Jahre die Idee, im Osten unseres Bundeslandes ein Atommüll-Endlager bauen zu lassen. Er ließ den geologisch besseren Salzstock von Wahn im Emsland weiter Salzstoc sein und entschied sich für das praktisch menschenleere Gorleben und damit, was er nicht ahnte, mehr als 40 Jahre engagierten Kampf gegen das Atomklo Deutschlands. Rutte will jetzt im fernen Osten seines Landes ein Atomkraftwerk. Dazu hat er sich den Industriestandort Eemshaven ausgesucht – für die meisten Menschen hierzulande als Hafen für die kürzeste und schnellste Schiffspassage auf die Urlaubsinsel Borkum bekannt. Auch Rutte könnte sich mit diesem Plan jahrelange Auseinandersetzungen mit den Friesen vor Ort einhandeln, die mit Sicherheit die Hilfe der benachbarten Ostfriesen bekommen werden.

Das grenzüberschreitende Nachrichtenportal Noord360 informiert:

„Wird doch ein Atomkraftwerk in unserer Region gebaut? Der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte sieht Eemshaven jedenfalls als möglichen Standort für ein AKW. Das betonte er am Wochenende in einer Diskussionsrunde bei RTL Niederlande.

„Kernenergie“ war eines der Themen der Fernsehdebatte anlässlich der anstehenden Parlamentswahlen am 17. März. Die Parteien VVD, CDA sowie die rechtspopulistische PVV sehen in der Atomenergie die einzige Möglichkeit, die Klimaziele langfristig zu erreichen. GroenLinks und die linksgerichtete SP wollen hingegen konsequent auf Solarenergie, Windenergie, Wasserstoff und Biomasse setzen. Die linksliberale Partei D66 wägt noch ab. Für sie ist Kernenergie nur dann eine Option, wenn sie „nachhaltig, zuverlässig und bezahlbar“ ist.

Für VVD-Parteichef und Ministerpräsident Mark Rutte steht, sagte er in der Diskussion, der Bau eines Atomkraftwerks in Eemshaven im Einklang mit den Ambitionen der Provinz Groningen: „Groningen möchte unbedingt die Energieprovinz sein. Wir steigen dort aus der Erdgasförderung aus. Aber Groningen will auch der Ort für die Energiewende sein – und das bietet enorme Chancen „, sagte Rutte. Nach Ansicht der SP-Parteivorsitzende Lilian Marijnissen wäre der Bau eines Atomkraftwerks in der Provinz Groningen unfair gegenüber der dortigen Bevölkerung: „Jetzt soll ausgerechnet der Provinz Groningen, die schon durch die Folgen der Erdgasförderung gebeutelt ist, auch noch ein AKW zugemutet werden?“, so Marijnissen.

GroenLinks-Provinzvorstandsmitglied Nienke Homan betonte bei Twitter deutlich, dass die Ambitionen der Provinz Groningen im Bereich Energie sicher nicht bei der Kernkraft liegen: „Groningen will die nachhaltige Energieprovinz sein – unter anderem mit grünem Wasserstoff“. Homan machte auch noch einmal deutlich, dass der Bau eines Atomkraftwerkes wegen der regelmäßig auftretenden Erdbeben in der Provinz Groningen nicht sicher sei. Professor Casper Albers von der Universität Groningen stimmte zu und betonte, dass nicht einmal die unbewohnte Wattenmeerinsel Rottumeroog  als sicherer Standort für ein Atomkraftwerk infrage komme (siehe Tweet unten): „Zelfs Rottumeroog valt af.“, auf deutsch: „Selbst Rottumeroog geht nicht.“

Aber wie wahrscheinlich ist es, dass das Kernkraftwerk in Eemshaven gebaut wird?
Viele Lokalpolitiker stehen den Plänen kritisch gegenüber. Dazu gehören auch Politiker*innen aus Ruttes eigener Partei wie Mirjam Wulfse. Sie ist Mitglied des VVD-Provinzvorstands. Ihrer Meinung nach könne Eemshaven alleine schon deshalb nicht als AKW-Standort in Betracht gezogen werden, da dort alle Kapazitäten „für die Wasserstoff-Innovationen“ benötigt werden.
Die Diskussionen um den Bau eines Atomkraftwerkes beschäftigen die Niederlande bekanntlich schon seit längerer Zeit.

NOORD360 hat in diesem Artikel bereits analysiert, wie realistisch der Bau eines Kernkraftwerks in Eemshaven bzw. in der Provinz Groningen wirklich ist.“

Wasserstoff, grün

28. Februar 2021

Ende Januar warb der große deutsche Energiekonzern E.ON in einer Pressemitteilung dafür, mit grünem Wasserstoff zu heizen – das sei der kostengünstigste und sozial ausgewogenste Weg zum Klimaschutz bei der Wärmeversorgung, habe eine Studie ergeben (die E.ON praktischerweise gleich selbst durchgeführt hat). Mit grünem Wasserstoff könne man energetische Sanierungen und die damit verbundenen Mietsteigerungen vermeiden. Schön für den Versorger, weil er so seinem Geschäft mit dem Transport und Vertrieb von Brennstoffen für den Heizungskeller eine Zukunft geben kann.

Auch in anderen Branchen setzen Akteure auf grünen Wasserstoff, um ihre bestehenden Geschäftsmodelle zu sichern. Die Autoindustrie zum Beispiel, die so den Verbrennungsmotor retten will (und damit bei der Bundesregierung sperrangelweit offene Ohren findet, wie die jüngsten Beschlüsse zur Umsetzung der europäischen Erneuerbare-Energien-Richtlinie RED II zeigen).

Und auch auf den politischen Ebenen -ganz besonders im südliche Emsland um Lingen herum- überschlägt man sich mit der PR für all den grünen Wasserstoff, der in Zukunft alle Probleme lösen wird. Nun, all das schient bei näherem Hinsehen ausgesprochen naiv.

Im Spiegel hat Wissenschaftsredakteur Kurt Stukenberg darüber geschrieben, dass der überall gehypte, „breite“ Einsatz von Wasserstoff ein Irrweg ist. Wasserstoff ist mitnichten Allheilmittel für den Klimaschutz. Bei dessen Erzeugung geht nämlich viel Energie verloren. Das macht ihn zum einen sehr teuer. Vor allem aber benötigt man enorme Mengen an Ökostrom, um nennenswerte Volumina an Wasserstoff zu produzieren.

Schon heute, so Stukenberg, reichen die anvisierten Erneuerbare-Ausbaupfade bei Weitem nicht aus, um die Ziele für 2030 zu erreichen.

„Wer von Wasserstoff träumt, muss in erneuerbare Energien investieren und deutlich schneller ausbauen als bisher“,

zitiert er Claudia Kemfert vom wahrlich nicht progressiven Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Wo immer möglich, sollte der Ökostrom direkt genutzt werden, statt den Umweg über Wasserstoff zu gehen. Das vermeidet die hohen Effizienzverluste. Also: Elektroautos statt Benziner mit synthetischem Kraftstoffe im Tank. Und Wärmepumpen statt Wasserstoff im Heizkessel. Der Wasserstoff sollte denjenigen Anwendungen vorbehalten bleiben, die sich nicht elektrifizieren lassen, der Stahlindustrie zum Beispiel oder dem Flug- und Schiffsverkehr.

Alles weitere dazu findet sich hier im SPIEGEL, den man tatsächlich bisweilen noch lesen kann und auch muss, um manch euphorischen Jublern nicht auf den Leim zu gehen.

ps Bei uns in Lingen soll eine dutzende Meter breite Strom-Schneise von der A 31 nördlich Wietmarschen-Lohne quer durch die Wälder im Lohner Sand und der nördlichen Elberger Schlipse geschlagen werden, um dann den Bereich östlich der Bahnstrecke in Darme zu erreichen und den dortigen Endmoränen den Garaus zu machen. Auf vielen Hektar zwischen Bundesbahnstrecke und Bärlocher Chemie soll eine für den „grünen“ Wasserstoff notwendige Konverterstation entstehen, plant Amprion. Vielleicht aber sollte auf die ökologischen Kosten genauer geachtet werden?


Grafik burlesonmatthew auf pixabay
Quelle Ralph Diermann auf piqd

Vergangenen Montag meldete die Lingener Tagespost:

„Die Freiwillige Feuerwehr Lingen ist am Montag, 22. Februar, gegen 11.30 Uhr zum Zwischenlager beim Kernkraftwerk Emsland in Lingen ausgerückt. Alarmiert wurden die Einsatzkräfte durch die Brandmeldeanlage.
Dort angekommen, stellten die Einsatzkräfte fest, dass es nicht brannte. Ein Sprecher der bundeseigenen Gesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ), die das Zwischenlager seit dem 1. Januar 2019 betreibt, erklärte, dass es sich um einen klassischen Fehlalarm gehandelt habe.“

Dazu gibt es hier eine Premiere in diesem Blog: Der Leserbrief, den Alexander Vent an die Lingener Tagespost geschrieben hat, hier ohne weiteren Kommentar. Die Fragen sind nötig. Wann kommt die Antwort?

„Feueralarm im Lingener Atommüll-Lager! Die Feuerwehr rückt aus und stellt vor Ort fest, dass es gar nicht brannte. Ein ,klassischer Fehlalarm‘, so nennt es die Betreiberin, und wir sind beruhigt, weil nichts Schlimmes passiert ist und alles so gut funktioniert hat.

Und doch tun sich zwischen den Zeilen Fragen auf: Warum hat erst die Feuerwehr nach ihrem Eintreffen festgestellt, dass es sich um einen Fehlalarm handelte? Ist denn da sonst niemand auf dem Gelände, der das hochgradig radioaktiv strahlende und Hitze entwickelnde Inventar überwacht?

Gibt es außer diesem einen, offenbar defekten Brandmelder keine weitere technische Kontrolle der Atomanlage?

Wird ein Brandmelder, der Feuer meldet, wo keines ist, denn wohl Alarm auslösen, wenn es wirklich mal brennt?

Wie kann es überhaupt sein, dass das Brandmeldesystem im Lingener Atommüll-Lager defekt ist? Wird es nicht regelmäßig überprüft?

Ich gebe zu: Die Brandmelder bei mir zu Hause schlagen auch manchmal grundlos Alarm. Aber das ist für mich okay, die haben nur 20 Euro gekostet, ich habe mehrere davon installiert, und wir haben keinen hochgefährlichen Atommüll im Haus.

Für die Atomanlage in Lingen-Darme ist das absolut nicht okay. Nach diesem Fehlalarm sollte die Betreiberin in höchstem Maße alarmiert sein, und es bleibt zu hoffen, dass das Sicherheitssystem jetzt umgehend überprüft und ausgebessert wird, denn ein Ende dieser ,Zwischen‘-Lagerung ist noch lange nicht in Sicht – und die Castoren werden mit Ablauf ihrer Zulassungsdauer von 40 Jahren garantiert nicht sicherer.“
Alexander Vent, Lingen

Eine wichtige Frage hintendran:
Was geht wohl in den Köpfen der eingesetzten Feuerwehrleute vor, die zu einem Einsatz in das Brennelemente-Zwischenlager alarmiert sind, weil es dort brennen soll?


Foto: CC s. Archiv v. 09.02.2020

Großbaustelle

22. Februar 2021

Wie gut muss es uns doch gehen, wenn in Lingen solche Großbaustellen so zielgenau und entschlossen bewältigt werden!

Im September vergangenen Jahres fuhr ein Kfz gegen die Laterne vor dem Fachwerkhaus Hellmann in der Burgstraße. Und, was soll ich sagen, knapp sechs Monate später ist jetzt Ersatz da.

Also jedenfalls fast! Denn das Leuchtmittel fehlt noch und der Kandelaber drum rum auch. Aber wir sind ja nicht verwöhnt.

Heute beginnt übrigens eine weitere, angeblich 6wöchige Baustelle für die Erneuerung von etwas Bundesstraße in Darme. Auch das lässt mich in Ehrfurcht innehalten und der Leserschaft einen schönen Zeitlupen-Montag wünschen.

peinlich

28. Januar 2021

Ende September 2020 hatte die staatliche Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) einen Zwischenbericht präsentiert, nach dem 54 Prozent der deutschen Landesfläche potenziell geeignet für ein Endlager sind. Von insgesamt 182 erfassten sogenannten Teilgebieten liegen zehn ganz oder teilweise im Emsland.  Zehn Teilgebiete für ein Atommüll-Endlager sind im Emsland aufgelistet. Wegen der Corona-Pandemie kann darüber derzeit „nur online diskutiert und informiert“ werden. Der Landkreis Emsland, seit 70 Jahren geradezu ein Fan von „Atomkraft first“ und Profiteur von AKW-Steuerzahlungen in Millionenhöhe fordert deshalb, schreibt der NDR, „Konsequenzen“.

Die offenbar ernst gemeinte Konsequenz: Der Kreistag-Umweltausschuss hat jetzt beim zuständigen Bundesamt einen Antrag gestellt, „das Auswahlverfahren um ein Jahr zu verlängern“. Der Landkreis Emsland wolle genügend Zeit haben, die Knackpunkte im Zwischenbericht zu finden, sagte Kreisbaurat Dirk Kopmeyer dem NDR. „Es fehlen natürlich Gespräche, es fehlt das Netzwerken, es fehlt Austausch“, so Kopmeyer. Bereits im Oktober vergangenen Jahres hatte sich der Kreistag in Meppen aber einstimmig gegen ein mögliches Endlager für Atommüll im Emsland ausgesprochen.  Weshalb da jetzt noch analoge „Gespräche und Netzwerken“ geben muss, bleibt eher dunkel. Zumal es ja um „rein wissenschaftliche Kriterien“ geht. Da braucht es schwerlich Netzwerken. Abgesehen davon, dass Netzwerken wohl nur für Mauscheln und damit das Gegenteil von Wissenschaftlichkeit steht.

Unter den gelisteten Teilgebieten für ein Endlager sind die Salzstöcke in Lathen, Wahn und Börger. Genau dort erprobt über der Erde die „Wehrtechnische Dienststelle 91“ der Bundeswehr regelmäßig Waffen oder schießt Moor in Brand. Dieser Umstand spielt indes für die Bundesgesellschaft für Endlagerung keine Rolle, betonte deren Geschäftsführer Steffen Kanitz: „Alles das, was über Tage passiert, interessiert erst einmal nicht. Wie schauen in die Tiefe.“ Die Nutzung des Geländes durch die Bundeswehr könne in einer späteren Abwägung Berücksichtigung finden.

Neben Steffen Kanitz beantwortete auch ein Wissenschaftler des Öko-Instituts aus Darmstadt am Dienstag Fragen in der Ausschusssitzung. Saleem Chaudry bewertet im Auftrag des Landkreises den Zwischenbericht für ein Atommüll-Endlager. „Unsere Aufgabe ist es auch zu gucken: Ist dieser Zwischenbericht auch so abgefasst, dass die Auswahl nachvollziehbar ist.“ Und das ist nach Ansicht Chaudrys nicht immer der Fall. Ein Beispiel sei der Salzstock Lathen. Chaudry hat -wie auch immer- einen „identischen Salzstock in Brandenburg“ gefunden – der aber im Gegensatz zu Lathen nicht als Endlager in Betracht komme. „Da fehlt uns die Erklärung. Warum wird der eine Salzstock ausgeschlossen, der andere nicht? Das ist dem Zwischenbericht nicht zu entnehmen“, sagte Chaudry. Nun, das muss es auch nicht. Wenn nämlich der Salzstock Lathen geeignet ist, wird er nicht dadurch ungeeignet, dass „in Brandenburg“ sich auch ein „identisch“ geeigneter Salzstock befindet.

Alles in allem eine peinliche Veranstaltung des Kreistagsausschusses für Umwelt. Jetzt, wo es um die Lasten der Atomkraft geht, zelebriert man das Sankt-Florian-Prinzip, nichts weiter. Früher, als es ums Profitieren ging, war das völlig anders. Da tönte insbesondere die Emsland-CDU uneingeschränkt: Atomkraft, ja bitte.

Übrigens: Aktuell befinden sich im Lingener Brennelemente-Zwischenlager 47 Castorbehälter, die in rund 20 Jahren in ein Endlager sollen.