Bam Is Back

15. September 2020

Kaum eine Branche ist so hart von der Corona-Krise getroffen worden wie der Kulturbetrieb. Während die meisten Clubs, Konzertsäle und Theater immer noch geschlossen sind, öffnen andere wieder unter strengen Hygieneauflagen – darunter auch der Konzertsaal der Bamberger Symphoniker. Zusammen mit der Werbeagentur Serviceplan Campaign feiert das Orchester diese Wiedereröffnung am 17. September mit einem Video in den Social-Media-Kanälen. Darin bringt die Kreativagentur den über die musikfreien Monate angesetzten Staub in dem Konzertsaal vor Freude zum Tanzen.

„BAM is back“ – unter diesem Motto steht der Clip, der seit dieser Woche auf Instagram, Facebook, Twitter und Youtube zu sehen ist. In dem atmosphärischen 90-Sekünder bringen Kunde und Agentur den Staub, der sich in der Corona-Zeit in dem Bamberger Konzertsaal angesammelt hat, zu den Klängen des Orchesters in Bewegung – wenn auch freilich nur mit Hilfe von gelungenen 3D-Animationen. Der Claim „BAM is back“ ist dabei Ausdruck all der Konzepte, Vorbereitungen und Maßnahmen sein, die getroffen worden, damit der Saal wieder öffnen kann.

„Im Video ‚BAM ist back‘ möchten wir ein künstlerisches Statement setzen, das sich mit der aktuellen Lage der Kulturbetriebe auseinandersetzt“, erklärt Marcus Rudolph Axt, Intendant der Bamberger Symphoniker. „Es bezeugt die lange Stille der letzten Monate und auch den Wunsch, diese Stille überwinden zu können und wieder live für ein Publikum spielen zu dürfen. Mit ‚BAM is back‘ feiern wir die Musik, die Rückkehr und die Besonnenheit und wollen die Menschen wieder willkommen heißen, an dem Ort, der sie so lange vermisst hat.“

(Quelle: Horizont)

Entschädigung

12. September 2020

„Der Rechtsstaat muss sich auch daran messen lassen, wie er mit Fehlern umgeht“, heißt es in einer aktuellen Stellungnahme des Deutschen Anwalt Vereins (DAV). Der Anlass für den Hinweis ist die Frage, wie hoch die Entschädigung für zu Unrecht erlittene Untersuchungshaft zu sein hat. Momentan wird eine Erhöhung diskutiert.

Sage und schreibe 25 Euro gibt es derzeit für jeden Tag unrechtmäßiger Inhaftierung. Das sind 750 Euro im Monat, was ungefähr dem Regelsatz für ALG-II-Empfänger inklusive Wohnkosten entspricht. Mit dieser Entschädigung platziert sich Deutschland nach Angaben des DAV als europäisches Schlusslicht.

In der Politik wird momentan eine Aufstockung diskutiert, im Gespräch sind 75 Euro am Tag. Auch das hält der DAV für deutlich zu wenig. Zivilrechtlich seien schon Personen, die andere zu Unrecht beschuldigt hatten, zu einer Entschädigung von 92 Euro pro Tag verurteilt worden. Der Staat dürfe da nicht besser gestellt werden. Der DAV hält deshalb eine Entschädigung von mindestens 100 Euro pro Tag für angemessen.

Schwurbler sagen Demo ab

11. September 2020

Die lokalen Schwurbler („Querdenken 591“)haben die für den morgigen Samstag in Lingen geplante Demonstration gegen die Corona-Schutzmaßnahmen abgesagt. Statt dessen demonstrieren die AKW-Befürworter – etwa für ein Endlager im Emsland…? Man weiß es nicht.

ps „Nach Berlin kommt Hannover“ ist der Mobilisierungsslogan für eine samstägliche Schwurbler-Demo in Hannover. Morgen wollen in der niedersächsischen Landeshauptstadt die selbsternannten Freiheits- und Grundrechteverteidiger*innen auf die Straße gehen. Unter dem Motto „Fest für Freiheit und Selbstbestimmung“ wollen sie vom Waterloo- zum Georgsplatz ziehen.

„Die Veranstalter gingen anfänglich von 1.000 Teilnehmern aus“, sagt eine Sprecherin der Polizei Hannover der taz. Dass weit mehr Corona-Schutzmaßnahmen-Gegner kommen könnten, wird aber nicht ausgeschlossen. Der Leiter des niedersächsischen Verfassungsschutzes, Bernhard Witthaut, warnt, dass auch Rechtsextreme teilnehmen könnten. Maskenverweiger*innen sind wohl auf jeden Fall dabei. Gegenaktionen sind angekündigt.

Dunkelkammer

30. August 2020

In den forensischen Kliniken des Maßregelvollzugs soll psychisch Kranken, die straffällig geworden sind, geholfen werden. Aber in den hochgesicherten Anstalten fehlen Standards und öffentliche Kontrolle. Für die Patientinnen und Patienten ist der Alltag ein Kampf gegen Ungewissheit, Willkür und das Vergessenwerden. Wer von einem Gericht für schuldunfähig befunden wird, darf nicht bestraft werden. Deswegen sind psychisch Kranke im Maßregelvollzug Patienten und keine Häftlinge. Sie sollen Therapie und Unterstützung bekommen, bis sie als ungefährlich gelten. Aber wie genau die Tausenden Menschen in den über 70 Kliniken behandelt werden, ist kaum bekannt. Klar ist nur: Wer einmal dort ist, weiß nicht, ob er jemals wieder entlassen wird.

Was mit psychisch Kranken im Maßregelvollzug passiert, hieß es vor einigen Tagen im DLFKultur. „In der Dunkelkammer des Strafrechts – psychisch Kranke im Maßregelvollzug“ heißt der Titel des Features von Carolin Haentjes und Antonia Märzhäuser. Das DLFKultur-Feature begibt sich damit hinter die Mauern dieses abgeschotteten Systems. Menschen, die dort viele Jahre verbracht haben, berichten von Missbrauch und Willkür. Pfleger und Ärzte erzählen, wie Überforderung und schlechte Arbeitsbedingungen zu Entmenschlichung führen und was passiert, wenn die Gesellschaft wegschaut.

Die geschätzte Leserschaft sollte sich bitte das Feature anhören –  oder lesen. Und in ganzem Umfang. Ist ja Sonntag…


Carolin Haentjes, (geboren 1989) lebt als freie Journalistin in Leipzig. Sie produziert Features und Reportagen für die politischen Magazine des MDR und Sendungen des Deutschlandradios.

Antonia Märzhäuser, (geboren 1989) lebt als freie Journalistin in Berlin. Sie dreht Reportagen und Magazinbeiträge für die ARD und schreibt u.a. für die FAZ und den Tagesspiegel.

 

Anfang nächsten Jahres beginnt an der Uni Bremen ein neuer Masterstudiengang: „Arbeit-Beratung-Organisation. Prozesse partizipativ gestalten“ heißt die berufsbegleitende Weiterbildung für betriebliche Interessenvertreter*innen wie Betriebs-, Personalrät*innen, Gleichstellungs- oder Schwerbehindertenbeauftragte. „Deutschlandweit einmalig“ sei dieser, heißt es in der Mitteilung der Universität.

Träger des Studiengangs sind das Zentrum für Arbeit und Politik (ZAP) der Uni Bremen, die Akademie für Weiterbildung und die Arbeitnehmerkammer Bremen. In drei Themenblöcken, die auch einzeln absolvierbar sind, so erklärt Programmleiterin Simone Hocke vom ZAP, würden verschiedene Kompetenzen gefördert werden. „Betriebsräte beraten viel, meist aber aus dem Bauch heraus.“

Der erste Teil „Arbeitsbezogene Beratung“ soll daher zur Professionalisierung dienen. „Es geht um die Selbstreflexion der eigenen Rolle“, sagt Hocke, um die Vermittlung von Methoden in der Einzel- und Gruppenberatung. Und um die Unterscheidung: „Wann sind Betriebsräte eigentlich in der Position, für die Mitarbeitenden etwas zu regeln – und wann braucht es vielmehr die Unterstützung dieser beim Einstehen für ihre Interessen?“

Außerdem werde in einem weiteren Block vermittelt, was unter guter Arbeit verstanden wird. Expert/innen der Arbeitnehmerkammer seien eng involviert. Zuletzt geht es um „Partizipative Personal- und Organisationsentwicklung“. Betriebsrät*innen, so Hocke, bräuchten Kenntnisse über Veränderungsprozesse im Betrieb, über Organisationsmodelle, über die Beteiligung von Mitarbeitenden – „um strategisch mitzuarbeiten, und nicht nur Feuerwehr zu sein“.

Einige Unternehmen förderten dies bereits, sagt Hocke, „andere haben Interesse daran, dass Betriebsräte lieber nicht zu schlau werden“. Am Ende sei es jedoch immer besser, jemanden zu haben, der Chancen und Risiken abschätzen kann. „Sonst neigt man eher dazu, zu allem erst einmal nein zu sagen.“

Lehrende kommen aus der Wirtschaftspsychologie, Betriebswirtschaftslehre, Soziologie und Politikwissenschaft. „So interdisziplinär ist auch die Arbeit von Betriebsräten“, sagt Hocke. Und ihre Aufgaben würden aufgrund der Veränderungen in der Arbeitswelt komplexer werden. Digitalisierung, demografischer Wandel, Fachkräftemangel und neue Organisationsformen: „Die Tendenz geht stärker zur Arbeitnehmerbeteiligung, daher nehmen Betriebsräte immer mehr eine moderierende Rolle ein.“ Für diese Rolle benötige es entsprechende Fortbildungen.

Neben den strukturellen Veränderungen der Arbeitswelt gehe es schlicht auch um Mitbestimmung, sagt Annette Düring, Geschäftsführerin des DGB Bremen-Elbe-Weser. „Darum kämpfen Betriebsräte jeden Tag.“ Deswegen sei es so wichtig, einen…

[weiter hier bei der taz]

#StopptKinderarmut

19. August 2020

In Deutschland wachsen 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche in finanzieller Armut auf. Das  ist jedes fünf Kind. Das Problem ist seit Jahren bekannt, doch es ändert sich nichts. Darum wurde die Initiative #StopptKinderarmut ins Leben gerufen. Hier ein Beitrag von Anderson Rey & Nicole:

Das MESH Collective, eine außerschulische Bildungsinitiative des Online-Video-Unternehmens Divimove aus der RTL Group, hat jetzt gemeinsam mit der Bertelsmann Stiftung eine Kampagne gegen Kinderarmut gestartet. Reichweitenstarke Influencer berichten darin über ihre eigenen Erfahrungen oder geben Betroffenen eine Stimme. Die  Kampagne #StopptKinderarmut will mit den sechs beteiligten Social Influencern*innen, die auf Youtube insgesamt mehr als 4,3 Millionen Abonnenten erreichen, viele, vor alem junge Menschen ansprechen. MESH-Chefin Julia Althoff: „Ich bin überzeugt davon, dass die Initiative auch mithilfe der prominenten Unterstützung politische Wirkung entfalten kann.“

In den kommenden Wochen werden die Influencer AbdelKati Karenina, Matondo, JustCaan und Leeroy Matata mit eigenen Videos für das Thema Kinderarmut sensibilisieren. Gebündelt werden die Videos der Social Influencer*innen und alle weiteren Bestandteile der Initiative auf stopptkinderarmut.org.

Ebenfalls Teil der Kampagne ist ein bereits in der vergangenen Woche veröffentlichtes Video, in dem von Armut betroffene Kinder und Jugendliche selbst zu Wort kommen. Ihre Berichte konnten sie, abgeschirmt von fremden Blicken, in einer Black Box ablegen:

Die Webseite www.stopptkinderarmut.org informiert über Kinderarmut, damit ihr „euch gegen Kinderarmut einsetzen oder Hilfe finden, wenn ihr selbst davon betroffen seid.“ (Anderson Rey

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Quellen: youtube, horizont.net

Überzuckerungstag

12. August 2020

Der 11. August gestern war „Kinder-Überzuckerungstag“: An diesem Tag hatten Kinder und Jugendliche hierzulande bereits so viel Zucker konsumiert, wie für ein ganzes Jahr empfohlen wird. Das ergibt eine Berechnung der Verbraucherorganisation foodwatch. Angesichts hoher Zahlen von übergewichtigen und fettleibigen Kindern fordert foodwatch Bundesernährungsministerin Julia Klöckner auf, sich für Werbebeschränkungen auf allen Marketingkanälen einzusetzen. Ob mit Influencern über Soziale Medien, mit Comic-Figuren direkt auf den Verpackungen oder mit Werbung im Fernsehen: Nur noch ausgewogene Produkte sollten an Kinder vermarktet werden dürfen.

Süßwaren, Limo und Snacks bescheren der Lebensmittelindustrie besonders große Profite, daher fixt sie Kinder und Jugendliche auf allen Kanälen gezielt auf diese Produkte an. Dies fördert Übergewicht, Adipositas und ernährungsbedingte Krankheiten bei hunderttausenden Kindern und offenbart zugleich das Versagen der Politik, die Schwächsten der Gesellschaft vor den hinterhältigen Strategien der Konzerne zu schützen“, erklärte Luise Molling von foodwatch. „Die Ministerin darf nicht länger tatenlos dabei zusehen, wie die Konzerne mit perfiden Marketingtricks Kinder dick und krank machen.“

Kinder und Jugendliche in Deutschland essen deutlich mehr Zucker als von Fachorganisationen wie etwa der Weltgesundheitsorganisation, der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und der Deutschen Diabetes Gesellschaft empfohlen wird. Die Organisationen empfehlen, dass Minderjährige maximal 10 Prozent der täglich aufgenommen Kalorien durch sogenannte freie Zucker aufnehmen. Tatsächlich aber nehmen Kinder und Jugendliche im Alter von 3 bis 18 Jahren in Deutschland 16,3 Prozent ihrer Tagesenergie aus freien Zuckern auf – also 63 Prozent mehr als empfohlen. Umgerechnet erreichen die jungen Menschen damit schon am 224. Tag im Jahr, dem 11. August, ihr Zucker-Limit für ein ganzes Jahr.

Konkret bedeutet das: Mädchen essen im Durchschnitt mehr als 60 Gramm freie Zucker pro Tag, obwohl sie maximal 38 Gramm zu sich nehmen sollten. Jungs essen im Schnitt mehr als 70 Gramm freie Zucker pro Tag, obwohl sie nicht mehr als 44 Gramm verzehren sollten. Als freie Zucker werden alle Zuckerarten bezeichnet, die zum Beispiel Lebensmittelhersteller ihren Produkten zusetzen, sowie der in Honig, Sirup, Fruchtsaftkonzentraten und Fruchtsäften natürlich enthaltene Zucker. Natürlicherweise in Früchten oder Milchprodukten vorkommender Zucker fällt nicht darunter.

Die Grünen hatten vergangene Woche nach einem entsprechenden Vorstoß Großbritanniens eine Beschränkung der an Kinder gerichteten Fernsehwerbung in Deutschland gefordert. Bundesernährungsministerin Klöckner hatte sich „offen“ für eine solche Regelung gezeigt. foodwatch wies darauf hin, dass das Fernsehen nur einer von zahlreichen Marketingkanälen sei, der von der Industrie für Produktwerbung an Kinder genutzt werde. Eine Regulierung müsse deshalb zum Beispiel auch Influencer-Marketing in Sozialen Medien, Gewinnspiele, Spielzeugbeigaben und Comicfiguren umfassen.

Das WHO-Regionalbüro für Europa hatte Anfang 2015 konkrete Vorgaben definiert, wonach nur noch ernährungsphysiologisch ausgewogene Produkte an Kinder vermarktet werden sollten. Dabei spielen unter anderem die Anteile von Fett, Zucker und Salz, aber auch der Kaloriengehalt oder zugefügte Süßstoffe eine Rolle.

Seit Jahren fordern Fachgesellschaften und Ärzteverbände wirksame Maßnahmen gegen Fehlernährung. Neben Werbebeschränkungen fordern sie eine EU-weit verpflichtende Nährwert-Kennzeichnung in Ampelfarben, verbindliche Standards für die Schul- und Kitaverpflegung sowie steuerliche Anreize für die Lebensmittelindustrie, gesündere Rezepturen zu entwickeln – etwa durch eine Sonderabgabe auf Limonaden.

Grundlage für die Berechnung des „Kinder-Überzuckerungstags“ sind Daten aus der sogenannten DONALD-Studie aus dem Jahr 2016, die das Ernährungsverhalten von mehr als 1.000 Kindern und Jugendlichen untersucht hat. Aktuellere Zahlen zum Konsum von freiem Zucker durch Kinder in Deutschland liegen nicht vor.


Hinweis:
Formel zur Berechnung des Kinder-Überzuckerungstags: 365 Tage / 16,3 Prozent der Energiezufuhr x 10 Prozent der Energiezufuhr = 224. Tag im Jahr (gerundet) = 11. August

Foto: Zucker von pasja1000 auf pixabay; Quelle: foodwatch

Zur Lage

10. August 2020

Es bleibt ja so heiß, wie es nun mal ist. Was also tun? Bitte:

Ein, auch aus Lingener Sicht, ebenso spannendes wie bedrückendes Stück deutsch-jüdischer Geschichte behandelt das in Berlin erschienene, neue Buch „Am Gelände von Herrn Latte fing ein reges Leben an“, das die „Berliner Woche“ jetzt vorstellte. 

Der Beitrag enthält ein Foto von Johannes Jakob aus dem Sommer 2016. Unschwer erkennt man auf ihm Lingens Ehrenbürger Bernard Grünberg (Jg. 1923), der vor mehr als 80 Jahren eine Ausbildung an eben diesem Ort in Berlin-Niederschönhausen machte. Die Dame mit der gepunkteten Bluse ist Eva Seker, geb. Jany, aus Tel Aviv/Israel; sie wurde 1933 in Pankow in der Kissingenstraße geboren, wo ihr Vater bis 1939 einen Großhandel für Landmaschinen unterhielt. Das Fabrikantenehepaar, Selma und Paul Latte (Bild auf der Stele), das ab 1934 mehrere Ausbildungshallen für junge Leute zur Verfügung stellte, waren Evas Großtante und Großonkel. Der Herr (Bildmitte, mit Krawatte) ist Dennis Kew aus Cambridge/GB, Sohn von Leopold „Poldi“ Kuh (später „Kew“), dem damaligen Ausbildungsleiter, der für Bernard Grünberg zum Lebensretter wurde.

Vor vier Jahren waren sie alle in Berlin-Niederschönhausen, als eine bis dahin namenlose Grünfläche zwischen Beuth- und Buchholzer Straße endlich einen Namen erhielt. Benannt wurde sie nach Selma und Paul Latte. Gleichzeitig wurde vor Ort eine kleine Gedenkstätte eingerichtet. An deren Einweihung nahmen Zeitzeugen und deren Angehörige teil, darunter auch Bernard Grünberg. Inzwischen erhielt auch die dortige BVG-Haltestelle den Namen Selma- und Paul-Latte-Platz.

Dieser Benennung ging eine jahrelange Recherche und Beschäftigung mit der Geschichte des nahegelegenen ehemaligen Betriebsgeländes der Flaschenfabrik Latte voraus. Diese wurde in der NS-Zeit zu einer bedeutenden Hachscharah-Einrichtung für jüdische Auswanderer. Initiatoren der Benennung waren Gudrun Schottmann und Christof Kurz. „Im November 2013 erfuhren wir vom Leiter der Stolpersteingruppe Pankow, dass das Mehrfamilienhaus, in dem wir seit 2001 wohnen, früher dem jüdischen Flaschenfabrikanten Paul Latte und seiner Frau Selma gehört hat“, berichtete Gudrun Schottmann zur Platzbenennung. Eine Radioreportage des rbb über das Ehepaar Latte und die auf dem Gelände ihrer Flaschenfabrik befindliche Hachschara-Einrichtung regte sie und Christof Kurz an, mehr über das Schicksal des Ehepaares und die Geschichte ihres Fabrikgeländes herauszufinden. 

Bei der Hachschara-Einrichtung handelte es sich um eine Ausbildungsstätte, in der junge Juden in der NS-Zeit auf eine Emigration vorbereitet wurden. Die Einrichtung bestand aus Lehrwerkstätten, einem großen Garten und Wohnbaracken für junge Frauen und Männer. 

Nach der Platzbenennung liefen die Recherchen weiter, und in einigen Tagen erscheint nun unter dem Titel „Am Gelände von Herrn Latte fing ein reges Leben an“ ein Buch über das engagierte jüdische Ehepaar Selma und Paul Latte. Herausgegeben wird es von Museum Pankow im Verlag Hentrich & Hentrich. Daran mitgeschrieben haben die langjährige Baccumerin Anne-Dore Jakob mit Verena Buser, Gudrun Schottmann und Christof Kurz.

Das Fabrikantenehepaar Latte betrieb zwar eine große Flaschenhandlung. Aber ab 1934 befanden sich auf dem Fabrikgelände eben auch die Hachscharah-Einrichtung. 

Das jetzt erschienene Buch ermöglicht einen Blick in den Alltag der Hachscharah in Berlin-Niederschönhausen. Darin ist unter anderem mehr über Einzelschicksale ehemaliger Teilnehmer zu erfahren. Illustriert ist es mit zahlreichen Fotos. Natürlich wird auch auf die Biografie des Ehepaares Latte eingegangen. Diese widerspiegelt auch, welche Versuche der jüdischen Selbsthilfe es gab und wie das jüdische Unternehmertum in Nazi-Deutschland systematisch ausgelöscht wurde. 

Das Buch umfasst 120 Seiten und ist im Buchhandel und im Museum Pankow an der Prenzlauer Allee 227/228 zum Preis von 16,90 Euro erhältlich, ISBN 978-3-95566-377-4.

Nachtrag:
Manchmal schließen sich Kreise: Ruth Foster-Heilbronn, der die Stadt Lingen (Ems) zusammen mit Bernard Grünberg die Ehrenbürgerwürde verlieh, war mit Leopolds Witwe, Ruth Kew, zusammen in einem Survivor Club in London. Gemeinsam besuchten sie Ende der 90er Jahre „Beth Shalom“ in Laxton/GB und luden dann Bernard Grünberg dorthin ein. Es war der Beginn eines 20jährigen Engagements Grünbergs, um englischen Schulkindern als Zeitzeuge von seiner Rettung durch den Kindertransport zu erzählen.


Quelle: rbb, berlin.de, Berliner Woche, Foto: © privat/Johannes Jakob

Exodus

13. Juli 2020

Die BBC hatte Flüchtlingen aus Syrien Kameras gegeben, damit die ihre Flucht selbst filmen. Das Material ist unglaublich spannend und bedrückend zu gleich, twittert @ennolenze. Sozusagen Flucht als First Person View.