Exodus

13. Juli 2020

Die BBC hatte Flüchtlingen aus Syrien Kameras gegeben, damit die ihre Flucht selbst filmen. Das Material ist unglaublich spannend und bedrückend zu gleich, twittert @ennolenze. Sozusagen Flucht als First Person View.

50 Jahre und 1 Tag, nachdem 1970 die Abiturientia des Gymnasmium Georgianum die Abizeugnisse erhalten hatte, starteten heute in Niedersachsen 12.000 Nachfolger/innen und geschätzt ein paar Hundert in Lingen (Ems) mit den Abiprüfungen und zwar, wie der NDR schrieb, mit Verspätung und erschwert in ihr Corona-Abi 2020.

Jede/r Abiturient/in muss in den nächsten knapp drei Wochen in vier Fächern schriftliche Prüfungen schreiben. Diese Abiturprüfungen waren wegen der Corona-Pandemie waren  in Niedersachsen verschoben worden.  Los ging es für die Prüflinge heute mit Geschichte. Morgen steht dann Mathematik auf dem Programm. Hier der ganze Abitur-Fahrplan 2020:
11. Mai Geschichte
12. Mai Mathematik
13. Mai Spanisch
14. Mai Biologie
15. Mai Musik
15. Mai 1. Prüfungsfach an Beruflichen Gymnasien: Ernährung, Betriebswirtschaft mit Rechnungswesen-Controlling, Gesundheit-Pflege, Pädagogik-Psychologie
16. Mai Englisch
18. Mai Chemie
20. Mai Sport, Informatik
23. Mai Kunst
23. Mai 2. Prüfungsfach an Beruflichen Gymnasien: Volkswirtschaft, Betriebs- und Volkswirtschaft
25. Mai Erdkunde
26. Mai Physik
27. Mai Politik-Wirtschaft
28. Mai Französisch
29. Mai Evangelische Religion, Katholische Religion, Werte und Normen
30. Mai Latein
3. Juni bis 20. Juni Prüfung in den mündlichen Prüfungsfächern
3. Juni bis 20. Juni Nachschreibetermine
6. Juli bis 8. Juli Mündliche Nachprüfungen in den schriftlichen Prüfungsfächern

Landesschülerrat (LSR), Landeselternrat (LER), Schulleitungsverband (SLVN) sowie  die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kritisierten in Niedersachsen heute die Entscheidung von Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD), das Abitur unter den gegebenen Corona-Bedingungen durchzuführen. Die Chance auf eine Entlastung aller Betroffenen sei vertan, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung.  Die Prüfungen ließen sich „nicht im Ansatz gerecht und vergleichbar gestalten“, ergänzte Grünen-Fraktionschefin Julia Willie-Hamburg.

Die Kritik gelte auch für die Abschlussklassen in Haupt- und Realschulen. Dort wird vom 20. bis 28. Mai geprüft.  „Sich unter den aktuellen Bedingungen auf die Abschlussprüfungen der neunten oder zehnten Klasse vorzubereiten, überfordert viele Schülerinnen und Schüler“, sagte Florian Reetz vom Landesschülerrat. Zahlreiche Themen seien noch nicht behandelt worden und müssten jetzt durchgepeitscht werden. Der Landeselternrat verwies auf Berichte über fehlende Lehrkräfte und unzureichende digitale Ausstattung. Unter diesen Umständen seien Vorbereitung und Durchführung äußerst fragwürdig, sagte die LER-Vorsitzende Cindy-Patricia Heine.

Nun KuMi Tonne wies diese Kritik zurück. Er finde es wichtig, sagte der SPD-Mann, „dass unsere Abiturientinnen und Abiturienten nicht mit einem Corona-Malus ihren Abschluss erhalten, daher sollen die Prüfungen wie in den anderen Ländern auch stattfinden“, so der Minister. Ich glaube auch, die schaffen das alle, so wie auch ihre Vorgänger/innen, wenngleich die es natürlich wirklich leichter hatten.

Die schriftlichen Prüfung dauern jedenfalls bis einschließlich Pfingstsamstag – dann wird die Abi-Klausur in (meinem Lieblingsfach) Latein (oder war es Altgriechisch…das weiß nur noch mein Apotheker, Foto lks) geschrieben. Im Anschluss kommen die mündlichen Prüfungen, Abitur-Zeugnisse gibt es danach wohl Mitte Juli. Anschließend wird es auch mit dem Feiern schwerer als bei allen Vorgängern seit 70 Jahren: Das Lautfeuer-Abifestival ist abgesagt, ins Ausland können die frisch mit der Hochschulreife Ausgestatteten wohl im Juli auch noch nicht reisen. Also: Was lasst Ihr Euch 2020 einfallen, liebe Abiturient*innen und liebe Haupt- und Realschüler? Das würde mich schon interessieren…

(Quelle: NDR, Foto oben: pixabay; Foto Mitte: KuMi Tonne, CC Foto AG Gymnasium Melle  3.0); Foto unten: Lingener Apotheker, © NOZ, Ludger Jungeblut)

Perspektive

4. Mai 2020

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Das und wie Fotos dann aber auch manipulieren (können) ist Allgemeinwissen. Bei zahlreichen Bildern über Menschen in Parks und an Ufer, die angeblich den Corona-Abstand nicht einhalten, habe ich in den letzten Tagen ein Gefühl von Manipulation gehabt. Jetzt sehe ich meine Skepsis durch diesen Artikel bestätigt.

Er stammt aus Kopenhagen und einen in dänischer Sprache erschienenen Bericht hab ich in diesem kleinen Blog noch nicht wiedergegeben. Doch gestern bin ich auf einen kleinen Hinweis in Felix von Leitners „Fefe-Blog“ gestoßen. Er schreibt:

Habt ihr auch in der Presse die Fotos gesehen, wie die Leute unverantwortlich nahe beieinander sind? Hier ist eine tolle Fotoserie aus Dänemark, wie Fotographen das über die Perspektive herbeitricksen können.

Der Artikel berichtet, wie Fotograf Ólafur Steinar Gestsson und ein Kollege in Kopenhagen Fotos von Menschen machen, die das gute Aprilwetter genießen – und obwohl die beiden Fotografen fast gleichzeitig auf den Kameraknopf drückten, sind die Aufnahmen sehr unterschiedlich.

Die Erklärung für den Unterschied liegt in der Wahl des Winkels und der verschiedenen Kameraobjektive: Eines wird mit einem Teleobjektiv aufgenommen, das andere mit einem Weitwinkelobjektiv. Die beiden Objektive sind „die Extreme der Ausrüstung, die Sie verwenden können“, erklärt Ólafur Steinar Gestsson in dem Beitrag auf der Webseite (Ausriss unten) des dänischen TV-Senders TV2.

Also Freunde, glaubt bitte nicht alles, was Ihr seht…auf Fotos.

Hier geht’s  mit beeindruckenden Beispielen weiter, auf Dänisch allerdings…

 

Schuld ohne Sühne

3. Mai 2020

„Schuld ohne Sühne“ titelt die taz ihren Bericht über ein unbeschreibliches Todesdrama in den letzten Kriegstagen. Den tod von 6.000 KZ-Häftlingen auf der von Bombern auf die Cap Arcona in der Lübecker Bucht:

„Heute vor 75 Jahren sank die „Cap Arcona“ mit 4.600 KZ-Häftlingen. Die Erinnerung daran ist wach, doch das offizielle Gedenken tut sich schwer. Es ist das wohl stärkste Trauma rund um die Lübecker Bucht: die Bombardierung der „Cap Arcona“, die noch fünf Jahre gekippt vor Neustadt lag, bis man sie 1950 auseinanderschweißte. Das allerdings, ohne die Toten zu bergen. Was die Schweißer unter Wasser vorfanden, ist nicht überliefert.

Sicher ist, dass noch lange tote Körper gefunden wurden – sogar an Dänemarks Küsten. Denn jene Anwohner, die 1945 die Toten mit Traktoren von den Stränden holten, um sie würdig zu bestatten, fanden längst nicht alle. Auch die Namen der Opfer kennt man nicht, denn die Nazis „haben keine Passagierlisten geführt“, sagt Reimer Möller, Archivar der KZ-Gedenkstätte Neuengamme.

Aus dem KZ Neuengamme stammten die meisten der Opfer. Und weil man die Namen eben nicht kennt, sind auch die vielen großen und kleinen „Ehrenfriedhöfe“, die man 1945 an der Lübecker Bucht einrichtete – etwa in Neustadt und in Grevesmühlen in der Ex-DDR – anonym.

Der „Ehrenfriedhof“ in Haffkrug, ungemütlich gelegen an der Autobahnabfahrt Eutin und mit über 1.100 Bestatteten der größte von ihnen, ist gar etwas verwahrlost. Außerdem läuft er Gefahr, durch eine dicht daneben geplante Bahntrasse zur Fehmarnbelt-Querung weiter entwürdigt zu werden.

Das „Cap Arcona“-Gedenken ist also nicht nur geografisch, sondern auch organisatorisch dezentral und zersplittert. Das… [weiter bei der taz]


Die alliierten Flugzeuge starteten zu ihrem verhängnisvollen Einsatz vom Militärflugplatz Plantlünne/Wesel, südlich Lingen.

Foto: Die brennende Cap Arcona am 3. Mai 1945, Quelle Royal Air Force, gemeinfrei)

Pflegefamilie, Wohngruppe, Sonderschule: Egal, wo Benni hinkommt, sie fliegt sofort wieder raus. Die wilde Neunjährige ist das, was man im Jugendamt einen „Systemsprenger“ nennt. Dabei will Benni nur eines: Liebe, Geborgenheit und wieder bei ihrer Mutter wohnen! Doch Bianca hat Angst vor ihrer unberechenbaren Tochter. Als es keinen Platz mehr für Benni zu geben scheint und keine Lösung mehr in Sicht ist, versucht der Anti-Gewalttrainer Micha, sie aus der Spirale von Wut und Aggression zu befreien. Also: Wie geht man mit einem Kind um, das gewalttätig wird? Das Drama „Systemsprenger“ stellt sich diese Frage auf berührende Weise – und gewann damit den 70. Deutschen Filmpreis 2020.

in der Nacht zu Samstag holte „Systemsprenger“ bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises gleich acht Goldene Lolas ab, darunter auch den für den besten Spielfilm, und für die 11jährige Helena Zengel als Hauptdarstellerin in dem bereits bei der Berlinale im vergangenenen Jahr mit einem Silbernen Bären ausgezeichneten Film gab es eine Lola in der Kategorie beste weibliche Hauptrolle. „Alles anders diesmal“ kommentierte DIE ZEIT.

Wegen der Coronakrise gab es in diesem Jahr auch keine Preisverleihung-Gala, dafür eine live übertragene Fernsehshow. Der Präsident der Deutschen Filmakademie, Ulrich Matthes, mahnte bei der Online-Veranstaltung, trotz der Pandemie sollten die Menschen die Kultur nicht vergessen. „Das Kino, es soll leben.“ Die Preisverleihung solle auch „ein solidarisches Unterhaken mit anderen Künstlern sein“.

Als bester Dokumentarfilm wurde „Born in Evin“ von Maryam Zaree (4 Blocks, Tatort) ausgezeichnet. Die Schauspielerin und Regisseurin, die in einem berüchtigten Gefängnis im Iran geboren wurde, spürt darin ihrer eigenen Familiengeschichte nach.

Murder Most Foul

30. März 2020

Wann, wenn nicht in diesen Tagen, hört man sich 17 Minuten lange, rezitativartige Songs an?

„Mit einem einzigen neuen Song beerdigt Bob Dylan die USA. Das 17-minütige „Murder Most Foul“ könnte den letzten großen Moment des ultimativen Popkünstlers markieren.“ So schrieb’s die ZEIT am Freitag, und dem ist nichts hinzuzufügen, allenfalls dies.

Bleibt gesund in dieser Woche, liebe Leser*innen!

ps Statt einer Rezension:

Creative Tradition:
Y
ou know, I’m sitting here in Ireland during the covid-19 shutdown thinking: thank god for folk songs. By coincidence, Bob Dylan’s name is trending on twitter. I think the worst. But then, a miracle. A new song! But, it’s actually more of an opus. At first I think, 17 minutes on JFK – a bit much. But this is perfect. I’m lucky to have heard this on the day it was released. Went I’m sad, I think how lucky I have been to been alive while Bob Dylan was writing songs. Thanks for this, thanks for not giving up on us. On the truth.“

Corona-Musik

20. März 2020

Deutsch
Danger Dan, Antilope, für immer und eh musikalisch ziemlich unterschätzt zur Lage der Nation.

Niederländisch

Beste allemaal, ‘Het is stil op straat, niemand te zien. En ik denk aan jou, denk je ook aan mij, ook dit gaat weer voorbij.’ Lieve groet van Frank

Italiano
“L’Italia chiamò” una maratona in diretta streaming per raccontare al mondo come l’Italia sta reagendo all’emergenza.

Französiiieeesch

Tous ensemble contre le Coronavirus !

Was gibts noch?

 

Eine der bedeutendsten jüdischen Münzsammlungen ist am Dienstag in Osnabrück durch das Auktionshaus Künker versteigert worden. Die Sammlung umfasste viele gut erhaltene Einzelstücke, aber auch Münz-Reihen aus der Zeit vor Christi Geburt. Begründet wurde diese besondere Kollektion von insgesamt 577 Münzen von den Münchener Sammlern Josef Samel und seiner Schwester Angela Arluk (geb. Samel) , die 2005 beziehungsweise 2015 verstorben sind. In Jahrzehnten mühevoller Sammlertätigkeit in Israel und der ganzen Welt hatten die beiden jüdischen Geschwister die Kollektion zusammengetragen. Sie deckte die Geschichte des jüdischen Volkes von der Eroberung Judäas durch die Perser vom 6. Jahrhundert vor Christus bis in die heutige Zeit ab. Der Wert der Sammlung wurde vor der Auktion auf mehr als eine halbe Million Euro geschätzt. Erlöst wurden dann aber gestern deutlich höhere Beträge. Allein die abgebildete Münze aus dem Jahr 70 nach Christus erbrachte mehr als das 11fache des Schätzpreises von 30.000 Euro. Sie war von ganz besonderer Bedeutung; denn in jenem Jahr schlugen die Römer den  Jüdischen Aufstand mit der Eroberung Jerusalems und der Zerstörung des Jerusalemer Tempels nieder.

Die Samel-Sammlung ist seit fast 30 Jahren in einem aufwändig gestalteten Hochglanzkatalog dokumentiert. Das sei wichtig, unterstrich der Vorsitzende des Landesverbandwa  der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen  Michael Fürst im Vorfeld, um die Münzen der Forschung weiterhin zur Verfügung zu stellen. „Historische Geldstücke bieten das Potenzial, mehr über die Geschichte der Menschheit und in diesem Fall ganz speziell über die Geschichte des jüdischen Volkes zu lernen“, erläuterte Fürst. „Es ist wichtig, dass dieser Teil der Geschichte auch zukünftigen Generationen zugänglich gemacht wird.«“

Zzuletzt war die Samel-Sammlung 1993/94 in München ausgestellt worden. Der damals erstellte Katalog „Das Heilige Land. Antike Münzen und Siegel aus einem Jahrtausend jüdischer Geschichte‘ bewahrt bis heute die Erinnerung an diese Präsentation. Zum Preis von 10 euro ist er noch heute von der Staatlichen Münzsammlung in München zu beziehen (mehr…).

Überleben

7. März 2020

„Das umstrittene  Theaterstück ,Überleben, ist eine außerordentlich kluge Aufarbeitung der Patient*innenmorde in Delmenhorst und Oldenburg. […] Aufregend ist das – und wohl mehr, als politisches Theater auch nur hoffen darf. Dass der fast zweistündige Balanceakt bei enormer Fallhöhe nicht ein einziges Mal auch nur ins Straucheln kommt, ist eine Sensation“ heißt es in der Kritik der taz zum Stück „Überleben“ im Oldenburger Staatstheater. Die taz schreibt:“

Theater ist ein Ort gesellschaftlicher Auseinandersetzung. Das mag über die „Ahs“ und „Ohs“ opulenter Inszenierungen irgendwelcher Klassiker mitunter in Vergessenheit geraten.

Dermaßen handgreiflich wie am vergangenen Wochenende in Oldenburg geraten solche Interventionen allerdings nur höchst selten. Gestritten hatte man in der Stadt schon lange vor dieser Premiere, eigentlich schon seit die Göttinger Werkgruppe2 auch nur angekündigt hatte, mit „Überleben“ ein Stück über die massenhaften Patient*innenmorde an den Kliniken in Delmenhorst und Oldenburg auf die Bühne des Staatstheaters zu bringen. Pie­tätlosigkeit hatte man ihnen vorgeworfen, Ausverkauf und unangemessene Eile: so kurz, bevor der große Prozess gegen den Serienmörder und ehemaligen Krankenpfleger Niels Högel im vorvergangenen Herbst begonnen hatte.

Entsprechend hoch ist die Anspannung am Premierenabend vor und auf der Bühne. Immer wieder wird geschluchzt, an Stellen mitunter, die gar nicht sonderlich drastisch scheinen, sondern eher auf persönliche Erfahrungen schließen lassen. Noch beim zweiten Gong diskutieren manche, ob sie nicht doch wieder gehen sollten – vereinzelt tun sie’s.

Was auf der Bühne geschieht, ist leicht zu beschreiben, in seiner Wirkung aber nur schwer zu erfassen. Julia Roesler inszeniert wortwörtliche Gespräche mit größtenteils anonymisierten Zeug*innen: Angehörige, Mitarbeiter*innen der Krankenhäuser, eine der Überlebenden. Die war nach einem Unfall von „ihm“, wie der Täter hier meist nur genannt wird, in Lebensgefahr versetzt und mit Erfolg wiederbelebt worden.

Und das ist für die Frage, um die es den Theatermacher*innen hier geht, ein zentraler Fall. Weil…“

[Sie lesen die Kritik hier weiter bei der taz]


THEATERSTÜCK „ÜBERLEBEN“
nächste Aufführungen: am 13. und 21. 3., 4.4. jeweils 20 Uhr, Karten
Foto © Stephan Walzl, Staatstheater Oldenburg

Shortest Horror Movie

2. März 2020