platt

2. Januar 2018

Unsere öffentlicher Dienst zeigt wieder, was in ihm steckt und dass platt machen eine direkte Bedeutung bekommen kann. Das Bremer Institut für Niederdeutsche Sprache (INS) wird nach 40 Jahren platt gemach, indem man ihm die Förderung entzieht. Die taz weiß:

„Am 1. Januar 2018 soll „die Förderung der niederdeutschen Sprache auf stabile Füße“ gestellt werden, so haben es die vier norddeutschen Bundesländer im Oktober verkündet: Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Bremen gründen dafür ein „Länderzentrum für Niederdeutsch“ als gemeinsame Gesellschaft. Es geht um „Schutz, Erhalt und Weiterentwicklung der niederdeutschen Sprache“, und das soll „künftig länder­übergreifend koordiniert“ werden, „Verbände, Ehrenamtliche und wissenschaftliche Institutionen“ sollen „eng eingebunden“ werden.

Nun ist der 1. Januar verstrichen und das Länderzentrum gibt es nicht. Nicht einmal eine Internetseite gibt es, keine Mail-Adresse und keine Telefonnummer, geschweige denn Büroräume oder einen Geschäftsführer. Klar ist hingegen, worauf einmal der Geschäftsführer sitzen soll: Er soll, so präzise steht es in der Liste der Ausstattung, einen „Drehsessel“ bekommen, „Polster schwarz Crêpe“ und dieses Exemplar für 1.270,92 Euro hat die besondere Qualifikation „24 Std“. Dieses „24 Std“ bedeutet bei Sitzmöbeln nach Auskunft der Möbelbranche: „Einsetzbar im 3-Schicht-Betrieb, 24 Stunden täglich, für Personen bis 150 kg Körpergewicht…“

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Als Plattdeutsch oder Niederdeutsch bezeichnet man eine Gruppe von Dialekten, die den Lautwandel der deutschen Sprache ab dem 7. Jahrhundert nicht mitgemacht haben.

Die stimmlosen Verschlusslaute p, t und k blieben erhalten und so heißt es Schipp statt Schiff, dat statt dass und maken statt machen.

Ebenso erhalten geblieben sind die alten Langvokale î (mien, sien), û (Huus) und iu (gesprochen ü: hüüt).

WilliGernsDie taz berichtet: 60 Jahre nach dem Verbot der KPD treffen sich aufrechte Linke, Kommunisten und Freunde der DDR in Bremen. „Über die DDR fällt kein böses Wort in dieser Runde“. 

„Willi Gerns (Foto lks) ist der „Prototyp eines Revolutionärs“. Das hat ein bundesdeutsches Gericht entschieden, im Namen des Volkes. Drei Mal klagten sie ihn an, 30 Monate steckten ihn Richter ins Gefängnis, die zuvor den Nazis gedient hatten. Er hat seine Strafe abgesessen, bis zum Schluss, nichts bereut. Weil er Kommunist ist. Und sich für die seit 1956 verbotene KPD engagierte. An diesem Abend erntet der 85-Jährige noch einmal großen Applaus für seinen Kampf um die Arbeiterklasse.

„Weg mit dem schändlichen KPD-Verbot“ stand in der Einladung, in großen Lettern. Gut 60 Leute sind gekommen, viele ältere Herren, ein paar Frauen. Der große Saal im Bürgerhaus Weserterrassen ist voll. Fahnen haben sie keine gehisst, nur einen Gitarristen engagiert, der Arbeiterkampflieder singt. Als erstes, natürlich, Brechts Lied von der Einheitsfront: „Es kann die Befreiung der Arbeiter/Nur das Werk der Arbeiter sein.“ Doch hier singen sie alle sehr andächtig, es klingt ein wenig wie in der Kirche.

60 Jahre ist es her, dass das Bundesverfassungsgericht die KPD verboten hat. Das sind…“

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(Foto: Willi Gerns, DKP Bremen)

traumatisiert

4. Februar 2016

safe_place_oL-300x300Deutlich mehr Geld als bisher soll in diesem Jahr Refugio Bremen bekommen: Für den Betrieb des therapeutischen Behandlungszentrums für Flüchtlinge will die Bremer Landesregierung 178.000 Euro statt wie im Vorjahr 128.000 Euro ausgeben. Die Bremische Bürgerschaft muss noch zustimmen. 2014 lag die Fördersumme bei 74.000 Euro.

Damit reagiert Bremen auf den steigenden Bedarf an psychotherapeutischen Angeboten. Es sei „möglich, dass bis zu 40 Prozent der Flüchtlinge Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung aufweisen“, heißt es im kürzlich vorgestellten Integrationskonzept der Hansestadt. Viele ExpertInnen gehen davon aus, dass weit mehr als die Hälfte belastet sind. Die Anzeichen dafür sind nicht immer zu erkennen, weil die Betroffenen in der von vielen Unsicherheiten geprägten Ankunftszeit die Erlebnisse verdrängen müssen…. [weiter bei der taz]

Ähnliche Einrichtungen für traumatisierte Flüchtlinge im Emsland und der Grafschaft Bentheim sucht man hier vergebens. „Wir schicken sie nach Bremen“, hieß es auf meine entsprechende Frage vor einem Jahr. Dort aber ist man längst an der Kapazitätsgrenze angekommen. Danach müssen laut Refugio Bremen die meisten Hilfesuchenden drei bis sechs Monate warten, bis sie eine Therapie beginnen können. Im schlimmsten Fall beträgt die Wartezeit ein Jahr. Voll finanziert sei das Behandlungszentrum noch lange nicht, sagt  Marc Millies, Sprecher von Refugio: „Bisher haben die Zuschüsse 20 Prozent unserer Kosten abgedeckt, jetzt sind es etwas mehr.“ Weitere Behandlungszentren gibt es in Oldenburg, Münster und Bielefeld – doch alle sind überlaufen. Dasselbe gilt für die MediBüros; Anlaufstellen dieses Netzwerkes für Menschen, die sonst keinen Zugang zum Gesundheitswesen finden, finden sich -ausgenommen Oldenburg und Bremen-  ebenfalls nicht in Weser-Ems (Grafik lks).

Bildschirmfoto 2016-02-03 um 21.43.49Gleichzeitig schränken die im „Asylpaket II“ von der Großen Koalition geplanten Maßnahmen die Grund‐ und Menschenrechte von vor Krieg, Verfolgung und struktureller Diskriminierung geflohenen Menschen ein und verhindern faire Asylverfahren. Dies betrifft vor allem neue Aufnahmezentren, Aussetzen des Familiennachzugs und das Bagatellisieren von Traumatisierungen sowie die Abschiebung schwer erkrankter Menschen.

Die bundesweite Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAfF e.V.) kritisiert denn auch den neuen Gesetzesentwurf deutlich: „Über die Asylanträge für bestimmte Gruppen von Geflüchteten soll innerhalb von einer Woche entschieden werden. Darunter fallen alle Menschen, die aus sicheren Herkunftsländern kommen, im Folgeverfahren sind oder ihre Papiere vernichtet haben sollen. „Insbesondere Asylsuchende, die durch Gewalterlebnisse in ihrem Herkunftsland psychisch schwer belastet sind, werden in Eilverfahren Probleme haben, ihre Bedarfe entsprechend vorzubringen“, sagt Elise Bittenbinder, Vorsitzende der BAfF e.V. 

„Es ist zynisch, davon auszugehen, dass sich Flüchtlinge so schnell Termine und Atteste vom Facharzt beschaffen können, wenn selbst langjährige Patient*innen wochenlang warten“ stellt Dr. Vera Bergmeyer vom MediNetz Bremen fest. Zudem sollen lebensbedrohlich erkrankte Flüchtlinge abgeschoben werden, wenn es in einem Landesteil des Herkunftslandes Behandlungsmöglichkeiten gibt, unabhängig davon, ob diese den Menschen auch zugänglich sind. „Psychische Störungen werden als unbedeutend hingestellt“ erklärt Björn Steuernagel, vom Refugio-Vorstand Bremen. Elise Bittenbinder: „Gerade traumatisierte Geflüchtete können erlittene Menschenrechtsverletzungen oftmals nicht sofort so zusammenhängend und ohne Zeitsprünge vorbringen, wie das der Gesetzgeber von ihnen erwartet. Das braucht Schutz und Zeit, die in dem beschleunigten Verfahren nicht gegeben ist.“

Syrian

„Da ist dieser Augenblick in der kurzfristig anberaumten Pressekonferenz des Syrian Expat Philharmonic Orchestra am Samstag in der Musikschule Bremen-Walle. Eigentlich hätten sie alle Wichtigeres zu tun: proben nämlich. Denn erst heute sind die Musiker zusammengekommen, um ein Konzertprogramm zu erarbeiten, das schon am Dienstag aufgeführt wird, im längst ausverkauften Sendesaal Bremen. Aber die Presse will vieles wissen, unter anderem, wie alt Raed Jazbeh ist, der dieses Projekt ins Leben gerufen hat. Aber da, lächelt er, hätten sie keine Chance.

Flüchtlingsschicksale – ob es die gebe? Ja, eine Harfenistin, die erst vor drei Wochen in Deutschland angekommen ist und vor einem Jahr von Damaskus über die Türkei und das Mittelmeer nach Griechenland reiste, erzählt Jazbeh. Er, der so sanft und humorvoll alle Fragen über sich ergehen lässt, wird dann aber auf einmal sehr bestimmt. Es handele sich bei dem Orchester eben nicht um ein Flüchtlingsorchester, auch wenn einige Flüchtlinge dabei sind. Ein großes deutsches Nachrichtenportal hatte getitelt: „Flüchtlinge: Syrische Musiker gründen Exil-Orchester“. Weil das mehr Klicks bedeutet? Oder weil beim Thema Syrien heute jeder reflexartig sofort an Flüchtlinge denkt? Allerdings heißt die Formation eben Syrian Expat Philharmonic Orchestra – und ein Expat…

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Hier ein Spendenaufruf des Bremer Senats

Freistatt

30. Juni 2015

In den 1950er und 1960er Jahren wurden über eine halbe Million Kinder und Jugendliche in kirchlichen und staatlichen Heimen der Bundesrepublik oft seelisch und körperlich schwer misshandelt und als billige Arbeitskräfte ausgebeutet. Viele leiden noch heute unter dem Erlebten, verschweigen diesen Teil ihres Lebens aber aus Scham, selbst gegenüber Angehörigen. Manchmal genügte den Ämtern der Hinweis der Nachbarn auf angeblich unsittlichen Lebenswandel, Nichtigkeiten wie „Arbeitsbummelei“, Schulschwänzen oder auch die reine Willkür der Eltern, um junge Menschen für Jahre in Heimen verschwinden zu lassen. In diesen Institutionen regierten gar nicht oder nur unzureichend ausgebildete Erzieherinnen und Erzieher, die oft einem Orden angehörten und als Verfechter christlicher Werte auftraten, mit aller Härte.

„Der Schlag mit dem Spaten ins Kindergesicht ist der erste Schock in Marc Brummunds Kino-Debüt „Freistatt“, das am vergangenen Donnerstag anlief. Aber obwohl die expliziten Gewaltdarstellungen erschüttern, ist beeindruckender noch das beklemmende Gefühl, hier inmitten der freien Natur eingesperrt zu sein.

„Freistatt“ erzählt die Geschichte des 14-jährigen Wolfgang – ein Scheidungskind, das von seinem Stiefvater ins Heim abgeschoben wird. In der Erziehungsanstalt Diakonie Freistatt, auf dem Land zwischen Bremen und Osnabrück, fahren die Zöglinge mit Draisinen aufs Moor. Zum Torfstechen. Die Arbeit ist hart, Misshandlungen durch die Diakone und Mitgefangene sind an der Tagesordnung: Schläge und Psychoterror, mit dem Ziel, die Jugendlichen zu brechen.

Die Geschichte ist…“ [weiter bei der taz]

Freistatt ist zu sehen in
Diepholz Central Cineworld 25.06. – 01.07.2015
Münster Cinema 25.06. – 01.07.2015
Oldenburg Casablanca 25.06. – 01.07.2015
Osnabrück Cinema-Arthouse 25.06. – 01.07.2015

prekär

19. Mai 2015

Bremen-TeneverDie taz titelt in ihrer Nachlese zur Bremen-Wahl vor einer Woche: „Orte der sozialen Spaltung – Wo die Nichtwähler wohnen“ und beschreibteine Entwicklung, die unsere Demokratie bedroht. Das Nichtwählen.

„Ein grell-oranger Zettel ist in Tenever [Foto oben] der letzte sichtbare Hinweis auf die Wahl. „Hier geht es zum Wahllokal“, steht da – darunter ein Wort mit 17 Ausrufezeichen: „Hingehen“. Viel gebracht hat’s nicht: Mit 31,8 Prozent hat das Hochhausquartier am Stadtrand die niedrigste Beteiligung in Bremen.

Die Bertelsmann-Stiftung hat bereits nach der Bundestagswahl 2013 konstatiert: Je prekärer die Lebensverhältnisse, desto weniger wird gewählt. In Tenever sind 21,3 Prozent der Menschen arbeitslos, fast 70 Prozent haben Migrationshintergrund. Die seit Freitag vorliegende Anschlussuntersuchung zur Bremen-Wahl bestätigt dieses Bild – die Schere hat sich sogar noch weiter geöffnet. „Deutschland ist längst eine sozial gespaltene Demokratie“, sagt Robert Vehrkamp, der die Studie durchgeführt hat.

In Tenever ist die Situation sogar noch drastischer als die Zahlen angeben. Denn…“

[weiter bei der taz]

Vor einigen Monaten habe ich im Magazin Cicero gelesen, Nichtwählen sei ein „Indiz für Desintegrationsprozesse in einer demokratischen Gesellschaft, ein Indiz für den bröckelnden politischen Zusammenhalt und damit letztendlich doch eine Gefahr für die Demokratie. Die Nichtwählerversteher und die Nichtwählerapologeten, die leichtfertig die Nichtwahl zum Zeitgeist erheben, nehmen dies fahrlässig oder sogar vorsätzlich in Kauf.“

Das stimmt zwanglos, und ich denke dabei nicht nur an Bremen sondern auch an unser Städtchen und seine Bereiche, in denen (fast) nicht gewählt wird. Exemplarisch dafür sind die Wohnbezirke Goosmanns Tannen (ehem. Neue Heimat) oder auch der Bereich östlich der Kaiserstraße. Denn dort sind die Lebensverhältnisse für viele Menschen prekär und eben dort liegt die Wahlbeteiligung (ohne Briefwahl) traditionell mehr als niedrig: Bei der letzten Kommunalwahl bspw. bei rund 24 % (!). Ein Schelm, wer denkt, dass dies der Grund dafür sein könnte, dass für diese Quartiere keine Kommunalpolitik stattfindet…

(Foto: Bremen-Tenever Jürgen Howaldt CC Attribution-Share Alike 3.0 Germany license).

Den Teufel im Leib.

30. August 2014

teufelimleib_schreihals_kbDen Teufel im Leib.
Affekt und Bewegung in der italienischen Grafik des 16. Jahrhunderts

28195 Bremen
Kunsthalle Bremen, Am Wall 207

27. August bis 23. November 2014
Öffnungszeiten

In ihrer aktuellen Ausstellung „Den Teufel im Leib. Affekt und Bewegung in der italienischen Grafik des 16. Jahrhunderts“, die vom 27. August bis zum 23. November 2014 im Alten Studiensaal des Kupferstichkabinetts zu sehen ist, zeigt die Kunsthalle Bremen vier Dutzend grafische Arbeiten von italienischen Künstlern der Renaissance. Ein Katalog ist erschienen  und im Museumsshop erhältlich. Die Webseite der Kunsthalle Bremen schreibt:

„Heilige und allegorische Figuren schreiten aus dem Bild heraus. Schlangengleich gewundene Leiber von schwindelerregender Dynamik fesseln den Blick. Vom athletischen Fahnenschwinger bis zum frei fallenden Körper, von der schreienden Furie bis zur stillen Ohnmacht der Jungfrau Maria – die italienische Grafik des 16. Jahrhunderts hat jede nur denkbare Form der seelischen und körperlichen Bewegung aufs Papier gebannt. Bis heute versetzen die Kupferstiche, Radierungen und Holzschnitte den Betrachter ins Staunen. In der Schilderung der Affekte und der menschlichen Bewegung überboten sich die Künstler gegenseitig, um ihre Beobachtungsgabe, ihren Erfindungsgeist und ihre technische Virtuosität unter Beweis zu stellen.

Die Ausstellung mit Arbeiten aus dem bedeutenden und weitgehend unbekannten Bestand der italienischen Grafik im Kupferstichkabinett ist eine Reise durch zentrale Epochen der Kunstgeschichte: von der Hochrenaissance über den Manierismus bis hin zum einsetzenden Barock. Zu den vertretenen Künstlern zählen unter anderem Marcantonio Raimondi, Parmigianino, Ugo da Carpi, Andrea Andreani, Federico Barocci und Agostino Carracci.“

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Terminhinweise zur Ausstellung:
9. September 2014, 18 Uhr: Kunsthappen: Laokoon kämpft mit den Schlangen – Kupferstiche und Holzschnitte von Marco Dente, Nicolas Beatrizet, Niccolò Boldrini und Sisto Badalocchio
16. September 2014, 19 Uhr: Freundeskreis Kupferstichkabinett: Marcantonio Raimondis „Der Bethlehemitische Kindermord (nach Raffael)“ – Variationen und Nachfolge eines Hauptwerks der italienischen Renaissancegrafik
21. September 2014, 15 Uhr: Kuratorenführung mit Dr. des. Kai Hohenfeld 
23. September 2014, 19 Uhr: DIE JUNGEN
30. September 2014, 18 Uhr: Vortrag: „Ein Magnet für die Augen“ – Die Faszination für Bewegungsmotive in der italienischen Grafik des 16. Jahrhunderts
11. Oktober 2014, 11 Uhr: Mitgliederakademie. Hinter den Kulissen, zusammen mit Dr. Katharina Erling
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Zwei Bühnen

21. September 2013

Bremen bekommt zwei neue Bühnen, informiert die taz. Autor Jan Zier schreibt: „In der Überseestadt eröffnen binnen kurzem gleich zwei feste Theater mit Revue- und Varieté-Programm. Das eine gibt sich mondän, das andere rustikal.

So baut man heute: Das GOP Varieté-Theater, Tür an Tür mit einem Hotelneubau. Bild: GOP

Es ist ein bisschen wie im Zirkus. Nur eben gediegener. Und so sitzt man in plüschigen Stühlen und dunklen Ledersofas, an kleinen, mit dunklem Holz vertäfelten Tischchen mit Orchidee und Kerzenlicht darauf, dazu ein Ober, der Häppchen und Getränke an den Platz serviert. Keine Schnäppchen zwar, aber man wollte sich ja mal was gönnen heute, hier in der Überseestadt.

Auch draußen ist das Ambiente im neuen GOP Varieté-Theater schick: Im Schatten des Weser-Towers schreiten die Gäste über den roten Teppich in den mit Kupfer verkleideten Quader und weiter über eine große Freitreppe mit Weserblick ins Obergeschoss. Gleichwohl herrscht hier die emotionslose Strenge zeitgenössischer Architektur vor. Weswegen sich das GOP auch optisch nahtlos in das gleich nebenan gelegene und ebenfalls jüngst eröffnete Vier-Sterne-Hotel einfügt. Und auch in alle anderen Häuser drumherum, die die Firma Siedentopf im neuen Geschäftsquartier am ehemaligen Weserbahnhof baut. Nur für Wohnen ist hier kein Platz.

„Wir wollen frische Akzente in der Bremer Kulturszene setzen“, sagt GOP-Direktor Dennis Grote, ein 25-jähriger Eventmanager. Er ist Spross einer Gastronomenfamilie, die auch in Hannover, Essen, Bad Oeynhausen, Münster und München ähnliche Theater betreibt. GOP leitet sich übrigens vom Georgspalast in Hannover ab, der ersten Spielstätte. Und das Familienunternehmen ist offenbar erfolgreich: Nach eigenen Angaben hat es 700 MitarbeiterInnen und 700.000 Gäste im Jahr. In Bremen, wo sie vier Millionen Euro investierten, arbeiten 100 Leute, erwartet werden 100.000 BesucherInnen im Jahr.

Die Bremer haben eine Vorliebe für das Varieté, glaubt Grote, und verweist auf das Straßenzirkusfestival „La Strada“. Zum Vergleich: Ins Theater am Goetheplatz kamen vergangenes Jahr 150.000 BesucherInnen. Grote spricht von „überwältigenden Ticketverkäufen“ und davon, dass im September nur noch vereinzelt Tickets zu haben sind. 370 Gäste fasst der Saal, reguläre Tickets kosten mindestens 25 Euro.

Die erste, rund zweistündige Show heißt „Glanzlichter“ und läuft bis Ende November. Sie besticht vor allem durch brillante Artistik auf hohem Niveau, wunderbare, eindrucksvolle Akrobatik und ein paar liebenswert poetische Momente. Die Musik indes kommt vom Band, sieht man mal von den Musikclowns ab, die leider einen Hang zu zotig-derben Witzen haben. Und der Zauberer ist zwar als solcher sehr gut, doch im Nebenberuf als Moderator erinnert er bisweilen sehr an einen dieser Verkäufer beim Teleshopping. Natürlich muss auch das Publikum in der ersten Reihe einbezogen werden, manchmal ein wenig zu zwanghaft. Aber die echten Glanzlichter der Show vermögen das aufzuwiegen.

Bald schon wird das GOP Konkurrenz bekommen – und zwar ebenfalls in der Überseestadt. In der Alten Stauerei am Speicher XI eröffnet am 31. Oktober das „Hafen Revue Theater“. Dahinter stehen Claudia Geerken und Ulrich Möllmann, die zusammen 2001 die „vokalartisten musikrevue“ gründeten. Mittlerweile besteht das Ensemble aus 30 DarstellerInnen und sechs PianistInnen, die ursprünglich meist aus dem Musicalbereich kommen, und sich zuletzt zunehmend auf Chanson und Kabarett verlagert haben. Zusammen haben sie mehrere CDs eingespielt und zwölf eigene Shows auf die Beine gestellt, die im In und Ausland laufen. Und bald auch im „Hafen Revue Theater“, das zunächst mit zwei Abenden im Monat startet, mit vier Shows, von denen eine neue konzipiert ist: Sie dreht sich um den Hafen, die Fünfzigerjahre. Möllmann verspricht ein „vollwertiges und anspruchsvolles“ Theater. Aber wo das GOP auf schiere Größe setzt, will man es hier „kuschelig-rustikal“ haben. Und so wird es auch nur 90 Plätze geben, zum Preis von 18,50 Euro.

Und das GOP? „Ist keine Konkurrenz“, sagt Möllmann, ebenso wenig wie das Theaterschiff mit seinem Boulevard-Theater oder das mehr auf Comedy spezialisierte „Fritz“ – „ganz im Gegenteil“. Das Hafen Revue Theater setze vor allem auf „Gesang mit tollen Geschichten“, sagt Möllmann. Und auf „bodenständige Hemdsärmligkeit“. Und beides fehlt ja im GOP weitgehend.“

 

Jan Zier, taz.de. Herzlichen Dank für die Erlaubnis, den Beitrag hier im Blog veröffentlichen zu dürfen)

Bildschirmfoto 2013-07-09 um 15.29.20Die Böttcherstraße als Idee
Bremen –  Böttcherstraße
7. Juli – 6. Oktober 2013

Die Böttcherstraße zählt längst zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten Bremens und wird gern als »heimliche Hauptstraße« der Hansestadt bezeichnet. Sie gehört neben Stadtmusikanten, Roland, Schnoor-Viertel und einem lokalen Fußball-Club zu den Touristen-Attraktionen, wie auch die Emsländer wissen. Entgegen des möglichen Eindrucks ist die Straße jedoch kein mittelalterliches Relikt, sondern ein detailliert geplantes Ensemble, das keine 100 Jahre alt ist. Bis auf das Roselius-Haus ließ der Kaffee HAG-Kaufmann Ludwig Roselius alle Gebäude zwischen 1922 und 1931 neu erbauen.

Die Ausstellung Die Böttcherstraße als Idee, die am Sonntag im Paula Modersohn-Becker Museum in der Böttcherstraße eröffnet wurde, führt die Straße als steingewordenes propagandistisches Sinnbild in der Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg vor Augen. »Die Wiedererrichtung der Böttcherstraße ist ein Versuch, deutsch zu denken«, schrieb Ludwig Roselius 1926 in den Bremer Nachrichten über seine Straße; sie sei ein Zeichen des »Wille[ns], eine neue und größere Zeit für Deutschland zu erwecken.« 1936 verlautete Adolf Hitler, er lehne »diese Art von Böttcherstraßen-Kultur schärfstens ab.«

Bei aller Ablehnung durch die Nationalsozialisten durfte die Böttcherstraße des völkisch denkenden Ludwig Roselius gleichwohl stehenbleiben. 1937 wurde sie unter Schutz gestellt – als Beispiel der „Verfallskunst“ der Weimarer Zeit.

Die Ausstellung Die Böttcherstraße als Idee geht den geistesgeschichtlichen Grundlagen des Gesamtkunstwerks nach, das zum einen als eine besondere Sehenswürdigkeit konzipiert worden war, zum anderen als ein propagandistisches Politikum der »Besinnung«, wie Manfred Hausmann 1927 schrieb; »Deutscher besinne dich auf dich selbst!« Im Mittelpunkt der Schau stehen das Paula-Becker-Modersohn-Haus und das Haus Atlantis, der Lichtbringer von Bernhard Hoetger sowie die Widmungstafel für Paula Modersohn-Becker und ihr Werk.

Die Austellung ist eine kleine Schau, aber sie steckt voller historischer Hintergründe. Sie soll „die sehr kontroverse Geschichte dieser Straße an neuralgischen Punkten nachzeichnen“, sagt Dr. Frank Laukötter, Direktor der Kunstsammlungen Böttcherstraße.

Flyer (pdf)

Ausstellung „Die Böttcherstraße als Idee“, [3:13]
Beitrag von Christine Gorny (Radio Bremen)

im Amt

10. Juli 2013

Das sind Aufnahmen einer Überwachungskamera der Diskothek „Gleis 9“ vom 23. Juni, die jetzt bekannt geworden sind: Sieben Bremer Polizisten drücken einen Mann zu Boden, prügeln dann heftig auf ihn ein; es wird zugetreten und mit Polizeiknüppeln geschlagen. Man nennt das Körperverletzung im Amt. Heute hat die Polizei Bremen darauf mit dieser Presseerklärung reagiert:

(10.07.2013) Nachdem die Polizei Bremen durch die Medien Kenntnis von dem Video eines überharten Polizeieinsatzes bekommen hat, wurde seitens der Polizei Strafanzeige erstattet.Durch zwei Zeitungsredaktionen erhielt die Polizei Bremen Kenntnis von einer Videoaufzeichnung von einem Polizeieinsatz am frühen Morgen des 23. Juni in einer Diskothek in der Bremer Innenstadt. Auf diesem Video soll ein Polizeibeamter mit übertriebener Gewalt agieren. Das Video lag der Polizei bislang nicht vor. Nach den telefonischen Schilderungen der Journalisten erstattete die Polizei Bremen von selbst eine Strafanzeige wegen Körperverletzung im Amt.

Polizeipräsident Müller: „Wir sind leider häufig gezwungen, rechtstaatlich legitimierte Zwangsmaßnahmen anzuwenden. Dieses sich aus dem Gewaltmonopol des Staates ergebende Recht verpflichtet uns aber in besonderem Maße, verhältnismäßig und angemessen einzuschreiten. Wenn dies nicht geschieht, machen sich die agierenden Beamten strafbar und müssen sich den Konsequenzen stellen. Es ist deshalb selbstverständlich, dass ich eine lückenlose Aufklärung erwarte.“

Unter Federführung der Staatsanwaltschaft hat daraufhin die nicht bei der Polizei angesiedelte „Interne Ermittlung“ beim Senator für Inneres die Ermittlungen aufgenommen.

Weitere Auskünfte erteilt die Staatsanwaltschaft Bremen.

 

Update: mehr bei der taz Bremen.