We remember

29. Januar 2023

Vor einigen Tagen habe ich kritisch gewürdigt, dass das Forum Juden Christen zum ersten Mal seit Jahrzehnten keine Veranstaltung zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar durchführt. Die Kritik blieb unwidersprochen. Allerdings hat sich am Gedenktag dann doch „für das Forum Juden-Christen Altkreis Lingen e.V. “ dessen  stellvertretender Vorsitzender, Dr. Walter Höltermann, öffentlich geäußert. Am Freitagabend sagte er vor der Aufführung des Altonaer Theaters im Lingener Theater zu den Besucherinnen und Besuchern:

„Mein Name ist Walter Höltermann und ich bin stellvertretender Vorsitzender des „Forum Juden-Christen im Altkreis Lingen“. Das gleich aufgeführte Theaterstück „Die Kempowski-Saga Teil 2“ ist der kulturelle Beitrag des Forums zu dem heutigen Gedenktag.

An dem heutigen Tag gedenken wir in Deutschland und in aller Welt der Opfer des Nationalsozialismus: Juden, Sinti und Roma, psychisch Kranke und geistig Beeinträchtigte, sexuelle Minderheiten, Zeugen Jehovas sowie aus politischen oder religiösen Gründen Widerständige. Wer einem völlig subjektiven Rassebegriff nicht genügte und wer sich in seiner Lebenseinstellung, in seinen religiösen oder politischen Überzeugungen nicht gleichschalten ließ, wurde vernichtet. Holocaust kommt als Begriff aus dem Griechischen und bedeutet „vollständig verbrannt“. Daran soll dieser Tag erinnern. Der World Jewish Congress hat diesen Tag unter das Leitwort „We remember“ gestellt.

Anlass für diesen Gedenktag ist die Schoah, der Mord an den europäischen Juden während des 2. Weltkriegs. Nie zuvor hat ein Staat beschlossen eine von ihm bestimmte Menschengruppe einschließlich der Alten, der Frauen, der Kinder und der Säuglinge restlos zu töten. Es war der deutsche Staat, der dieses, wie auch bei den anderen Opfergruppen, mit allen seinen Machtmitteln durchsetzte. Wo immer er und seine Helfershelfer Juden ergreifen konnten, internierte er sie und transportierte sie dann, oft über große Entfernungen, in eigens für die Tötung geschaffene Vernichtungslager. Waren die so Deportierten noch arbeitsfähig, wurde ihre Arbeitskraft vor ihrer Ermordung für die Kriegswirtschaft ausgebeutet. Massenmorde hat es zuvor und auch danach gegeben, aber keine Massenmorde dieser Art.

In Ausschwitz-Birkenau wurden über 1 Millionen Juden und darüber hinaus tausende von Sinti und Roma sowie sowjetische Kriegsgefangene ermordet. Insgesamt wurden unter der Verantwortung des deutschen Staates 6 Millionen Juden vernichtet, darunter 850.000 Kinder.

Am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee das Vernichtungslager Ausschwitz-Birkenau. Was sie dort vorfanden war für sie unfassbar. 65.000 fast verhungerte und lebensbedrohlich erkrankte Gefangene. Ausschwitz wurde zum Symbol für den Holocaust und deshalb wird dieser Tag der Befreiung als internationaler Gedenktag begangen.

Doch warum sollten wir uns daran immer wieder erinnern? Können wir nicht endlich diese schreckliche Vergangenheit ruhen lassen? Rolf Winter hat seinem Buch, „Hitler kam aus der Dankwartsgrube“ den Satz voranbgestellt: „Vergangenheit, die ruht, kann sich wiederholen“. Deshalb müssen wir uns immer wieder vergegenwärtigen, was passieren kann, wenn Hass ungehindert gedeihen darf.

Der Antisemitismus und der mangelnde Respekt gegenüber bestimmten Gruppen in unserer Gesellschaft ist weiter mitten unter uns. Deshalb: Lernen wir aus der Vergangenheit und schützen wir damit die Zukunft. Geben wir den Opfern Würde und engagieren wir uns gegen Ausgrenzung und Diskriminierung jeder Art. Ich wünsche uns dafür Urteilskraft, Mut und Zivilcourage.

Update:
Dann gab es noch diese Initiative des Franziskus-Gymnasium.

(Foto: Forum Juden Christen)

Freundeskreis der Ukrainefahrer
Eine kleine Erfolgsgeschichte für humanitäre Hilfe
Lingen (Ems) – Kaiserstr. 10a
Donnerstag, 2. Februar 19:00 – 20:00
Kein Eintritt

Der Lingener Freundeskreis der Ukrainefahrer lädt zu einem bebilderten Vortrag am kommenden Donnerstag, 2. Februar, 19 Uhr in die Halle IV ein. Unter dem Titel „Freundeskreis der Ukrainefahrer – eine kleine Erfolgsgeschichte für humanitäre Hilfe.“ geht es um die Geschichte des Freundeskreises sowie die Anfänge und wie sich die Unterstützung gerade mit Blick auf den russischen Angriffskrieg seit Februar 2022 verändert hat. Alle Interessierten sind herzlich willkommen.
Der Freundeskreis der Ukrainefahrer engagiert sich seit über 30 Jahren in Juskovtsi/Lanivtsi, der neu gewonnenen Partnerstadt unserer Stadt Lingen (Ems). Die Stadt liegt circa 300 km östlich der polnisch-ukrainischen Grenze in der Westukraine auf der geografischen Höhe von Lwiw.

Bonifatiusklänge

27. Januar 2023

Herzliche Einladung zu den Bonifatiusklängen 2023! Hochkarätige Gäste brillieren an der klangschönen Fischer-und-Krämer Orgel in St. Bonifatius. Lassen Sie sich diese musikalischen Feuerwerke nicht entgehen! Hier geht’s zum Programm

Stunde der Wintervögel

26. Januar 2023

Das Endergebnis der traditionellen Mitmachaktion von NABU und LBV (Landesbund für Vogel- und Naturschutz) liegt vor: Die 13. „Stunde der Wintervögel“ hatte am Dreikönigswochenende bei wenig winterlichem und dafür umso nasserem Wetter stattgefunden. „Mehr als 9.600 Menschen in Niedersachsen haben sich nicht abschrecken lassen und trotz Regen und weniger Betrieb an den Futterstellen Vögel gezählt“, so Hanna Clara Wiegmann von der NABU Regionalgeschäftsstelle Emsland/ Grafschaft Bentheim. „Sie haben insgesamt 233.834 Vögel in 6.587 Gärten und Parks in Niedersachsen gemeldet.“

Wie vorab von den Ornithologen bereits vermutet, fielen die Sichtungen magerer aus als in den Jahren davor. „Der bisher eher milde Winter hat dafür gesorgt, dass typische Wintergäste aus Nord- und Osteuropa, wie der Bergfink, vermutlich in ihren Brutgebieten geblieben sind und sich den energiezehrenden Zug gespart haben“, erläutert Wiegmann. „Auch die Waldvogelarten wie Buchfink und Buntspecht wurden ebenfalls weniger häufig gezählt. Hier dürfte das Mastjahr der Grund sein. Durch die große Fülle an Baumfrüchten bleiben die Vögel eher im Wald und kommen seltener in die Siedlungen.“

Es ist zunächst nicht problematisch, wenn weniger Vögel in die Gärten kommen, weil durch ein Mastjahr mehr Futter im Wald vorhanden ist. Allerdings kommen die Mastjahre in den vergangenen Jahren in immer kürzeren Abständen – vermutliche Ursache ist die Klimakrise. Das häufige Massenfruchten kann die Bäume auszehren und so auf lange Sicht auch zum Problem für unsere Vogelbestände werden.

An der Rangliste in Niedersachsen hat sich trotz deutlich weniger Vögel und Zählenden nicht viel verändert: Auf den ersten drei Plätzen liegen Haussperling, Kohlmeise und Blaumeise. Auf Platz vier und fünf folgen die Amsel und der Feldsperling. Im Emsland liegt der Haussperling auf Platz eins, gefolgt von der Kohlmeise und der Blaumeise. Auch in der Grafschaft Bentheim ist der Haussperling auf dem ersten Platz, auf den zweiten Platz fliegt die Dohle und die Kohlmeise landet auf Platz drei.

Die nächste Vogelzählung findet übrigens vom 12. bis 14. Mai mit der „Stunde der Gartenvögel“ statt.


Quelle: NABU PM; Foto: Zählende Familie © NABU/S. Hennigs,  Stunde der Wintervögel

Beschämend wenig

24. Januar 2023

Bundespräsident Roman Herzog erklärte 1996 den 27. Januar zum Tag des Gedenkens für die Opfer des Nationalsozialismus. Seine Proklamation lautete:

1995 jährte sich zum 50. Mal das Ende des Zweiten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. In diesem Jahr haben wir uns in besonderer Weise der Opfer des nationalsozialistischen
Rassenwahns und Völkermordes erinnert und der Millionen Menschen gedacht, die durch das nationalsozialistische Regime entrechtet, verfolgt, gequält oder ermordet wurden. Symbolhaft für diesen Terror steht das Konzentrationslager Auschwitz, das am 27. Januar 1945 befreit wurde und in dem vor allem solche Menschen litten, die der Nationalsozialismus planmäßig ermordete oder noch wollte. Die Erinnerung darf nicht enden; sie muß auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken. Ich erkläre den 27. Januar zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

Daran zu erinnern ist und war notwendig.

Denn in diesem Jahr schweigt das verdienstvolle gute Gewissen unserer Stadt, das Forum Juden Christen im Altkreis Lingen, zu dem nationalen Gedenktag. Auf seiner Webseite findet sich ein einziger Satz. Sie können ihn oben nachlesen. In einer E-Mail des Vereinsschriftführers wollte das Forum stattdessen „auf das Theaterstück hinweisen, das Beitrag des Forums zum Internationalen Holocaust Gedenktag“ sei: „Die Kempowski-Saga: Tadellöser & Wolff“. Die Inszenierung des Altonaer Theater Hamburg wird am Freitagabend im Lingener Theater aufgeführt.

Der Hinweis auf diese Theatervorstellung im Rahmen des 2021 geplanten städtischen Kulturprogramms des „Abo A“ ist beschämend wenig. Es ist kein Abend des Forum, das sich an die städt. Veranstaltung bloß dranhängt. Auf eine eigene Veranstaltung im Sinne des Auftrags der eigenen Satzung verzichtet der Verein hingegen – wenn ich richtig nachgeschaut habe, zum ersten Mal seit 27 Jahren. Das geschieht unter der Verantwortung des im vergangenen Sommer gerade erst gewählten Vorsitzenden Simon Göhler. Der CDU-Mann taucht offenbar weg, man nimmt ihn nicht wahr, weil er seine Aufgabe nicht lebt. Und das in Zeiten, in denen das Verschweigen des Holocaust und des Gedenkens daran die deutschen Rechten mit der AfD propagieren. Dabei ist die rechte Partei bekanntlich  bei den letzten Wahlen auch in unserer Stadt ein Stück weit  erstarkt.

Gerade angesichts dessen ist das desinteressiert wirkende Schweigen mindestens zweierlei: Gefährlich und geschichtslos.

Update:
Gestern Abend zeigte der TV-Sender 3sat den französischen Film „Blinden Schrittes“. Er handelt von „Schnappschüssen“, die es in sich haben: Dokumentarfilmer Christophe Cognet zeigt Fotos von KZ-Insassen, die sich unter Lebensgefahr ablichteten. Es sind Porträts von ungeahnter Würde.

Die Alltagsszenen aus dem Inneren des Holocaust wurden 2021 erstmals im Forum der Berlinale gezeigt.

Christophe Cognet  wurde 1966 in Marseille geboren und studierte Filmwissenschaft an der Universität Sorbonne Nouvelle in Paris. In seinen Filmen legt er immer ungewöhnliche Schwerpunkte auf künstlerisches Schaffen und Erinnerungsarbeit. Der Vorgängerfilm „Weil ich Künstler war“ von 2013 handelt von Künstlern in KZ-Haft und ihrem Überleben in und mit der Kunst.

Der Film ist noch bis zum 22. Februar in der 3Sat-Mediathek sichtbar. Es ist ein privat-persönliches Veranstaltungsprogramm für den Holocaust-Gedenktag des 27. Januar.

Alexey Lebedev

23. Januar 2023

Reihe „Weltklassik am Klavier“
Alexey Lebedev
„Beethovens Waldstein trifft Romantik!“
Chopin, Beethoven und Liszt

Lingen (Ems) – Musikschule des Emslandes, Wilhelmstraße 49
Sonntag, 29. Januar – 17 bis 19 Uhr
Eintritt: Erwachsene: 30,00 €; Studenten: 15,00 €; bis 18:  Eintritt frei

Alexey Lebedev
In Europa, Asien, Nordamerika und Russland fasziniert der charismatische Klaviervirtuose Alexey Lebedev mit seinem ausdrucksvollen Spiel das Publikum und die Fachpresse. Ausgezeichnet mit Top-Preisen bei renommierten Wettbewerben – u.a. beim Busoni-Wettbewerb, Bozen, Maria Canals-Wettbewerb, Barcelona, G. B. Viotti-Wettbewerb, Vercelli, beim Jose Iturbi-Wettbewerb, Valencia – gehört Lebedev zur Elite der jungen Generation am Klavier. Er wurde 1980 in St. Petersburg geboren und studierte am St. Petersburger N. A. Rimsky – Korsakov Staatskonservatorium und an der Hochschule für Musik und Theater Hannover. Wichtige künstlerische Impulse erhielt Lebedev von Mi-Kyung Kim, Dmitri Bashkirov, Leon Fleisher und Xu Zhong. Beim Busoni Musik Festival 2010 erarbeitete er mit seinem großen Vorbild Alfred Brendel Werke von Haydn, Beethoven und Busoni. Professor Alexey Lebedev lehrt zurzeit an der Kyungsung Universität in Busan, Korea.

„Weltklassik am Klavier – Beethovens Waldstein trifft Romantik!“
Frederic Chopin machte unmissverständlich klar, dass Seine Mazurken keine Tanzstücke waren. Sie beinhalten neben folkloristischen Merkmalen auch lyrische Elemente oder wie Schumann sagte: irgendeinen poetischen Zug, etwas Neues in der Form oder Ausdruck, welche ein konzentriertes Zuhören verlangen. Das virtuose und sehr energische Werk, die Klaviersonate Nr. 21 op. 53 „Waldstein“ ist eine dreisätzige Sonate von Ludwig van Beethoven. Gewidmet ist sie dem Freund und Förderer des Komponisten, dem Grafen Waldstein und entstand im Jahr 1803. Die Klaviersonate in h-Moll von Liszt gilt als bedeutende und technisch anspruchsvolle Musik der Romantik. Als Höhepunkt des Schaffens von Franz Liszt entstand sie 1849-1853. Zur Uraufführung brachte sie Hans von Bülow im Januar 1857 in Berlin. Widmungsträger ist Robert Schumann, dem Liszt die Fantasie C-Dur gewidmet hatte.

Programm:
Frédéric Chopin
Mazurkas op. 68
1. C-Dur
2. a-Moll
3. F-Dur
4. f-Moll

Ludwig van Beethoven
Sonate Nr. 21 – Waldstein C-Dur op. 53
I. Allegro con brio
II. Introduzione: Adagio molto (attacca)
III. Rondo. Allegretto moderato – Prestissimo

– Pause –

Franz Liszt
Klaviersonate h-Moll S. 178
I. Lento assai-Allegro energico
II. Andante sostenuto
III. Allegro energico
IV. Andante sostenuto – Lento assai

Wenn…

19. Januar 2023

Vorsitzender Martin Koopmann (CDU) machte gestern Druck in der Sitzung des Wirtschafts- und Grundstücksausschusses unserer Stadt Lingen (Ems). Er wollte nämlich rechtzeitig zuhause sein, um die Nordreportage des NDR über die Lingener Meckerbrücke zu sehen. Letztlich wurde es damit nichts, aber es gibt ja die ARD-Mediathek und natürlich dieses kleine Blog. Also schaut hinein und wettet mit. Der Abschlusssatz lautet nämlich, im März (2023 !) komme die Brücke zurück, „wenn sie nicht zu marode sei“. Da läuft in unserer BN-Fraktion die Wette, dass das passieren werde und dann eine neue Brücke komme…

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nachgerechnet

17. Januar 2023

Die Verkleinerung des Parlaments ist überfällig, der Vorschlag der Ampel ist dafür ein wichtiger, richtiger Schritt. DIE ZEIT hat nachgerechnet:

Polizist:innen gehen in Lützerath gegen Demonstrierende vor, sie stecken im Schlamm fest und räumen Baumhäuser. Dank der sozialen Medien sind wir bei alledem mittendrin. Welche Rolle spielen Twitter, Instagram und Co. in diesem Konflikt? fragt Netzpolitik.org und interviewt dazu die Professorin Caja Thimm:

Seit Tagen überschlagen sich die Meldungen aus Lützerath. Inzwischen soll der Ort fast vollständig geräumt sein. Zuvor kam es insbesondere am vergangenen Wochenende zu gewaltsamen Szenen. Polizei und Aktivist:innen sprechen von zahlreichen Verletzten.

Von den Geschehnissen in Lützerath erfahren wir nicht zuerst in der Tagesschau oder in der Zeitung, sondern unmittelbar von den Menschen vor Ort. Sie teilen im Minutentakt über die sozialen Medien, was sie in Lützerath erleben. Auch die Polizei twittert fleißig mit – häufig im Widerspruch zu dem, was die zahlreichen Videos zeigen.

Welche Folgen hat es, wenn Betroffene selbst zu Berichterstattern werden? Wer hat in diesem Konflikt die Deutungshoheit? Und was macht das mit uns als Beobachter:innen? Darüber haben wir mit Caja Thimm gesprochen. Thimm ist Professorin für Medien- und Kommunikationswissenschaften an der Universität Bonn. Sie meint: Ohne soziale Medien wäre der Protest in Lützerath nicht annähernd so wirksam gewesen.

Netzpolitik.org: Die vergangenen Tage kamen die meisten Informationen aus Lützerath über Twitter, häufig von den Involvierten selbst – also vor allem von der Polizei und den Aktivist:innen vor Ort. Ist das problematisch?

Caja Thimm: Nein, genau dadurch kann ich mir als Zuschauerin ein eigenes Bild machen. Und außerdem ist das ebenjene Stärke, die Twitter immer schon auszeichnete: Es ermöglicht, vor Ort Bericht zu teilen und sie weltweit sichtbar zu machen. Das steht allen Beteiligten offen.

Netzpolitik.org: Welche Rolle nehmen dann noch Journalist:innen in diesem auch medial ausgetragenen Konflikt ein?

Caja Thimm: Journalist:innen selektieren anders und bringen andere Hintergrundinformationen mit ein. Aber auch das Material für ihre Berichterstattung besteht aus den Informationen und Bildern direkt vor Ort. Da Journalist:innen selbst filmen und Interviews führen und das sofort online stellen können, gibt es unglaublich viele Quellen, die man früher nicht hatte. Die Anschaulichkeit bei der digitalen Live-Berichterstattung ist deutlich höher als in traditionellen Medien.

„Die Welt schaut zu“

Netzpolitik.org: Was ist die Intention von Aktivist:innen, wenn sie die Geschehnisse auf Twitter teilen?

Caja Thimm: Es geht ihnen darum, die Gewalt zu dokumentieren, den Protest auf die mediale Ebene zu verlagern und die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Eine der wichtigsten Eigenschaften von Social Media ist die Sichtbarkeit, die internationale Sichtbarkeit. Wir sehen gerade die Solidaritätserklärungen aus Indien, aus Großbritannien, aus Frankreich, aus Belgien – aus der ganzen Welt. Das macht Mut vor Ort, insbesondere bei den Konflikten mit der Polizei. Diese Unterstützung gab es beispielsweise auch im sogenannten Arabischen Frühling. Da hatten wir auch das Gefühl, über Facebook dabei zu sein. Und die Aktivist:innen in Kairo, Tunis und Damaskus hatten das Gefühl: Wir sind nicht allein, die Welt schaut zu. Und genau das wollen die Protestierenden in Lützerath erreichen: Die Welt schaut auf uns, schaut auch auf uns in der Politik.

Natürlich ist all das auch der Versuch, die Politik zu beeinflussen. Gar keine Frage. Deswegen haben sich ja auch Menschen in einen Tunnel eingegraben. Aber vor allem geht es um Öffentlichkeit.

Netzpolitik.org: Bleiben wir bei dem Tunnelvideo: Man sieht zwei Vermummte in einem Tunnel, die erzählen, sie könnten dort sehr lange ausharren und würde sich im Zweifel auch dort unten festketten. Inzwischen haben sie den Tunnel verlassen. Denken Sie, dass es zu einer solchen Aktion ohne soziale Medien gekommen wäre?

Caja Thimm: Nein. Das ist eine sehr, sehr gefährliche Aktion und natürlich auch von langer Hand geplant. Ich muss zuerst den Tunnel graben, und erst danach kann ich die „Vorwarnung“ veröffentlichen. Nehmen wir an, die Aktivist:innen hätten Fotos gemacht und diese dann der Polizei übergeben. Das hätte längst nicht die für die Aktion erforderliche Dramatik gehabt. Und es geht auch darum, mithilfe von Social Media die gesamte Republik darauf aufmerksam zu machen, unter welchen großen Opfern die Protestierenden sich für das Klima einsetzen.

Netzpolitik.org: Welche Kommunikationsstrategie verfolgen die Aktivist:innen mit dem fortwährenden Teilen von Videos und „Meldungen“?

Caja Thimm: Es geht bei dieser Live-Berichterstattung um die dramaturgische Aufladung, die Zuspitzung. Etliche Accounts teilen Aufnahmen, die mit Hilfe von Tausenden Kameras vor Ort entstanden sind. Die Aussage ist: Schaut, wie viele wir sind. Und diese Strategie ist überaus wirkungsvoll.

Gleichzeitig wird das Geschehen manifestiert; die Gewalt durch die Polizei. Und da gewinnt die Polizei für ihre Aktivitäten nicht unbedingt viele Sympathien.

Netzpolitik.org: Auch die Polizei kommuniziert unentwegt. Die Tweets klingen mitunter wie Lautsprecherdurchsagen: Die Aktivist:innen sollten bitte Kleinkinder aus dem Gebiet entfernen oder sie sollen aufhören, Molotow-Cocktails zu werfen. Richten sich diese Tweets überhaupt noch an die Aktivist:innen?

Caja Thimm: Das tun sie durchaus. Und das ist keinesfalls eine neue Strategie. Die Polizei hofft, dass Aktivist:innen diese Tweets lesen und Gewalt damit gestoppt werden kann. Allerdings ergibt sich so für die Polizei das Problem, dass sie widersprüchlich kommuniziert. Auf der einen Seite sieht man schockierende Polizeigewalt, auf der anderen Seite erfolgt eine rationale verbale Kommunikation mit den Protestierenden. Das ist nicht klug. Die Polizei hätte in ihrer Kommunikationsstrategie viel mehr drauf achten müssen, wie groß die Macht der Bilder ist, die die Gewalt zeigen. Diese Kommunikation ist ein Widerspruch in sich, das kann nicht funktionieren.

Netzpolitik.org: Die Polizei twittert häufig auch, man hoffe auf einen friedlichen, gewaltfreien Verlauf.

Caja Thimm: Ich kann mich nicht besorgt um das Leben von Demonstrierenden zeigen und gleichzeitig unnötigerweise heftige Gewalt anwenden.

Irgendwann wird die Polizei erklären müssen, warum sie mit dieser Brutalität vorgegangen ist. Vor allem, weil man inzwischen Beweismaterial hat. Die Verhandlung findet nicht mehr nur im Gerichtssaal statt, sondern alle, die in den sozialen Medien zuschauen, können darüber urteilen. Jede:r Einzelne kann sehen, was die Polizei in Lützerath getan hat, kann aber auch beurteilen, welche Rolle die Protestierenden gespielt haben. Am vergangenen Wochenende waren Zehntausende Menschen vor Ort, die alle mit Handykameras ausgestattet sind. Es ist klar, dass da sehr viel mehr Material entsteht, über das sich die Polizei nicht freuen dürfte.

Netzpolitik.org: Die Polizei Aachen hat einen Tweet von RWE retweetet. RWE schreibt darin, es sei „eine Falschmeldung“, dass der Tunnel der Aktivist:innen zusammengebrochen sei, die Lage sei stabil. Der Polizei-Account kommentiert den Tweet mit „Wichtige Info!“. Halten Sie es für angemessen, dass eine staatliche Behörde die „Meldung“ des PR-Teams von RWE derart in die eigene Kommunikation einbezieht?

Caja Thimm: Das ist sehr problematisch und eine Verquickung der Unternehmensinteressen mit denen der Polizei. Allerdings ist es keineswegs überraschend. Die Polizei räumt Lützerath im Interesse von RWE. Auch wenn der Auftrag zur Durchsetzung von der Landesregierung kam.

Das erinnert mich an die Bilder des Gefangenentransporters mit RWE-Logo. Diese Bilder sind allein aufgrund der medialen Wirkung hochproblematisch.

Und woher wissen wir, dass RWE die Sachlage korrekt wiedergibt? Das wissen wir überhaupt nicht. RWE schreibt: „Aktuell kursiert eine Falschmeldung“ – das bedeutet, das Unternehmen etikettiert eine Meldung als Falschmeldung. Allein das finde ich extrem problematisch.

Netzpolitik.org: Polizei und Aktivist:innen – welcher der beiden Gruppen ist es in den vergangenen Tagen besser gelungen, den öffentlichen Diskurs in die von ihnen jeweils gewünschte Richtung zu lenken?

Caja Thimm: Den Aktivist:innen, ganz klar. Allein schon deshalb, weil sie auch medial in der Überzahl sind. Es gibt Tausende Accounts, die über das Geschehen vor Ort berichten und es kommentieren. Und ihre Kommunikationsstrategie ist wirksam, sie erreichen genau das, was sie wollen: möglichst viel Aufmerksamkeit. Dementgegen verfügt die Polizei nur über einige wenige offizielle Accounts.

Und die zahlreichen kursierenden Videos rücken die Polizist:innen vor Ort nicht gerade in ein gutes Licht, das erkennen selbst bürgerliche Medien an. Videoaufnahmen zeigen nicht nur Gewalt gegen Demonstrierende, sondern auch, wie die Polizei den Zugang für Sanitäter:innen und Krankenwägen erschwert und mitunter sogar versperrt hat.

Netzpolitik.org: Die Aktivist:innen und die Polizei kommunizieren auf Twitter auch direkt miteinander. Denken Sie, dass diese relativ neue Möglichkeit der Kommunikation einen solchen Konflikt eher entspannt oder verschärft?

Caja Thimm: Sowohl als auch. Der Grad der Öffentlichkeit ist beim Thema Lützerath sehr hoch. Und die Möglichkeit, das eigene Fernsehstudio zu sein, verführt auf der einen Seite zu risikoreichem Handeln. Auf der anderen Seite kann diese Form direkter Kommunikation den Konflikt entschärfen, wenn sie auf der Handlungs- und auf der Kommunikationsebene einheitlich erfolgt. Das gilt aber nur, wenn die Gewalt nicht derart überhandnimmt, dass die Kommunikation zwischen den sich gegenüberstehenden Parteien abbricht.

„In Sekundeschnelle in der Öffentlichkeit“

Netzpolitik.org: Die Protestformen im Dorf Lützerath gleichen jenen auf den Straßen in Berlin oder München, wo sich Aktivist:innen am Asphalt festkleben, oder nicht?

Caja Thimm: Hier wie dort zeigen die Demonstrierenden eine hohe Risikobereitschaft bei gleichzeitiger breiter Sichtbarkeit. Man lässt sich bestimmte Dinge einfallen, um die öffentliche und mediale Aufmerksamkeit zu erregen. Das ist auch das große Kapital. Und das braucht diese Bewegung, sonst gehen ihre Anliegen im alltäglichen Klein-Klein allzu rasch wieder unter.

Netzpolitik.org: Denken Sie, Protestformen wie in Lützerath oder von den Aktivist:innen der Letzten Generation wären ohne soziale Medien ähnlich wirksam?

Caja Thimm: Nein, keinesfalls, das wären sie nicht. Denn soziale Medien sind genau das, was man braucht: Sie sind das eigene Medienhaus. Ich kann mich selbst live interviewen, meinen eigenen Podcast machen und meinen eigenen Film drehen – und all das ist in Sekundenschnelle in der Öffentlichkeit! Nahezu zeitgleich mit den Ereignissen, die alle verfolgen. Das hat es früher nicht gegeben. Und den Protestierenden geht es ja nicht um sie selbst, um persönliche Bereicherung oder um eine Besserstellung. Es geht ihnen um die Sache, um das Klima und die Zukunft.


Für Netzpolitik.org interviewte . Netzpolitik-Lizenz Creative Commons BY-NC-SA 4.0.

Nachtrag:
Mutter Erde, die Polizei, der Mönch und der Schlamm:

Hemmschwelle

14. Januar 2023

An einigen Osnabrücker Schulen ist ein vor gut einem Jahr beschlossenes Experiment gescheitert. Dort wird es deshalb in Zukunft keine kostenlosen Menstruationsartikel mehr auf den Toiletten geben. An einigen Osnabrücker Schulen ist ein vor gut einem Jahr beschlossenes Experiment gescheitert. Dort wird es deshalb in Zukunft keine kostenlosen Menstruationsartikel mehr auf den Toiletten geben. Nach Angaben der Stadt haben Schüler und Schülerinnen die Produkte zu häufig „zweckentfremdet“.

Seit Ende 2022 wurden die Hygieneprodukte an vielen Osnabrücker Schulen kostenlos zur Verfügung gestellt. Angeregt hatte das das Jugendparlament der Stadt, weil Hygieneartikel für Frauen teuer sind und nicht jede Frau sich das leisten kann. Die Produkte seien jedoch unter anderem in die Toiletten gestopft worden, sagte die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Osnabrück, Patricia Heller, dem NDR. Sie begleitet das Projekt. Auch seien mit Tinte vollgesogene Tampons verwendet worden sein, um Wände zu verunreinigen.

Heller begleitet das Projekt seit gut einem halben Jahr. Sie hält das Verhalten der Kinder und Jugendlichen nicht für ungewöhnlich. Sie seien neugierig. Gleichzeitig zeige es, dass dem Thema Menstruation die Wertschätzung fehle. An einigen Schulen sollen die Hygieneprodukte in Zukunft nur noch im Sekretariat oder bei der Schulsozialarbeit erhältlich sein. Heller nennt die Konsequenz „unglücklich“. Die Hemmschwelle sei für einige Schülerinnen zu hoch. Sie setzt auf Aufklärungsarbeit. In Jugendzentren sei das Angebot gut begleitet worden.

Während in Meppen und Nordhorn entsprechende Initiativen längst beschlossen waren, hatte dann in Lingen erst Ende letzten Jahres die lokale SPD beantragt, die öffentlich zugänglichen Toiletten „in den städtischen Liegenschaften“ mit Hygienespendern zur kostenlosen Abgabe von Menstruationsartikeln auszustatten. Das ging der Stadtverwaltung zu weit; sie schlug vor, die Umsetzung zunächst im Rahmen eines Pilotprojektes an einer weiterführenden Schule „im Rahmen eines Beteiligungsprozesses voranzubringen“. Die „Evaluation des Projektes“ könne „Grundlage für die politische Diskussion zur Ausweitung des Projektes auf andere weiterführende Schulen oder städtische Einrichtungen werden“.

Daraufhin beantragte unsere BN-Fraktion eine Änderung des als viel zu schmal  empfundenen Verwaltungsvorschlags und stattdessen -neben anderen Punkten- in zwei öffentlichen Gebäuden (bspw. Kulturzentrum „Alter Schlachthof“, Stadtteiltreffs, Rathaus, Stadtbibliothek, Emslandmuseum) und zwei weiterführenden Schulen Spender im örtlichen Zusammenhang mit WC-Anlagen/Waschräumen anzubringen, um kostenfrei Periodenprodukte zur Verfügung zu stellen. 

In der Ausschusssitzung am 5. Dezember letzten Jahres stimmten CDU und FDP gemeinsam für den zurückhaltenden Verwaltungsvorschlag. Den weitergehenden SPD-Vorschlag und auch den Änderungsantrag der BürgerNahen lehnten sie jeweils ab. Diese Beschlüsse wurden am Donnerstag dieser Woche im Verwaltungsausschuss bestätigt; dieses Mal mit der Stimme von Oberbürgermeister Krone.


Foto: pixabay, Text NDR, NOZ