RWE

20. November 2017

Jetzt wird es spannend: Das Oberlandesgericht (OLG) Hamm hat die Berufung in einer ungewöhnlichen Zivilklage angenommen, die dem Kampf für mehr Klimaschutz eine völlig neue Dynamik geben könnte. Geklärt werden muss die Frage, ob RWE für die Produktion von Treibhausgasen haftbar gemacht werden kann.

Der Peruaner Saúl Luciano Lliuya hatte 2015 beim Essener Landgericht Klage gegen den Energiekonzern RWE eingereicht: Luciano lebt in den Anden und fürchtet eine Flutwelle wegen der anhaltenden Gletscherschmelze. Seinem Haus – sowie einem großen Teil der peruanischen Andenstadt Huaraz – droht wegen des anwachsenden Gebirgssees oberhalb der Stadt eine Flutkatastrophe. Und Schuld an der massiven Gletscherschmelze sei auch RWE, der Essener Kohlekonzern, so die Argumentation, sei mit seiner massiven Produktion von Treibhausgasen maßgeblich mitverantwortlich für die Erderwärmung. RWE soll sich deshalb an Vorsichtsmaßnahmen – etwa einem Abpumpen des Wassers – beteiligen. Der Konzern ist für 0,47 Prozent aller weltweiten Treibhausgas-Emissionen verantwortlich.

Das Essener Landgericht sprach RWE im vergangenen Jahr zunächst von Schuld frei: Die Richter entschieden, dass der Energieriese nicht für allgemeine Klimaveränderungen haftbar gemacht werden kann. Aber der Peruaner ließ mit seiner Anwältin nicht locker und erreichte, dass das Oberlandesgericht Hamm nun die Beweisaufnahme startete. In der müssen Sachverständige nun der von den Klägern vorgetragenen Kausalkette auf den Grund gehen: Tragen die Kraftwerke von RWE zum weltweiten Temperaturanstieg bei, zur Gletscherschmelze in den Anden, verursachen sie somit Lliuyas Flutgefahr?

RWE fürchtet sich eher vor einer Klagewelle denn vor einer Flutwelle in den Anden. „Aus unserer Sicht ist das ein Präzedenzfall“, sagt ein Anwalt des Konzerns. Denn würde RWE zur Zahlung verurteilt, dann könnten auch untergehende Inselstaaten, von Dürre geplagte Bauern oder Opfer anderer Folgen der Erderwärmung RWE verklagen. Eine Entscheidung soll am 30. November fallen.

Mehr in der Süddeutschen
via piqd nick Reimer

bis zu zweieinhalb Monate

19. November 2017

Die Politik in Niedersachsen wird konservativer. Das war in einer großen Koalition nicht anders zu erwarten, aber der 138-seitige Koalitionsvertrag trägt gerade in der Sicherheitspolitik an vielen Stellen die Handschrift der CDU – oder zumindest einer von den Grünen befreiten SPD.

Schon Anfang 2018 wollen die Neu-Koalitionäre eine Novelle des Polizeigesetzes in den Landtag einbringen. Darin sollen elektronische Fußfesseln und Online-Durchsuchungen geregelt werden. In anderen Bundesländern gab es über Staats-Trojaner, also das Hacken von Computern durch deutsche Behörden, schon heftige Debatten. Das Wort Trojaner steht im Koalitionsvertrag allerdings nicht. (Download hier)

Verschärft wird zudem die Präventivhaft für Gefährder. Statt bisher zehn Tage sollen Menschen, die noch keine Straftat begangen haben, in Zukunft bis zu zweieinhalb Monate in Haft bleiben dürfen. Über die Präventivhaft muss ein Richter entscheiden. Sie soll zunächst 30 Tage dauern und kann dann zweimal von einem Gericht verlängert werden. Die CDU hatte im Wahlkampf bis zu 18 Monate Haft ohne Anklage gefordert.

Wer bei Demons­trationen in Niedersachsen sein Gesicht verhüllt, begeht in Zukunft wieder eine Straftat. Unter Rot-Grün war die Vermummung nur eine Ordnungswidrigkeit.

Zudem soll die Videoüberwachung an „Kriminalitätsschwerpunkten“ ausgeweitet werden – allerdings nicht nur die gewöhnliche: „Die intelligente Videoüberwachung kann eine Weiterentwicklung darstellen.“

Die niedersächsische Landesdatenschutzbehörde sieht die biometrische Gesichtserkennung, wie sie gerade in einem Modellversuch in Berlin getestet wird, kritisch: „Es ist damit möglich, Personen zu identifizieren, die keine Verbrechen begangen haben“, sagt Behördensprecher Jens Thurow. „Auch deren Daten werden abgeglichen und gespeichert.“

Die Koalition will zudem Videoaufnahmen ohne Ton in Gewahrsamszellen möglich machen und eine Rechtsgrundlage für die bereits von Innenminister Boris Pistorius (SPD) bestellten 500 Bodycams für Polizisten schaffen. Zudem stocken SPD und CDU die Polizei um bis zu 3.000 Stellen auf. Auch der Verfassungsschutz soll gestärkt werden.

Einen härteren Kurs wünschen sich die beiden Parteien bei der Asylpolitik. „Die Inte­gration von Zuwanderern und Flüchtlingen mit dauerhafter Bleibeperspektive werden wir fördern“, heißt es im Koalitionsvertrag. Alle anderen sollen effizienter abgeschoben werden. „Kurzfristige realisierbare Abschiebungen“ sollen künftig direkt aus der Erstaufnahmeeinrichtung möglich sein.

Die Koalition will außerdem der Einstufung der Maghreb-Staaten als sichere Herkunftsländer im Bundesrat zustimmen. In der vergangenen Legislaturperiode hatte sich Niedersachsen enthalten. Das macht die Gruppe der Menschen, die kaum eine Chance auf eine Aufenthaltserlaubnis haben, noch größer.

Abschieben wollen SPD und CDU auch Menschen, „die ihnen angebotene und zumutbare Integrationsleistungen“ nicht angenommen haben.

[Ein Beitrag der taz]

Wun.Der.Bar

18. November 2017

Es muss etwa 60 Jahre her sein, als es in der Lingener Schlachterstraße zu einem tragischen Unfall kam. Ein kleiner Junge fuhr mit seinem Tretroller durch die Gasse zwischen dem Ratskeller und dem heutigen Café Extra-Blatt direkt vor die Reifen eines von rechts kommenden Lkw in der Schlachterstraße und wurde regelrecht zerquetscht. Daran erinnere ich mich. Es war damals zu recht ein großes Gesprächsthema in Lingen (Ems).

Sofort entschloss sich seinerzeit die Stadt diese Zufahrt so abzusperren, dass dies künftig nicht mehr möglich sein werde. Das klappte auch, zunächst mit Holzpfählen. Als dann vor 25 Jahren das älteste, in der Gasse seit 1927 vorhandene Lingener Straßenpflaster aufgenommen und neu gesetzt wurde, setzte man vier historisierende Eisenpfähle in die Straße und verband je zwei durch Ketten miteinander. Man musste seither nahezu in den Stand bremsen und ein bereiftes Gefährt zwischen beiden Pfahlreihen hindurchschieben. Das Fazit: Seit dem Unfall vor 60 Jahren hat es keinen Unfall mehr an dieser Stelle gegeben.

Jetzt handelte die Lingener Stadtverwaltung erneut und beseitigte kurzerhand die sichernden Ketten – mit dem Ergebnis, dass künftig nur noch das Hineinfahren in die Gasse gesperrt ist, aber das gefährliche Hinausfahren für Zweiräder, Roller usw. aus der Gasse in den Querverkehr der Schlachterstraße nicht mehr. Gefährlicher gehts kaum. Ganz abgesehen von dem völligen gestalterischen Wun.Der.Bar-Pfahl-Missgriff: MAN FASST ES NICHT, IHR DUMMKÖPFE! Wann gibt es an dieser nunmehr gefährlichen Einmündung den nächsten schweren Unfall? Guckst Du hier:

„draußen im Lande“

15. November 2017

In den Wahlkampfwochen vor dem 15. Oktober tat sich auch unsere NOZ-Lokalpresse mit zwei unkritischen, geradezu menschelnden Porträts lokaler AfD-Rechter hervor. Daran musste ich denken, als ich auf den NachDenkSeiten den Bericht des Publizisten und ehemaligen Planungschefs von Willy Brandt und Helmut Schmidt im Bundeskanzleramt über eine Luther-Veranstaltung im Schwabenlande in den NachDenkSeiten dies fand:

„Dieser Bericht gilt einer Veranstaltung des ehemaligen FDP-Parl. Staatssekretärs Gallus zum Lutherjahr. 600 (!) Menschen versammelten sich in Hattenhofen (Kreis Göppingen), bei nur rund 3000 Einwohnern. Gallus, inzwischen der AfD verbunden, hatte eingeladen. Das Foto zeigt ihn rechts vorn und zwei Plätze daneben den AfD-Bundestagsabgeordneten, beide wie auch die anderen Gesichter gut bürgerlich.  

Die Einladung durch den AfD-nahen, ehemaligen FDP-Agrarpolitiker schreckte offensichtlich nicht. Er denkt nicht anders als früher, als ich ihn gelegentlich als Vertreter seines Ministers, Josef Ertl, im Kabinettsaal des Bundeskanzleramtes erlebte. Die Grenzen sind fließend – zwischen den AfD-Leuten und den anderen Parteien. Wenn Schäuble z.B. in seinem mittelbadischen Wahlkreis Offenburg zu einer ähnlichen Luther-Würdigung einladen würde, käme ein ähnliches Publikum zusammen. Man versteht sich. Unten jedenfalls.

Im konkreten Fall der Veranstaltung in Hattenhofen verbindet außer der Kirche auch noch die Freundlichkeit der Berichterstattung durch das Monopolmedium die bürgerlichen Kreise von AfD bis CDU und FDP, Grüne und SPD nicht ausgeschlossen, denn diese müssen auch dazu gehören wollen, in BaWü sowieso. Die Südwestpresse (SWP) hat überaus freundlich berichtet. Einen kritischen Leserbrief gab es. Der Leserbriefschreiber Waldhans aus Göppingen hat immerhin die „lobhudlerische“ Berichterstattung angeprangert. Und der kritische Leserbrief wurde gedruckt. Diese Kritik juckt offensichtlich nicht. Die Welten jener bürgerlichen Kreise, denen es gut geht, und jener die das Geschehen kritisch betrachten, sind klar getrennt.

Warum mache ich auf diesen Vorgang aus der schwäbischen Provinz aufmerksam:

Erstens: Die Schamfrist für die politische Zusammenarbeit mit der AfD wird nicht allzu lange sein. Die Koalitionen bahnen sich „draußen im Lande“ an.

Zweitens: Die kritische Begleitung des Treibens der AfD sollte einem nicht dazu verleiten, die anderen unkritisch zu sehen. Oft wird das nämlich so versucht: Indem die Politiker der etablierten Parteien die AfD als das Böse markieren, lassen sie sich als die Guten erscheinen.“

(Quelle: Albrecht Müller in NachDenkSeiten)

 

Unser Emsland!

13. November 2017

Unsere Steuern, Unser Landrat, Unser Emsland! Sie haben es planlos für 8,4 Mio Euro in den ZDF-Länderspiegel geschafft und das ganz ohne SV Meppen.

Brennstoffzelle

12. November 2017

2021 sollen auf nicht-elektrifizierten Strecken in Niedersachsen 14 Brennstoffzellen-Züge verkehren.

Zwischen Cuxhaven, Bremerhaven, Bremervörde und Buxtehude will die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG) ab 2021 keine Diesel-Loks mehr einsetzen, sondern Züge mit Brennstoffzellen-Antrieb. Dafür hat die LNVG nun 14 der Züge bei Alstom bestellt, geht aus einer Mitteilung des Herstellers hervor. Zuvor war der Zug dieses Jahr in Niedersachsen getestet worden.

Der Coradia iLint genannte, in Salzgitter entwickelte Zug kann rund 1000 Kilometer mit einer Tankfüllung zurücklegen, bei Höchstgeschwindigkeiten von 140 km/h. Mit Wasserstoff versorgt wird er über eine eigene Tankstelle in Bremervörde, die von der Linde Group geliefert wird. Sie soll 10 Millionen Euro kosten. In einer späteren Projektphase soll der Wasserstoff per Elektrolyse und mithilfe von Windenergie vor Ort produziert werden.

Das niedersächsische Verkehrsministerium unterstützt die Anschaffung der 14 Brennstoffzellen-Züge mit 81,3 Millionen Euro, vom Bundesverkehrsministerium kommen 8,4 Millionen Euro. Wie viel die Züge insgesamt kosten, geht aus der Mitteilung nicht hervor.

Nachtrag:

Während also andernorts die Zukunft eingeläutet wird, steht bei uns die Gegenwart still. Immer noch defekt ist der Aufzug zu Gleis 2 im Bahnhof Lingen (Foto, © milanpaul, flickr). Bekanntlich halten dort alle Züge in Richtung Norden. Für Gehbehinderte und Rollifahrer ist der Bahnteig nicht benutzbar. Und das seit mehr 100 Tagen. Es ist nicht bekannt, dass die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen dies überhaupt bemerkt hätte. Die tzuständige Betriebsgesellschaft DB Netz geht der Defekt am A… vorbei. Sie behauptet tatsächlich, man könne keine Ersatzteile bekommen. Seit Ende Juli. Das ist entweder dreist gelogen oder Ausdruck völliger Inkompetenz.

(Quelle: Heise.de)

Wortlaut

12. November 2017

Als Nachtrag hier iM Wortlaut die Rede am 9. November von Gerhard Kastein am Stolperstein für die Lingenerin jüdischen Glaubens, Henriette Flatow, die im KZ Theresienstadt (Nazisprech: „Altersghetto“) ermordet wurde. Der Stolperstein befindet sich vor dem Alten Krankenhaus in der Gymnasialstraße. Die Rede:

„Wir befinden uns hier an einem Ort in Lingen, wo -bislang einmalig- ein Stolperstein und ein Straßenschild in unmittelbarer Nähe auf die Gräuel der deutschen Vernichtungsmaschinerie in Bezug auf eine ehemalige Lingenerin hinweisen.

Diese Todesfallanzeige Henriette Flatows im Ghetto Theresienstadt  zeigt, wie exakt der Ältestenrat des Ghetto Theresienstadt, sicher im Sinne deutscher Gründlichkeit durch die Besatzer, die Todesbuchführung erledigte.

Nun könnte ich eigentlich schon den Vortrag beenden. Doch das wäre der Person und der Intension unseres Treffens nicht angemessen.

Wer also war Henriette Flatow?

Henriette Flatow wurde 1866 in Wormditt (heute Orneta), Kreis Braunsberg in Ostpreußen geboren. Sie wuchs dort mit zwei Geschwistern Aurelia Rachel und Louis auf. Im Jahr 1915 zog sie von Rheine nach Lingen in die Rheinerstr. 57. Wie und warum, bleibt bislang im Dunkeln.

Im September 1921 verlegte sie den Wohnsitz in die Kaiserstr. 20, direkt dem damaligen Eisenbahnausbesserungswerk gegenüber. Als Pfründnerin schrieb sich Henriette Flatow im September 1929 in das Bonifatius Hospital ein. Sie war dort wahrscheinlich als Küchenhilfe tätig. (In der Meldekartei der Stadt wird sie als Invalide, im Adressbuch als Rentnerin geführt).

Ab 1933 wird sie sicherlich auch die Diskriminierung des Regimes mehr oder wenig stark ertragen habe. Die massive Flut von Gesetzen, Erlassen und Verfügungen dienten alle dazu, diese Bürgerinnen und Bürger des Deutschen Reiches zu entwürdigen. Eine inhumane Bürokratie machte es möglich. Da war zum Beispiel das Verbot des Haltens von Haustieren. Auch diese mussten getötet werden, selbst ein Verschenken an „arische“ Bekannte oder Freunde war nicht zulässig. Jeder heutige Tierbesitzer möge sich das vorstellen.

Ende 1941 wurden alle Juden verpflichtet, in ein so genanntes „Judenhaus“ einzuziehen. Henriette Flatow wurde dieser Einzug in ein „Judenhaus“ erspart.

Trotzdem wurde sie am 29. Juli 1942 mit dem Zug nach Münster deportiert. Zwei Tage später erfolgte der Transport in das Ghetto Theresienstadt. Ihr Tod wurde laut der Todesfallanzeige am 20. Juli 1943 pedantisch mit exakter Uhrzeit protokolliert. Die Beerdigung erfolgte dann zwei Tage später ebenfalls in Theresienstadt

Jahrzehnte wurden die jüdischen Bürgerinnen und Bürger Lingens in der breiten Öffentlichkeit buchstäblich vergessen. Sicher hat sich die Stadt Lingen mit der Renovierung der seinerzeit zum Pferdestall gemachten jüdischen Synagogenschule des Problems des Nichtvergessens angenommen. Auch fanden zwei große Gedenksteine zum Nichtvergessen Platz, allerdings im „Hinterhof“.

Im Jahr 1997 verlegte der Künstler Gunter Demnig in Köln sogenannte Stolpersteine, ein Exemplar für Henriette Flatow liegt vor ihnen, im Sinne des Erinnerns in ihrer Heimatstadt.

Dieses Projekt wurde Anfang des 21. Jahrhundert von der Ratsfraktion der SPD diskutiert und fand dann seinen Weg zur Realisierung durch einen Antrag, wie das demokratisch so üblich ist, in den Kulturausschuss des Rates. In der Sitzung des Ausschusses vom 20. Januar 2003 stimmte die Ausschussmehrheit dieser Empfehlung der Verwaltung zu:

„Es wird vorgeschlagen, diese Gedenkorte [gemeint sind die jüdische Schule, die beiden Gedenksteine …] auch in Zukunft [gemeint ist hier ausschließlich] in den Mittelpunkt des Erinnerns zu stellen. Das Projekt des Künstlers Demnig sollte daher in der Stadt Lingen (Ems) nicht umgesetzt werden“.

Übrigens wurden hier keine öffentlichen Gelder gefordert – alles werde über Spenden erfolgen. Wie gesagt: Die Ausschussmehrheit stimmte dem Verwaltungsvorschlag zu.

Nach zwei Jahren intensiver Vorarbeit wurden dann doch 12 Stolpersteine, u.a. auch der vor ihnen liegende, ins Pflaster unserer Stadt gemauert. Jetzt war der Bann gebrochen. Am 29. Juli 2002 wurde die hinter ihnen liegende Straße als Henriette-Flatow-Straße durch den damaligen Oberbürgermeister Heiner Pott feierlich eingeweiht. Es folgten zwei weitere Stolpersteinverlegungen und das Benennen von Straßen mit den Namen unserer verfolgten Mitbürger.

Es hat sich in diesem Prozess gezeigt, dass eine offene Gesellschaft immer der Mehrheit bedarf. Gedenkarbeit, und das findet hier gerade statt, ist für die Zukunft unserer Demokratie unabdingbar. Unsere offene Gesellschaft hat voraussichtlich weiterhin viele Probleme zu erwarten – ihre Gegner stehen bereit. Denn wie sagte es Harald Welzer:

‚Es ist einfacher, für die Demokratie zu kämpfen, solange es sie noch gibt.‘Danach wird es erheblich schwerer.“

 

ESV

11. November 2017

Vor 90 Jahren gründete sich der Eisenbahner Sportverein Lingen – kurz: ESV Lingen. Aus diesem Anlass gibt es jetzt eine Ausstellung über den Verein und zwar dort, wo er gegründet wurde, im damaligen Eisenbahnausbesserungswerk.

Vorgestellt werden die Geschichte des einst größten Arbeitgebers unserer Stadt wie auch die sportliche Entwicklung des ESV: 1927 ging es los. Das Gelände der „Emsbadeanstalt“ wurde gepachtet und  in über 1000 ehrenamtlich geleisteten Arbeitsstunden kultiviert. Es entstanden Sportanlagen und zwei Behelfsumkleideräumen los. Am Dortmund-Ems-Kanal wurde ein erstes kleines Bootshaus errichtet – für zunächst ein Ruder- und zwei Paddelboote.

Neben vielen historischen Fotos sind auch humorvolle Bilder und Anekdoten zu sehen.  Die Ausstellung ist noch bis zum 25. November täglich von 10 bis 18 Uhr im Hochschulcampus Lingen zu sehen, der Eintritt ist frei.

Wortlaut

10. November 2017

Hier der Wortlaut der Rede von Benno Vocks bei der Gedenkfeier zur Erinnerung an das Novemberpogrom 1938 gestern Abend am Gedenkort Jüdische Schule in Lingen(Ems):

„Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir dürfen Sie hier am Gedenkort Jüdische Schule ganz herzlich begrüßen. Ein besonderer Gruß gilt dem „Lingener Flüchtlingsforum für Integratiuon und Menschenrechte“  mit ihrem Vorsitzenden, Herrn Jean-Marie Minani. Dieses Forum bemüht sich um eine selbständige und verbesserte Kommunikation zwischen Flüchtlingen und Asylbewerbern einerseits und den Behörden und Bewohnern unserer Stadt andererseits….

In Lingen wurde zweimal gefackelt am 9. November 1938. Welch großer Kontrast – welch beklemmender Zusammenhang!

Wie die Zeitung Neue Volksblätter vermeldete, loderten zu beiden Seiten des Saales der Wilhelmshöhe Hunderte von Fackeln zu Ehren der Opfer der Bewegung am 9. November 1923, dem Tag des Hitler-Putsches in München. Zuvor hatte man am Kriegerehrenmal am Neuen Friedhof die Toten geehrt und anschließend gingen die Nationalsozialisten zum Grab von Gottfried Talle.

Dieser Lingener Polizist, der keiner Nazi-Organisation angehörte, war im Jahre 1932 als Polizist in Bremen bei einer kommunistischen Gegendemonstration gegen Nationalsozialisten durch eine Bombenexplosion ums Leben gekommen. Ihn vereinnahmte der hiesige Bürgermeister dreist und verlogen bei seiner Rede als Kämpfer und Opfer für Hitler.

Stunden später loderten die Flammen zum zweiten Mal in Lingen: hier in der jüdischen Synagoge. Und die Reaktion dazu in der Lingener Zeitung? Keine!

Wohl aber lesen wir Aussagen von Joseph Goebbels zu dem Mord des 17jährigen Herschel Grünspan an den deutschen Botschafter von Rath in Paris. Ich zitiere: Die berechtigte und verständliche Empörung des deutschen Volkes über den feigen Mord hat sich in der vergangenen Nacht in umfangreichem Maße Luft verschafft. In zahlreichen Städten und Orten wurden Vergeltungsaktionen gegen jüdische Gebäude und Geschäfte vorgenommen. Es ergeht nunmehr die strenge Aufforderung, von allen weiteren Maßnahmen gegen das Judentum abzusehen. Die endgültige Antwort auf dieses Verbrechen wird auf dem Wege der Gesetzgebung gegen das Judentum erteilt werden.

An anderer Stelle lesen wir: Trotzdem hat sich die Vergeltungsaktion gegen die Juden in einer äußerst disziplinierten Form vollzogen. In Deutschland wurde nicht einem Juden ein Haar gekrümmt.  Zitat Ende

Und geschah hier in Lingen am nächsten Tag? Mit Fredy Markreich, dessen Geschäft in der Großen Straße ausgeplündert und zerstört wurde? Mit Hugo Hanauer? Mit Wilhelm Heilbronn, dem Vater von Ruth Foster? Mit Neumann Okunski, der halbangezogen die Treppe heruntergeworfen wurde – hier gegenüber? Mit dem Synagogenvorsteher Jakob Wolff? Mit Bendix Grünberg, dessen Sohn [und Ehrenbürger der Stadt Lingen(Ems)] Bernard sich hoffentlich nach seiner Operation erholen und im nächsten Frühjahr hier seinen 95. Geburtstag feiern kann.

Diese sechs Lingener Mitbürger wurden ins KZ Buchenwald verschleppt und Wochen später nach ihrer sogenannten Freilassung unter Androhung der Todesstrafe zum Schweigen verpflichtet.

Lassen Sie mich nun einige persönliche Gedanken aufgreifen: Im Jahre 1963 lasen wir Schüler mit Dr. Göken im Deutschunterricht am Georgianum die Erzählung von Albrecht Goes: Das Brandopfer.

In dieser Erzählung geht es darum, dass eine Metzgersfrau in einer deutschen Kleinstadt dazu bestimmt ist, als einzige knapp vor dem Sabbat Fleisch an die Juden auszugeben. Ihre winzigen Möglichkeiten zu helfen bestehen darin, eventuell eine Nachricht von einer Jüdin zur anderen in das Papier der minimalen Fleischration einzuwickeln oder ein freundliches Wort zu wechseln.

Bei einem Bombenalarm während des Krieges bleibt sie in ihrer Wohnung. Sie will sich in ihrer Barmherzigkeit opfern wegen ihrer Schwäche und vermeintlichen Schuld. Sie wird aber von einem Juden aus dem brennenden Haus geborgen. Diesem war wegen seines Judensterns auf dem Mantel der Zutritt zum Bunker verweigert worden. Das Opfer wird aber von Gott, wie der Theologe Albrecht Goes sagt, nicht angenommen. Aber seit diesem Zeitpunkt nimmt die Metzgersfrau als Zeichen ihrer „passiven Schuld“ ein Brandmal in ihrem Gesicht an.

Ein Satz aus dieser Erzählung ist seit meiner Schülerzeit mir äußerst intensiv im Gedächtnis hängengeblieben:

Sabine, die Tochter eines jüdischen Verlegers, fragt zunächst ihre Mutter nach dem Verbleib ihrer Freundin Rebecca, die plötzlich verschwunden ist: Die Mutter sagt aus Angst vor der Wahrheit mit dem Satz „Sie ist verreist!“ die zweifache Unwahrheit. Sie ist nicht VERREIST. Und wenn schon: Dann WAR sie verreist. Sabine löchert nun ihren Vater immer wieder „Wo ist Rebecca?“, bis er antwortet: REBECCA IST IN DIR!

Rebekka ist in dir. Ist das nicht auch immer wieder unser Auftrag: sie, die Ermordeten in uns aufzunehmen, ihrer zu gedenken und ihnen wieder einen Namen zu geben?

Schauen wir nur auf diese Gedenktafel, auf Straßennamen und die Stolpersteine in unserer Stadt.

Auch die Probleme der heutigen Flüchtlinge und Asylbewerber werden Fall identischer, wenn wir nicht von DEN Flüchtlingen und Asylbewerbern sprechen, sondern sie beim Namen nennen, zum Beispiel Ahmed oder Saphira, Mahmood oder Okbeab, so wie es auch sicher die Flüchtlingshelfer unter uns machen.

Wir wollen gleich anschließend bei der Mahnwache an dem Stolperstein zwischen altem Krankenhaus und der Stadtbücherei der unscheinbaren Frau Henriette Flatow wieder einen Namen geben und die Erinnerung an sie und die anderen ermordeten Mitbürger in uns tragen. Zu dieser Mahnwache mit Herrn Kastein darf ich Sie noch sehr gerne einladen.“

Weide oder Wiese

9. November 2017

Über die Herausforderungen der Grünlandnutzung spricht Felix Olschewski, Urgeschmack-Blogger. Er fragt: Bestes Fleisch vom Weidetier braucht zuerst eines: Eine Weide. Oder eine Wiese?
Mit Dirk Brockhaus spricht Felix Olschewski über die Herausforderungen, vor denen Landwirte bei unterschiedlichen Formen der Grünlandnutzung stehen. Er weiß: Eine Alternative zur industriellen Intensivtierhaltung können Verbraucher und Erzeuger nur gemeinsam erschaffen. Hier als Nachhilfe das aktuelle Urgeschmack-Video.

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