Tatort des NS-Terrorsystems

26. Dezember 2021

Die aktuelle, vor gut einem Jahr eröffnete Ausstellung „Polizeigewalt und Zwangsarbeit“ in der Gedenkstätte Augustaschacht in Hasbergen-Ohrbeck nahe Osnabrück markiert ein wenig beachtetes Verbrechen im zweiten Weltkrieg und beleuchtet eindrucksvoll die Gewalttätigkeiten der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) gegen ausländische Zwangsarbeitende in NS-Deutschland.

Gedenkstätte Augustaschacht erinnert an einen Tatort des nationalsozialistischen Terrorsystems. Sie gibt den Opfern Gesicht und Stimme und macht Täterinnen und Täter sichtbar. Durch ihre Arbeit erklären sie den Transit- bzw. Straf- und Abschreckungscharakter  im Unterdrückungssystem des Nationalsozialismus. Damit halten sie nicht nur die Erinnerung wach, sondern zeichnen über die Verknüpfung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft politische Kontinuitäten und Entwicklungen nach.

Als Arbeitserziehungslager (AEL) wurden während der Nazi-Herrschaft offiziell Straflager bezeichnet, die der Disziplinierung und sog. Umerziehung dienten. Unter den Insassen waren viele Andersdenkende und ausländische Zwangsarbeiter. Ab 1940 von der Gestapo errichtet, häufig in Zusammenarbeit mit denvon der Zwangsarbeit profitierenden Unternehmen, entstanden so etwa 200 dieser Lager.

Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs – so nach offiziellen Schätzungen – wurden 500.000 Menschen in diesen Einrichtungen gequält, meist mit zeitlich begrenztem Aufenthalt, aber immer unter den unmenschlichsten Bedingungen.

Die Ausstellung in der Gedenkstätte Augustaschacht in Hasbergen zeigt ein historisches Vermächtnis. Die Gedenkstätte Augustaschacht dokumentiert geschichtlich die mörderische Behandlung der Gefangenen – nicht nur im Allgemeinen, sondern eindrucksvoll auch anhand von Einzelschicksalen. Die erhaltenen, heute denkmalgeschützten Lagergebäude, die ursprünglich aus einem Gebäudekomplex aus Maschinenhaus und Kesselhaus bestanden, bildeten den Raum für eine große Wasserhaltungsmaschine des Bergbaus im Hüggel. Diese Gebäude, in welchen sich heute die Dauerausstellung befindet, gehörtem den damaligen Klöckner-Werk Georgsmarienhütte, das nahtlos mit der Gestapo zusammenarbeitete. Von Januar 1944 bis im April 1945 waren mehr als 2.000 Männer und Jugendliche aus 17 verschiedenen Ländern inhaftiert. Vornehmlich Menschen aus den Niederlanden, Polen, Italien und der ehemaligen Sowjetunion, die versucht hatten, sich dem Zwang der Zwangsarbeit zu entziehen. Sie wurden mit der Haft im Arbeitserziehungslager bestraft. Der Niederländer Phida Wolff schilderte die Verhältnisse im Februar 1945 so:

„Am Morgen früh erschallen Befehle und wenn du nur einen kleinen Moment zögerst, wirst du mit dem Knüppel geschlagen. Ab und zu darfst du dich waschen und du bekommst eine Kruste Brot, aber nach zwei, drei Wochen siehst du aus wie der hässliche Tod.“

Die Gedenkstätte Augustaschacht dokumentiert das Geschehen jener Zeit. Die Besuchenden erhalten durch Schriftstücke, Videos und Audios eine große Fülle an Informationen, sämtlich auf Deutsch, Niederländisch und Englisch.  So hat jede/r die Möglichkeit, sich mit der Geschichte  der oft vergessenen Zwangsarbeiter und den hunderttausenden AEL-Inhaftierten auseinanderzusetzen. .  Mehr…


Quellen: Osnabruekcer-Land.de; gedenkstaetten-augustaschacht-osnabrueck.de

Rutte IV

16. Dezember 2021

Es gibt eben Dinge, die brauchen 9 Monate, bevor sie Hand und Fuß haben. Von der Nachbarschaft im Westen gibt es Neuigkeiten, wie NiederlandeNet weiß:

VVD, CDA, D66 und ChristenUnie haben sich auf einen Regierungsvertrag geeinigt. Das fünfzigseitige Dokument wurde heute Nachmittag der Vorsitzenden der Zweiten Kamer vorgelegt sowie öffentlich publiziert.

Die Kabinettsformation ist, nach einer Rekordperiode von 271 Tagen sondieren und unterhandeln, zu einem Ende gekommen. Auf Kabinett Rutte III folgt das Kabinett Rutte IV – mit genau denselben Koalitionsparteien VVD, CDA, D66 und ChristenUnie. Heute wurde der Koalitionsvertrag der Vorsitzerin der Zweiten Kammer angeboten, in den kommenden Tagen wird sich mit dem Vertrag im Parlament auseinandergesetzt.

Vertrauen in der Regierung
Zentrales Thema bei der Bekanntmachung des Regierungsvertrages war die Wiederherstellung des öffentlichen Vertrauens in die Regierung. Dieses Vertrauen wurde unter anderem durch die Abhandlung der Kindergeldaffäre, in der zehntausende Eltern betroffen waren, geschädigt. Die Kluft, die in den letzten Jahren entstanden ist und sich deutlich verbreitet hat, will das neue Kabinett dichten. Um dies zu erreichen, will das neue Kabinett das Zuschlagsystem beenden und Betroffenen der Kindergeldaffäre besser und schneller Hilfe anbieten. Auch wird eine Erneuerung der politischen Kultur beabsichtigt: Die neue Regierung will mehr mit der Opposition zusammenarbeiten und in der politischen Mitte „eine konstruktive Debatte führen“.

Weiterhin zeigt das Kabinett eine gewisse Zurückhaltung. Obwohl die Ambitionen ziemlich ehrgeizig sind, gerade im Bereich Vertrauen und Verwaltungskultur, will das Kabinett nichts überstürzen. „Die Pläne, die wir als Koalitionsparteien haben, lassen sich nicht in einer Kabinettsperiode verwirklichen und brauchen eine breite gesellschaftliche Unterstützung.“ D66-Chefin Sigrid Kaag sagte bei der Pressekonferenz darüber, dass man „keine Worte, die stolz verkünden, sondern Worte der Bescheidenheit und des angemessenen Realismus“ höre.

Kostbare Maßnahme
Um die Probleme, vor denen die Niederlande stehen, zu lösen, greift Rutte IV tief in das Portemonnaie. Zum Beispiel werden 60 Milliarden Euro reserviert, um die Stickstoffkrise anzupacken und klimatechnische Maßnahmen zu unternehmen. Kinderbetreuung wird auf Dauer kostenlos werden und es wird mehr Geld für die Jugendpflege freigemacht. Auch das Basisstipendium, das 2015 abgeschafft wurde, kommt zurück. Das Mindestgehalt will das Kabinett mit 7,5 Prozent ansteigen lassen.

Zugleich will das Kabinett 4,5 Milliarden Euro vom Budget für Gesundheitspflege sparen. Die linke Opposition kritisiert diese Maßnahme: PvdA-Vorsitzende Lilianne Ploumen findet, gerade in einer Pandemie sollte man die Pflegeversorgung nicht kürzen. SP-Parteiführerin Lilian Marijnissen nennt den Plan „ein Messer in den Rücken des Pflegesektors“. Sie ahnt, dass die neue Regierung ein „unglaubwürdiger Neuanfang von Rutte III, mit den gleichen Ideen und Menschen“ ist.

Kritik am Prozess
Bei der Präsentation des Vertrages war auch scharfe Kritik zu hören. Johan Remkes (VVD), der die Sondierungsgespräche und Verhandlungen begleitete, sagte, die Kabinettsbildung hätte einfach zu lange gedauert. „Die Geduld der Gesellschaft wurde auf die Probe gestellt“. Auch die Vorsitzende der Zweiten Kamer, Vera Bergkamp (D66) äußerte sich kritisch. Der Prozess hätt schneller sein können und die Rolle der Zweiten Kamer wurde nicht immer ernsthaft angenommen: Das Parlament wurde, Bergkamp zufolge, oftmals zu spät und unzureichend informiert. Trotzdem ist auch sie froh, dass es bald ein neues Kabinett geben wird.


Text und Quelle: Niederlande.Net

Earth to COP

3. November 2021

Es gibt so Tage, da frage ich mich, wie wenig eigentlich von dem beachtet wird, was in so vielen Sonntagsreden als notwendig gefordert wird. Gestern morgen beispielsweise veröffentlichte der deutsch-niederländische Städtering/Stedenkring Zwolle-Emsland einen Appell niederländischer Unternehmungen aus dem grenznahen Drenthe (das ist die niederländische Provinz, in der u.a. Emmen liegt) an die deutschen Nachbarn, endlich die E233 fertig auszubauen. Das ist der Plan des Neubaus einer 4spurigen-Fast-Autobahn durch das Hasetal – wirklich ein aus der Zeit gefallenes Vorhaben der 1980er Jahre, was in der Region geradezu trotzig weiterverfolgt wird.

Und heute sehe ich dann dies in Ronny Kraaks Kraftfuttermischwerk. Es zeigt uns, wie ernst das Klimaproblem längst ist. Ronny Kraak:#

Earth to COP ist … ein Appell an die derzeitig in Glasgow stattfindende Klimakonferenz COP26. Im Zuge dessen ist dieser Film entstanden, der wohl Teilnehmern der Konferenz gezeigt wurde. Ob der was verändern kann? Ich weiß es nicht, aber ihn zu sehen kann ganz sicher nicht schaden.“

Earth to COP presents an eyewitness portrait of climate change. Using dramatic mobile phone footage from around the world, this short film shows the extent of damage caused by the change in our climate, contrasted with the beauty of Earth – what is at stake and what our leaders need to protect. It underlines that we have seen some progress, but we need further and faster action.

The composer of the music for the film, Steven Price is an Academy Award-winning composer. In 2014 his groundbreaking score for Alfonso Cuaron’s Gravity won him the Academy Award and Critics‘ Choice Award.

The Earth to COP film was independently produced by Harder Than You Think and is a partnership with Bloomberg. The film will be widely distributed, including through a principal partnership with Bloomberg, a global partnership with WWF and with TikTok, who share the ambition to help bring Earth to COP to a worldwide audience. It will also be played on digital screens across the UK.

Neues aus dem Nachbarland:

Der Pensionsfonds voor oberheid en onderwijs (ABP) (dt. Pensionsfonds für Staat und Bildung) wird seine Investitionen in fossile Energie zurückziehen. Diese Investitionen belaufen sich auf mehr als 15 Milliarden Euro, was 3 Prozent des gesamten investierten Kapitals von ABP entspricht. Diese Entscheidung könnte andere große Pensionsfonds weltweit veranlassen, ähnliche Entscheidungen zu treffen.

Das erklärt ABP auf seiner Website. Die Pensionsfonds stehen unter dem Druck ihrer eigenen Teilnehmer von Aktionsgruppen, wegen der damit verbundenen Treibhausgasemissionen nicht mehr in fossile Energie zu investieren. Die Regulierungsbehörde De Nederlandse Bank hat kürzlich vor den Risiken von Investitionen in den fossilen Sektor gewarnt, da der Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft den Wert dieser Unternehmen verringern könnte.

Der Pensionsfonds ABP selbst erklärt, er habe diese Entscheidung aus Sorge um den Klimawandel getroffen. Investitionen in fossile Produzenten wie Öl- und Gasunternehmen, sollen bis Anfang 2023 verkauft werden.

Corien Wirtmann, Vorsitzende von ABP, sagte am Dienstag vor Journalisten, die Entscheidung sei seit mehreren Monaten vorbereitet worden. „Die jüngsten Berichte über den Klimawandel und die Unterstützung, die wir von den Teilnehmern erfahren, haben die Dynamik stark beeinflusst“, sagte sie. Wortmann sagte, die Anstrengungen der Öl- und Gasunternehmen reichten nicht aus, um die globale Erwärmung bis 2030 ausreichend zu begrenzen. Die bisher unternommenen Schritte reichen nicht aus, um den notwendigen radikalen Wandel zu erreichen.

ABP konzentriert sich nach eigenen Angaben nicht nur auf den Öl- und Gassektor. Im nächsten Frühjahr wird der Pensionsfonds strengere Kriterien für andere Unternehmen vorlegen, die ebenfalls nachweisen müssen, wie sie klimaneutral produzieren werden.

Hiske Arts, ABP-Kampagnenkoordinatorin bei der Umweltorganisation Fossielvrij NL, die gemeinsam mit Beamten und Lehrern gegen die Klimapolitik von ABP protestiert hat, sagt, dies sei eine fantastische Nachricht. „Es ist gut, das ABP zugehört hat und nun die Dringlichkeit sieht, nicht mehr in Unternehmen zu investieren, die Öl und andere fossile Brennstoffe fördern.“

Arts ist der Ansicht, dass die Entscheidung von ABP andere große Pensionsfonds weltweit dazu veranlassen wird, ähnliche Entscheidungen zu treffen. „ABP ist führend. Es ist der größte Pensionsfonds in Europa und einer der größten der Welt.“

ABP und der Vermögensverwalter Robeco waren die einzigen großen niederländischen Investoren, die die Klimapolitik von Shell im vergangenen Frühjahr unterstützten. Zu diesem Zeitpunkt unterstützten viele andere Investoren bereits eine weitgehende Resolution des Investorenclubs Follow This.

Nach mehreren neuen alarmierenden Klimaberichten ist ABP nach eigenen Angaben zur Vernunft gekommen und zieht alle Investitionen zurück.

Der Erste große Pensionsfonds, der seine Investitionen in die Öl- und Gasindustrie eingestellt hat, war im vergangenen Monat PMe. Mit 62 Milliarden Euro verwaltetem Vermögen ist dieser Fonds für (ehemalige) Beschäftigte in der Metall- und Elektroindustrie jedoch deutlich kleiner als ABP, der rund 500 Milliarden verwaltet.

Krise in den niederländischen Aufnahmezentren: Es stehen nicht genug Betten zur Verfügung, um allen Flüchtlingen einen Platz anbieten zu können. Die Aufnahmezentren sind voll, aber eine Aussicht auf eine schnelle Lösung gibt es nicht.

Das Aufnahmezentrum in Ter Apel (Foto), eines der größten in den Niederlanden, erlebt seit dem Wochenende einen dringenden Mangel an Aufnahmeplätzen.  Ter Apel liegt direkt an der emsländischen Grenze. In der Nachtunterkunft des Zentrums halten sich diese Woche mehr als 700 Asylsuchende auf, während dort nur Platz für 275 ist. Schon seit einigen Wochen wohnen hunderte Flüchtlinge mehr als Vorgesehen in dem Aufnahmezentrum.

Das hat damit zu tun, dass der Zustrom von Asylanten seit dem Sommerende erheblich höher ist als zuvor: Von wöchentlich 800 im August, ist der Zustrom zu wöchentlich 1200 gestiegen. Dieses relativ geringe Wachstum sorgt trotzdem für Probleme.

Die Situation in Ter Apel ist besonders brenzlig, da es als Eintrittszentrum funktioniert. Aber nicht nur Ter Apel leidet unter diesem Problem. Laut dem Justizminister Ferdinand Grapperhaus (CDA), verantwortlich für die Aufnahme von Geflüchteten, mangelt es niederlandeweit an ungefähr 2000 Plätzen. Zudem forderte er Bürgermeister von Gemeinden in der Nähe von Aufnahmezentren auf, dringend für achthundert zusätzliche Plätze zu sorgen. Die extra Plätze wurden Dienstagmorgen versprochen, aber abends waren sie natürlich noch nicht da. Das bedeutet, dass in den Aufnahmezentren Asylanten auf dem Boden oder auf Stühlen schlafen.

Auch die Situation hinsichtlich der Hygiene ist schlecht. Eine Untersuchung des lokalen Gesundheitsamtes GGD(gemeentelijke gezondheidsdienst) zufolge spielen Kinder mit oder im Abfall, es gibt einen Mangel an sanitären Einrichtungen und es ist nicht genug Desinfektionsmittel verfügbar. Außerdem gibt es ein Risiko auf Corona-Ausbrüche, weil es keine Quarantäneräume gibt. „Getestete und nicht-getestete Personen halten sich eng zusammen auf“.

Die Zentralbehörde zur Unterbringung von Asylsuchenden COA (centraal orgaan opvang asielzoekers) erkennt an, dass die Situation nicht haltbar ist. „Dies ist keine verantwortungsvolle Aufnahme. Sobald andere Lokationen verfügbar sind, können wir diese schnellstmöglich fertig machen. Dann können Menschen aus dem Zentrum in Ter Apel umziehen, um die Lage dort zu entlasten.“

In einem Interview mit der Tageszeitung NRC Handelsblad läutet der Bürgermeister von Ter Apel, Jaap Velema, die Alarmglocken. „Der Anzahl Menschen, die sich in den Notunterkünften aufhält, wächst weiter. Die COA hat die Situation nicht mehr unter Kontrolle. Es muss sofort einen Krisenunterkunft realisiert werden.“ Der Gemeinderat fühlt sich inzwischen von dem Justizministerium und der COA im Stich gelassen. Die öffentliche Akzeptanz und Unterstützung für das Zentrum ist laut einigen lokalen Politiker:innen gefährdet.

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Quelle: NiederlandeNet

Sonderweg

8. Oktober 2021

Seit langem ist der 23. Artikel der niederländischen Verfassung Gegenstand von Debatten. Der Artikel gewährt das Recht auf Bildungsfreiheit und ermöglicht es, Schulen auf religiöser oder alternativer Grundlage zu gründen – die sogenannten Sonderschulen. Die Sonderschulen machen inzwischen zwei Drittel der Schulen aus: die übrigen sind die „öffentlichen“ Schulen. Sowohl Sonderschulen als auch öffentliche Schulen werden mit öffentlichem Geld finanziert, aber der Staat hat bei Sonderschulen nur beschränkten Einfluss. Die Bildungsfreiheit, die aufgrund von Artikel 23 bewährt wird, greift tief: Sonderschulen wird das Recht vorbehalten, bestimmten Schüler zu verweigern, wenn die nicht mit der Grundlage der Schule übereinstimmen.

Das macht bei den meisten Sonderschulen keine wesentlichen Probleme. Aber es gibt Ausnahmen. So fordern einige orthodox-reformatorische Schulen von Schülern und Eltern „Sexualitätserklärungen“, in der zum Beispiel die „homosexuelle Lebensweise“ abgelehnt wird. Auch auf islamischen Schulen geht es schief: Eine Schule in Amsterdam wurde von antidemokratischen und salafistischen Ideen beeinflusst, und auf einer Basisschule lernten die Kinder, dass Jungen und Mädchen einander nicht ansehen dürfen.

Verschiedene politische Parteien haben sich nun dafür ausgesprochen, den Artikel 23 der niederländischen Verfassung zu ändern. Aber die christlichen Parteien sind bisher gegen die  Vorschläge, den Artikel zu ändern. Die sozialdemokratische PvdA will die Verfassungsnorm verschärfen: In der Zukunft sollte es eine „Akzeptierungspflicht“ geben. Dann dürfen Schulen die Schüler nicht mehr fragen, Erklärungen wie die oben erwähnten zu unterschreiben. Auch die liberalen D66 und VVD haben sich dafür ausgesprochen, die „verfassungsmäßige Bildungsfreiheit zu modernisieren“. Die Diskussion ist aber noch nicht überwunden. Doch die sog. christlichen Parteien, wie SGP, ChristenUnie und CDA, verteidigen Art. 23. Das CDA argumentiert beispielsweise, Bildungsdiskriminierung ist mit der heutigen Gesetzgebung schon verboten: Zwischenfälle können mithilfe von besserer Durchsetzung bekämpft werden. Dann braucht die Verfassung auch nicht geändert werden.

Der Onderwijsraad (auch deutsch: Bildungsrat), der die Regierung in Sache Unterricht berät, will die Regeln ebenfalls ändern. In einem neuen Bericht schreibt der Onderwijsraad, dass die Regierung schärfer eingrenzen müsse, was zu der Bildungsfreiheit gehöre und was nicht. Auch solle der Staat schneller und schärfer eingreifen, wenn Schulen demokratiefeindlichen oder diskriminierenden Unterricht anbieten. Alle Schulen, also auch islamische und reformierte, müssen die Schülerinnen und Schüler über die Gleichberechtigung von Männern und Frauen aufklären und die Akzeptanz der sexuellen Vielfalt lehren. Zugleich anerkennt der Onderwijsraad aber auch, dass die Bildungsfreiheit, wie sie in der Verfassung formuliert ist, deutlich zu der Vielfältigkeit der niederländischen Gesellschaft beiträgt.

Was aus den Plänen der PvdA wird, ist von den aktuellen Sondierungsgesprächen zur Regierungsbildungabhängig. Bis heute ist in den Niederlanden keine neue Regierung gebildet worden, obwohl die Parlamentswahlen bereits Mitte März dieses Jahres stattgefunden haben. Eine wesentliche Ursache dafür ist das zersplitterte Parlament: Es gibt in den Niederlanden keine 5%-Hürde, weshalb sich die 150 Sitze des niederländischen Parlaments („Tweede Kamer„) auf mittlerweile 17 Parteien aufteilen. Im Augenblick wollen die vier heutigen Regierungsparteien VVD, D66, CDA und ChristenUnie erneut, eine Regierung zu bilden. Die Liberalen und Christdemokraten sind aber dabei längst noch nicht einig, wie Art. 23 der niederländischen Verfassung und die Bildungsfreiheit in der Zukunft aussehen.


gefunden bei NiederlandeNet

Lidl verkauft keine

6. Oktober 2021

Lidl verkauft ab sofort keine Rauchwaren mehr – in seinen niederländischen Filialen. Damit löst der Discounter ein Versprechen aus 2018 ein.

Bei Lidl können Kunden keinen Zigaretten mehr kaufen: Ab sofort liegen Tabakprodukten nicht mehr in den Regalen des deutschen Supermarktes. Früher als andere Supermärkte beabsichtigt Lidl, die eigenen Läden rauchfrei zu machen. So rief der Betrieb vor einigen Jahren die Bewegung „Auf dem Weg zu einer rauchfreien Generation“ ins Leben. Diese Initiative von Gesundheits- und Krebsbekämpfungsorganisationen will der neuen Generation eine Chance geben, rauchfrei aufzuwachsen.

2018 teilte Lidl mit, mit dem Verkauf von Zigaretten aufzuhören. Damals sagte der Discounter, Zigaretten und andere Rauchwaren sollen spätestens im Jahr 2022 nicht mehr in den Regalen zu finden sein. Diese Deadline konnte den Betrieb sogar ein Jahr früher einhalten. Ein Sprecher des Supermarktes erläutert, seit 2018 sei Lidl damit beschäftigt, den Tabakverkauf schrittweise zu verringern. Alle Filialen, die seitdem eröffnet wurden, verkauften bereits keinen Tabakswaren mehr.

Ein Sprecher des niederländischen Longfonds (Lungenfonds) reagierte positiv auf die Entscheidung des Konzerns: „Lidl unternimmt heute einen riesigen Schritt auf dem Weg zu einer rauchfreien Generation und ist so ein Leitbild für die gesamte Branche. Wir sind davon überzeugt, dass anderen Supermärkte das nicht ignorieren können.“

Mit der Entscheidung, keine Zigaretten mehr zu verkaufen, greift Lidl auch einem allgemeinen Zigarettenverkaufsverbot im Nachbarland vor. Das niederländische Kabinett hatte im letzten Jahr beschlossen, spätestens 2024 dürfen Supermärkte keine Rauchwaren mehr verkaufen. Außerdem wird 2023 der Verkauf über das Internet illegal. Ab 2024 darf es nur noch an Tankstellen und in Spezialitätsgeschäften sowie Kiosken verkauft werden.

Diese Verbote sind Teil des nationalen Präventionsabkommens (nld.: nationaal preventieakkoord). Diese Agenda, die 2018 vom Staatssekretär für die Gesundheit Paul Blokhuis (ChristenUnie) präsentiert wurde, umfasst ein Paket von Forderungen für einen gesünderen Lebensstil für die Niederländer. Nicht nur Rauchen wird mithilfe dieses Programms bekämpft: Es beinhaltet auch Maßnahmen, um übermäßigen Alkoholkonsum oder Übergewicht entgegenzutreten. Das preventieakkoord wurde von mehr als 70 Parteien, die im Bereich Tabak, Alkohol oder Ernährung tätig sind, unterzeichnet.

Dass Lidl ausgerechnet jetzt mit dem Beschluss kommt, ist kein Zufall: der 1. Oktober ist auch der Startschuss für „Stoptober“. Jedes Jahr steht der Monat Oktober für vielen Raucher im Zeichen von Raucherentwöhnung. Sie versuchen, im Oktober nicht zu rauchen und das auch anschließend durchzuhalten.

(Quelle: Niederlande.net)

Durchbruch nebenan?

26. August 2021

Auch fünf Monate nach der Wahl stockt die Regierungsbildung in den Niederlanden. Trotzdem verdichten sich die Anzeichen, dass die Entscheidung in nicht allzu ferner Zukunft liegt. Experten erwarten einen Durchbruch im Nachbarland.

Ab heute sind wieder alle Augen und Ohren auf Mariette Hamer gerichtet. Hamer wurde im Mai diesen Jahres zum Informateur benannt, berichtet also über die Koalitionsverhandlungen des Kabinetts.

Ursprünglich sollte bereits die letzte Woche die „Woche der Wahrheit“ werden. Aber eine Reihe von Gesprächen mit wichtigen Akteuren sowie ein Zusammenschluss zweier linker Fraktionen haben nicht zum Durchbruch bei der Bildung eines neuen Kabinetts geführt. Auch deswegen rückt Hamer diese Woche erneut in den Fokus.

Vor zwei Wochen teilte Hamer der zweiten Kammer mit, dass nach ihrer Einschätzung „in absehbarer Zeit“ Klarheit über den weiteren Verlauf der Verhandlungen geschaffen werden sollte. Dies Geschah insbesondere auf das Drängen von PVV-Vorsitzenden Geert Wilders. Die Mehrheit der Kammer hatte erklärt, mit der Erörterung der Ergebnisse warten zu wollen, bis Hamer ihren Abschlussbericht vorgelegt hat.

Mehrere wichtige Akteure drängten letzte Woche auf eine Beschleunigung der Gespräche, da die Wahlen vor bereits fünf Monaten stattfanden und der eigentliche Verhandlungs- und Gestaltungsprozess noch nicht begonnen hat. Sowohl der CDAVorsitzende Wopke Hoekstra als auch der Vorsitzende der ChristenUnie Gert-Jan Segers sind der Meinung, dass es an der Zeit ist, „Entscheidungen zu treffen“. Auch VVD-Chef Mark Rutte sagte am Mittwoch, dass „in den kommenden Tagen“ entschieden werden müsse, mit welchen Parteien weiter verhandelt werden könne. Einen Tag später teilte er jedoch mit, dass „ein wenig mehr Zeit“ benötigt werde.

Derzeit sieht es so aus, als würden in der kommenden Woche weitere Gespräche zwischen VVD, D66, CDA und dem seit Freitag gemeinsam bestehenden Verhandlungsteam von PvdA und GroenLinks stattfinden.

Die Frage ist jedoch, ob die Fusion von PvdA und GroenLinks die Verhandlungen wirklich beschleunigen kann. VVD und CDA betrachten das Regieren mit zwei linken Parteien, obwohl dies für eine parlamentarische Mehrheit nicht notwendig ist, weiterhin mit Misstrauen. Obwohl in den letzten Tagen angedeutet wurde, dass es der Wunsch von VVD und CDAwäre, als eine Fraktion aufzutreten, zeigte sich innerhalb der beiden Parteien wenig Begeisterung für diese Ankündigung. Besonders die Meinung der CDA, die als kleinste Fraktion an den Verhandlungen teilnehmen wird, wird in der kommenden Woche von Interesse sein.

Aber auch für PvdA und GroenLinks ist es keineswegs beschlossen, dass ein gemeinsames Vorgehen die weiteren Verhandlungen erleichtern wird. Beide Parteien kritisieren die Entscheidung. Obwohl Jesse Klaver und Lilianne Ploumen beteuerten, dass es sich um ihre eigene Entscheidung handele, sieht ein Teil der Anhängerschaft immer noch eine reflexartige Reaktion der rechten Parteien. Darüber hinaus ist weiterhin unklar, wohin genau dieses Bündnis führen soll.

Beide Führungspersonen betonten schnell, dass nicht von einem Zusammenschluss gesprochen werden kann. Vorerst arbeiten nur die Parlamentsparteien zusammen. Schlussendlich seien es die Parteimitglieder, die über die Fusion entscheiden würden, forderten auch weitere prominente Anhäger der Partei. Dies hätte die Bildung zweier weiterer Parteitage, zusätzlich zum CDA-Parteitag Anfang September zur Folge.

wieder nicht

8. August 2021

Nach der Coronazwangspause binden die Flixbusse seit Donnerstag,  5. August auch wieder die Grafschaft Bentheim an das Fernbusnetz an. Die Strecke führt ab Groningen (NL) direkt bis zum Flughafen Stuttgart und zurück. „Mit Haltepunkten in Emlichheim, Nordhorn und Bad Bentheim ist die Grafschaft Bentheim gut an das Fernbusangebot angeschlossen“, berichten die Grafschafter Nachrichten*.

Unser Lingen ist wieder nicht angeschlossen. Es gibt auch keine erkennbaren Anstalten der Pkw-Freunde im Rathaus, daran etwas zu ändern. Auch dieser, von der Bentheimer eisenbahn betriebene Flixbus fährt jedenfalls an unserem „Mittelzentrum mit oberzentralen Teilfunktionen“ weit vorbei.

Den Fahrgästen steht die aktivierte Direktverbindung täglich, von Montag bis Sonntag, ab 8.10 Uhr ab Groningen (Ankunft: 20.45 h) und ab 7.55 Uhr ab Stuttgart Airport zur Verfügung. Der Streckenverlauf führt ab Groningen (NL) über Haren (NL) – Emlichheim* – Nordhorn – Bad Bentheim* – Hengelo (NL) – Enschede Centraal (NL) – Gronau* – Münster – Dortmund – Siegen – Frankfurt a. M. FOB – Frankfurt Flughafen – Karlsruhe bis zum Stuttgart Airport und zurück.

Für die Corona-Sicherheit der Fahrgäste sind in den Flixbussen neue Luftfilteranlagen eingesetzt worden. Während der gesamten Reisezeit gilt außerdem die Maskenpflicht.

Auskunft zu Fahrzeiten und Preisen sind bei der VGB am Bahnhof Nordhorn erhältlich: per Telefon unter 05921 80350 von Montag bis Freitag von 7.30 Uhr bis 17 Uhr oder auf www.flixbus.de zu finden.

* Hinweis:
Die im Bericht der Grafschafter Nachrichten gemeldeten Haltepunkte Emlichheim, Bad Bentheim und Gronau (NRW) werden in der Liste der Zwischenhalte auf der Flixbus-Seite nicht genannt.

(Quelle: GN, 05.06.21)

Veit Laurent Kurz

29. Juli 2021

Im Wasserturm der Kunsthalle:
Veit Laurent Kurz
Corium
Lingen (Ems) – Kunstverein, Kaiserstraße 10a
Fr 30. Juli – So 24. Oktober 2021
Di -Fr 10- 17 Uhr
Sa, So  11 – 17 Uhr (nicht vom 20.9. bis 7.10.)
Eröffnung heute, 29. Juli, 19 Uhr. Aus aktuellem Anlass wird um vorherige Anmeldung zur Ausstellungseröffnung gebeten.

In Kooperation mit der Biennale „Into Nature“ 30. Juli bis 24. Oktober 2021

Im Zeitraum vom 30. Juli bis 24. Oktober 2021 realisiert der Künstler Veit Laurent Kurz im Rahmen der niederländischen Biennale „Into Nature – New Energy“ eine eigens für den Wasserturm der Kunsthalle Lingen gestaltete Installation und einen Videofilm.

Veit Laurent Kurz (geb. 1985 in Erbach, lebt in New York und Berlin) absolvierte sein Studium der freien Kunst an der Hochschule für Bildende Künste, Städelschule, in Frankfurt am Main. Er präsentierte seine künstlerischen Arbeiten in Einzelausstellungen u.a. im Kunstverein Nürnberg, im Whitney Museum of Modern Art in New York und in der Städtischen Galerie Delmenhorst und nahm an Gruppenausstellungen u.a. bei „Made in Germany 3“ in der Kestner Gesellschaft in Hannover teil, sowie in der Halle für Kunst in Lüneburg und im Kunstverein in Dortmund.

In der Welt von Veit Laurent Kurz ist es nicht mehr die überwältigende Natur, die uns einerseits berührt und Trost spendet und uns anderseits auch beängstigt und mit unserer Verwundbarkeit konfrontiert. Seiner Meinung nach besetzen sie heute modernere Phänomene wie Kernreaktoren, von denen eine archaische Angst auszugehen scheint. Als Vulkane der Neuzeit stellen sie permanent eine unsichtbare, existenzielle Bedrohung dar.

Kurz erwehrt sich dieser Dämonen, indem er sie durch andere ersetzt: die Dilldapps – koboldähnliche Figuren, wie sie in deutschen Märchen auftauchen, allerdings in moderner Gestalt. Sie erfüllen in den Arbeiten von Kurz allerlei Rollen. Die Dilldapps sind im niederländischen Hochmoor Bargerveen aus der Strahlung nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl am 26. April 1986 entstanden.

Im Jahr 2021 unterstützen sie den Künstler bei der Wiederherstellung des Gleichgewichts zwischen dem Moor, den Vulkanen, die Veit Laurent Kurz an drei Stellen im Bargerveen emporragen und ausbrechen lässt, und der realen Kernzentrale im nahegelegenen Lingen. So stellt er eine konkrete Verbindung zwischen dem Bargerveen und dem Wasserturm bei der Kunsthalle in Lingen her, dem „Wachturm“ des Künstlers. Von dort aus überblickt er sein Wirkungsfeld quasi als „Vulkanflüsterer“. Die Besucher*innen erwartet in diesem Turm eine häusliche Einrichtung mit einem Bett und einem Stuhl. Eine Projektion vervollständigt diese Installation.

(Quelle: PM Kunstverein Lingen; Fotos: © Kunstverein Lingen)