Kindergeldneid

10. August 2018

Was für eine unsägliche Neiddebatte – und ausgerechnet mit der SPD vorneweg! Zahlt der deutsche Staat zu viel Kindergeld ins Ausland? Die Frage taugt nicht für eine ernhafte Diskussion. Denn der deutsche Staat zahlt 36 Milliarden euro Kindergeld im Jahr, weniger als 1 % dieser Summewird für Kinder gezahlt, die im Ausland leben. Viele dieser Kinder sind übrigens Deutsche. Das Kindergeld ist in steuerpolitischer Lastenausgleich für Steuerzahler in Deutschland, die mit deutschen Steuerzahlern gleichbehandelt werden müssen. Das ist ein Grundpfeiler europäischer  Freiheiten.

Der Deutschlandfunk sagt: „Jetzt sprechen Bürgermeister in Nordrhein-Westfalen von einer Einwanderung in die Sozialsysteme. Tatsächlich mag hier im Einzelfall auch betrogen werden. Und ganz zweifellos gibt es Mitnahmeeffekte. Denn Anspruch als EU-Bürger hat, wer als Arbeitnehmer Freizügigkeit genießt

Kindergeld ist keine klassische Sozialleistung. Das wird daran sichtbar, dass es nicht von der Bedürftigkeit des Empfängers abhängig ist. Im Gegenteil: Besonders Bedürftige bekommen es gar nicht, weil es doch mit Hartz IV verrechnet wird. Die vielfach bemühten Zuwanderer in die Sozialsysteme aus Rumänien und Bulgarien bekommen das Kindrgeld also gar nicht, weil es mit ihren Sozialbezügen verrechnet wird.

doch wohin geht das Kindergeld überhaupt? die Süddeutsche informiert: „über zwei Sachverhalte, die auffallen.Zum einen sind es oft Nachbarländer, von denen aus wohl auch viele Menschen täglich nach Deutschland zum Arbeiten pendeln. Zum anderen sind darunter verstärkt ost- oder südosteuropäische Staaten. Zur Jahresmitte 2018 wurde vor allem in sieben europäische Länder Kindergeld ausgezahlt. Die meisten Zahlungen gingen an Eltern von Kindern in Polen (117 000), gefolgt von Tschechien (21 000), Kroatien (19 000), Rumänien (knapp 19 000), Frankreich (16 000), Ungarn (knapp 11 000) und Bulgarien (knapp 7000).

Im Juni-Juni-Vergleich zum Vorjahr stiegen vor allem die Zahlen der bezugsberechtigen Kinder für Polen (um etwa 15 000) und Tschechien (um etwa 9000) sehr deutlich an. Nur etwa 400 weitere rumänische Kinder erhielten hingegen Kindergeld. Die Zahl der bulgarischen Kinder sank sogar um etwa 300.

Die zweitgrößte Gruppe der im EU-Ausland lebenden Kinder, für die Kindergeld gezahlt wird, bilden übrigens deutsche, 32 000 waren es im Juni 2018.

Dass die Zahlen der Kindergeldbezieher für im Ausland lebende Kinder zunimmt, hat aber wohl meist weniger mit Betrug zu tun als mit der Tatsache, dass „im Sinne der Freizügigkeit in der EU immer mehr Menschen in Deutschland arbeiten“, sagt eine-Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit der Süddeutschen. Als Beispiel nennt sie Bulgarien. Die Zahl der in Deutschland sozialversicherungspflichtig beschäftigten Bulgaren sei von Dezember 2016 bis Dezember 2017 um 17 550gestiegen. Das sei eine Steigerung von knapp 19 Prozent. Sie betont: Diese Menschen lebten und arbeiteten hier und hätten dann eben auch Anspruch auf Kindergeld, auch, wenn die Kinder im Herkunftsland lebten. „Es geht also nicht um flächendeckenden Betrug und Missbrauch, den wir an einigen Standorten in Deutschland haben.“

Was bleibt? Ein Sommerloch-Thema von Oberbürgermeistern, die die Zuwanderung in ohre Kommunen Stadt nicht in den Griff bekommen und die von „Betrug“ und „krimineller Energie“  schwadronieren: Das macht Schlagzeilen, löst aber keine Probleme.

Die in den OB-Klagen steckende Unterstellung, ein Großteil der hier lebenden EU-Ausländer erschwindele sich durch Missbrauch massenhaft deutsches Kindergeld, ist falsch und sie ist eine Unverschämtheit. Sie diskreditiert Menschen aus dem EU-Ausland, die hier in der Pflege, auf dem Bau oder saisonal als Erntehelfer arbeiten. Das tun diese übrigens  meist für wenig Lohn und sie müssen außerdem noch ohne ihre Kinder leben. Dass sie dafür immerhin Kindergeld in der in Deutschland üblichen Höhe in ihr Herkunftsland schicken können, ist ihr gutes Recht.

Sollte es tatsächlich Missbrauch geben, beispielsweise Zahlungen für nicht existierende Kinder, müssen Behörden dem konsequent nachgehen. Doch Kindergeldneid für Europäer, die hier leben und arbeiten, ist ebenso wenig angebracht wie eine Kürzung on deutsche Kindergeldbeziehern, die im Ausland leben. Das Alarmgeschrei von SPD-Provinzbürgermeistern  emfpinde ich als peinlich und unsozial. Und: Fast 99 Prozent aller Kinder, für die Kindergeld gezahlt wird, leben in Deutschland.

(Quellen DLF, SZ, taz)


update vom 12.08.:
Wie manipulativ selbst in sonst seriösen Medien über das Thema berichtet wird, habe ich in einem weiteren Posting aufgegriffen.

Allerdings geht es auch anders. So habe ich in der NOZ einen trefflichen  Kommentar von Uwe Westdörp gelesen – allerdings in derselben Zeitung auch den schrill-alarmigen von Katharina Ritzer, in dem sie die Plünderung der Sozialkassen beschwört, aber nicht genug recherchiert hat; so wusste die konservative WELT schon Anfang Mai, dass es 2017 im Bereich der Familienkasse Nordrhein-Westfalen-West (u.a. mit Aachen, Köln, Bonn, Krefeld, Mönchengladbach, Düsseldorf, Wuppertal uvam – also mit  Hunderttausenden Kindergeldbeziehern) ganze 34 ermittelte Kindergeld-Betrugsfälle gab, um die sich jetzt die Staatsanwaltschaft und die Gerichte kümmern

Mich erinnert daher die mediale Aufregung – peinlicherweise mit der SPD vorneweg– sehr an den angeblichen sog. Bremer „Bamf-Skandal“ im Frühjahr, wo aus Tausenden Fehlentscheidungen und unendlicher Korruption, über die sich alle empörten, bislang ganze 17 falsche Entscheidungen ermittelt werden konnten. Oder -die älteren erinnern sich- an den Empörungshype über Florida-Rolf, der in Florida „unter Palmen“ Soziahilfe bezog, woraufhin binnen Wochen das Gesetz geändert wurde und dann herauskam, dass keine 50 Deutschen davon betroffen waren…

 

mehr…

Bielawa (Polen)

24. Juli 2017

In dieser Woche fährt der Rat unserer Stadt Lingen (Ems) in die polnische Partnerstadt Bielawa. Es wird noch darüber zu sprechen und zu schreiben sein, warum die amtierende polnische Regierung gerade die Gewaltenteilung untergräbt, und dass diese Politik ein Anschlag auf die Europäischen Prinzipien, also völlig inakzeptabel ist. Daher muss ihr klug, nachhaltig und entschlossen Widerstand entgegengesetzt werden, um unsere Europäischen Ideale zu verteidigen. Auch durch die Ratsmitglieder, die nach Polen fahren.

Besatzungszone

8. Mai 2015

PolinnenOberlangenKolja Mensing hat  am vergangenen Samstag im Berliner Tagesspiegel über die vor 70 Jahren im Emsland eingerichtete polnische Besatzungszone geschrieben. Die verdrängte Episode der Nachkriegszeit prägt individuelle Familiengeschichten bis heute. – auch die von Autor Mensing, der das Geheimnis seiner Großmutter erzählt und über Fürstenau und Haren schreibt, das damals Maczków hieß:

„Meine Großmutter sprach wenig über die Jahre nach dem Krieg. Eigentlich kannte ich nur die Geschichte von dem Unfall, der sich im Sommer 1945 im Garten ihres Elternhauses ereignet hatte, in Fürstenau, einer Kleinstadt im Nordwesten Deutschlands. Ein Nachbarsmädchen hatte in der Nähe des Bahnhofs eine flache Konservendose ohne Aufschrift gefunden, die sie zusammen mit einem Cousin meiner Großmutter zu öffnen versuchte. Die beiden Kinder stellten die Dose auf die steinerne Treppe am Hauseingang. Dann nahmen sie einen Hammer zur Hand…. “

[weiter zu Mensings beeindruckendem Beitrag im Tagesspiegel]

Mehr über die Polen im Emsland in diesen Büchern:
Prof. Dr. Jan Rydel: „Die polnische Besatzung im Emsland“ (fibre Verlag, Osnabrück 2003, das Buch ist vergriffen; als pdf-Datei auf CD aber hier erhältlich)

[Das Buch behandelt zum einen den hochpolitischen Kontext der Beteiligung der Polen, dieser „unbequemen“ Alliierten der Großmächte, an der Besatzung Deutschlands, zum anderen werden die unterschiedlichen Sichtweisen der Polen und der deutschen Bevölkerung auf diese „polnische Episode“ in der Nachkriegsgeschichte des Emslandes dargestellt.]

Kolja Mensing: „Die Legenden der Väter“ (überarbeitet und mit aktuellem Nachwort, im Verbrecher Verlag erschienen (277 S., 14,- €)).

[Rezension in der FAZ und von „Mara“ bei amazon: „Eines Tages, nach einem Besuch bei Oma und Opa, sagt der Vater zu Kolja: Opa ist nicht dein Großvater, er hat Deine Großmutter geheiratet, als ich schon geboren war. Mit diesem Tag beginnt eine Verschwörung zwischen dem Kind und seinem Vater. In gute Nachtgeschichten ensteht ein zweiter Opa. Ein Mythos. Ein Kriegsheld sei er gewesen, erzählt der Vater, ein polnischer Besatzungssoldat, der sich in die Großmutter verliebte und dann, als Deutschland zur Bundesrepublik wurde und die Allierten gingen, vom Hof gejagt wurde von den polenfeindlichen Urgroßeltern. Kolja Mensing hat sich auf eine spannende ebenso emotionale wie gründlich recherchierte Suche nach dieser Legende seines Vaters gemacht. Ein packendes Buch.“]

Und mehr in polnischer Sprache auf dieser Internetseite:

http://nowahistoria.interia.pl/

 

[Foto: Befreit. Kriegsgefangene der ponischen Heimatarmee 1945 im Emslandlager Oberlangen. – FOTO: CC WIKIPEDIA;
Danke für den Hinweis auf Kolja Mensings Artikel an @Quinten_36]

Uwaga!

16. April 2014

Die Afrikanische Schweinepest ist in der EU angekommen. Eine Einschleppung der Tierseuche nach Deutschland brächte neben den Auswirkungen für die Tiere auch schwere wirtschaftliche Folgen. Jetzt warnt das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft („BMEL“) auch in Niedersachsen vor einer Ausbreitung. An Raststätten und Parkplätzen der Autobahn 30 sind Infoplakate aufgestellt, auf denen das Ministerium über Ansteckungswege der Krankheit informiert. So müssen Essensabfälle nur in speziellen, geschlossenen Mülleimern entsorgt werden, damit Wildtiere nicht eventuell belastete Wurst- und Fleischwaren fressen. Nach Litauen ist die für den Menschen ungefährliche Krankheit über diesen Ansteckungsweg jetzt auch bei Wildschweinen in Polen aufgetreten. Befallene Tiere leiden an unterschiedlichen Symptomen wie hohem Fieber oder Atemproblemen und verenden in der Regel innerhalb weniger Tage.

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bei der Arbeit

9. Juni 2012

Rote Karte

8. Juni 2012

Ab heute „fiebern wieder Millionen Fußballfans in den Stadien und vor den Fernsehern mit ihrer Mannschaft und hoffen auf einen Sieg bei der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine.

Auch viele Ukrainer hoffen auf einen Sieg – allerdings nicht nur im Fußballstadion, sondern auch in Sachen Menschenrechte im eigenen Land. Denn:Folter und andere Misshandlungen sind in ukrainischen Gefängnissen und in Polizeigewahrsam an der Tagesordnung. Menschen werden willkürlich verhaftet, ohne Grund in Untersuchungshaft gehalten und dort teils schwer misshandelt. Im Jahr 2010 sind nach  Angaben der NGOUkrainian Helsinki Union“ 51 Menschen in ukrainischen Haftanstalten gestorben.

Die Verantwortlichen werden oft nicht zur Rechenschaft gezogen, da Folterverdachtsfälle und Beschwerden über Polizeigewalt nicht untersucht werden. Aus Furcht vor Vergeltungsmaßnahmen der Polizei zeigen die Opfer die meisten Fälle gar nicht erst an.

Auch für Fußballfans, die zur EM reisen, stellen die ukrainischen Sicherheitskräfte eine Gefahr dar. Max Tucker, Ukraine-Experte von Amnesty International, hat das Land kurz vor dem Turnier besucht: „Schauen wir auf die jüngsten Vorfälle, so haben Polizeibeamte Fußballfans angegriffen, zusammengeschlagen oder mit Elektroschocks eingeschüchtert.“

Setzen Sie sich gemeinsam mit Amnesty International dafür ein, dass die Menschenrechte in der Ukraine nicht länger im Abseits stehen.

Schreiben Sie eine E-Mail an den ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch und fordern Sie ihn auf, Folter und Misshandlungen durch die Polizei zu beenden:http://amnesty.de/ukraine!“

Eine Aktion von amnesty international, die ich unterstütze. Mitmachen dauert nur eine Minute.

ACTA

4. Februar 2012

Still, klamm und heimlich haben „Experten“  ACTA, ein internationales Handelsabkommen, ausgehandelt, das zunehmend nicht nur die Netzgemeinde empört. Mit dem Anti-Counterfeiting Trade Agreement, kurz: ACTA, wollen die teilnehmenden Nationen bzw. Staatenbünde  internationale Standards im Kampf gegen Produktpiraterie und Urheberrechtsverletzungen etablieren. Tatsächlich schaffen sie aber ein gigantisches Zensurmonster.   Am 30. September 2011 wurde ACTA von Kanada, Australien, Japan, Marokko, Neuseeland, Südkorea, Singapur und den USA unterschrieben. In der letzten Woche traten als weitere Signatare die EU, Österreich, Belgien, Bulgarien, die Tschechische Republik, Dänemark, Finnland, Frankreich, Griechenland, Ungarn, Irland, Italien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Malta, Polen, Portugal, Rumänien, Slowenien, Spanien, Schweden und das Vereinigte Königreich in Tokio, Japan bei, wo das Abkommen völkerrechtlich hinterlegt ist.

In der EU winkte  am 16. Dezember 2011 der europäische Agrar- und Fischereirat (!) das Abkommen durch – unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Kurz darauf sprachen sich Abgeordnete der Grünen und der Liberalen im Rechtsausschuss des EU-Parlaments dafür aus, das Abkommen vom Europäischen Gerichtshof (EuGH) prüfen zu lassen. Das Straßburger EU-Parlament  selbst muss dem Abkommen für die EU zustimmen. Schon im März 2010 hatten die Abgeordneten in einem fraktionsübergreifenden Antrag dazu aufgefordert, die ACTA-Verhandlungen der EU-Kommission offen zulegen; nebenbei: Dazu ist die Kommission laut Lissaboner Vertrag über die Europäische Union bei internationalen Abkommen verpflichtet. Außerdem sollten strafrechtliche Aspekte aus ACTA gestrichen werden. In diesem Punkt blieb das Parlament zwar erfolglos. Da Strafrecht aber Sache der einzelnen EU-Mitgliedstaaten ist, muss der Vertrag nun in jedem Mitgliedsland ratifiziert werden. Das wird dauern und das kann schwierig werden…

Auf netzpolitik.org lese ich nämlich heute zu den jüngsten Entwicklungen:
„Während in Deutschland die Protestwelle gegen ACTA in’s Rollen kommt und Mitglieder der Regierung wie Sabine Leutheusser-Schnarrenberger noch glauben, dass es eine gute Idee ist das Handelsabkommen gegen die Kritik von Bürgerrechtsorganisationen zu verteidigen, ist man (nach massivsten Protesten) in Polen ein paar Schritte weiter: Der Ratifizierungs-Prozess wurde ausgesetzt, wie dpa meldet:

«Ich teile die Ansicht derjenigen, die von unvollständigen Beratungen sprechen».

Das sagte Ministerpräsident Donald Tusk in Warschau. Die Argumente der Netzgemeinde seien berechtigt.

Die slowenische Botschafterin in Japan, Helena Drnovšek Zorko, hat sich bereits vor einigen Tagen für ihre Unterschrift unter das Handelsabkommen entschuldigt.

Every day there is a barrage of questions in my inbox and on Facebook from mostly kind and somewhat baffled people, who cannot understand how it occurred to me to sign an agreement so damaging to the state and citizens.

Die Unterschrift sei ein Resultat der Arbeitsüberlastung gewesen.

Quite simply, I did not clearly connect the agreement I had been instructed to sign with the agreement that, according to my own civic conviction, limits and withholds the freedom of engagement on the largest and most significant network in human history, and thus limits particularly the future of our children.

In Polen und Slowenien haben die Verantwortlichen die Bürger gehört. Ob sich nach dem 11. Februar und den Protesten in Deutschland auch etwas bewegt, werden wir sehen. KOMMT ZU DEN PROTESTEN AM 11. FEBRUAR!“ Bisher gibt es keinen Protest im deutschen Nordwesten. Emden, Lingen, Nordhorn – nichts. Bei uns in der Nähe sind Demonstrationen geplant in

Hier alle deutschen Städte, in denen am kommenden Samstag demonstriert wird.

(Quelle: Freitag, wikipedia, netzpolitik.org, Grafik)

Schönes Lünne 10

19. Januar 2012

Niemand wird glauben, dass das Fracking-Projekt von ExxonMobil in Lünne vom Tisch ist und damit die Bedrohung der Trinkwasser-Förderung in Bramsche-Munderum. In der Nachbargemeinde Lünne will bekanntlich der Energiekonzern mit Hilfe des umweltfeindlichen, aber unternehmensfreundlichen deutschen Bergrechts Gasvorkommen mit der umstrittenen Frackingmethode fördern, bei der u.a. Chemikalien in gasführende Gesteinsschichten gepresst werden. Gegen die damit verbundenen Risiken wehrt sich die Initiative „Schönes Lünne“ (Foto lks., Kontakt) und verweist auf negative Erfahrungen andernorts. Dazu lese ich diese Pressemitteilung der überörtlichen Aktion „gegen-Gasbohren.de“. Von ExxonMobil in die Welt des Fracking entsandte Wissenschaftler finden die Fracking-Ausiwrkungen im US-amerikanischen Pennsylvania „erschreckend“:

„Vor einem Jahr hat ExxonMobil  eine Millionen Euro in die Hand genommen, um eine Gruppe von Wissenschaftlern feststellen zu lassen, wie Fracking sicher durchgeführt werden kann. Angeführt von Professor Dr. Dietrich Borchardt vom Helmholtz Institut hat die Gruppe bei einem Besuch in den USA nun festgestellt:

“Nach einer Besichtigung von Fracking-Projekten in den USA zeigt sich der von ExxonMobil finanzierte Wissenschaftlerkreis erschrocken.”

Was für die Wissenschaftler scheinbar überraschend kam, verwundert sonst eigentlich niemanden. Weltweit wird über die verheerenden Folgen der Erschließung unkonventioneller Gasvorkommen in Pennsylvania berichtet. Der Oscar nominierte Dokumentarfilm “Gasland” von Josh Fox beginnt sogar in Pennsylvania. Dr. Manfred Scholle – ehemaliger Geschäftsführer der Gelsenwasser AG – berichtete erst vor wenigen Monaten über die erschreckenden Bilder. Ebenfalls die NRW Landtagsabgeordnete Wibke Brems.

Ein Blick in die Datenbank des Staates Pennsylvania mit Verstößen gegen die Umweltvorschriften bei Gasbohrungen, hätte den Wissenschaftlern vielleicht auch den Schrecken erspart. Die ExxonMobil Tocher XTO ist dort jedes Jahr mit zahlreichen Verstößen zu finden. Unter anderem auch mit Methanaustritten entlang der angeblich dichten Zementierung. ExxonMobil und Prof. Borchardt interpretieren Methan im Grundwasser immer noch als alleiniges Zeichen von oberflächennahem Methan, was sicherlich nicht falsch ist, aber auch nicht widerlegt, dass es zahlreiche Beweise über thermogenes Methan aus der Gasförderung gibt.

Leichtfertig gefährdet der Expertenkreis seine Glaubwürdigkeit mit der Aussage:

“Mit Deutschland vergleichbar sei die Situation in Pennsylvania aber nicht. Das deutsche Rechtssystem biete gute Voraussetzung für eine konsequente Vermeidung von Risiken für das Grund- und das Trinkwasser oder auch aufgrund von Unfällen auf dem Bohrplatz.”

Das deutsche Rechtssystem hat auch keinerlei Schutz vor den Benzolkontaminierungen in Söhlingen, Hengstlage und Völkersen geboten. “Gute Voraussetzungen” alleine sind nicht ausreichend. Der volle Umfang der Kontaminierungen ist noch nicht einmal bekannt. Von den ersten auffällig gewordenen Schäden bis zur Stilllegung des Netzens vergingen 4 Jahre.

Die folgende Grafik zeigt, wie dicht die Gasbohrungen bereits jetzt im Gebiet um Rotenburg liegen. Dort werden konventionelle Gasvorkommen gefördert. Unkonventionelle Gasvorkommen benötigen ein Vielfaches an Bohrungen. Selbst, wenn inzwischen bis zu 8 von nur einem Bohrplatz ausgehen können, müssen immer noch ganze Gebiete aufgebrochen und mit Frack-Flüssigkeit durchspült werden. Die Schätzungen über die Anzahl der Bohrungen in den USA, Australien, in Kanada, in Großbritannien, in den Niederlanden und in Polen sind frei verfügbar. Sie gehen in die hunderte pro Jahr. Zehntausende sind für die nächsten Jahrzehnte geplant. Warum es in Deutschland anders sein sollte, hat bisher noch niemand erklären können.

Aber das Team um Prof. Borchardt soll ja die Sicherheit von Fracking nachweisen und nicht die Risiken der unkonventionellen Gasförderung. Das bereits vor Ende der “Studie” nicht nachvollziehbare Behauptungen aufgestellt werden, lässt für das Peer-Review nichts Gutes ahnen.“

Gasfoerderung in Rotenburg - Bohrungen bereits jetzt in geringen Abständen

Quellen: Der Westen, Gegen-Gasbohren.de, Foto: (c) IG Schönes Lünne)

Bielawa

20. Juni 2011

Da entwickelt sich mitten im Strukturwandel Mutiges in Lingens polnischer Partnerstadt Bielawa, dem früheren Langenbielau. Das Verwaltungsgebäude der ehemaligen Textilfabrik „Bielbaw“  wird jetzt mit einem Aufwand von knapp 5 Mio Euro zu einem kreativen Ort für Künstler, Grafiker, Fotografen und Filmemacher umgebaut: „Inkubatora Art-Przedsiębiorczośc“. Ich glaube, dass die Textilfabrik bis 1945 zur Chr. Dierig AG gehört hat, also zur geschichtsträchtigen (mehr…) größten Textilfabrik im damaligen Deutschland (Foto re: © Pudelek (Marcin Szala) CC)

Auch die neue Waldschule in Bielawa („Szkoła Leśna„) ist ein weiteres Vorzeigeprojekt der schlesischen 30.000-Einwohner-Stadt, mit der Lingen seit dem 19. März 1993 eine Städtepartnerschaft verbindet. Diese gehört natürlich in den größeren Kontext  der deutsch-polnischen Beziehungen.

Deren Bedeutung für die Entwicklung der Europäischen Union betonte jetzt Polens Staatspräsident Bronislaw Komorowski  in Berlin. In seiner ‚Berliner Rede‚ bezeichnete er den Nachbarschaftsvertrag, den Polen und Deutschland vor 20 Jahren am 17. Juni 1991 geschlossen hatten, als ‚Fundament für das neue Europa‘, das sich nach dem politischen Umbruch in Osteuropa entwickelt habe. Komorowski verwies auf die historischen Erfahrungen der beiden Nachbarländer und stellte mit Blick auf den europäischen Einigungsprozess fest: ‚Es gibt keine europäische Integration ohne Aussöhnung.‘ Recht hat er und ich frage mich, ob wir dafür -ungeachtet aller ritualisiserten Besuche- eigentlich genug tun.