Was die Kulturschaffenden im Emsland bereits seit rund zwei Jahren kritisieren hat jetzt auch die Amateursportszene erreicht. Die Berichterstattung in der Lokalpresse der NOZ, die immer mehr abnimmt und längst -im Vergleich zu anderen Zeitungen- nur noch flach genannt werden kann. LT, MT und EZ glänzen nur noch durch den Mut zur Lücke und durch großes Weglassen. Gestern veröffentlichte der NFV-Emsland auf seiner Website dazu diesen Protestbeitrag:

Bei unzähligen Veranstaltungen des Kreisfußballverbandes mit seinen Vereinen kritisierten diese immer wieder, dass die Arbeit der vielen Ehrenamtlichen im emsländischen Fußball in der Berichterstattung der Spiele von der Bezirksliga abwärts in der örtlichen Presse nur sehr unzureichend dargestellt wird. Ganz besonders wurde dieses auf den „Vereinsdialogen light“, die über das gesamte Emsland verteilt mit den Vereinen durchgeführt wurden, immer wieder bemängelnd zur Sprache gebracht. Selbst fertig gelieferte Texte und Berichte von Veranstaltungen wie z.B. Versammlungen, Ehrungen etc. würden selten übernommen und abgedruckt.

Der ehemalige Vorsitzende von Concordia Emsbüren, Franz Silies, hat diesen aus der Sicht vieler Vereinsvorstände großen Missstand einmal aufgegriffen und einen Leserbrief verfasst. Seitens der Redaktion der NOZ wurde ihm nun auf Nachfrage allerdings erklärt, dass eine Veröffentlichung nicht beabsichtigt ist.

Der Vorstand des Kreisfußballverbandes unterstützt die Eingabe von Franz Silies, zumal sie sich mit den Meinungen der Vertreter vieler Vereine im Emsland deckt.

Aus diesem Grunde veröffentlichen wir nun nachstehend diesen Leserbrief und würden uns freuen, wenn wir dazu und zu der Problematik mit der örtlichen Presse Reaktionen und Meinungen aus den Reihen unserer Fußballvereine bekommen könnten.

„Leserbrief

Es ist an der Zeit. Seit Monaten (einige sagen, schon seit Jahren) kann man beobachten, wie die Sportberichterstattung, hier in erster Linie der Fußball-Lokalsport (Emslandsport) in der Lingener und Meppener Tagespost sowie in der Emszeitung im stetigen und unaufhörlichen Niedergang begriffen ist. Das ist nicht nur meine, sondern wie ich weiß, auch in vielen anderen Vereinen die einhellige Meinung. Nicht nur dort, sondern auch auf höherer Ebene. Einiges ist auch schon versucht worden, doch man stößt auf taube Ohren. Nur noch der SV Meppen spielt eine Rolle (haben sie auch verdient). Die „kleinen“ Vereine bleiben auf der Strecke.

Wenn man früher, vor allem am Montagmorgen, in die Zeitung schaute, konnte man sich über eine gute, interessante und umfassende Berichterstattung seines und anderer emsländischer Vereine informieren – auch über die Kreisgrenzen hinaus.

Das hat sich jedoch grundlegend geändert. Seit Beginn des Jahres fehlen z.B. die Mannschaftsaufstellungen und die Vereinsembleme in der Bezirksliga. Die Lücken sind da, man muss sie nur auffüllen. Die Spielberichte sind äußerst dürftig gehalten, häufig nichtssagend, belanglos und uninteressant ( etwa in der Art: das Spiel endete 0:0, so stand es auch schon zu Beginn des Spiels). Einige Berichte über stattgefundene Spiele werden einfach weggelassen, nur wenige sind einigermaßen ausführlich. Das Durchblättern geht noch schneller als bei der Zeitung mit den großen Buchstaben. Dabei mache ich nicht unbedingt der Sportredaktion einen Vorwurf. Denen sind sicherlich die Hände ebenfalls gebunden.

Ergebnisse und Tabellen aus dem Jugendbereich findet man von der Bezirksliga abwärts gar nicht mehr. Woran liegt das? Spielt etwa der Platz- oder Personalmangel eine Rolle? Oder ist es Order von ganz oben? Stehen nur noch einige wenige Zeilen zur Verfügung? Viele Fragen, aber keine Antworten! Gewinnspiele und Werbung nehmen dafür immer mehr Raum ein. Bringt ja auch richtig Geld.

In diesen Tagen finden viele Nachholspiele während der Woche in den verschiedenen Ligen statt. Darüber kaum ein Wort. Wenn doch, dann sehr verspätet. Aktualität geht anders. Das alles ist für den gemeinen Sportfreund sehr frustrierend. Da wird einmal wieder die Monopolstellung deutlich. Der Leser bzw. Abonnent der Zeitung finanziert schließlich die Zeitung auch mit und will auch in diesem Bereich umfassend informiert sein. Anscheinend soll man sich in erster Linie online schlau machen.

Wenn Vereine Berichte an die Redaktion schicken, um von und aus ihrem Verein zu berichten, ist es inzwischen zum Glücksfall geworden, wenn etwas darüber auch erscheint. Vielleicht noch im EL-Kurier. Meistens bekommt man nicht einmal eine Antwort. Man wird einfach nicht mehr ernst genommen. Das gilt im Übrigen nicht nur für Sportvereine.

Es ist zu befürchten, dass diese völlig unbefriedigende Situation noch länger anhält und/oder sich noch verschlechtert. Warten wir einmal ab, wie sich alles weiterentwickelt. Der Unmut wächst. Es ist an der Zeit.

Franz Silies, Finkenweg 3, 48488 Emsbüren“

Mein Fazit:
Wir wissen, dass die Lokalblätter über die Verlagspolitik ihrer NOZ selbst nichts veröffentlichen. Deshalb wundert es mich nicht, dass man nichts von all dem Bedenkenswerten in den emsländischen NOZ-Ausgaben lesen kann.

Dasselbe gilt für andere NOZ-Interna wie das Beispiel, dass der NOZ-Verlag seit Jahren Kurzarbeitergelder für Redakteure abgreift und sich auf diese Weise subventionieren lässt – kein Wort darüber im redaktionellen Teil. Im Lokalteil ist die Kulturberichterstattung auf nahezu Null geschrumpft. Und die sonstigen Berichte sind inhaltlich wie quantitativ -sagen wir- ausgesprochen schmale Kost.

Das reicht nicht und das sicht- und greifbare Scheitern des emsländischen Lokaljournalismus verletzt die zentrale Aufgabe für den Journalismus im Allgemeinen, für den lokalen Journalismus im Besonderen. Die heißt: Öffentlichkeit herzustellen. Freie Medien haben konstitutive Bedeutung für die Demokratie. Das Verfassungsgericht lässt keinen Zweifel: „Eine freie, nicht von der öffentlichen Gewalt gelenkte, keiner Zensur unterworfenen Presse ist ein Wesenselement des freiheitlichen Staates.“  Das Runterschrauben und Verschweigen der lokalen Ereignisse von Kultur, Sport und längst mehr gefährdet die Demokratie; so schlicht ist die Wahrheit.

Wächteramt, erklärender Journalismus, Forumsfunktion, Bürgerzeitung: Die Ansprüche der Gesellschaft an die Medien sind hoch. Wenn Zeitungen ihnen gerecht werden, leisten sie viel, tun der Demokratie gut, halten sie lebendig. Wenn nicht erreichen sie das Gegenteil.

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Crosspost NFV-Kreis Emsland, Foto: Franz Silies © svce

NAWALNY

4. Mai 2022

Nawalny, der Dokumentarfilm von Daniel Roher, folgt dem Mann, der im August 2020 ein Attentat durch Vergiftung mit einem tödlichen Nervenkampfstoff überlebt hat. Während seiner monatelangen Genesung macht er schockierende Entdeckungen über den Anschlag auf sein Leben und beschließt, nach Hause zurückzukehren.

Der Film begleitet den bedeutendsten russischen Oppositionellen und Putin-Gegner Alexei Nawalny von dem Attentat des russischen Geheimdienstes bis zu seiner Rückkehr nach Moskau und seiner Inhaftierung. Nawalny beginnt mit geheimen Aufnahmen in dem Flugzeug, in dem Alexei Nawalny mit dem russischen Nervengift Nowitschok ermordet werden sollte. Die Zuschauer.innen sind dann hautnah dabei, als seine Frau im russischen Krankenhaus um sein Leben kämpft; als Nawalny in der Berliner Charité gerettet wird und im Schwarzwald wieder zu Kräften kommt. Der dortige Aufenthalt steht im Zentrum des Films. Zusammen mit seiner Familie, seinem Team und dem bulgarischen Journalisten Christo Grozev gelang es Nawalny hier, den Mordanschlag gegen ihn aufzudecken.

NAWALNY
Dokumentarfilm, USA 2022
98 Minuten
Regie:
Daniel Roher
Kamera: Niki Waltl
Musik: Marius de Vries
Schnitt:
Langdon Page, Maya Daisy Hawke,
Eamonn O’Connor, Aleks Gezentsvey

Ab morgen in den Kinos.

Reporter ohne Grenzen: „Zum Internationalen Tag der Pressefreiheit am 3. Mai veröffentlichen wir jährlich unser Fotobuch „Fotos für die Pressefreiheit“. Mit dem Fotobuch machen wir auf gravierende Verstöße gegen die Presse- und Meinungsfreiheit weltweit aufmerksam. Dazu stellen uns renommierte, aber auch unbekannte Fotografinnen und Fotografen ihre eindrucksvollsten Bilder zur Verfügung. Zudem berichten sie in bewegenden Interviews über ihre journalistische Arbeit und die Lage der Pressefreiheit in ihren Heimatländern. Unterstützt durch Länderbeiträge sowie Zahlen und Fakten entsteht ein einmaliger Jahresrückblick auf weltweite Begebenheiten rund um Presse-, Meinungs- und Informationsfreiheit.“

Reporter ohne Grenzen: „Recherchieren, Anklagen, Unterstützen – Reporter ohne Grenzen dokumentiert Verstöße gegen die Presse- und Informationsfreiheit weltweit und alarmiert die Öffentlichkeit, wenn Journalisten und deren Mitarbeiter in Gefahr sind. Wir setzen uns für mehr Sicherheit und besseren Schutz von Journalisten ein. Wir kämpfen online wie offline gegen Zensur, gegen den Einsatz sowie den Export von Überwachungstechnik und gegen restriktive Mediengesetze.“

Das Projekt darf noch unterstützt werden: Hier geht’s lang.

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Screenshot: RT.de

Das Online-Medienmagazin Uebermedien informierte jetzt darüber, wie die russische Kriegspropaganda funktioniert:

„Wir haben einen Krieg, und dieser Krieg ist auch ein Informationskrieg“, sagt Tamina Kutscher. Die Chefredakteurin der Internetplattform „Dekoder“ spricht in unserem Podcast mit Holger Klein darüber, wie die staatlichen russischen Medien den Konflikt darstellen, und welche Chance Menschen in Russland haben, sich aus anderen, unabhängigen Quellen zu informieren.

Den Krieg gibt es seit 2014 im Osten der Ukraine, und seitdem sei in den russischen Medien immer von den „Faschisten auf dem Maidan“ die Rede. „Diese Rhetorik wird jetzt nochmal ganz massiv bedient“, sagt Kutscher. „Von Putin selber, aber natürlich auch auf allen staatlichen Fernsehkanälen und in den Talkshows“, in denen „Russia Today“-Chefredakteurin Margarita Simonjan etwa von schrecklichsten Gräueltaten gegen Kinder im Donbas erzähle und sage: „Wir kämpfen ja nicht gegen Ukrainer, wir kämpfen gegen Faschisten.“

Der Einfluss dieser extrem emotionalen Talkshows sei nicht zu unterschätzen, sagt Kutscher, die wenigen unabhängigen Medien litten dagegen unter immer weiter gehenden Repressionen – und müssen teilweise aufgeben. Die Polarisierung der Medienlandschaft habe in vergangenen Jahr noch einma stark zugenommen.

Die russische Propaganda lasse sich auf die einfache Formel bringen: „Russland ist die belagerte Festung. Diesem Narrativ wird im Grunde genommen alles mögliche untergeordnet. Das ist die Strategie, durch den äußeren Feind das System Putin zu konsolidieren.

Holger ruft an … wegen Eurovision Song Contest Übermedien

In den Wettbüros und den Medien ist die Sache weitgehend klar: Die Ukraine gewinnt den Eurovision Song Contest. Wie sehr beeinflusst Russlands Krieg gegen die Ukraine den Musikwettbewerb? Holger Klein fragt bei Lukas Heinser nach, Mitglied der deutschen ESC-Delegation in Turin.

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Quelle: uebermedien.de

„Sie verkaufen dich, ohne mit der Wimper zu zucken“, hört man die Kurdin Hala sagen. Sie sitzt im Gras, ein Gewehr klemmt unter ihrem linken Arm. Im Hintergrund ist ein Stacheldrahtzaun zu sehen. Hala erzählt gerade, wie ihr Vater sie mit 19 Jahren an einen Freund der Familie verkaufen wollte. Eines Tages kam sie nach Hause und die beiden Männer standen im Wohnzimmer. Geld lag auf dem Tisch, und ihr Vater sagte zu ihr: „Das ist dein Verlobter.“

Hala wusste damals nicht, ob sie weinen oder lachen sollte. Sie flieht und schließt sich der Militärakademie in Rojava in Westkurdistan an. Dort beginnt der DokumentarfilmThe Other Side of the River“ von Antonia Kilian. Ihr Langfilmdebüt ist ein bewegendes Porträt der 21-jährigen Hala, die dafür kämpft, ein selbstbestimmtes Leben zu führen

Im Jahr 2016 verschlug es die Regisseurin in die syrische Stadt Manbidsch, die kurz zuvor durch kurdische Truppen vom „Islamischen Staat“ befreit wurde. Manbidsch liegt in Rojava, einem autonomen kurdischen Gebiet in Syrien, das versucht, ein basisdemokratisches System mit einer progressiven Frauenpolitik aufzubauen. Antonia Kilian wollte diesen Wandel begleiten und mehr über die Frauenbewegung erfahren. In Manbidsch lernt sie Hala kennen. Sie ist… [weiter bei der taz]

und mehr hier


Antonia Kilian

studierte Visuelle Kommunikation, Kunst und Medien an der Universität für Kunst und Film in Berlin sowie Cinematografie an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf und an der ISA in Havanna, Kuba. Sie arbeitet als Regisseurin, Kamerafrau und Produzentin mit eigener Produktionsfirma Pink Shadow Films. THE OTHER SIDE OF THE RIVER ist ihr „erstaunliches poetisches“ (epd) Dokumentarfilm-Regiedebüt.

Shkoon

das sind Thorben Diekmann und Ameen Khayer aus Hamburg. Das deutsch-syrische Duo macht die Film-Musik: Middle East Electronik. Die beiden Musiker haben sich einst in einer Hamburger Wohngemeinschaft gefunden. Shkoon paart orientalische Melodien mit abendländischer Elektronik. In ihrer Musik verschmelzen Klavier, Geige, Synthesizer, Percussions und Gesang, die Grenzen der Kulturen verschwimmen. Das Duo stellte 2019 ihr Debüt-Album „Rima“ vor. Auf youtube kann man ihre Stücke „33.9 Million Miles“ und die Titelmusik dieses Dokumentarfilms hören: „Forgotten Stories“. Es dominieren verschiedenste Tasteninstrumente und das elektronische Equipment den Sound. Er hat mir gefallen.

Der kleine Schwindel

25. Januar 2022

Vorgestern hatten wir hier im Blog den großen Bautzener Schwindel, jetzt den kleinen Emsland-Schwindel, der mir fast durchgegangen wäre. Denn wer liest schon akkurat den überregionalen Teil unserer Lokalzeitung „Lingener Tagespost“, also die „Neue Osnabrücker Zeitung“ NOZ? Ich jedenfalls eher nicht, weil ich mich viel lieber an solch‘ wunderbaren Beiträgen erfreue, die es trotz hohen Bezugskosten in der NOZ nicht gibt; if you know you know – fröhlich SZ-übersetzt mit „Weißte bescheid!“

Also weißte bescheid? Dieser kleine Nachtreter-Leserbrief in der NOZ-Gesamtausgabe vom letzten Samstag (Ausriss re.)  ist ein Musterbeispiel von Unaufrichtigkeit. NOZ-Leser Björn Roth greift darin den Bundesvorstand der Grünen an. Dessen Mitglieder, längst hauptamtliche Politiker, haben sich den steuerfreien Corona-Bonus bewilligt, jeweils 1500,- Euro. Deswegen ermittelt jetzt die Berliner Staatsanwaltschaft wegen des Anfangsverdachts einer Straftat – welcher auch immer; denn ermittelt wird bekanntlich viel. Und Björn Roth leserbrieft empört über das Geschehen an die NOZ.

Björn Roth? Da war doch was? Was die NOZ und er verschweigen und was kaum jemand weiß: Roth ist hauptamtlicher (!) Geschäftsführer des CDU-Kreisverbandes Lingen. Er wird also für die Öffentlichkeitsarbeit seiner CDU bezahlt und weder die Zeitung noch der Leserbriefschreiber legen dies offen. Das ist bereits der kleine Emsland-Schwindel; denn man legt selbiges natürlich offen.

Und überhaupt: Wer weiß denn, ob der hauptamtliche CDU-Funktionär nicht auch den steuerfreien Corona-Bonus bekommen hat? Ich weiß es nicht, aber er könnte ja und bei all den offenen Händen in seiner Partei würde es mich nicht wundern, wenn. Oder nicht, Björn?

Anfang 1933: Die frisch an die Macht gekommenen Nationalsozialisten überziehen Deutschland fast unmittelbar mit einer beispiellosen Terrorwelle. Politische Gegner verschwinden ohne Prozess, auf unbestimmte Zeit, in Folterkellern, die schnell zu einer frühen Form von Konzentrationslagern werden. Die Radio-Bremen-Dokumentation zeigt, wie Tausende solcher Terrorzentralen entstehen im ganzen Reich, oft mitten in Wohnquartieren, vor aller Augen. Die Schreie der Gefolterten wehen zu den Wohnungen der Anwohner hinüber.

(Ausstrahlung am 24. Januar, in der Mediathek ab jetzt und bis zum 23.01.2023)

Behält Europol einfach seine „Datenarche“?

Die EU-Polizeibehörde Europol hat einen wahren Schatz an Ermittlungsdaten angehäuft. Daten aus Ermittlungen in EU-Staaten und Daten von Asylsuchenden landeten jahrelang bei Europol, auch wenn sie in den Datenbanken der Mitgliedsstaaten längst gelöscht waren. Einige Medien sprechen in diesem Zusammenhang von einer „Datenarche“. Das soll wohl Assoziationen an die Arche Noah wecken, mit der der biblische Patriarch Tier und Mensch vor der Flut rettete. Interne Europol-Dokumente, aus denen der Spiegel, der Guardian und andere Medien zitieren, sprechen von vier Petabyte an Daten – so viel wie drei Millionen CD-ROMs.

Das Problem für Europol: Viele dieser Daten hätte die Polizeibehörde nie speichern dürfen. Der Europäische Datenschutzbeauftragte Wojciech Wiewiórowski ordnete am Montag die Löschung aller persönlichen Daten an, die nicht mit einer konkreten Straftat im Zusammenhang stehen. Datenschützer:innen kritisieren die „Datenarche“ als eine Form der unzulässigen Massenüberwachung, die Anklänge an die NSA-Affäre habe. Europol drohe zu einer Art „schwarzen Loch“ für Daten von Millionen von Europäer:innen zu werden, sagt Chloé Berthélémy vom NGO-Verband European Digital Rights zum Spiegel und zum britischen Guardian.

Einzelne Beispiele machen deutlich, wie problematisch die Europol-Datensammlung sein könnte. Der Spiegel berichtet über einen niederländischen Aktivisten, der wegen eines antirassistischen Protestes auf einer Terrorliste der Behörden landete. Selbst nachdem der Eintrag in den Niederlanden gestrichen wurde, blieben die Daten bei Europol. Wann solche Daten bei Europol als nicht mehr notwendig gelöscht werden, sei nicht ausreichend klar, kritisiert der EU-Datenschutzbeauftragte.

Bemerkenswert ist auch, dass die Datenarche von Europol offenbar mit einer Software der umstrittenen Überwachungsfirma Palantir durchkämmt wurde. Dessen Software „Gotham“ hatte die EU-Behörde 2016 für die Rasterfahndung eingekauft, laut einem Bericht des „Spiegel“ hätten die Zuständigen inzwischen aber „desillusioniert“ die Zusammenarbeit wieder beendet. Die Löschanordnung des Europäischen Datenschutzbeauftragten hält fest, dass die Nutzung der Palantir-Software im dritten Quartal 2021 auslaufen soll. Näheres dazu ist nicht bekannt – etwa ob Beschäftigte des US-Überwachungskonzerns direkt Zugriff auf die Daten hatten. Auf eine Presseanfrage von netzpolitik.org danach antwortete Europol zunächst nicht.

Offen bleibt fürs Erste auch, wie Europol nun weiter verfahren wird. Die Behörde hatte im Prüfverfahren des EU-Datenschutzbeauftragten insistiert, dass eine schnellere Einordnung und Löschung des Datenschatzes nicht möglich sei. Die Anordnung gibt Europol nun bis zu 12 Monate Zeit, um nicht mehr notwendige Daten zu löschen. Ob die Polizeibehörde dieser Aufforderung tatsächlich nachkommen wird, ließ ein Pressesprecher auf unsere Anfrage offen – es sei Sache des Verwaltungsrates, darüber zu entscheiden. Im Rat sitzen Vertreter:innen der EU-Staaten und der EU-Kommission.

Sollten die Europol-Chef:innen die Datenarche unverändert weiterbetreiben wollen, kann der Datenschutzbeauftragte der EU wenig ausrichten: Er kann zwar eine Löschung anordnen, mittels Sanktionen gegen die Behörde durchsetzen kann er sie aber nicht. Mit Spannung wird daher eine neue Europol-Verordnung erwartet, an der EU-Verhandler:innen derzeit arbeiten. Diese könnte nach Berichten allerdings die Befugnisse der Behörde zu Datensammlung eher ausweiten als schmälern.


Ein Beitrag von Alexander Fanta auf Netzpolitik.org / Creative Commons BY-NC-SA 4.0.

 

Nachtrag

5. Januar 2022

Das muss natürlich nachgetragen werden. Platz 4: #unvorhersehbar – das hat mir besonders gefallen…