Grimme Online Award

21. Juni 2019

Der Grimme Online Award gilt als wichtigster deutscher Preis für Online-Publizistik. Vorgestern wurde er in Köln verliehen. Die Überraschung: Kleine Angebote überzeugten dieses Jahr. Große Unternehmen hatten dagegen das Nachsehen. Aus 1200 Vorschlägen hatte die Nominierungskommission 28 Angebote ausgesucht, von denen jetzt acht ausgezeichnet wurden.

Ausgezeichnet wurde unter anderem die Netzseite „Wem gehört Hamburg?“ über Eigentumsverhältnisse auf dem Wohnungsmarkt der Hansestadt. In einem eigens eingerichteten Crowd-Newsroom wertete das Recherchekollektiv „Correctiv“ dafür Angaben von mehr als 1.000 Mietern aus und recherchierte auf diese Weise die Eigentumsverhältnisse von 15 000 Wohnungen. Das Ziel: Mehr Transparenz auf dem Mietmarkt. Denn nur wenn man wisse, wie der Wohnungsmarkt wirklich aussehe und wer dort investiere, könne man auch etwas gegen den Mietwahnsinn unternehmen. Die Jury bezeichnete das Angebot als „herausragend„.

Mit einer Crowdfundingaktion gegründet wurde 2014 auch das gleichfalls ausgezeichnete Portal „Krautreporter“. Inzwischen ist es genossenschaftlich organisiert.  Die GOA-Jury zeigte sich überzeugt „von der thematischen Breite und Tiefe“. In vorbildlicher Weise werde hier auf die Lebenswelt der Leser und Leserinnen eingegangen, ohne ihnen nach dem Mund zu reden.

Ebenfalls durch Crowdfunding finanziert ist der Blog „Butterbrod und Spiele„, mit dem der Autor Moritz Gathmann und der Fotograf Christian Frey zur Fußball-WM 2018 aus ungewöhnlichen Perspektiven über Russland informierten. Auf ihrer Reportagereise trafen sie unter anderem einen sibirischen Comiczeichner und die Nachfahren schwäbischer Siedler. „Viele dieser Geschichten sind dadurch entstanden, dass man losfährt und einfach den Menschen zuhört“, sagte Gathmann. In den etablierten Medien sei dafür eher kein Platz, weil auch nicht in jeder Geschichte das Wort „Putin“ vorkomme.

Im übrigen wurden kleine Angebote ausgezeichnet, so der Podcast „Mensch Mutta„, der sich aus ganz subjektiver Sicht mit dem Leben einer Mutter in der DDR beschäftigt, und der medienkritische Youtube-Kanal „Ultralativ„, auf dem zwei Studenten über aktuelle Ereignisse und Entwicklungen aus dem Youtuber-Universum informieren. „Ultralativ“ sei schlau, aber auch offen für Doofes, hieß es in der Laudatio. Damit Geld zu verdienen, würde sich falsch anfühlen, sagte einer der Macher, Paul Schulte.

Einen weiteren Preis gewannen die Strichmännchen-Cartoons des „Witzbildzeichners“ Tobias Vogel in seinem Satire-Format „Krieg und Freitag„. Die auf Twitter, Facebook und Instagram veröffentlichten Karikaturen behandeln sowohl politische als auch persönliche Themen.

Ausgezeichnet wurden schließlich das Gemeinschaftsblog „Techniktagebuch„, der Veränderungen in der Alltagstechnik beschreibt, die Jugendnetzkonferenz „Tincon„, die laut Jury einen Diskursraum für 13- bis 21-Jährige über das Internet eröffnet, und der Youtubekanal „Einigkeit & Rap & Freiheit„, der den Publikumspreis gewann.

(Quellen: Horizont, dpa, GOA)

Big Brother Award

12. Juni 2019

Ich muss die Verleihung des Big Borther Awards vom vergangenen Samstag im Stadttheater Bielefeld noch nachtragen. Die BBA sind Negativpreise, die jährlich  an Behörden, Unternehmen, Organisationen und Personen vergeben werden. Die Preise werden, so die Stifter, an die verliehen, die in besonderer Weise und nachhaltig die Privatsphäre von Personen beeinträchtigen oder Dritten persönliche Daten zugänglich gemacht haben bzw. machen.

Für mich besonders überraschend war, in diesem Jahr dass der Online-Auftritt der „Zeit“ den Big Brother Award 2019 in der Kategorie Verbraucherschutz erhalten hat und zwar erstens für Werbetracker und den Facebook-Pixel, zweitens für die Nutzung von Google-Diensten beim Projekt „Deutschland spricht“; damit werden politische Ansichten von Menschen auf Servern in den USA gespeichert. Drittens dafür, dass sie sich das Nachfolgeprojekt von „Deutschland spricht“ von Google haben finanzieren lassen. „Dieser faustische Pakt mit einer der größten Datenkraken beschädigt die journalistische Unabhängigkeit.“m lese ich auf der webseite von Digitalcourage eV, die die „Auszeichnung“ alljährlich ergibt.

Die BigBrotherAwards 2019 in voller Länge gibt es online auf media.ccc – vielen Dank VOC

Hier geht es zu den Videos der einzelnen Laudationes:

Inzwischen hat ZEIT online Stellung genommen. Die Vorwürfe von Digitalcourage seien „nur teilweise zutreffend. So sei es richtig, dass auf den Internetseiten Werbung ausgespielt werde, und der Facebook-Pixel sowie Werbetracker eingesetzt würden. Diese mache „Zeit Online“ mit einem Link ersichtlich. Die individualisierte Werbung sei zudem abschaltbar.“

Beim Projekt „Deutschland spricht“, räumt „Zeit Online“ ein, nutze man derzeit nur einen vorgeschalteten Google-Dienst, der unerwünschte Internet-Attacken blockiere. Lediglich im allerersten Testlauf von „Deutschland spricht“ seien Dienste von Google verwendet worden, unter anderem einer von Google Apps, um Daten zu speichern. Die Redaktion von „Zeit Online“ sei „journalistisch unabhängig„. Tja ich frage, was bei den Vorwürfen“ nur „teilweise richtig“ sei. Sie stimmen offenbar komplett.

Für den Terminkalender: Die Big Brother Awards 2020 werden am Donnerstag, 30. April 2020 im Stadttheater Bielefeld und online verliehen!

Wer aktuelle Infos möchte, kann hier den E-Mail-Newsletter von Digitalcourage abonnieren.

Ferienwohnung

21. Mai 2019

Das ging aber flott! Gestern Nachmittag bemühte ich mich darum, eine E-Mail aus dem Rathaus zu erhalten, in der die Lingener Lokalzeitung „Lingener Tagespost“ in der vergangenen Woche die Kulturschaffenden anschrieb. 90 Minuten später und offenbar aufgeschreckt durch die von mir kontaktierte Kulturamtsmitarbeiterin (Kulturamtschef Rudolf Kruse war nicht erreichbar), schickte die Stadtverwaltung die angefragte E-Mail dann – natürlich an alle Ratsmitglieder.

Nun, dann nehme ich doch heftig an, dass künftig auch alle schriftlichen oder mündlichen Anfragen sämtlicher Ratsmitglieder an den gesamten Stadtrat weitergeleitet werden. Doch abgesehen von diesen wundersamen Erlebnissen Lingener Ratsarbeit möchte ich das Augenmerk auf den Inhalt der erfragten E-Mail richten. LT-Redaktionsleiter Thomas Pertz teilt nicht mehr oder eniger mit, dass sich die LT „ab 1. Juni“ aus der kontinuierlichen Kulturberichterstattung verabschiedet. Er schreibt:

Betreff: Berichterstattung über die Kultur im Lokalteil

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir wollen zum 1. Juni unsere kulturelle Berichterstattung im Lokalteil umstellen. Über die wichtigsten Änderungen möchte ich auf diesem Wege vorab informieren. Natürlich stehen ich oder die anderen Kolleginnen und Kollegen jederzeit auch für ein Gespräch zur Verfügung.

Im Kern geht es darum, künftig nicht mehr automatisch nahezu jede Veranstaltung mit einem Nachbericht bzw. einer Rezension zu versehen. Das gilt für alle Veranstaltungsorte, ob es nun das Lingener Theater, die Emslandarena oder Kultureinrichtungen im südlichen Emsland sind. Selbstverständlich werden alle Veranstaltungen weiterhin vorangekündigt. Nachberichte/Rezensionen wird es aber nur noch in Ausnahmefällen geben, und zwar dann, wenn sie bestimmte Kriterien erfüllen: Beispiele sind Veranstaltungen mit örtlichen Akteuren, regionale Großveranstaltungen, Benefizveranstaltungen, außergewöhnliche Künstler, Premieren oder Konzerte mit Alleinstellungsmerkmal.

Die Nachberichterstattung findet auf den lokalen Seiten statt, nicht mehr auf einer Kultur-Seite im Lokalen. Künftig wird es an einem festgelegten Tag in der Woche eine Kultur-Seite im Lokalteil geben, auf der Veranstaltungen angekündigt werden, aber auch die regionale Kulturszene beschrieben wird.

Insgesamt wollen wir mit der veränderten Berichterstattung näher an den Leser heranrücken, indem wir uns stärker auf die regionalen Kulturakteure konzentrieren.

Mit  freundlichen Grüßen
Thomas Pertz, Redaktionsleiter“

Ausgerechnet bei der Kultur präsentiert sich die LT mit Relevanzprüfung! Für das Blatt, das wie seine Schwesterausgaben von MT und EZ fast jede Pressemitteilung („PM“) der lokalen Verwaltungen unkommentiert veröffentlicht, ist dieser Schritt in der Tat außergewöhnlich – allerdings völlig anders, als Thomas Pertz es meint, wenngleich der hier nur als Bote seiner Osnabrücker Chefs agiert. Die nämlich kürzen schlicht die Berichterstattung, obwohl die Tageszeitungen der NOZ-Gruppe längst alles andere als preiswert sind: Das Vollabo kostet monatlich stolze 41,90 Euro (per Post gar knapp 46 € ) und gönnt sich der Leser ergänzend die Digitalausgabe kommen sogar noch rd. 6 € dazu.

Was die Verabschiedung der Lokalzeitung aus der Kulturberichterstattung bedeutet, muss diskutiert werden. Natürlich. Und mir geht da spontan durch den Kopf, für all die eine Alternative zu schaffen, die sich das nicht bieten lassen wollen. Leider gibt es das Stadtblatt nicht mehr, doch eine Plattform jenes Zuschnitts scheint mir vonnöten zu sein. Denn die NOZ widmet sich längst Themen, die mich den Kopf schütteln lassen, wie etwa -während Österreich brennt- als Aufmacher auf Seite 1 der Frage, dass bei einem Bundesetat von 360 Milliarden Euro Nullkommadrei Hunderttausendstel davon an PR-Akteure gezahlt werden. Oder wie man seine Ferienwohnung nach Kameras durchfilzt, auf Ibiza beispielsweise…

 

Heute ist der Internationale Tag der Pressefreiheit. Doch wie steht es weltweit um die Pressefreiheit? Die Korrespondenten des -Gott sei Dank- öffentlich-rechtlichen, deutschen  Fernsehens  geben Einblicke in die Situation in ihren Berichtsgebieten.

ein bisschen

18. März 2019

Die Kirche bewegt sich – ein bisschen, titelte die jenseits des Mainstreams publizierende taz am vergangenen Samstag in ihrer Nord-Ausgabe. Mit „Kirche“ meinte sie dabei natürlich die katholische; denn in der letzten Woche hatten sich die katholischen deutschen Bischöfe im Lingener Ludwig-Windthorst-Haus zu ihrer Frühjahrsvollversammlung getroffen, um dabei vor allem über die Aufarbeitung sexueller Gewalt durch ihre Priester und Ordensleute zu beraten.

Die taz porträtiert einen Aufklärer, den Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode und erinnert: „Der 28. November 2010 ist ein Tag der Buße. Es ist der 1. Advent, und im Abendgottesdienst geschieht es, im Osnabrücker Dom: Franz-Josef Bode, Bischof des Bistums Osnabrück, legt sich vor den Altar, auf die nackten Steinplatten, verbirgt sein Gesicht. Eine Bitte um Vergebung für das Leid der Opfer sexueller Gewalt, begangen durch Amtsträger der katholischen Kirche. In seiner Predigt bekennt Bode eine „gleichsam strukturelle Sünde in der Kirche“, die „auch hier bei uns Taten des Missbrauchs begünstigt und deren Aufdeckung erschwert oder behindert hat“.

Dass Bodes Bußpredigt nicht nur von „Schamröte“ spricht, sondern auch von „Erneuerung“, signalisiert: Bode, seit 1995 in Osnabrück, lange Kopf der Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz und seit 2017 deren stellvertretender Vorsitzender, mahnt Taten an. Es gilt, eine Mauer des Verschweigens und Verdrängens, des Verleugnens und Verharmlosens ins Wanken zu bringen.

Die Offenheit,…

weiter bei der taz,

Weitere Beiträge widmet die taz dem Thema:

Die Kirche bewegt sich – ein bisschen

Diese Woche trafen sich die katholischen Bischöfe, um über die Aufarbeitung sexueller Gewalt zu beraten. Die meisten Taten sind jedoch verjährt, weiß tazler Christian Rath..

Zum Schwerpunkt zählt auch das

Simone-Schnase-Interview mit dem Osnabrücker Psycho- und Sexualtherapeuten Prof. Dr. Wolfgang Weig

Wolfgang Weig war lange Jahre und bis zu deren Verkauf durch die damalige schwarz-gelbe Landesregierung an den Krankenhauskonzern AMEOS Ärztlicher Leiter des ehemaligen Landeskrankenhauses; dann kündigte er. Bis 2017 war der 67jährige Professor am Institut für Psychologie der Uni Osnabrück sowie Leiter des Zentrums für seelische Gesundheit der christlich orientierten Niels-Stensen-Klinik Osnabrück. 2015 veröffentlichte er mit einer Wissenschaftlergruppe unter Leitung des Jesuiten Eckhard Frick eine repräsentative Seelsorge-Studie. Außerdem leistete Weig als einer der ganz wenigen im westlichen Niedersachsen etwas besonders Verdienstvolles. Er therapierte Täter.

Wer mehr über den Umgang der katholischen Kirche im Norden mit sexuellem Missbrauch lesen möchten, schaut am E-Kiosk der taz vorbei.

Eine lehrreiche Zusammenstellung von ÜberMedien, der medienkritischen Seite von Stefan Niggemeier und Boris Rosenkranz. Wir sehen das Lehrbeispiel einer „Chronik der Empörung“.

Wie wird aus einer Idee, einer Bemerkung in einer Regionalzeitung ein landesweiter Aufreger?

Der Bundestagsabgeordnete Dieter Janecek (Grüne) gibt seiner Heimatzeitung, dem „Merkur“, ein Interview. Thema: Fliegen – und wie Flugverkehr reduziert werden kann. Bald danach gehen Politiker und Journalisten in die Luft: erst Christian Lindner, dann „Bild“, dann viele andere auch.

7.3.2019

Der Münchner „Merkur“ meldet um 18.45 Uhr online vorab:

„Grüne fordern: Vielflieger sollen deutlich mehr zahlen“

8.3.2019

Der Münchner „Merkur“ titelt als Aufmacher auf Seite 1: „Vielflieger sollen mehr zahlen“. Im Text heißt es, „die Grünen“ wollten „den Flugverkehr reduzieren und dafür Vielflieger deutlich stärker zur Kasse bitten“. Im Interview auf Seite 3 der Zeitung sagt Janecek, er glaube nicht, „dass wir das Klima retten, indem wir individuelles Verhalten geißeln“.

Er hat Vorschläge: „Zunächst einmal müssen wir die Mehrwertsteuer für die Bahn senken“, sagt er, und dass die Grünen die „Vergünstigungen für den Flugverkehr streichen“ wollen. „Aber wir müssen weitergehen.“

Er finde den „Vorschlag“ eines Mobilitätsforschers „sehr interessant“. Die Idee: Jede Person habe ein festes Budget an Flügen, und wer mehr fliegen wolle, müsse anderen Menschen, die nicht so viel fliegen, Kontingente abkaufen. Der Forscher schlage drei Hin- und Rückflüge vor, also sechs Flüge im Jahr.

Janecek sagt dem „Merkur“: „Das mag erst mal utopisch klingen“, aber: „Es wäre eine Möglichkeit“. Am Ende warnt der „Merkur“ schon mal: „Ihnen ist klar, dass man mit solchen Vorschlägen nicht nur Begeisterung erntet, oder?“

Janecek:

„Politik ist nicht dazu da, es immer nur allen recht zu machen. Wir brauchen Antworten darauf, wie wir die Klimabelastung durchs Fliegen bei einer steigenden Weltbevölkerung senken können.“

9.3.2019

Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner hält den Vorschlag für „Verbot und Belehrung“. Um 20.23 Uhr twittert er unter Bezug auf den „Merkur“-Artikel:

10.3.2019

weiter bei ÜberMedien 

„Lingen, sorry“

12. März 2019

Die Bischöfe sind da. Da kriegt’s unser Mittelzentrum mit oberzentralen Teilfunktionen – aber so was von. „Lingen … Kleinstädtchen“ schreibt beispielsweise Christoph Strack, Journalist der Deutschen Welle aus dem großen Berlin und setzt ein kleines Sorry dazu. Dann versucht sich das Mitglied der Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands eV und „Redakteur mit besonderen Aufgaben“ im nächtlichen Lingen aufgeregt an einem Video  und  -sorry, @Strack_C – verwackelt es dabei. Was für eine Szene!

ps Wenn wir nun schon weltweit über die Deutsche Welle als Kleinstädtchenbewohner geoutet werden, auch noch eine wirklich provinzielle Bitte:  Kann jemand freundlicherweise  herausfinden, wo eigentlich die blitzeblanken, supermodern-weißen Meyering-Busse herkamen, mit denen unsere 60 bischöflichen Besucher gestern durch die Stadt zur Bonifatiuskirche gelangten? Sind das die mit viel öffentlichem Geld geförderten Hybridbusse?

Im Liniendienst setzt der Schepsdorfer sie jedenfalls nicht ein. Und dann wurde eingangs der Burgstraße sogar ein Pflanzbottich hochgehoben und fernab abgestellt, damit die teuren Großfahrzeuge überhaupt aus der Bauerntanzstraße in die Burgstraße gelangen konnten.

Vorneweg dabei mit dem Dienstrad Lingener „City-Cop“ Norbert Tenger, der aufgeregt und lautstark einen Lieferbulli der Strecke verwies, als der gerade trotz der heranrollenden Busse frisches Halal-Fleisch für den Medinamarkt anliefern wollte.

Ich als Kleinstädtchen-Innenstadtbewohner bin von alledem sehr beeindruckt…

Kay One

30. Januar 2019

Die Pommesschmiede McDonald’s hat Rapper Kay One engagiert –  für einen Tag als Mitarbeiter. Der empfing die Kunden – wie sollte es auch anders rein – mit einem auf den Burger-Riesen abgestimmten Rap-Song, in dem er Abläufe und Services in dem Fast-Food-Restaurant erklärt. Seit der Veröffentlichung am 11. Dezember zählt das Video bis heute rund  1,8 Millionen Aufrufe.

Sag mal, liebe Leserschaft, war der Berliner Rapper noch vor Bushido und Support nich ins emsland geflüchtet? Wie war das noch? Ich frage für einen Freund und der will auch wissen, wo der Spot gedreht wurde. Wer hilft?

Relotius-Impuls

2. Januar 2019

Wir müssen auch hier in diesem kleinen Blog über Relotius reden. ÜeberMedien, von Niggi & Co, schreibt:

„Als der „Spiegel“ vor dreieinhalb Jahren eine Werbekampagne mit dem neuen Claim „Keine Angst vor der Wahrheit“ startete, gehörte zu den Motiven auch eines, das den Chef der Dokumentare zeigte. „Wir glauben erst mal gar nichts“, stand als großes Zitat über seinem Foto. Und darunter:

Dr. Hauke Janssen, Leiter der SPIEGEL-Dokumentation, prüft mit seinem Team von 70 Leuten jedes Wort jedes Artikels.

Ich habe das damals geglaubt, und ich habe das auch bis vor wenigen Tagen für wahr gehalten, weil ich es selbst beim „Spiegel“ so erlebt habe. In langen, oft anstrengenden Telefonaten haben nette, fachkundige, furchtbar penible Dokumentare jede Aussage in meinen Artikeln hinterfragt.
Dass Claas Relotius es schaffte, so viele falsche und sogar frei erfundene Tatsachen in den „Spiegel“ zu bringen, wirft die Frage auf, wie diese Kontrolle so versagen konnte. Aber ich habe den Verdacht, dass es noch schlimmer ist: Dass es diese Kontrolle teilweise gar nicht gab.

Die „Spiegel“-Dokumentation prüft anscheinend nicht jedes Wort jedes Artikels. Manche Dinge glaubt sie einfach.

Nur so lässt sich erklären, dass… “          [weiter bei UeberMedien]

Wie Sie auch habe ich mich gefragt, ob Märchenerzählen nur im fernen Hamburg und im Spiegel stattfindet  (Jede/r kann binnen Sekunden die Frage beantworten) und was das alles  für uns bedeutet im emsländischen Lingen(Ems), also der stets bemühten deutschen Provinz.

An Märchenerzählen habe ich dann sofort gedacht, als vor ein paar Tagen Thomas Pertz, der Chef unserer Lokalzeitung „Lingener Tagespost“ (LT), darüber berichtete, dass „am Tag vor Heiligabend“ gleich drei Frauen aus Lingen mit ihren Kindern um Aufnahme in das kleine Frauenhaus baten, jeweils als Notfall. Sie hätten „Zuflucht“ gesucht. Zuflucht stieß mir sofort auf; das empfand ich als deutlich zu weihnachtlich, zu bemüht auf den jahreszeitlichen Bethlehem-Punkt mit viel zu viel „Compassion„, also Mitgefühl. Denn in meinem Beruf als Anwalt habe ich gelernt, das größte Zweifel dann am Wahrheitsgehalt von Aussagen angebracht sind, wenn alles 105-%ig zu passen scheint, eben alles auf den Punkt gebracht und zu bemüht, zu dick aufgetragen ist. So empfand ich den Artikel, wonach nur das Frauenhau habe helfen können.

Folglich habe ich die Aussage in dem LT-Artikel auf twitter bezweifelt; längst nämlich sind die staatlichen Eingriffsmöglichkeiten so, dass die Polizei bei Fällen häuslicher Gewalt sofort handeln und den Gewalttäter aus Haus und Wohnung der von ihm tyrannisierten Frau mit und ohne Kinder weisen kann. Das ist schnell, effektiv und „gilt sofort“. Die eingesetzten Polizeikräfte  praktizieren diese Maßnahme in der Regel -so meine Erfahrung- auch ausgesprochen verantwortungsbewusst und rechtlich wie tatsächlich auf grundsätzlich sicherer Grundlage, kurzum: gut.

Die Drei-Mal-Zuflucht-Meldung hatte daher für mich sofort ein Geschmäckle, wie die Schwaben sagen, und zwar auch deshalb, weil sie eben gleich doppelt eingebettet war: Einmal in die gefühlvolle Weihnachtscompassion-Zeit und zweitens in eine aktuelle Kampagne des Sozialverbandes SkF

Doch mein Relotius-Impuls war natürlich trotzdem falsch, weil der Unterschied klar ist: Zunächst ist Thomas Pertz ein Journalist alter Schule und kein Märchenerzähler wie der Ex-Mann des Spiegel. Pertz hat also wahrheitsgemäß über das berichtet, was die Leiterin des Frauenhauses Monika Olthaus-Göbel ihm gesagt hatte: Drei mal klingelte am Tag vor Heiligabend das Telefon. und es hätten Frauen mit Kindern als Notfall aufgenommen werden müssen. Die Frage ist also, ob das wirklich stimmt oder ob ich mich in meiner Annahme richtig liege bzw. irre, hier sei übertrieben und falsch mitgeteilt worden.

Das interessierte mich und ich habe Zeitungsmann Pertz gefragt, ob er bei der Polizei nachgefragt habe, ob die Behauptung stimmt. In der Pressestelle der Polizeiinspektion sitzt doch inzwischen die ehemalige Lingener Radiojournalistin Inga Graber. Sie würde Thomas Pertz eine Nachfrage wohl wahrheitsgemäß beantwortet haben. Thomas Pertz hat mir ebenso schnell wie für mich unbefriedigend geantwortet, weshalb er die Aussage nicht recherchiert hat.

Manche Dinge glaubt eben nicht nur die Spiegel-Dokumentation einfach.

Epilog 1:
Klar muss sein:  Niemand tut der Sache einen Gefallen, Geschichten aufzubauschen, die nicht aufgebauscht gehören. Selbst eine einzige in das Frauenhaus aufgenommene „Restfamilie“ ist nämlich eine zu viel. Wann auch immer sie aufgenommen wird.

Epilog 2 bei dieser Gelegenheit:
Kein Redakteur tut der Debatte um eine geplante lokale Gedenkstätte für einen Autorennfahrer in Diensten von Audi und  SS einen Gefallen, wenn er sich versteckt, hinter dem Rücken der Leserschaft mit den Befürwortern und mit diesem Vorhaben gemein macht.

(Bild: SCREENSHOT: SPIEGEL.DE aus: UeberMedien)

Rückblick auf Rosemeyer

6. Dezember 2018

Kontrovers wurde am Dienstag, 27. November 2018, über das in Lingen geplante „Museum“ für Bernd Rosemeyer und seine Frau Elly Beinhorn diskutiert.

» Beitrag der Ems-Vechte-Welle, 28. November 2018
* Beitrag auf ev1.tv, 28. November 2018
» Artikel in der Lingener Tagespost/Meppener Tagespost, 29. November 2018

Impressionen aus der Veranstaltung:
» Audiomitschnitt der Veranstaltung, Teil 1 (Ems-Vechte-Welle)
» Audiomitschnitt der Veranstaltung, Teil 2 (Ems-Vechte-Welle)

Und die Rede des Vorsitzenden des Forums Juden-Christen, Dr. Heribert Lange, zum Nachlesen:
(Vorbemerkung: Ein freundliches Wesen hat meine Internetzuleitung mittels Bohrer geteilt. Ich bin also sozusagen offline und behelfe mich mit mobilen Endgeräten. Das macht die Präsentation in diesem kleinen Blog schwierig. Für die grafischen Fehler bitte ich um Entschuldigung!)

„Erklärung des Forums zum Rosemeyer Museum (27.11.18)

Unsere frühere, ausführliche, oft und plausibel erklärte Begründung unserer grundsätzlichen und generellen Ablehnung des Museums ist eindeutig und klar, und sie steht fest. Und doch haben wir ihr noch etwas hinzuzufügen. Vielleicht nämlich wird unsere Position verständlicher, wenn wir sie mit Fragen verbinden, an die viele bisher noch nicht gedacht haben:

Warum nicht ein Museum für die „kleine“ Sparkassenangestellte Selma Hanauer, die ihren Job und ihre berufliche Existenz bereits 1933, also am Anfang des ganzen Unheils, verlor, „nur“ weil sie jüdischen Glaubens war.

Warum kein Museum für den Altbürgermeister und Ehrenbürger Ro-bert Koop sen., der verbotener Weise des Nachts Brot aus seiner Backstube zu Hanauers brachte und dafür von der HJ übel zugerichtet wurde – nicht nur einmal, wie uns Bernhard Neuhaus erzählte? Warum kein Museum für die Eltern des kürzlich verstorbenen Obebürgermeisters Bernhard Neuhaus, die sich ähnlich und ähnlich für-sorglich, aber verbotener Weise um jüdische Nachbarsfamilien kümmerten, und inhaftierte Nazigegner im Gefängnis mit Nahrung versorgten, dieses sogar der Alt-OB selbst, wenn auch als kleiner Knirps an der Hand seiner Mutter?
Warum kein Museum für Helga Hanauer, die der Stadt Lingen schon 1975 – oder vielleicht auch: dann endlich eine geharnischte und Gott sei Dank wirkungsvolle Lektion zu deren perfektem Verdrängungs-komplex der jüdischen Geschichte Lingens erteilt hat? Warum also nicht ein Museum für Opfer der NS-Herrschaft, für die Kümmerer und für die Gefolgschaftsverweigerer und für die beharrlichen NEIN-Sager?
Weder gibt es Straßen mit ihren Namen in der Stadt, noch spricht man über sie, sondern überlässt sie dem allzu kurzen Gedächtnis unserer Gesellschaft und damit wohl auch dem Vergessen.

Wir, das Forum Juden Christen, und alle, die wir an unserer Seite wissen, setzen uns dafür ein, dass sich das ändert, damit diesen Menschen endlich Genugtuung widerfährt…
Stattdessen soll nun aber ein gänzlich anderes Museum her, ja, ein Museum! Ein Museum für einen Trittbrettfahrer, Kollaborateur und Profiteur des NS-Systems – Rennfahrer und SS-Offizier!

Was Sie, Herr Liesen und Herr Professor Walter, uns da, vor allem aber den Opfern, den Holocaustüberlebenden, aber auch denen, die mutig und tapfer dagegen gehalten haben, zumuten, ist bei näherer Betrachtung in der Tat eine unglaubliche und eine unziemliche Zumutung!

Wir haben bei mehreren, auch unterschiedlichen Gelegenheiten und in jeweils mehrstündigen Sitzungen zu dem Konzept von Herrn Professor Walter Stellung genommen, auch in einem überaus fragwürdigen NDR-Talk im August. Wir haben versucht, das Museumsprojekt auf diese Weise kritisch zu begleiten – ebenso wie die Historiker hier vor Ort, wie Frau Dr. Andrea Kalthofen von der Gedenkstätte Esterwegen und wie die aus Münster und Osnabrück hinzugebetenen Historiker, von denen Professor Rass sich heute Abend dankenswerter Weise erneut auf den Weg zu uns gemacht hat.

Aber wir sehen nun auch die Grenzen unserer Gegenrede: Denn Sie haben das Recht auf Ihrer Seite, und Sie verfügen, wie Sie uns erklärt haben, über die Mittel.

Am Ende stimmen wir deshalb mit der Einschätzung eines Vertreters der CDU-Mehrheitsfraktion im Rat der Stadt Lingen überein: „Das Museum ist so überflüssig wie ein Kropf!!!“ Im Umkehrschluss muss man diesen Satz naheliegender Weise auch als Antwort auf die in al-len Debatten bisher unbeantwortete Frage nach dem Sinn dieses Mu-seumsprojekts verstehen, also die Frage: Wozu denn das Ganze – um des lieben Himmels Willen?
In nicht einer der Zusammenkünfte haben wir eine Antwort auf diese Frage gehört, eine Frage, die sinnvoller Weise am Anfang solcher Vorhaben stehen sollte und steht. Wir haben sie die Frage des „Ob“, also des Ob überhaupt, genannt. Bezüglich der Frage des „Wie“ waren indessen zahlreiche Variationen und Paraphrasen zu vernehmen.

Übrigens ist dieser Satz „Überflüssig wie ein Kropf“ nicht etwa im Zu-sammenhang mit der von Herrn Liesen und anderen angezweifelten Rechtmäßigkeit des Votums des städtischen Verwaltungsausschusses vor 18 Monaten im Mai 2017 so gesagt worden, sondern in oder am Rande einer weiteren, erst kürzlichen Beratung des Ältestenrats unserer Stadt Lingen. Von falschen Voraussetzungen, unter denen sich der VA gegen das Museum entschieden hätte, kann keineswegs die Rede sein.

Aber auch noch das: Wir fühlen uns, entsprechend der programmatischen Ausrichtung des Vereins Forum Juden Christen im Altkreis Lingen e.V, als Paten und Anwälte der Opfer des Holocaust und damit zugleich als die Hüter des Ansehens ihrer Namen und ihrer Personen-würde und als Sachwalter der Erinnerung in unserer Stadt wie auch im Altkreis Lingen, und sind ausdrücklich auch autorisiert dazu.

Und dies nicht nur der Erinnerung an die Opfer wegen, sondern um der Erinnerungskultur in unserer Gesellschaft Willen. –
Es gibt, dies aber auch noch, die Erklärung von Hinterbliebenen der Opfer, gerade auch der Opfer aus Lingen. Und es gibt die Erklärungen der jüdischen Amtsträger, dass das Museum für Bernd Rosemeyer und Elly Beinhorn „vor dem Hintergrund des millionenfachen Schicksals der im Holocaust ermordeten Juden der Verhöhnung auch noch der Asche ihrer Opfer gleichkommt“. So hat es Michael Grünberg, der kluge Vorsteher der jüdischen Gemeinde Osnabrück, unserer Stadt Lingen vor kurzem geschrieben. Angesichts dieses nun wirklich unmißverständlichen Satzes wird doch keiner hier im Raum und auch keiner sonst erwarten können, dass wir, das Forum Juden Christen im Altkreis Lingen, bei diesem Projekt dann die Rolle des Hofnarren übernehmen.

Denn wir stehen nicht „einfach nur“ zu unserer Verpflichtung für die Ehre der Ermordeten und die Erinnerung an das Unrecht der Nazis, der SS und SA und all ihrer Helfershelfer und Profiteure, sondern hier und jetzt auch zu dieser dezidierten Aussage von Michael Grünberg: Lingen braucht kein Rennfahrermuseum.

Deshalb geht heute nochmals die Bitte und der Appell an Sie, Herr Liesen und auch an Sie, Herr Professor Walter: Bedenken Sie Ihre staatsbürgerliche und gesellschaftliche, aber nicht zuletzt auch Ihre moralische Verantwortung! Haben sie Erbarmen mit unser aller Stadt

und bewahren Sie die Bürgerinnen und Bürger von Lingen vor einem grauslichem Ungemach, vielleicht auch einer Schande, der Schande eines fragwürdigen Museumsorts.

Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihre freundliche Geduld!“