Auf keinen Fall wollte gestern die CDU im Lingener Stadtrat eine Resolution verabschieden, in der unsere Stadt den „Klimanotstand“ ausgerufen hätte. Bündnis’90/Die Grünen hatten die Entschließung eingebracht. Klimaschützer unterstützten im Ratssitzungsaal uas Anliegen in der Einwohnerfragestunde. Es war vergeblich.

Der „Klimanotstand“, der nach dem Willen der Grünen hätte verabschiedete werden sollen, ist längst bundesweit in vielen kommunalen Räten beschlossene Sache – beispielsweise in Münster mit den Stimmen der CDU oder jüngst auch in Frankreich, wo gar die Nationalversammlung in Paris den (nationalen) „Klimanotstand“ beschlossen hat.

Der „Klimanotstand“ hat keine fest definierten Konsequenzen für die Bürger/innen einer Kommune. Sie geht damit nur eine Selbstverpflichtung ein, in Zukunft bei allen Entscheidungen den Klimaschutz mit höchster Priorität zu berücksichtigen, zum Beispiel in der Verkehrspolitik, beim Wohnungsbau oder bei der Energieerzeugung.

Der Stadtrat hätte sich bei einem Ja zum Grünen-Antrag auch regelmäßig mit den Auswirkungen und Folgen der CO2-Emissionen befassen und der OB den Rat über die Maßnahmen zur Verringerung der Treibhausgasemissionen informieren. müssen; das vor drei Jahren einstimmig (aber ohne jegliche Konsequenzen) beschlossene städtische „Klimaschutzkonzept“ wäre nachhaltig umzusetzen und auch regelmäßig zu überarbeiten  gewesen.

Ein „Klimanotstand“-Beschluss hätte also konkret bedeutet, dem Schutz des Klimas höchste Priorität bei allen kommunalen Entscheidungen zu geben. Doch genau das wollte die CDU-Ratsmehrheit gerade nicht und versteckte ihre Absicht in einem Änderungsantrag und hinter einer von ihr juristisch geführten Debatte um den Notstandsbegriff, um den es aber gar nicht ging. Das Papier der Grünen lehnte die CDU aber nicht nur wegen der Verwendung bzw. Nichtverwendung des Wortes „Klimanotstand“ ab, wie sie glauben machen wollte.  Sie schreckt offenbar vor echten Klimaschutz-Konsequenzen zurück; sie will vielmehr wieder alles relativieren. Man erkennt dies an Schlüsselstellen ihres Papiers. So heißt es im Resolutionentwurf der Grünen:

„(Die Stadt Lingen (Ems))…

  • berücksichtigt ab sofort die Auswirkungen auf das Klima bei jeglichen Entscheidun-gen. Es werden diejenigen Lösungen bevorzugt, die möglichst stark den Klima-, Umwelt- und Artenschutz berücksichtigen und den Klimawandel und dessen Fol- gen abschwächen…“

Im CDU-Papier liest man stattdessen schön formuliert:

„(Die Stadt Lingen (Ems))…

  • wird verstärkt bei Entscheidungen die Lösungen bevorzugt, die möglichst stark den Klima-, Umwelt- und Artenschutz berücksichtigen und den Klimawandel und dessen Folgen abschwächen…“
Kurzum: die CDU will lediglich verstärken, nicht wirklich ändern und formuliert daher  Hintertüren zu einer konsequenten Klimapolitik, die wir alle unbedingt beötigen. Angesichts dessen resignierten die Grünen gestern und zogen ihr Papier zurück, das dann aber nach kurzer Sitzungsunterbrechung und Beratung zwischen den Minderheitsfraktionen SPD, Grüne und BürgerNahen als SPD-Entwurf zur Abstimmung gestellt wurd, doch  dabei dem CDU-Papier unterlag, für das sich der OB ebenso aussprach wie FDP-Mann Beeck, der u.a. auf China und Indien verwies, deren Politik viel klimafeindlicher sei. 

Was das bedeutet, kann man  konkret belegen. Ein krachender Anti-Klima-Beschluss kam nämlich keine 15 Minuten, nachdem der Stadtrat abgestimmt hatte. Im nicht-öffentlichen Teil beschloss der Stadtrat, knapp 4 Hektar Wiesen- und Ackerland südlich des Mühlenbaches und nördlich des Dieksees durch die städtische GEG zu kaufen, um diese Fläche (Foto lks) künftig mit etwa drei Dutzend Einfamilienhäusern zu bebauen. Mit der Priorität für Klimaschutz hat dieser Natur- und Flächenverbrauch vor den Toren der Stadt erkennbar nichts zu tun. 

Herbrumer Naturgarten, Herzogstraße in Herbrum, Papenburg, von Frank Vincentz  CC Attribution-Share Alike 3.0 Unported„Im Garten atmet die Zeit freier “
Vortrag von Bernward Rusche
Lingen (Ems) – Kunsthalle, Kaiserstraße 10a
Dienstag, 25. Juni 2019 – 19.30 – 21.30 Uhr
Kosten 6 Euro, 4 Euro für Mitglieder und ermäßigt, Studierende frei!

„Im Garten atmet die Zeit freier…“ – dieses Zitat der großen Rose Ausländer ist der Titel des Vortrages von Bernward Rusche, NABU Emsland-Süd, am kommenden Dienstag in der Kunsthalle.

Insekten, Vögel, Pflanzen verschwinden. Aber wir können diese Entwicklung noch aufhalten. Naturnahe Gärten in denen nicht nur die Zeit „befreit“ ist, sind ein Beitrag dazu. Tipps für das richtige Maß zwischen Gestaltung und „laissez faire“ gibt es an diesem Abend vom Gartenexperten Bernward Rusche.


(Foto: Herbrumer Naturgarten, Herzogstraße in Herbrum, Papenburg, von Frank Vincentz  CC Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

ein höllischer Zustand

17. April 2019

Eines Tages hörte Puja Angelika Büche, berichtet die taz, eine unheimliche Stimme ganz nah an ihrem Ohr. Aber da war niemand. Ein Gespräch über Gedanken, die einem nicht gehören. Puja Angelika Büche hat ein Buch über Ihre Schizophrenie geschrieben. Friederike Grabitz hat sie interviewt. Mein Lesebefehl in der Karwoche.

taz: Wie geht es Ihnen? Sind Ihre Stimmen in diesem Moment hier?
Puja Angelika Büche: Wir sind zu zweit, es geht mir prima.

Sie waren Cellistin im Masterstudium, sind mit Leonard Bernstein auf Tour gefahren, hatten viele Freunde – bis eines Tages eine Stimme in Ihrem Kopf Ihnen befohlen hat, von einer Brücke zu springen. Danach waren Sie in der Psychi­atrie, Ihr Leben war ein Scherbenhaufen. Haben Sie geahnt, dass Sie krank sind?
Ja, einige Monate vorher hörte ich einmal eine junge Frau um Hilfe rufen. Als die Polizei sie nicht fand, ging ich zum Arzt. Er gab mir Schlaftabletten. Auch ein zweiter Arzt und eine Therapeutin erkannten die Schizophrenie nicht. Ich habe selbst nicht verstanden, dass das eine psychische Erkrankung ist.
Sie mussten akzeptieren, dass nicht mehr alle Ihre Gedanken Ihnen gehören. Was hat das mit Ihrem Selbstvertrauen gemacht?
Es ist ein höllischer Zustand. Ich habe gedacht, meine Gedanken sind für alle hörbar, und habe mich für einige davon sehr geschämt. Je mehr ich versuchte, sie zu kontrollieren, desto mehr gehässige Gedanken kamen. Heute habe ich gelernt, die zu benutzen, die ich brauche, und die anderen vorbeiziehen zu lassen, ohne zu kommentieren und bewerten. Die Gedanken dürfen Quatsch erzählen, aber ich lade sie nicht zum Tee ein.
In dem Film „A Beautiful Mind“ geht es um einen Schizophrenen, der es am Ende schafft, dass seine Stimmen ruhig auf der Treppe sitzen. Lassen sich die Stimmen zähmen?
Es gibt Leute, die können die Stimmen gern haben und integrieren. Bei mir ging das nicht, meine waren ausnahmslos quälend.
Berühmte Schizophrene wie Jeanne d’ Arc hatten es besser.
Dafür müsste man in einer Kultur leben, wo Stimmen im Kopf nicht als krank oder bizarr angesehen werden. Wenn das…

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Mehr in der taz zu Schizophrenie

Fifth Avenue

27. Februar 2019

Hierzulande steigt die erwartung, Cannabis künftig zu entkriminalisieren. Das meint jedenfalls der Deutsche Handverband, wie die Neue OZ in dieser Woche meldet.

Woanders ist man da schon ein Stück weiter. Wussten Sie beispielsweise, dass sich zwischen den zahlreichen noblen Boutiquen, Kaufhäusern und prachtvollen Gebäuden in der New Yoker „Fifth Avenue“ auch der Cannabis-Händler MedMen mit einem Flagship-Store niedergelassen. US-Medien bezeichnen die Kette inzwischen schon als „Starbucks of Weed“ oder „Apple Stores of Cannabis“. Das Unternehmen selbst hat sich auf die Fahnen geschrieben, den Genuss von Cannabis massentauglich zu machen. Dieses Vorhaben unterstreicht die Firma jetzt mit einem cineastischen Werbefilm, bei dem niemand Geringeres als Spike Jonze („Being John Malkovich“, „Her“) Regie führte. (mehr…). Gucken Sie mal:

Tuberkulose

27. Februar 2019

In den vergangenen Monaten sind in den Landkreisen Cloppenburg und Osnabrück vor allem ausländische, in Schlachthöfen beschäftigte Wanderarbeiter und deren Angehörige an Tuberkulose erkrankt. Ein Mann starb so gar an der tückischen Krankheit. Bislang hieß es, dass Tbc-Infektionen insbesondere bei Wanderarbeitern in der Schlachtindustrie auftreten und die Erkrankung nicht unmittelbar mit deren Tätigkeit im Schlachthof zusammenhängt. Vor allem die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) machte die Wohn- und Arbeitsbedingungen der Wanderarbeiter für die Erkrankung veranortlich. Diese Einschätzung könnte sich jezt ädern.

Denn die amtlichen Fleischbeschauer in den Schlachthöfen hatten nach mehrere Krankheitsfällen gefordert, ebenfalls untersucht und gegebenenfalls behandelt zu werden.  der Landkreis Cloppenburg stimmte zu und bot kostenlose Tests an. Von insgesamt rund 260 Mitarbeitern des Landkreises nahmen 122 das Angebot der Behörde für kostenlose Tests an. Jetzt wurden die Testergebnisse bekannt: Sieben Mitarbeiter des Kreisveterinäramtes Cloppenburg sind positiv auf Tuberkulose getestet worden. Das bestätigte der Landkreis Cloppenburg. Bei diesen Mitarbeitern bestehe der Verdacht auf Tuberkulose, sie seien aber nicht akut erkrankt, betonte eine Sprecherin der Behörde. Sie würden von Ärzten betreut und gegebenenfalls weiter medikamentös behandelt.

Dass nun auch Beschäftigte betroffen sind, die zwar mit dem Fleisch in Berührung gekommen sind, aber vermutlich eher wenig Kontakt mit den Schlachthofmitarbeitern hatten, muss -so die Grünen im Landtag – dringend aufgeklärt werden. Sie  wollen dazu eine Unterrichtung im zuständigen Landtagsausschuss beantragen.

Die Grünen fordern aber auch weitergehende Konsequenzen. Ihre ostfriesische Landtagsabgeordnete Meta Janssen-Kucz  forderte eine verpflichtende Tuberkulose-Impfung für Schlachthof-Mitarbeiter und sagte „Die Ergebnisse der freiwilligen Tbc-Tests im Landkreis Cloppenburg sind alarmierend: Sieben von 130 Fleischbeschauern haben sich – vermutlich im Rahmen ihrer Tätigkeit – unbemerkt mit Tuberkulose infiziert. Da Tuberkulose durch Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch übertragen wird und die Fleischbeschauer in der Regel gar keinen Kontakt zu den Schlachthofmitarbeitern haben, stellt sich die dringende Frage nach dem Infektionsweg.“

Wir bewegen uns hier in einem sensiblen Bereich der Fleischverarbeitung“, so Meta Janssen-Kucz. „Über verpflichtende Impfungen gegen Tuberkulose sollten wir nachdenken.“ Das betreffe alle, die in Schlachthöfen ein und aus gingen, könne aber auch für die Angehörigen der Mitarbeiter*innen sinnvoll sein.

(Quellen taz, NDR, B’90/Di Grünen)

(Foto: Tuberkuloseerreger, von Dr. George P. Kubicaphil.cdc.gov, gemeinfrei)

Impfmüdigkeit

20. Januar 2019

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat jetzt Impfgegner und Impfmüdigkeit („Vaccine hesitancy„) zu den zehn aktuell größten Bedrohungen für die Weltgesundheit erklärt. Laut WHO verhindern Impfungen nämlich jedes Jahr weltweit zwei bis drei Millionen Todesfälle. Weitere 1,5 Millionen könnten vermieden werden – wenn die Impfbereitschaft besser wäre. Die Gründe für Impfmüdigkeit seien vielfältig. Nachlässigkeit, schwieriger Zugang zu den Impfstoffen oder mangelndes Vertrauen. Welchen Folgen das habe, zeige das Beispiel Masern: Die Zahl der Fälle ist 2017 weltweit um 30 Prozent gestiegen. Ein Grund sei die wachsende Zahl der Impfgegner in Industrienationen. Auch in Deutschland verdreifachte sich die Zahl der Masernfälle auf mehr als 900.

Ein Grund hierfür sind falsche Behauptungen. Gegner der Masern-Schutzimpfung haben immer wieder neue Nebenwirkungen der Schutzimpfung gegen Masern in den Raum gestellt. Die Mutmaßungen, dass Allergien, Asthma, Diabetes mellitus oder Morbus Crohn durch Impfungen ausgelöst würde, konnten allesamt nicht bestätigt werden.

Obwohl die Impfung gegen Masern als notwendig und sicher gilt, wurde in einzelnen Publikationen kritisiert, dass die Studien zur Untersuchung der Nebenwirkungen der MMR-Impfung nicht ausführlich genug und bezüglich des Studiendesigns teilweise inadäquat seien.[88] Dagegen hat Ende 2013 das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) alle vom 1. Januar 2001 bis 31. Dezember 2012 gemeldeten Verdachtsfälle ausgewertet. Es konnte kein neues Risikosignal entdeckt werden, damit bleibt das PEI bei einer positiven Risiko-Nutzen-Bewertung der monovalenten und kombinierten Masernimpfstoffe. Die WHO sagt kurz: Sicher!

Als größte globale Gesundheitsrisiken stuft die Weltgesundheitsorganisation auch Ebola, HIV, Dengue-Fieber, Antibiotika resistente Keime, Übergewicht, chronische Krankheiten – und die Luftverschmutzung ein: Neun von zehn Menschen weltweit atmen laut WHO Tag für Tag dreckige Luft. Sieben Millionen Menschen sterben vorzeitig an den Folgen – zum Beispiel an Krebs oder Herz-Lungen-Krankheiten.

Diabetes an die kurze Leine

30. November 2018

Ungefähr jeder zehnte Deutsche leidet an Diabetes.1 Diese Krankheit lässt sich nicht so einfach heilen wie ein Schnupfen. Doch so mancher Diabetes-Patient konnte bereits Abschied nehmen von Spritzen, Medikamenten und Übergewicht. Die Erkrankung bleibt bestehen; doch wer sich von ihrem Joch befreien möchte, muss oft nur seinen Lebenswandel ändern, kann dafür den Spieß umdrehen und den Diabetes an die kurze Leine zwingen.

Seit 2009 veröffentlicht Felix Olschewski (Foto lks) in seinem Blog Urgeschmack Hinweise auf einen solchen Lebenswandel. Er schreibt: „Geplant war das nie. Mein Anliegen war stets die Verknüpfung gesunder Ernährung mit Nachhaltigkeit und Genuss. Allerdings deckt sich meine Herangehensweise mit einer Ernährung, die Diabetikern hilft. Der beste Beweis sind…“

Weiterlesen bei Urgeschmack:

ganzen Satz

19. August 2018

„‚Oma Olga‘, wie sie kurz genannt wird, ist Witwe. Sie lebte immer schon in unserer Stadt und ist inzwischen hochbetagt. Als vor einigen Jahren ihr Mann Gottlieb starb, wurde es zu schwierig mit der Versorgung allein zuhause. Deshalb zog sie in das neue, glänzende Lingener Alloheim. Dort erlebte sie den Niedergang dieser Anfang 2016 mit großen Vorschusslorbeeren gestarteten „privaten“ Einrichtung. Zunehmend wurde es schlechter. Es gab kaum Pflegefachkräfte, viele Leiharbeitnehmer und unter den wenigen war niemand, der sich wirklich um sie und die alten Herrschaften kümmerte. Sie blieben zu oft sich selbst überlassen.

Oma Olga, müssen Sie wissen, war stets eine sehr zurückhaltende, alte Dame. Mit ihren 88 Jahren war ihr nicht nach Widerstand und Beschweren. Klaglos ertrug sie die schreienden, kranken Mitbewohner mit ihren psychischen Macken. Wenn es zu heftig wurde, so dass selbst die wenigen Fachkräfte es sahen, wurde Oma Olga zum Essen an einen anderen Tisch gesetzt. Unterhaltung und Programm gab es kaum, die Angestellten verwechselten sie auch schon mal mit einer nahen Verwandten und sagten dann, sie sei „so aggressiv“. Dann wurde sie, die ruhige Olga, wieder umgesetzt und en weiteres Mal, bis sie schließlich fast alleine an diesem einzelnen Tisch saß. Von dort konnte sie nicht mehr direkt durchs Fenster sehen; sie blickte auf die Wand.

Oma Olga ging bald auch nicht mehr mit ihrem Rollator, mit dem sie sich sogar in den Emsauenpark getraut hatte. Man setzte sie in einen Rollstuhl, schob sie so an den Tisch, von dem sie gegen die Wand schaute, und ließ sie dort sitzen. Dann hörte Oma Olga auf zu sprechen. Niemand wusste, warum. Sie schwieg einfach und zog sich zurück. Es sei die Demenz, hieß es. Oma Olga lachte auch nicht mehr – anders als früher, wenn sie Besuch vom kleinen, quirligen Carlo bekam, mit dem eine Freundin wöchentlich vorbeikam. Oma Olga war still. Demenzkrank sei sie, erklärten überlastet wirkende Hilfskräfte den Angehörigen.

Eines Tages sagten Pflegekräfte im Alloheim plötzlich, Oma Olga sei so aggressiv, man müsse sie auf eine andere Station legen, sie womöglich fixieren. Dochr Oma Ola war nie aggressiv. Heraus kam: Man hatte sie verwechselt.

Längst waren alle ihre schönen Seidenblusen verschwunden, mit denen die 88-jährige so elegant ausgesehen und die sie so gerne getragen hatte; es waren viele Seidenblusen. Ihre  Pullover aus Schurwolle waren achtlos in die Kochwäsche des Heimes gewandert und deshalb eingelaufen und verfilzt. Oma Olga sah so schrecklich aus, als die Pflegekräfte sie ihr trotzdem anzogen.

Es kam der Sommer ’18 mit all seiner Hitze. Im Alloheim -ohne Sonnenschutz außen vor den Fenstern und Klimaanlage- war es heiß und stickig. Die zu wenigen Pflegekräfte konnten kaum darauf achten, ob die alten Männer und Frauen auch genug tranken. Viele Bewohner dösten nur noch vor sich hin. Auch Oma Olga, schweigend

ihre Schwiegertochter sah, dass es so nicht weitergehen könne. Sie suchte und fand durch ganz viel Glück einen anderen Heimplatz in Lingen. Oma Olga verließ das Alloheims. Ein alter  Mann von ihrer „Station“ sah es, freute sich für Oma Olga und setzte traurig hinzu: „Und ich muss hier bleiben!“

An ihre neue Lingener Pflegeeinrichtung gewöhnte sich die Oma Olga schnell. Ihr Zimmer dort war größer, helle, luftiger und hatte eine Kochnische. Die Enkel und ihr Sohn besuchten sie, ihre Schwiegertochter und der kleine Carlo auch. Oma Olga freute sich über den Besuch, lachte sogar. Schon nach ein paar Tagen nutzte ie nicht mehr denn Rollstuhl. Sie ging wieder mit dem Rollator.

Vor dem Umzug hatte bei Besuchen allein die Schwiegertochter gesprochen und von ihrem „Leben draußen“ erzählt. Oma Olga hatte geschwiegen. Als die Schwiegertochter jetzt erzählte, sprach Oma Olga plötzlich mittendrin. Ihre Besucherin stutzte: „Oma Olga, Du hast ja gesprochen! Du hast einen ganzen Satz gesagt!“

Und Oma Olga begann zu weinen.“


Diese Geschichte ist wahr. Gerichtsfest wahr. Nur die Namen habe ich geändert. Die Entwicklung freut mich so unendlich für „Oma Olga“, die zwei Jahre in dem Alloheim war, das längst schrecklich genannt werden muss. 10 Tage nach ihrem Auszug dort spricht die alte Dame wieder, und sie ist wieder auf den Beinen. Mit dem Rollator (und der Hilfe des Aufzugs) bringt sie ihre Enkel von ihrem Zimmer weit oben bis hinunter zur Tür des Seniorenhauses in Lingen, in dem sie jetzt lebt.  

Als ich gestern diese mich sehr berührende Geschichte von Oma Olga erzählte, sprach meine Gesprächspartnerin sofort über schlechte Zustände „auch in anderen Lingener Seniorenheimen“. Tatsächlich mag es sein, dass es auch dort und selbst in Häusern caritativer, sozialer, gemeinnütziger Träger nicht immer gut läuft. Das aber rechtfertigt nichts. Auch wenn einzelne Verantwortliche dies anders sehen.

Wirkliche, ernste Probleme machen die Betreiber, die die Würde unserer Alten nicht achten, weil sie primär Rendite für ihre Aktionäre oder Gesellschafter erzielen wollen. 

Die Geschichte über Oma Olga zeigt mir, dass wir den Betrieb unserer Seniorenheime und -einrichtungen nicht derartigen Firmen überlassen dürfen. Sie gehören ausnahmslos in gemeinnützige Hand. 

Laut Psychiatrieausschuss ist die Versorgungslage in jeder vierten therapeutischen Einrichtung Niedersachsens kritisch. Es gibt zu wenig Personal, zu viel Fixierungen.

Der Psychiatrieausschuss des Landes Niedersachsen kritisiert in seinem jetzt veröffentlichten  Bericht für das Jahr 2017 die personelle Situation, bauliche Mängel und vereinzelte gravierende Verstöße bei der Fixierung von Patient*innen in Einrichtungen für nervlich und seelisch Erkrankte. Das von Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) eingesetzte Gremium hat für seinen Bericht insgesamt 121 Einrichtungen aufgesucht, darunter Kliniken, Heime oder Sozialpsychiatrische Dienste. In einem Viertel der Einrichtungen sei die Versorgungslage kritisch, so der Report.

Im Vergleich zu den Vorjahren ist damit laut Bericht zwar eine positive Tendenz bemerkbar – jedoch nicht in allen Bereichen. Verschlechtert habe sich die Personalsituation in allen Einrichtungstypen, vor allem in ländlichen und kleinstädtischen Regionen.

Der Personalmangel sei so gravierend, dass neben dem Pflegepersonal sogar…

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Der Ausschuss für Angelegenheiten der psychiatrischen Krankenversorgung(Psychiatrieausschuss) ist ein vom Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung berufenes Gremium von Fachleuten und Abgeordneten. Er berichtet jährlich dem Landtag und Ministerium.

Er unterstützt die Besuchskommissionen: Diese begehen Einrichtungen, sprechen mit Betroffenen und Mitarbeitern, zeigen Probleme auf und berichten dem Ausschuss, der die Behörde von Mängeln in Kenntnis setzen muss.

Untersucht werden Einrichtungen wie Kliniken und Heime, die psychisch oder seelisch beeinträchtigte Menschen betreuen.

Eichenprozessionsspinner

17. Juli 2018

DEK Lingen Eichenprozessionsspinner Rund an der Hälfte der Zugänge zum Leinpfad am Dortmund-Ems-Kanal in Lingen (Ems) wurden offenbar irgendwann die üblichen Schilder mit Warnschildern wegen des Eichenprozessionsspinners ergänzt. Den Nutzern des Leinpfads sind sie wegen ihrer unauffälligen Anordnung oft eher zufällig  und vor allem erst später aufgefallen.

Die direkten Anwohner des Dortmund-Ems-Kanals zB im Stadtteil Bögen haben erst gar keine Information bekommen. Dabei stand explizit in jeder Meldung über den Eichenprozessionsspinner, die man lesen konnte, dass die Allergiereaktionen auslösenden Härchen auch durch die Luft fliegen.

Also darf man fragen, wer informiert darüber so bescheiden-unzulänglich und vor allem so halbherzig?