Stefan „Niggi“ Niggemeier ist aktuell wohl der bekannteste Medienjournalist im Land. Zusammen mit Boris Rosenkranz -früher taz und NDR- präsentiert er das Medienblog „UEBERMEDIEN“. Geboren im Harderberg nahe Osnabrück sammelte er nach dem Abitur bis 1993 erste berufliche Erfahrungen  als „fester freier Mitarbeiter“ bei der Neuen Osnabrücker Zeitung in seiner Heimat. Oder um seine „Offenlegung, natürlich“ zu zitieren:

„Ich habe vor rund 30 Jahren für die „Neue Osnabrücker Zeitung“ über Kaninchenzüchter, Karneval und Kommunalpolitik berichtet.“

Weihnachten war er zuhause im Osnabrücker Land, und jetzt bekannte er darüber bei UEBERMEDIEN dies:

„Ich hatte ja keine Ahnung! Ich war nur über Weihnachten für ein paar Tage in die alte Heimat gefahren und wusste nichts von dem Aufruhr, der die Region erfasst hat, seit RTL Mitte November bekannt gegeben hatte, dass der nächste Mann, dem in der Show „Der Bachelor“ knapp zwei Dutzend paarungswillige Kandidatinnen zugeführt werden, aus Osnabrück kommt.

Aus Osnabrück!

Und es kommt noch besser: Der Mann ist nicht irgendein Osnabrücker, nein: Es ist der Sohn des Oberbürgermeisters!

Die „Neue Osnabrücker Zeitung“ (NOZ) beschloss dann offenkundig, aus dieser Nachrichtenlage, die ihr beschert wurde, das Beste Meiste zu machen. Doch trotz ihres heftigen Buhlens um Aufmerksamkeit sieht es bislang nicht nach einer Liebesgeschichte zwischen dem Lokalblatt und dem Lokalbatsch aus.

Es beginnt alles ganz konventionell: Am Tag, als RTL die Personalie verkündete, klöppelte die NOZ aus dem PR-Material des Senders einen nachrichtlichen Artikel zusammen. Sie notiert, dass Niko Griesert 1,91 Meter groß und sportlich sei und „einfach immer gerne neue Sachen dazu“ lerne. Seine Wunsch-Partnerin solle „das Herz am rechten Fleck haben“ und „sich selbst nicht ganz so ernst nehmen“, das tue er nämlich auch nicht. Griesert sei Vater einer neunjährigen Tochter, die mit ihrer Mutter in den USA lebe und ihm alles bedeute.

Die Eskalation beginnt am nächsten Tag. „Fünf Dinge, auf die wir uns freuen“, formuliert Daniel Benedict. Benedict ist Online-Redakteur der Zeitung, aber ausweislich seines Autorenprofils auch „Zeitungspate des Bereichs Dschungelcamp“, was einerseits rätselhaft klingt, andererseits womöglich einiges erklärt.

Sein Text ist ein Ritt auf der Rasierklinge; eine gewagte Mischung aus Lokalstolz und Lokalverachtung, aus gut gelaunter Ironie und übertriebenem Wichtignehmen. Er fragt:

Hat Niko das Zeug zum OSfluencer? Hält die Stadt des Westfälischen Friedens den Zickenkriegen der Kuppel-Show stand? Und wird die Nation jetzt endlich begreifen, dass Osnabrück weder Oldenburg ist noch Saarbrücken?

Benedict weiß, dass RTL „traditionell“ schon in der ersten Folge an Orte führe, „die den Titelhelden prägten“:

Vor einem Millionenpublikum kann eine Stadt hier ihre schönsten Seiten zeigen. Sebastian beispielsweise, der Vorjahres-Bachelor, posierte im Münchner Wohnghetto seiner Kindheit, er zeigte die U-Bahn-Station, für die ihm wegen Jugendgewalt ein Platzverweis erteilt wurde, und die JVA, in der ihn seine Mutter besuchte.

Auch Osnabrück habe schöne Ecken:

gesellschaftliche Hotspots wie die Halle Gartlage mit ihren Zuchtviehauktionen. Naherholungsgebiete wie den Piesberg, jenen malerischen Steinbruch, in dem die Ladung von 500.000 Müllautos vergraben ist.

Bis an die Zähne bewaffnet mit einer beindruckenden, beunruhigenden Menge an Detailwissen über vergangene „Bachelor“-Staffeln malt sich der Berichterstatter aus, wie der gegen Ende der Show anstehende Besuch im Elternhaus der Auserwählten verlaufen…“

…das Osnabrücker Drama lest bitte weiter bei UEBERMEDIEN
Es lohnt, wie fast immer bei @niggi.

 

25

19. Januar 2021

„Während in mindestens 49 wohlhabenden Staaten inzwischen 39 Millionen Dosen verabreicht worden sind, liegt die Zahl der gespritzten Dosen in einem der besonders armen Länder laut der Weltgesundheitsorganisation bei gerade einmal 25“, sagte WHO-Chef, Tedros Adhanom Ghebreyesus, am Montag zum Auftakt einer mehrtägigen Sitzung des WHO-Exekutivrates. „Nur 25 Dosen wurden in einem der ärmsten Länder verabreicht, nicht 25 Millionen, nicht 25.000, nur 25“, betonte Tedros. Das sei nicht hinnehmbar. Um welches Land es sich dabei konkret handelt, sagte er nicht. „Ich muss unverblümt sagen: Die Welt steht am Rand eines katastrophalen moralischen Versagens.“
Die Zahl der bilateralen Verträge reicher Staaten mit den Impfstoffherstellern nehme deutlich zu. Während im vergangenen Jahr 44 solche Kontrakte geschlossen worden seien, seien es in den ersten Tagen des Jahres 2021 bereits zwölf, sagte Tedros. Diese „Ich-Zuerst-Haltung“ gefährde nicht nur die Bevölkerung in den armen Ländern, sondern werde zu einer Verlängerung der Dauer der Pandemie führen, warnte Tedros.
Er appellierte an die reichen Länder, die sich viel Impfstoff gesichert hätten, ihre Zusagen einzuhalten. Die Gruppe der führenden Wirtschaftsmächte (G20), zu der auch Deutschland zählt, hatte sich im November 2020 zu einer gerechten Verteilung der Impfstoffe verpflichtet. Die von der Weltgesundheitsorganisation getragene Initiative Covax will sich darum kümmern, dass arme Länder nicht benachteiligt werden.

 

Bernard

18. Januar 2021

Noch dies:

Bernard Grunberg, den am Samstagnachmittag in seiner englischen Heimatstadt Derby an CoViD-19 verstorbenen Lingener Ehrenbürger, habe ich als sehr bescheidenen, leisen Menschen in Erinnerung. Gerade deshalb verkörperte eine so starke Würde, die ihm selbst nicht abhandenkam, wenn ihn Einzelne für ihre ausgesprochen oberflächlichen Zwecke zu vereinnahmen suchten.

Der stellv. Vorsitzende des Forum Juden-Christen Dr. Walter Höltermann sagte am Sonntag:

Die Mitteilung über den Tod von Bernhard Grünberg hat mich sehr traurig gestimmt,  zumal er uns seit gestern aus der Lingener Tagespost noch mit seinem etwas schelmischen Lächeln grüßt.  Es ist wohl so, wie es Karl Jaspers an Hannah Arendt nach dem Tod deren Mutter geschrieben hat: „Es ist zwar Gang der Natur, dass die Alten sterben. Aber es ist doch ein Anderswerden, wenn die Mutter nicht mehr ist, und der Schmerz tief, wenn auch nicht zerreißend.

Forum-Ehrenpräsident Dr. Heribert Lange schrieb tags zuvor: „Ich bin betroffen und traurig über den Tod eines guten Freundes.

Und Anne-Dore Jakob, eine große Engagierte für die Erinnerung, sagte: „Auch wenn die Sorge um ihn zuletzt groß war, kam die heutige Nachricht doch überraschend. Wir denken an den Verstorbenen und werden Bernhard Grünberg, unseren ältesten Freund, nicht vergessen.“

Erinnernd an den unvergessenen Benno Vocks, der am 21. Februar letzten Jahres verstarb,  schickte Anne-Dore Jakob dazu eine Abschrift des Kapitels „Bernard-Grünberg-Straße“ aus dessen Buch* „Lingen wegweisend – 99 Straßen, Porträts und Geschichte(n)“:

Bernard-Grünberg-Straße 

Bernard Grünberg verlebt mit seinen Eltern Bendix und Marianne, geb. Valk, und seiner Schwester Gerda zunächst eine sorgenfreie Jugend in der Georgstraße gegenüber dem Gefängnis. Er kommunizierte sogar mit den Strafgefangenen, indem er häufig mit einem Spiegel zu den Strafgefangenen herüberblinzelte. Mit zehn Jahren besuchte er das Gymnasium Georgianum. Dort wurde er nach der Machtergreifung als Jude von seinen Mitschülern angefeindet: „Nur gut, dass ich ein schneller Läufer war und mich so in Sicherheit bringen konnte.“ Als die Attacken zu heftig wurden, ließ ihn sein Vater bei der Umschichtungsstelle in Berlin anmelden. Hier sollten jüdische Jugendliche eine Ausbildung erfahren, um später nach Israel auswandern zu können. In Berlin-Pankow-Niederschönhausen erhielten im Jahre 2014 die Betreiber dieser Umschichtungsstelle, Selma und Paul Latte, die selbst in der Shoa ermordet wurden, einen Straßennamen.
Ein Kindertransport brachte Bernard Ende 1938 ins sichere England. Bei der Fahrt von Berlin begleitete ihn überraschend sein Vater auf der Eisenbahnfahrt von Rheine bis Bentheim. Hier sahen sich beide zum letzten Male. Tags zuvor war Bernards Vater aus dem KZ Buchenwald zurückgekehrt. Dieser 15-jährige Junge war nun ganz allein auf sich gestellt in England. Aber er lebte, während seine Eltern und seine Schwester in Riga und Stutthof ermordet wurden. Zunächst in der Landwirtschaft als Farmer, dann als Lastwagenfahrer und Kfz-Mechaniker ging Bernard Grünberg seinen beruflichen Weg.
Im Jahre 1947 heiratete er seine Frau Daisy. Lange sträubte sich Bernard Grünberg, wieder mit der Stadt Lingen Kontakt aufzunehmen. Heute ist er sehr froh über die vielfältigen Beziehungen und auch stolz auf die Verleihung der Ehrenbürgerschaft der Stadt Lingen im Jahre 1993. Bis zum letzten Jahr fuhr er als 91-jähriger selbst mit seinem Auto von Derby zu den jährlichen Besuchen nach Lingen.
Hier erfüllt es ihn immer wieder mit Genugtuung, wenn er vor Schülerklassen als Mahner auftreten kann. Sehr vielen Lingener Jungen und Mädchen in Lingen und Umgebung werden die Begegnungen mit ihm unvergesslich sein. Auch in England ist er im Holocaust-Center Beth Sahlom regelmäßig tätig, um sein Wissen und seine Mahnungen weiterzugeben. Er ist so sehr mit Lingen verbunden, dass er sogar seine letzte Ruhestätte in Lingen finden möchte.
Sein Werkzeug aus seiner Berliner Zeit vermachte er dem Forum Juden-Christen. Auch das schmiedeeiserne Tor vor der Gedenkstätte in der Lookenstraße fertigte er selbst an.
Eines kann Bernard Grünberg nicht nach all seine bitteren Lebenserfahrungen: Vergessen und vergeben. Dazu sei er seinen ermordeten Familienangehörigen und allen weiteren sechs Millionen Opfern des Holocausts verpflichtet. Nur mit seinem Klassenkameraden Walter Demann als Wegbegleiter aus seiner Kindheit nahm er wieder persönlichen Kontakt auf.

Zur Erinnerung schickte Anne-Dore Jakob aus ihrem Wohnort in Berlineine Gesprächsnotiz von ihrem letzten Telefonat mit Bernard Grunberg.

Gesprächsnotiz
Anruf v. Bernard Grunberg am 31. Juli 2020
Bernard, inzwischen 97 Jahre, rief am Abend aus Derby/GB an. Er habe unsere Tel. Nr. mehrfach gewählt, bis er eine Verbindung bekam. Er bedankt sich sehr herzlich für das Buch „Am Gelände von Herrn Latte fing ein reges Leben an“, das wir ihm zusammen mit Familie Schottmann-Kurz am 27.  als Gruß aus Niederschönhausen geschickt haben.

Durch die Bilder kämen die Erinnerungen zurück! Besonders die Erlebnisse des Brandes im Sommer 1938 in den Werkstätten von Schlosserei und Tischlerei stünden ihm deutlich vor Augen, und er erzählte davon, als wenn sei es gestern gewesen: 

„Wir wurden am Rand des Geländes zusammengetrieben und mussten dem Treiben zusehen, ohne, dass wir etwas tun konnten. Warum man uns in der „Kristallnacht“ vergessen hat, weiß ich nicht.“

Auf das große Eingangstor aus Holz, rot angestrichen, folgte im Inneren noch eine kleinere Tür. Gut erinnere er sich auch an den Schäferhund von Ruth und Poldi Kuh (Bild S. 79), der sich bei ihrer Unterkunft am Ende der kleinen Straße aufgehalten habe, die über das Gelände ging. Manchmal habe er frei herumlaufen dürfen und habe „aufgepasst.“

Das ganze Buch habe er noch nicht gelesen, aber was er bereits erkennen konnte, habe alles seine Richtigkeit. Er warte aber noch auf eine neue Lesebrille! Durch die vielen Bilder, die auch von ihm stammen, werde die Umschichtungsstelle wieder sehr lebendig! Das Lesen deutscher Texte falle ihm nicht schwer, er könne sie gut verstehen.

Er sprach das Schicksal seiner „holländischen“ Verwandten an, Familie Weinberg aus Groningen (Simon und Emma mit ihren Söhnen Leo und Iwan), wo er viele Jahre die Sommerferien verbrachte. Die Familie seiner Cousine „Lieschen“ beschäftigt ihn ebenso: Elise de Jong, geb. Groenberg lebte mit ihrem Mann Bob (Benjamin de Jong) und ihrem Sohn Herman Nico (Jg. 1941) in Amsterdam. Beide schickten ihm Taschengeld nach England. Bernard sagte: „Herman Nico könnte heute noch am Leben sein.“

Bernard lässt alle herzlich grüßen!“

Wie deutsch selbst sein Tod noch ist, hab ich mir gesagt. Sein Wille war, in Lingen auf dem jüdischen Friedhof an der Weidestraße bestattet zu werden. Die Pandemie, di ihm das Leben nahm, macht die letzte Reise diesen großen, kleinen Mannes ausgesprochen schwierig. Aber wir werden es machen, weil wir Bernard Grunberg heimholen müssen.

Weil ich gefragt wurde:
Die Frage, ob der am Samstag verstorbener Lingener Ehrenbürger Bernard oder Bernhard heißt, ist schnell beantwortet. Bernhard Grünberg hat nach Jahrzehnten in England seinen Namen anglifiziert. Seither trug er den Namen Bernard Grunberg.

Uns bleibt die Frage, wie wir an ihn und die Ehrenbürgerin Ruth Foster-Heilbronn künftig dauerhaft und über den von Benno Vocks porträtierten Straßennamen und über die (viel zu) lange nur geplante, längst überfällige Geschichte unserer Stadt in der NS-Diktatur hinaus erinnern. Das ist eine Aufgabe für den Rat der Stadt, derer er sich würdig zu erweisen hat.


* Benno Vocks,
Lingen wegweisend,
99 Straßen, Porträts und Geschichte(n)
Anno-Verlag, 216 S., 14,95 €
ISBN 3939256315
Erhältlich hier

reicht nicht

16. Januar 2021

Nur, dass Ihr bescheid wisst:

Der von Politikern verfolgte Zielwert bei Corona-Neuinfektionen sollte bekanntlich deutlich unter 50 für die 7-Tages-Inzidenz liegen, um den Lockdown zurückzufahren. Dieser Wert für ein Lockdown-Ende wird nach Berechnungen des Saarbrücker Pharmazie-Professors Thorsten Lehr Ende Januar wohl nicht erreicht. „Die Chance ist extremst gering bis nicht vorhanden“, sagte Lehr. Er gehe davon aus, dass die angestrebte Rate von 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner in sieben Tagen frühestens Mitte Februar möglich sei. „Und das wäre eine optimistische Vorhersage.“

Der Professor für Klinische Pharmazie an der Universität des Saarlandes hat mit seinem Forscherteam einen „Covid-Simulator“ entwickelt, der das Infektionsgeschehen in Deutschland berechnet und Prognosen liefert: für ganz Deutschland, die einzelnen Bundesländer, bis hin auf Landkreisebene (ja, auch für den LK Emsland).

Er kann auch online genutzt werden.

 

3.500

13. Januar 2021

Gestern tagte der Lingener Verwaltungsausschuss. Ich habe in der Sitzung u.a. kritisiert, dass der Landkreis Emsland erst jetzt, 10 Monate nach Pandemiebeginn, ein Konzept für die Impfung der über 80-jährigen entwickelt, die nicht in einem Pflegeheim leben. Da sei es schwer, sachlich zu bleiben. Erwidert wurde, dass für den Betrieb der Impfzentren das Land zuständig sei. Hier warte man noch auf die erste Pfizer/Coronaimpfung.

Immerhin knapp 3.500 Lingener*innen zählen zu dieser Alterskategorie und  leben in den eigenen vier Wänden. In den neun Lingener „Seniorenheimen“ sind nur rund 700 Ältere und davon auch ein paar jüngere, wenn auch nicht junge Bewohner.

Mein Vorschlag, die 1. Kategorie der „frei wohnenden“ zu Impfenden Ü80 durch eine städtische „Hotline“ zu betreuen und auch die Taxifahrt zum Impfzentrum an der Lindenstraße zu organisieren, ist offenbar bereits von der Krone Verwaltung „angedacht worden“. Dafür gebe es erste Überlegungen im Rathaus, meinte der OB – allerdings nicht ohne sofort die Familienangehörigen der Alleinlebenden in die Pflicht zu nehmen. Die nämlich sollten sich um ihre nahen Angehörigen „jetzt auch wirklich einmal kümmern“.

Dieser Ausstieg aus der Verantwortung für die Senior*innen ist angesichts des völligen Versagens der Kreisverwaltung in Meppen schon sehr bemerkenswert. Überraschend ist der Spätstart für mich allerdings nicht. So ist öffentliche Verwaltung.

Da verkündete Mitte November vergangenen Jahres der niedersächsische Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD), das Land Niedersachsen werde 20 Mio Euro für die Ausstattung der niedersächsischen Schulen mit „Corona-Schutzausrüstung“ bereit stellen.

Er presseverlautbarte dies am 18.11., weshalb der 17.11. als Stichtag für Anschaffungen gilt: Was die Schulträger bis dahin beschafft haben, müssen sie selbst bezahlen, für ab 18.11. Angeschafftes können sie Zuschussanträge beim Land einreichen.

Allerdings brauchte es bis zum 22.12. bis die entsprechenden Förderrichtlinie geschrieben waren, die aber immer noch nicht im Ministerialblatt verkündet wurde (oder?), aber am 1. Januar in Kraft getreten sind. Dann verkündete Kultusminister Tonne die 20-Mio-Förderung auf der Internetseite des Landes und sprach dabei diesen Satz:

„Wir haben die Richtlinie schlank, bedarfsgerecht und bürokratiearm ausgerichtet. „

Schlank, bedarfsgerecht und bürokratiearm sieht dann so aus wie links.

Und bspw. die Rosen-Grundschule kann in „Anlage 3… (PDF 0,10 MB)“ nachlesen, dass sie maximal 603,00 Euro für technische Corona-Schutzausrüstungen erhalten kann – die Stadt Lingen (Ems) übrigens (ordentliche) 56.376,00 Euro als Höchstbetrag, so steht es in „Anlage 2, … PDF, 0,25 MB“.

Wenn eine Förderrichtlinie mit 7 Anlagen bürokratiearm ist, will ich mir gar nicht vorstellen, was nicht bürokratiearm wäre…

Nachsatz:
Zur von vielen, auch von mir und unseren BürgerNahen in Lingen (Ems) vergeblich geforderten Anschaffung von Luftfiltergeräten verteilt der Kultusminister ein Merkblatt des Nieders. Landesgesundheitsamtes. Das bevorzugt das Stoßlüften und findet Luftfiltergeräte –anders als der Landeselternrat– nicht empfehlenswert. Auch der Kreiselternrat Emsland liegt in Sachen Lüftung offenbar (lest selbst)…

Luftfiltergeräte werden bezuschusst, aber nur wenn das Klassenzimmer zu wenige Fenster hat, um ordentlich stoß-zu-lüften, wobei an anderer Stelle steht, dass in solchen Räumen gar nicht unterrichtet werden darf. Und dann endet das bedarfsgerechte Merkblatt schlank mit diesem fast schon lyrisch-bürokratiearmen Hinweis:

„Wohlgemeinte Selbsthilfeaktivitäten sind zu vermeiden, da sie leicht unerwünschte, bei späteren Betrachtungen möglicherweise auch gesundheitsschädigende Nebenwirkungen entfalten können.“

Schlechte Karten, Opa!

 

Die Inkompetenz der Behörden im Lande Niedersachsen wie im Landkreis Emsland bedrückt mich. Sie handeln inkompetent wie beim Bau von Flughäfen, Bahnhöfen, Konzertsälen oder einer Emsbrücke. Das Paradebeispiel: Sie sind nicht imstande, die notwendigen Impfstoffe und Impfungen zu organisieren. Im Emsland bspw. wird es noch mehr als drei Wochen dauern, bis für alle 6.000 Bewohner/innen und Mitarbeiter/innen in Pflege- und Seniorenheimen genug Impfstoff vorhanden ist, also noch nicht einmal verimpft ist. Dabei überbieten sich die Verwaltungen im Weiterreichen von Kritik: Die Stadt verweist auf den Landkreis, der Landkreis reicht die Kritik an das Land, das Land an den Bund und der Bund an die EU weiter. Eine gleichermaßen peinliche wie – ja, das muss man so sagen- im Zweifel tödliche Stafette behördlichen Versagens.

Alle Behörden zeigen sich außerstande, konstruktiv Lösungen zu erarbeiten. Sie glänzen bloß darin, sich wieder einmal nur selbst zu reproduzieren.

Lingen (Ems) ist als kreisangehörige Kommune nicht Trägerin des Gesundheitsamtes. Doch auch unsere Stadt kann handeln. Ich habe mich deshalb gefragt: Was kann, was muss unsere Kommune tun, um negativen Corona-Folgen entgegenzutreten und sie zu reduzieren?

Hier sind meine Vorschläge, was in unserer Stadt geschehen muss. Meine 20-Punkte-Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und ist auch nicht wirklich strukturiert. Daher bitte ich darum, sie sehr gern zu ergänzen und zu verbessern. Meine 20 Punkte:

  1. Die Infektionszahlen in Kreis und Stadt müssen täglich offengelegt werden, einschließlich des Hinweises, wo sich Erkrankte infiziert haben. Es sind genügend Mitarbeiter/innen im Gesundheitsamt des Landkreises tätig oder dahin abgeordnet, dass dies möglich ist.
  2. Die Aufforderung an die öffentlichen Behörden: Feiert euch nicht für euren Einsatz, den man für normal und keineswegs außergewöhnlich halten muss, sondern strengt Euch noch mehr an, macht Überstunden und arbeitet, damit nicht Menschen mit ihrem Leben für Untätigkeit bezahlen.
  3. Jeder Coronatest braucht eine Genom-Sequenzierung, um die Ausbreitung des „englischen Virus“ B.1.1.7 zu stoppen. Die Genom-Sequenzierung ist  notwendig, weil sich inzwischen die Virusmutation immer mehr und vor allem in den benachbarten Niederlanden ausbreitet. Der zuständige Landkreis Emsland wird aufgefordert, diese Sequenzierung sicherzustellen.
  4. Die Stadt Lingen (Ems) hat so schnell wie möglich die Impfung aller Ü80-Einwohnerinnen und -Einwohner -auch derer, die nicht in Pflegeheimen leben- sowie aller hier arbeitenden Pflegekräfte, gerade auch die ambulanten oder häuslichen, vorzubereiten. Die Betroffenen und die Pflegedienste sind dazu anzuschreiben und für sie ist organisatorisch alles vorzubereiten, damit sie geimpft werden.
  5. Der aktuelle Einsatz von nur zwei Impfteams im Emsland ist zu wenig. Der Landkreis wird aufgefordert, die mobilen Impfteams deutlich aufzustocken.
  6. In der Stadt Lingen (Ems) ist eine private Teststation einzurichten, vorzugsweise im Medicus-Wesken, in der sich jede/r an jedem Werktag sofort testen kann. Die Stadt trägt die Kosten, die von Krankenkassen und Dritten nicht getragen werden.
  7. In alle Schulen und Kitas, Pflegeheime und Gemeinschaftseinrichtungen der Stadt Lingen (Ems) gehören sofort so viele Schnelltests, dass sie jederzeit und kostenlos für jede/n Bedienstete/n, Schüler/innen und Kindergartenkinder zur Verfügung stehen. In jeder dieser Einrichtungen ist das Personal instand zu setzen, diese Tests selbständig durchzuführen.
  8. Die Stadt Lingen (Ems) stellt für die Schüler/innen städtische Räumlichkeiten (Jugendzentren, Stadtteilzentren, Gaststätten, Ortsverwaltungen und dgl.) zur Verfügung, um Schüler/innen Homeschooling zu ermöglichen, die dies in ihren Wohnungen nicht oder nur unvollkommen ermöglichen. Die Schüler/innen werden dort in Abstimmung mit den Schulen ehrenamtlich bzw. durch hauptamtliche Personen oder Soloselbständige betreut und erhalten dort ein schultägliches Mittagessen.
  9. Jede/r Beschäftigte in Schulen, Kitas, Pflegeheimen sowie alle ambulanten Pflegekräfte sind auf Wunsch jederzeit sofort zu testen. Mit der Durchführung der Tests ist der Arbeitsmedizinische Dienst zu beauftragen. Die Stadt trägt die Testkosten, die von Krankenkassen und Dritten nicht getragen werden.
  10. Für den Besuch der Kitas wird ab Januar keine Gebühr erhoben, wenn die Kita geschlossen ist und die Kita-Betreuungsleistung nicht in Anspruch genommen wird.
  11. Die Super- und Verbrauchermärkte werden aufgefordert, spezielle Einkaufszeiten für Senior/innen Ü 60 anzubieten. Lingener/innen in diesem Alter können per Taxi zum Einkaufen in die teilnehmenden Einkaufsstätten fahren. Die Stadt zahlt bzw. erstattet die Taxikosten. Dasselbe gilt für Fahrten zu Impfzentren.
  12. Die Stadt Lingen (Ems) stellt den Einsatz großer Busse im LiLi-Stadtverkehr sowie in Abstimmung mit dem Landkreis beim Schüler/innentransport sicher, damit alle Fahrgäste die nötigen Abstände einhalten können.
  13. Die Stadt Lingen (Ems) fördert alle Restaurants und Cafés im Stadtgebiet, sofern sie dem LWT angehören. Einkaufs- bzw. Verzehrgutscheine werden mit 25 % höchstens aber 50 Euro pro Person bezuschusst.
  14. Die Stadt Lingen (Ems) verstärkt personell die Heimaufsicht, und sie informiert in ihrer Muttersprache alle nichtdeutschen Einwohner/innen in Lingen (Ems) über die für sie bestehenden Möglichkeiten, sich und ihre Nächsten vor dem Coronavirus zu schützen.
  15. Die Stadt Lingen (Ems) stellt allen städtischen Schulen einschließlich der Schüler/innen alle gewünschten Mittel für die Ausstattung mit Hard- und Software für den Online-Unterricht unverzüglich zur Verfügung.
  16. Die Stadt Lingen (Ems) stellt über den LWT 1 Mio Euro für Miet-Ausfallbürgschaften bis maximal 5.000 Euro für bestehende Einzelhandelsbetriebe zur Verfügung, sofern sie Mitglied im LWT sind. Voraussetzung für eine Ausfallbürgschaft ist, dass die Vermieter auf ein Drittel der aktuellen Monatsmiete ab November 2020 rechtsverbindlich für mindestens drei Monate verzichten.
  17. Die Stadt Lingen (Ems) stellt einen Härtefonds von 250.000 Euro für Familien zur Verfügung, die durch die Corona-Pandemie in Not geraten sind. Über die Verwendung entscheidet auf Vorschlag der Stadtverwaltung eine Arbeitsgruppe des Ratsausschusses für Familie, Soziales und Integration.
  18. Die Stadt Lingen (Ems) stellt einen Härtefonds von 20.000 Euro für Wohnungslose  zur Verfügung, um ihnen Wohnungen zu vermitteln. Über die Verwendung entscheidet auf Vorschlag der Stadtverwaltung eine Arbeitsgruppe des Ratsausschusses für Familie, Soziales und Integration.
  19. Die Stadt Lingen (Ems) fördert über den LWT ab Februar 2021 Kulturschaffende und Soloselbständige, die in Lingen (Ems) wohnen, durch Vorab-Gagen bis zu 1.500 Euro/Monat. Dafür werden 150.000 Euro bereit gestellt.
  20. Die Stadtverwaltung berichtet 14-tägig schriftlich dem Rat der Stadt und der Bürgerschaft über die Entwicklung aller vorstehenden Punkte.

8.11.27

7. Januar 2021

Die öffentliche Verwaltung übertrifft sich gerade wieder selbst.

Wenn

3. Januar 2021

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gestern in der taz. Und ich bekomme Carla und Elsa nicht mehr aus dem Kopf.

has happened twice

25. Dezember 2020

(Yes; it has happened twice 🙂)