Kahlschläger Krone

11. Juni 2018

Ich kann diese Geschichte gar nicht glauben. Sie stimmt aber: .Bekanntlich hat der Gastronomie-Betrieb Baba Can im Ratskeller direkt neben dem historischen Rathaus vor 10 Tagen die Türen geschlossen. Dann stand in der „Lingener Tagespost“ die Erklärung dafür. Natürlich ist sie nur in wenigen Teilen wahr:

„Durch den Baum vor dem Ratskeller seien die darunter stehenden Tische der Außengastronomie ständig dreckig und mit Vogelkot verunreinigt gewesen. Zudem habe es wegen der engen Gasse neben dem Ratskeller keinen vernünftigen Stellplatz für die Müllbehälter gegeben. Immer wieder sei es in der Gasse zu Problemen durch alkoholisierte Personen gekommen, die dort Müll hinterlassen oder eine Notdurft verrichtet hätten. „Die Stadtverwaltung konnte uns bei diesen Problemen nicht helfen!…Dies alles hat dazu geführt, dass wir Gäste verloren haben“

Schon tags darauf veranstaltete OB Krone einen Ortstermin und ersann eine Lösung, seine Lösung. Er will jetzt die 35 Jahre alte Linde neben dem historischen Rathaus absägen und dann das historische Pflaster der Gasse zwischen Ratskeller und E-Blatt herausreißen und die Straße neu pflastern lassen. Wie gesagt, so viel Aktionismus müsste überwältigen, wenn es nur nicht so undurchdacht wäre, was unser Kahlschläger Krone da will. Denn:

Die Gasse besitzt das älteste Pflaster unserer Stadt, das nach dem Wirbelsturm 1927 verlegt wurde. Auch das ist ein Kulturgut und deshalb in den letzten Jahrzehnten stets so behandelt worden. Jemand, der sich wirklich für unsere Stadt interessiert, sollte dies wissen. Also neu richten, mit den alten Steinen neu fassen und gut ist. Merke: Neupflastern kann jeder.

Dann müssen wir zweitens die Frage besprechen, wie in der Innenstadt der Müll entsorgt wird. So wie 1970 oder wie 2018? Da nämlich hat Baba-Can-Gastronom Hasan Müstak recht. Die Stadt tut nichts. So lässt tatsächlich der Meppener Müllbetrieb des Landkreises die Gastronomen und Gewerbetreibenden völlig allein. Das Motto der behördlichen Unternehmung lautet: Sortieren, verwerten, entsorgen“ – Adjektive wie nachhaltig, klug oder intelligent fehlen bezeichnenderweise und auch von Nachdenken ist nicht die Rede. Die vielfache Anregung, Unterflur-Müllsentsorgung zu installieren, wurde in Meppen damit beantwortet, dafür habe man keine Wagen. Deshalb haben bzw. bekommen wir jetzt schwarze Tonnen, blaue Tonnen, gelbe Tonnen und braune Tonnen – jeweils für den entsprechenden Recycle-, Papier,- Kompostier- und sonstigen Müll. Die mögen im Lingener Gauerbach, wo der OB wohnt, oder bspw. in Herbrum in der Garage aufzustellen sein, in einem dicht bebauten Stadtzentrum aber nicht. Die Lingener Stadtverwaltung hat dies nach mehreren Hinweisen aus dem Rat  erkannt und formuliert in einer ersten Stellungnahme zum neuen „Abfallwirtschaftskonzept“ des Landkreises:

„Im Innenstadtbereich der Stadt Lingen (Ems) haben viele Hauseigentümer aufgrund begrenzter Platzverhältnisse nicht mehr die Möglichkeit, die verschiedenen Abfallbe- hälter innerhalb der Gebäude oder auf den eigenen Grundstücken abzustellen. Es ist daher beabsichtigt, gemeinsam mit dem Abfallwirtschaftsbetrieb, den betroffenen Grundstücks- und Hauseigentümern und der Stadt Lingen (Ems) ein Konzept zum Bau, Betrieb und zur Entsorgung von Unterflurcontainern zu erarbeiten. Hierfür erbittet [da steht tatsächlich „erbittet“] die Stadt Lingen (Ems) die Unterstützung des Abfallwirtschaftsbetriebes des Landkreises Emsland.“

Doch warum bitte so devot? In der Sache macht die Lingener Stadtverwaltung bisher außer Erbitten nichts und lässt die Gewerbetreibenden und Gastronomen allein, worauf Hasan Müstak hinweist. Mein Tipp an die Stadtverwaltung: Man könnte ja mal die Anregungen aus dem Rat aufgreifen und endlich selbst ein konkretes Konzept entwickeln! Aber schnell bitte!

Lasst uns drittens gemeinsam die Linde am Rathaus vor den Sägephantasien des Lingener OB retten, bitte. Sie hat die Hälfte des Jahres keine Blätter und eine Plastikkrähe oder zwei aus dem 1-Euro-Shop würden alles Nötige veranlassen, damit dort keine sich erleichternden Piepmätze sitzen, wenn es sie denn jemals gegeben hat.

Denn auch bei den früheren Gastronomen im Ratskeller Ebi Sadeghi und Jan Kieseling gab es keine gravierenden Vogelprobleme. Kieseling hatte zudem auch eine Markise, die der letzte Gastronom Hasan Müstak  im vergangenen Jahr nicht eingefahren hatte und die daraufhin bei einem Sturm das Zeitliche segnete…

Haben Sie es übrigens erkannt?
Die eigentliche Frage hat den OB Krone nicht erreicht: Ist die monatlich vom Hauseigentümer beanspruchte Pacht zu erwirtschaften? Ich höre, dass die verlangte Bruttorendite deutlich (!) zu hoch sei.  

(Foto: Ratskeller mit Linde und Markise, © Mike Roeser, Lingener Tagespost; Danke für das OK)

 

Petra Berning †

23. November 2015

Bildschirmfoto 2015-11-23 um 14.27.48Petra Berning ist gestorben. Sehr gern habe ich mich mit ihr unterhalten, wenn wir Innenstadtbewohner uns über den Weg liefen. Ihre Sichtweise zum Denkmalschutz („meine Lebensaufgabe“) im Allgemeinen und zu den historischen Gebäuden unserer Stadt im Besonderen habe ich nämlich sehr geschätzt. Petra Berning hat viele, viele regionale Baudenkmale vor Abriss und Modernisierungen gerettet und erhalten. Vor allem in der Grafschaft Bentheim war sie in allen Gemeinden eine gern beauftragte, hoch geschätzte Architektin. In ihrer Heimatstadt Lingen renovierte sie in den letzten Jahren die Pfarrkirche St. Jose, war sozusagen Hausarchitektin auf Schloss Herzford, und sie bewahrte ihr Elternhaus in der Lookenstraße vor der Modernisierung auf emsländische Art.

Als ich noch für die Sozialdemokratie aktiv war, wollten wir Petra Berning zur ehrenamtlichen Denkmalschutzbeauftragten in Lingen (Ems) berufen. Sie lehnte ab: „Weißt Du, dann bekomme ich keine Aufträge mehr!“ Das konnte ixh sehr gut verstehen. Unsere Einschätzung der handelnden Personen im Lingener Rathaus war identisch. Das verbindet.

Jetzt ist sie im Alter von 66 Jahren an Krebs gestorben und hat mit ihrer „Jetzt-hat-er-mich-doch-besiegt“-Todesanzeige in der Lokalzeitung noch einmal gezeigt, dass sie sich nicht unterkriegen ließ. Ich glaube, diese Anzeige ist genauso einmalig, wie es Petra war – eine starke und kluge Frau. Es ist traurig, dass sie nicht mehr lebt.

Die Trauerfeier ist am Donnerstag, 26.11. auf dem alten Friedhof.Statt Blumen bittet die Verstorbene um Spenden an die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Commerzbank Bonn IBAN DE67 700 400 700 400 700 400. Bitte als Verwendungszweck1120124X Trauerfall Petra Berning angeben.

PetraBerning

 

 

 

Rathaus

2. Februar 2015

Gefunden auf der Facebookseite der Lingener Bunkerretter „Herz für Bunki“ (großartiges Projekt, unsäglicher Name). Besser als auf diesem, von den Aktivisten für den spitzen Lingener Winkel-Bunker im Rathaus entdeckten Wegweiser kann unsere Stadtverwaltung ihr Verhältnis zum Denkmalschutz nicht zum Ausdruck bringen.

Denckmalpflege

[Anmerkung: Dieses Hinweisschild im Lingener Rathaus stammt wirklich nicht von mir…]

Denk mal

10. Juni 2014

Bildschirmfoto 2014-06-09 um 19.54.56Ein weiteres Baudenkmal verschwindet aus dem Bild unserer Stadt, die sich sonst so viel auf Tradition und Geschichte zugute hält. Aller Einsatz für das Baudenkmal Kaiserstraße 23 ist vergeblich gewesen.

Der Eigentümer wird es in Kürze abreißen und ist weder bereit es zu erhalten noch willens, das Grundstück beispielsweise gegen ein anderes zu tauschen, weil er so sehr an diesem Grundstück hänge, wie gesagt wurde. Das verstehe angesichts des Abrisses wer will, ich jedenfalls nicht, genauso wenig, wie ich Denkmalschutzbehörden Ernst nehmen kann, die offenbar jeden Abriss durchwinken. Sie scheinen mir kulturlos, fachlich überfordert. Vielleicht auch intellektuell nicht auf der Höhe, oder wie sollte man diesen dummen und kurzsichtigen Umgang mit gewachsener Geschichte sonst bezeichnen?

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(Foto unten: Lingen, Kaiserstraße 23 – © dendroaspis2008 via flickr)

JVA Münster

15. September 2013

JVAMümnster2 Der „Tag des Offenen Denkmals“ ist zwar vorbei, doch heute ist der „Tag des Offenen Gefängnisses“ – und zwar in Münster, wo das älteste, noch in Funktion stehendes preußische Gefängnis steht. Der nach Plänen der preußischen Architekten Karl Friedrich Schinkel und Carl-Friedrich Busse im Stil der englischen Neugotik errichtete sternförmige Ziegelbau wurde 1853 in Betrieb genommen; übrigens steht er  genauso unter Denkmalschutz wie die hannöversch-britische Kaserne, die 1835 in Lingen gebaut wurde,  zunächst für ein schottisches Regiment als Quartier diente bis sie dann zu einem Gefängnis wurde.

In Münster ist -ganz im Gegensatz zu Lingen- die Aufgabe des historischen Gebäudes beschlossen. Am Stadtrand soll ein neues Gefängnis entstehen. Für das alte muss also ein gutes, neues Nutzungskonzept gefunden werden.

Aus Anlass ihres 160. Geburtstages bietet die JVA Münster an diesem Sonntag erstmals die Möglichkeit einer Besichtigung. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Aufgrund von Sicherheitsbestimmungen ist das Mitbringen von Hunden, Kinderwagen, Fotokameras und Handys nicht zulässig.

Termin: Sonntag, 15. September 2013, 10-17 Uhr
Ort: Justizvollzugsanstalt Münster, Gartenstraße 26, 48147 Münster

(Foto. JVA an der Gartenstraße in Münster CC STBR)

Konsequenzen

8. September 2013

Bildschirmfoto 2013-09-08 um 09.01.45Schon früher habe ich über den „Tag des offenen Denkmals“ geschrieben und was es dazu aus unserer Region Berichtenswertes gibt. Die Ausgabe 2013 des Tages findet an diesem Sonntag statt.  Bundesweit sind rund 7.500 historische Gebäude, archäologische Stätten, Gärten und Parks  geöffnet. Das komplette Programm findet man unter www.tag-des-offenen-denkmals.de, wo man sich alle teilnehmenden Denkmale unserer Region anzeigen lassen, nach Denkmalkategorien suchen und über einen Merkzettel persönliche Denkmaltouren zusammenstellen kann.

Erinnerung ist nicht immer schön, titelt die Saarbrücker Zeitung über das kulturelle Ereignis und bringt es auf den Punkt: „Es ist ein Jammer, wie stark persönliche Vorlieben und Geschmacksfragen die Denkmal-Bewertung der Bürger bestimmen. Nirgendwo sonst prallen Bürger-Bauchgefühl und Experten-Argumentation so hart aufeinander. Was den Bürgern „hässlich“ erscheint oder ihnen keinen Kitzel vermittelt, wird aussortiert.“ 

In diesem Jahr steht der „Tag des offenen Denkmals“ folgerichtig unter dem Motto „Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale?“ . Es werden die die zentralen Fragen der Denkmalpflege in den Mittelpunkt gestellt: Was ist wert, erhalten zu werden und weshalb? Was macht Denkmale unbequem, wann und für wen?

Dabei sind Denkmale, die an Krieg und Unrecht erinnern, ebenso im Fokus wie Denkmale der Nachkriegsmoderne oder nicht mehr genutzte Industriebauten und historische Gebäude in strukturschwachen Gegenden. Alle diese Objekte können für jeden sichtbar machen, vor welche Herausforderungen die Anforderungen des Denkmalschutzes Besitzer, Planer, Handwerker und Denkmalpfleger stellen können – und wie sie gemeinsam bewältigt werden. Der Tag ist zugleich eine Leistungsschau, bei der gezeigt wird, wie sehr es sich lohnt, sich für alle historischen Bauwerke einzusetzen.

Am 9. April habe ich im Verwaltungsausschuss gefragt, welchen Beitrag die Stadt in diesem Jahr leistet. Es gab keine Antwort. Der Grund: Noch-Stadtbaurat L. (Oldenburg) hat an Denkmalschutz kaum Interesse. Er weiß nicht, was Denkmalschutz ist, was die Baukultur für das Bild einer Stadt, was bestimmte Orte für die Lokalgeschichte bedeuten.  Deshalb glänzt heute unsere „große selbständige Stadt Lingen (Ems)“ mit ihrem Oldenburger durch Abwesenheit am „Tag des offenen Denkmals 2013“: Kein Denkmal gibt es in Lingen zu sehen, wie die Grafik zeigt. Lingener müssen ins Umland, nach Emsbüren, Lengerich, Spelle und Freren beispielsweise (und treffen dort zumeist auch nur auf bequemes, schönes).

„Dass in Lingen der „Tag des offenen Denkmals“ nicht stattfindet , ist peinlich und kulturlos, Herr Stadtbaurat Lisiecki. Da hilft es nicht, wenn in Ihrem Dezernat neben jeder Bürotür des Bauamtes das Schild „Fachdienst Bauordnung und Denkmalpflege“ klebt. Das ist doch bloß hoch gestapelt.“

DSC03755Noch-Stadtbaurat L. ist an Denkmalschutz nicht interessiert. Das wird  auch sonst immer wieder deutlich.  Zum Beispiel beim bevorstehenden Abriss des Arbeiterhauses Kaiserstraße 23, (Foto unten; © milanpaul) beim BvL-Spitzbunker, dem lokalgeschichtlich wichtigen Hotel Nave (zzt. Parkhotel) am Bahnhof. Genauso desinteressiert agieren einzelne Sachbearbeiter im Lingener Bauordnungsamt. Auch sie können dem Denkmalschutz  nichts abgewinnen und betrachten ihn als eher störend: Wer nicht einmal den Denkmalcharakter des Hausensembles des großen Lingener Architekten Hans Lühn an der Schützenstraße erkennt und an deren Zerstörung (s. Foto lks) untätig mitwirkt, zeigt, dass er nichts vom Thema verstanden hat.  Dabei sind unsere Bau- und Bodendenkmale doch ein Schatz, der für uns und unsere Nachfahren zu bewahren ist. Was also tun?

Es müssen organisatorische Konsequenzen her. Mit Lingens neuem Stadtbaurat Lothar Schreinemacher, der dem Oldenburger in 54 Tagen am 1. November folgt, sollte OB Dieter Krone darüber sprechen, wohin die Kulturaufgabe Denkmalschutz gehört. Meine These: Denkmalschutz muss in das Kulturdezernat, mit einem eigenen und vor allem unabhängigen Fachmann, für den im  Bauamt eine Stelle zu streichen ist. [Der Mann darf natürlich auch gern eine Frau sein.]

ArbeiterhausIIUnsere Stadt braucht außerdem  den ehrenamtlichen Denkmalschutzbeauftragten, den das reichlich zahnlose, weil schwarz-gelbe Denkmalschutzgesetz ermöglicht; nicht einmal den gibt es bekanntlich in Lingen, wohl weil die CDU gehörigen Respekt vor unabhängigem Sachverstand und/oder niemanden mit schwarzem Parteibuch dafür hat. Die SPD hat zwar noch vor einigen Monaten Gespräche mit einem guten Mann geführt, traut sich aber  nicht, den eigenen Personalvorschlag zu präsentieren. Mein Tipp, liebe Sozis: Sagt es einfach dem Oberbürgermeister. Der macht das für Euch.

Und, liebe Lingener Lehrerinnen und Lehrer, bringt Euern Schülern doch mal nahe, was Baukultur, was Denkmalschutz, was Lokalgeschichte ist. Zeigt ihnen unsere Schätze, macht mit ihnen Stadtspaziergänge der anderen Art und nicht nur solche, bei denen nicht nur stets dieselben Fragen auf Zetteln zu beantworten sind. Und liebe Kivelinge, das wäre auch etwas für Euch. Trommelt doch mal für die Stadtgeschichte.

Ich würde mich freuen, wenn für den Denkmalschutz mehr Ideen hinzu kämen und nicht nur – wie regelmäßig in diesen lokalen Facebook-Gruppem- das hohe Lied des Eigentums geflötet wird. Denn Eigentum verpflichtet auch und sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen. Aber das ist ein neues Thema…

ps „Erfunden“ wurde alles übrigens als „Journée portes ouvertes dans les monuments historiques“ 1984 in Frankreich durch den damaligen französischen Kulturminister Jack Lang. 1991 griff der Europarat die Idee auf. Heute beteiligen sich alle 50 Länder der Europäischen Kulturkonvention im September und Oktober an den European Heritage Days.  Der heutige Tag des offenen Denkmals ist Deutschlands Beitrag zu diesem, unter der Schirmherrschaft des Europarats stehenden Ereignis. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz koordiniert seit 20 Jahren den Tag des offenen Denkmals bundesweit bietet seither jeweils am zweiten Septembersonntag „Geschichte zum Anfassen“.  [mehr…]

Bürokratie

21. Juni 2013

734px-Jagdschloss_Forstamt_Wennigser_MarkMein Lieblingsthema, das mein Lieblingsthema CDU gerade auf Platz 2 verdrängt hat: Unsere Bürokraten und was sie so alles treiben. Zum Beispiel eine 150 Jahre alte, historische Quellwasserleitung stilllegen, die -so die Bürokraten- irgendetwas beeinträchtige, was die Leitung nach 150 Jahren noch gar nicht bemerkt hat.

„Einen außergewöhnlichen Fall verhandelt die 4. Kammer des Verwaltungsgerichts Hannover am kommenden Dienstag. Es geht um die Frage, ob der heutige Eigentümer des historischen Forsthauses Georgsplatz (Wennigser Mark) die für das Gebäude ursprünglich eingerichtete Frischwasserversorgung wieder nutzen darf. Das Mitte des 19. Jahrhunderts errichtete Gebäude wurde bis Anfang 2009 mit Quellwasser versorgt, das in einem vor rund 150 Jahren ca. 700 Meter oberhalb des Forsthauses errichteten sogenannten Quellhäuschen zutage tritt und auch den dort verlaufenden Forellenbach speist. Ein Teil des Quellwassers wurde vom Quellhäuschen über ein unterirdisches Leitungssystem auf das Forsthausgrundstück geleitet und dort in einem Brunnen gefasst, von dem aus die Wasserentnahme für den Haushalt erfolgte. Das aus dem Brunnentrog überlaufende Wasser wurde über eine weitere unterirdische Leitung in den Forellenbach zurückgeführt. Das alte Forsthaus, das Quellhäuschen, der Brunnen und das Leitungssystem sind in das Nds. Verzeichnis der Kulturdenkmale eingezeichnet. Das Quellhäuschen steht im Eigentum des Landes Niedersachsen und wird von der Anstalt Nds. Landesforsten betreut. Bereits seit 1985 ist das Forsthaus auch an die öffentliche Wasserversorgung angeschlossen.Die Beklagte vertritt die Auffassung, dass die Quellwasserentnahme zur Versorgung des Forsthauses aus naturschutzfachlichen Gründen unzulässig sei. Für die Wasserentnahme gebe es weder eine Erlaubnis, noch sei diese Nutzung nach § 12 Abs. 1 Nr. 1 Wasserhaushaltsgesetz (WHG) erlaubnisfähig. Sie beeinträchtige die gewässerökologische Leistungsfähigkeit des Forellenbaches und des im Bereich des Baches vorhandenen Biotops in nicht unerheblichem Maße. Auf Bitte der Beklagten unterbrach die Anstalt Nds. Landesforsten Anfang 2009 die Wasserentnahme und die Zuleitung zum klägerischen Grundstück.

Mit seiner Klage möchte der Kläger vorrangig festgestellt wissen, dass er ohne vorherige Erteilung einer entsprechenden Erlaubnis oder Bewilligung die frühere Wasserversorgung seines Grundstücks aus dem im Quellhäuschen gefassten Wasser über das historische Leitungssystem wieder aufnehmen kann. Hilfsweise begehrt er die Verpflichtung der Beklagten, ihm für die entsprechende Nutzung die erforderliche Erlaubnis oder Bewilligung zu erteilen. Er beruft sich dafür u.a. auf den Grundsatz der „unvordenklichen Verjährung“, der im Wasserrecht allgemein anerkannt sei und eine nach Art. 14 GG geschützte Rechtsposition darstelle. Eine erneute Nutzung der historischen Wasserversorgung sei nach Wasserrecht zudem nicht erlaubnispflichtig. Sollte eine Erlaubnis erforderlich sein, müsse zu seinen Gunsten jedenfalls berücksichtigt werden, dass nach § 6 NDSchG Kulturdenkmale nicht so verändert werden dürften, dass ihr Denkmalwert beeinträchtigt werde. Das sei aber in Folge der „Stilllegung“ der ursprünglichen Wasserversorgung der Fall.“

Die Gemeinde Wennigsen am Deister informiert zum Hintergrund:

Die Region Hannover ist von alters her landwirtschaftlich geprägt. So nahm man hier zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch nicht an der industriellen Entwicklung teil. Der Deister war zwar schon seit dem 17. Jahrhundert Rohstofflieferant (Holz, Sandstein und Kohle), doch erst mit der Übereignung des Kohleabbaus in staatliche Hände Mitte des 19. Jahrhunderts begann die Industrialisierung auch in Hannover Einzug zu halten. Ein Teil dieser Geschichte wird am Georgsplatz in der Wennigser Mark dargestellt. Ursprünglich ein Festplatz für die Bergleute, ließ König Ernst August II. von Hannover seinen Oberhofbaudirektor Georg Ludwig Friedrich Laves und den Maurermeister Nordmann 1845 hier ein Forsthaus für den blinden Königssohn Georg errichten. Heute ist das Forsthaus in Privatbesitz, doch rund um das Gelände ist ein zwei Kilometer langer Rundweg angelegt. Auf Schautafeln wird die Geschichte dieses Ortes, des Bergbaus, der königlichen Jagd und der Rottekuhlen aus der Zeit des Flachsanbaus erklärt. Auf dem Georgsplatz finden nun schon traditionell am ersten Sonntag im Mai ein Jazzfrühschoppen und an Pfingstmontag ein Waldgottesdienst statt.

(Foto: Forsthaus Georgsplatz CC AxelHH)

ernste Störung

20. Mai 2013

Ein Dorf feiert sich und seine Traditionen. Mit diesem Motto begeht der Stadtteil Schepsdorf 2013 sein Jubiläum. 850 Jahre. Die Grundmauern der St Alexander-Kirche an der Nordhorner Straße sind wohl noch einmal rund 100 Jahre älter. Doch nun hat es zwar nicht dem unergründlichen Entschluss des allmächtigen Herrn, indes der Entscheidung der vorübergehend Mächtigen vor Ort gefallen, das nahezu 1000-jährige Denkmal baulich zu ergänzen: Mit einem architektonisch simplen Back-Drive-Block [sprich: Backdreiff] samt aufgespannter Fahnen und dauerleuchtendem Transparent. Ich nehme an, diese beeindruckende Gestaltungsverirrung ist ein weiteres, peinliches Dauergeschenk an unser Städtchen von unserem scheidenden, desinteressierten Stadtbaurat [persönlicher Spruch –leicht verfremdet-: „So wirbt man heute!“]. Wir erkennen erneut:

Kulturlosigkeit verursacht eine ernste Störung des Zusammenlebens. Denk mal!

Bildschirmfoto 2013-05-19 um 15.21.52

(Foto CC robertsblog)

Abgängig

6. März 2013

Arbeiterhaus

Stadtbaurat L. sagte zu diesem architektonisch überzeugenden Baudenkmal: „Wir können seitens der Stadt nicht die Denkmalerhaltung um jeden Preis fordern, zumal der Eigentümer eine wirtschaftliche Unzumutbarkeit wahrscheinlich geltend machen kann.“ Das niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege habe auch schon signalisiert, das dem Antrag aller Voraussicht nach stattgegeben werde. „Dann haben wir keine Möglichkeit mehr, den Abriss zu verhindern, sondern müssen dem Antrag zustimmen.“

Die Aussage ist -wie viel zu oft bei Herrn L. aus Oldenburg- nicht richtig. Das Arbeiterhaus ist sicherlich nicht denkmalgerecht modernisiert, aber in einem ordentlichen Zustand. Es ist ein einmaliges Beispiel für die „Eisenbahn-Architektur“ des 19. Jahrhunderts in unserer Stadt. Müssen die Lingener dem scheidenden Herrn L. nicht signalisieren, wie falsch er liegt, so ein historisches Bauwerk abzureißen? Oder ist uns Denkmalschutz nichts wert?

OB Krone, was tun Sie?

ArbeiterhausII

(Arbeiterhaus Lingen (Ems), Ecke werkstättenstraße/Kaiserstraße. Foto oben : © milanpaul via flickr; Foto unten: ©dendroaspis2008 via flickr. Mein herzliches DANKE für die Unterstützung an beide Fotografen.)

Behörden

23. Februar 2013

800px-Cäcilienbrücke_OldenburgStaatliche Behörden haben bekanntlich überall die Weisheit mit Löffeln… und recht haben sie sowieso  immer. Über ein neues Beispiel behördlicher Besserwisserei berichtete  in dieser Woche die taz aus Oldenburg:

„Der Stadt Oldenburg droht der Verlust eines weiteren historisch bedeutsamen Gebäudes: Das Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) Bremen bewertet den Zustand der 1927 gebauten Cäcilienbrücke über dem Küstenkanal als derart schlecht, dass es den denkmalgeschützten Klinkerbau abreißen möchte. Das teilte die Behörde als Eigentümer des Bauwerks in dieser Woche mit. Ganz ohne Gegenwehr wollen die Oldenburger das allerdings nicht hinnehmen.

Das Urteil der Gutachter fiel desaströs aus. Untersuchungen hatten ergeben, dass sich die vier Ecktürme der Hubbrücke aufgrund von Schäden in der Gründung einander annähern; außerdem sprengten korrodierende Stahlträger das Mauerwerk und außerdem sei die Technik verschlissen. Eine Sanierung der Brücke, die seinerzeit als die größte ihrer Art in Europa galt, sei „nicht zielführend“, schreiben die Gutachter. Für einen Neubau veranschlagt das WSA knapp 10 Millionen Euro; mit dem Bau könne 2017 begonnen werden.

Dass das Bauwerk unter Denkmalschutz steht, sei kein Hinderungsgrund für den Abriss – hierbei gelte das Wasserstraßengesetz, das als Bundesrecht höher stehe, teilten Vertreter des WSA mit.

Allein: So einfach sei es allerdings auch wieder nicht, lässt das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege verlauten. Viele Aspekte…“

[weiter bei der taz]

(Foto: Vor dem Abriss? Die Cäcilienbrücke Oldenburg; von De-okin CC)