1833 Bäume

16. Januar 2022

Anfang der 1990er Jahre knüpften zwei ehemalige ukrainische Zwangsarbeiter eine Betziehung zwischen ihrem Dorf Juskovzy und Lingen. Sie und mehr als 80 weitere Männer waren aus ihrer Heimat in das Eisenbahnausbesserungswerk Lingen verschleppt und hier zur Zwangsarbeit gezwungen worden. Längst trägt die kleine Gemeinde den ukrainischen Namen Juskiwzi und aus der benachbarten Kleinstadt Lanovski ist das ukrainische Laniwzi geworden. Die Orte im Landkreis Ternopil liegen in der westlichen Ukraine, 190 km westlich von Lemberg (Lwiw).

Seit 30 Jahren setzt sich der Freundeskreis der Ukrainefahrer Lingen (Ukrainefreunde) für die Bevölkerung in Juskiwzi und Laniwzi (Ukraine) ein. Das letzte Projekt war die Isolierung der Außenwände der Schule in Juskiwzi. Es wurde mit 5.000,- Euro bezuschusst. Zu den Gesamtkosten von 45.000,- Euro, konnten die Ukrainefreunde außerdem 10.000,- Euro Spendengelder zur Verfügung stellen. Sie schreiben: „Alle Maßnahmen wurden bisher und auch jetzt, von uns kontrolliert. Damit wird gewährleistet, dass das Geld auch zweckgebunden eingesetzt wird.“

„Vor ungefähr 3 Jahren erfuhren wir uns von einem jüdischen Friedhof in Laniwzi. Ohne den geschichtlichen Hintergrund zu kennen, lehnten wir das Anliegen der Stadt Laniwzi ab, uns an der Errichtung einer Gedenkstätte dort zu beteiligen. Wir haben damals darauf verwiesen, dass wir humanitäre Hilfe leisten und einzelne Projekte unterstützen, die der Bevölkerung zu Gute kommen.“

2021 waren die Ukrainefreunde mit einer Sportgruppe wieder in der Ukraine und besuchten begleitet von Bürgermeisterin Anja Usiken (Juskowzi) in Laniwzi erstmals den örtlichen jüdischen Friedhof. Eine alte Frau erzählte ihnen dort einen Teil der Geschichte des Ortes. „Es ist unvorstellbar, was sich dort zugetragen hat. Wir erfuhren, dass dort am 13./14. August 1942 insgesamt 1.833 jüdische Personen, davon 42 aus Laniwzi, erschossen und getrennt nach Männer, sowie Frauen und Kinder, in zwei Massengräbern verscharrt wurden.

1940 war Ostpolen mit der Region um Laniwzi von der Sowjetunion besetzt worden. 1941 überfiel Nazi-Deutschland die Sowjetunion, wobei die Besetzung von Lanowzi am 3. Juli desselben Jahres begann. Mit Hilfe ukrainischer Wachleute schufen die Deutschen in Laniwzi ein jüdisches Ghetto, in dem Juden als Zwangsarbeiter arbeiten mussten. Bis 1942 wurden sämtliche  Juden aus der Umgebung dort eingesperrt. Vom 13. bis 14. August 1942 erschossen die Deutschen und Ukrainer insgesamt 1.833 Juden neben offenen Gruben. Nur wenige überlebten den Holocaust. Moshe Rosenberg, einer dieser Überlebenden berichtet in einem Buch im Kapitel 2 über den Lanowitz-Holocaust und die furchtbaren Verhältnisse in dem viel zu kleinen Ghetto, in dem bis zu 2.000 Juden aus der Region und aus Polen leben mussten. Viele verhungerten.

Rosenberg: “ Ich kann mich nicht erinnern, die Hinterbliebenen während der Beerdigungen  weinen gesehen zu haben. Die Quelle unserer Tränen war zu dieser Zeit versiegt. Wir waren apathisch, hungrig und wollten nicht mehr leben.“

„Das Ghetto bestand 1/2 Jahr. In dieser Zeit hungerten wir und verloren dabei jede Hoffnung für die Zukunft. Die Juden, mit denen ich in Kontakt kam, verhielten sich wie Gefangene, die auf ihre Todesurteile warteten. Sie verloren den Willen, Dinge zu diskutieren, auf ein besseres Morgen zu hoffen. Sie schienen Angst zu haben zu sprechen, um nicht die Leere in ihren Herzen zu offenbaren. Sie schienen das Entgegenkommen des Todes und der Unvermeidlichkeit zu spüren. Sie hatten keine Angst vor dem Tod, aber sie fürchteten den Prozess des Wartens darauf.“

„Der schlimmste Aspekt dieses Gefühls der Depression war der Verlust des Glaubens. Orthodoxe Juden, die in der Vergangenheit für ihren starken Glauben bekannt waren, hörten auf zu beten, zumindest in der Öffentlichkeit. Nur wenige beteten weiterhin in der Privatsphäre ihrer Häuser. Einige weitere hielten weiterhin Gebetstreffen im Haus von Rabbi Ahareli ab. Der Rabbi selbst betete nicht.“

„Am Samstag vor dem des Monats Elul 1942 bemerkten wir plötzlich eine große Bewegung ukrainischer Polizisten und vieler deutscher Polizisten mit scharfen Hunden. Die Hunde waren beängstigend und zogen ständig an der Leine, um ihre Ziele anzugreifen. Wir fürchteten das Schlimmste. Wir warteten auf den nächsten Befehl der deutschen Behörden. Ein Ring patroullierender Polizisten versiegelte Tag und Nacht hermetisch das Ghetto. Wir wussten, dass dies unser Ende war.“

„In den letzten 5 Tagen hörten wir Berichte ukrainischer Arbeiter, die große Gruben aushoben. Uns wurde am zweiten Tag gesagt, dass Hunderte von Männern mit vielen Pferdewagen mit dieser Aufgabe beschäftigt waren. Drei weitere schreckliche Tage vergingen. Unsere Männer und Frauen waren beunruhigt durch die Spannung, die immer stärker wurde. Die psychische Anspannung wurde unerträglich. Die Menschen rannten sinnlos hin und her. Sie wollten fliehen, wussten aber, dass eine Flucht unmöglich war, dass sie eingeschlossen waren. Die deutschen Behörden hatten aufgehört, auf uns zu achten. Die ukrainischen Milizionäre betrachteten uns als Körper, die kein Leben mehr hatten, deren Bewegungen für sie nur ein Ärgernis waren. Sie wollten, dass wir sie bei ihrer bevorstehenden wichtigen Aufgabe nicht störten, sie von ihren jüdischen Mitbürgern zu befreien.““Vielleicht, weil ich als Junge stark war und der Wunsch zu leben hatte, gab ich mich nicht mit meinem Schicksal zufrieden. Stattdessen beschloss ich, zu fliehen. um mich so selbst zu retten. Auch ich rannte hin und her. Ich konnte meinen Plan niemandem erklären. Irgendwie gelang mir die Flucht nach Burshchiska.“

„Alle Ghettobewohner wurden unter schwerer Bewachung von Milizen mit Hunden auf den neuen Friedhof gebracht. Alle wurden zum Friedhofswagen-Parkplatz geführt. Dort mussten sie sich ausziehen. Die Ghettobewohner wurden nach Geschlecht und Alter getrennt. Männer, Frauen und Kinder wiederum standen vor den großen Gruben und wurden dann aus nächster Nähe erschossen.“

Bei den Ukrainefreunden reifte der Entschluss, eine einmalige Aktion zu starten. Sie bitten um Unterstützung der Aktion 1833 Bäume. Für jeden damals i Lanowzi ermordeten Menschen soll ein Baum gepflanzt werden. Die Bäume sollen in Laniwzi gekauft werden. Ein Pflanzplan wird von der Stadtverwaltung Laniwzi erstellt.

Wer diese Aktion mit unterstützen möchte, kann einen Betrag auf das Konto der Stadt Lingen (Ems), IBAN: DE41 2666 0060 1100 9438 00, BIC: GENODEF1LIG, Stichwort: 1833 Bäume, überweisen.


Fotos: oben: Ukrainefreunde 2015, unten: Gedenkstätte auf dem jüdischen Friedhof von Lanowzi, jeweils © Ukrainefreunde

Behält Europol einfach seine „Datenarche“?

Die EU-Polizeibehörde Europol hat einen wahren Schatz an Ermittlungsdaten angehäuft. Daten aus Ermittlungen in EU-Staaten und Daten von Asylsuchenden landeten jahrelang bei Europol, auch wenn sie in den Datenbanken der Mitgliedsstaaten längst gelöscht waren. Einige Medien sprechen in diesem Zusammenhang von einer „Datenarche“. Das soll wohl Assoziationen an die Arche Noah wecken, mit der der biblische Patriarch Tier und Mensch vor der Flut rettete. Interne Europol-Dokumente, aus denen der Spiegel, der Guardian und andere Medien zitieren, sprechen von vier Petabyte an Daten – so viel wie drei Millionen CD-ROMs.

Das Problem für Europol: Viele dieser Daten hätte die Polizeibehörde nie speichern dürfen. Der Europäische Datenschutzbeauftragte Wojciech Wiewiórowski ordnete am Montag die Löschung aller persönlichen Daten an, die nicht mit einer konkreten Straftat im Zusammenhang stehen. Datenschützer:innen kritisieren die „Datenarche“ als eine Form der unzulässigen Massenüberwachung, die Anklänge an die NSA-Affäre habe. Europol drohe zu einer Art „schwarzen Loch“ für Daten von Millionen von Europäer:innen zu werden, sagt Chloé Berthélémy vom NGO-Verband European Digital Rights zum Spiegel und zum britischen Guardian.

Einzelne Beispiele machen deutlich, wie problematisch die Europol-Datensammlung sein könnte. Der Spiegel berichtet über einen niederländischen Aktivisten, der wegen eines antirassistischen Protestes auf einer Terrorliste der Behörden landete. Selbst nachdem der Eintrag in den Niederlanden gestrichen wurde, blieben die Daten bei Europol. Wann solche Daten bei Europol als nicht mehr notwendig gelöscht werden, sei nicht ausreichend klar, kritisiert der EU-Datenschutzbeauftragte.

Bemerkenswert ist auch, dass die Datenarche von Europol offenbar mit einer Software der umstrittenen Überwachungsfirma Palantir durchkämmt wurde. Dessen Software „Gotham“ hatte die EU-Behörde 2016 für die Rasterfahndung eingekauft, laut einem Bericht des „Spiegel“ hätten die Zuständigen inzwischen aber „desillusioniert“ die Zusammenarbeit wieder beendet. Die Löschanordnung des Europäischen Datenschutzbeauftragten hält fest, dass die Nutzung der Palantir-Software im dritten Quartal 2021 auslaufen soll. Näheres dazu ist nicht bekannt – etwa ob Beschäftigte des US-Überwachungskonzerns direkt Zugriff auf die Daten hatten. Auf eine Presseanfrage von netzpolitik.org danach antwortete Europol zunächst nicht.

Offen bleibt fürs Erste auch, wie Europol nun weiter verfahren wird. Die Behörde hatte im Prüfverfahren des EU-Datenschutzbeauftragten insistiert, dass eine schnellere Einordnung und Löschung des Datenschatzes nicht möglich sei. Die Anordnung gibt Europol nun bis zu 12 Monate Zeit, um nicht mehr notwendige Daten zu löschen. Ob die Polizeibehörde dieser Aufforderung tatsächlich nachkommen wird, ließ ein Pressesprecher auf unsere Anfrage offen – es sei Sache des Verwaltungsrates, darüber zu entscheiden. Im Rat sitzen Vertreter:innen der EU-Staaten und der EU-Kommission.

Sollten die Europol-Chef:innen die Datenarche unverändert weiterbetreiben wollen, kann der Datenschutzbeauftragte der EU wenig ausrichten: Er kann zwar eine Löschung anordnen, mittels Sanktionen gegen die Behörde durchsetzen kann er sie aber nicht. Mit Spannung wird daher eine neue Europol-Verordnung erwartet, an der EU-Verhandler:innen derzeit arbeiten. Diese könnte nach Berichten allerdings die Befugnisse der Behörde zu Datensammlung eher ausweiten als schmälern.


Ein Beitrag von Alexander Fanta auf Netzpolitik.org / Creative Commons BY-NC-SA 4.0.

 

„Food in the nude“

10. Januar 2022

Es gibt einen neuen Trend „Food in the nude“ und der beschert Supermärkten gerade einen regelrechten Boom.  „Nacktes Essen“ bedeutet: Die Verbraucher bekommen ihr Obst und Gemüse vollkommen unverpackt. Nachdem 2019 eine Gruppe von Supermärkten in Neuseeland die Verwendung von Plastikverpackung für nahezu ihr gesamtes Obst und Gemüse in einem Projekt mit dem Titel „Food in the nude“ einstellte, stieg der Verkauf einiger Gemüsesorten bis auf der Dreifache.

Was mit „Food in the nude“ begann, hat in Neuseeland eine regelrechte Revolution gegen Plastik ausgelöst und verschiedene Gesetze gegen Plastikverpackungen und andere Plastikartikel wurden verabschiedet. Während andere Supermärkte oder Discounter behaupten, man brauche 10 Jahre, um plastikfrei zu werden, schaffte es in Großbritannien  ein britischer Supermarkt: „Plastikfrei“ und das in nur 10 Wochen! Plastik und Lebensmittel gibt es im Supermarkt immer häufiger in enger Verbundenheit: Diese Symbiose gehört inzwischen zum normalen Anblick im Regal.

Doch es geht auch grundsätzlich, wie Frankreich jetzt zeigt. Seit dem 01. Januar 2022 gilt im EU-Nachbarland ein neues Gesetz, das Plastikverpackungen für die meisten Obst- und Gemüsesorten verbietet. Gurken, Paprika, Zucchini, Auberginen, Zitronen und Orangen gehören zu den 30 Sorten, die nicht in Plastik verpackt werden dürfen. Und auch in Spanien wird der Verkauf von Obst und Gemüse in Plastikfolie ab 2023 in Supermärkten und Lebensmittelgeschäften verboten. mehr…

Die Politik in Frankreich kommt den Händlerinnen und Händlern aber entgegen: Für einige schnell verderbliche Lebensmittel wie Pfirsiche und Tomaten gilt eine längere Übergangsfrist bis Juni 2023, „um eine praktikable und zufriedenstellende Lösung zu finden“, so ARD-Korrespondentin Linda Schildbach. Für sehr empfindliche Früchte wie Beeren oder reifes Obst endet die Übergangsfrist sogar erst im Juni 2026.

Die französische Regierung erwartet, dass mit dem Plastikverbot für die rund 30 Obst- und Gemüsesorten mindestens eine Milliarde Verpackungen jedes Jahr vermieden werden. Über ein Drittel aller Obst- und Gemüsesorten wurden bisher in Frankreich üblicherweise für den Verkauf in Plastik verpackt. mehr… 

Hinweis:
Der erste Unverpackt-Laden im Emsland ist in Lingen. Sie finden das von einer Genossenschaft betriebene Geschäft in der Kirchstraße 2, also neben der Einfahrt zur Tiefgarage unter dem Marktplatz. Seine MacherInnen schreiben: Damit „wollen wir gemeinsam mit Euch verantwortungsvoller handeln und weniger Müll produzieren. Wir wollen unser Konsumverhalten überdenken und zeigen, dass es möglich ist nachhaltiger einzukaufen.“


Quellen: Deutschlandfunk Nova; Netzfrauen.org;  foodwatch.de, TRT

 

Tattoo Tabu

31. Dezember 2021

Die chinesische Regierung greift durch: Tattoos für Fußballer sind im Reich der Mitte ab sofort Tabu. Es dürfen keine neuen gestochen werden, alte Tätowierungen sollen entfernt werden. Das stellt manchen Profi vor eine Herausforderung.

Es sei den Spielern ab sofort „strikt verboten“, sich neue Tätowierungen stechen zu lassen. Viel härter trifft aber folgender Erlass Kicker wie Xin Xu und Linpeng Zhang (Foto lks): Die Nationalspieler sollen sich nach dem Willen des Machtapparats sogar ihre bestehenden Tattoos entfernen lassen. Dies gilt für Nachwuchstalente erst recht, es ist den U20-Nationalteams demnach „streng verboten“, Spieler mit Tattoos zu nominieren. Fußballer sollen „ein positives Beispiel für die Gesellschaft“ abgeben.

Der 32-jährige Zhang wird damit einiges über sich ergehen lassen müssen, denn er hat zahlreiche Tattoos an beiden Armen, am Bein und am Hals. Naheliegend, dass er nicht nur aufgrund seiner Spielweise der „chinesische Sergio Ramos“ oder gleich „Zhangmos“ genannt wird. Beim 27-jährigen Xu ist ein Arm prachtvoll verziert. Andere Spieler tragen Tattoos etwa auf den Oberschenkeln. Diese wieder zu entfernen, ist aufwändig und schmerzhaft, ganz davon abgesehen, dass sich die Fußballer wohl aufgrund ihrer Persönlichkeit für diesen Körperschmuck entschieden haben.

Eigentlich gilt das Tattoo-Verbot für Fußballer schon seit 2018; aber es reichte, dass die Tattoos nicht sichtbar sind. So konnten die Sportler ihre Tätowierungen mit entsprechender Kleidung oder Bandagen verdecken. Schon einige Male waren Spieler mit hautfarbenen Verbänden an den Armen zu sehen.

Zuletzt war das Verbot offenbar weniger streng kontrolliert worden. Im WM-Qualifikationsspiel gegen Australien (Endstand 1:1) spielten insbesondere Xu und Zhang mit sichtbaren Tattoos. Womöglich war das auch in Peking bemerkt worden.

Die Kommunistische Partei Chinas lehnt alles ab, was als westliche Werte oder westliche Tradition verstanden werden könnte.  Sittlichkeit und die sogenannten chinesischen Werte sollen stattdessen im Vordergrund stehen. Für Musiker und andere Prominente gilt schon länger, dass sie keine Tattoos offen zeigen dürfen. Bei TV-Übertragungen müssen tätowierte Körperteile grundsätzlich verpixelt werden.


Quelle: 11Freunde, ntv
Foto: Linpeng Zhang von Mr.DraxCreative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

European Sleeper

30. Dezember 2021

Das ist ja einmal eine verspätete Weihnachtsüberraschung: Ab Sommer 2022, melden die in Nordhorn erscheinenden Grafschafter Nachrichten (GN) wird Bad Bentheim Haltepunkt für einen neuen internationalen Nachtzug werden, der die europäischen Hauptstädte Brüssel, Amsterdam, Berlin und Prag verbindet. Der „European Sleeper“, hinter dem eine belgisch-niederländische Start-up-Initiative steckt, soll in jede Fahrtrichtung zunächst dreimal pro Woche fahren.

Es gibt bereits eine Verzögerung: Sollte die neue internationale Verbindung zunächst im April 2022 starten, sprechen die Betreiber jetzt von Sommer 2022. „Wir brauchen noch ein wenig Zeit, um unseren Fahrgästen ein sehr gutes Angebot machen zu können“, sagte Chris Engelsman vom neuen Betreiber zur Berliner Zeitung.

Nordhorns Bürgermeister Berling schreibt auf Twitter: „Montags, Mittwochs, Freitags von Bad Bentheim (Abfahrt 1.00 Uhr) nach Hannover (2.56 Uhr) Berlin (5.52 Uhr) Dresden (7.49 Uhr) Prag (10.24 Uhr). Dienstags, Donnerstags, Sonntags ab Bad Bentheim (4.19 Uhr) nach Amsterdam (6.26 Uhr) Rotterdam (7.27) Antwerpen (8.47) Brüssel (9.54).“ In der Gegenrichtung verkehrt der Zug dienstags, donnerstags und sonntags und bietet damit ab Bad Bentheim (eher unangenehm früh: 4.19 Uhr) Verbindungen nach Amsterdam (6.26 Uhr), Rotterdam (7.27 Uhr), Antwerpen (8.47 Uhr) und Brüssel (9.54 Uhr). Umsteigen entfällt natürlich und man ist eine Stunde eher in der EU-Metropole als würde man die früheste tägliche Verbindung ab Lingen (mit drei Mal umsteigen) nutzen.

Fahrplan-Einzelheiten zeigt der vorläufige Fahrplan des Unternehmens.  Der nächste Halt Richtung Hauptstadt ist also Hannover, also kein Stopp in Rheine, Osnabrück und Minden. Offenbar ist der Halt im Grenzbahnhof Bad Bentheim dem Umstand eines Lokwechsels geschuldet. Unklar ist noch der Preis für die Fahrkarten, die ab April verkauft werden sollen.

Das Start-up „European Sleeper“ entstand im Mai 2021 als Kooperative. Sie arbeitet mit dem tschechischen Bahnunternehmen „RegioJet“ zusammen, einem der größten Privatbahnunternehmen in Europa. Ziel ist zunächst die Einführung eines neuen Nachtzuges zwischen Brüssel und Prag über Amsterdam, Berlin und Dresden. Die Macher -eine kleine aber sachkundige Gruppe- arbeiten  in ihrem Büro in Utrecht an einer buchungsfreundlichen Internetseite. Auf dem Onlineauftritt von „European Sleeper“ kann man sich übrigens in eine Mailingliste eintragen, um stets informiert zu sein.

Das Angebot soll laut GN so bald wie möglich auf ein tägliches Zugpaar erhöht werden. Für das Jahr 2023 plant „European Sleeper“ außerdem ein weiteres Nachtzugpaar nach Warschau und weitere Verbindungen.

Für Menschen aus dem Emsland ist die nächtliche Bahnanreise schwierig bzw unzumutbar. Wochentags fährt der letzte Zug aus Lingen beispielsweise um 22.04 Uhr und Fahrgäste erreichen nach 45 Minuten Warten auf dem leeren Bahnhof Salzbergen erst um 23.03 Uhr Bad Bentheim, wo sie dann weitere 2 Stunden warten sollen. Da ist dringender Verbesserungsbedarf. Um den Nachtzug von „European Sleeper“ in Richtung Benelux zu nutzen, gibt es gar keine weitere Zugverbindung. Da ist Handlungsbedarf, aber angesichts der Langsamkeit deutscher Planungen wird es eher lange dauern, bis sich etwas verbessert.

 

„Pop Around the Clock“ – zum 20. Mal mit Live-Konzerten ins neue Jahr. Ab Silvester früh 5.45 Uhr.

Pop Around the Clock feiert Geburtstag: Im Mittelpunkt der Jubiläumsausgabe stehen Konzerte der Rolling Stones in Erinnerung an den verstorbenen Charlie Watts, die Blues-Produktionen von Joe Bonamassa und Eric Clapton, Konzerte von Simply Red und den Pet Shop Boys, Pop-Shows von Kylie Minogue, Christina Aguilera, P!nk, Dua Lipa und Coldplay sowie Inszenierungen von Lindemann und Depeche Mode. Auch die Singer-Songwriter Bruce Springsteen, Joan Armatrading und Billy Joel zeigen, was sie können.

Als 3sat-Thementag im Fernsehen bietet „Pop Around the Clock“ 24 Stunden Musik am Stück, jeweils von 6 Uhr bis 6 Uhr. In der 3sat-Mediathek stehen die Konzerte zur zeitunabhängigen Nutzung als Videos on Demand (VoD) bereit (sofern keine FSK-Beschränkung vorliegt). Hier prägt das Label den Bereich Musik stärker als bisher: zusätzlich zu den Konzerten des Thementages werden ausgewählte Musikvideos und die Musik-Einbringungen der 3sat-Partnersender ZDF, ARD, ORF und SRF gebündelt: zum Beispiel Aufzeichnungen vom SWR3 New Pop Festival, vom Taubertal Festival und die Sendungen „Rockpalast Crossroads“ und „Startrampe“.

Die Bandbreite der Konzerte reicht von Solo-Auftritten und Veranstaltungen im kleinen Rahmen und intimer Atmosphäre über Aufzeichnungen und Live-Übertragungen von Festival- und Open Air-Events bis hin zu den Welttourneen der Mega-Stars und -Bands, die mit ihren Auftritten die großen Konzerthallen und Stadien füllen. Gesang, Sound, Bühnen-Performance, Special Effects und Videosequenzen verschmelzen hier zu einem optischen und akustischen Gesamterlebnis. Tribute-Konzerte versammeln gleich mehrere große Sängerinnen und Sänger, Musikerinnen und Musiker, die mit ihren Gastauftritten großen Idolen wie zum Beispiel Elvis Presley oder Prince huldigen. Redaktionelle Kriterien für die Auswahl der Konzerte sind die musikalische Qualität und Bekanntheit der Künstlerinnen und Künstler sowie besonders hochwertige Produktionsstandards der Konzert-Aufzeichnungen. Darüber hinaus wird das Programmangebot durch Eigenproduktionen ergänzt, die „Pop Around the Clock“ um zusätzliche Musikfarben und besondere Zugänge erweitern: etwa die 3sat-Reihe „zdf@bauhaus“, in der Moderator Jo Schück seit 2011 Konzerte aus dem Bauhaus in Dessau und aus der Bauhaus-Universität in Weimar präsentiert.

„Greatest Hits“ legendärer Stars oder aktueller Chartbreaker einer Newcomerin oder eines Newcomers – „Pop Around the Clock“ erreicht mit einem vielseitigen Angebot Fans mit unterschiedlichem Musikgeschmack und aus verschiedenen Altersgruppen. Populäre Musik ist ein Massenphänomen, dass zugleich unendlich viele Nischen und Spielarten bietet – hier findet man die Musik, mit der man sich identifizieren kann. Die Musikszene ist damit in besonderem Maße ein Spiegelbild der Gesellschaft und zugleich treibende Kraft für Entwicklungen. Die, die im Rampenlicht stehen wirken als Symbolfigur, Vorbild oder role model für ganze Generationen; Pop- und Rockstars erreichen ein Millionenpublikum weltweit – ihre Messages haben Gewicht. Viele Künstlerinnen und Künstler nutzen diese Reichweite, melden sich zu Wort, beziehen Position gegen Diskriminierung und kämpfen für eine gerechte Zukunft. Mit ihren Statements zur Unterstützung der Black Lives Matter- und der LGBTQIA+-Bewegung, zur Stärkung von Frauenrechten, für Body Positivity, Diversity, Umweltschutz und gegen Sexismus rücken sie diese Themen in eine breite Öffentlichkeit und wirken an gesellschaftlicher Veränderung mit. Auch das „Pop Around the Clock“-Angebot spiegelt diese Entwicklung wider, denn der Fokus liegt auf Konzerten von angesagten Musikerinnen und Musikern, die die Diversität und Vielfältigkeit der Branche repräsentieren. Diese kulturelle Vielfalt abzubilden ist wichtig, um Weltoffenheit und den wertschätzenden, respektvollen Umgang in einer bunten Gesellschaft zu fördern.

Das Programm:
04:45 – Laura Marling: Live From Union Chapel

06:30 – zdf@bauhaus: Livemusik mit Leslie Clio

07:30 – Joe Bonamassa: Now Serving Royal Tea Live From The Ryman

08:30 – Eric Clapton: The Lady In The Balcony

09:45 – Rolling Stones: The Voodoo Lounge

11:00 – Tina Turner: Foreign Affair – Live From Barcelona

12:15 – Joan Armatrading: Live at Asylum Chapel

13:00 – Bruce Springsteen & The E Street Band: Live In New York City

15:00 – Billy Joel: Live at Yankee Stadium

16:00 – Simply Red: Live at Old Trafford – Theatre Of Dreams

17:00 – Pet Shop Boys: Discovery — Live in Rio

18:00 – Kylie Minogue: Golden Tour Live

19:00 – Christina Aguilera Back to Basics — Live and Down Under

20:00 – P!nk: The Truth About Love

21:30 –The Rolling Stones: Havana Moon

23:20 – Coldplay Live in São Paulo

00:35 – Depeche Mode: One Night In Paris

01:35 – LINDEMANN: Live in Moscow

04:00 – Dua Lipa: Studio 2054

05:10 – zdf@bauhaus: Livemiusik mit Álvaro Soler

 

Hier der Überblick und hier die Mediathek für alle, die schon früher mal…


Text: PM 3Sat.

Tatort des NS-Terrorsystems

26. Dezember 2021

Die aktuelle, vor gut einem Jahr eröffnete Ausstellung „Polizeigewalt und Zwangsarbeit“ in der Gedenkstätte Augustaschacht in Hasbergen-Ohrbeck nahe Osnabrück markiert ein wenig beachtetes Verbrechen im zweiten Weltkrieg und beleuchtet eindrucksvoll die Gewalttätigkeiten der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) gegen ausländische Zwangsarbeitende in NS-Deutschland.

Gedenkstätte Augustaschacht erinnert an einen Tatort des nationalsozialistischen Terrorsystems. Sie gibt den Opfern Gesicht und Stimme und macht Täterinnen und Täter sichtbar. Durch ihre Arbeit erklären sie den Transit- bzw. Straf- und Abschreckungscharakter  im Unterdrückungssystem des Nationalsozialismus. Damit halten sie nicht nur die Erinnerung wach, sondern zeichnen über die Verknüpfung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft politische Kontinuitäten und Entwicklungen nach.

Als Arbeitserziehungslager (AEL) wurden während der Nazi-Herrschaft offiziell Straflager bezeichnet, die der Disziplinierung und sog. Umerziehung dienten. Unter den Insassen waren viele Andersdenkende und ausländische Zwangsarbeiter. Ab 1940 von der Gestapo errichtet, häufig in Zusammenarbeit mit denvon der Zwangsarbeit profitierenden Unternehmen, entstanden so etwa 200 dieser Lager.

Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs – so nach offiziellen Schätzungen – wurden 500.000 Menschen in diesen Einrichtungen gequält, meist mit zeitlich begrenztem Aufenthalt, aber immer unter den unmenschlichsten Bedingungen.

Die Ausstellung in der Gedenkstätte Augustaschacht in Hasbergen zeigt ein historisches Vermächtnis. Die Gedenkstätte Augustaschacht dokumentiert geschichtlich die mörderische Behandlung der Gefangenen – nicht nur im Allgemeinen, sondern eindrucksvoll auch anhand von Einzelschicksalen. Die erhaltenen, heute denkmalgeschützten Lagergebäude, die ursprünglich aus einem Gebäudekomplex aus Maschinenhaus und Kesselhaus bestanden, bildeten den Raum für eine große Wasserhaltungsmaschine des Bergbaus im Hüggel. Diese Gebäude, in welchen sich heute die Dauerausstellung befindet, gehörtem den damaligen Klöckner-Werk Georgsmarienhütte, das nahtlos mit der Gestapo zusammenarbeitete. Von Januar 1944 bis im April 1945 waren mehr als 2.000 Männer und Jugendliche aus 17 verschiedenen Ländern inhaftiert. Vornehmlich Menschen aus den Niederlanden, Polen, Italien und der ehemaligen Sowjetunion, die versucht hatten, sich dem Zwang der Zwangsarbeit zu entziehen. Sie wurden mit der Haft im Arbeitserziehungslager bestraft. Der Niederländer Phida Wolff schilderte die Verhältnisse im Februar 1945 so:

„Am Morgen früh erschallen Befehle und wenn du nur einen kleinen Moment zögerst, wirst du mit dem Knüppel geschlagen. Ab und zu darfst du dich waschen und du bekommst eine Kruste Brot, aber nach zwei, drei Wochen siehst du aus wie der hässliche Tod.“

Die Gedenkstätte Augustaschacht dokumentiert das Geschehen jener Zeit. Die Besuchenden erhalten durch Schriftstücke, Videos und Audios eine große Fülle an Informationen, sämtlich auf Deutsch, Niederländisch und Englisch.  So hat jede/r die Möglichkeit, sich mit der Geschichte  der oft vergessenen Zwangsarbeiter und den hunderttausenden AEL-Inhaftierten auseinanderzusetzen. .  Mehr…


Quellen: Osnabruekcer-Land.de; gedenkstaetten-augustaschacht-osnabrueck.de

5 Jahre illegal

21. Dezember 2021

Heute treffen sich der Bundeskanzler Olaf Scholz und die Ministerpräsidenten der Länder, um etwas gegen die sich auftürmende Omikron-Wand zu tun, die sich vor uns aufbaut. Heute begehen wir aber auch den fünften Jahrestags eines wegweisenden Urteils.

In gänzlich unpandemischer Zeit urteilte der Europäische Gerichtshof am 21.12.2015, dass die anlasslose Vorratsdatenspeicherung illegal ist. Nach diesem Urteil setzte die Bundesnetzagentur die Vorratsdatenspeicherung aus, doch die alte, freiheitsfeindliche Schlange zuckte weiter. Seitdem der EU-Rat „alle Optionen“ offenhalten wollte, kam die Forderung nach einer Vorratsdatenspeicherung immer wieder regelmäßig auf die Tagesordnung der Großen Koalition.

Gelingt zum 5. Jahrestag vielleicht das Umdenken mit der Ansicht, dass sämtliche Überwachungspläne von Vorratsdatenspeicherung bis zur Überwachung verschlüsselter Messenger-Kommunikation, wie sie auf EU-Ebene vorangetrieben wird, eingestellt werden müssen. Es zeichnet sich ab, dass tatsächlich ein Umdenken eingesetzt hat. Bekanntlich verfolgt die Ampel-Regierung Pläne, neben der Überwachungsgesamtrechnung ein Überwachungsbarometer einzurichten, wie es das Freiburger Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht vorgeschlagen hat.

„Gegenstand des Überwachungsbarometers ist die reale Überwachungslast, der die Bürger*innen aufgrund der tatsächlichen Nutzung der verschiedenen rechtlichen Befugnisse zur Erhebung bzw. zum Abrufen bereits anderweitig vorhandener Daten in der behördlichen Routine ausgesetzt sind.“ Gut möglich, dass auch Menschen, die angeblich niemals etwas zu verbergen haben, erkennen können, was für ein Tief an Freiheitsbeschränkungen sich da zusammenbraut.

Und damit ist nicht der Quatsch der „Querdenker“ gemeint, die ihre „Freiheit“ bedroht sehen, ungeimpft zu bleiben und Scharlatanen zu folgen.


Foto: Sitzungssaal des EuGH, GNU Free Documentation License
Euelle: ER, WA, wwww/heise.de

Rutte IV

16. Dezember 2021

Es gibt eben Dinge, die brauchen 9 Monate, bevor sie Hand und Fuß haben. Von der Nachbarschaft im Westen gibt es Neuigkeiten, wie NiederlandeNet weiß:

VVD, CDA, D66 und ChristenUnie haben sich auf einen Regierungsvertrag geeinigt. Das fünfzigseitige Dokument wurde heute Nachmittag der Vorsitzenden der Zweiten Kamer vorgelegt sowie öffentlich publiziert.

Die Kabinettsformation ist, nach einer Rekordperiode von 271 Tagen sondieren und unterhandeln, zu einem Ende gekommen. Auf Kabinett Rutte III folgt das Kabinett Rutte IV – mit genau denselben Koalitionsparteien VVD, CDA, D66 und ChristenUnie. Heute wurde der Koalitionsvertrag der Vorsitzerin der Zweiten Kammer angeboten, in den kommenden Tagen wird sich mit dem Vertrag im Parlament auseinandergesetzt.

Vertrauen in der Regierung
Zentrales Thema bei der Bekanntmachung des Regierungsvertrages war die Wiederherstellung des öffentlichen Vertrauens in die Regierung. Dieses Vertrauen wurde unter anderem durch die Abhandlung der Kindergeldaffäre, in der zehntausende Eltern betroffen waren, geschädigt. Die Kluft, die in den letzten Jahren entstanden ist und sich deutlich verbreitet hat, will das neue Kabinett dichten. Um dies zu erreichen, will das neue Kabinett das Zuschlagsystem beenden und Betroffenen der Kindergeldaffäre besser und schneller Hilfe anbieten. Auch wird eine Erneuerung der politischen Kultur beabsichtigt: Die neue Regierung will mehr mit der Opposition zusammenarbeiten und in der politischen Mitte „eine konstruktive Debatte führen“.

Weiterhin zeigt das Kabinett eine gewisse Zurückhaltung. Obwohl die Ambitionen ziemlich ehrgeizig sind, gerade im Bereich Vertrauen und Verwaltungskultur, will das Kabinett nichts überstürzen. „Die Pläne, die wir als Koalitionsparteien haben, lassen sich nicht in einer Kabinettsperiode verwirklichen und brauchen eine breite gesellschaftliche Unterstützung.“ D66-Chefin Sigrid Kaag sagte bei der Pressekonferenz darüber, dass man „keine Worte, die stolz verkünden, sondern Worte der Bescheidenheit und des angemessenen Realismus“ höre.

Kostbare Maßnahme
Um die Probleme, vor denen die Niederlande stehen, zu lösen, greift Rutte IV tief in das Portemonnaie. Zum Beispiel werden 60 Milliarden Euro reserviert, um die Stickstoffkrise anzupacken und klimatechnische Maßnahmen zu unternehmen. Kinderbetreuung wird auf Dauer kostenlos werden und es wird mehr Geld für die Jugendpflege freigemacht. Auch das Basisstipendium, das 2015 abgeschafft wurde, kommt zurück. Das Mindestgehalt will das Kabinett mit 7,5 Prozent ansteigen lassen.

Zugleich will das Kabinett 4,5 Milliarden Euro vom Budget für Gesundheitspflege sparen. Die linke Opposition kritisiert diese Maßnahme: PvdA-Vorsitzende Lilianne Ploumen findet, gerade in einer Pandemie sollte man die Pflegeversorgung nicht kürzen. SP-Parteiführerin Lilian Marijnissen nennt den Plan „ein Messer in den Rücken des Pflegesektors“. Sie ahnt, dass die neue Regierung ein „unglaubwürdiger Neuanfang von Rutte III, mit den gleichen Ideen und Menschen“ ist.

Kritik am Prozess
Bei der Präsentation des Vertrages war auch scharfe Kritik zu hören. Johan Remkes (VVD), der die Sondierungsgespräche und Verhandlungen begleitete, sagte, die Kabinettsbildung hätte einfach zu lange gedauert. „Die Geduld der Gesellschaft wurde auf die Probe gestellt“. Auch die Vorsitzende der Zweiten Kamer, Vera Bergkamp (D66) äußerte sich kritisch. Der Prozess hätt schneller sein können und die Rolle der Zweiten Kamer wurde nicht immer ernsthaft angenommen: Das Parlament wurde, Bergkamp zufolge, oftmals zu spät und unzureichend informiert. Trotzdem ist auch sie froh, dass es bald ein neues Kabinett geben wird.


Text und Quelle: Niederlande.Net

Ein britisches Gericht hat die Ablehnung des Auslieferungsantrags für Julian Assange aufgehoben. Für den Wikileaks-Gründer, dem in den USA hohe Haftstrafen drohen, ist das ein harter Rückschlag. Nun soll das britische Innenministerium über seine Auslieferung entscheiden.

Protestierende fordern Freiheit für Julian Assange. CC-BY-NC 2.0 Assemblea Nacional Catalana

Ein britisches Gericht hat die Ablehnung eines Auslieferungsantrags der USA für Julian Assange aufgehoben. Es ist ein harter Rückschlag für den Wikileaks-Gründer, der nun damit rechnen muss, doch noch an die USA ausgeliefert zu werden.

Der Londoner High Court hat mit seiner Entscheidung ein früheres Urteil eines untergeordneten Gerichtes aus dem Januar gekippt. Damals hatte die Richterin die Auslieferung mit Sicht auf seinen gesundheitlichen Zustand blockiert. Aus Angst, dass Assange in den USA die Einzelhaft drohe und er dort Suizid begehen könnte. Die USA hatten die Entscheidung angefochten.

Das Berufungsgericht hat sich von Zusagen der USA überzeugen lassen: Assange werde nicht in Einzelhaft oder einem Hochsicherheitsgefängnis landen, sollte er ausgeliefert werden. Im Fall einer Verurteilung könne er seine Haft in einem australischen Gefängnis absitzen. Assange ist australischer Staatsbürger.

Der Fall werde nun an das erstinstanzliche Gerichte zurückgegeben, sagten die Londoner Richter, mit der Weisung, die Entscheidung dem Innenministerium zu überlassen. Damit bleibt unklar, wie es weitergeht. Assange kann gegen das Urteil abermals in Berufung gehen. Seine Unterstützer:innen haben bereits angekündigt, das zu tun.

Der 50-Jährige Assange wird derzeit in einem britischen Gefängnis festgehalten, davor hat er fast zehn Jahre in der ecuadorianischen Botschaft in London verbracht, um einer Auslieferung nach Schweden und später in die USA zu entgehen. Der schwedische Fall gegen ihn wurde inzwischen fallengelassen. Das US-Justizministerium wirft ihm vor, gegen den Espionage Act verstoßen zu haben, unter anderem weil er der Whistleblowerin Chelsea Manning geholfen haben soll, geheime und eingestufte Militärdokumente auf WikiLeaks zu veröffentlichen.

Die Anklage betrachtet Assange als kriminellen Hacker, seine Unterstützer:innen sehen ihn hingegen als investigativen Journalisten oder zumindest Herausgeber, der dabei half, Kriegsverbrechen ans Licht zu bringen. Im Fall einer Verurteilung drohen ihm in den USA bis zu 175 Jahre Haft.

Die Pressefreiheitsorganisation Reporter ohne Grenzen kritisiert die Entscheidung. „Es ist ein brandgefährliches Signal an jede Journalistin, jeden Verleger und jede Quelle weltweit“, so die NGO auf Twitter.


Quelle: Chris Köver, netzpolitik.org ( Creative Commons BY-NC-SA 4.0. )