NDR Retro

27. Oktober 2020

Heute ist der UNESCO-Tag des audiovisuellen Erbes. Der öffentlich-rechtliche NDR hat sich dazu etwas Besonderes einfallen lassen Mit NDR Retro hat der Norddeutsche Rundfunk sein Fernseh-Archiv geöffnet und stellt zeit- und kulturhistorisch relevante Beiträge online zur Verfügung. Man liest von einer Archiv-Offensive zum audiovisuellen Welterbe-Tag.

Was hat den Norden in den 50ern und 60ern geprägt? Wie haben die Norddeutschen gelebt, was haben sie erlebt? Und vor allem: Wie sah das alles aus? Wir können selbst nachschauen:

Ab sofort stellen die ARD und das Deutsche Rundfunkarchiv schrittweise rund 40.000 zeitgeschichtlich relevante Videos ins Netz. Besonders berücksichtigt sind eigene NDR-Fernsehproduktionen aus dem Bereich der aktuellen und regionalen Berichterstattung für die Zeit vor 1966. Die Beiträge anderer ARD-Landesrundfunkanstalten können zentral über die ARD Mediathek abgerufen werden. Das Angebot des NDR finden Sie dort separat gebündelt im Channel NDR Retro.

Unter diesem Label  beteiligt sich der Norddeutsche Rundfunk an dem Gesamtprojekt mit einer vierstelligen Zahl an Sendungen und Beiträgen. Neben der aktuellen Berichterstattung der damaligen Sendereihen Nordschau und Berichte vom Tage laden unter der Rubrik „Norddeutsche Geschichte(n)“ eine Vielzahl interessanter Langformate dazu ein, in Alltag, Arbeit, Leben, und Gesellschaft der damaligen Zeit einzutauchen. Ergänzt wird das Angebot durch ausgewählte Sendungen und Beiträge aus den Bereichen Sport und Kultur.

Die Reihe „Diesseits und jenseits der Zonengrenze“ bietet spannende Einblicke in die deutsch-deutsche Teilung und den Kalten Krieg aus norddeutscher Sicht. Sie wurde von 1960 bis 1965 in Hannover produziert und berichtete unter anderem über das heutige Sendegebiet Mecklenburg-Vorpommern. Die Sendung bemühte sich – aus westlicher Sicht – um Objektivität und wollte damit auch DDR-Zuschauer ansprechen. Bei den Beiträgen handelt sich meist um kommentierte Mitschnitte aus dem DDR-Fernsehen. Der Sprecherton ist in vielen Fällen allerdings nicht mehr erhalten.

In einem ersten Schritt werden der Öffentlichkeit aus rechtlichen Gründen zunächst Videos mit dem Entstehungsdatum bis 31. Dezember 1965 zugänglich gemacht. Die Publikation von Audios aus diesem Zeitraum wird geprüft. Wegen der damals noch anderen technischen Voraussetzungen und Sendeabläufe steht ein Teil der Beiträge nur ohne Ton beziehungsweise ohne Sprecher-Ton zu Verfügung. Denn insbesondere in Nachrichten-Formaten wurde der Text häufig live in der Sendung eingesprochen – und dabei oftmals nicht mit aufgezeichnet.

Auch die Sehgewohnheiten und gesellschaftlichen Gepflogenheiten haben sich im Lauf der Jahrzehnte verändert: So mögen Einstellungen, Bildschnitte, Einschätzungen und auch die Sprache an einigen Stellen ungewohnt oder überholt erscheinen oder sogar irritieren – ermöglichen dadurch aber gleichzeitig einen originalgetreuen und lebendigen Blick auf das Leben in den 50er- und 60er-Jahren in Norddeutschland.

Quellen: NDR, UNESCO

ps Zum neuen Ärzte-Album möchte ich morgen noch etwas schreiben…

Schlagzeilen

21. Oktober 2020

„Auf Twitter“ gab es in den letzten Tagen eine muntere Diskussion über die Qualität der redaktionellen Beiträge auf der Ems-Vechte-Welle. Die Ems-Vechte-Welle ist, informiert wikipedia, ein werbefreies Bürgerradio, das die niedersächsischen Landkreise Emsland und Grafschaft Bentheim bedient. Das Programm des Senders wird bis in Teile des Landkreises Cloppenburg ausgestrahlt. Es ist aufgeteilt in das redaktionelle Programm und den Bürgerfunk. Das redaktionelle Programm wird von Radioprofis gemacht und von Montag bis Freitag in der Zeit von 6 bis 18 Uhr ausgestrahlt. Dazu gehören das Frühmagazin (6 bis 9 – Der Morgen im Emsland und der Grafschaft Bentheim) und die regionale Info-Sendung „Durch den Tag“ (9 bis 18 Uhr). Darüber hinaus strahlt der Sender immer zur halben Stunde aktuelle Regionalnachrichten aus.

Und darum geht es: Die bei Twitter geäußerte Kritik an der EVW konzentriert sich auf den Vorwurf, viel zu oft nur Pressemeldungen der Polizeiinspektion Emsland/Grafschaft Bentheim zu verlesen. Aus dem Umfeld der EVW wurde diese Kritik energisch zurückgewiesen. Aber, im Vertrauen, es stimmt natürlich. Der Ausriss links stammt von der Webseite de Senders und belegt dies: 8 von 9 Meldungen am 17. und 18. Oktober sind Pressemitteilungen der Polizei. Mit Verlaub, das ist unprofessionell für einen Sendebereichbereich, in dem -ohne den Landkreis CLP- knapp 500.000 Menschen wohnen und wo es selbstredend zu zahlreichen Straftaten und Verkehrsproblemen kommt.

Daran musste ich denken, als mir heute die aktuelle taz in die Hände fiel. Der Rechtsextremismusexperte Andreas Speit kommentierte das Phänomen, Pressemitteilungen der Polizei sofort für bare Münze zu nehmen. Er schrieb

Die Nachricht war schnell in den bundesweiten Medien: Im Anschluss an eine AfD-Veranstaltung mit dem Bundessprecher Jörg Meuthen am Samstag in Henstedt-Ulzburg hätte es Auseinandersetzungen zwischen Besucher*innen der Veranstaltung und Gegendemonstrant*innen gegeben. Die „rechte und linke Szene“ seien aneinander geraten, schrieb die Polizei in ihrer Pressemitteilung. „Eine Person der linken Szene“ sei durch einen Verkehrsunfall schwer verletzt worden. So weit, so schlecht.

Nicht am Samstag und auch nicht am Sonntag haben Journalist*innen diese Darstellung des Tatverlaufes durch die Polizei hinterfragt. Eins zu eins wurde stattdessen das Polizei-Narrativ kolportiert. In manchen Redaktionen dominiert ja auch das Motiv von „den Linken“ und „den Rechten“, die die Gesellschaft mit „ihren Auseinandersetzungen“ gefährden würden. Historisch so falsch wie aktuell.

Andreas Speit’s Kritik an seinen journalistischen Kollegen:

Ein Nachfassen, mögliche Betroffene oder anwesende Zeug*innen Ansprechen, hätte offenbaren können, dass am Samstag ein AfD-Anhänger mit seinem Pick-up auf einem Gehweg mindestens drei Personen anfuhr, eine Frau verletzte. Das Fahrzeug wurde zur Waffe. Die Frau hätte tot sein können.

Recht hat Speit mit der Schlussfolgerung:

Eine Quelle genügt nicht für die Berichterstattung. Und spätestens seit dem NSU sollte bei den Pressemitteilungen der deutschen Sicherheitsbehörden ebenso die gebotene Quellenkritik erfolgen. 

Schöne Grüße, liebe Macher der Ems-Vechte-Welle. Denkt bitte drüber nach und werdet besser.

Update:
Die Macherinnen natürlich ebenso. 🙂

Die Frage aller Fragen

15. Oktober 2020

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verweigert einem Gesetzespaket gegen rechte Hetze die Unterschrift. Mit einem eigentümlichen Ansatz will er der Großen Koalition offenbar eine Blamage ersparen. Doch die stolpert wiederholt über sich selbst.

Gesetz zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Hasskriminalität Steinmeier
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier weigert sich beharrlich, das Gesetz zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Hasskriminalität abzusegnen. Nun ist mit weiteren Verzögerungen zu rechnen. CC-BY-SA 2.0 Heinrich-Böll-Stiftung

Das im Juni beschlossene Gesetz zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Hasskriminalität muss aufgrund verfassungsrechtlicher Bedenken offenbar eine weitere Runde drehen. Einem Bericht der Süddeutschen Zeitung zufolge will Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das sogenannte Ausfertigungsverfahren aussetzen. Dieses muss ein Gesetz durchlaufen, bevor es in Kraft treten kann.

Stattdessen verlangt Steinmeier von der Bundesregierung Nachbesserungen an dem Gesetzespaket, ohne ihm seine Unterschrift gänzlich zu verweigern. In einem Brief an den Bundesrat soll Steinmeier laut SZ darauf drängen, die notwendigen Änderungen „möglichst unverzüglich zu erarbeiten und einzubringen“. Grundsätzlich solle das Gesetz erhalten bleiben, aber eben nicht in der vorliegenden Form.

Dabei ist der von Steinmeier gewählte Weg im Grundgesetz eigentlich nicht vorgesehen, sagt Ulf Buermeyer von der Bürgerrechtsorganisation Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF). Offenbar wolle der Bundespräsident die Große Koalition „nicht mehr als nötig blamieren. Statt der punktuellen Nachbesserungen wäre der „saubere Weg“, dass Steinmeier das Gesetz nicht ausfertigt und danach das Parlament ein verfassungsmäßiges Gesetz neu beschließt, so Buermeyer weiter.

Kern des Streits ist die Meldepflicht für soziale Netzwerke, möglicherweise illegale Postings an das Bundeskriminalamt (BKA) zu übermitteln. Im Zuge dessen würden Bestandsdaten abgefragt, etwa die IP-Adresse, der Name oder die Wohnanschrift der jeweiligen Nutzer:in – ohne dass ein handfester Anfangsverdacht vorliegen würde.

Im Juli, rund einen Monat nach der Verabschiedung des Gesetzes, machte ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts endgültig klar, dass es für solchen Abfragen gute Gründe geben muss und kippte die bisherige Regelung. Zwar bezog sich das Urteil auf die manuelle Abfrage bei Telefon- und Internetprovidern, es lässt sich jedoch auf Passagen im nun feststeckenden Gesetz übertragen.

Darauf machten jüngst mehrere juristische Einschätzungen aufmerksam, unter anderem ein Gutachten der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages. Demnach seien Teile des Hasskriminalität-Gesetzes unverhältnismäßig, weil es an begrenzenden Eingriffsschwellen fehle.

Zum einen sei es fraglich, ob das BKA „überhaupt die Befugnis dazu hat, anhand der ihm vorliegenden IP-Adresse, die Identität des Nutzers“ bei den Providern abzufragen, heißt es im Gutachten. Zum anderen würde den Telekommunikationsdiensten die Befugnis fehlen, dem BKA oder anderen Stellen die verlangten Daten zu übermitteln. Insgesamt sei dies „nicht verhältnismäßig und daher nicht verfassungsgemäß“.

Die Kritik an der Meldepflicht ist nicht neu, sie war schon im Entwurfsstadium des Gesetzes laut geworden. So bemängelte etwa Ulrich Kelber, der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, das Gesetz enthalte „erhebliche Eingriffe in Grundrechte der Bürgerinnen und Bürger“.

Der Datenschützer schlug damals vor, dass die Plattformbetreiber zunächst nur den Inhalt eines Postings übermitteln. Sollte sich nach einer Überprüfung durch das BKA der Verdacht eines Gesetzesbruchs erhärten, dann könnten die zwischenzeitlich im „Quick Freeze“-Verfahren gesicherten, weiteren Daten nachgereicht werden.

Auf eine ähliche Lösung wollen auch die Grünen hinwirken, bislang jedoch erfolglos. „Seit März haben wir drei Anträge vorgelegt, die diese Problematik nicht nur thematisieren, sondern auch konkrete Lösungen vorschlagen“, sagt die grüne Bundestagsabgeordnete Renate Künast.

Doch jeder Antrag ist im Bundestag abgelehnt worden. „Unser neuester Vorschlag für eine verfassungskonforme Ausgestaltung des Gesetzes wurde erst gestern im Rechtsausschuss von der Koalition kommentarlos vertagt“, so Künast. Der ganze Vorgang sei ein „Scheitern mit Ansage“.

In dieser Art könnte es durchaus weitergehen, mahnt der Bürgerrechtler Ulf Buermeyer. Denn das Gesetz betreffe ja bei weitem nicht nur das Netzwerkdurchsetzungsgesetz. Es gehe vielmehr um ein dickes Paket, unter anderem mit den Regeln zum Passwortabruf. „Da sind vielfältige Änderungen an x Details erforderlich“, sagt Buermeyer.

In der Sache bedeute das ein „zurück auf Los“, führt der Jurist aus. „Die völlig richtige Entscheidung des Bundespräsidenten ist eine einzige Blamage für Justizministerin Lambrecht, die mit dem komplexen Thema offensichtlich überfordert ist und sich daher grundrechtsfeindliche Überwachungsphantasien aus dem Innenministerium in den Block diktieren lässt.“

Tatsächlich scheinen der SPD-Justizministerin Probleme bewusst gewesen zu sein. Im der SZ vorliegenden Schreiben des Bundespräsidialamts an den Bundesrat soll es heißen, der Amtschef Stephan Steinlein habe mit der Ministerin am Rande einer Kabinettssitzung über das Gesetz gesprochen. „Dabei war die Verfassungswidrigkeit der betreffenden Normen nicht streitig“, heißt es in dem Brief.

Ähnliche Bedenken gebe es zudem beim Zollfahndungsdienstgesetz, das ebenfalls auf Eis liegt, berichtet die SZ. Auch daran ist das Bundesinnenministerium von Horst Seehofer (CSU) maßgeblich beteiligt.

Handwerkliche Fehler und Koalitionsstreitigkeiten verhindern, dass einer realen Gefahr effektiv begegnet wird. Das sei umso tragischer, so Buermeyer, als dass „das Gesetzespaket nach wie vor einseitig – und daher absehbar weitgehend wirkungslos – auf die strafrechtliche Bekämpfung der Hasskriminalität setzt“. Schließlich weise das Strafrecht in diesem Bereich strukturelle Defizite auf, die sich auch nicht beheben lassen, beispielsweise bei Tätern im Ausland oder geteilten Accounts.

Stattdessen bräuchte es endlich eine „Regelung für die gerichtliche Sperrung von Accounts, die Hass verbreiten – und zwar ohne Rücksicht darauf, wer diese Accounts betreibt“, sagt Buermeyer. Dann könnte sich die Justizministerin die Sammlung von Datenbergen beim BKA und anderen Behörden sparen.

Die „Unbelehrbarkeit und die handwerkliche Unfähigkeit“ der Bundesregierung seien gefährlich, sagt Renate Künast. Seit Mitte Juli sitze die Bundesregierung schon auf der Prüfung, wie die Verfassungsrechtsprechung denn für dieses Gesetz umzusetzen sei – während jüdische Studenten angegriffen werden oder sich Meldungen über rechte Chatgruppen und Verdachtsfälle in den Sicherheitsbehörden überschlagen.

„Die Opfer und gefährdete Menschen haben ein Recht darauf, dass endlich sorgfältig gearbeitet wird und in einem ordentlichen Bundestagsverfahren in den nächsten Monaten eine Gesetzesänderung erfolgt“, sagt Künast.


Ein Tomas-Beitrag von Netzpolitik.org Creative Commons BY-NC-SA 4.0.

RUMS

6. Oktober 2020

Mit RUMS kommt in Münster ein ambitioniertes Lokaljournalismus-Projekt aus der Start-Phase. 

Christian Humborg ist einer der Gründer:innen von RUMS – Neuer Journalismus für Münster”. Er ist in Münster geboren und aufgewachsen und lebt seit über 20 Jahren in Berlin. Er twittert unter @chumborg.  und gibt in diesem netzpolitk-Beitrag Einblicke in das publizistische Experiment:

Viele Menschen verbinden mit Münster eine beschauliche, konservative Stadt, in der vor langer Zeit der Westfälische Frieden geschlossen wurde, andere verbinden Münster mit Fahrraddiebstählen. Münster überrascht aber als Ort eines neuen journalistischen Projektes. Im März haben wir RUMS – Neuer Journalismus für Münster als kostenlosen Newsletter gestartet. Zweimal die Woche erfahren die Leser:innen in einem als Email versendeten Brief, was in der Stadt passiert ist und vor allem warum, sie lesen Recherchen und Analysen zur Stadtpolitik, aber auch über Ausstellungen, Restaurants und ungewöhnliche Geschichten des Alltags. Eines der Vorbilder war der seit Jahren beim Tagesspiegel erscheinende Checkpoint-Newsletter. Im Laufe der Zeit sind größere Recherchen auf der Website hinzugekommen sowie Podcasts der “Briefe”.

Brinkbäumer, Polenz, Reemtsma und Weisband sind dabei

Jeden Sonntag erscheint zudem per Email eine Kolumne von einer oder einem der Kolumnist:innen: Carla Reemtsma, Mitgründerin der Fridays for Future-Bewegung, die in Münster studiert; Marina Weisband, Psychologin und ehemalige Geschäftsführerin der Piratenpartei, die in Münster lebt; Klaus Brinkbäumer, Autor für Tagesspiegel und ZEIT, ehemaliger Spiegel-Chefredakteur, der in Münster geboren und aufgewachsen ist und jetzt in New York lebt; Ruprecht Polenz, Goldener Blogger 2020 und ehemaliger Generalsekretär der CDU, der in Münster lebt.

Der Lokaljournalismus ist krank

Mit unserem Angebot reagieren wir auf eine Entwicklung, die es seit langem überall gibt und die RUMS-Redakteur Ralf Heimann in einem seiner Briefe beschrieben hat: “Der Lokaljournalismus ist krank. Der Niedergang hat vor knapp 40 Jahren begonnen, ungefähr zeitgleich mit dem Start des Privatfernsehens. Später kam das Internet hinzu und verschärfte die Probleme. Die Verlage verstanden zu spät, dass ihr Leiden nicht einfach wieder verschwindet. In den vergangenen 30 Jahren verloren die deutschen Tageszeitungen etwa die Hälfte ihrer Gesamtauflage.”

Heimann stellt fest, dass bei immer kleiner werdenden Redaktionen immer weniger Journalist:innen immer mehr arbeiten müssen. Das bedeutet für ihn, dass sie auf einen wichtigen Teil der Arbeit verzichten müssen: die Recherche. Er schreibt: “Sie geben das wieder, was ihnen auf Pressekonferenzen gesagt wird, statt noch wen anders zu fragen, ob das alles wirklich so stimmt. Sie checken Fakten nicht gegen, denn das dauert manchmal genauso lange wie die Arbeit an einem Beitrag. Oft erscheinen einfach Pressemitteilungen. Den Journalist/innen kann man das kaum vorwerfen. Sie müssen sich mit den Umständen arrangieren.”

Auf Münsters Medienmarkt ist Platz genug

Ralf Heimann Beschreibung trifft auch viele Städte und eben auch auf Münster zu. Seit sechs Jahren gibt es dort nur noch ein Verlagshaus, das Tageszeitungen herausgibt: den eigenen Titel “Westfälische Nachrichten” und die 2014 aufgekaufte und inzwischen als sogenannte Zombiezeitung betriebene “Münstersche Zeitung”, deren Redakteur/innen und Inhalte nahezu identisch sind. Das Monatsabo kann innerhalb eines ähnlichen Webseitendesigns einmal in rot für 41,90 Euro und einmal in blau für 40,90 Euro im Monat gebucht werden. Der Chef des Verlags ist auch Präsident der IHK Münster und Vorstandsvorsitzender des Vereins der Kaufmannschaft in Münster. Kein Wunder, dass sich auch viele Entscheidungsträger:innen in der Stadt Vielfalt und Unabhängigkeit im Journalismus wünschen. Daneben gibt es einige kleinere Titel oder Websites, die mal regelmäßig und unregelmäßig, mal werbefinanziert, mal nicht, für Nachrichten und Einordnungen sorgen, aber kein Medium, das nachhaltig finanzierten lokalen Recherchejournalismus anbietet.

Wir sind fest davon überzeugt, dass es genug Sehnsucht und Interesse an verlässlichem lokalen Journalismus gibt. Allein wenn wir uns eine spezielle Zielgruppe anschauen: In Münster studieren rund 60.000 Menschen an der Universität und der Fachhochschule. Wir waren auch überzeugt, dass es eine Zahlungsbereitschaft gibt, eben für diesen anspruchsvollen, unabhängigen Journalismus. Daher haben wir von Anfang an klar gemacht, dass wir RUMS nicht durch Werbung, sondern durch Beiträge der Leser:innen finanzieren wollen, denn Werbefreiheit ermöglicht Unabhängigkeit. Schon beim Start und im weiteren Verlauf haben wir immer wieder klar kommuniziert, dass RUMS ab September kostenpflichtig werden würde.

Die Konversionsrate von 26% ist enorm

Am 1. September war es dann soweit. Die bisherigen rund 3.400 Lese:innen wurden eingeladen, ein monatliches Unterstützungsmodell zu wählen, zwischen 8 Euro (Standard), 15 Euro (Idealistisch) und 40 Euro (Großzügig). Studierende, Schüler:innen, Azubis und Arbeitslose können mit 4 Euro dabei sein. Am 30. September zahlten rund 900 Personen – damit kann sich RUMS selbst tragen. Was Medienmacher:innen aufhorchen lässt, ist die Konversionsrate. 26 Prozent der bisherigen Leser:innen haben sich dafür entschieden, für RUMS zu bezahlen. Das ist enorm und innerhalb des Medienmarktes ein extrem hoher Wert. Im Wikipedia-Artikel zu Konversion (Marketing)” heißt es: “Maximale Konversionsraten liegen bei ca. 10 Prozent, große Medienhäuser sprechen oft von niedrigen einstelligen Konversionsraten”. Warum es so gut funktioniert? Neben der beschriebenen Sehnsucht nach einem weiteren Medium in der Stadt mutmaßen wir, dass die Leser:innen vor allem die Unabhängigkeit und die Qualität der Arbeit schätzen.

RUMS ist ein Sozialunternehmen

Hinter RUMS stehen zehn Gründer:innen, überwiegend aus Münster, die ihre Investition wahrscheinlich nie zurück erhalten werden, denn mindestens 90% eines möglichen Gewinns, von dem RUMS weit entfernt sind, werden in das Unternehmen zurückfließen. Wir werden in den nächsten Jahren um das weitere Wachstum kämpfen müssen. Wir haben uns bewusst gegen die Gemeinnützigkeit entschieden, weil uns die rechtliche Unsicherheit und die Abhängigkeit vom lokalen Finanzamt zu hoch erschien. Wir stehen für Public Interest Journalism, lokalen Journalismus über Fragen von öffentlichem Interesse. Diesen braucht jede Stadt genauso wie Schulen, Krankenhäuser, Wasser- und Internetversorgung.

Zur zentralen Bedeutung eines lokalen Journalismus für die Demokratie sei erneut RUMS-Redakteur Ralf Heimann zitiert: “Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass in Nachrichtenwüsten die Wahlbeteiligung zurückgeht. Es gibt Hinweise darauf, dass die politische Polarisierung dort zunimmt, wo Lokalmedien fehlen. Das zivilgesellschaftliche Engagement scheint dort größer zu sein, wo es lokale Medien gibt. Dafür gibt es ebenfalls wissenschaftliche Belege. Es ließ sich zeigen, dass Kommunen mehr Geld ausgeben, wenn Lokalmedien fehlen, weil Lokalpolitiker Ausgaben eher durchwinken, wenn ihnen niemand auf die Finger schaut. Auch das haben Forscher untersucht. Sie haben sogar einen Zusammenhang zwischen der Umweltverschmutzung und der lokalen Berichterstattung belegt.”

Das “vielleicht spannendeste und ambitionierteste Lokaljournalismus-Projekt” in Deutschland

RUMS reiht sich ein in rein digitale journalistische Start-Ups, die nicht aus den bisherigen Verlagen entstanden sind, wie CORRECTIV, finanztip, Krautreporter, netzpolitik.org und perspective daily (zufällig auch in Münster beheimatet). Beispiele dieser Start-Ups auf lokaler Ebene sind die Prenzlauer Berg Nachrichten und das Lokalblog Nürnberg. Der viel für die Süddeutsche Zeitung tätige Medienjournalist Simon Hurtz hält RUMS für das vielleicht spannendste und ambitionierteste Lokaljournalismus-Projekt, das es derzeit in Deutschland gibt.


Gefunden auf Netzpolitik.org unter der Lizenz Creative Commons BY-NC-SA 4.0.

Sonntagstipps

4. Oktober 2020

Ganz kurz zwei Tipps an diesem schlappen, mistwetterigem Sonntag:

Wer „Rechts.Deutsch.Radikal“, die beeindruckende TV-Dokumentation von Thilo Mischke am vergangenen Montagabend auf ProSieben verpasst hat, kann sie in der Mediathek „nach“-sehen (bitte Zeit einplanen, ca. 2 Stunden). Hier der Link.

https://www.deutschlandfunkkultur.de/pro7-doku-rechts-deutsch-radikal-exotisierung-des.1013.de.html?dram:article_id=484888

Sehenswert ist auch eine ARD-Dokumentation heute, Sonntag, 4. Oktober von 13.15 – 13.00 Uhr,  über die Jüdische Gemeinde Oldenburg:

https://programm.ard.de/TV/daserste/fluechten-oder-standhalten/eid_281063554060686

„Apropos Arte“, schreibt gerade Hal Faber in seiner Kolumne WWWW bei heise.de, und informiert: „Mit das einzig noch wirklich Ansehbare unter den seriellen TV-Sendern. Und gleichzeitig mit einer ausgezeichneten Mediathek für das nicht serielle Gucken gesegnet, ganz zu schweigen vom Bereich „Arte Concert„. Arte wurde am Freitag 30 Jahre alt – ist also einen Tag älter als das wiedervereinigte Deutschland. Dass die Arte-Verträge von Deutschland und Frankreich ausgerechnet am 2. Oktober 1990 unterzeichnet wurden, soll kein Zufall gewesen sein: Man hätte nach der vollzogenen Wiedervereinigung sonst das komplette Vertragswerk neu verhandeln müssen. Was auch angesichts der aus den Verträgen resultierenden byzantinischen Organisations- und Verwaltungsstruktur von Arte niemand wollen konnte. Freuen wir uns also, dass es geklappt hat und immer noch vorzüglich klappt: Auch eine Art gelungener Wiedervereinigung, zumindest kultureller Art.Schon gewusst? Ich nicht.

 

rechte Trolle

25. September 2020

Sie erinnern sich noch an die WDR-„Umweltsau„, bei der eine Satire Anfang des Jahres durch unser aller virtuelles Dorf getrieben wurde? Dazu gibt es jetzt aufschlussreiche Neuigkeiten:

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22. September 2020

Genialer Wahlkampfspot.

92-jährig

22. September 2020

Einen schnellen Blick auf ein neues Vodafone-Commercial:
Dass die Corona-Pandemie die Nachfrage nach digitaler Kommunikation dramatisch erhöht hat, ist kein Geheimnis. Seit heute macht Vodafone eine dieser unfreiwilligen Neukundinnen zur Heldin seiner neuen Kampagne. Mit der Geschichte der von einem realen Vorbild inspirierten Klavierlehrerin Zeldha will der Telekommunikationsanbieter zeigen, dass es am Ende nicht auf die Technik ankommt, sondern auf die Menschen, die diese nutzen.

In „Du machst den Unterschied“ (Produktion: Anorak) erzählt Vodafone eine Geschichte, durch die wahre Geschichte der 92-jährigen Klavierlehrerin Cornelia Vertenstein inspiriert ist, die ihren Unterricht während der Pandemie nicht einfach aussetzte, sondern über Face Time fortsetzte.

Spot und Realität weichen allerdings in einem entscheidenden Detail voneinander ab. Während die reale Klavierlehrerin aus Denver in den USA ihre Schüler am Ende bei einer virtuellen Schulaufführung per Zoom um sich versammelt, wird die fiktive Zeldha eines Tages von einem Klingeln an ihrer Wohnung überrascht. Vor ihrer Tür sind ihre Schüler versammelt, die gemeinsam den 70er-Jahre-Klassiker „Give a Little Bit“ singen.

Es ist aufschlussreich, dass sich Vodafone für diese Abstrahierung der realen Ereignisse entscheiden hat, obwohl diese doch eigentlich viel besser zum eigenen Nutzenversprechen gepasst hätten. Der Grund dürfte zum einen darin liegen, dass der Chor vor der Haustür filmisch effektiver den Moment emotionaler Nähe vermittelt…

(Quelle und Text: Horizont)