Eatkarus

21. März 2017

Genialer Werbeclip von Edeka. Chapeau!

Edeka und ihre (oder schreibt man seine?) Werbeagentur Jung von Matt haben mit dem neuen Spot einmal mehr für Gesprächsstoff gesorgt. Trotz so mancher Kritik an der Geschichte um ein Dorf voller Übergewichtiger erntet „Eatkarus“ vor allem aus der Kreativszene überwiegend Lob – und wird jetzt auch mit der Spitzenposition im Youtube-Ranking belohnt, in das sowohl bezahlte als auch Earned Views einfließen.
„Mit unserem Eatkarus-Onlinefilm möchten wir die Zuschauer sensibilisieren und ein Bewusstsein für die eigenen Ernährungsgewohnheiten schaffen“, sagt Rolf Lange, Sprecher der Edeka-Zentrale. „Die hohen Aufrufzahlen auf Youtube, sowie 500.000 Shares auf Facebook zeigen, dass die bewusst überzeichnete Geschichte gut ankommt.“

Tja, issso… (Quelle)

Durchhalteparolen

16. Februar 2017

kuh-gesichtNiedersachsens Bauern bangen. Denn das Höfesterben geht weiter

Niedersachsens Landwirtschaftskammer verspricht steigende Erträge, doch Agrarminister und Bauernverbände fürchten um die Existenz von Betrieben.

Gerhard Schwetje, Präsident der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, setzt auf das Prinzip Hoffnung. Nach den Berechnung seiner Ökonomen können Haupterwerbslandwirte in Deutschlands Agrarland Nummer eins mit steigenden Erträgen rechnen: Um rund 10 Prozent dürften die Einkünfte aller Betriebe im noch bis Anfang Juni laufenden Wirtschaftsjahr 2016/17 steigen, glauben sie. 67.500 Euro könne der durchschnittliche Hof erwirtschaften, teilt die Kammer mit – und zieht ein positives Fazit: „Nach zwei wirtschaftlich schwierigen Jahren“ sehen die Landwirte „endlich wieder Licht am Ende des Tunnels“.

Geradezu explosionsartige Ertragssteigerungen prophezeit die Kammer ausgerechnet den gebeutelten Milchviehhaltern und Schweinemästern. Der durchschnittliche Milcherzeuger könne mit einem Ertrag von 77.000 Euro vor Investitionen, Steuern und Sozialabgaben rechnen – ein Plus von satten 48 Prozent im Vergleich zu den vorherigen fünf Geschäftsjahren seit 2011. Auch den Haltern von Mastschweinen wird eine 30-prozentige Steigerung ihres Einkommens auf 67.000 Euro versprochen.

Bei Landwirten allerdings sorgen Schwetjes Zahlen für blanke Wut. Eine „Dreistigkeit sondergleichen“ sei die Positivprognose, sagt nicht nur Elisabeth Hartje vom Bundesverband deutscher Milchviehhalter. Von „Durchhalteparolen“ spricht auch Ottmar Ilchmann von der…“

weiter bei der taz

(Foto: Kuh www.dorsten-transparent.de via pixabay)


Hintergrund: RUINÖSE PREISE

Mit Wegfall der EU-Milchquoten kannte der Preis lange nur eine Richtung: nach unten. Grund dafür ist eine ruinöse Überproduktion: In Europa wird schlicht mehr Milch erzeugt als verbraucht.

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) setzt – wie der Bauernverband – deshalb auf Export: Überschüssige Produkte wie Milch, aber auch Fleisch sollen weltweit vermarktet werden – etwa in China.

Der Bund der Milchviehhalter, die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft oder grüne Politiker wie Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) glauben dagegen nicht, dass Europas Landwirte mit riesigen Agrarfabriken etwa in den USA mithalten können.

Sie setzen auf qualitativ hochwertige Produkte – und auf sanfte Eingriffe in den Markt: Droht ein Überangebot, sollen Prämien die Bauern zur Drosselung der Produktion bewegen.

Das diese Strategie funktioniert, zeigt die Milchkrise des Jahres 2015: Reduktionsprämien sorgten für sinkende Liefermengen – die Preise stiegen prompt um rund 50 Prozent. existenzsichernd sind sie aber noch immer nicht.

(QUELLE: TAZ)

LWT-Erwachen

24. Januar 2017

„Kein verkaufsoffener Sonntag im März in Lingen“ verkündete heute, 11 Monate vor Heilig Abend, der LWT eV und begründete die Absage mit unklarer Rechtslage. Der LWT ist also gleich doppelt erwacht: einmal die LWT GmbH und dann noch der LWT eV.

Geplant hatte die LWT GmbH  „in der Tradition des Spinola Marktes für den 19. März 2017 das Lingener Frühlingserwachen“ mit „verschiedenen Aktionen“ im Stadtzentrum: vom Straßenfest in der Burgstraße über einen Bauernmarkt in der Großen Straße, einen E-Bike-Aktionstag auf dem Marktplatz und Live-Modenschauen im Lookentor sowie in der Marien- und Lookenstraße. Wie in den Jahren zuvor sollte „ein verkaufsoffener Sonntag die Veranstaltungen ergänzen“.

Rathaus„Nicht zuletzt die jüngste Verbotsentscheidung des Verwaltungsgerichts Osnabrück zu einem in Nordhorn geplanten verkaufsoffenen Sonntag hat dazu geführt, dass eine rechtssichere Planung des ´Frühlingserwachens` nicht mehr möglich ist“, gab Lingens Erster Stadtrat Stefan Altmeppen laut einer LWT-Presseerklärung am Mittwoch zu. Das hatte vor zwei Wochen noch ganz anders geklungen, als im städtischen LWT-Beirat alle geplanten vier verkaufsoffenen Sonntage vorgestellt wurden. Da zeigte sich auf Frage die LWT-Führung noch „ganz sicher“, dass der 19. März ein verkaufsoffener Sonntag sein werde.

„Aber festhalten“ will die Lingen Wirtschaft + Tourismus GmbH an den weiteren drei verkaufsoffenen Sonntagen 2017, nämlich zur Frühlings- und Herbstkirmes am 7. Mai und 1. Oktober und zum Altstadtfest am 17. September. Für die Angestellten im Lingener Einzelhandel ist es allerdings eher suboptimal, im September binnen 14 Tagen sonntags gleich zwei Mal  arbeiten zu müssen.

Allemal hat durch die, wie ich finde, richtige Entscheidung die Sonntagsruhe gewonnen, und es ist eine berechtigte Niederlage für die, die die Kommerzialisierung des siebten Tages gut finden, über den es im 1. Buch Moses, 2. Kapitel, Vers 2 und 3 heißt:

„Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.“

update: Wer es etwas weniger religiös möchte:
Das Grundgesetz (GG) schützt die Sonntagsruhe. Art. 139 der Weimarer Reichsverfassung vom 11. August 1919, der über Art. 140 GG Bestandteil des Grundgesetzes ist, bestimmt: Der Sonntag ist „Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung“. Eine Abschaffung oder eine den Sonntag in dieser Funktion grundsätzlich in Frage stellende Regelung, ist somit nicht mit der Verfassung vereinbar und entzieht sich daher einer Neuregelung durch die Landesparlamente.

Pferde­fleisch in Lasagne

23. Januar 2017

STIFTUNG WARENTEST informiert über ernsthaft drohende Konsequenzen für die Volkswagen AG aus einem jetzt gesprochenen Urteil der 3. Zivilkammer des Landgerichts Hildesheim:

Diese neue Gerichts­entscheidung könnte Volks­wagen ernst­haft in Schwierig­keiten bringen: Das Land­gericht Hildesheim hat den Konzern dazu verurteilt, den Käufer eines manipulierten Skoda Yeti zu entschädigen. Die Begründung hat es in sich: Der Konzern habe eine vorsätzliche sittenwid­rige Schädigung und Betrug begangen. Wird das Urteil rechts­kräftig, kann der Kunde seinen Wagen zurück­geben und erhält den Kauf­preis abzüglich Nutzungs­entschädigung zurück.

vwAbgas­reinigung nur im Prüf­stand

Im September 2015 gab VW zu: Bei rund 2,5 Millionen Dieselfahr­zeugen in Deutsch­land funk­tioniert die Abgas­reinigung nur im Prüf­stand korrekt. Sobald das Auto sich im Straßenverkehr in Bewegung setzt, schaltet die Motorsteuerung die Abgas­reinigung ab (alle Details im umfang­reichen FAQ Abgas-Skandal).

Vergleich mit dem Glykol-Skandal

Erst­mals nun hat ein Gericht in Deutsch­land den Hersteller direkt zum Schaden­ersatz verurteilt. Klare Ansagen der Richter in Hildesheim: Die Lieferung eines Skandal-Autos ist eine vorsätzliche sittenwid­rige Schädigung und ein Betrug am Käufer dieses Autos. Das Gericht führte in seiner Urteils­begründung aus: „Die Täuschung durch die Beklagte diente – andere Motive sind weder von der Beklagten dargelegt noch sonst ersicht­lich – dem Zweck, zur Kostensenkung (und möglicher­weise zur Umge­hung tech­nischer Probleme) recht­lich und tech­nisch einwand­freie, aber teurere Lösungen der Abgas­reinigung zu vermeiden“. Das Gericht hob auch die Verwerf­lich­keit einer Verbraucher­täuschung hervor. „Ein solches (…) Verhalten (…) ist ebenso verwerf­lich wie in der Vergangenheit etwa die Beimischung von Glykol in Wein oder Pferde­fleisch in Lasagne.

Vorstand in der Verantwortung

VW könne sich nicht damit verteidigen, dass unklar sei, ob Vorstands­mitglieder von der betrügerischen Motorsteuerung wussten. „Der Vortrag der Beklagten (= VW, Anm. der Red.), sie kläre gerade die Umstände auf, wie es zur Entwick­lung und zum Einbau der Software gekommen sei (…), ist gänzlich unzu­reichend“, schreiben die drei Richter in die Urteils­begründung. Angesichts der seit Bekannt­werden des Skandals vergangenen Zeit sei schlicht unglaubhaft, dass VW alles getan habe, um die Vorwürfe zu klären.

Kunde muss Nach­rüstung nicht akzeptieren

Nach Ansicht des Land­gerichts Hildesheim hat der Käufer eines Skandal­autos Anspruch auf Erstattung eines Groß­teils des Kauf­preises in Höhe von 26 500 Euro. Er muss sich lediglich einen Abzug für die gefahrenen Kilo­meter gefallen lassen. Keinesfalls müsse sich der Kunde mit einer Nach­rüstung und einem Wert­ausgleich zufrieden geben. Aus der Urteils­begründung: „Es besteht die konkrete Befürchtung, dass die vermehrte Rück­führung von Abgas (…) zu erhöhtem Wartungs­aufwand oder sogar zu vorzeitigen Motorschäden führen kann.“

Weitere Verurtei­lungen zu erwarten

Das Urteil werde wohl kein Einzel­fall bleiben, glaubt Rechts­anwalt Marco Rogert. Er und sein Partner Tobias Ulbrich haben das Urteil erstritten. Sie vertreten nach eigener Darstellung fast 1 000 Besitzer von VW-Skandal-Autos. Bei Parallel­verfahren in Krefeld und in Frank­furt am Main hätten die Richter bereits erkennen lassen, dass auch aus ihrer Sicht die Voraus­setzungen für die Verurteilung von VW wegen vorsätzlicher sittenwid­riger Schädigung vorliegen.

Andere Klagen bisher abge­wiesen

Andere Land­gerichte haben Klagen direkt gegen VW aus verschiedenen Gründen abge­wiesen. Mal hielten sie für nicht nachgewiesen, dass vertretungs­berechtigte Top-Mitarbeiter des Konzerns die Verantwortung trugen. Mal waren sie der Meinung, dass Käufer sich nicht auf die im öffent­lichen Interesse verabschiedeten Rege­lungen über die Abgas­reinigung berufen können. Dagegen liegen schon eine ganze Reihe von Urteilen vor, wonach Skandal-Autos mangelhaft sind und Käufer deshalb vom Vertrag zurück­treten dürfen, wenn der Händler nicht schnell genug für Abhilfe sorgt.

Verbesserte Chance für Sammelklagen

Wenn sich die Rechts­ansicht des Land­gerichts Hildesheim durch­setzt, heißt das auch: Die my-right.de-Sammelklage wird Erfolg haben. Die Juristen dort argumentieren ganz ähnlich. Erste Klagen hat das Unternehmen, das Skandal­auto-Besitzern die Wahr­nehmung ihrer Rechte gegen den Konzern ohne Kostenrisiko anbietet, bereits einge­reicht. Wie viele Auto­besitzer sich an der Klage von my-right.de beteiligen, ist unbe­kannt. Das Unternehmen sagt dazu nichts. Insider schätzen: Inzwischen haben sich die Besitzer von deutlich über 100 000 Autos angemeldet.

Land­gericht Hildesheim, Urteil vom 17.01.2017
Aktenzeichen: 3 O 139/16 (nicht rechts­kräftig)
Kläger­vertreter: Rogert & Ulbrich Rechtsanwälte, Düssel­dorf
Zur Gerichtspressemitteilung

Übrigens:
Etliche tausend Käufer klagen gegen VW und Händler. Die Rechtsschutzversicherer der Kläger zahlen bzw. übernehmen das Risiko. Die Folge: Rechts­schutz wird in Zukunft vielleicht teurer. Auch auf Kosten ihrer Kunden versuchen manche Versicherer, nicht zu zahlen. Gleich mehrere Rechts­schutz­versicherer haben sich im VW-Skandal rechts­widrig geweigert, Klagen zu finanzieren. Kunden der Arag, der Huk-Coburg, der Örag und in einem Fall auch der WGV mussten schon vor Gericht ziehen, um über­haupt Rechts­schutz zu bekommen. Sie haben sich überwiegend durchgesetzt.

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viele Tausend

22. Januar 2017

Seit sechs Monaten müssen die Banken jedem ein Girokonto anbieten – auch Menschen, denen sie es bisher verweigerten, weil sie zum Beispiel zu viele Schulden hatten oder von Hartz-IV leben. Dieses Basiskonto hat keinen Dispo.

Hartz-IV-Bezieher haben so die Möglichkeit, dass das Jobcenter Zahlungen auf ein festes Konto überweist, sie können mit Karte bezahlen und Daueraufträge einrichten. Das Basiskonto nahmen die Bedürftigen gerne an – es gibt inzwischen viele Tausend davon.

Mit der neuen Gesetzeslage können Banken Kunden nur noch aus zwei Gründen ablehnen: Wenn diese bereits ein Konto haben, oder wenn ihnen Papiere fehlen, um sich selbst und ihren Status auszuweisen.

Das Problem mit den Dokumenten betrifft vor allem Geflüchtete. Ein weiteres Konto haben insbesondere Menschen, die überschuldet sind und deren erstes Konto bereits gepfändet wurde.

Die Verbraucherzentralen sehen die Basiskonten insgesamt positiv, sagen aber, dass die Ausweispapier-Bremse für Geflüchtete und die Kontoführungsgebühren korrigiert werden müssten. Sie mahnten deshalb fünf Banken und eine Sparkasse ab.

Das dient auch dazu, einen möglichen Trick zu vereiteln: Banken könnten nämlich, wenn sie gegen ihren Willen jemand ein Konto anbieten müssen, die Gebühren für dessen Führung so hoch treiben, dass die Betroffenen sich das Konto nicht leisten können. Für einen Hartz-IV-Abhängigen sind schon 10 Euro zusätzliche Kosten pro Monat zu viel. Bei Basiskonten kamen die Verbraucherschützer manchmal auf 15-20 Euro pro Monat.

(von Dr. Utz Anhalt auf gegen-hartz.de)

Hier etwas zu kostenlosen und kostenden Girokonten (leider sind die rein emsländischen und Grafschafter Banken und Sparkassen offenbar nicht getestet)

verfassungswidrig

6. Januar 2017

verdi„Mit Beschluss vom 03.01.2017 hat die 1. Kammer des Verwaltungsgerichts Osnabrück dem Eilantrag der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) gegen die Zulassung eines verkaufsoffenen Sonntags am 08.01.2017 in Nordhorn stattgegeben. Die Stadt Nordhorn hatte durch Bescheid vom 21.12.2016 die Öffnung der Geschäfte in einem Teilbereich ihres Stadtgebiets in der Zeit zwischen 13.00 Uhr und 18.00 Uhr aus Anlass des „Nordhorner Neujahrsgrußes“ genehmigt.

Aus den schriftlichen Entscheidungsgründen vom Mittwoch folgt, dass das Gericht bereits die Rechtsgrundlage der Genehmigung, § 5 des Niedersächsischen Gesetzes über Ladenöffnungs- und Verkaufszeiten (NLöffVZG), für verfassungswidrig hält. Die grundgesetzlich garantierte Sonntagsruhe verlange nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts einen besonderen sachlichen Grund für die ausnahmsweise Geschäftsöffnung an Sonntagen. Dieser sachliche Grund könne nicht im wirtschaftlichen Umsatzinteresse der Verkaufsstelleninhaber oder im „Shopping-Interesse“ potenzieller Käufer liegen, sondern erfordere eine anlassgebende, den Sonntag prägende Veranstaltung. Die Geschäftsöffnung müsse demgegenüber in den Hintergrund treten. § 5 NLöffVZG mache die Genehmigungserteilung nach seiner Formulierung und Gesetzesbegründung nicht vom Bestehen eines solchen sachlichen Grundes abhängig und ermögliche daher zu weitgehende, mit dem Grundgesetz nicht in Einklang zubringende Ausnahmen von der Sonntagsruhe. Aus der Verfassungswidrigkeit der Rechtsgrundlage folge zwingend die Rechtswidrigkeit der Genehmigung der Stadt Nordhorn.

Der Beschluss (1 B 101/16) ist noch nicht rechtskräftig und kann binnen zwei Wochen nach Zustellung mit der Beschwerde vor dem Niedersächsischen Oberverwaltungsgericht in Lüneburg angefochten werden.“

Der Verdi-Ortsvorsitzende Peter Schulz-Oberschelp warf in den Grafschafter Nachrichten der Stadt Nordhorn, dem dortigen VVV und den Nordhorner Kaufleuten vor, sie hätten „versucht, das Urteil des Bundesverfassungsgerichts auszutricksen, um an einen zusätzlichen Verkaufstag zu kommen“ und „eine Veranstaltung um den verkaufsoffenen Sonntag herumzubauen“. Damit habe die Stadt Nordhorn vor dem Verwaltungsgericht eine „deutliche Schlappe erlitten“. Das Nordhorner Konzept habe für das Gericht den Eindruck erweckt, als Begleitprogramm „den Schein eines rechtfertigenden Anlasses für die Verkaufstätigkeit zu erzeugen“.

Die Osnabrücker Entscheidung wird auch für alle anderen Städte der Region große Bedeutung haben, die sich traditionell um die Sonntagsruhe eher keine Gedanken machen. Als in den 1990er Jahren die Lingener Sozialdemokratie gegen immer mehr Sonntagsöffnungen kämpfte, waren es gar die evangelische und die katholische Kirche, die meinten, zusätzliche verkaufsoffene Sonntage seien doch ganz ok. Mit einer solchen kirchlichen Absolution kann heute niemand mehr rechnen.

Das betrifft beispielsweise der Lingener LWT, die überwiegend von der Stadt finanzierte und abhängige Wirtschaftsförderung-GmbH, die stets so tut, als sei sie unabhängiges Sprachrohr der lokalen Kaufmannschaft. Sie erinnern sich möglicherweise, dass im vergangenen Jahr der Muttertag als verkaufsoffener Sonntag herhalten musste – schon damals habe ich mich dahin geäußert, dass dies verfassungswidrig sei, weil die Sonntagsruhe Verfassungsrang hat. Die aktuelle Entscheidung des Osnabrücker Verwaltungsgerichts, die die von der nieders. FDP unter schwarz-gelb durchgesetzte, wirtschaftsliberale  Gesesetzesnovelle in den juristischen Papierkorb wandern lässt,  bestätigt diese Einschätzung. Man darf gespannt sein, wie die LWT GmbH damit umgeht. Ignorieren wird sie sie kaum können.

(Quelle)

Neon

27. Dezember 2016

Es gab in Lingen vor 15 oder mehr Jahren eine sorgfältige Diskussion, wie man werblich auf die verschiedenen Nutzungen in der damals renovierten Halle IV des ehem. Eisenbahn-Ausbesserungswerks aufmerksam machen könne. Schließlich entschied sich der zuständige Betriebsausschuss für eine geradezu leicht wirkende Leuchtstoffröhrennutzung, die seither von vier Giebelspitzen der ehemaligen Halle in knackigem Rot in die Stadt hinein leuchtete. Das gestalterisch ambitionierte Konzept wurde vor ein paar Monaten -ohne neuerlich Diskussion, wie ich meine, und aus Gründen, die ich nicht kenne- durch platte LED-Leuchten auf weißen Tafeln ersetzt, die jedenfalls tagsüber ausgesprochen mistig aussehen und dem denkmalgeschützten Gebäude nicht gut tun.

Das Handwerk, geschwungene Neonröhren-Schriftzüge herzustellen, beherrschen wohl auch nicht mehr viele. Die neue Firma Sygns hat sich allerdings aufgemacht, das zu ändern und wieder individuelle und handgeblasene Leuchtröhren-Schriftzüge anzubieten.

Sygns mit Sitz in Berlin und Kopenhagen stellt Schriftzüge und Logos aus gebogenen Leuchtstoffröhren her. Sie vertreibt, kurz gesagt, Neon Licht Design. Dafür haben sich die Firmengründer das aussterbende Handwerk genau angesehen und im Anschluss ihre eigene Firma mit angeschlossener Glasbläserei eröffnet. Über die Website können eigene Formen und Schriften bestellt und in Auftrag gegeben werden, die nach der individuellen Vorlage in der Glasbläserei gefertigt werden. Im Anschluss werden die Schilder mit Edelgas gefüllt, das sie zum Leuchten bringt.

Neben maßgeschneiderten Anfertigungen, bietet Sygns auf seiner Website einen Leuchtschrift-Konfigurator an, mit dem sich eigene Wörter und Schriftzüge erstellen lassen. Nach der händischen Produktion (Dauer circa 2- 3 Woche) wird das „Neonsygn“ per Post zu einem nach Hause geschickt. Die Preise beginnen bei rund 200 Euro, was für eine Handfertigung nicht überzahlt ist.

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(Quelle Urbanshit)

 

wohltuend

10. Dezember 2016

Das ist mir „tatsächlich dadurch gegangen“, das ein Jahr alte Rheiner PR-Video, was sich so wohltuend von diesen platten und üblichen Stadtmarketingvideos mit Bürgermeisteransprache und Drohnenüberflug abhebt. Deshalb wohl wurde das Video nun in Berlin mit einem „Human Resources Excellence Award“ ausgezeichnet, einer Auszeichnung für herausragende Leistungen zukunftsfähiger Personalarbeit. Über die Ehrung in der Kategorie Arbeitgebervideo freuen sich die Preisträger EWG und die (Rheiner) Werbeagentur concept X. Glückwunsch an die Nachbarn im Süden für ihre Kreativität.

verbesserungswürdig

5. Dezember 2016

Als der frühere Oberbürgermeister Hans Klukkert mir vor 35 Jahren eine Bürofläche im jetzigen Haus Heilemann vermietete, war seine Mietforderung ausgesprochen moderat. Da habe ich ihn erstaunt nach dem Warum gefragt und er erwiderte: „Es müssen alle leben können, Mieter wie Vermieter!“ Das sehen einzelne Vermieter längst anders. Deshalb ist natürlich an der Kritik an überhöhten Mieten im Lingener Stadtzentrum etwas dran, wenn sie mir auch bisweilen allerdings reichlich pauschal erscheint. Höre ich nämlich von Monatsmieten für Klamottenläden mit B-Ware, die in der Marienstraße 7.000 Euro zahlen, oder an eine Gastronomie am Markt denke, die gar fast 9.000 Euro monatlich abdrücken musste, dann kann man das gar nicht anders sehen.

Es ist natürlich auch stets eine Frage der Persönlichkeit des jeweiligen Vermieters, wenn der Eindruck entsteht, dass bestimmte Leute den Hals nicht vollkriegen.  So scheint mir vor allem im Bereich des Magnolienhains am Beginn der Burgstraße ein Miethöhenvirus zu grassieren, der selbst vor fleißigen Familienmitgliedern nicht haltmacht. Die Fleischerei beispielsweise gab auf, weil Fleischermeistervater noch mehr Miete verlangte und Fleischermeistersohn das beim besten Willen nicht zahlen wollte; auch das Trendhouse erhielt eine nachdrückliche Aufforderung für mehr Miete vom Vater der Einzelhändlerin (hier die geschönte  offizielle Version in der lokalen Tageszeitung mit verständnisvollem Kommentar) und auch auf der Ecke gibt es deshalb gerade einen Räumungsverkauf in Sachen Damenoberbekleidung, weil die Miete erhöht werden sollte und das Unternehmen das nicht mitmachen wollte. Was tun hiergegen? Nicht nur ich bin für Vorschläge dankbar.

Trotz allem bleibt gerade in diesen weihnachtlichen Tagen diese Empfehlung, die nur von der Zeichensetzung verbesserungswürdig ist:

stadtlebt.

unheilige Allianz?

30. November 2016

Eine unheilige Allianz? Das sagt -ganz ohne Fragezeichen- der schleswig-holsteinische Grünen-Politiker Robert Habeck zur Behandlung der Leiharbeiter durch Arbeitgeber und Gewerkschaften. Über die Reform der Leiharbeit berät der Bundesrat am Freitag. Schleswig-Holsteins Vize-Ministerpräsident Robert Habeck (Foto) forderte nun in einem Gastbeitrag im Tagesspiegel-online, der DGB müsse seine Tarifpolitik ändern.

„… Eine Gleichbehandlung der Leiharbeitskräfte beim Lohn scheitert, aber regelmäßig daran, dass die Bundesregierung in unheiliger Allianz die Interessen der Arbeitgeber und die Interessen der mächtigen robert_habeckIndustriegewerkschaften vertritt. Und beide Gruppen wollen in Wirklichkeit keine Gleichbehandlung der Leiharbeitskräfte beim Lohn. Die Gewerkschaften machen das Gegenteil von dem, was sie eigentlich müssten: nämlich die Interessen der Leiharbeitskräfte zu vertreten. Durch Billiglöhne versorgen sie  die Industrie weiter mit kostengünstigen Randbelegschaften. Bei Bedarf können sie schnell auf- und abgebaut werden. (…)

Es ist ja legitim und richtig, dass die Gewerkschaften sich für die Arbeitsplatzsicherheit ihrer Stammbelegschaften einsetzen. Aber an einem System, das die Absicherung der Stammbelegschaften nur über ein Zweiklassensystem ermöglicht, ist etwas faul. (…)

Der DGB sollte also die Tarifrunde nutzen und seinem eigenen Schlachtruf folgen: gleicher Lohn für gleiche Arbeit in der Leiharbeit. Ausreden, dass die Gewerkschaften nur einen kleinen Einfluss auf die Leiharbeitsbranche haben, da nur ein kleiner Teil der Leiharbeitskräfte organisiert ist, sind faule Ausreden. Die Gewerkschaften könnten auf einen Schlag eine Gleichbehandlung von Leiharbeitskräften und Stammbelegschaften erreichen. Der DGB und die Mitgliedsgewerkschaften müssten nur den Leiharbeits-Tarifvertrag kündigen, den sie selbst geschaffen haben…“

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(Foto Robert Habeck CC BY-SA 3.0)