Blau

7. September 2021

Alle blau oder was? So klapp’s auch mit dem Bücherkauf, lese ich bei Notes of Berlin. Bei der Gelegenheit grüße ich herzlich in die Clubstraße.

Wir suchen!

27. Juni 2021

Kurz in eigener Sache; denn bisher hat es noch nicht geklappt: Unsere, 1978 gegründete Rechtsanwalts- und Notariatskanzlei in Lingen (Ems) sucht immer noch zum 1. August 2021

eine/n Auszubildende/n 
zum/zur
Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten

Als Rechts­anwalts- und Notarfach­an­ge­stellte/r (ReNo) bist du mitten in der Steuerungs­zentrale einer Anwaltskanzlei.

Du bist verant­wortlich für:

  • den Kontakt mit Menschen, denen wir helfen,
  • den Schriftverkehr mit Gerichten, Mandanten und anderen Kanzleien,
  • die Kontrolle und Einhaltung von Fristen und Zeitvorgaben,
  • die Koordination von Terminen,
  • die Organisation und Verwaltung der Kanzlei.

Du bist ein kluger Kopf und bringst mit

  • Selbständigkeit,
  • Teamfähigkeit
  • Konzentrationsfähigkeit,
  • Sorgfalt,
  • Diskretion,
  • Organisationstalent.

Die wichtigsten Fakten zur Ausbildung:

  • Offizielle Berufsbezeichnung: Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte/r
  • Ausbildungsdauer: von 2021 bis 2024
  • Ausbildungsform: Duale Ausbildung in der Kanzlei und in der Berufsschule, außerschulische Fortbildung,
  • Prüfung: vor der Rechtsanwaltskammer,
  • Ausbildungsort: unsere Rechtsanwaltskanzlei in Lingen (Ems),
  • Schulische Voraussetzungen: grundsätzlich mindestens mittlerer Schulabschluss, allgemeine Hochschulreife oder Fachabitur,
  • Persönliche Eignung: sorgfältiges und selbständiges Arbeiten, Teamfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, gutes Deutsch in Wort und Schrift, Interesse an Rechtsfragen, gute Umgangsformen, Verschwiegenheit,
  • Gute Beschäftigungsmöglichkeiten: bei Anwälten und Notaren, aber auch in der Justiz, bei Banken, Versicherungen und Immobilienunternehmen sowie in der öffentlichen Verwaltung.

Interesse? Dann bitten wir um eine Kurzbewerbung an wessling(at)koop.de . Wir melden uns anschließend sofort.

Historischer Sieg

29. Mai 2021

Am Mittwoch dieser Woche hat das Langericht in Den Haag im Klimaschutzprozess gegen den Öl-Giganten Shell ein historisches Urteil gesprochen. Zum ersten Mal muss ein Konzern Verantwortung für seine CO2-Emissionen und die Klimakrise übernehmen. Das Gericht gab den Umweltschützer:innen Recht, die geklagt hatten, weil Shell aufgrund umfangreicher Investitionen in fossile Brandstoffe gegen globale Klimaziele verstoße. Der Ölkonzern müsse sich an die im Pariser Klimaschutzabkommen formulierten Klimaschutzziele halten. Konkret bedeutet dies, dass Shell seine CO2-Emissionen bis 2030 um 45 Prozent senken.

Die Klage gegen Shell haben sieben Umweltschutzgruppen u.a. Milieudefensie und Greenpeace sowie 17.300 Bürger:innen erhoben. Grund für die Klage war, dass Shell als größter Umweltverschmutzer der Niederlande mit den Investitionen in den Abbau von fossilen Energieträgern das Recht auf Leben gefährde und damit gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstoße. Zudem sei den Verantwortlichen bei Shell bereits seit 1988 die Gefahr der Treibhausgase bekannt, jedoch habe das Unternehmen keine weitreichenden Konsequenzen gezogen.

Der Öl- und Erdgaskonzern Shell hatte die Forderungen der Kläger:innen zurückgewiesen, da sich das Unternehmen laut eigenen Angaben zum Klimaschutz verpflichtet habe. Doch dem niederländischen Gericht war die im Februar verschärfte Nachhaltigkeitspolitik des Unternehmens nicht konkret genug. Als großer Umweltverschmutzer dürfe Shell seine Pläne zudem nicht von der Geschwindigkeit abhängig machen, in der der Rest der Gesellschaft nachhaltiger wird. Auch das Argument, dass wenn Shell sich vom Verkauf fossiler Brandstoffe zurückziehe andere Unternehmen seinen Platz einnehmen würden, ließ das Gericht nicht gelten, da die anderen Unternehmen ebenfalls zum Klimaschutz verpflichtet seien.

Das Urteil des niederländischen Gerichts zwingt Shell und seine 1.100 Tochterunternehmen, welche in rund siebzig Ländern weltweit aktiv sind, sowie Zulieferer und Endabnehmer sich mehr für den Klimaschutz zu engagieren und die CO2-Emissionen zu verringern. Bis zum Jahre 2030 muss Shell den Ausstoß von Treibhausgasen um 45 Prozent verringern, im Vergleich zum Jahre 2019. Da das Unternehmen gerichtlich zum Klimaschutz verpflichtet wurde, sind die Verpflichtungen auch einklagbar. Jedoch hat Shell auch einen gewissen Spielraum bei der Reduktion der CO2-Emissionen. Das Unternehmen kann von Möglichkeiten der CO2-Kompensation wie das Pflanzen von Bäumen oder das Speichern von CO2 Gebrauch machen, wodurch es weiterhin Öl und Gas fördern könnte.

Mit dem Urteil des Gerichts in Den Haag wurde ein Präzedenzfall geschaffen, da zum ersten Mal ein multinationaler Konzern im Kampf gegen die Klimakrise erfolgreich verklagt wurde. Diese Klage gilt zudem als wegweisend, da zum ersten Mal ein Unternehmen für die zukünftigen Folgen des Klimawandels zur Verantwortung gezogen wird. Damit stehen die Interessen der Gesellschaft und der zukünftigen Generationen stärker im Mittelpunkt. Bisher ging es bei Klimafällen immer um bereits entstandene Schäden.

Beobachter des Prozesses erwarten, dass Umweltorganisationen das historische Urteil nutzen werden, um Ölkonzerne weltweit via Gericht zu mehr Klimaschutz zu zwingen. Wenn weitere Ölkonzerne verurteilt werden, könnte das Urteil aus Den Haag ein frühzeitiges Ende des Ölzeitalters einleiten. Zudem könnte dieses Urteil auch als Weckruf bei den Unternehmen fungieren, sodass diese selbst effektivere Selbstverpflichtungen zum Klimaschutz setzen und diese strenger befolgen.

(Quelle: Niederlande.Net, 27.05.21)

stümperhafter Einkauf

25. April 2021

Ralf Rottmann („@falf“ ist ehemaliger Tech-Startup-Gründer, Angel Investor und hat eine Leidenschaft für netzpolitische Themen. Es ist ein vehementer Kritiker von Luca und betreibt auf luca.denken.io eine Übersicht der Nutzung durch die Gesundheitsämter. Er wirft in einem Gastbeitrag auf netzpolitk.org den Bundesländern stümperhaften Einkauf vor.

Die meisten Bundesländer haben bereits Verträge mit Luca unterschrieben. Ralf Rottmann fragt, warum sie für eine Jahreslizenz der App bereits vorab und pauschal Millionen von Euro an das junge Unternehmen zahlen – statt auf nutzungsabhängige Preismodelle zu bestehen, wie sie in der Branche üblich sind.

Dank kräftiger Werbung durch den prominenten Investor Smudo konnte das frisch gegründete Start-up culture4life binnen wenigen Monaten über 20 Millionen Euro an Steuergeldern von unterschiedlichen Bundesländern einsammeln.

Zu Beginn dieser Woche versandte die culture4life GmbH einen elektronischen Rundbrief. Dafür nutzten die Luca-Macher den US-amerikanischen Dienst Mailjet. Bis zu 6.000 E-Mails pro Monat kosten dort nichts. Bis zu 30.000 gibt es ab 8 Euro im Monat.

Beim Einkauf von IT-Dienstleistungen setzt Luca konsequent auf nutzungsabhängige Preismodelle, die entlang der Strategie des „pay as you grow“ als Software-as-a-Service (SaaS) bezeichnet werden. Die Kundin wird erst dann zur Kasse gebeten, wenn der Service auch wirklich nennenswert genutzt wird.

Umso verwunderlicher ist es, dass Luca die Vorteile aus dem eigenen, bedarfsgerechten Einkauf von Ressourcen und Dienstleistungen nicht an die Steuerzahler weitergibt. Nicht nur verwunderlich, sondern in höchstem Maße ärgerlich ist, dass die Einkäufer in den Bundesländern dieses Modell nicht hart eingefordert haben.

Die Sorglosigkeit, mit der Steuergelder in der Causa Luca zum Kauf von Lizenzen verwendet werden, erklärt die immer lauter werdenden Zweifel an der Einhaltung von Vergaberichtlinien.

SaaS-Modelle sind beim Einkauf von IT-Diensten inzwischen aus gutem Grund Standard:

Nutzungsabhängige Preismodelle verteilen das Risiko gleichermaßen auf Verkäuferin und Käufer. Ist der Käufer mit einem Dienst erfolgreich, partizipiert auch der Verkäufer anteilig. Bleibt der Service, zum Beispiel mangels Qualität, aufgrund gravierender Sicherheitsprobleme, bei fehlendem tatsächlichem Nutzen oder einfach nur aufgrund einer Fehleinschätzung eines Marktes weitestgehend ungenutzt, stehen dem keine hohen Vorabinvestitionen auf Käuferseite gegenüber. Das Start-up Luca hat jedoch das gesamte Investitionsrisiko einseitig auf die Steuerzahler verteilt. Das bedeutet auch: Je weniger Luca sich durchsetzt, umso höher der Profit für die Investoren, weil sie umso weniger tatsächliche Leistung erbringen und einkaufen müssen.

Zum guten Ton in jeder Einkaufsverhandlung gehört es, nach direkten Kontakten zu Referenzkunden zu fragen. Doch gerade junge Start-ups können oft keine lange Liste erfolgreicher Projekte aus der Vergangenheit vorweisen. Kauft man also die sprichwörtliche „Katze im Sack“, versteht es sich nahezu von selbst, dazu nicht auch noch übermäßig in Vorleistung zu gehen. Verständlich, dass Luca keine Erfahrungswerte ins Feld führen kann. Unverständlich, dass man dem Vertriebsteam vollständig blind und in vorauseilendem Gehorsam folgt.

Nutzungsabhängige Preismodelle unterstreichen das Vertrauen des Anbieters in die eigene Lösung. Verkäufer, die ihre Lizenzen gerne vollständig im Voraus bezahlen lassen, lösen bei geübten Einkäufern Alarmsirenen aus. Wer unabhängig vom tatsächlichen Nachweis des Wertes eines angebotenen Dienstes zügig und schnell Kasse machen will, glaubt wahrscheinlich selbst nicht an die Versprechen auf den eigenen PowerPoint-Folien. Zum guten Ton gehören in solchen Fällen dann zumindest längere Erprobungszeiträume, für die keine hohen Kosten anfallen. Von Luca sind öffentlich keinerlei Vereinbarungen zu kostenlosen Testphasen für die einkaufenden Bundesländer bekannt. Das Unternehmen kassiert anscheinend gern zügig per Vorkasse ohne Skonto.

SaaS zwingt den Anbieter zur transparenten Dokumentation der tatsächlichen Nutzung. Hängt der wirtschaftliche Erfolg des Verkäufers direkt am messbaren Mehrwert der geschaffenen Lösung, ist dieser intrinsisch motiviert, über die Nutzung kontinuierlich Auskunft zu erteilen. Alle IT-Systeme – auch solche, die vorgeben, Ende-zu-Ende-Verschlüsselung umzusetzen – liefern dazu verwendbare Metriken. Während die Schnittstellen des Luca-Systems eine verschwindend geringe Nutzung durch die Gesundheitsämter vermuten lassen (der Autor scraped diese Metriken von den Luca-APIs und tabelliert sie hier), hält sich der Anbieter selbst bedeckt. Fragen zu Anzahl der Check-ins, Anzahl und Verteilung von Kontaktverfolgungsanfragen und deren jeweiligem Erfolg oder nach der tatsächlich messbaren Effizienzsteigerung bei den Gesundheitsämtern beantwortet Luca nicht. Das wirft die Frage auf: Was gibt es zu verbergen?

In den 80er und 90er Jahren hörte man als Argument für vorab zu bezahlende Unternehmenslizenzen vom Verkauf häufig, damit würden anteilig die hohen Anfangsinvestitionen abgegolten. Selbst wenn man Luca eine geringfügige Vorleistung zugesteht – an Luca arbeiteten in dem 2020 gegründete Unternehmen nach eigenen Angaben erst seit einigen Wochen mehr als ein Dutzend Entwickler:innen – rechtfertigen sie in keiner Weise die steuerfinanzierte Investition nördlich der 20 Millionen Euro. Gleichzeitig macht das Luca-System bei unabhängigen Prüfungen und im Testbetrieb bei weitem nicht den Eindruck, bereits fertig zu sein.

Von Luca selbst ist bekannt, dass Vorleistungen konsequent in elastischen Preismodellen eingekauft werden. Dank des stümperhaften IT-Einkaufs durch einige Bundesländer wird das Geschäft für Luca also genau dann besonders profitabel, wenn es tatsächlich kaum jemand nutzt. In zahlreichen Bundesländern ist das Kind bereits in den Brunnen gefallen. Kaufen weitere Bundesländer Luca nutzungsunabhängig ein, darf man das durchaus als fahrlässig bezeichnen.


Ein Beitrag auf Netzpolitik.org – Creative Commons BY-NC-SA 4.0.

 

Bekanntlich will die Betreiberin der Lingener Brennelementefabrik, der französische Framatome-Konzern, den Einstieg des russischen Atomkonzerns Rosatom in die eigene Brennelementeproduktion. Zu diesem geplanten Geschäft zwischen den beide internationalen Konzernen für die Produktion von nuklearen Brennelementen im Lingener Werk ANF sind am Wochenede weitere Details bekann geworden. Jetzt regt sich Widerstand:

Wie DER SPIEGEL am Wochenende berichtete,sollen 25% des Lingener Unternehmens an TVEL, ein Tochterunternehmen des russischen Staatskonzerns Rosatom, verkauft werden. Für ANF, deren Auslastung bei der Produktion von Brennelementen in den letzten Jahren nach eigenen Angaben bei nur 30% bis 40% lag und deren Betrieb in den vergangenen Jahren wirtschaftlich oft nur durch „Verlustübernahmen“ ermöglicht werden konnte, ist der Russland-Deal ein willkommenes Rettungsmanöver.

Rosatom produziert aber nicht nur für die zivile Nutzung der Atomkraft, sondern leitet auch die militärische Atomindustrie des Landes. Verflechtungen gibt es auch mit der Politik: dem Medienbericht zufolge stammt das radioaktive Gift Polonium-210, mit dem der russische Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko 2006 ermordet wurde, mutmaßlich aus dem TVEL-Standort Majak.

Die Entscheidung über das Atomgeschäft liegt nun beim Bundeswirtschaftsministerium, das die Angelegenheit nach Anfrage von Bundestagsabgeordneten allerdings zur Geheimsache erklärt hat.

„Wenn man bedenkt, dass Russland in den letzten Jahren hunderte Tonnen Atommüll von der Uranfabrik Urenco aus dem westfälischen Gronau angenommen hat erscheint eine Entscheidung des BMWi gegen den russischen Einstieg in Lingen aber eher unwahrscheinlich“, so Alexander Vent vom Antiatom-Bündnis Bündnis AgiEL. „Es ist zu befürchten, dass der sogenannte Atomausstieg in Lingen nicht stattfinden wird. Ganz im Gegenteil, die Atomindustrie wird hier sogar weiter ausgebaut.“

„Was wollen die Atomkonzerne und die Bundesregierung vor der Öffentlichkeit verbergen?“ fragt Heide Maria Kuhnert (Bündnis AgiEL). „Die Bürgerinnen und Bürger haben doch ein berechtigtes Interesse daran zu erfahren, welche Atom-Pläne Frankreich und Russland in unserer Stadt haben. Viele glauben immer noch, mit dem Aus des AKW Ende 2022 wäre die Atomindustrie in Lingen Geschichte, doch das ist leider völlig falsch. Lingen bleibt vom Atomausstieg ausgenommen, die Pläne der Atomfirmen sind geheim, die Öffentlichkeit soll möglichst gar nichts darüber erfahren, was hier wirklich los ist“, so Kuhnert weiter. „Die Bevölkerung darf aber nicht ausgeschlossen werden, wenn es um ihre Zukunft und die Zukunft ihrer Stadt geht!“

Alexander Vent ergänzt: „Wir haben nach den verheerenden Atomkatastrophen in Tschernobyl und Fukushima erkannt, dass Atomkraft nicht beherrschbar ist. Der bundesdeutsche Entschluss zum Atomausstieg war die einzig richtige Konsequenz. Wenn framatome und bald auch Rosatom dafür sorgen, dass Atomkraftwerke in aller Welt, und seien sie noch so alt und marode wie die Meiler in Doel und Tihange (Belgien), Borssele (Niederlande) und Leibstadt (Schweiz), mit nuklearem Brennstoff „made in Lingen“ versorgt werden, dann ist der sogenannte Ausstieg nichts weiter als eine Farce und an Verantwortungslosigkeit kaum zu übertreffen.“

„Anstatt hier Zukunftspläne für neue Geschäfte zugunsten der französischen und russischen Atomindustrie zu schmieden müssen die Brennelementefabrik in Lingen und die Uranfabrik im nahegelegenen Gronau endgültig geschlossen werden! Wir werden deshalb zeitnah zu neuen Protesten aufrufen,“ so Gerd Otten vom Elternverein Restrisiko Emsland.

Am Mittwoch, 21.4.2021, 15Uhr, findet vor der „Halle IV“ an der Kaiserstaße in Lingen eine Protestaktion gegen den Atom-Deal mit Russland und für einen konsequenten Atomausstieg auch in Lingen statt. Bündnis AgiEL und Elternverein Restrisiko Emsland rufen die Bürgerinnen und Bürger zur Teilnahme auf.

(Quellen: SPIEGEL, PM)

 

10 Jahre

26. März 2021

Vor etwa 10 Jahren bekam der jüngst verstorbene Kaufmann Bernhard van Lengerich in seiner Wohnung an der Lindenstraße Besuch. Führende Leute der CDU und der damals noch nicht so lang im Amt befindliche Oberbürgermeister versuchten, ihren Gastgeber van Lengerich davon zu überzeugen, keine Einwände gegen die vor dem Neubau stehenden EmslandArena zu erheben. Schließlich versprachen sie ihm in die Hand, einen lukrativen Neubau bzw Anbau zu seinem BvL-Haus zu genehmigen, wenn er in Sachen EL-Arena still halte.

In der vergangenen Woche hat der Planungs- und Bauausschuss unserer Stadt zugestimmt, den damals versprochenen Anbau auf einem zu einem Großteil städtischen Grundstück zu ermöglichen. Zuvor hatte bereits der Grundstücksbewertungsausschuss des Katasteramts in einem unfassbar hanebüchenden Gutachten festgelegt, dass die notwendigen städtischen Grundflächen nur rund 90 Euro pro Quadratmeter wert seien. Eine grotesk falsche Bewertung, wie man zwanglos erkennt, wenn man weiß, dass das direkte Nachbargrundstück für das Vierfache dieses Preises dem Investor verbindlich angeboten wurde. Oder dass die Neubaugebiete der Stadt mehr als das Doppelte für Wohnbauflächen kosten. Dabei ist der Investor längst nicht mehr die Familie van Lengerich sondern eine niederländische Investmentgesellschaft. Kurzum: Es ist nur schlimm und wird der längst gebeutelten Lingener Innenstadt einen weiteren Stoß versetzen. So etwas ist übrigens die direkte Folge von geheimen, politisch motivierten Zusagen einerseits und unqualifizierter Führung im Rathaus; OB Krone hatte und hat nämlich von Stadtentwicklung keine Ahnung. Und in der CDU hatten und haben Ortsratsfürsten aus ländlichen Ortsteilen das Sagen, denen das Stadtzentrum gleichgültig ist.

„Wir müssen unsere Städte ein Stück weit neu erfinden und auch neu entdecken“, sagte in dieser Woche Raumplaner Frank Osterhage vom Dortmunder Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung in einer digitalen Konferenz des niedersächsischen Regionalministeriums am Donnerstag. Damit meinte er nicht Ortsteile von Mittelstädten. Schon vor Corona seien viele Innenstädte leerer geworden, so Osterhage. Eine bessere Aufenthaltsqualität, etwa mit mehr Grünflächen, ansprechenderen digitale Angebote sowie einer vielfältigeren Nutzung, zu der neben Geschäften auch Gastronomie, Ärzte und Wohnungen gehörten. Zudem gewinne die Anbindung an den Nahverkehr im Vergleich zur Erreichbarkeit mit dem Auto an Bedeutung. Viele Städte arbeiteten bisher nicht strategisch, sagte Axel Priebs von der Akademie für Raumentwicklung in Hannover. Die Abstimmung der Öffnungszeiten oder die Modernisierung des öffentlichen Raums beispielsweise seien vernachlässigt worden. Priebs sprach zudem von einer oftmals katastrophalen Online-Präsenz des stationären Handels.

Wie das Ende einer Innenstadt geht, kann man in Lingen (Ems) längst an jeder Ecke sehen. Die Spezialgeschäfte schließen, eine Moschee belastet die nördliche Innenstadt und in Lingen werden Spezialgeschäfte durch großflächige Handelsbetriebe außerhalb des Stadtzentrums ersetzt. Beispielsweise durch das über den Grundstückspreis mit rund 1 Million Euro subventionierte, von CDUSPD goutierte „Fachmarktzentrum“ bei BvL. Mit solchen Vorhaben presst man die Menschen aus ihrem Zentrum, und unsere Stadt bekommt Leerstände in einem entvölkerten Stadtzentrum ohne Perspektive. Es wird Jahrzehnte und viel (Steuer-)Geld kosten, die Fehler dieser Krone-Jahre wieder rückgängig zu machen. Wenn es überhaupt geht.

 

Dann…

9. März 2021

…freuen wir uns doch mal richtig. Herzliche Glückwünsche in die Kivelingstraße und den Tipp, dass es am Gründonnerstag in der als No. 1 und auch sonst ausgezeichneten Kornblume alle Weine mit 20% Nachlass gibt.

Gestern gab es nach SchachtbauGazdeFranceSuezNeptune zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres eine Fiasko-Nachricht aus dem Rathaus, nämlich diese:

Liebe Ratskolleginnen und -kollegen,

die anliegende Presseinformation „Dralon-Standorte in Dormagen und Lingen werden geschlossen“ habe ich heute Nachmittag leider erhalten.

Diese leite ich Ihnen hiermit zur Kenntnis weiter. Die Wirtschaftsförderung steht in Kontakt zur Geschäftsführung.
Mit freundlichem Gruß
Dieter Krone
Oberbürgermeister

Jetzt frage ich mich, weshalb nicht der Oberbürgermeister selbst sondern „die Wirtschaftsförderung in Kontakt steht“ und was „in Kontakt steht“ heißt.  Aber was weiß ich schon.

Der gründliche Bericht von LT-Mann Thomas Pertz über das Dralon-Aus ist hier abrufbar. Er schließt mit den Worten:

Der Aufbau einer Karbonproduktion, der mehrere Jahre im Gespräch war, und in die Dralon 150 Millionen Euro investieren und 80 neue Arbeitsplätze in Lingen schaffen wollte, ist nicht realisiert worden.

Einmal mehr kam viel heiße Ankündigungsluft aus dem Rathaus, wie der Link zeigt. Jetzt erfuhr OB Krone das Aus der Kunststoffproduktion und dies offenbar per übersandter Pressemitteilung.  Diese setzt sich inhaltlich -sagen wir- etwas ab von der veröffentlichten Unternehmensphilosophie. Auf der Internetseite liest man nämlich:

Mit dralon® nachhaltig in die Zukunft
Verantwortungsvolle Unternehmensführung, soziale Gerechtigkeit und engagierter Umweltschutz sind unser Antrieb
Durch nachhaltiges Handeln in der Unternehmensführung wollen wir konkurrierende Ziele bei Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft in Balance und Kontext bringen.

Die ökonomische Nachhaltigkeit stellt das Postulat auf, dass die Wirtschaftsweise so angelegt ist, dass sie dauerhaft eine tragfähige Grundlage für Erwerb und Wohlstand bietet. Von besonderer Bedeutung ist hier der Schutz wirtschaftlicher Ressourcen vor Ausbeutung.

Die ökologische Nachhaltigkeit umschreibt das Ziel, Natur und Umwelt für die nachfolgenden Generationen zu erhalten. Dies umfasst den Erhalt der Artenvielfalt, den Klimaschutz, die Pflege von Kultur- und Landschaftsräumen in ihrer ursprünglichen Gestalt sowie generell einen schonenden Umgang mit der natürlichen Umgebung.

Soziale Nachhaltigkeit versteht die Entwicklung der Gesellschaft als einen Weg, der Partizipation für alle Mitglieder einer Gemeinschaft ermöglicht. Dies umfasst einen Ausgleich sozialer Kräfte mit dem Ziel, eine auf Dauer zukunftsfähige, lebenswerte Gesellschaft zu erreichen.

Hierzu gehören:

verantwortungsvolle Unternehmenssteuerung
soziale Gerechtigkeit
engagierter Umweltschutz

Das lass ich mal so stehen.

(Das Dolan-Werk im bayerischen Kehlheim wird übrigens nicht geschlossen, sondern verkauft. Die Dralon-Tochter arbeitet offenbar profitabel. Mehr…)


Foto: Facebook

 

Wasserstoff, grün

28. Februar 2021

Ende Januar warb der große deutsche Energiekonzern E.ON in einer Pressemitteilung dafür, mit grünem Wasserstoff zu heizen – das sei der kostengünstigste und sozial ausgewogenste Weg zum Klimaschutz bei der Wärmeversorgung, habe eine Studie ergeben (die E.ON praktischerweise gleich selbst durchgeführt hat). Mit grünem Wasserstoff könne man energetische Sanierungen und die damit verbundenen Mietsteigerungen vermeiden. Schön für den Versorger, weil er so seinem Geschäft mit dem Transport und Vertrieb von Brennstoffen für den Heizungskeller eine Zukunft geben kann.

Auch in anderen Branchen setzen Akteure auf grünen Wasserstoff, um ihre bestehenden Geschäftsmodelle zu sichern. Die Autoindustrie zum Beispiel, die so den Verbrennungsmotor retten will (und damit bei der Bundesregierung sperrangelweit offene Ohren findet, wie die jüngsten Beschlüsse zur Umsetzung der europäischen Erneuerbare-Energien-Richtlinie RED II zeigen).

Und auch auf den politischen Ebenen -ganz besonders im südliche Emsland um Lingen herum- überschlägt man sich mit der PR für all den grünen Wasserstoff, der in Zukunft alle Probleme lösen wird. Nun, all das schient bei näherem Hinsehen ausgesprochen naiv.

Im Spiegel hat Wissenschaftsredakteur Kurt Stukenberg darüber geschrieben, dass der überall gehypte, „breite“ Einsatz von Wasserstoff ein Irrweg ist. Wasserstoff ist mitnichten Allheilmittel für den Klimaschutz. Bei dessen Erzeugung geht nämlich viel Energie verloren. Das macht ihn zum einen sehr teuer. Vor allem aber benötigt man enorme Mengen an Ökostrom, um nennenswerte Volumina an Wasserstoff zu produzieren.

Schon heute, so Stukenberg, reichen die anvisierten Erneuerbare-Ausbaupfade bei Weitem nicht aus, um die Ziele für 2030 zu erreichen.

„Wer von Wasserstoff träumt, muss in erneuerbare Energien investieren und deutlich schneller ausbauen als bisher“,

zitiert er Claudia Kemfert vom wahrlich nicht progressiven Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Wo immer möglich, sollte der Ökostrom direkt genutzt werden, statt den Umweg über Wasserstoff zu gehen. Das vermeidet die hohen Effizienzverluste. Also: Elektroautos statt Benziner mit synthetischem Kraftstoffe im Tank. Und Wärmepumpen statt Wasserstoff im Heizkessel. Der Wasserstoff sollte denjenigen Anwendungen vorbehalten bleiben, die sich nicht elektrifizieren lassen, der Stahlindustrie zum Beispiel oder dem Flug- und Schiffsverkehr.

Alles weitere dazu findet sich hier im SPIEGEL, den man tatsächlich bisweilen noch lesen kann und auch muss, um manch euphorischen Jublern nicht auf den Leim zu gehen.

ps Bei uns in Lingen soll eine dutzende Meter breite Strom-Schneise von der A 31 nördlich Wietmarschen-Lohne quer durch die Wälder im Lohner Sand und der nördlichen Elberger Schlipse geschlagen werden, um dann den Bereich östlich der Bahnstrecke in Darme zu erreichen und den dortigen Endmoränen den Garaus zu machen. Auf vielen Hektar zwischen Bundesbahnstrecke und Bärlocher Chemie soll eine für den „grünen“ Wasserstoff notwendige Konverterstation entstehen, plant Amprion. Vielleicht aber sollte auf die ökologischen Kosten genauer geachtet werden?


Grafik burlesonmatthew auf pixabay
Quelle Ralph Diermann auf piqd