Am vergangenen Dienstag hat das NDR Radio Niedersachsen unter dem Sendeformat „Jetzt reicht’s! – Rennen für Ringe und Hakenkreuz“ eine Diskussion über das geplante Rosemeyer-Beinhorn-Museum veranstaltet. Den Zusammenschnitt findet sich hier.

Die Veranstaltung selbst enthielt einige besonders tumb-gestrige, die Geschichte mit Füßen tretende Aussagen. So sagte der ehem. Berufssoldat Hans-Wolfgang Biermann, an den Vorsitzenden des Forum Juden Christen Dr. Heribert Lange gewandt: „Der erzieherische Wert des Bernd-Rosemeyer-Museums ist größer als alle Ihre Stolpersteine zusammen.“

Bernd Rosemeyer junior, eingespielt von außerhalb, meinte: „Die SS war am Anfang ‚eine positive Geschichte'“.

Pro-Rosemeyer-Gedenkstätte hat sich Werner Dietrich bereits in Leserbriefen geäußert. Am vergangenen Dienstag dann dies: „Bernd Rosemeyer starb, bevor die Untaten der SS begannen. Er lehne daher eine „kritische Beleuchtung“  Rosemeyers ab.

Man sollte diese NDR-Veranstaltung nicht zu ernst nehmen. Aber ich sage auch mit allem Nachdruck: Wehret den Anfängen!

Ich frage mich, weshalb man angesichts dessen für einen im besten Fall opportunistischen Sportler in der SS, eine museale Gedenkstätte will. Ich verstehe nicht, weshalb hier so geschichtslos argumentiert wird. Jeder Satz der Herren Biermann, Rosemeyer jun., oder Werner ist ein Schlag ins Gesicht der SS-Opfer.

In einem Bericht über die NDR-Veranstaltung in der Lingene Tagespost lese ich von all dem nichts. Mir liegt eine Information vor, dass der anwesende LT-Redakteur Carsten von Bevern diese Äußerungen nicht gehört habe. Nun, sie sind für jede/n im Radiomitschnitt zu hören. Anders als der bornierte Zuruf Biermanns Richtung Heribert Lange: „S-i-e nehme ich doch überhaupt nicht ernst…“

Der ehem. Lehrer Paul Haverkamp hat jetzt dies zum Thema geschrieben:

  1. Ja, die Stadt Lingen benötigt ein Museum, und zwar zur Ehrung der Personen, die von den Nazis
  • strafversetzt, zwangspensioniert bzw. ihrer Ämter enthoben wurden
  • gedemütigt und gequält wurden – bis in den Tod
  • abgesetzt und verunglimpft wurden
  • sich nicht haben einschüchtern lassen und die sich schützend vor Jugendliche gestellt haben
  • sich nicht davon haben abbringen lassen, ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt haben, um Juden vor dem Massaker der SS zu bewahren.
  1. Ja, die Stadt Lingen benötigt ein Museum, um das Verhalten all derjenigen zu würdigen,
  • die im Stillen, im Geheimen zu den von den Nazis in Lingen gedemütigten und ihrer Menschlichkeit beraubten Juden und allen anderen Verfolgten unter Gefährdung ihres eigenen Lebens gestanden und ihnen im Rahmen ihrer Möglichkeiten geholfen haben
  • die nicht darauf bedacht waren, sich als Claqueure den Nazis zur Verfügung zu stellen, um sich auf diese Weise kurzfristige persönliche Vorteile zu verschaffen
  • die zuihren christlichen Wurzeln und ihren Wertvorstellungen gestanden haben
  • denen die Bewahrung humaner Werte, Geradlinigkeit und Menschlichkeit wichtiger waren als die auf Menschenverachtung, Freiheitsberaubung, Entzug der Menschenwürde, Gewalt, Rassismus und Völkermord aufbauende Naziideologie
  • Nein, wir benötigen kein Museum für einen SS-Hauptsturmführer,
  • der ohne politischen Zwang es vorzog, sich einem Verbrechersystem anzudienen, sowohl aus Überzeugung als auch mit dem Ziel, seine SS-Mitgliedschaft zu nutzen, mit sportlichen Erfolgen zu reüssieren und seinem unstillbaren Verlangen zur Mehrung seines Narzissmus immer wieder neue „Nahrung“ zu verschaffen
  • dem eine Mitgliedschaft im NSKK nicht reichte und vor der Machtübernahme im   Januar 1933 bereits Ende 1932 eine Mitgliedschaft in die SS anstrebte oder dieselbe bereits vollzog
  • dem seine mit pathologischer Obsession verfolgten Ziele der Erlangung sportlicher Trophäen und internationaler Medienaufmerksamkeit wichtiger waren als sich einen kritischen Blick für die auch bis zu seinem Tode bereits unübersehbaren Gräueltaten des NS-Verbrechersystems – vor allem ausgeübt von „seiner“ SS – zu bewahren

Ein Mensch mit einer solchen Biografie kann niemals ein erinnerungswürdiges Vorbild sein – vor allem nicht  für die heutige junge Generation!

Beispiele für das unter Punkt I aufgeführte Verhalten von Lingener Bürgern, die sich nicht haben verführen lassen und zu Recht eine Würdigung und Ehrung erwarten können; vor allem können sie Vorbilder für die heutige junge Generation sein:

  • Heinrich Brinkmann, Rektor, seit 1933 in ständigem Konflikt mit den Machthabern, 1937 zwangspensioniert
  • Anna Brauer, Hebamme in Brögbern, 1944 Gestapogefängnis Münster
  • Clara Eylert, Schulleiterin, 1937 strafversetzt und zwangsweise pensioniert
  • Pfarrer Georg Geers, widerständiger Pastor, der sich immer wieder mit den Nazis anlegte; letztlich trauten sich diese nicht, ihn zu belangen.
  • Heinrich Schniers, Pastor St. Bonifatius Kirche;  von den Nazis gedemütigt und gequält, starb 1942 im KZ Dachau
  • Hermann Gilles wurde als Zentrumsbürgermeister Lingens von den Nazis 1933 abgesetzt  und verunglimpft
  • Josef Terstiege, Zentrumsbürgermeister bis 1933, von den Nazis abgewählt
  • Julius Landzettel, Gewerkschaftssekretär und bis 1933 Bürgervorsteher; von den Nazis abgesetzt
  • Paul Keseling, Direktor des Georgianums 1945 – 1954; wurde 1935 strafversetzt, weil er sich schützend vor Schüler gestellt hatte, die ihr ND-Heim in Rheitlage abgebrochen hatten, um es vor Übernahm durch die HJ zu schützen
  • Dr. Mathilde Vaerting aus Messingen, 2. weibliche Lehrstuhlinhaberin in Deutschland; 1933 aus dem Amt geworfen
  • Gerhard Schwenne, Priester und Studienrat, Zentrumspolitiker, 1933 strafversetzt
  • Heinrich Löning (Foto), mutiger Lingener Arzt, der stets darum bemüht war, die ukrainischen Juden von Kowel vor dem Massaker der SS-Mordgesellen Hitlers und Himmlers zu bewahren, und dafür sein eigenes Leben aufs Spiel setzte.
  • Zu erwähnen bleiben auch mutige Personen wie Altbürgermeister Robert Koop sen., die Eltern des Altoberbürgermeisters Bernhard Neuhaus und der Lingener Arzt Dr. Ferdinand Beckmann.

Lieber Paul Haverkamp, danke!

grundlegend falsch

6. Februar 2018

Die Rosemeyer-Debatte geht weiter. Am Montag hat das Forum Juden Christen im Altkreis Lingen eV auf ein Interview reagiert, das der in Westfalen lebende Historiker Bernd Walter der „Lingener Tagespost“ gegeben hatte. Der Lingener Kaufmann Heinrich Liesen hat mit Walter einen Historiker gefunden, der sich dazu bereit erklärt hat, das geplante Rosemeyer-Museum wissenschaftlich zu begleiten. Darin hatte ausgeführt:

„Mir ist klar, dass moralische Urteile notwendig sind, um aus der Geschichte zu lernen – auch wenn diese Urteile selbst wiederum nie zeitlos sind. In Lingen scheint aber Erinnerungskultur in pädagogischer Absicht auch der Ent-Historisierung zu dienen, da offensichtlich bestimmte Bereiche ausgeblendet werden sollen.“

Diese zentrale Aussage habe nicht nur ich erst einmal als erhobenen Zeigefinder und völligen Missgriff gegenüber denen empfunden, die sich im und als Forum Juden Christen unschätzbare Verdienste um die Jahrzehnte in Lingen nicht vorhandene Erinnerungskultur gemacht haben und machen. Hinzu kommt, dass die Walter’sche Einordnung philosophisch wie rechtlich völlig inakzeptabel ist, weil sie am Ende des Tages NS-Rassismus und die Nazi-Angriffe auf jegliche Menschenwürde in unvertretbarer Weise relativiert. Sie ist damit  letztlich nur Winzigkeiten von dem Vorwurf entfernt, die Kritiker des NS-Staates im Allgemeinen und des Gedenkmuseums in Lingen für den SS-Mann Rosemeyer i, Besonderen hätten unter den Bedingungen des NS-Staates wohl nicht anders reagiert als der Rennfahrer.

Für das Forum Juden-Christen nahmen gestern in einer Pressemitteilung die Vorsitzenden Heribert Lange und Michael Fuest so Stellung:

„In dem Interview mit Prof. Dr. Walter auf der Emslandseite der LT vom 3.2.d.J. findet sich der an das Forum Juden-Christen adressierte Einwand, man bediene sich dort bei der Bewertung der Rolle des Rennfahrers Bernd Rosemeyer des Mittels und der Methode der EntHistorisierung. Aus Prof. Walters weiterer Ausführung wird sodann klar, dass er damit das der deutschen Gesellschaft in der Zeit des Nationalsozialismus vielleicht abhanden gekommene moralische Bewusstsein und ihr müde gewordenes moralisches Gedächtnis meint, und diesen Umstand zugleich zur Erklärung der gänzlich arglosen Solidarisierung Bernd Rosemeyers mit den NS-Machthabern und seiner Verstrickung mit dem nationalsozialistischen System heranziehen möchte.

Sollte das in der Tat Prof. Walters Stoßrichtung sein, müsste nicht uns, sondern ihm der Vorwurf der Enthistorisierung entgegengehalten werden. Denn mit dieser wirklich „steilen“ These soll vermutlich nahegelegt werden, dass Moral als Messlatte für Rosemeyers Entscheidung für oder gegen das Unrechtsregime der Nazis nicht oder allenfalls am Rande in Betracht kommen konnte, da es Moral damals nicht, zumindest nicht mehr in der uns vertrauten Lesart, gegeben habe.

Dies aber ist grundlegend falsch. Denn kein Mensch hat bei aller zuzugebenden Bindung der Moral an die jeweilige Zeit und die Entwicklung der Gesellschaft in dieser Zeit die angestammte Moral und die ihr zugrunde liegenden ethischen Gesetze aus ihrer Geltung entlassen. Auch gab es  in aller Zeit noch keinen Menschen, der das Ende der Menschenwürde und der Menschenrechte hätte verkünden können. Die politischen Philosophen sind im Übrigen auch, also anders als Herr Prof. Walter und [LT-Rdakteur] Herr van Bevern und unseres Wissens übereinstimmend der Ansicht, dass es keine nationalsozialistische Sondermoral geben konnte und gab, mittels derer die Verachtung des Einzelindividuums, Rassismus und Massenmord hätten gerechtfertigt werden können.

Was die Nazis getan haben, kann man deshalb nur als die Folge eines bewussten und generellen Bruchs der immer schon gültigen und in keiner Zeit davor und danach ernsthaft angefochtenen allgemeinen und universalen Ethik begreifen. Die Geschichte dieses Ethikbruchs hat der Jurist und Rechtsphilosoph Gustav Radbruch (Foto lks., aus dem Reichstags-Handbuch 1920, @ gemeinfrei) bereits 1946 in einem berühmt gewordenen Aufsatz mit dem Titel ‚Vom übergesetzlichen Recht und vom gesetzlichen Unrecht“ dargestellt. Und weder in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen noch in den von Fritz Bauer angestrengten Frankfurter  Auschwitzprozessen sind die Verteidiger mit ihrer Behauptung einer spezifischen nationalsozialistischen Sondermoral „oben geblieben“.
Bernd  Rosemeyer hat diesen Bruch des abendländischen Sittengesetzes vermutlich  nicht sehenden Auges und hoffentlich auch nicht aus tiefer Überzeugung akzeptiert. Anscheinend aber hat er diese moralische Katastrophe um seiner Karriere willen in Kauf genommen und sich sodann beinahe umstandslos und vor allem demonstrativ für die Öffentlichkeit durch seine SS-Mitgliedschaft mit eben diesem System verbunden und sich von dessen auch damals schon aktiven Mordgesellen vereinnahmen lassen.“

Heute

13. Dezember 2016

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Genau heute vor 75 Jahren, am 13. Dezember 1941, fand der erste von acht sog. Bielefelder Transporten statt. Der erste Transport brachte Hunderte Jüdinnen und Juden aus der Regionen Münster und Osnabrück nach Bielefeld. Von dort ging es für insgesamt 1000 unter schrecklichen Bedingungen in ungeheizten Waggons bei minus 20° nach Riga (Lettland), wo die Deutschen jüdischen Glaubens in das Ghetto kamen, dessen lettische Bewohner die Nazis zuvor ermordet hatten: Beinahe 27.000 lettische Juden waren am 30.11.41 und am 8.12.41 erschossen worden, um „Platz für die Juden aus dem Reich“ zu schaffen. Acht Lingener und Lingenerinnen jüdischen Glaubens waren dabei, darunter die 21jährige Ruth Heilbronn, die ihre Eltern nicht allein  lassen wollte. Ruth (Foster-)Heilbronn berichtet:

It was on a Saturday morning, the 10th of December ’41, that the police came, one policeman and a Gestapo man came to us, and the policeman cried like a child, that he had to take us away. The Gestapo man put a seal on the door, and we were taken, it was a town hall where already the family Gruenberg and their daughter were waiting, and an uncle and aunt of mine. We were allowed to take a hundred pounds of luggage and hand luggage with us; we had to make a list of the inventory of our – we only had two rooms, what we left behind. And we were the eight deported at that time. We were taken by train to Osnabruck; this policeman, Brand [phon.], was his name, he accompanied us, and he cried all the way. And my mother was only upset, not because we were deported, but this was the first time in her life that she was on a train or that she rode on a shabbat.

fullsizeoutput_2334Genau heute, 75 Jahre später, haben die Stadt Lingen (Ems), das Forum Juden Christen Altkreis Lingen eV und das Kinder- und Jugendparlament aus diesem Anlass in der Lindenstraße 45 zwei neue Stolpersteine verlegt, die an die in die Niederlande emigrierten, später in Auschitz-Birkenau ermordeten Lingener Ihmo und Riekchen ten Brink erinnern. Imo wurde nur 12 Jahre alt, seine Mutter starb mit 48 Jahren im Gas.

Vorgestern Abend war ich am Hauptbahnhof Dortmund. Nach wenigen Minuten hörte ich das Geschrei des neonazistischen Pöbels: „Deutschland den Deutschen!“ und „Sieg Heil!“ Mir wurde kalt.

Es ist hohe Zeit, jede/n daran zu erinnern, was u.a. genau heute vor 75 Jahren bei uns in Deutschland geschah.