Der eines Opfers schon.

21. Mai 2021

Gestern tagte der Lingener Stadtrat. Auf der Tagesordnung stand ein Antrag der FDP, die Bernd-Rosemeyer-Straße in Fredy-Markreich-Straße umzubenennen. Das Überraschende war für mich die Nachricht, dass der Antrag nach kurzer Begründung durch den FDP-Vertreter Dirk Meyer ohne jede  Diskussion in den „zuständigen Kulturausschuss“ verwiesen worden sei. Versucht etwa unsere Ratsvertretung -vorneweg die CDU-Mehrheit-  da über die Runden zu kommen, bis die Kommunalwahl am 12. September gelaufen ist? Für mich liegt das nahe.

Denn zu verweisen sind nach der Geschäftsordnung des Rates nur

„…Anträge, deren Verwirklichung eine sachliche und fachliche Überprüfung oder die Bereitstellung von Mitteln erfordern“

Beides ist nicht der Fall. Die Mittel für neue Straßenschilder stehen nämlich im Haushalt, brauchen also nicht eigens bereit gestellt zu werden. Auch „sachlich“ war die Umbenennung nicht zu überprüfen. Es geht nämlich um nichts anderes als die Frage, wie unsere Stadt mit ihrer Geschichte und der Verstrickung in den NS-Staat umgeht. Darüber diskutieren wir seit Jahrzehnten in der Stadt und in den städtischen Gremien. Nichts muss da „fachlich“ überprüft werden.

Enttäuscht bin ich auch von allen Ratsfraktionen, die die -so die Geschäftsordnung- Möglichkeit zur einmaligen Stellungnahme nicht nutzten; der Rat hat auch keine Aussprache beschlossen, was zusätzlich möglich war. Das Thema wäre es -weiß Gott!- wert gewesen. Denn es berührt die  Zivilgesellschaft in unserem Lingen fundamental.

Heute habe ich als meine Reaktion die Petition unterzeichnet, die für die Umbenennung Unterschriften sammelt. Zur Begründung habe ich Mitstreiter Christoph Frilling zitiert:

„Die NS-Propaganda war insgesamt verbrecherisch, ohne sie wären Nationalsozialismus und Holocaust nicht möglich gewesen. Wer sich an ihr beteiligte, war ein Täter der Propaganda. Der Name eines solchen Täters hat im Stadtbild Lingens nichts zu suchen.“ Der eines Opfers schon.

Mehr zur Petition…

Nachsatz:
Wenn die Leserschaft dieses kleinen Blogs fragen sollte, warum ich als Ratsmitglied, das ich noch bin, nichts gesagt habe: Leider konnte ich an der gestrigen Sitzung nicht teilnehmen. Meine Corona-WarnApp hat mir einen roten Strich durch die Rechnung gemacht. Das ärgert mich besonders, weil doppelt. Ich hoffe allerdings, an der Sitzung des Kulturausschusses am 10. Juni teilnehmen zu können, wenn der Antrag dort behandelt wird (16 Uhr, Halle IV). Die Umbenennung kann dann in der nächsten Ratssitzung am 24. Juni debattiert und entschieden werden.

Foto unten:  Fredy Markreich

 

Eine Antwort zu “Der eines Opfers schon.”

  1. Paul Haverkamp, Lingen said

    Feigheit und fehlende Geradlinigkeit!

    Für mich ist es sehr enttäuschend, dass die Lingener Mehrheitsfraktion den Antrag der FDP zur Umbenennung der Bernd-Rosemeyer-Str. ohne Diskussion in den Kulturausschuss verwiesen hat. Worüber sollen denn die Mitglieder des Kulturausschusses noch diskutieren? Ich bewerte das Verhalten der Mehrheitsfraktion – aber auch anderer Fraktionsmitglieder – als eine bewusste Verschleppungstaktik, um nicht endgültig einmal Farbe bekennen zu müssen.

    Man fürchtet sich offensichtlich vor den Wählern, die eine solche Entscheidung – zumindest in Teilen – als Angriff auf eine Lingener Lokalgröße betrachten und so etwas ziemt sich eben nicht: Man hatte wohl Angst, als „Nestbeschmutzer“ an der Wahlurne bestraft zu werden.

    Vor längerer Zeit fragte mich der Inhaber eines Medizingeschäftes danach, ob ich in Lingen geboren sei – ihm waren meine vielen Leserbriefe aufgefallen. Meine Verneinung verblüffte ihn nicht, denn er stellte trocken fest, dass alle Museumskritiker keinen Lingener Stallgeruch hätten; das sei ihm aufgefallen. Als Lingener mache man so etwas einfach nicht! So versteht man offensichtlich Lingener Lokalpatriotismus!!!!

    Ich vermisse und beklage an dieser Stelle das Fehlen von Rückgrat und Geradlinigkeit. In Sonntagsreden beschwört man immer wieder, jede Form von Rassismus und Antisemitismus zu unterbinden; wenn es jedoch konkret wird, dann kneift man und überlässt dann lieber den Rosemeyer-Museums-Befürwortern (den Lokalpatrioten!) das Feld. Wie unsäglich feige, verlogen und heuchlerisch ist so ein Verhalten!

    Gott sein Dank wurden in den letzten Jahren auch diejenigen Personen (Aufseher, Schreibkräfte, u.a.m.) angeklagt, die ebenfalls zwar keinen Mord begangen haben, jedoch mit ihrer Tätigkeit einem mörderisches System Rückhalt und Funktionsfähigkeit ermöglicht haben.

    Um wie viel mehr hat ein Bernd Rosemeyer mit seinem obsessiven Narzissmus diesem System einen Glanz verliehen, der mit dazu beitrug, dass das System zwölf Jahre eine Mord- bzw. Blutspur durch ganz Europa ziehen konnte und für den millionenfachen Tod bzw. Mord verantwortlich ist.

    Wollen die Mitglieder des Kulturausschusses das alles wirklich noch einmal diskutieren?! Liegen denn hier die Fakten nicht eindeutig und unzweifelhaft seit langer Zeit auf dem Tisch?! Warum also das Zögern der politisch Verantwortlichen?

    Ich persönlich habe für das Verhalten der Mehrheitsfraktion – aber auch anderer Fraktionsmitglieder, die sich nicht zu Wort meldeten – keinerlei Verständnis mehr. Ich könnte mich auch noch deutlicher ausdrücken, aber das verbietet mir meine gute Kinderstube.
    Gebrauchen die Mitglieder des Kulturausschusses noch eine Nachhilfestunde bei der Beurteilung dieser Frage? Vielleicht kann der folgende Text dazu dienen:

    Genauso wie wir in Lingen kein Bernd-Rosemeyer-Museum benötigen, das einen SS-Hauptsturmführer erinnern soll, so ist die Umbenennung in Fredy-Markreich-Str. endlich das längst überfällige Signal dafür, dass wir in Lingen endlich deutliche Zeichen setzen, um uns gegen Nationalismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zu positionieren.
    Fredy Markreich ist eine Personen, der zu Recht eine Würdigung in Form einer Straßenbenennung zuteil werden sollte. Die Erinnerung an das Verhalten von Personen, die vom Nazisystem diskriminiert, verfolgt und getötet worden sind, könnte der jungen Generation ein Vorbild sein zur Verteidigung von Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit.
    Mitläufer eines Verbrechersystems, obsessiv eingestellte Egomanen und sich durch Ignoranz und Indolenz auszeichnende Personen während der Naziherrschaft dürfen nicht als Leitbilder für junge Erwachsene betrachtet werden.

    Deshalb ist für mich ist nicht nur ein Bernd-Rosemeyer-Museum unerträglich, sondern auch die Erinnerung an einen SS-Mann und sich im Nazisystem Sonnenden in Gestalt einer Straßenbenennung.
    In diesem Zusammenhang erinnere ich ebenfalls an die längst überfällige Aufarbeitung der Lingener Stadtgeschichte für die Zeit von 1933-1945. In meinen Augen ist es keine gute Idee, diese wissenschaftliche Aufarbeitung in Form einer Aufsatzsammlung zu vollziehen, vor allem dann nicht, wenn örtliche Historiker beteiligt sind.

    Aus meiner Sicht kann und muss diese Arbeit in die Hände eines wissenschaftlich renommierten und ausgewiesenen Fachhistorikers gelegt werden, der in seinen Recherchen vollkommen autonom und frei von jeglichem Anweisungsdruck lokaler Instanzen in ungeschminkter Form eine solche Arbeit erstellt.

    Wir müssen uns hier in Lingen endlich ehrlich machen und jegliche öffentliche Erinnerung und Verherrlichung von Vertretern eines Systems tilgen, das sowohl einen systematisch bzw. fabrikationsmäßig geplanten und vollzogenen Völkermord als auch einen Weltkrieg initiiert hat.

    Natürlich reicht nicht nur die Tilgung eines Namens.

    Denn Geschichtsvergessenheit und Geschichtsklitterung dürfen nie wieder den gesellschaftspolitischen Diskurs bestimmen – egal von welcher Seite solche Irreführungen, Manipulationen und Verführungen immer wieder ausgehen. Demokratie und Rechtsstaat verlangen stets von neuem eine mutige Verteidigung. Pastor Niemöller hat nach dem 2. Weltkrieg öffentlich sein Versagen in dieser Frage durch das folgende Schuldbekenntnis zum Ausdruck gebracht:

    „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.
    Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.
    Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

    Unser Auftrag besteht darin, uns den Anfängen einer neuen Verherrlichung von Gewalt- und autokratischer Herrschaftsformen immer und immer wieder zu widersetzen und deutlich zu machen, dass Demokratie und Rechtsstaatlichkeit anstrengend sein können, aber sie die einzige Regierungsform darstellt, die Freiheit und Menschenwürde garantiert.

    Der britische Premierminister Churchill bewertete die Demokratie als Herrschaftsform wie folgt: „Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.“

    Eine Schlussstrichdebatte darf es niemals geben, Erinnerung ist notwendig; doch genauso wichtig ist der Blick auf die von Tyrannei und Gewalt gepeinigten und gefolterten Personen im Hier und Heute. Das sind wir u.a. auch den Opfern der Nazizeit schuldig.

    Paul Haverkamp, Lingen

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