Apfel kann keine Birne sein

26. Februar 2018

„Bernd-Rosemeyer-Stiftung“ – unter diesem Namen finden seit 2013 in Lingen Veranstaltungen, Events und Oldtimer-Rennen statt. Dahinter stehen der Lingener Kaufmann Heinrich Liesen und der Sohn des während der NS-Zeit erfolgreichen Rennfahrers, Prof. Bernd Rosemeyer junior. Doch gibt es diese Stiftung überhaupt?

Diese Fragen stellt sich besonders, nachdem Liesen nun auch noch ein „Museum“ zu Ehren des 1938 bei einem Rekordversuch ums Leben gekommenen, aus Lingen stammenden Rennfahrers (Foto unten: Rosemeyer als Motorradrennfahrer 1932) einrichten will. Hiergegen regt sich ernst zu nehmender Widerstand, war doch der wackere Auto-Union-Pilot auch Mitglied der SS im Range eines Hauptsturmführers – nach eigenem Bekunden seit 1932 SS-Mitglied. Und nicht nur das: Rosemeyer fungierte als williges Propaganda-Sprachrohr für das Hitler-Regime.

Die Bernd-Rosemeyer-Stiftung wurde im Juni 2013 in einem Lingener Renommier-Hotel aus der Taufe gehoben. Auch der Lingener Oberbürgermeister Dieter Krone nahm an der Gründungsversammlung teil – rein passiv wie er zuletzt in der vergangenen Woche in den Ratsgremien bekundete. In einer Stellungnahme erklärte Krone jetzt: „Ob allerdings die Stiftung tatsächlich gegründet worden ist, entzieht sich meiner Kenntnis.“

Und in der Tat: Nachforschungen des Lingener Autors Christoph Frilling ergaben, dass eine solche Stiftung nicht existent ist. Im Weser-Ems-Stiftungsverzeichnis in Oldenburg  ist sie nicht eingetragen. In den amtlichen Stiftungsregistern in Berlin und in Bayern auch nicht. Dabei hatte Heinrich Liesen schon 2013 in einem Radio-Interview und vor der Lokalpresse verkündet, „behinderte Sportler“ und „alleinerziehende Mütter“ aus Mitteln der Stiftung finanziell zu fördern.Ob daraus etwas wurde, ist nicht bekannt.

Die „Bernd-Rosemeyer-Stiftung“ prangte allerdings schon 2014 auf großen Transparenten mit dem Konterfei des toten Rennfahrer-Helden am Haus Marienstraße 1 in der Lingener Innenstadt. 2015 wurde eine „Rosemeyer Oldtimer Rallye“ unter dem Namen der „Stiftung“ angekündigt, unterzeichnet von Heinrich Liesen und Bernd Rosemeyer junior. Bei den lokalen  Rallyes wurde ebenfalls ein großflächiges Transparent mit der Aufschrift „Bernd-Rosemeyer-Stiftung e.V“ verwendet. Das ist schwerlich möglich, weil ein e.V., also ein eingetragener Verein, keine Stiftung sein kann, die Rechtsformen schließen einander aus; ein Apfel kann eben auch keine Birne sein. Im Vereinsregister des Amtsgerichts Osnabrück ist denn auch ein Verein solchen namens nicht eingetragen. Damit gerät die Initiative Liesens auch ins juristische Zwielicht. Sein Museums-Projekt war im vergangenen Frühjahr vom lokalen „Forum Juden – Christen“ und von de Gremien der Stadt Lingen (Ems) abgelehnt worden.

(Ein Beitrag von Jonas Johannsen mit Material von Christoph Frilling)

Heldentod

16. Februar 2018

Neues in der Rosemeyer-Saga, auf die jetzt die überregionalen Medien aufmerksam werden. Die taz berichtet ausführlich:

„BREMEN taz | Im emsländischen Lingen regt sich Widerstand. Dort plant der Bauunternehmer Heinrich Liesen ein Museum, das sich dem gebürtigen Lingener Bernd Rosemeyer widmen soll. Der war in der NS-Zeit nicht nur ein berühmter Rennfahrer, sondern auch Mitglied der SS – und das bereits seit 1932. Rat und Verwaltung haben deutlich jegliche Unterstützung für das Museum abgelehnt, anschließend an eine ebenso deutliche öffentliche Stellungnahme des Lingener Vereins Forum Juden-Christen – das private Museum soll dennoch kommen, spätestens Anfang 2019 soll es eröffnen.

Bernd Rosemeyer starb jung, im Alter von 28 Jahren, im Januar 1938 bei einem Weltrekord-Versuch auf der Reichsautobahn Frankfurt–Darmstadt bei Mörfelden-Walldorf. Der Tacho seines Wagens zeigte eine Geschwindigkeit von fast 430 Stundenkilometern an.

Ein Heldentod, der von den Nazis gebührend ausgeschlachtet wurde: Tausende erwiesen dem Rennfahrer die letzte Ehre, eine Abordnung der „Leibstandarte SS Adolf Hitler“ hielt die Mahnwache.

Hitler und Himmler…“

[weiter hier]

grundlegend falsch

6. Februar 2018

Die Rosemeyer-Debatte geht weiter. Am Montag hat das Forum Juden Christen im Altkreis Lingen eV auf ein Interview reagiert, das der in Westfalen lebende Historiker Bernd Walter der „Lingener Tagespost“ gegeben hatte. Der Lingener Kaufmann Heinrich Liesen hat mit Walter einen Historiker gefunden, der sich dazu bereit erklärt hat, das geplante Rosemeyer-Museum wissenschaftlich zu begleiten. Darin hatte ausgeführt:

„Mir ist klar, dass moralische Urteile notwendig sind, um aus der Geschichte zu lernen – auch wenn diese Urteile selbst wiederum nie zeitlos sind. In Lingen scheint aber Erinnerungskultur in pädagogischer Absicht auch der Ent-Historisierung zu dienen, da offensichtlich bestimmte Bereiche ausgeblendet werden sollen.“

Diese zentrale Aussage habe nicht nur ich erst einmal als erhobenen Zeigefinder und völligen Missgriff gegenüber denen empfunden, die sich im und als Forum Juden Christen unschätzbare Verdienste um die Jahrzehnte in Lingen nicht vorhandene Erinnerungskultur gemacht haben und machen. Hinzu kommt, dass die Walter’sche Einordnung philosophisch wie rechtlich völlig inakzeptabel ist, weil sie am Ende des Tages NS-Rassismus und die Nazi-Angriffe auf jegliche Menschenwürde in unvertretbarer Weise relativiert. Sie ist damit  letztlich nur Winzigkeiten von dem Vorwurf entfernt, die Kritiker des NS-Staates im Allgemeinen und des Gedenkmuseums in Lingen für den SS-Mann Rosemeyer i, Besonderen hätten unter den Bedingungen des NS-Staates wohl nicht anders reagiert als der Rennfahrer.

Für das Forum Juden-Christen nahmen gestern in einer Pressemitteilung die Vorsitzenden Heribert Lange und Michael Fuest so Stellung:

„In dem Interview mit Prof. Dr. Walter auf der Emslandseite der LT vom 3.2.d.J. findet sich der an das Forum Juden-Christen adressierte Einwand, man bediene sich dort bei der Bewertung der Rolle des Rennfahrers Bernd Rosemeyer des Mittels und der Methode der EntHistorisierung. Aus Prof. Walters weiterer Ausführung wird sodann klar, dass er damit das der deutschen Gesellschaft in der Zeit des Nationalsozialismus vielleicht abhanden gekommene moralische Bewusstsein und ihr müde gewordenes moralisches Gedächtnis meint, und diesen Umstand zugleich zur Erklärung der gänzlich arglosen Solidarisierung Bernd Rosemeyers mit den NS-Machthabern und seiner Verstrickung mit dem nationalsozialistischen System heranziehen möchte.

Sollte das in der Tat Prof. Walters Stoßrichtung sein, müsste nicht uns, sondern ihm der Vorwurf der Enthistorisierung entgegengehalten werden. Denn mit dieser wirklich „steilen“ These soll vermutlich nahegelegt werden, dass Moral als Messlatte für Rosemeyers Entscheidung für oder gegen das Unrechtsregime der Nazis nicht oder allenfalls am Rande in Betracht kommen konnte, da es Moral damals nicht, zumindest nicht mehr in der uns vertrauten Lesart, gegeben habe.

Dies aber ist grundlegend falsch. Denn kein Mensch hat bei aller zuzugebenden Bindung der Moral an die jeweilige Zeit und die Entwicklung der Gesellschaft in dieser Zeit die angestammte Moral und die ihr zugrunde liegenden ethischen Gesetze aus ihrer Geltung entlassen. Auch gab es  in aller Zeit noch keinen Menschen, der das Ende der Menschenwürde und der Menschenrechte hätte verkünden können. Die politischen Philosophen sind im Übrigen auch, also anders als Herr Prof. Walter und [LT-Rdakteur] Herr van Bevern und unseres Wissens übereinstimmend der Ansicht, dass es keine nationalsozialistische Sondermoral geben konnte und gab, mittels derer die Verachtung des Einzelindividuums, Rassismus und Massenmord hätten gerechtfertigt werden können.

Was die Nazis getan haben, kann man deshalb nur als die Folge eines bewussten und generellen Bruchs der immer schon gültigen und in keiner Zeit davor und danach ernsthaft angefochtenen allgemeinen und universalen Ethik begreifen. Die Geschichte dieses Ethikbruchs hat der Jurist und Rechtsphilosoph Gustav Radbruch (Foto lks., aus dem Reichstags-Handbuch 1920, @ gemeinfrei) bereits 1946 in einem berühmt gewordenen Aufsatz mit dem Titel ‚Vom übergesetzlichen Recht und vom gesetzlichen Unrecht“ dargestellt. Und weder in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen noch in den von Fritz Bauer angestrengten Frankfurter  Auschwitzprozessen sind die Verteidiger mit ihrer Behauptung einer spezifischen nationalsozialistischen Sondermoral „oben geblieben“.
Bernd  Rosemeyer hat diesen Bruch des abendländischen Sittengesetzes vermutlich  nicht sehenden Auges und hoffentlich auch nicht aus tiefer Überzeugung akzeptiert. Anscheinend aber hat er diese moralische Katastrophe um seiner Karriere willen in Kauf genommen und sich sodann beinahe umstandslos und vor allem demonstrativ für die Öffentlichkeit durch seine SS-Mitgliedschaft mit eben diesem System verbunden und sich von dessen auch damals schon aktiven Mordgesellen vereinnahmen lassen.“

Rosemeyer-Legende

5. Februar 2018

Rosemeyer-Legende

Eine davon hat Christoph Frolling gerade durch Zufall entdeckt, wie er schreibt, „und ich möchte sie heute zum Besten geben. Es ist schon erstaunlich, dass solche frei erfundenen Geschichten immer wieder irgendwo platziert werden (von wem?) und dann an der Fortentwicklung des Rosemeyer-Mythos mitwirken. Die Leute glauben so etwas, weil sie es gern glauben wollen. Die heutige „Ente“ habe ich auf der französischen Wikipedia-Seite gefunden. Ich habe den Text für Sie übersetzt:

Originaltext bei Wikipedia.fr:
Comme nombre de pilotes de course allemands, Rosemeyer est intégré au Nationalsozialistisches Kraftfahrkorps (NSKK), une unité paramilitaire dépendante des SA puis des SS à partir de 1934, auquel il adhère moins par conviction que par souci de tranquillité voire par obligation. Avant d’être intégré au NSKK, le jeune Rosemeyer manifestait son peu d’intérêt pour le parti nazi : au lendemain de la victoire du NSDAP aux élections législatives en mars 1933, il est même arrêté dans les rues de Lingen, sa ville natale, et incarcéré pendant vingt-quatre heures pour avoir, debout sur sa moto, paradé en parodiant Adolf Hitler en agitant le bras droit de manière compulsive, une moustache au charbon de bois dessinée sur la lèvre91.

Übersetzung :
Wie zahlreiche deutsche Rennfahrer wird Rosemeyer in das Nationalsozialistische Kraftfahrer Korps (NSKK) eingegliedert, eine paramilitärische Einheit, die von der SA, dann ab 1934 von der SS abhängig ist. Dieser (der SS) tritt er bei – weniger aus Überzeugung als aus einem Streben danach, in Ruhe gelassen zu werden bzw. unter Zwang. Bevor der junge Rosemeyer in das NSKK eingegliedert wurde, demonstrierte er sein geringes Interesse für die Nazi-Partei: Am Tage nach dem Sieg der NSDAP bei den Reichstagswahlen im März 1933 wird er in den Straßen von Lingen, seiner Geburtsstadt, verhaftet und für 24 Stunden eingekerkert, weil er – auf seinem Motorrad stehend – durch die Stadt paradierte und dabei Adolf Hitler parodierte, indem er zwanghaft-exzessiv mit dem rechten Arm fuchtelte; mit Holzkohle hatte er sich einen Schnurrbart auf die Oberlippe gemalt.“

Christoph Frilling kommentiert: „Diese  Geschichte ist frei erfunden. Weder wurde Rosemeyer verhaftet noch parodierte er Hitler in den Straßen Lingens noch wurde er eingesperrt. Die Geschichte zeugt hingegen davon, dass Anhänger Rosemeyers nichts unversucht lassen, ihn als Systemgegner hinzustellen.“

Auf der französischen Wikipediaseite ist tatsächlich als Quelle dieser Rosemeyer-Legende ein Comic des belgischen Comiczeichners Marvano angegeben, das seit gut September 2014 auch in deutsche Sprache erschienen ist und bei amazon sowie im gut sortierten lokalen Buchhandel bestellt werden kann…

Wir sollten gemeinsam dafür arbeiten, dass aus Lingen „sa ville natale,“ nicht Lingen „sa ville fatale“ wird.

Quelle: https://fr.wikipedia.org/wiki/Bernd_Rosemeyer

gescheitert

17. Juni 2017

Wie die gesellschaftlichen und die journalistischen Maßstäbe verrutschen, zeigt der „Talk“ der Ems-Vechte-Welle über das Thema Bernd Rosemeyer und die Pläne, für Bernd Rosemeyer in Lingen ein Museum zu bauen, damit dann möglichst 125.000 Rennsportfans „eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen auf dem Lingener Marktplatz essen“ (Heinrich Liesen). Hören Sie selbst den Podcast der Ems-Vechte-Welle.

Spätestens Minute 17 wird es interessant. Dann geht es um Rosemeyers SS-Mitgliedschaft, die nach seinem eigenen Bekunden 1932 begann. Uns staunendem Publikum wird erklärt, dass die SS „Anfang bis Mitte der 30er Jahre“ eine „Eliteorganisation“ war und sie wird gesprächsweise zu einer Art besserer Sportverein, wie es der Laxtener Twitterer Remmo_Lade trefflich kritisiert.

Wohlgemerkt beziehen sich die schrecklichen Interviewpassagen auf die damals längst als verbrecherisch bekannte SS, die 1933 im Emsland wütete und hier in den Emslandlagern Menschen quälte, folterte und ermordete. Sie war schon 1932 als verfassungsfeindlich verboten worden. Das wusste jede/r im Deutschen Reich. Auch jeder Motorsportler.

Aber die erfahrene, kluge Radiomacherin Inga Graber (Ems-Vechte-Welle) greift bei den verharmlosenden Sätzen ihrer Gespröchspartner nicht ein, unterbricht nicht, hält nicht vor, fragt nicht nach. Sie lässt die SS-Plauderei von Bernd Rosemeyer jun. unverbindlich in Richtung Kaffee und Kuchen weiter plätschern. Das ist wirklich schwer erträglich, weil es Tausende Opfer der SS verhöhnt – gerade hier im Land der Emsland-KZ. Das Interview wirkt zugleich wie ein Schlag gegen die mühsam und in Jahrzehnten geschaffene Erinnerungskultur in unserer Stadt. Damit wird die Sendung des regionalen Radios leider zum Lehrstück für ein gescheitertes Interview.

(Foto: Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky, Folteropfer der SS im emsländischen KZ Esterwegen; Bundesarchiv, Bild 183-R70579 / CC-BY-SA 3.0)

Einstimmiger Appell

24. Mai 2017

Der Kaufmann Heinrich Liesen will in Lingen (Ems) ein Bernd-Rosemeyer-Museum eröffnen. Dies trifft auf große Vorbehalte und Ablehnung. Denn Rosemeyer war Mitglied der nationalsozialistischen SS – nach eigenem Bekunden bereits seit 1932, also vor der sog. Machtergreifung der Nazis Anfang 1933. Gestern Abend hat dazu der Verwaltungsausschuss unserer Stadt mit den Stimmen von CDU, SPD, Die BürgerNahen, Bündnis’90/Die Grünen und FDP einstimmig folgende Erklärung verabschiedet:

Erklärung des Rates und der Verwaltung der Stadt Lingen (Ems)
zu den Plänen eines Bernd-Rosemeyer- und Elly-Beinhorn-Museums in Lingen (Ems):

  1. Rat und Verwaltung der Stadt Lingen (Ems) lehnen ein privates Bernd-Rosemeyer- Museum ab.
  2. Rat und Verwaltung der Stadt Lingen (Ems) erklären, dass es sich bei dem geplanten Bernd-Rosemeyer-Museum in Lingen (Ems) um ein rein privates Museum handelt, das weder heute noch in Zukunft finanziell oder ideell durch die Stadt Lingen (Ems) oder eine der städtischen Institutionen unterstützt wird.Rat und Verwaltung appellieren an Herrn Liesen – auch aufgrund seiner gesellschaftlichen Verantwortung – auf die Realisierung seines Vorhabens zu verzichten.
  3. Für den Fall, dass dieses private Museum dennoch umgesetzt wird, fordern Rat und Verwaltung der Stadt Lingen (Ems) den genannten Betreiber auf, einen renommierten und erfahrenen NS-Historiker als Kurator einzusetzen, der alle persönlichen und politischen Facetten Bernd Rosemeyers, insbesondere seine SS-Mitgliedschaft, kritisch beleuchtet und wissenschaftlich fundiert darstellt.

 

Gegenentwurf

20. Mai 2017

Heute in der „Lingener Tagespost“:
Da plant wohl jemand einen Gegenentwurf zum Rosemeyer-Museum und will Herrn Liesen ärgerndas mitteilen…

beschämt

16. Mai 2017

Da gab es gestern Nachmittag eine beeindruckende Veranstaltung des Forum Juden-Christen in der Gedenkstätte Alte Jüdische Schule am Konrad-Adneauer-Ring (Foto lks). Neben Medienvertretern nahmen auch vier von fünf Fraktionen des Lingener Stadtrates teil – allein die CDU ließ mitteilen, die vor vier Tagen geschickte Einladung sei „zu kurzfristig“ gekommen und sagte ebenso die OB Krone ab; der allerdings, weil er „mit Herrn Liesen noch ein Gespräch führen wolle“.

Bekanntlich will der agile Kaufmann und Rennsportfan Heinrich Liesen in Lingens Burgstraße ein privates Museum für den Autorennfahrer Bernd Rosemeyer errichten, weil der aus Lingen komme. Das Problem ist nur, dass Rennfahrer Rosemeyer der verbrecherischen SS angehörte und zwar seit 1932, wie er selbst schrieb. Das Liesen-Projekt zerreißt den gesellschaftlichen Konsens in Lingen, den es seit Ende der 1970er Jahre gab. Damals erkannten nicht nur die Stadtväter, wie unsäglich es war, 1975 bei der 1000-Jahrfeier der verfolgten und ermordeten Juden dieser Stadt mit keinem (!) Wort zu gedenken. Das Vergessen der Opfer des NS-Terrors beschämte damals – so wie heute das geplante Museum als Heldengedenkstätte für einen Täter uns alle und vor allem die NS-Opfer beschämt.

Gestern nun hat das Forum Juden-Christen mit bemerkenswerter Klarheit Stellung bezogen und seine Auffassung deutlich gemacht. Das fast einstimmig im Vorstand des Forum verabschiedete Dokument finden Sie im Wortlaut hier.

Und das Forum Juden:Christen hat sich auch sonst ausgesprochen klar positioniert:

„Niemandem von uns hier und keinem sonst im Forum Juden-Christen liegt, ebenso wie auch sonst keinem vernünftigen Bürger oder Bürgerin Lingens da-ran liegen kann, den Menschen Bernd Rosemeyer zu verurteilen. Denn weder sind wir eine dazu legitimierte rechtliche noch moralische Instanz.

Gleichwohl verurteilen wir die Haltung und das Tun Bernd Rosemeyers, der sich aus Gründen des persönlichen Vorteils und Nutzens dem unmenschlichen Hitlerregime angedient hat und von diesem in nachgerade symbiotischer Weise vereinnahmt wurde, und zwar zu einer Zeit, in der bereits klar war, wohin die Reise mit der Menschenwürde bzw. ihrem Bruch und der Verfolgung und Drangsalierung der als unliebsam etikettierten Deutschen und der blutrünstigen Kriegsvorbereitung ging.

Sein Leben endete dann aber, ohne dass ihm die Gelegenheit geblieben wäre, es zu bedenken, Unziemliches zu widerrufen und sich neu zu orientieren.

Wo könnte darum die Befugnis herkommen, über ihn den Stab zu brechen?

Gleichwohl kann Bernd Rosemeyer, der zu einer Gallionsfigur des NS-Systems avancierte, und damit auf der Täterseite im Apparat von NS und SS stand, kein Vorbild sein – für niemanden von uns, allemal nicht für junge Menschen, und darum eben auch darf er nicht zum Mittelpunkt einer Heldengedenkstätte in der Elektrobäckerei* in Lingens Burgstraße werden.

Zudem wäre die Existenz einer derartigen Einrichtung gleich einer Ohrfeige für die Opfer des Naziterrors, nicht nur die Lingener Opfer, und käme, so hat das soeben der Vorsitzende des Forums Juden-Christen in Nordhorn, Gerhard Naber, ganz fein und nach Abstimmung mit seinem Vorstand geschrieben, einem „Schlag gegen alle so intensiven Bemühungen in Lingen um eine gelingende und nachhaltige Erinnerungskultur gleich.“

Ich habe große Sorge, dass der seit 1977 bestehende gesellschaftliche Konsens zerrissen wird, wie wir in Lingen mit unserer Geschichte umgehen. Scheitern gar Arbeit und Einsatz von Alt-OB Bernhard Neuhaus (CDU) und Oberstadtdirektor Kerl-Heinz Vehring (CDU) für ein würdiges Gedenken an die Opfer des NS-Staates?

Meine Sorge gründet sich konkret auf das Fehlen eines Vertreters der CDU beim gestrigen Presse- und Informationsgespräch des Forums Juden-Christen. Das gab es seit 1979 nicht mehr, als Ratsmehrheit und Verwaltung die Gedenkfeier zum 9. November vergaßen; dass die jetzige Einladung „zu kurzfristig“ war, ist natürlich vorgeschoben. Dies wird schon dadurch klar, dass alle anderen Ratsfraktionen vertreten waren. Weshalb also hätte die 24-Köpfe-starke-CDU eine Teilnahme nicht leisten können?…

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* Das Gebäude Burgstraße 20, in dem jetzt nach den Plänen von Heinrich Liesen das Museum für Bernd Rosemeyer entstehen soll, ist in Lingen (Ems) als Elektro-Bäckerei bekannt. Im linken Hausteil nämlich führte Familie Spiegelberg ihr Elektro-Geschäft, rechts Familie Hollenkamp ihre Bäckerei. Die identische Lichtreklame beider Geschäfte las sich eben als „Elektro Bäckerei“.

Entnazifizierung

15. Mai 2017

Meine Güte! Soll das SS-Mitglied Rosemeyer einer Entnazifizierung zugeführt werden, liebe SPD Lingen? 

kann, darf und wird

24. April 2017

„Das kann, darf und wird auch aus unserer Sicht nicht so sein…“

Originalzitat Lingen 2017 – Quelle: LBSV von 1838  eV *

Bernd Rosemeyer –

in Lingen geboren am 14. Oktober 1909 – Sieger bei vielen Motorrad- und Autorennen und Weltmeister im Automobil-Sport, verstarb am 28. Januar 1938 bei einem Rekordversuch auf der Reichsautobahn Frankfurt-Darmstadt, bei Mörfelden-Walldorf bei Tempo 430 km.

Ganz Deutschland trauerte um ihn und er bekam von den Machthabern ein Staatsbegräbnis.

Wir sind nicht mehr die Lingener Generation, die Bernd gekannt und erlebt hat, aber unsere Mütter und Väter, die konnten über ihn erzählen – von Lausbubenstreichen und Fahren auf dem Motorrad über den Marktplatz. Natürlich freihändig, oder mit den Füßen auf dem Lenkrad, oder Sattel usw. usw.

Wenn wir Anno 2009 den 100-jährigen Geburtstag Bernd Rosemeyers in Lingen begehen konnten, dann muss ich gestehen, die Stadt Lingen hat für sein Andenken in meinen Augen nicht genügend getan.

Vielleicht werden andere Stadtobere einmal nüchtener, realer denken und das anerkennen was Bernd Rosemeyer war – ein junger Rennfahrer, aus relativ kleinen Verhältnissen, der nach oben wollte und so auch die Förderung und Förderer annahm, die ihn sich seinen Traum verwirklichen ließen.

Fakt ist, er war zu seiner Zeit ein ganz Großer des Automobilsports und die Versuche ihn in eine Ecke mit der „ Braunen Macht“ zu stellen, das kann, darf und wird auch aus unserer Sicht nicht so sein.

Dass es in Lingen einen Motorsport-Club Bernd Rosemeyer gibt, einen erfolgreichen Club, – das liegt in der Natur der Sache….

*Nachtrag:
Es gab heute tagsüber zwei fassungslose Anfragen. Tenor: Der Text sei meiner unwürdig.

Freunde und Leser dieses kleinen Blogs:
Der Text ist ein Zitat. Ein schrecklich entlarvendes Zitat. Deshalb ist er hier wiedergegeben. Wer den ganzen unsäglichen Text nachlesen will, darf  
hier klicken. Die im Beitrag zum Ausdruck kommende, ganze Geschichtslosigkeit empfinde ich als schrecklich. 

Ich hätte auch einen früheren städtischen Angestellten zitieren können. Er formulierte: „Für Bernd Rosemeyer war der frühzeitige Eintritt in die SS offensichtlich das einzige größere Zugeständnis an den Nationalsozialismus.“ Diesen ganzen Text kann man hier nachlesen. Auch diese Einordnung ist für mich fürchterlich.