zornig

10. November 2016

Selten habe ich ihn so bestimmt, man könnte auch sagen, so zornig erlebt. Heribert Lange, der Vorsitzende des Lingener Forum Juden Christen hat einmal mehr am 9. November ein bemerkenswertes Statement abgegeben. Am Lingener Gedenkort Jüdische Schule hielt er eine Rede, in deren Zentrum die Menschenwürde stand, und sagte u.a.:

„…Artikel 1 des Grundgesetz lautet […]: „Die Würde des Menschen ist unantastbar!“

Finden Sie, dass sich damit volksverhetzerische Begriffe und Parolen wie artfremd, Primitivgesellschaften, Quotenneger, Rettung des Deutschtums, Wirtschaftsflüchtlinge, Parallelgesellschaft, Islamisierung, völkisch und die Bewahrung des Völkischen, laut Alexander Gauland, Zitat: “am besten mit Bismarck‘-schem Instrumentarium auszurotten, nämlich ‘mit Eisen und Blut‘ „(Zitat Ende), dass dies alles sich mit dem Menschenwürdeanspruch unserer Verfassung oder gar den, dem christlichen Abendland heiligen Gesetzen Gottes verträgt?

Und finden Sie nicht auch, dass die wachsende Zahl sogenannter Hasskriminalität, die wir den Polizeistatistiken entnehmen, das genaue Gegenteil dessen bezeugt? Hasskriminalität ist Kriminalität gegen Menschen und gegen Sachen, z.B. gegen Moscheen, Synagogen und Flüchtlingsheime, die in Brand gesteckt werden oder gegen die Menschen selbst, die darin einstweilen Zuflucht gefunden haben – leider auch in Lingen, wie wir uns ja sicher alle leicht erinnern.

Und finden Sie es nicht auch bedrohlich und deprimierend zugleich, dass die Chefideologen dieser Rattenfängergilde inzwischen jedes 10. Wählers, mancherorts sogar jedes 6. Wählers gewiß sein können? Das aber ist ein Mehrfaches von dem, was sich sowieso im Sigma- oder 2-Sigmabereich am Fransenrand jeder Normalstatistik findet.

Nicht nur von den derzeitigen Wahlsiegern und ihnen verwandten Gruppen wie NPD, Reichsbürgern, Identitären und ihren europäischen und neuerdings auch überseeischen Mitstreitern, also in den USA: was da heute passiert ist, haben wir wahrscheinlich alle überhaupt noch nicht begriffen – nicht nur in diesen Zirkeln werden Hass und Aggression gegen Fremde geschürt und gepäppelt.

Die Rattenfänger sind in der Mitte etablierter Parteien mit ihren Parolen unterwegs z.B. so, wie ich es in einem Antrag gelesen habe, der am Wochenende einem Parteitag im Süden Deutschlands vorgelegen hat: Die Bundeskanzlerin dürfe nicht wiedergewählt werden, weil, ich zitiere: “… sie einen beispiellosen, oft unkontrollierten Migrationsstrom aus den rückständigsten, gewalttätigsten sowie christen- und frauenfeindlichsten Regionen dieser Erde nach Deutschland geleitet“ habe….“

Rede 09.11.2015

9. November 2015

Hier die heutige Rede von Dr. Heribert Lange, Vorsitzender des Forum Juden Christen Altkreis Lingen eV, bei den Gedenkfeiern zur Reichspogromnacht am Gedenkort Jüdische Schule in Lengerich und Lingen (Ems). Ungewöhnlich und notwendig: Es gab Beifall.

(Anrede) gerne möchte ich Ihnen zunächst dafür danken, dass Sie auch in diesem Jahr wieder zum Gedenken an die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 hierher gekommen sind, ganz besonders den noch jüngeren Menschen, mit denen wir unsere Hoffnung verbin-den, dass sie die Erinnerung, auch die mahnende Erinnerung an die Geschichte der Shoah ei-
nes Tages weitertragen und sie bewahren.
In dieser Novembernacht 1938 wurden beinahe überall in Deutschland die Synagogen, jüdischen Bethäuser und andere jüdische Einrichtungen in Brand gesteckt. Es hat sich inzwi-schen herumgesprochen und steht inzwischen auch in allen einschlägigen Geschichtsbü-chern, dass dieses Flammenmeer über Deutschland den Beginn der Shoah bedeutete, also der geplanten und fabrikmäßigen Ermordung der Juden Deutschlands und Europas. Und es ist ebenfalls bekannt, dass die jüdischen Opfer der Nazis, die in den Gaskammern oder auf ande-re grausame Weise ermordet und in den Feueröfen der KZs verbrannt wurden, in Millionen zählen – genau gesagt sechs Millionen, vielleicht noch mehr…. [weiter].

GedenkortJüdischeSchule
Die Reichspogrome und der Jahrestag der Synagogenzerstörung jähren sich heute zum 77. Mal. Das Forum Juden-Christen Altkreis Lingen e.V.  lädt in Zusammenarbeit mit der Stadt Lingen (Ems, der Stadt Freren sowie der Gemeinde Lengerich auch in diesem Jahr zu Gedenkveranstaltungen ein.
Der Seminarkurs „Geschichte“ der Klasse 12 des Gymnasium Georgianum begleitet  die Gedenkfeiern in Lingen (Ems).
Lingen
18:00 Uhr Ökumenischer Gottesdienst in der Reformierten Kirche an der Kirchstraße
19:00 Uhr Gedenkfeier am Lern- und Gedenkort Jüdische Schule, Jakob-Wolff-Straße 1. Anschließend sind alle Interessierten zur Mahnwache an drei Stolpersteinen in der Alten Rheiner Straße 3, die an das Schicksal der Familie Frank erinnern, eingeladen.Freren
10:00 Uhr Gedenkfeier am Gedenkstein in der GrulandstraßeLengerich
16:00 Uhr Gedenkfeier am jüdischen Gedenkstein im Bürgerpark Lengerich

(Foto: Forum Juden-Christen Altkreis Lingen e.V.)

9.11.14 – Rede

11. November 2014

langeDer Vorsitzende des Forum Juden Christen, Dr. Heribert Lange, hielt anlässlich der Gedenkfeier zum 76. Jahrestag der Reichspogromnacht am frühen Sonntagabend in Lingen am Gedenkort Jüdische Schule eine Rede, die nachzulesen lohnt:

„Erlauben Sie mir, sehr verehrte Damen und Herren, Ihnen im Namen des Herrn Oberbür-germeisters Krone und des Forums Juden Christen zu danken, vor allem den Jugendlichen unter Ihnen, dass Sie wieder oder vielleicht auch zum ersten Mal heute hierher gekommen sind, um mit uns eines schrecklichen Ereignisses zu gedenken, das im Hitler-Deutschland in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 stattgefunden hat: die Reichspogromnacht, in der beinahe alle deutschen Synagogen und jüdischen Bethäuser in Deutschland niederbrannten. Entflammt allein aus der zügellosen Niedertracht der…“

[weiter hier]

(Foto: Heribert Lange © EmsVechteWelle)

 

Paolo Springhetti

1. November 2014

Paolo Springhetti
Orgelkonzert
Sonntag, 9. 11.2014 – 19.30 Uhr

Lingen (Ems)  –  Kreuzkirche
Eintritt: 8,- € (erm. 5,- €)

Der 9. November – ein geschichtsträchtiger Tag: Wir denken in Deutschland an die Reichspog- romnacht 1938, aber auch an den Fall der Berliner Mauer vor 25 Jahren. Beiden kontroversen Anlässen möchte ein Orgelkonzert des italienischen Organisten Paolo Springhetti am Sonntag, 9. November, um 20 Uhr in der Kreuzkirche gerecht werden.

Springhetti wurde in Meran geboren, ist seit 1988 in Mailand tätig und hat sich ganz auf die frühbarocke Musik vor Johann Sebastian Bach spezialisiert.

Für sein Konzert in Lingen hat er ein Programm mit Werken von François Couperin, Domenico Zipoli und Dietrich Buxtehude zusammengestellt. Zu Beginn wird er eine Improvisation im barocken Stil spielen. Eintrittsprogramme für dieses Konzert gibt es an der Abendkasse ab 19.30 Uhr zum Preis von 8 € (ermäßigt 5 €).

Antisemitimus heute

30. Oktober 2013

„Es gibt inzwischen No-Go-Areas für Juden“, sagt der Berliner Rabbiner Daniel Alter über seine Stadt. Das seien zum Beispiel Teile von Wedding und Neukölln mit einem hohen Anteil arabischer und türkischer Migranten. Er selbst ist vor einem Jahr von arabischen Jugendlichen auf offener Straße brutal angegriffen und verletzt worden.

Am 9. November 2013 jährt sich die Reichspogromnacht zum 75. Mal: der unheilvolle Auftakt zum Massenmord an europäischen Juden. Wie sieht es heute aus mit der Judenfeindlichkeit in Deutschland? Um diese Frage zu beantworten, begeben sich drei Autoren auf eine Reise durch Deutschland. Sie beleuchten Hintergründe und Motivationen judenfeindlicher Gesinnungen in ganz unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft.

Ahmad Mansour erforscht die Verbreitung des muslimischen Antisemitismus. Mansour, arabischer Israeli, lebt seit neun Jahren in Deutschland. Mit seiner islamistischen Vergangenheit, die von vehementem Antisemitismus geprägt war, hat er lange abgeschlossen. In Gesprächen mit Jugendlichen heute stellt sich heraus, dass in vielen muslimischen Familien bis heute Judenhass vorgelebt wird – häufig gestützt von arabischen Fernsehsendern, die ihre antisemitischen Kampagnen weltweit verbreiten.

Jo Goll, TV-Journalist und Experte für Rechtsextremismus, nimmt das rechtsnationale Lager in den Fokus. „Die Juden sind einfach an allem schuld“, tönt es aus diesen Kreisen. Goll spricht mit Aussteigern aus der rechten Szene und besucht ein koscheres Lokal in Chemnitz, dessen Besitzer von massiven Übergriffen berichtet.

Das Gleiche gilt auch für die Jüdische Gemeinde in Dessau, deren Vorsitzender Alexander Wassermann ist: „Ich traue mich schon lange nicht mehr mit Kippa auf die Straße. Das ist in Dessau einfach zu gefährlich.“

Dokumentarfilmerin Kirsten Esch will wissen, wie viel Antisemitismus in der „Mitte der Gesellschaft“ zu finden ist. Sie spricht mit Experten und mit Menschen auf der Straße und trifft unter anderem eine Linguistin, die über 100.000 E-Mails, Leserbriefe und Texte aus dem Internet mit antisemitischen Inhalten und anti-jüdischen Klischees untersucht hat.

Professor Monika Schwarz-Friesel kommt zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass die überwiegende Mehrheit der Verfasser keinem extremen Lager angehört, sondern in der „Mitte der Gesellschaft“ zu finden ist.

Der Bielefelder Professor Andreas Zick, der sich selbst „Vorurteilsforscher“ nennt, warnt: „Antisemitismus, auch wenn er nur latent ist, bleibt immer Wegbereiter vom Wort zur Tat.“

Nach Ansicht der Filmemacherin Kirsten Esch ist Israelkritik der neue Weg, über den sich Antisemitimus heute einen Weg bahnen kann. Die Mit-Autorin des Films „Antisemitismus heute – wie judenfeindlich ist Deutschland?“ sagte im „Deutschlandfunk“, nicht nur Rechtsextreme und Muslime, sondern auch die Mitte der Gesellschaft bediene sich entsprechender Klischees. Esch erklärte, vor allem nach Gewalteskalationen im Nahostkonflikt würden jüdische Organisationen in Deutschland mit E-Mails überschwemmt. Unter den Verfassern seien besonders viele Doktoren und Professoren. Diese zeigten aus Eschs Sicht ein obsessives Verhalten. Die Linguistin Monika Schwarz-Friesel habe 14.000 dieser E-Mail untersucht. Es fänden sich darin viele sehr alte Stereotype über die Juden.

9. November

9. November 2011

Gedenkfeiern

heute am 9. November
im Emsland zur Erinnerung an die Novemberpogrome von 1938 in
Lingen (Ems),
Lengerich,
Freren,
Haren,
Meppen,

Sögel,
Papenburg.

Noch ein Wort zu  Sögel. Dort werden heute erstmals Stolpersteine von dem Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt, zunächst in der „Alte Poststraße“ zum Gedenken an die Familie Bertha Jacobs und im Anschluss daran in der Straße „Am Pohlkamp 10“ zum Gedenken an die Familie Gottfried Grünberg und daran anschließend in derselben Straße bei der Haus-Nr. 6 zum Gedenken an die Familie Isidor Grünberg. Im Anschluss daran, lese ich auf der Webseite der Gemeinde im Gegensatz zur NOZ, ist die Gedenkveranstaltung anlässlich des Jahrestages der Reichsprogromnacht am Denkmal in der Straße „Am Pohlkamp“ vorgesehen. Dazu sei die gesamte Bevölkerung ebenso wie zu der anschließenden Kaffeetafel im Heimathaus eingeladen. Leider findet sich auf der Internetseite der Gemeinde Sögel keine Uhrzeit. Die Lokalzeitung meldet allerdings, dass die Veranstaltung um 15 Uhr beginnt.

Ähnlich gedankenlos präsentieren sich leider auch die Internetseiten der Stadt Freren und Lengerich. Noch peinlicher: Andere emsländische Orte, in denen noch Spuren jüdischen Lebens zu finden sind, ignorieren diese und verzichten gleich ganz auf  Gedenkveranstaltungen. Zu nennen sind Aschendorf, Haselünne, Herzlake und Lathen.

(Foto: Jüdischer Friedhof in Lingen (Ems) © Forum Juden – Christen, Altkreis Lingen eV)