Kein Beschluss

22. Juni 2022

Die „Umbenennung der Bernd Rosemeyer-Straße “ war gestern der zentrale Punkt der Sitzung des Kulturausschusses der Stadt Lingen (Ems). Der neue Vorsitzende des Forum Juden-Christen Altkreis Lingen e.V., Simon Göhler, hatte dazu im Vorfeld erklärt: „Seit langem tritt das Forum für eine Umbenennung dieser Straße ein. Diese Benennung durch die Nazis 1938 ist eine Ehrung, die dem SS- Hauptsturmführer Rosemeyer als Propagandisten des NS-Regimes in der Demokratie nicht zusteht.“

Göhler verwies auf einen Vorstandsbeschluss des Forum, demzufolge der in der Erinnerungs- und Antirassismusarbeit tätige Verein für die Umbenennung der „Bernd-Rosemeyer-Straße“ in „Fredy-Markreich-Straße“ eintritt. Damit solle anstelle der Ehrung eines Täter-Repräsentanten ein Vertreter der Opfer des Naziterrors geehrt wer­den.

Das Forum setze sich Göhler zufolge im Vorfeld der entscheidenden Ratssitzung am 6. Juli weiter für die Abkehr der Ehrung für einen SS-Offizier ein.

Zur Erinnerung: Vor der Kommunalwahl 2021 hatte die FDP den Antrag gestellt, die Anfang 1939 vom damaligen NS-Bürgermeister Plesse nach dem Führerprinzip beschlossene Umbenennung der Lingener Bahnhofstraße nach dem SS-Offizier Bernd Rosemeyer rückgängig zu machen und künftig nach dem Kaufmann Fredy Markreich zu benennen. Der Lingener Jude Fredy Markreich (Foto) konnte nach brutaler Erniedrigung und Entrechtung nach der Reichspogromnacht mit wochenlanger Haft im KZ Buchenwald zwar in das westafrikanische Liberia flüchten; der Kaufmann starb dort aber nach wenigen Jahren „an einer Seuche“.

Soweit so klar und so nachvollziehbar. Gestern aber setzte die in der Frage offenbar zerstrittene CDU-Fraktion eine Novität durch: Der städtische Kulturausschuss lehnte eine Beschlussfassung ab. Stadtarchivar Dr. Mirko Crabus durfte noch die Biografien von Opfer Markreich und Täter Rosemeyer darstellen; zuvor aber hatte die CDU die anstehende Beschlussfassung zu dem seit Jahren vorbereiteten Thema in einer ausufernden Geschäftsordnungsdebatte strikt abgelehnt.

Bemerkenswert: Der Vorsitzende der SPD-Ratsfraktion Andreas Kröger stimmte dem CDU-Vorstoß zu und Peter Altmeppen, der die Antrag stellende FDP-Fraktion vertrat, enthielt sich bei dem Geschäftsordnungsantrag der CDU, im Kulturausschuss über die Umbenennung besser nicht zu beschließen. Eine entsprechenden Beschluss stufte die Ausschussvorsitzende Irene Vehring (CDU) dabei übrigens tatsächlich als „arrogant“ ein; man müsse, sagte sie, den Mitgliedern des Rates der Stadt die Gelegenheit geben, nach dem eigenen Gewissen abzustimmen.

Grüne-Ratsfrau Martina Pellny erwiderte, dass dagegen niemand etwas habe, es aber die Pflicht des Ausschusses sei, in der Sache klar Position zu beziehen und abzustimmen. Dann stimme der Rat ab. Für einen Beschluss votierten dann aber mit ihr und Claudia Meinert von den Grünen nur Jens-Uwe Schütte (SPD) sowie der Betreiber dieses kleinen Blogs – also nur vier Ausschussmitglieder. Der FDP-Mann -seine Partei bildet mit der CDU eine sog. Gruppe im Stadtrat- wollte offenbar auch kein Votum über seinen Antrag und enthielt sich;  mit dem irrlichternden Andreas Kröger (SPD) lehnten alle sieben CDU-Vertreter Irene Vehring, Jürgen Herbrüggen, Stefan Heskamp, Florian Niemeyer, Björn Roth, Ulrike Schulte und Manfred Schonhoff eine Beschlussfassung ab – wie gesagt eine Novität, die es in dem Gremium seit Gründung der Bundesrepublik nicht gegeben hat. Man könnte auch sagen: Sie zeigten sich gleichermaßen feige und geschichtslos. Auf die Abstimmung a 6. Juli und darauf, was die CDU sich dazu einfallen lässt, bin ich gespannt. Gemunkelt wurde gestern von einer geheimen Abstimmung.

Spoiler:
Dass die CDU überhaupt trotz ihres Verlustes der absoluten Mehrheitbei der Kommunalwahl im vergangenen September  sieben (von 13) Mitglieder/n im Kulturausschuss stellt, liegt daran, dass fünf Wochen nach der niedersächsischen Kommunalwahl die große Koalition von SPD und CDU im niedersächsischen Landtag ein anderes Auszählverfahren bei der Ausschussbesetzung durchsetzte, das große Ratsfraktionen über Gebühr bevorzugt. Daran darf man sich heute erinnern und für den Tag der Landtagswahl Niedersachsen am 9. Oktober schon mal notieren…

 

Frauentag

8. März 2021

Erstmals fand der Frauentag 1911 statt und dann ab 1921 in jedem Jahr. Das genaue Datum wählten die Vereinten Nationen (UN) im Internationalen Jahr der Frau 1975 zum „Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden“ und richteten erstmals dazu am 8. März eine Feier aus.

1921 machte Berta Gelshorn la erste Frau in Lingen (Ems) ihr Abitur. Das war vor 100 Jahren – genau heute am Frauentag. Ihren verschlungenen, schwierigen Weg zu diesem Meilenstein der Gleichberechtigung zeichnete jetzt der Lingener Stadtarchivar Dr. Mirko Crabus nach:

„1909 gründete die Stadt eine Höhere Mädchenschule für Schülerinnen aller Konfessionen. Eine der ersten Schülerinnen war Berta Gelshorn. Sie wurde 1901 als Tochter des Lingener Malermeisters Gelshorn geboren und hatte bereits drei Jahre lang die Bürgerschule besucht.

Jedoch konnte man an der Höheren Mädchenschule keinen Abschluss erwerben und sich danach höchstens noch zur Handarbeits-, Turn- oder Hauswirtschaftslehrerin ausbilden lassen. Die Schulleiterin Clara Eylert drängte jedoch auf einen Unterricht nach dem Lehrplan der Höheren Schulen.

So konnte Berta Gelshorn nach der vorletzten Klasse eine Prüfung ablegen und in die Abschlussklasse des Lyzeums in Rheine wechseln. Nach einem Jahr bestand sie dort die Prüfungen zur Mittleren Reife. Damit war die nunmehr 17-jährige Berta zum Besuch eines Oberlyzeums berechtigt.

Noch waren das nichts anderes als höhere Lehrerinnenseminare. Das nächste Oberlyzeum befand sich in Münster, doch Berta ging stattdessen auf die städtische Studienanstalt Hannover. Erstmals stand Latein auf ihrem Stundenplan, die Sprache musste sie sich privat aneignen: Auf dem Abschlusszeugnis der ansonsten guten Schülerin reichte es zu einem „genügend“.

Die Weimarer Republik eröffnete Frauen neue Möglichkeiten. Ihnen wurde das Wahlrecht zugestanden, und auch das Georgianum stand nun regulär Schülerinnen offen. So kehrte Berta Gelshorn nach Lingen zurück und wechselte Ostern 1919 in die Unterprima des Gymnasiums.

Zwar war sie dort zunächst nur als Hospitantin zugelassen, doch wurde ihr die Gastschulzeit später angerechnet. Erstmals hatte sie nun auch Griechischunterricht – wieder musste sie den Unterrichtsstoff privat nachholen.

1921 wurden sie und zölf Mitschüler zu den Abiturprüfungen zugelassen. Ende Januar wurden die Klausuren geschrieben: Berta bestand alle Prüfungen mit einem „gut“, Mathematik sogar mit „sehr gut“. Von ihren Mitabiturienten erhielt sonst nur einer Bestnoten: Franz Demann, der spätere Bischof von Osnabrück, in Mathematik und Deutsch. Beide gehörten damit zu den fünf Schülern, deren Leistungen so gut waren, dass sie zur mündlichen Prüfung nicht mehr antreten mussten. Ein Kandidat fiel durch.

Für alle anderen galten alle Prüfungen am 8. März als bestanden, und so war Berta Gelshorn vor genau hundert Jahren die erste Schülerin, die in Lingen das Abitur machte.“

Foto: Berta Gelshorn im Kreise ihrer 12 Mitabiturienten. Ein Foto aus dem Stadtarchiv Lingen.

Text: Mirko Crabus

Tanzende Bauern

5. Dezember 2017

Tanzende Bauern und betrunkene Studenten
Vortrag zur Trink- und Festkultur im früh-neuzeitlichen Lingen
Lingen (Ems) – Gaststätte Timmer, Forstweg 57
Do 07.12.2017 – 18.00 Uhr
Eintritt: frei

Zu einer adventlichen Vortragsveranstaltung lädt der „Arbeitskreis Lingener Familienforscher“  ein. Im Mittelpunkt der Veranstaltung steht ein Vortrag von Stadtarchivar Dr. Mirko Crabus über „Tanzende Bauern und betrunkene Studenten.“ Dabei geht es um die Trink- und Festkultur im frühneu-zeitlichen Lingen. Vor allem Soldaten, Studenten und Bürgersöhne feierten kräftig und wurden so immer wieder aktenkundig. Doch Fest ist nicht gleich Fest. Neben den von der Obrigkeit als ausschweifend bekämpften Feierlichkeiten der breiten Bevölkerung gab es auch von oben verordnete Feste.

„Nach Vortrag und Diskussion ist ein gemeinsames Abendessen vorgesehen. In netter Runde besteht Gelegenheit mit Kolleginnen und Kollegen genealogische Erfahrungen auszutauschen.“

Zu der im wahrsten Sinne lokalgeschichtlichen Veranstaltung musste man sich „eigentlich“ bis Sonntag, 3.12. anmelden. Doch vielleicht versucht man’s einfach mit einer nachträglichen Anmeldung hier oder fragt, ob man nach dem Vortrag und Diskussion ohne Essen gehen darf.

 

(Grafik Die Hohe Schule in Lingen“ – altkolorierter Kupferstich von Romeyn de Hooghe,  ca. 1700)