Putins Uran

10. November 2022

Ungeachtet der völkerrechtswidrigen russischen Invasion in der Ukraine steuert das russische Atomschiff „Mikhail Dudin“ von St. Petersburg aus erneut den Hafen Rotterdam an. es transportiert angereichertes Uran. Seit Dienstag liegt das 26 Jahre alte Uranschiff allerdings an der Nordspitze Dänemarks vor Skagen auf Reede, informiert die Marine-Website Laut der Marine-Website Vesselfinder. Laut  shiptracker war  die Ankunft in Rotterdam für heute morgen  6 Uhr geplant. Aber das Schiff liegt weiter an Dänemarks Nordspitze vor Anker.

Umweltorganisationen aus den Niederlanden, Deutschland und Russland befürchten, dass sich an Bord erneut angereichertes Uran aus Russland wieder -wie zuletzt bereits im September-  für die Brennelementefabrik Lingen im Emsland befindet, das nach dem Anlanden dann per LKW nach Lingen transportiert wird. Heute führten die Umweltorganisationen daher ab 12 Uhr eine Mahnwache vor der Brennelementefabrik in Lingen durch. Anwesend war dabei auch der Träger des Alternativen Nobelpreises, Vladimir Slivyak, sein. Er arbeitet für die in Russland verfolgte Umweltorganisation Ecodefense.

Slivyak erklärte: „Die europäischen Länder sind gefährlich abhängig von russischen Uranlieferungen. Das Geld, das dafür an Vladimir Putin bezahlt wird, verwandelt sich in Bomben, Panzer und Raketen, die in der Ukraine eingesetzt werden. Es ist für Europa auch ein Sicherheitsproblem, sich derart abhängig von russischen Uranlieferungen zu machen. Die Atomgeschäfte mit dem Putin-Regime müssen sofort gestoppt werden.“

Die Umweltorganisationen kritisieren insbesondere die Regierungen in Paris, Berlin und Den Haag: „Während das russische Militär in der Ukraine bewusst die Energieversorgung der Menschen dort zerstört, beharren Frankreich, Deutschland und die Niederlande darauf, ausgerechnet mit dem Kreml-Konzern Rosatom weiter Atomgeschäfte zu machen. Das ist zynisch und ein Schlag ins Gesicht der leidenden Bevölkerung in der Ukraine. Rosatom ist dort unter anderem aktiv an der Besatzungsverwaltung des militärisch besetzten AKW Saporischschja beteiligt,“ sagte heute Matthias Eickhoff vom Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen.

„Dieser Urantransport ist auch eine erste Bewährungsprobe für die neue rot-grüne Landesregierung in Hannover. Im Koalitionsvertrag steht, dass Hannover auf ein Ende der russischen Uranimporte „drängt“. Stephan Weil und Julia Hamburg müssen Kanzler Scholz sowie Umweltministerin Lemke nun umgehend zum Handeln bewegen. Die Zeit der Ausreden ist abgelaufen,“ ergänzte Alexander Vent vom Lingener Bündnis AgiEL – Atomkraftgegner:innen im Emsland.

Da das russische Atomschiff bereits weniger als 48 Stunden vom Zielhafen in Rotterdam entfernt ist, haben die Umweltorganisationen heute nochmals an das Bundesumweltministerium geschrieben, um Auskunft und einen Stopp der Urangeschäfte zu erreichen. Beim letzten Urantransport Ende September hatte das Bundesumweltministerium jedoch noch 24 Stunden vor Ankunft des Urans in Lingen wahrheitswidrig jegliche Kenntnis abgestritten. Deshalb fordern die Organisationen ein Ende der Verschleierungstaktik in Berlin.

Die Brennelementefabrik im Stadtteil Lingen-Darme gehört bekanntlich zum staatlichen französischen Atomkonzern Framatome, eine Tochter des französischen Stromkonzerns EdF. Die Umweltorganisationen vermuten, dass das Uran letztlich für Brennelemente bestimmt ist, die von Lingen aus an die Schweizer AKW Leibstadt, Beznau und/oder Gösgen geliefert werden. Die dortigen AKW-Betreiber haben Lieferungen aus Russland zugegeben, Gösgen wurde zudem mindestens bis 2012 aus Russland via Lingen beliefert.

Für alle drei Schweizer AKW wurden in den letzten Wochen und Monaten entsprechende Brennelement-Exportgenehmigungen des deutschen Bundesamtes BAFA ausgestellt.

„Wir fordern zudem von der niederländischen Regierung, dass sie die Nutzung der niederländischen Häfen für russische Atomschiffe ab sofort untersagt. Urangeschäfte mit Russland sind aktive Hilfe für Putins Kriegskasse. Atomenergie bringt keine Energieunabhängigkeit,“ so Dirk Bannink von der Laka in Amsterdam. Die Laka hatte die aktuellen niederländischen Uran-Transitgenehmigungen für Rosatom und Framatome im Sommer öffentlich gemacht. Demnach sind bis 2025 noch insgesamt 43 Urantransporte von Russland via den Niederlanden nach Lingen geplant.

«Медуза»

20. Oktober 2022

Мы разгадали знак бесконечность

Дорогие наши читатели!

ДАННОЕ СООБЩЕНИЕ (МАТЕРИАЛ) СОЗДАНО И (ИЛИ) РАСПРОСТРАНЕНО ИНОСТРАННЫМ СРЕДСТВОМ МАССОВОЙ ИНФОРМАЦИИ, ВЫПОЛНЯЮЩИМ ФУНКЦИИ ИНОСТРАННОГО АГЕНТА, И (ИЛИ) РОССИЙСКИМ ЮРИДИЧЕСКИМ ЛИЦОМ, ВЫПОЛНЯЮЩИМ ФУНКЦИИ ИНОСТРАННОГО АГЕНТА

Сегодня «Медузе» исполнилось восемь лет. Еще вчера мы никак не могли решить, стоит ли во время войны хоть как-то отмечать день рождения. А потом все же договорились, что «отмечать» вовсе не означает «безудержно веселиться и радоваться жизни» — все равно получается это у нас довольно плохо, а короткая передышка никому не помешает.

Мы хотим отметить этот день с вами. Вы читаете нас целых восемь лет, издание живет только благодаря вам, мы помним об этом каждый день. Вы дарите нам силы и вдохновение — а мы стараемся добросовестно работать в ваших интересах. Поэтому давайте вместе оглянемся и в очередной раз удивимся (или ужаснемся): всего лишь восемь?! Или — боже, неужели уже восемь?!

Что мы приготовили ко дню рождения? Несколько небольших подарков. Прежде всего, мы наконец-то вернули подкасты в приложение (где их очень удобно слушать) — а скоро они появятся и на сайте «Медузы». Если вы обновите наше приложение прямо сейчас, то увидите раздел, в котором есть все вышедшие эпизоды.

Отчасти это связано с недавним событием, когда «Яндекс» по требованию властей «ограничил доступ» к нашим подкастам на территории РФ (то есть заблокировал их). Как и всегда, мы подумали, что в этом случае опора на собственные силы — правильная идея. Но еще важнее другое: мы готовим новую линейку подкастов. И кстати, нам очень интересно услышать ваше мнение. Какой подкаст обязательно должна запустить «Медуза»? Кто должен стать его ведущим? Каких тем и жанров вам сейчас остро не хватает? Поделитесь с нами своими соображениями, можно просто ответить на это письмо.

Кроме того, мы немного расширили нашу англоязычную версию. Запустился второй сезон подкаста The Naked Pravda, который ведут редакторы «Медузы» — американец Кевин Ротрок и канадка Айлиш Харт. А еще мы сделали новую англоязычную рассылку The Beet (да, это «Свекла»!) — о том, что происходит в странах, соседствующих с Россией. Но это совершенно новая, не российская оптика: пишут для The Beet, как правило, авторы из этих стран, а редактирует тексты Айлиш Харт (саму Айлиш можно услышать в The Naked Pravda; ищите это шоу понятно в каком разделе). Вы можете подписаться на The Beet вот здесь.

Обязательно расскажите про The Beet и англоязычную «Медузу» своим друзьям, живущим за границей. Нам все еще нужна финансовая поддержка, а получать деньги мы можем только от людей, живущих вне России. «Медуза» остается одним из немногих СМИ, у которых по-прежнему есть многомиллионная внутрироссийская аудитория.

Ну а на самой «Медузе» сегодня выйдут несколько деньрожденных материалов. Во-первых, ваши ответы на вопрос о том, что бы вы изменили в своей жизни, если бы сейчас оказались в октябре 2014 года. Во-вторых, актуальные карточки — как (и можно ли) праздновать день рождения, когда кругом ад, а веселиться настроения нет совсем. И наконец, важнейший текст, который готовился несколько недель: расследование о том, как цифра 8 связана со знаком бесконечности, который еще называют «ленивой восьмеркой» (а также обратите внимание на логотип «Медузы»!).

Сегодня мы поднимем бокалы в вашу честь. Спасибо, что вы есть. Мы с вами.

∞ 🖤 ∞

Обнимаем и любим,

Иван и Галя

§ 456a StPO

30. Juli 2022

Zwischen den USA und Russland wird wohl über einen Gefangenenaustausch verhandelt. Die USA möchten die in Moskau wegen eines Drogendelikts inhaftierte Basketballerin Brittney Griner und einen weiteren US-Bürger [den ebenfalls in Russland inhaftierten früheren US-Soldaten Paul Whelan] rausholen. Im Gegenzug soll Russland höchstes Interesse haben, [den in den USA inhaftierten russischen Waffenschmuggler Viktor Bout und] einen verurteilten Mörder zurückzubekommen. Der Mann [Vadim Krassikow] sitzt allerdings in deutscher Strafhaft – so dass Deutschland schnell in ein unerfreuliches Szenario hineingezogen werden könnte.

Bei dem inhaftierten Russen handelt es sich um den sogenannten Tiergartenmörder, der im Jahr 2019 einen Georgier [Zelimkhan Khangoshvili von hinten mit 3 Schüssen, u.a.] mit einem Kopfschuss getötet hat. Das Urteil gegen ihn ist rechtskräftig. Der Täter soll enge Verbindungen zum russischen Geheimdienst gehabt haben. Von diesem soll er auch falsche Papiere erhalten haben.

Die Problematik ist natürlich erst mal eine der gefühlten Gerechtigkeit. Es ist nicht davon auszugehen, dass die lebenslange Freiheitsstrafe des Tiergartenmörders in Russland weiter vollstreckt wird, zumindest nicht ernsthaft.

Juristisch ist Deutschland natürlich nicht dazu verpflichtet, den USA einen solchen Gefallen zu tun. Der Aufschrei wäre wahrscheinlich auch enorm. Es gäbe sicher vehemente Kritik daran, wie sich Bürger fühlen sollen, wenn ausländische Agenten in Deutschland mehr oder weniger ungestraft morden können. Und natürlich würde sich auch die Frage stellen, wie souverän die Entscheidung der Bundesregierung im Verhältnis zu den USA tatsächlich wäre. Sozusagen Realpolitik at its best. Da wird dann ohnehin aus dem argumentativen Schützengraben argumentiert, ich halte mich da lieber raus.

Damit sind wir beim eigentlichen Punkt, den ich ansprechen wollte. Juristisch ist die Beteiligung an dem Tauschhandel nämlich ziemlich unproblematisch. Das deutsche Strafvollstreckungsrecht ist sehr liberal, wenn es um die „Überstellung“ verurteilter Straftäter ins Ausland geht. Zentrale Norm ist § 456a StPO:

Die Vollstreckungsbehörde kann von der Vollstreckung einer Freiheitsstrafe … absehen, wenn der Verurteilte wegen einer anderen Tat einer ausländischen Regierung ausgeliefert, an einen internationalen Strafgerichtshof überstellt oder wenn er aus dem Geltungsbereich dieses Bundesgesetzes abgeschoben, zurückgeschoben oder zurückgewiesen wird.

Interessant sind hier mehrere Dinge. Zunächst wird mit dem Wörtchen „kann“ ein Spielraum eingeräumt. Alles geht, nichts muss. Dann gibt es keine Regelung, ob und in welchem Umfang eine Strafe bereits vollstreckt sein muss. Konkret ist es also möglich, dass ein Straftäter keinen einzigen Tag seiner Strafe in Deutschland verbüsst, wenn von der Verfolgung abgesehen wird.

Außerdem sind keine Straftatbestände ausgenommen. Das heißt, auch Mörder, Massenmörder und Kriegsverbrecher können von der Regelung profitieren. Es bedarf dann nur einer Ausländerbehörde, welche die Abschiebung anordnet. Da sind die Spielregeln aber ebenso flexibel gefasst. Es gehört ja zu den erklärten Zielen des Aufenthaltsrechts, dass verurteilte Ausländer in ihre Heimatländer zurückgeschickt werden und nicht wiederkommen können, es sei denn sie nehmen eine erneute Inhaftierung in Kauf (Absatz 2 von § 456a StPO).

Rechtlich gesehen sind die Hürden für den Tauschhandel demnach nicht sonderlich hoch. Der Bundeskanzler ist dennoch nicht zu beneiden, wenn er tatsächlich eine Entscheidung treffen muss.

Bericht im Spiegel


Ein Beitrag aus dem LawBlog von Udo Vetter [mit eigenen Ergänzungen]. Gleiches melden auch faz.net, t-online.de und tageschau.de

 

NAWALNY

4. Mai 2022

Nawalny, der Dokumentarfilm von Daniel Roher, folgt dem Mann, der im August 2020 ein Attentat durch Vergiftung mit einem tödlichen Nervenkampfstoff überlebt hat. Während seiner monatelangen Genesung macht er schockierende Entdeckungen über den Anschlag auf sein Leben und beschließt, nach Hause zurückzukehren.

Der Film begleitet den bedeutendsten russischen Oppositionellen und Putin-Gegner Alexei Nawalny von dem Attentat des russischen Geheimdienstes bis zu seiner Rückkehr nach Moskau und seiner Inhaftierung. Nawalny beginnt mit geheimen Aufnahmen in dem Flugzeug, in dem Alexei Nawalny mit dem russischen Nervengift Nowitschok ermordet werden sollte. Die Zuschauer.innen sind dann hautnah dabei, als seine Frau im russischen Krankenhaus um sein Leben kämpft; als Nawalny in der Berliner Charité gerettet wird und im Schwarzwald wieder zu Kräften kommt. Der dortige Aufenthalt steht im Zentrum des Films. Zusammen mit seiner Familie, seinem Team und dem bulgarischen Journalisten Christo Grozev gelang es Nawalny hier, den Mordanschlag gegen ihn aufzudecken.

NAWALNY
Dokumentarfilm, USA 2022
98 Minuten
Regie:
Daniel Roher
Kamera: Niki Waltl
Musik: Marius de Vries
Schnitt:
Langdon Page, Maya Daisy Hawke,
Eamonn O’Connor, Aleks Gezentsvey

Ab morgen in den Kinos.

The Truth Wins

20. April 2022

Anlässlich des Welttages gegen die Internetzensur 2022 im März hat die „The Truth Wins“ -Kampagne der Organisation Reporter ohne Grenzen für alle zugängliche nationale Losnummern in einen Zugangscode für unabhängigen Journalismus verwandeln und den Adressatinnen und Adressanten die Möglichkeit bieten, staatliche Zensur zu umgehen.

Indem die neuesten Lottozahlen in die Twitter-Konten und Inhalte der Kampagne eingebettet und regelmäßig aktualisieren werden, können wir der Zensur immer einen Schritt voraus sein. Nutzerinnen und Nutzer geben einfach die neuesten Lottozahlen in die Twitter-Suchleiste ein, und schon erscheinen „The Truth Wins“-Konten mit unabhängigen Nachrichten, zensierten Nachrichtenartikeln und Augenzeugenberichten von führenden Medienschaffenden, die zur Zielscheibe ihrer Regierungen wurden. Darunter sind prominente Medienschaffende wie Can Dündar (Türkei) und Patrícia Campos Mello (Brasilien) sowie Denis Schedow von der Menschenrechtsorganisation OVD-Info (Russland), die eine Info-Webseite betreibt.

Zensur in Russland, Türkei und Brasilien 

Nicht nur in Russland passt ein repressives Regime seine Medienzensur an das digitale Zeitalter an. Auch die Türkei hat sich zu einem weltweiten Vorreiter in Sachen Internetzensur entwickelt; sie blockiert jedes Jahr Tausende von Nachrichtenartikeln und verfolgt Medienschaffende sowie Bürgerinnen und Bürger wegen ihrer Beiträge in den sozialen Medien. Und auch in Brasilien versucht Präsident Bolsonaro kritische Journalistinnen und Journalisten sowie Medien durch systematische Schikanen zum Schweigen zu bringen. Mit der neuen Kampagne will RSF das Bewusstsein für die katastrophalen Auswirkungen der Zensur von Online-Medien schärfen und globale Online-Plattformen dazu aufrufen, sich gemäß ihrer unternehmerischen Verantwortung für die Wahrung der Menschenrechte der staatlichen Zensur zu widersetzen.

Für Internetfreiheit kämpfen

Mit dem Start der neuen Kampagne wird auch die Website www.the-truth-wins.com online gehen. Alle Spenden, die über die Kampagnen-Webseite gesammelt werden, fließen direkt in Projekte von RSF, die auf die Umgehung der Internetzensur abzielen, zum Beispiel durch die Spiegelung von Nachrichten-Webseiten, die in Russland blockiert sind.

 

Robert Habeck

9. März 2022

Schwanensee

5. März 2022

Russland schottet sich immer mehr gegen unerwünschte Informationen ab. Manche internationale Medien und soziale Netzwerke sind aus dem Land nicht mehr ohne Weiteres erreichbar. Ein neues Gesetz soll zudem vermeintliche „Falschinformationen“ über den Krieg drastisch bestrafen. Netzpolitik.org fasst zusammen:

„Die russische Regierung verschärft die Informationskontrolle im Land auf vielen Ebenen. Schon seit dem Beginn des Krieges hatte Russland Facebook und Twitter gedrosselt, so dass die Verbreitung von Bildern und Videos eingeschränkt ist. Seit heute sind zudem die Webseiten von BBC, Meduza und Deutscher Welle nur eingeschränkt bis gar nicht mehr erreichbar, wie auch Netblocks.org beobachtet. Genauso sei Facebook in Russland weitgehend nicht erreichbar.

Im Fokus der Zensur ist auch die russische Wikipedia. Hier hatten Regierungstellen die Enzyklopädie aufgefordert, den Artikel „Russische Invasion in der Ukraine 2022“ zu ändern. Dieser Aufforderung kam die Wikimedia Foundation nicht nach. Auch der Online-Enzyklopädie droht nun die Sperrung.

Das russische Parlament hat zudem heute ein Gesetz verabschiedet, das Geldstrafen und bis zu 15 Jahre Haft vorsieht für die Verbreitung von „Falschnachrichten“ über das russische Militär. Laut der Tagesschau versteht der Gesetzestext darunter das Verbreiten vermeintlicher Falschinformationen über russische Soldaten, das Diskreditieren russischer Streitkräfte und auch Aufrufe zu Sanktionen gegen Russland.

Das Gesetz dürfte nicht nur Medien bedrohen, sondern auch die Menschen, die seit Kriegsbeginn immer wieder in verschiedenen Städten Russlands gegen den Krieg mobilisieren und demonstrieren. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation OVD-Info sind seit Beginn des Krieges mehr als 8.170 Personen auf Antikriegsdemonstrationen in Russland festgenommen worden.

Was das Gesetz bedeuten wird, zeigt der Umgang mit Medien in Russland seit Kriegsbeginn. So darf der Krieg in den Medien weder „Angriff“ noch „Krieg“ genannt werden, sondern nur „Militärische Sonderoperation“. Zuletzt hatte Russland die Verbreitung des unabhängigen Radiosenders „Echo Moskwy“ und des Fernsehsenders „Doschd“ verboten. Auch für die Zeitung Nowaja Gaseta, deren Chefredakteur zuletzt den Friedensnobelpreis bekommen hatte, könnte es laut einem Bericht des Tagesspiegels eng werden.

In Russland wurde das Tor-Netzwerk, mit dem man sich anonym im Internet bewegen und Zensur umgehen kann, schon vor dem Krieg von täglich etwa 300.000 Menschen genutzt. Russland hatte zuletzt die Tor-Webseite gesperrt und versucht auch den Zugang zum Netzwerk zu blockieren.

Aktivist:innen bauen derzeit mehr Infrastruktur für das Tor-Netzwerk auf, darunter auch viele so genannte Bridges, die eine Blockade des Dienstes verhindern sollen. Normale Nutzer:innen ohne große IT-Kenntnisse können mit dem Plugin „Snowflake“ in den Browsern Firefox und Chrome mithelfen, das Tor-Netzwerk zu stärken und so Menschen in Ländern mit Zensur den ungefilterten Zugang zu Information ermöglichen.

Die BBC bietet unterdessen ihre Inhalte auch im so genannten Dark Web auf russisch und ukrainisch an. Diese Seiten können nur mit dem Tor-Browser erreicht werden. Ebenso wurden Kurzwellen-Frequenzen der BBC reaktiviert, die man auch in Teilen Russlands empfangen kann.

Eher symbolischen Charakter hatten kollektive Aktionen wie der Versuch, Antikriegs-Botschaften in Google- und TripAdvisor-Rezensionen zu platzieren. Solche Rezensionen werden von den beiden Plattformen jedoch als nicht-echte Rezensionen gelöscht.

Informationskontrolle auch im Westen

Auch Länder des Westens und der EU üben eine zunehmend schärfere Informationskontrolle aus. So wurden die russischen Propaganda-Sender RT und Sputnik europaweit verboten. Die EU-Kommission versteht den Schritt nicht als Zensur, sondern als Sanktion. Das RND zitiert einen EU-Beamten damit, dass es sich nicht um journalistische Medien handele, sondern um Waffen des Kremls in seiner Aggression gegen die Ukraine.

An diesem Vorgehen gibt es deutliche Kritik. „Der Einfluss dieser Medien auf die Meinungsbildung in Europa ist begrenzt, die zu erwartenden russischen Gegenmaßnahmen allerdings könnten eine unabhängige Berichterstattung aus Russland erschweren oder sogar unmöglich machen“, so der Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen, Christian Mihr.

Neben dieser Form von staatlicher Informationskontrolle reagieren auch Plattformen und Unternehmen auf den Krieg. Sie sperren russische Staatsmedien und stellen bestimmte Dienste ein. Die SZ spricht von einem „riskanten Zensur-Ping-Pong“, in dem die ukrainische Regierung sogar den Ausschluss Russlands aus dem Internet forderte.


von Markus Reuter auf Netzpolitik.org
Creative Commons BY-NC-SA 4.0.

 

 

unabhängig informieren

3. März 2022

In diesen Tagen stellt sich immer wieder die Frage: Wo kann man sich unabhängig informieren? In Russland, wo ausländische Journalist*innen schon immer Schwierigkeiten hatten, ihrer Arbeit nachzugehen, wird es immer komplizierter, ja fast unmöglich, aus dem Land heraus geprüfte Informationen und Recherchen zu veröffentlichen. In der Ukraine arbeiten Journalist*innen im Krieg unter Lebensgefahr, doch herrscht dort die Pressefreiheit und einige Journalist*innen leisten gerade unglaublich wichtige Arbeit.

So auch die unabhängige Medienplattform kyivindependent.com, die von mehreren Medienmacher*innen in der Ukraine als Start-up lange vor Beginn des russischen Angriffs gegründet worden ist. Sie liefern auf ihrer Seite unabhängige Nachrichten, transparente Quellenangaben und Berichte aus den Städten des Landes, die unter Beschuss sind. Zumindest ist Kyiv Independent für mich als Nicht-Experte in diesen Tagen eine gute, ergänzende Informationsquelle, die ich allen empfehlen möchte.

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Von Mohamed Amjahid auf qipd.

Und noch was: Wer die Arbeit von Journalisten in der Ukraine unterstützen möchte: Das Netzwerk für Osteuropa-Berichterstattung e.V. sammelt hier Spenden.

Das geht gerade viral, und es ist eine gute Idee. Wer also etwas Zeit hat, ist gerne eingeladen zu helfen:

„Geh zu Google Maps. Geh nach Russland. Am besten Moskau, St. Petersburg, Omsk, Tomsk, Irkutsk, Wladiwostok, Jekaterinburg. Und Weißrussland sollte mit einbezogen werden.

Finde dort ein Restaurant oder ein Lokal und schreib deine Bewertung. Wenn Du die Bewertung schreibst, erkläre zugleich, was aktuell in der Ukraine passiert. Hier ein Beispielstext, den Du kopieren kannst:

„Еда была отличной! К сожалению, Путин испортил наши аппетиты, вторгшись в Украину. Противостаньте своему диктатору, прекратите убивать невинных людей! Ваше правительство лжет вам. Вставай!“

DeepL-Übersetzung:

„Das Essen war großartig! Leider hat uns Putin mit dem Einmarsch in die Ukraine den Appetit verdorben. Widersetzt euch eurem Diktator, hört auf, unschuldige Menschen zu töten! Ihre Regierung belügt Sie. Steht auf!“

Und natürlich immer die Bewertung mit 5 Sternen geben!

Ein Crosspost von Netzpolitik.org

Während in der Ukraine Panzer rollen und Raketen einschlagen, ist auch der „Cyberkrieg“ in aller Munde. Viele Aktionen davon sind aber eher symbolische Angriffe. Vor Attacken auf echte kritische Infrastruktur warnen nicht nur IT-Experten, sondern auch das Hackerkollektiv Anonymous selbst.

Das Kollektiv Anonymous ist „offiziell im Cyberwar gegen die russische Regierung“, der ukrainische Digitalminister sucht über Twitter „IT-Talente“ und bewirbt dort einen Kanal der „IT-Armee der Ukraine“ auf Telegram, den in kürzester Zeit mehr als 230.000 Menschen abonniert haben. Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat längst das Netz erfasst und die unterschiedlichsten Player spielen mit – von putintreuen Ransomware-Gruppen bis hin zu Leuten, die von IT keine Ahnung haben, aber aus Solidarität mit der Ukraine browserbasiert bei DDoS-Attacken mitmachen.

Die Lage ist unübersichtlich, der offizielle Aufruf des ukrainischen Digitalministers allerdings ein Novum. „Für ein Land, das mit einer existenziellen Bedrohung konfrontiert ist, wie die Ukraine, ist es nicht verwunderlich, dass ein solcher Aufruf ergeht und dass einige Bürger darauf reagieren“, sagt J. Michael Daniel, Leiter von Cyber Threat Alliance und ehemaliger Cyber-Koordinator des Weißen Hauses unter US-Präsident Barack Obama gegenüber Wired.

Ungewollte Eskalation möglich

Bislang ist im Telegram-Kanal der „IT-Armee“ nur von DDoS-Attacken die Rede. Daniel warnt zugleich aber auch vor digitalen „Querschlägern“ aus dem Kanal und Angriffen auf kritische Infrastrukturen, die dann Zivilisten in Russland verletzen könnten. Er sieht in der Maßnahme auch die Gefahr einer ungewollten Eskalation, „wenn die Russen dies als direkten Befehl, als direkte Absicht der ukrainischen Regierung wahrnehmen und entsprechend reagieren“, so der IT-Experte weiter.

Linus Neumann, Sprecher des Chaos Computer Clubs (CCC), schließt nicht aus, dass sich Menschen durch den Krieg und Aufrufe wie die des ukrainischen Digitalministers inspiriert fühlen könnten, echte Attacken auf kritische Infrastruktur zu fahren und damit auch erfolgreich sein könnten. „Das würde dann sehr schnell sehr gefährlich, weil Staaten auf derartige Angriffe mit militärischer Logik reagieren“, so Neumann gegenüber netzpolitik.org. Weil die Attribution derartiger Angriffe ohnehin kaum möglich sei, könnte Putin sich zudem dann aussuchen, wem er die Schuld gibt, und wo er „Vergeltung“ üben möchte.

Anonymous im „Cyberwar“

Auch das internationale Hacktivism-Kollektiv Anonymous macht im Ukraine-Krieg mit. Es hat nach eigener Aussage in den letzten Tagen „mehrere 100 Websites der russischen Regierung, von Banken und Staatsunternehmen“ per DDoS attackiert. Viele von ihnen sind nach wie vor nicht erreichbar. Unter den Seiten sind die Webseite des Kremls, die der populären Sberbank, den Staatssender RT sowie das Gasunternehmen Gazprom, bei dem auch die deutsche Webseite derzeit nicht aufrufbar ist. Neben den DDoS-Attacken, die einfach gesagt mit vielen Zugriffen eine Seite überlasten, hat Anonymous nach eigenen Angaben auch richtige Hacks durchgeführt, darunter auf das russische Verteidigungsministerium und den belarussischen Waffenhersteller Tetraedr.

Der deutsche Ableger von Anonymous erklärt in einem Blogpost die Hintergründe der Aktionen. Es gehe nicht darum, die russische Bevölkerung zu treffen. „Putin, der Hackertruppen und Trollarmeen gegen westliche Demokratien einsetzt, bekommt einen Schluck seiner eigenen bitteren Medizin“, heißt es in der Erklärung.

Neben der Störung der Infrastruktur Russlands und der Unterstützung der Ukraine in technischer Hinsicht sei ein weiterer Schwerpunkt die Information der russischen Bevölkerung. Deswegen würden Sendungen auf Russisch in das staatliche Fernsehen eingeschleust und Botschaften über Rundfunk verbreitet. Darüber hinaus engagierten sich Anonymous-Aktivisten dafür, dass die Bürger der Ukraine trotz massiver Störungen des Internets in der Ukraine weiter online bleiben können. Dazu gehörten die Bereitstellung von VPN-Services genauso wie Anleitung zur Umgehung von Sperren des Tor-Netzwerks durch den Einsatz von Bridges.

Digitaler Protest und Zeichen der Solidarität

CCC-Sprecher Neumann sieht DDoS-Attacken, wie sie von Anonymous propagiert werden, eher als digitalen Protest als eine echte Teilnahme am Krieg. „Solche Aktionen können als Zeichen der Solidarität wahrgenommen werden, weil sie zeigen, dass quasi die ganze Welt gegen diesen Krieg und hinter den Ukrainer:innen steht. Und das eben auch auf der Ebene digitaler Aktionen.“

Wenn die Webseiten von Kreml oder Gazprom wegen einer DDoS-Attacke nicht erreichbar seien, dann sei das eher eine symbolische digitale Sitzblockade, bewertet Neumann die Lage. „Die bisherigen Aktionen von Anonymous dürften Russland wohl kaum nennenswert schaden oder gar den Verlauf des Angriffskriegs beeinflussen“, so der CCC-Sprecher weiter.

Theoretisch sei ein nennenswerter Einfluss von Hackerangriffen auf den Krieg natürlich denkbar, wenn die Angriffe sich auf kritische Infrastrukturen richten würden. „Praktisch kommt den Angriffen, die wir in den letzten Tagen gesehen haben, eher die Rolle zu, für Ausfälle, Kosten, Instabilität und Verwirrung zu sorgen. Das angegriffene Land hat dann mehr mit sich selbst zu tun.“

Das gibt auch Anonymous als Ziel aus. Es gelte, den russischen IT-Apparat beschäftigt zu halten. Angriffe auf wirklich kritische Infrastrukturen lehnt Anonymous in seiner Erklärung als „NoGo“ ab. „Derzeit sind auch Hacker unterwegs, die sich nicht an die Werte von Anonymous gebunden fühlen, die Ukraine selbst hat ja den Hackeruntergrund zur Hilfe aufgerufen. Auf diese Leute hat man keinen Einfluss“, distanziert sich die deutsche Gliederung des Hacker-Kollektivs schon vorab von solchen Aktionen.


Ein Beitrag von Markus Reuter auf Netzpolitk.org
Creative Commons BY-NC-SA 4.0.