Der Hauptmann

17. Januar 2018

Es ist eine schreckliche Mordgeschichte aus der NS-Zeit am Ende des Zweiten Weltkrieges, die jetzt als Spielfilm in die Kinos kommt:

1943 als Schornsteinfegerlehrling zum Wehrdienst eingezogen wurde Willi Herold Anfang April 1945 von seiner Einheit getrennt und fand nahe Bardel (Obergrafschaft Bentheim) eine Offizierskiste mit der Uniform eines Hauptmanns der Luftwaffe. Fortan gab er sich mit dieser Uniform als Offizier aus und sammelte ein Dutzend ebenfalls versprengter Soldaten um sich und gelangte am 11. April 1945 zum Lager II der Emslandlager, dem Strafgefangenenlager Aschendorfermoor. Mit den Worten „Der Führer persönlich hat mir unbeschränkte Vollmachten erteilt“ übernahm der gerade einmal 18jährige dort das Kommando und errichtete ein Schreckensregiment. Häftlinge, die kurz vorher einen Fluchtversuch unternommen hatten, wurden sofort erschossen. Innerhalb der nächsten acht Tage ließ Herold über 100 Lagerinsassen ermorden, einige ermordete er eigenhändig.

Nach einem schweren Luftangriff gelang den meisten überlebenden Häftlingen die Flucht. Auch die Einheit von Herold setzte sich vor der vorrückenden Front ab und beging letzte Kriegsverbrechen. Der Bauer Spark aus Börgermoor, der die weiße Fahne gehisst hatte, wurde von Herolds Leuten gehängt, und vor der Stadt Leer wurden fünf Niederländer Johannes Gerhardus Kok, Kornelis Pieter Fielstra, Johannes Adrianus Magermans, Carolus Henricus Hubertus Magermans und Johannes Verbiest wegen angeblicher Spionage nach zehnminütigem Scheinprozess ermordet; diese Männer waren aus dem bereits befreiten Groningen gekommen, um niederländische Zwangsarbeiter zu befreien (oben: die 2013 enthüllte Tafel zum Gedenken an die fünf Ermordeten am Rathaus Leer).

Herolds Täuschung flog noch vor Kriegsende auf, ein deutsches Militärgericht ließ Herold jedoch laufen. Nach Kriegsende tauchte Herold zunächst unter und ging aber durch einen Zufall – er stahl Brot in Wilhelmshaven- der britischen Militärregierung ins Netz. Im August 1946 begann vor dem Britischen Militärgericht in Oldenburg der Prozess gegen Herold und 13 weitere Angeklagte. Sie wurden für die Ermordung von 125 Menschen verantwortlich gemacht. Herold, der als „Henker vom Emsland“ berüchtigt wurde, und sechs weitere Mitangeklagte wurden zum Tode verurteilt, fünf andere freigesprochen. Am 14. November 1946 wurden sechs der Urteile im Gefängnis von Wolfenbüttel von Scharfrichter Friedrich Hehr mit dem Fallbeil vollstreckt; das siebte Todesurteil war aufgehoben worden.

„Der Hauptmann“ – ab 15. März in den Kinos.

gescheitert

17. Juni 2017

Wie die gesellschaftlichen und die journalistischen Maßstäbe verrutschen, zeigt der „Talk“ der Ems-Vechte-Welle über das Thema Bernd Rosemeyer und die Pläne, für Bernd Rosemeyer in Lingen ein Museum zu bauen, damit dann möglichst 125.000 Rennsportfans „eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen auf dem Lingener Marktplatz essen“ (Heinrich Liesen). Hören Sie selbst den Podcast der Ems-Vechte-Welle.

Spätestens Minute 17 wird es interessant. Dann geht es um Rosemeyers SS-Mitgliedschaft, die nach seinem eigenen Bekunden 1932 begann. Uns staunendem Publikum wird erklärt, dass die SS „Anfang bis Mitte der 30er Jahre“ eine „Eliteorganisation“ war und sie wird gesprächsweise zu einer Art besserer Sportverein, wie es der Laxtener Twitterer Remmo_Lade trefflich kritisiert.

Wohlgemerkt beziehen sich die schrecklichen Interviewpassagen auf die damals längst als verbrecherisch bekannte SS, die 1933 im Emsland wütete und hier in den Emslandlagern Menschen quälte, folterte und ermordete. Sie war schon 1932 als verfassungsfeindlich verboten worden. Das wusste jede/r im Deutschen Reich. Auch jeder Motorsportler.

Aber die erfahrene, kluge Radiomacherin Inga Graber (Ems-Vechte-Welle) greift bei den verharmlosenden Sätzen ihrer Gespröchspartner nicht ein, unterbricht nicht, hält nicht vor, fragt nicht nach. Sie lässt die SS-Plauderei von Bernd Rosemeyer jun. unverbindlich in Richtung Kaffee und Kuchen weiter plätschern. Das ist wirklich schwer erträglich, weil es Tausende Opfer der SS verhöhnt – gerade hier im Land der Emsland-KZ. Das Interview wirkt zugleich wie ein Schlag gegen die mühsam und in Jahrzehnten geschaffene Erinnerungskultur in unserer Stadt. Damit wird die Sendung des regionalen Radios leider zum Lehrstück für ein gescheitertes Interview.

(Foto: Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky, Folteropfer der SS im emsländischen KZ Esterwegen; Bundesarchiv, Bild 183-R70579 / CC-BY-SA 3.0)

Gedenkstätte Esterwegen
Hinterm Busch 1  –  26897 Esterwegen

Heute
11:00 – 13:00 Uhr

Konspirantinnen – Polnische Frauen im Widerstand 1939 – 1945
Filmvorführung (mit Einführung)

Vor 70 Jahren, am 12. April 1945, befreiten polnische Soldaten 1.728 kriegsgefangene polnische Soldatinnen der Untergrundarmee Armia Krajowa im Lager Oberlangen. Der Film von Paul Meyer dokumentiert anhand von Zeitzeuginnenberichten den Widerstand von Frauen im besetzten Polen 1939-1945.
Aus Anlass der Befreiung des Lagers Oberlangen vor 70 Jahren ist an diesem Tag eine Gruppe aus Polen und England zu Gast in der Gedenkstätte, darunter mehrere der 1945 im Lager Oberlangen befreiten Frauen. Zu Beginn der Veranstaltung wird Eugenia Maria Cegielska, Vorsitzende der Gruppe der Oberlangen-Frauen aus Warschau, kurz über ihre Erinnerungen berichten.
Eintritt: 3,00 €

15:00 – 17.30 Uhr

April 1945: Befreiung, Räumung und Massenmord – Das Ende der Emslandlager
Bebilderter Vortrag mit Kurt Buck und Film

Am 12. April 1945 befreiten alliierte Truppen als letztes der Kriegsgefangenenlager im Emsland das Lager Oberlangen. Am selben Tag übernahm der Gefreite Willi Herold das Kommando im Lager Aschendorfermoor , in dem die Gefangenen der Strafgefangenenlager im nördlichen Emsland zusammengezogen waren, und verübte vor dem Eintreffen der Alliierten ein Massaker. Nach einem bebilderten Vortrag über die Befreiung der Lager wird der Film “Der Hauptmann von Muffrika“ von Paul Meyer gezeigt.
Eintritt: 5,00 €

Gelandet

24. Januar 2014

Emslandfreund Gerhard Kromschröder wurde 1963 Lokalredakteur im Emsland. Ihn interessierte vor allem die Geschichte der Konzentrationslager Börgermoor und Esterwegen. Doch mit seiner Neugier eckte er an und musste seinen Posten schließlich räumen. Ein kleiner Beitrag von ihm auf Gedächtnis der Nation. 

Wenn Sie mal Zeit über haben (es sind ja acht Filmchen zu verschiedenen Themen): vielleicht haben Sie ja Lust, auch sonst mal reinzugucken.

Geschichte lebt!

Geschichte lebt durch Geschichten. Durch persönliche Erfahrungen und Erlebnisse. Sie in Interviews einzufangen und für spätere Generationen zu bewahren, ist das Ziel des Vereins „Unsere Geschichte. Das Gedächtnis der Nation„. Das bundesweit einmalige Projekt sammelt Erzählungen von Zeitzeugen zu Alltagserfahrungen und zentralen Momenten der deutschen Geschichte. Vor der Kamera berichten Jung und Alt über ihre ganz individuellen Erinnerungen an historische Ereignisse und Entwicklungen. Sie bilden die Mosaiksteine im Geschichtsbild einer Nation und prägen das Selbstverständnis einer Gesellschaft. Erzählen auch Sie uns Ihre Geschichte und werden Teil eines facettenreichen Archivs der Erinnerungen!

Moorsoldaten

27. August 2013

Das Moorsoldatenlied wurde 1933 von Häftlingen des Konzentrationslagers Börgermoor nahe Papenburg im Emsland geschaffen. In diesem Lager wurden vorwiegend politische Gegner des Nazi-Regimes gefangen gehalten. Mit einfachen Werkzeugen wie dem Spaten mussten diese dort das Moor kultivieren. Das Lied wurde am Sonntag, 27. August 1933, also heute vor 80 Jahren,  bei einer Veranstaltung namens Zirkus Konzentrazani von 16 Häftlingen, aufgeführt. Geschrieben hatten das Lied der Bergmann Johann Esser und der Regisseur Wolfgang Langhoff. Komponist war Rudi GoguelEr erinnerte sich später:

„Die sechzehn Sänger, vorwiegend Mitglieder des Solinger Arbeitergesangsverein, marschierten in ihren grünen Polizeiuniformen (unsere damalige Häftlingskleidung) mit geschulterten Spaten in die Arena, ich selbst an der Spitze in blauem Trainingsanzug mit einem abgebrochenen Spatenstiel als Taktstock. Wir sangen, und bereits bei der zweiten Strophe begannen die fast 1000 Gefangenen den Refrain mitzusummen. […] Von Strophe zu Strophe steigerte sich der Refrain, und bei der letzten Strophe sangen auch die SS-Leute, die mit ihren Kommandanten erschienen waren, einträchtig mit uns mit, offenbar, weil sie sich selbst als ‚Moorsoldaten‘ angesprochen fühlten. […] Bei den Worten ‚… Dann ziehn die Moorsoldaten nicht mehr mit den Spaten ins Moor‘ stießen die sechzehn Sänger die Spaten in den Sand und marschierten aus der Arena, die Spaten zurücklassend, die nun, in der Moorerde steckend, als Grabkreuze wirkten.“

Der Text:

Wohin auch das Auge blickt
Moor und Heide ringsherum
Vogelsang uns nicht erquickt
Eichen stehen kahl und krumm

Wir sind die Moorsoldaten
Und ziehen mit dem Spaten ins Moor

Hier in dieser öden Heide
Ist das Lager aufgebaut
Wo wir fern von jeder Freude
Hinter Stacheldraht verhaut

Wir sind die Moorsoldaten
Und ziehen mit dem Spaten ins Moor

Morgens ziehen die Kolonnen
In das Moor zur Arbeit hin
Graben bei dem Brand der Sonne
Doch zur Heimat steht ihr Sinn

Wir sind die Moorsoldaten
Und ziehen mit dem Spaten ins Moor
Wir sind die Moorsoldaten
Und ziehen mit dem Spaten ins Moor

Auf und nieder geh’n die Posten
Keiner, keiner kann hindurch!
Flucht wird nur das Leben kosten
Vierfach ist umzäunt die Burg

Wir sind die Moorsoldaten
Und ziehen mit dem Spaten ins Moor
Wir sind die Moorsoldaten
Und ziehen mit dem Spaten ins Moor

Doch für uns gibt es kein Klagen
Ewig kann’s nicht Winter sein!
Einmal werden froh wir sagen:
Heimat du bist wieder mein!

Dann zieh’n die Moorsoldaten
Nicht mehr mit dem Spaten ins Moor
Dann zieh’n die Moorsoldaten
Nie mehr mit dem Spaten ins Moor

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Esterwegen

8. September 2012

Unter ihrer neuen Intendantin Katrin Zagrosek (Foto lks.) widmen sich die 26. Niedersächsischen Musiktage  in diesem Jahr dem Thema „Freiheit“ und seinen vielfältigen Facetten. In 65 Veranstaltungen beleuchten hochkarätige Künstler politische und persönliche Freiheit, die Freiheit der Natur und vor allem die Freiheit der Musik.

Ein ganz besonderer Beitrag findet dabei am nächsten Samstag als sog. Wandelkonzert auf dem Gelände des ehem. Konzentrationslagers Esterwegen statt, wo erst  66 Jahre nach dem Ende der NS-Gewaltherrschaft, im vergangenen Oktober, doch noch eine Gedenkstätte eröffnet wurde. Sie gilt als zentraler Erinnerungsort für alle 15 sog. „Emslandlager“. Sie gedenkt der Opfer des NS-Regimes, setzt damit ein Zeichen gegen Diktatur, Gewaltpolitik und Rassismus. Esterwegen fordert damit auf zum Engagement für Menschenrechte, Demokratie und – Freiheit.

Hier in Esterwegen nähern sich die Musiktage dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte unter der an diesem Ort so bitteren Überschrift Die Gedanken sind frei. Unfreiheit und Hoffnung werden mit leisen Tönen und musikalischer Eindringlichkeit nachvollziehbar, verstummte Stimmen wieder hörbar. „Manchmal sagt die Atmosphäre eines Ortes mehr als jede historische Information. Manchmal kann Musik mehr ausdrücken als jedes beschreibende Wort.“

Mitwirkende sind u.a.

Bennewitz Quartett mit Musik von J. S. Bach und Erwin Schulhoff,
Camerata Vocale Hannover mit Chormusik und
Kolsimcha mit Klezmer-Klängen.

In den Baumgruppen des Geländes formen sich Texte berühmter Häftlinge wie Carl von Ossietzky zu einem »Hörwald«. Das Bennewitz Quartett spielt Stücke des von den Nazis ermordeten Erwin Schulhoff, sowie Bachs »Kunst der Fuge« – ergänzt und kommentiert durch eine Lesung von Celans »Todesfuge«, vorgetragen von Schauspieler Dieter Hufschmidt. Die Camerata Vocale Hannover tritt mit Gesängen von di Lasso, Kodály und Schostakowitsch auf, und die international renommierte Klezmer-Formation Kolsimcha „holt die Besucher schließlich im Lagerraum II zu einem Konzert zusammen, das sich auf den Gedanken der Befreiung konzentriert – auf eine Hoffnung, an welche die Musik noch glauben lässt, wenn Worte bereits verstummt sind.“ (NDR)

Samstag, 15.09., 17:00 Uhr
Gedenkstätte Esterwegen
Hinterm Busch 1
26897 Esterwegen

Das Konzert ist Teil der PartiTouren Niedersachsen.

Anfahrt mit Google Maps

Eintritt 12,50 Euro – 25,00 Euro
Der Eintritt beinhaltet einen Imbiss, mit der Eintrittskarte kann ab 15 Uhr die Gedenkstätte besichtigt werden.

Online sind bereits keine Karten mehr verfügbar. Es gibt eine Warteliste, auf die man sich mittels E- Mail mit Anzahl der Karten an kirsten.karg(at)svn.de eintragen kann.

Konzertprogramm:

Erwin Schulhoff: Fünf Stücke für Streichquartett
Johann Sebastian Bach: Die Kunst der Fuge (Contrapunctus 1-4)

Orlando di Lasso: Super flumina Babylonis
Zoltán Kodály: Sirató ének

Wolfgang Rihm: Mit geschlossenem Mund
Dmitri Schostakowitsch: Den Hingerichteten

Johann Sebastian Bach: Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn, ist uns die Freiheit kommen
Johannes Brahms: Nachtwache I, opus 104/1

Erwin Schulhoff: Fox-Song für Klavier und Melodieinstrument
Erwin Schulhoff: Hot Sonate für Klavier und Saxophon

Hinweis: Ein Teil des Konzerts findet im Freien statt. Empfohlen werden daher wetterfeste Kleidung und festes Schuhwerk.

(QuelleFoto: (c) Thomas Keydel)

Nie erschienen

12. Mai 2012

Fleurop lässt grüßen! Gerade empöre ich mich über diese peinlich-arroganten Worte der Pressesprecherin des Kreises Emsland Anja Rohde. In diesen Tagen jährt sich bekanntlich zum 67. Mal die Befreiung der Emslandlager; aber  der Landkreis Emsland hat gar nicht so richtig dran gedacht. Denn da sagt die Dame auf Anfrage der Presse tatsächlich:

Wir werden in der alten Rheder Kirche und am Ossietzky-Denkmal in Esterwegen Kränze niederlegen“, sagt Kreissprecherin Anja Rohde auf die Frage, ob es denn von Seiten des Landkreises eine Gedenkveranstaltung gebe. „Allerdings wird dies kein offizieller und auch kein öffentlicher Akt. Die Kränze sollen ein Zeichen für die Besucher sein.

So ist es eben, wenn man lediglich aus parteipolitischen Gründen glaubt, gedenken zu müssen, und man nicht mit dem Herzen dabei ist.

Heute informiert die taz-nord über dies:

„In diesem Jahr könnte die deutsch-niederländische Initiative 8. Mai ihre Gedenkveranstaltung im Emsland zum Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus zum ersten Mal auf der Gedenkstätte Esterwegen ausrichten. Die hat Ende Oktober letzten Jahres zur Erinnerung an die Opfer der 15 Konzentrations- und Strafgefangenenlager im Emsland eröffnet.

Die Initiative, zu der auch ehemalige Gefangene gehören, wird sich am heutigen Samstagnachmittag allerdings nicht dort treffen, sondern, wie in jedem Jahr seit 1985, auf dem Lagerfriedhof Bockhorst bei Esterwegen.

Nikolaus Schütte zur Wick, Fraktionsvorsitzender der Grünen im emsländischen Kreistag, ist sich sogar sicher: „Selbst wenn die Initiative beantragt hätte, ihre Veranstaltung an der Gedenkstätte abzuhalten, wäre das bestimmt nicht genehmigt worden.“

Die Veranstaltung der NS-Opfer wird von den Vertretern des Landkreises gemieden. Nie erschienen ist der ehemalige…“

weiter bei der taz

Mehr im taz-Kommentar von Simone Schnase
und über die Ab- und Hintergründe hier 

und online im Emskopp

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DIE EMSLANDLAGER

„1933 wurden die Kozentrationslager Börgermoor, Esterwegen und Neusustrum fertiggestellt, bis 1937 kamen Aschendorfermoor, Brual-Rhede, Walchum und Oberlangen hinzu, ab 1938 Wesuwe, Versen, Fullen, Groß-Hesepe, Dalum, Wietmarschen, Bathorn und Alexisdorf.

In den Emslandlagern wurden insgesamt 70.000 Menschen inhaftiert, darunter politische Gefangene, Homosexuelle, wehrmachtgerichtlich verurteilte Soldaten und sogenannte Nacht-und-Nebel-Gefangene .

1939 übernahm die Wehrmacht drei Lager und nutzte sie als Kriegsgefangenenlager für weit über 100.000 Soldaten aus der Sowjetunion, Frankreich, Belgien, Polen und Italien. 1944/45 dienten die Lager Dalum und Versen der SS kurzzeitig als Außenlager des KZ Neuengamme.

Insgesamt sind in den Emslandlagern rund 30.000 Menschen ums Leben gekommen.“ (Quelle)

Simone Schnase

3. Mai 2012

Die lange Zeit im Emsland tätige Journalistin Simone Schnase (Foto lks)  fährt nach Nürnberg. Für ihren Artikel „Die Emslandlager und ihre Folgen: Eine  Geschichte von 1933 bis in die Gegenwart“ wird sie dort am Freitag als zweite Preisträgerin mit dem Alternativen Medienpreis in der „Sparte Print“ ausgezeichnet.

In der Laudatio heißt es: „Eines hatte sich die bundesrepublikanische Gesellschaft jahrzehntelang fest vorgenommen: Es durfte nicht über die Verbrechen der Nazi-Zeit gesprochen werden, erst recht nicht über die eigene Beteiligung daran. Hinter diesem harmlosen Begriff, „nicht darüber sprechen“, verbarg sich häufig ein ziemlich rabiater Verdrängungsvorgang. Wehe, wer sich nicht daran hielt und trotzdem den Mund aufmachte!

Diesen Verdrängungsprozess stellt Simone Schnase für den Bereich der Emsland-Lager dar. Erschienen ist der Artikel im lokalen Städte- und Kulturmagazin „Emskopp“. Die Leserin, der Leser erfährt, Redakteure einer lokalen Tageszeitung haben aufgrund ihrer Aufklärungsbemühungen sogar ihren Job verloren. Thematisiert wird auch die Kriminalisierung ehemaliger NS-Häftlinge – in der Nachkriegszeit wohlgemerkt. Noch im Jahr 2004, als eine Hochschulschrift zum Thema präsentiert wurde, gab es feindselige Reaktionen.

Wir freuen uns, dass wir den Artikel „Die Emslandlager und ihre Folgen“ mit dem Alternativen Medienpreis in der Sparte Print auszeichnen dürfen, gibt er doch Einblick in die lokale Ausformung der sogenannten „zweiten Geschichte“ des Nationalsozialismus.“

Glückwunsch an die engagierte Simone Schnase, die  als „sisch“ inzwischen nur noch ab und zu beim Emskopp und arbeitet. Hauptberuflich ist Simone Schnase in der Bremer Redaktion der „Tageszeitung“ (taz) tätig. Daneben arbeitet sie auch für die Lingener Agentur Waehrt.

Der Alternative Medienpreis will Medienprodukte und Medienschaffende abseits des allgegenwärtigen Mainstreams aufspüren und auszeichnen. Der Preis wird jährlich an engagierte und kreative Redakteure und Redakteurinnen, Produzenten und Produzentinnen sowie Autoren und Autorinnen vergeben.  Es werden jeweils zwei Preise in den Sparten Print, Audio, Video und Web vergeben.

(Quelle 1, 2 – Foto: © waehrt.de)

Muffrika

25. April 2012

„Mit Muffrika konnte ich zunächst nichts anfangen“, schreibt ein amazon-Rezensent. Er  dachte, es sei „ein Name. Bis ich dann begriff, daß es eine Bezeichnung für das moorige Emsland sei und je nachdem kann es eine Beleidigung oder eine liebevolle Spöttelei sein. Damit soll wohl gemeint sein: „Im Moor ist weniger los, als in der Wüste in Afrika = Muffrika.“

Im Emsland nun zog im April 1945 der 19jährige Gefreite Willi Herold in das Emslandlager Aschendorfermoor ein, in das kurz vor Kriegsende mehr als 3.000 Häftlinge der nördlichen Emslandlager zusammengepfercht worden waren. Versprengt von seiner Einheit, hatte er eine Hauptmannsuniform gefunden und gab sich nun als Hauptmann aus. Innerhalb einer Woche wurden auf seinen Befehl hin und unter seiner Mitwirkung wohl über 150 Häftlinge dieses Lagers ermordet.

Nach intensiven Archivrecherchen, vielen Zeitzeugenbefragungen und sich über mehrere Jahre hinziehenden Dreharbeiten fand im Frühjahr 1996 die Uraufführung des Dokumentarfilms „Der Hauptmann von Muffrika“ statt.  Im August desselben Jahres  zeichnete die Filmbewertungsstelle Wiesbaden den Film mit ihrem höchsten Prädikat  als „besonders wertvoll“ aus.

DVD (s/w), 70 Minuten + Extras, 14,90 Euro

Die DVD kann beim DIZ Emslandlager bestellt werden.  Blog-Kommentator FrankO hat den Dokumentarfilm jetzt auf Youtube  gefunden, und ich stelle ihn gern hier in meinen Blog.

Nominiert

23. April 2012

Herzlichen Glückwunsch! Darauf können Simone Schnase und der in Lingen erscheinende Emskopp stolz sein. Dieser Beitrag aus ihrer Feder über die Emslandlager wurde für den Alternativen Medienpreis nominiert. Damit ist die frischgebackene Bremer taz-Redakteurin (Foto: Im Gespräch mit Ex-Bürgermeister Hans Koschnick, SPD) der renommierten Auszeichnung  einen großen Schritt näher gekommen. Die Jury trifft ihre Auswahl in der nächsten Zeit. Die Preisverleihung ist dann am 4. Mai in Nürnberg.

Der Alternative Medienpreis wird seit 2000 medienübergreifend an Journalisten  in den Sparten Print, Audio, Video und Online verliehen. Er ist einer der ersten Journalistenpreise, die für das Medium Internet ausgeschrieben wurden.

Die ausgezeichneten Beiträge bearbeiten Themen, die -so die Auslober der Auszeichnung- „in den etablierten Medien nicht oder nur unzureichend vorkommen“. Bürgerschaftliches Engagement oder Förderung des Bürgerjournalismus sind wichtige  Kriterien.

Gründer des Preises waren das Nürnberger Alternativradio Radio Z und die Nürnberger Medienakademie e. V. Beide sind als gemeinnützig anerkannte Vereine. 2008 ist die Stiftung Journalistenakademie als Mitveranstalter hinzugekommen, Radio Z schied als Mitveranstalter aus, blieb jedoch als Unterstützer dabei. Weitere Sponsoren und Unterstützer sind die dju/ver.di, die Nürnberger Nachrichten, das Kulturreferat der Stadt Nürnberg, die Friedrich-Ebert-Stiftung, die Linke Medienakademie u.a..

Die Übersicht über die 2012 nominierten Projekte und Autoren findet man hier. Was in den ersten 10 Jahre mit dem Alternativen Medienpreis ausgezeichnet wurde, ist hier  als pdf-Dokument zu finden. Und ich freue mich, dass ich im letzten Herbst den jetzt nominierten Beitrag von Simone Schnase verlinken durfte. Drücken wir der Buten-Emsländerin die Daumen!

(Quelle wikipedia; Foto: © Anna Joanna Solbach, FB)