Wortlaut

10. November 2017

Hier der Wortlaut der Rede von Benno Vocks bei der Gedenkfeier zur Erinnerung an das Novemberpogrom 1938 gestern Abend am Gedenkort Jüdische Schule in Lingen(Ems):

„Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir dürfen Sie hier am Gedenkort Jüdische Schule ganz herzlich begrüßen. Ein besonderer Gruß gilt dem „Lingener Flüchtlingsforum für Integratiuon und Menschenrechte“  mit ihrem Vorsitzenden, Herrn Jean-Marie Minani. Dieses Forum bemüht sich um eine selbständige und verbesserte Kommunikation zwischen Flüchtlingen und Asylbewerbern einerseits und den Behörden und Bewohnern unserer Stadt andererseits….

In Lingen wurde zweimal gefackelt am 9. November 1938. Welch großer Kontrast – welch beklemmender Zusammenhang!

Wie die Zeitung Neue Volksblätter vermeldete, loderten zu beiden Seiten des Saales der Wilhelmshöhe Hunderte von Fackeln zu Ehren der Opfer der Bewegung am 9. November 1923, dem Tag des Hitler-Putsches in München. Zuvor hatte man am Kriegerehrenmal am Neuen Friedhof die Toten geehrt und anschließend gingen die Nationalsozialisten zum Grab von Gottfried Talle.

Dieser Lingener Polizist, der keiner Nazi-Organisation angehörte, war im Jahre 1932 als Polizist in Bremen bei einer kommunistischen Gegendemonstration gegen Nationalsozialisten durch eine Bombenexplosion ums Leben gekommen. Ihn vereinnahmte der hiesige Bürgermeister dreist und verlogen bei seiner Rede als Kämpfer und Opfer für Hitler.

Stunden später loderten die Flammen zum zweiten Mal in Lingen: hier in der jüdischen Synagoge. Und die Reaktion dazu in der Lingener Zeitung? Keine!

Wohl aber lesen wir Aussagen von Joseph Goebbels zu dem Mord des 17jährigen Herschel Grünspan an den deutschen Botschafter von Rath in Paris. Ich zitiere: Die berechtigte und verständliche Empörung des deutschen Volkes über den feigen Mord hat sich in der vergangenen Nacht in umfangreichem Maße Luft verschafft. In zahlreichen Städten und Orten wurden Vergeltungsaktionen gegen jüdische Gebäude und Geschäfte vorgenommen. Es ergeht nunmehr die strenge Aufforderung, von allen weiteren Maßnahmen gegen das Judentum abzusehen. Die endgültige Antwort auf dieses Verbrechen wird auf dem Wege der Gesetzgebung gegen das Judentum erteilt werden.

An anderer Stelle lesen wir: Trotzdem hat sich die Vergeltungsaktion gegen die Juden in einer äußerst disziplinierten Form vollzogen. In Deutschland wurde nicht einem Juden ein Haar gekrümmt.  Zitat Ende

Und geschah hier in Lingen am nächsten Tag? Mit Fredy Markreich, dessen Geschäft in der Großen Straße ausgeplündert und zerstört wurde? Mit Hugo Hanauer? Mit Wilhelm Heilbronn, dem Vater von Ruth Foster? Mit Neumann Okunski, der halbangezogen die Treppe heruntergeworfen wurde – hier gegenüber? Mit dem Synagogenvorsteher Jakob Wolff? Mit Bendix Grünberg, dessen Sohn [und Ehrenbürger der Stadt Lingen(Ems)] Bernard sich hoffentlich nach seiner Operation erholen und im nächsten Frühjahr hier seinen 95. Geburtstag feiern kann.

Diese sechs Lingener Mitbürger wurden ins KZ Buchenwald verschleppt und Wochen später nach ihrer sogenannten Freilassung unter Androhung der Todesstrafe zum Schweigen verpflichtet.

Lassen Sie mich nun einige persönliche Gedanken aufgreifen: Im Jahre 1963 lasen wir Schüler mit Dr. Göken im Deutschunterricht am Georgianum die Erzählung von Albrecht Goes: Das Brandopfer.

In dieser Erzählung geht es darum, dass eine Metzgersfrau in einer deutschen Kleinstadt dazu bestimmt ist, als einzige knapp vor dem Sabbat Fleisch an die Juden auszugeben. Ihre winzigen Möglichkeiten zu helfen bestehen darin, eventuell eine Nachricht von einer Jüdin zur anderen in das Papier der minimalen Fleischration einzuwickeln oder ein freundliches Wort zu wechseln.

Bei einem Bombenalarm während des Krieges bleibt sie in ihrer Wohnung. Sie will sich in ihrer Barmherzigkeit opfern wegen ihrer Schwäche und vermeintlichen Schuld. Sie wird aber von einem Juden aus dem brennenden Haus geborgen. Diesem war wegen seines Judensterns auf dem Mantel der Zutritt zum Bunker verweigert worden. Das Opfer wird aber von Gott, wie der Theologe Albrecht Goes sagt, nicht angenommen. Aber seit diesem Zeitpunkt nimmt die Metzgersfrau als Zeichen ihrer „passiven Schuld“ ein Brandmal in ihrem Gesicht an.

Ein Satz aus dieser Erzählung ist seit meiner Schülerzeit mir äußerst intensiv im Gedächtnis hängengeblieben:

Sabine, die Tochter eines jüdischen Verlegers, fragt zunächst ihre Mutter nach dem Verbleib ihrer Freundin Rebecca, die plötzlich verschwunden ist: Die Mutter sagt aus Angst vor der Wahrheit mit dem Satz „Sie ist verreist!“ die zweifache Unwahrheit. Sie ist nicht VERREIST. Und wenn schon: Dann WAR sie verreist. Sabine löchert nun ihren Vater immer wieder „Wo ist Rebecca?“, bis er antwortet: REBECCA IST IN DIR!

Rebekka ist in dir. Ist das nicht auch immer wieder unser Auftrag: sie, die Ermordeten in uns aufzunehmen, ihrer zu gedenken und ihnen wieder einen Namen zu geben?

Schauen wir nur auf diese Gedenktafel, auf Straßennamen und die Stolpersteine in unserer Stadt.

Auch die Probleme der heutigen Flüchtlinge und Asylbewerber werden Fall identischer, wenn wir nicht von DEN Flüchtlingen und Asylbewerbern sprechen, sondern sie beim Namen nennen, zum Beispiel Ahmed oder Saphira, Mahmood oder Okbeab, so wie es auch sicher die Flüchtlingshelfer unter uns machen.

Wir wollen gleich anschließend bei der Mahnwache an dem Stolperstein zwischen altem Krankenhaus und der Stadtbücherei der unscheinbaren Frau Henriette Flatow wieder einen Namen geben und die Erinnerung an sie und die anderen ermordeten Mitbürger in uns tragen. Zu dieser Mahnwache mit Herrn Kastein darf ich Sie noch sehr gerne einladen.“

zornig

10. November 2016

Selten habe ich ihn so bestimmt, man könnte auch sagen, so zornig erlebt. Heribert Lange, der Vorsitzende des Lingener Forum Juden Christen hat einmal mehr am 9. November ein bemerkenswertes Statement abgegeben. Am Lingener Gedenkort Jüdische Schule hielt er eine Rede, in deren Zentrum die Menschenwürde stand, und sagte u.a.:

„…Artikel 1 des Grundgesetz lautet […]: „Die Würde des Menschen ist unantastbar!“

Finden Sie, dass sich damit volksverhetzerische Begriffe und Parolen wie artfremd, Primitivgesellschaften, Quotenneger, Rettung des Deutschtums, Wirtschaftsflüchtlinge, Parallelgesellschaft, Islamisierung, völkisch und die Bewahrung des Völkischen, laut Alexander Gauland, Zitat: “am besten mit Bismarck‘-schem Instrumentarium auszurotten, nämlich ‘mit Eisen und Blut‘ „(Zitat Ende), dass dies alles sich mit dem Menschenwürdeanspruch unserer Verfassung oder gar den, dem christlichen Abendland heiligen Gesetzen Gottes verträgt?

Und finden Sie nicht auch, dass die wachsende Zahl sogenannter Hasskriminalität, die wir den Polizeistatistiken entnehmen, das genaue Gegenteil dessen bezeugt? Hasskriminalität ist Kriminalität gegen Menschen und gegen Sachen, z.B. gegen Moscheen, Synagogen und Flüchtlingsheime, die in Brand gesteckt werden oder gegen die Menschen selbst, die darin einstweilen Zuflucht gefunden haben – leider auch in Lingen, wie wir uns ja sicher alle leicht erinnern.

Und finden Sie es nicht auch bedrohlich und deprimierend zugleich, dass die Chefideologen dieser Rattenfängergilde inzwischen jedes 10. Wählers, mancherorts sogar jedes 6. Wählers gewiß sein können? Das aber ist ein Mehrfaches von dem, was sich sowieso im Sigma- oder 2-Sigmabereich am Fransenrand jeder Normalstatistik findet.

Nicht nur von den derzeitigen Wahlsiegern und ihnen verwandten Gruppen wie NPD, Reichsbürgern, Identitären und ihren europäischen und neuerdings auch überseeischen Mitstreitern, also in den USA: was da heute passiert ist, haben wir wahrscheinlich alle überhaupt noch nicht begriffen – nicht nur in diesen Zirkeln werden Hass und Aggression gegen Fremde geschürt und gepäppelt.

Die Rattenfänger sind in der Mitte etablierter Parteien mit ihren Parolen unterwegs z.B. so, wie ich es in einem Antrag gelesen habe, der am Wochenende einem Parteitag im Süden Deutschlands vorgelegen hat: Die Bundeskanzlerin dürfe nicht wiedergewählt werden, weil, ich zitiere: “… sie einen beispiellosen, oft unkontrollierten Migrationsstrom aus den rückständigsten, gewalttätigsten sowie christen- und frauenfeindlichsten Regionen dieser Erde nach Deutschland geleitet“ habe….“

GedenkortJüdischeSchule
Die Reichspogrome und der Jahrestag der Synagogenzerstörung jähren sich heute zum 77. Mal. Das Forum Juden-Christen Altkreis Lingen e.V.  lädt in Zusammenarbeit mit der Stadt Lingen (Ems, der Stadt Freren sowie der Gemeinde Lengerich auch in diesem Jahr zu Gedenkveranstaltungen ein.
Der Seminarkurs „Geschichte“ der Klasse 12 des Gymnasium Georgianum begleitet  die Gedenkfeiern in Lingen (Ems).
Lingen
18:00 Uhr Ökumenischer Gottesdienst in der Reformierten Kirche an der Kirchstraße
19:00 Uhr Gedenkfeier am Lern- und Gedenkort Jüdische Schule, Jakob-Wolff-Straße 1. Anschließend sind alle Interessierten zur Mahnwache an drei Stolpersteinen in der Alten Rheiner Straße 3, die an das Schicksal der Familie Frank erinnern, eingeladen.Freren
10:00 Uhr Gedenkfeier am Gedenkstein in der GrulandstraßeLengerich
16:00 Uhr Gedenkfeier am jüdischen Gedenkstein im Bürgerpark Lengerich

(Foto: Forum Juden-Christen Altkreis Lingen e.V.)

9.11.14 – Rede

11. November 2014

langeDer Vorsitzende des Forum Juden Christen, Dr. Heribert Lange, hielt anlässlich der Gedenkfeier zum 76. Jahrestag der Reichspogromnacht am frühen Sonntagabend in Lingen am Gedenkort Jüdische Schule eine Rede, die nachzulesen lohnt:

„Erlauben Sie mir, sehr verehrte Damen und Herren, Ihnen im Namen des Herrn Oberbür-germeisters Krone und des Forums Juden Christen zu danken, vor allem den Jugendlichen unter Ihnen, dass Sie wieder oder vielleicht auch zum ersten Mal heute hierher gekommen sind, um mit uns eines schrecklichen Ereignisses zu gedenken, das im Hitler-Deutschland in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 stattgefunden hat: die Reichspogromnacht, in der beinahe alle deutschen Synagogen und jüdischen Bethäuser in Deutschland niederbrannten. Entflammt allein aus der zügellosen Niedertracht der…“

[weiter hier]

(Foto: Heribert Lange © EmsVechteWelle)

 

Lange Nacht der Kirchen

11. September 2014

bonifatiuskircheDie vierte Lange Nacht der Kirchen findet am kommenden Samstag, den 13. September von 19.00 Uhr bis ca. 23.45 Uhr statt. Es handelt sich hierbei um „eine Veranstaltung aller Lingener Kirchen und des Forums Juden-Christen in Zusammenarbeit mit der Stadt Lingen (Ems)“.  Der Eintritt ist kostenlos.
Eröffnet wird die „Lange Nacht“ um 19.00 Uhr auf dem Lingener Marktplatz. Anschließend bieten die Kirchengemeinden Getränke und kulinarische Köstlichkeiten an. Dazu gibt es Infos, Begegnungen, Gespräche und ein musikalisches Bühnenproramm mit den Duos „EL Pato“ und „Random“ (Gitarre und Gesang) und den Orchesterklassen der Gesamtschule Emsland.
Nachmittags werden bereits Kirchenführungen in der Reformierten Kirche (15 Uhr, Hiltraud Pott), Kreuzkirche (16.15 Uhr, Ania von Stephani) und der St. Bonifatius-Kirche (17.00, Gisela Holterhues) angeboten. Das Emslandmuseum zeigt an diesem Tag eine Ausstellung historischer Kirchen- und Hausbibeln aus dem Emsland; Führungen finden ab 19.30 Uhr bis 22.30 stündlich statt. Im Gedenkort Jüdische Schule finden Interessierte um 19.30/20.30./21.30 Uhr einen „Informationsmix“ über das Jüdische Leben statt.
In der Reformierten Kirche gibt es um 20.30 Uhr „Das Gefieder der Sprache streicheln – Märchen von Tod und Leben“ mit Heide Reuter-Siegmann und ein abendliches Liedersingen mit Pastor Edzard Herlyn um 21.30 Uhr „Herr, bleibe bei uns“.
In der Bonifatius-Kirche stehen abends zumindest zwei spannende Orgelkonzerte auf dem Programm. Bereits um 19.30 Uhr  „gastiert“ Peter Müller, Kantor der Kreuzkirche am Universitätsplatz, mit seinem Programm „Jubiläumkomponisten 2014“ an der dreimanualigen Brinkmann/Fleider-Orgel. Um 22.30 Uhr  präsentiert dann Kirchendiözesanmusikdirektor Joachim Diederichs „Skurriles, Heiteres, Pompöses“.
Hier geht es zum Programm (pdf).

Wortlaut

11. November 2012

Hier im Wortlaut die Rede des Sprechers Dr. Heribert Lange am 9. November 2012 anlässlich der Gedenkfeier am Gedenkort Jüdische Schule (Lingen) zur 74. Wiederkehr der Nacht des Novemberpogroms 1938.

„Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
liebe ältere und jüngere Mitbürgerinnen und Mitbürger Lingens,

sehr herzlich möchte ich Sie wieder willkommen heißen zur Gedenkfeier von Forum Juden- Christen im Altkreis Lingen und der Stadt Lingen an den 9. November 1938, die Reichspo- gromnacht. Besonders freuen wir uns, dass auch in diesem Jahr wieder eine ganze Reihe Jugendlicher dabei sind – m.W. vom Stadtjugendring, vom Kinder- u. Jugendparlament und von den Berufsbildenden Schulen. Das macht Mut – besonders den ÄÄteren unter uns.

Jeder und jedem der hier Anwesenden ist hinlänglich bekannt, dass in der Nacht zum 9. November überall im damaligen Deutschen Reich, und zwar auf Befehl Hitlers, die Synago- gen in Brand gesteckt wurden, und dass es auch den hilfswilligen Feuerwehrleuten untersagt war, mit ihren Wehren gegen das unermessliche Flammenmeer vorzugehen. Das Naziregime wollte seinen ungeheuerlichen Frevel an den jüdischen Gotteshäusern in Deutschland ausdrücklich als Racheakt verstanden wissen, wobei man wissen muß, dass es zwar für Strafe und Sühne, nie aber für Rache, noch dazu solchen Ausmaßes, einen auch nur halbwegs vernünftigen Grund geben kann. Tatsächlich ging es den Machthabern des Hitlerregimes allein um einen weiteren und diesmal spektakulären Schlag gegen die Juden in Deutschland, nachdem beinahe allen von ihnen in den Jahren davor schon ihre Rechte als Staatsbürger aus dem einzigen Grund, dass sie Juden seien, aberkannt worden waren. Die Reichspogromnacht kennzeichnete auf furchtbare Weise den Anfang vom Ende jüdischen Lebens in Deutschland und in jenen Staaten Europas, deren sich die Hitlerarmeen mit der nachrückenden SS im spä- teren Krieg bemächtigt hatten. Am Ende waren es 6 Millionen jüdische Menschen, die der NS-Staat gemäß der Logistik von Mordfabriken umbringen ließ.

Der Rassenwahn war es, der die Nazis in fanatischer Weise zu ihren Untaten antrieb: die aberwitzige, nie plausible Idee von der Minderwertigkeit der Juden, die man zu einer Rasse und zu Schädlingen des sogenannten gesunden arisch-deutschen Volkskörpers bestimmt hatte, und zwar mit Hilfe ebenso willfähriger wie beschränkter Mediziner und Erbbiologen. Menschenrechte, die es, auch wenn sie erst nach der furchtbaren menschlichen und morali- schen Katastrophe des Holocaust, der Shoah, aufgeschrieben wurden, schon immer gegeben hatte, leiten ihren Anspruch, nämlich die Achtung der Menschenwürde, indessen nicht von der Hautfarbe, der Begabung, der Rasse oder ethnischen Abstammung ab, und auch nicht von Alter, Geschlecht, Krankheit, Behinderung oder Migrationshintergrund, sondern allein von der Schuldigkeit jedes Staats und seiner Gesellschaft gegenüber jedem Menschen und jedem Bürger, für den und auf den hin jede freie und humane Gesellschaft mit ihrer staatlichen Ordnung verfasst ist: Die Gewährleistung der Menschenrechte zur Gewährleistung der Menschenwürde ist somit nicht mehr, aber auch nicht weniger als des Staates Schuldigkeit gegenüber jedem seiner Bürgerinnen und Bürger und keineswegs eine Gnade, die uns nach Gutdünken der Regierenden zuteil wird oder nicht.

Dies ist übrigens ein Grund, warum auch NSU-Leute zurückschauen sollten und des Unheils gedenken und befinden, dass nur das Konzept der wechselseitigen Achtung vor der Men- schenwürde des jeweils anderen sie selbst davor bewahrt, zwischen die Mahlsteine einer Men- schenwürdebatte zu geraten und dabei nicht nur politischen, sondern auch physischen Scha- den zu nehmen. Denn an der Hand, mit deren einem Finger sie auf die anderen zeigen, sind vier weitere Finger, die auf sie selbst weisen. Nur die wechselseitige Achtung jedes, aber auch wirklich jedes Menschen aufgrund seiner, mindestens schon aus staatlichen Rechten resultie- renden Menschenwürde, nicht zu reden von der Menschenwürdebegründung Immanuel Kants und der Gottesebenbildlichkeit, die Christen sich und gewiß auch allen anderen Menschen aus ihrem Glauben zuschreiben, NUR solche wechselseitige Achtung kann Frieden schaffen und die Befriedung einer Gesellschaft leisten. Auch wird damit klar, dass ein Staat dann schon die Axt an die Wurzeln seiner Glaubwürdigkeit und seiner eigenen Humanitätskultur legt, wenn er wie Hitler und seine zahllosen Mordgesellen sich berufen und auch berechtigt fühlen wür- de, einzelne Menschen und Gruppen aus ihrem existenziellen Menschenwürdeanspruch aus- zugrenzen und sie dessen zu berauben – egal aus welchen Gründen.

Judentum ist eine Religions- und Kulturgemeinschaft und ohnehin nie einer Rasse gleich g wesen. Würden wir aber billigen, dass unsere Bewertungen anderer Menschen, Völker, Rassen an die Stelle ihrer Menschenwürde und der dieser dienenden Menschenrechte träten, dann hätte es in den USA nie einen Präsidenten Barack Obama und in Südafrika nie einen Nelson Mandela geben können, beide übrigens Träger des Friedensnobelpreises. Und wer kann das vernünftigerweise wollen bzw. nicht wollen?

Meine Damen und Herren, wir wollen gedenken und zu diesem Gedenken auch die Ansprache unseres Oberbürgermeisters hören und wir wollen singen und wir wollen als Zeichen unseres Gedenkens einen Kranz beim Synagogengedenkstein niederlegen und wir wollen dann zusammen mit Gertrud Anne Scherger zur Schlachterstraße 12 gehen, wo sich der Stolperstein, ein Gedenkstein also auch, für Max Hanauer befindet, der in einem sogenannten Vorzugsghetto für altgewordene Juden, im KZ Theresienstadt nämlich, umgekommen ist. Ich lade Sie dazu entsprechend Ihren Möglichkeiten am Ende unserer Feier hier herzlich ein, und ich danke Ihnen für Ihre Geduld.“

(Foto: (c) LWT)

Ich streiche alles, was konkret über Nacht und lange gesagt werden könnte; denn eigentlich ist die Idee des Projekts überzeugend. Sie wäre wohl noch überzeugender, wenn sich bei der  heutigen langen Nacht der Kirchen in Lingen auch andere Religionen wiederfänden. Aber die haben – das ist zuzugestehen- keine Kirchen im klassischen Sinne im Stadtzentrum. Nun gut:

Heute also findet die Lingener „Lange Nacht der Kirchen“ statt und zwar von 19 Uhr bis ca. 23.45 Uhr. Die dritte lange Nacht  konzentriert sich auf das Stadtzentrum und die drei großen christlichen Kirchen St. Bonifatius, Kreuzkirche und Reformierte Kirche. Der Gedenkort jüdische Schule und das Emslandmuseum sind ebenfalls geöffnet. Der Eintritt ist kostenlos.
Eröffnet wird  die  „Lange Nacht“ um 19.00 Uhr auf dem Marktplatz. Anschließend bieten die Kirchengemeinden Getränke und kulinarische Köstlichkeiten an. Dazu gibt es Informationen, Begegnungen und Gespräche. Musikalisch wird das Programm auf dem Marktplatz von den „Zucchini Sistaz“ und der „Ökumenischen Bigband Baccum“ begleitet. Das Emslandmuseum präsentiert eine Ausstellung zu Werken des Lingener Bildhauers Wilm Böing, der in den 1970er Jahren viele Kirchen iin der Region mit sakraler Kunst ausgestattet hat.
Bereits am Samstagnachmittas finden Kirchenführungen in der Reformierten Kirche, Kreuzkirche und der St. Bonifatius-Kirche statt: 15.30 Uhr führt Hiltraud Pott durch die Reformierte Kirche. Ania von Stephani zeigt um 16.15 Uhr  die  Kreuzkirche.  Um 17 Uhr führt Gisela Holterhues  durch die St. Bonifatius Kirche.
Mein Tipp: 22:30 Uhr Skurriles, Heiteres, Pompöses – ungewöhnliche Orgelwerke und Transkriptionen mit KMD Joachim  Diedrichs an der dreimanualigen Orgel  der St Bonifatius-Kirche.
Hier das ganze LNdK-Programm.
(Foto: Sandsteinbrunnen vor der St Bonifatius Kirche © dendroaspis2008)

Doppelspitze

27. April 2012

Das Forum Juden-Christen im Altkreis Lingen wird jetztvon den beiden stellvertretenden Vorsitzenden Dr. Heribert Lange und Michael Fuest als Doppelspitze geleitet.  Simon Göhler wurde zum Kassierer gewählt; er tritt damit die Nachfolge von Ingrid Hartmann an. Als weiteren Beisitzer wählte die Versammlung Benno Vocks.

Zuvor hatten die Mitglieder bei der Jahreshauptversammlung am Mittwochabend im Gedenkort „Jüdische Schule“  Dr. Walter Klöppel einstimmig zum Ehrenvorsitzenden gewählt. Er hatte zuvor seinen Rücktritt vom Amt des Vorsitzenden aus gesundheitlichen Gründen bekannt gegeben. In einer besonders schwierigen Phase hatte Klöppel 2005 den Vorsitz des in den 1970er Jahren gegründeten Vereins übernommen. Das Forum  hatte sich seinerzeit mit der Renovierung des Jüdischen Bethauses in Freren völlig übernommen.  Der damalige Landrat Hermann Bröring machte seinerzeit seine Unterstützung davon abhängig, dass der eher sozialdemokratisch ausgerichtete Vorstand des Forum unter dem rührigen Baccumer Reinhold Hoffmann zurücktrat. CDU-Mann Klöppel war der von Bröring akzeptierte, vom damaligen OB Heiner Pott unterstützte Mann für den Vorsitz;  der engagierte Katholik war von 1991 bis 2003 Leiter des Katholischen Büros in Hannover und davor Leiter des Ludwig Windthorst Hauses in Lingen gewesen. Mit ihm an der Spitze ergriffen die übrigen Vorstandmitgliedern die vom Landkreis und der Sparkasse Emsland getragenen notwendigen Sanierungsmaßnahmen. „Walter Klöppel hat unser Forum auf einen guten und unverwechselbaren Kurs gebracht, war ein wichtiger Ideengeber und geduldiger Mittler“, sagte der amtierende Vorsitzende Dr. Heribert Lange.

Anne Scherger stellte im weiteren Verlauf der Mitgliederversammlung  den Stand in Sachen „Stolpersteine“ vor. Zwölf weitere Stolpersteine mit den eingravierten Namen der Holocaust-Opfer werden am kommenden 13. Juni vom Künstler Gunter Demnig aus Köln verlegt. Auch der 89jährige Lingener Ehrenbürger Bernard Grünberg will an dieser Veranstaltung teilnehmen.

Anne Scherger: „Die dazu geplante Veranstaltung  steht in der langjährigen Tradition unserer Erinnerungsarbeit, die mit den ersten Arbeiten am jüdischen Friedhof,  mit der Einrichtung der jüdischen Schule in Lingen und dem Gebetshaus in Freren begonnen und mit der Verlegung von bisher 26 Stolpersteinen in den letzten Jahren fortgeführt wurde. Uns ist es gelungen, diese Steine durch Spenden zu finanzieren, es wurden auch Patenschaften für die Steine übernommen. Parallel dazu wurde in Zusammenarbeit mit dem früheren Stadtarchivar Dr. Ludwig Remling und seinem Nachfolger Dr. Stephan Schwenke eine Broschüre erarbeitet, die über das Schicksal der Lingener Juden informieren und noch in diesem Jahr erscheinen soll“, freute sich Anne Scherger. Akribisch erforscht sie seit vielen Jahren das Schicksal der Lingener Juden.

Abschließend stellte Dr. Lange das geplante Programm für 2012/13 vor, zu dem neben Ausstellungen und Exkursionen auch wieder gemeinsame Veranstaltungen mit jüdischen Mitbürgern in Lingen und Freren sowie die inzwischen schon traditionellen Lehrhausgespräche im kommenden Winterhalbjahr in der Jüdischen Schule gehören.

(Foto: Jüdischer Friedhof in Lingen (Ems) © Forum Juden–Christen, Altkreis Lingen eV; Stolpersteine (c) SPD Lingen)

9. November

8. November 2010

Das Forum Juden-Christen Altkreis Lingen e. V. und die Stadt Lingen (Ems) erinnern am Dienstag, 9. November an die Pogromnacht vor 72 Jahren. Dazu findet zunächst um 18 Uhr ein Ökumenischer Gottesdienst in der St. Bonifatius Kirche statt. Eine Gedenkfeier mit Kranzniederlegung folgt im Anschluss ab circa 19 Uhr am Lern- und Gedenkort Jüdische Schule, Konrad-Adenauer-Ring.