Rückblick auf Rosemeyer

6. Dezember 2018

Kontrovers wurde am Dienstag, 27. November 2018, über das in Lingen geplante „Museum“ für Bernd Rosemeyer und seine Frau Elly Beinhorn diskutiert.

» Beitrag der Ems-Vechte-Welle, 28. November 2018
* Beitrag auf ev1.tv, 28. November 2018
» Artikel in der Lingener Tagespost/Meppener Tagespost, 29. November 2018

Impressionen aus der Veranstaltung:
» Audiomitschnitt der Veranstaltung, Teil 1 (Ems-Vechte-Welle)
» Audiomitschnitt der Veranstaltung, Teil 2 (Ems-Vechte-Welle)

Und die Rede des Vorsitzenden des Forums Juden-Christen, Dr. Heribert Lange, zum Nachlesen:
(Vorbemerkung: Ein freundliches Wesen hat meine Internetzuleitung mittels Bohrer geteilt. Ich bin also sozusagen offline und behelfe mich mit mobilen Endgeräten. Das macht die Präsentation in diesem kleinen Blog schwierig. Für die grafischen Fehler bitte ich um Entschuldigung!)

„Erklärung des Forums zum Rosemeyer Museum (27.11.18)

Unsere frühere, ausführliche, oft und plausibel erklärte Begründung unserer grundsätzlichen und generellen Ablehnung des Museums ist eindeutig und klar, und sie steht fest. Und doch haben wir ihr noch etwas hinzuzufügen. Vielleicht nämlich wird unsere Position verständlicher, wenn wir sie mit Fragen verbinden, an die viele bisher noch nicht gedacht haben:

Warum nicht ein Museum für die „kleine“ Sparkassenangestellte Selma Hanauer, die ihren Job und ihre berufliche Existenz bereits 1933, also am Anfang des ganzen Unheils, verlor, „nur“ weil sie jüdischen Glaubens war.

Warum kein Museum für den Altbürgermeister und Ehrenbürger Ro-bert Koop sen., der verbotener Weise des Nachts Brot aus seiner Backstube zu Hanauers brachte und dafür von der HJ übel zugerichtet wurde – nicht nur einmal, wie uns Bernhard Neuhaus erzählte? Warum kein Museum für die Eltern des kürzlich verstorbenen Obebürgermeisters Bernhard Neuhaus, die sich ähnlich und ähnlich für-sorglich, aber verbotener Weise um jüdische Nachbarsfamilien kümmerten, und inhaftierte Nazigegner im Gefängnis mit Nahrung versorgten, dieses sogar der Alt-OB selbst, wenn auch als kleiner Knirps an der Hand seiner Mutter?
Warum kein Museum für Helga Hanauer, die der Stadt Lingen schon 1975 – oder vielleicht auch: dann endlich eine geharnischte und Gott sei Dank wirkungsvolle Lektion zu deren perfektem Verdrängungs-komplex der jüdischen Geschichte Lingens erteilt hat? Warum also nicht ein Museum für Opfer der NS-Herrschaft, für die Kümmerer und für die Gefolgschaftsverweigerer und für die beharrlichen NEIN-Sager?
Weder gibt es Straßen mit ihren Namen in der Stadt, noch spricht man über sie, sondern überlässt sie dem allzu kurzen Gedächtnis unserer Gesellschaft und damit wohl auch dem Vergessen.

Wir, das Forum Juden Christen, und alle, die wir an unserer Seite wissen, setzen uns dafür ein, dass sich das ändert, damit diesen Menschen endlich Genugtuung widerfährt…
Stattdessen soll nun aber ein gänzlich anderes Museum her, ja, ein Museum! Ein Museum für einen Trittbrettfahrer, Kollaborateur und Profiteur des NS-Systems – Rennfahrer und SS-Offizier!

Was Sie, Herr Liesen und Herr Professor Walter, uns da, vor allem aber den Opfern, den Holocaustüberlebenden, aber auch denen, die mutig und tapfer dagegen gehalten haben, zumuten, ist bei näherer Betrachtung in der Tat eine unglaubliche und eine unziemliche Zumutung!

Wir haben bei mehreren, auch unterschiedlichen Gelegenheiten und in jeweils mehrstündigen Sitzungen zu dem Konzept von Herrn Professor Walter Stellung genommen, auch in einem überaus fragwürdigen NDR-Talk im August. Wir haben versucht, das Museumsprojekt auf diese Weise kritisch zu begleiten – ebenso wie die Historiker hier vor Ort, wie Frau Dr. Andrea Kalthofen von der Gedenkstätte Esterwegen und wie die aus Münster und Osnabrück hinzugebetenen Historiker, von denen Professor Rass sich heute Abend dankenswerter Weise erneut auf den Weg zu uns gemacht hat.

Aber wir sehen nun auch die Grenzen unserer Gegenrede: Denn Sie haben das Recht auf Ihrer Seite, und Sie verfügen, wie Sie uns erklärt haben, über die Mittel.

Am Ende stimmen wir deshalb mit der Einschätzung eines Vertreters der CDU-Mehrheitsfraktion im Rat der Stadt Lingen überein: „Das Museum ist so überflüssig wie ein Kropf!!!“ Im Umkehrschluss muss man diesen Satz naheliegender Weise auch als Antwort auf die in al-len Debatten bisher unbeantwortete Frage nach dem Sinn dieses Mu-seumsprojekts verstehen, also die Frage: Wozu denn das Ganze – um des lieben Himmels Willen?
In nicht einer der Zusammenkünfte haben wir eine Antwort auf diese Frage gehört, eine Frage, die sinnvoller Weise am Anfang solcher Vorhaben stehen sollte und steht. Wir haben sie die Frage des „Ob“, also des Ob überhaupt, genannt. Bezüglich der Frage des „Wie“ waren indessen zahlreiche Variationen und Paraphrasen zu vernehmen.

Übrigens ist dieser Satz „Überflüssig wie ein Kropf“ nicht etwa im Zu-sammenhang mit der von Herrn Liesen und anderen angezweifelten Rechtmäßigkeit des Votums des städtischen Verwaltungsausschusses vor 18 Monaten im Mai 2017 so gesagt worden, sondern in oder am Rande einer weiteren, erst kürzlichen Beratung des Ältestenrats unserer Stadt Lingen. Von falschen Voraussetzungen, unter denen sich der VA gegen das Museum entschieden hätte, kann keineswegs die Rede sein.

Aber auch noch das: Wir fühlen uns, entsprechend der programmatischen Ausrichtung des Vereins Forum Juden Christen im Altkreis Lingen e.V, als Paten und Anwälte der Opfer des Holocaust und damit zugleich als die Hüter des Ansehens ihrer Namen und ihrer Personen-würde und als Sachwalter der Erinnerung in unserer Stadt wie auch im Altkreis Lingen, und sind ausdrücklich auch autorisiert dazu.

Und dies nicht nur der Erinnerung an die Opfer wegen, sondern um der Erinnerungskultur in unserer Gesellschaft Willen. –
Es gibt, dies aber auch noch, die Erklärung von Hinterbliebenen der Opfer, gerade auch der Opfer aus Lingen. Und es gibt die Erklärungen der jüdischen Amtsträger, dass das Museum für Bernd Rosemeyer und Elly Beinhorn „vor dem Hintergrund des millionenfachen Schicksals der im Holocaust ermordeten Juden der Verhöhnung auch noch der Asche ihrer Opfer gleichkommt“. So hat es Michael Grünberg, der kluge Vorsteher der jüdischen Gemeinde Osnabrück, unserer Stadt Lingen vor kurzem geschrieben. Angesichts dieses nun wirklich unmißverständlichen Satzes wird doch keiner hier im Raum und auch keiner sonst erwarten können, dass wir, das Forum Juden Christen im Altkreis Lingen, bei diesem Projekt dann die Rolle des Hofnarren übernehmen.

Denn wir stehen nicht „einfach nur“ zu unserer Verpflichtung für die Ehre der Ermordeten und die Erinnerung an das Unrecht der Nazis, der SS und SA und all ihrer Helfershelfer und Profiteure, sondern hier und jetzt auch zu dieser dezidierten Aussage von Michael Grünberg: Lingen braucht kein Rennfahrermuseum.

Deshalb geht heute nochmals die Bitte und der Appell an Sie, Herr Liesen und auch an Sie, Herr Professor Walter: Bedenken Sie Ihre staatsbürgerliche und gesellschaftliche, aber nicht zuletzt auch Ihre moralische Verantwortung! Haben sie Erbarmen mit unser aller Stadt

und bewahren Sie die Bürgerinnen und Bürger von Lingen vor einem grauslichem Ungemach, vielleicht auch einer Schande, der Schande eines fragwürdigen Museumsorts.

Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihre freundliche Geduld!“

Ein „Museum“ für

26. November 2018

Ein „Museum“ für Bernd Rosemeyer?
Ein Akademieabend im Ludwig-Windthorst-Haus
 zur Diskussion über eine Rennsport-Legende im Nationalsozialismus

Lingen (Ems) – LWH, Gerhard-Kues-Straße 16 
Dienstag, 27.11.2018 –  19:30 Uhr bis 21:30 Uhr
Eintritt frei
Es debattieren Dieter Krone, Oberbürgermeister; Dr. Heribert Lange, Vorsitzender Forum Juden Christen im Altkreis Lingen; Heinrich Liesen, Unternehmer, Lingen (Ems); Prof. Dr. Christoph Rass, Universität Osnabrück; Prof. Dr. Bernd Walter, Coesfeld
Leitung: Dr. Michael Reitemeyer
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„Der Unternehmer Heinrich Liesen plant die Einrichtung eines „Museums“ für den aus Lingen stammenden Rennfahrer Bernd Rosemeyer und seine Frau Elly Beinhorn. Diese Pläne haben über die Grenzen der Stadt Lingen hinaus für erhebliche Diskussionen gesorgt. Der Grund: Bernd Rosemeyer war Mitglied der SA und später der SS, seine sportlichen Erfolge stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit der unheilvollen Verquickung von Rennsport, NS-Propaganda, Autoindustrie und Regime. Daraus ergibt sich unmittelbar die Frage: Darf man einem Profiteur des Systems ein Denkmal setzen? Ist das nicht Geschichtsklitterung?
Heinrich Liesen ist eine breite Akzeptanz des „Museums“ in der Region ein Anliegen. Er hat den langjährigen Leiter des LWL-Instituts für Westfälische Regionalgeschichte und Experten für die Zeit des Nationalsozialismus, Prof. Dr. Bernd Walter, als Kurator für diese Einrichtung benannt und damit beauftragt, ein Konzept zu entwickeln. Das Konzept war bereits im Juni von Experten diskutiert worden. Als ein zentraler Punkt wurde formuliert, dass eine solche Einrichtung nur dann Sinn mache, wenn sie neben den sportlichen Erfolgen auch die Schrecken der NS-Herrschaft darstelle, die Verquickung von Autoindustrie, Rennsport und NS-Propaganda ebenso wie die gleichzeitige Existenz der Emslandlager. An diesem Abend wird das Konzept erstmals einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt.

Das LWH lädt zu dieser Diskussion ein, weil es sich seit jeher als Plattform für die Diskussion aktueller gesellschaftspolitischer Fragestellungen versteht. Angesichts der immer stärker werdenden rechtspopulistischen und rechtsextremen Kräfte könnte diese Diskussion auch zu einer Lernerfahrung werden, wie wir unsere Demokratie besser verteidigen können.“
(Quelle)

grundlegend falsch

6. Februar 2018

Die Rosemeyer-Debatte geht weiter. Am Montag hat das Forum Juden Christen im Altkreis Lingen eV auf ein Interview reagiert, das der in Westfalen lebende Historiker Bernd Walter der „Lingener Tagespost“ gegeben hatte. Der Lingener Kaufmann Heinrich Liesen hat mit Walter einen Historiker gefunden, der sich dazu bereit erklärt hat, das geplante Rosemeyer-Museum wissenschaftlich zu begleiten. Darin hatte ausgeführt:

„Mir ist klar, dass moralische Urteile notwendig sind, um aus der Geschichte zu lernen – auch wenn diese Urteile selbst wiederum nie zeitlos sind. In Lingen scheint aber Erinnerungskultur in pädagogischer Absicht auch der Ent-Historisierung zu dienen, da offensichtlich bestimmte Bereiche ausgeblendet werden sollen.“

Diese zentrale Aussage habe nicht nur ich erst einmal als erhobenen Zeigefinder und völligen Missgriff gegenüber denen empfunden, die sich im und als Forum Juden Christen unschätzbare Verdienste um die Jahrzehnte in Lingen nicht vorhandene Erinnerungskultur gemacht haben und machen. Hinzu kommt, dass die Walter’sche Einordnung philosophisch wie rechtlich völlig inakzeptabel ist, weil sie am Ende des Tages NS-Rassismus und die Nazi-Angriffe auf jegliche Menschenwürde in unvertretbarer Weise relativiert. Sie ist damit  letztlich nur Winzigkeiten von dem Vorwurf entfernt, die Kritiker des NS-Staates im Allgemeinen und des Gedenkmuseums in Lingen für den SS-Mann Rosemeyer i, Besonderen hätten unter den Bedingungen des NS-Staates wohl nicht anders reagiert als der Rennfahrer.

Für das Forum Juden-Christen nahmen gestern in einer Pressemitteilung die Vorsitzenden Heribert Lange und Michael Fuest so Stellung:

„In dem Interview mit Prof. Dr. Walter auf der Emslandseite der LT vom 3.2.d.J. findet sich der an das Forum Juden-Christen adressierte Einwand, man bediene sich dort bei der Bewertung der Rolle des Rennfahrers Bernd Rosemeyer des Mittels und der Methode der EntHistorisierung. Aus Prof. Walters weiterer Ausführung wird sodann klar, dass er damit das der deutschen Gesellschaft in der Zeit des Nationalsozialismus vielleicht abhanden gekommene moralische Bewusstsein und ihr müde gewordenes moralisches Gedächtnis meint, und diesen Umstand zugleich zur Erklärung der gänzlich arglosen Solidarisierung Bernd Rosemeyers mit den NS-Machthabern und seiner Verstrickung mit dem nationalsozialistischen System heranziehen möchte.

Sollte das in der Tat Prof. Walters Stoßrichtung sein, müsste nicht uns, sondern ihm der Vorwurf der Enthistorisierung entgegengehalten werden. Denn mit dieser wirklich „steilen“ These soll vermutlich nahegelegt werden, dass Moral als Messlatte für Rosemeyers Entscheidung für oder gegen das Unrechtsregime der Nazis nicht oder allenfalls am Rande in Betracht kommen konnte, da es Moral damals nicht, zumindest nicht mehr in der uns vertrauten Lesart, gegeben habe.

Dies aber ist grundlegend falsch. Denn kein Mensch hat bei aller zuzugebenden Bindung der Moral an die jeweilige Zeit und die Entwicklung der Gesellschaft in dieser Zeit die angestammte Moral und die ihr zugrunde liegenden ethischen Gesetze aus ihrer Geltung entlassen. Auch gab es  in aller Zeit noch keinen Menschen, der das Ende der Menschenwürde und der Menschenrechte hätte verkünden können. Die politischen Philosophen sind im Übrigen auch, also anders als Herr Prof. Walter und [LT-Rdakteur] Herr van Bevern und unseres Wissens übereinstimmend der Ansicht, dass es keine nationalsozialistische Sondermoral geben konnte und gab, mittels derer die Verachtung des Einzelindividuums, Rassismus und Massenmord hätten gerechtfertigt werden können.

Was die Nazis getan haben, kann man deshalb nur als die Folge eines bewussten und generellen Bruchs der immer schon gültigen und in keiner Zeit davor und danach ernsthaft angefochtenen allgemeinen und universalen Ethik begreifen. Die Geschichte dieses Ethikbruchs hat der Jurist und Rechtsphilosoph Gustav Radbruch (Foto lks., aus dem Reichstags-Handbuch 1920, @ gemeinfrei) bereits 1946 in einem berühmt gewordenen Aufsatz mit dem Titel ‚Vom übergesetzlichen Recht und vom gesetzlichen Unrecht“ dargestellt. Und weder in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen noch in den von Fritz Bauer angestrengten Frankfurter  Auschwitzprozessen sind die Verteidiger mit ihrer Behauptung einer spezifischen nationalsozialistischen Sondermoral „oben geblieben“.
Bernd  Rosemeyer hat diesen Bruch des abendländischen Sittengesetzes vermutlich  nicht sehenden Auges und hoffentlich auch nicht aus tiefer Überzeugung akzeptiert. Anscheinend aber hat er diese moralische Katastrophe um seiner Karriere willen in Kauf genommen und sich sodann beinahe umstandslos und vor allem demonstrativ für die Öffentlichkeit durch seine SS-Mitgliedschaft mit eben diesem System verbunden und sich von dessen auch damals schon aktiven Mordgesellen vereinnahmen lassen.“