Lehrhausgespräch

8. Februar 2020

5. Lehrhausgespräch des Forum
Juden Christen im Altkreis Lingen
Manfred Rockel
„Geschichte und Schicksal der Kivelinge im Nationalsozialismus“.
Lingen (Ems) – Gedenkort Jüdische Schule, Synagogenplatz
neu: Kunst-Halle IV/ Kaiserstr. 10a
Mittwoch 12. Februar – 19.30 Uhr

Es geht bei diesem Lehrhausgespräch ein weiteres Mal um ein zeitgeschichtliches Thema. Auch die Stadt Lingen (Ems) und ihre Bürger*innnen waren wie jeder andere Flecken im damaligen Deutschen Reich vom totalitären System der Nationalsozialisten, ihrer vergifteten Gesellschaftslehre und Rassenideologie sowie von den sehr wirkungsvollen Repressionen betroffen, mit denen die  Nazis ihre gesellschaftlichen Ziele durchsetzten.

Manfred Rockel, pensionierter und früher in Lingen (Ems) tätiger Gymnasiallehrer, hat sich bereits vor 40 Jahren mit einzelnen Teilen und Abschnitten der Geschichte Lingens im Nationalsozialismus beschäftigt und darüber mit seinen Schülern im Geschichtsunterricht gearbeitet. Eines seiner Themen war damals das Thema dieses Lehrhausgespächs „Geschichte und Schicksal der Kivelinge im Nationalsozialismus“. Manfred Rockel wird über die Ergebnisse seiner Recherchen berichten. Er sagt vorab:

Die Kivelinge sind heute zurecht ein Aushängeschild der Stadt Lingen – die ‚Stadt der Kivelinge‘. In meinem Beitrag der Lehrhausgespräche in der Jüdischen Schule will ich untersuchen, wie es den Kivelingen in der Zeit des Nationalsozialismus ergangen ist: ob sie sich widersetzt haben, gleichgeschaltet wurden, womöglich gar überzeugt waren oder sich bis verleugnung angepaßt haben. Wesentliche Quellen bilden die Kivelingszeitungen der NS-Zeit und die Frage wie der Versuch einer Antwort auf die Frage, wie die Kivelinge nach 1945 mit der NS-Vergangenheit umgegangen sind.

Angesichts des seit Jahrzehnten überfälligen, aber immer noch fehlenden und seit langem vergeblich vom Forum Juden Christen geforderten Erstellen einer umfassenden, wissenschaftlich fundierten Geschichte Lingens in der Zeit des Nationalsozialismus durch unabhängige, externe und mit der Materie vertraute Autoren dürfte es spannend und für die Verantwortlichen unserer Stadt anregend sein, anhand eines dieses Abschnitts der Zeitgeschichte Lingens in jüngerer Zeit Einblick in das Geschehen und die Realität des Lebens unserer Stadt im NS-Staat zu gewinnen.

ps Ich habe Zweifel, ob der Raum der kleinen Jüdischen Schule am nächsten Mittwoch ausreicht…

80. Geburtstag

3. Februar 2020

Heute, am 3. Februar 2020, wäre die Lingenerin Helga Hanauer 80 Jahre alt geworden. Helga Hanauer war Jüdin und die älteste Tochter des Lingener Textilkaufmanns Gustav Hanauer, der 1938 nach der Reichspogromnacht vor den NS-Verbrechen in seiner Heimatstadt in die niederländische Provinz Overijssel flüchtete. Dort heiratete er die aus der, westlich Hengelo gelegenen Stadt Delden stammende Theresa Groenhijm, Tochter eines Metzgers. Das jüdische Ehepaar bekam vier Kinder, den Sohn Hermann, die Töchter Mieke, Caroline. und die 1940 geborene Helga, die älteste. Während der Judenverfolgung in den besetzten  Niederlanden wurden Helga und Caroline im Krankenhaus in Delden versteckt. 1950 kehrte Hanauer mit ihnen nach Lingen zurück, baute sich eine neue Existenz auf, bis er hier 1972 im Alter von 67 Jahren starb. Seine Tochter Caroline wanderte in die USA aus, Helga blieb in Lingen. Sie war Mitte der 1970er Jahren die einzige Jüdin in der Stadt.

Als 1975 dann die Stadt Lingen (Ems) stolz ihre 1000jährige Geschichte feierte, wurde dabei das schreckliche Schicksal der jüdischen Lingener und Lingenerinnen in der NS-Zeit komplett verschwiegen. Helga Hanauer schrieb daraufhin einen Leserbrief, der am 22. Mai 1975 in der „Lingener Tagespost“ veröffentlicht wurde; schon diese Veröffentlichung war damals eine Besonderheit, weil LT-„Chefredakteur“ Alois Dickopp stets peinlichst darauf achtete, nicht zu viel Kritisches zu veröffentlichen. Helga Hanauer drückte in ihrer Zuschrift ihre Empörung darüber aus, dass die Stadt die Geschichte ihrer Juden totschwieg. Sie schrieb:

Alle Worte von nationaler Würde, von Selbsteinschätzung bleiben hohl, wenn wir nicht das ganze, oft genug drückende Gewicht unserer Geschichte auf uns nehmen. es geht um das Verhältnis zu uns selbst. Es genügt nicht, gute Beziehungen zum Staats Israel zu unterhalten. Das ist sicherlich sehr wichtig. Wichtig ist aber auch, dass wir ein richtiges Verhältnis zu unseren jüdischen Mitbürgern finden.“ (Bundespräsident Scheel anläßlich einer Gedenkstunde in der Schloßkirche der Bonner Universität im Mai 1975)
Wenn Lingen jetzt die Tausendjahrfeier zum Anlaß nimm, rückblickend die bewegte Geschichte der Stadt fü die heutigen Bürger lebendig werden zu lassen, so berührt es mich schmerzlich, daß ein Gesichtspunkt aus diesem Stadtleben überhaupt nicht gewürdigt wurde. Wenn gerade in diesem Monat die Bedeutung des 8. Mai gewürdigt und der Verführung und Unterjochung des deutschen Volkes durch Hitler und seine Getreuen gedacht wird, so werden sich besonders die Opfer und die Betroffenen erinnern. – Offenbar identifiziert sich in Lingen niemand als Opfer der Gewaltherrschaft.
Auch wenn es vom Jahrgang her nicht möglich war, „aktiv oder passuv gewesen zu sein“, enthebt dies keineswegs der Verantwortung. Geschichte ist ein Geschehen, welches sich nicht totschweigen läßt. Stockholm feiert dieser Tage das 200jährige Bestehen jüdischen Lebens in seiner Stadt.
Sollte es wirklich so sein, dass die Stadtväter Lingens nicht wissen, daß hier seit ca. 250 Jahren jüdische Menschen ansässig waren und mit zum Gepräge der Stadt beigetragen haben? Ist es nur Unkenntnis, daß in der Festschrift zur Tausendjahrfeier mit keinem Wort das Schicksal der einst so lebendigen jüdischen Gemeinschaft in Lingen erwähnt wir?
Sollte es keinem der Verantwortlichen eingefallen sein, daß zu Lingen auch eine Synagoge gehörte?
Es stimmt so schmerzlich, daß die Stadt Lingen in den dreißig Jahren nach dem Niedergang des Dritten Reiches auch keine Geste des Bedauerns über das auch in dieser Stadt Geschehene gefuden hat.
Wäre nicht jetzt Gelegenheit gewesen, wenigstens mit ein paar Worten der Opfer zu gdenken, die damals auch durch das große Schweigen ihr Leben lassen mußten?
Helga Hanauer, Lingen
Lengericher Str. 23

Knapp sechs Wochen und einige hilflose Antwortversuche aus den Reihen der Stadtoberen später präzisierte Helga Hanauer noch einmal:

„Zu einem richtigen Geschichtsverständnis kann man nur gelangen, wenn die Wahrheitsfindung der wesentlichen Punkt in dem Radius des Erlebten – Emotionellen wird. Objektivität verlangt meist ein wenig Abstand – zu viel Zeitvergehen birgt sber die Gefahr der Verflachung und Verfälschung in sich.
Es ist so wichtig, daß die Zeugnisse des unendlichen Leidens faßbar gemacht werden in dem Konkreten, welches sich in unmittelbarer Nähe zugetragen hat, damit einer Geschichstverfälschung und Verdrängung, die nur unser aller Schaden sein kann, vorgebeugt wird. Wäre hier ein Gedenkstein an der Stelle der ehem. Lingener Synagoge nicht angebracht?
In einem demokratischen Staat mit seinem freiheitlichen Ideal ist es von großer Bedeutung, Menschen am Schalthebel unserer Gesellschaft zu wissen, die die Ehrlichkeit und die politische Klugheit besitzen, unser Land nach den Maßstäben des Rechts und der Moral zu führen, und nicht nur mit Worten zu zahlen, wenn es um die immer noch unbewältigte Vergangenheit geht.
Herrn Stadtdirektor Vehring waren selbst die Worte zu viel zur Erwähnung des Schicksals der jüischen gemeinde. Auch meiner Bitte, wenigstens in der Festrede einen Satz darüber zu bringen, wurde nicht stattgegeben. Bei diesem Geschichtsverständnis ist es auch nicht verwunderlich, daß er als Stadtdirektor nicht wußte, wo einst die Lingener Synagoge stand.
Ich hoffe, daß es um das Geschichtsverständnis der anderen Herren besser bestellt ist. Geschichte ist nicht jedermanns Sache – eine Lebensnotwendigkeit aber für jeden Beamten in solch wichtiger Position.
Zur Fragestunde: Ich habe auf meinen Leserbrief vom 22.5.1975 von der Stadt Lingen keine Antwort erhalten und Stadtdirektor Vehring hat mich auch nicht angerufen.
Helga Hanauer, Lingen
Lengericher Str. 23

Helga Hanauer nahm sich 20. September 1976 das Leben und wurde auf dem Jüdischen Friedhof an der Weidestraße begraben.

In der Rückschau waren die beiden Leserbriefe von Helga Hanauer wohl der wichtigste Beitrag zur Lingener Stadtgeschichte aus Anlass der 1000-Jahrfeier überhaupt.

Sie sind aber nicht nur ein lokalgeschichtliches Ereignis, auch das heutige Gedenken an Helga Hanauer ist es nicht. Ich erinnere daran heute, an ihrem 80. Geburtstag  aus einem ganz anderen Grund: Die Ereignisse sind nämlich aktueller denn je. Seit Jahren nämlich bemüht sich das Forum Juden Christen vergeblich darum, die fehlende Aufarbeitung der jüdischen Geschichte Lingens und die der hier lebenden jüdischen Familien zu verwirklichen. Wie damals wird das aber auch heute von Ignoranten verhindert.

Erste Gelder stehen zwar längst im Haushalt unserer Stadt, doch der Oberbürgermeister Dieter Krone scheint mir keinen Deut besser zu sein als vor 45 Jahren die Verantwortlichen unserer Stadt. Denn er blockt ab, und mit ihm blockt die von Ortsbürgermeistern früherer Umlandgemeinden und deren dörflichen Interessen geprägte CDU-Ratsmehrheit. Das Projekt kommt -trotz Unterstützung einzelner, aber in der Minderheit befindlicher CDU-Ratsmitglieder- nicht voran und überhaupt will die CDU auch viel lieber „die ganze Geschichte Lingens im 20. Jahrhundert“ wissenschaftlich aufbereiten lassen und nicht nur den Schrecken von 1933 bis 1945. So relativiert sie, was um der Ehrlichkeit (Helga Hanauer) willen nicht relativiert werden darf.

Übrigens, wie viele der genannten Ortsbürgermeister sind je bei einer der Gedenkstunden zur Erinnerung an die jüdische Gemeinde und ihrer Menschen in dieser Stadt oder der Reichspogromnacht gewesen oder der Verlegung eines Stolpersteins? Dabei muss unzweifelhaft die 1975 wie heute fehlende Aufarbeitung der jüdischen Geschichte Lingens und die der hier lebenden Jüdinnen und Juden – so der Vorsitzende des Forum Juden Christen Heribert Lange schon vor geraumer Zeit –  als „schwere gesellschaftliche, historische und moralische Unterlassungssünde angesehen werden“.

Warum also ist es trotzdem bis heute immer noch nicht gelungen, eine Aufarbeitung der jüdischen Geschichte Lingens vorzulegen oder jedenfalls in Auftrag zu geben?  Ich weiß es nicht, aber ich schäme mich dafür.

(Foto: Helga Hanauer, Stadtarchiv Lingen)

Esther Lorenz – Peter Kuhz
Numi Numi“
Konzert zum Holocaust-Gedenktag
Lingen (Ems) – Bonifatius Kirche, Burgstraße 21 a
Montag, 27.01. 2020 – 19.30 Uhr
Um eine Spende wird gebeten.

Mit dem Konzertprogramm „Numi Numi“, benannt nach einem bekannten israelischen Wiegenlied, präsentiert die Sängerin Esther Lorenz israelische und spanisch-jüdische Mu­sikkultur. Begleitet wird sie dabei von dem Gitarristen Peter Kuhz. Diese musikalische Reise durch das Judentum beinhaltet traditio­nelle und sakrale Lieder, die liturgische Texte und Zitate aus der Tora zum Inhalt  haben. Es schließt aber auch modernere Lieder aus Israel und Musik aus dem spanisch-jüdischen Mittelalter ein. Erläuterungen, Anekdoten und die berühmte Prise Humor im Juden­tum vervollständigen dieses musikalische Kaleidoskop. Die Veranstaltung findet in Kooperaton des LWH mit dem Forum Juden Christen im Altkreis Lingen statt.

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Foto: @ Fin Porzner

Vor 150 Jahren

30. September 2019

Heute vor 150 Jahren wurde die Jüdische Gemeinde Lingen im damaligen Stadthaus am Markt gegründet. Isaac Friedland wurde zum ersten Gemeindevorsteher gewählt. Er war dabei übrigens weder eingeladen noch anwesend und nahm die Wahl erst fünf Tage später durch Erklärung gegenüber dem damaligen preußischen Bürgermeister Werner von Beesten an, der dafür staatlicherseits zuständig war.

In einem Monat, am Reformationstag, wird ab 11:30 Uhr im Saal der Wilhelmshöhe an „150 Jahre Gründung der Jüdischen Gemein­de Lingen“ erinnert –  veranstaltet durch die Jüdische Ge­meinde Osna­brück, die Stadt Lingen (Ems) und das Fo­rum Ju­den-Christen. Den Festvortrag hält dabei Prof. Andreas Nachama, Vorsitzender der Allgemeinen Rabbi­nerkonferenz Deutsch­lands (ARK), jüdischer Vor­sitzender des Gesprächskreises Christen und Ju­den beim Zentralkomitee der Katholiken. Nacha­ma spricht zum Thema Judentum in Deutsch­land heute – das Projekt „House of One“ in Berlin.

Die Lingener Jüdische Gemeinde bestand nur etwas mehr als 70 Jahre, bevor sie und ihre Mitglieder dem antisemitischen Wahn der Nationalsozialisten zum Opfer fielen. Ihr letzter Vorsteher war Jacob Wolff, nachdem der Platz zwischen Lindenstraße und Konrad-Adenauer-Ring benannt ist. Nach der Reichspogromnacht in das KZ Buchenwald verschleppt, kam Wolff nach Wochen krank i unsere Stadt zurück und starb am 4. April 1941. Seine Leiche wurde nachts in einem Handwagen zum Jüdischen Friedhof an der Weidestraße gebracht und  heimlich dort begraben. Es war die letzte Beerdigung  dort, bis 1976 dort die jüdische Buchhändlerin Helga Hanauer beigesetzt  wurde. die Lingenerin hatte ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern den Spiegel vorgehalten und in einem einfachen Leserbrief gefragt, weshalb bei der1000-Jahrfeier der Stadt im Jah 1975  die Verfolgung, Entrechtung und Ermordung der Lingener Juden nicht erwähnt wurde.

Aktuell fordert das Forum Juden-Christen eine umfassende, wissenscaftliche Darstellung und Aufarbeitung der Geschichte Lingens während der Zeit des Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1945 in Auftrag zu geben. Dies ist im Rathaus nur auf eingeschränkte Unterstützung gefalle; während die CDU-Mehrheitsfraktion gleich „die ganze Geschichte der Stadt im 20. Jahrhundert“  dargestellt wissen und so die NS-Zeit faktisch in einen allgemein-unverbindlichen Kontext einbinden will, gibt es keine sichtbare Unterstützung durch Oberbürgermeister Krone. Ihm, so heißt es, sei das Projekt zu teuer. Die Aufarbeitung des Dunklen und Verbrecherischen in der Geschichte Lingens ist trotz mahnender Worte für manche offenbar immer noch (oder schon wieder?) ein Problem.

Hier aus dem Lingener Stadtarchiv die Niederschrift ser Gemeindegründung am 30. September 1869:

Rückblick auf Rosemeyer

6. Dezember 2018

Kontrovers wurde am Dienstag, 27. November 2018, über das in Lingen geplante „Museum“ für Bernd Rosemeyer und seine Frau Elly Beinhorn diskutiert.

» Beitrag der Ems-Vechte-Welle, 28. November 2018
* Beitrag auf ev1.tv, 28. November 2018
» Artikel in der Lingener Tagespost/Meppener Tagespost, 29. November 2018

Impressionen aus der Veranstaltung:
» Audiomitschnitt der Veranstaltung, Teil 1 (Ems-Vechte-Welle)
» Audiomitschnitt der Veranstaltung, Teil 2 (Ems-Vechte-Welle)

Und die Rede des Vorsitzenden des Forums Juden-Christen, Dr. Heribert Lange, zum Nachlesen:
(Vorbemerkung: Ein freundliches Wesen hat meine Internetzuleitung mittels Bohrer geteilt. Ich bin also sozusagen offline und behelfe mich mit mobilen Endgeräten. Das macht die Präsentation in diesem kleinen Blog schwierig. Für die grafischen Fehler bitte ich um Entschuldigung!)

„Erklärung des Forums zum Rosemeyer Museum (27.11.18)

Unsere frühere, ausführliche, oft und plausibel erklärte Begründung unserer grundsätzlichen und generellen Ablehnung des Museums ist eindeutig und klar, und sie steht fest. Und doch haben wir ihr noch etwas hinzuzufügen. Vielleicht nämlich wird unsere Position verständlicher, wenn wir sie mit Fragen verbinden, an die viele bisher noch nicht gedacht haben:

Warum nicht ein Museum für die „kleine“ Sparkassenangestellte Selma Hanauer, die ihren Job und ihre berufliche Existenz bereits 1933, also am Anfang des ganzen Unheils, verlor, „nur“ weil sie jüdischen Glaubens war.

Warum kein Museum für den Altbürgermeister und Ehrenbürger Ro-bert Koop sen., der verbotener Weise des Nachts Brot aus seiner Backstube zu Hanauers brachte und dafür von der HJ übel zugerichtet wurde – nicht nur einmal, wie uns Bernhard Neuhaus erzählte? Warum kein Museum für die Eltern des kürzlich verstorbenen Obebürgermeisters Bernhard Neuhaus, die sich ähnlich und ähnlich für-sorglich, aber verbotener Weise um jüdische Nachbarsfamilien kümmerten, und inhaftierte Nazigegner im Gefängnis mit Nahrung versorgten, dieses sogar der Alt-OB selbst, wenn auch als kleiner Knirps an der Hand seiner Mutter?
Warum kein Museum für Helga Hanauer, die der Stadt Lingen schon 1975 – oder vielleicht auch: dann endlich eine geharnischte und Gott sei Dank wirkungsvolle Lektion zu deren perfektem Verdrängungs-komplex der jüdischen Geschichte Lingens erteilt hat? Warum also nicht ein Museum für Opfer der NS-Herrschaft, für die Kümmerer und für die Gefolgschaftsverweigerer und für die beharrlichen NEIN-Sager?
Weder gibt es Straßen mit ihren Namen in der Stadt, noch spricht man über sie, sondern überlässt sie dem allzu kurzen Gedächtnis unserer Gesellschaft und damit wohl auch dem Vergessen.

Wir, das Forum Juden Christen, und alle, die wir an unserer Seite wissen, setzen uns dafür ein, dass sich das ändert, damit diesen Menschen endlich Genugtuung widerfährt…
Stattdessen soll nun aber ein gänzlich anderes Museum her, ja, ein Museum! Ein Museum für einen Trittbrettfahrer, Kollaborateur und Profiteur des NS-Systems – Rennfahrer und SS-Offizier!

Was Sie, Herr Liesen und Herr Professor Walter, uns da, vor allem aber den Opfern, den Holocaustüberlebenden, aber auch denen, die mutig und tapfer dagegen gehalten haben, zumuten, ist bei näherer Betrachtung in der Tat eine unglaubliche und eine unziemliche Zumutung!

Wir haben bei mehreren, auch unterschiedlichen Gelegenheiten und in jeweils mehrstündigen Sitzungen zu dem Konzept von Herrn Professor Walter Stellung genommen, auch in einem überaus fragwürdigen NDR-Talk im August. Wir haben versucht, das Museumsprojekt auf diese Weise kritisch zu begleiten – ebenso wie die Historiker hier vor Ort, wie Frau Dr. Andrea Kalthofen von der Gedenkstätte Esterwegen und wie die aus Münster und Osnabrück hinzugebetenen Historiker, von denen Professor Rass sich heute Abend dankenswerter Weise erneut auf den Weg zu uns gemacht hat.

Aber wir sehen nun auch die Grenzen unserer Gegenrede: Denn Sie haben das Recht auf Ihrer Seite, und Sie verfügen, wie Sie uns erklärt haben, über die Mittel.

Am Ende stimmen wir deshalb mit der Einschätzung eines Vertreters der CDU-Mehrheitsfraktion im Rat der Stadt Lingen überein: „Das Museum ist so überflüssig wie ein Kropf!!!“ Im Umkehrschluss muss man diesen Satz naheliegender Weise auch als Antwort auf die in al-len Debatten bisher unbeantwortete Frage nach dem Sinn dieses Mu-seumsprojekts verstehen, also die Frage: Wozu denn das Ganze – um des lieben Himmels Willen?
In nicht einer der Zusammenkünfte haben wir eine Antwort auf diese Frage gehört, eine Frage, die sinnvoller Weise am Anfang solcher Vorhaben stehen sollte und steht. Wir haben sie die Frage des „Ob“, also des Ob überhaupt, genannt. Bezüglich der Frage des „Wie“ waren indessen zahlreiche Variationen und Paraphrasen zu vernehmen.

Übrigens ist dieser Satz „Überflüssig wie ein Kropf“ nicht etwa im Zu-sammenhang mit der von Herrn Liesen und anderen angezweifelten Rechtmäßigkeit des Votums des städtischen Verwaltungsausschusses vor 18 Monaten im Mai 2017 so gesagt worden, sondern in oder am Rande einer weiteren, erst kürzlichen Beratung des Ältestenrats unserer Stadt Lingen. Von falschen Voraussetzungen, unter denen sich der VA gegen das Museum entschieden hätte, kann keineswegs die Rede sein.

Aber auch noch das: Wir fühlen uns, entsprechend der programmatischen Ausrichtung des Vereins Forum Juden Christen im Altkreis Lingen e.V, als Paten und Anwälte der Opfer des Holocaust und damit zugleich als die Hüter des Ansehens ihrer Namen und ihrer Personen-würde und als Sachwalter der Erinnerung in unserer Stadt wie auch im Altkreis Lingen, und sind ausdrücklich auch autorisiert dazu.

Und dies nicht nur der Erinnerung an die Opfer wegen, sondern um der Erinnerungskultur in unserer Gesellschaft Willen. –
Es gibt, dies aber auch noch, die Erklärung von Hinterbliebenen der Opfer, gerade auch der Opfer aus Lingen. Und es gibt die Erklärungen der jüdischen Amtsträger, dass das Museum für Bernd Rosemeyer und Elly Beinhorn „vor dem Hintergrund des millionenfachen Schicksals der im Holocaust ermordeten Juden der Verhöhnung auch noch der Asche ihrer Opfer gleichkommt“. So hat es Michael Grünberg, der kluge Vorsteher der jüdischen Gemeinde Osnabrück, unserer Stadt Lingen vor kurzem geschrieben. Angesichts dieses nun wirklich unmißverständlichen Satzes wird doch keiner hier im Raum und auch keiner sonst erwarten können, dass wir, das Forum Juden Christen im Altkreis Lingen, bei diesem Projekt dann die Rolle des Hofnarren übernehmen.

Denn wir stehen nicht „einfach nur“ zu unserer Verpflichtung für die Ehre der Ermordeten und die Erinnerung an das Unrecht der Nazis, der SS und SA und all ihrer Helfershelfer und Profiteure, sondern hier und jetzt auch zu dieser dezidierten Aussage von Michael Grünberg: Lingen braucht kein Rennfahrermuseum.

Deshalb geht heute nochmals die Bitte und der Appell an Sie, Herr Liesen und auch an Sie, Herr Professor Walter: Bedenken Sie Ihre staatsbürgerliche und gesellschaftliche, aber nicht zuletzt auch Ihre moralische Verantwortung! Haben sie Erbarmen mit unser aller Stadt

und bewahren Sie die Bürgerinnen und Bürger von Lingen vor einem grauslichem Ungemach, vielleicht auch einer Schande, der Schande eines fragwürdigen Museumsorts.

Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihre freundliche Geduld!“

Armin Langer war auf Einladung von „Philosophie in der Kunsthalle“ und des Forum Juden Christen zum Oktober-Lehrhausgespräch in die Kunsthalle gekommen und traf dort auf zahlreiche interessierte und gesprächsbereite Zuhörer. Sein Thema: „Wer gehört zu Deutschland?“

Der in Berlin lebende ungarische Philosoph, Soziologe und jüdische Theologe startete mit einem Kurzfilm von Rebecca de Vries und Johannes Müller und erläuterte daran anknüpfend mit einem einleuchtenden Rückblick auf die gesellschaftliche  Entwicklung Deutschlands, dass Zuwanderung ein seit Jahrhunderten bekannter und von den Landesfürsten sogar geförderter stetiger Prozess gewesen sei. Ebenso sei Deutschland ab dem 17. Jahrhundert Zuflucht geworden, z.B. für die in Frankreich verfolgten Hugenotten und genauso für Hundertausende Osteuropäer, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Zuge der russischen Revolution und angesichts zahlreicher Judenpogrome als Geflüchtete nach Deutschland kamen. Inzwischen sei Deutschland nach Amerika weltweit das Land mit der größten Zuwanderungsrate.

Langer trieb in seinem Referat die Sorge um Akzeptanz und Ansehen der Menschen um, die als Migranten nach Deutschland kommen – überwiegend aus anderen europäischen Ländern, aber auch aus dem Nahen und Mittleren Osten wie aus Afrika. Ereignisse wie in jüngster Zeit in Chemnitz mit Hetzjagden auf sogenannte Ausländer, wie Vandalismus in Lokalen, in denen  Migranten verkehren, oder Hakenkreuz-Schmierereien an jüdischen Restaurants belegten, dass die Neuankömmlinge wie auch längst als deutsche Staatsbürger anerkannten Migranten und ihre Familien nicht sonderlich willkommen seien und spürbarer Distanz und  Ablehnung begegneten.

Langer wies darauf hin, dass davon andererseits längst nicht alle sogenannten Ausländer betroffen seien – allemal nicht solche, die sie sich in Aussehen und Habitus nicht von der übrigen deutschen Bevölkerung unterscheiden. Seien sie aber schwarz, orientalischer Herkunft, erkenntlich islamischen Glaubens oder Juden, sei ihnen von Teilen der Gesellschaft die Einschätzung sicher, hier nicht hinzugehören, da sie, so Alexander Gauland, Björn Höcke und viele andere mehr, „die 1000-jährige Kontinutät einer deutschen Ethnie“ gefährdeten und sogar zu beenden drohten.

Aus dieser alltäglichen Praxis einer Ausgrenzung dieser besonderen Migrantengruppen zog Langer den Schluss, dass man deshalb nicht von Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit reden könne. Die Ausrichtung der Feindseligkeiten und Krawalle gegen gerade diese Menschen sei  vielmehr schlicht Ausdruck von Rassenhass und Rassismus gegen diese Menschen.

Wenn solchen, allemal vom rechten Rand des politischen Deutschlands befeuerten Stimmungen wirksam Einhalt geboten werden solle, bedürfe es aber auch neuen Nachdenkens über das, was wir selbst vernünftigerweise heute als Deutsch-Sein verstehen könnten und verstehen sollten. Lehren könne da die Rückschau auf die multikulturelle Vielfalt der Deutschen und deren Akzeptanz zu Zeiten Goethes und Schillers, die auch der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche höher schätzte als jeden Nationalismus. Das sei immer schon so gewesen –  abgesehen von der völkischen Bewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Belegen konnte Langer diese Sicht zudem mit der Festlegung der Paulskirchenverfassung von 1848 (!), dass „Nationalität nicht bestimmt ist durch Abstammung und Sprache, sondern ganz einfach bestimmt ist durch den politischen Organismus, den Staat und die Zugehörigkeit zu ihm“.

Die Rückbesinnung auf diesen Grundsatz forderte Armin Langer als unseren Teil der Integration, wenn ein offenes, aber auch befriedetes Zusammenleben mit Migranten und Geflüchteten gelingen soll. Er nannte dies ein „inklusives Verständnis von Zugehörigkeit zur Nation und des Deutsch-Seins“. Eindringlich warnte Langer vor der Verinnerlichung der Feindbilder gleich einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung bei den davon betroffenen Menschen.

Dem tritt  Armin Langer übrigens in seiner muslimisch-jüdischen Initiative Salaam-Shalom in Berlin-Neukölln entgegen, als User mit seinen #MeTwo-Beiträgen in sozialen Netzwerken, mit seiner Arbeit an Berliner Schulen. Er verwies auf Kampagnen, die die Integration der Mehrheit ebenso im Blick haben und daran arbeiten wie eben die der Minderheit.

Er beendete seine Problembeschreibung mit der Klage Albert Einsteins bei einem fast 100 Jahre zurückliegenden Vortrag vor der Philosophischen Gesellschaft der Pariser Sorbonne: “Wenn ich mit meiner Relativitätstheorie recht behalte, werden die Deutschen sagen, ich sei Deutscher. Erweist sich meine Theorie als falsch, werden die Deutschen sagen, ich sei Jude“. Ein Umstand, der jüngst in anderem Zusammenhang vom deutschen Fußballnationalspieler Mesut Özil paraphrasiert wurde.

Dies mehr als 70 Zuhörer, unter denen leider nur wenige lokale Entscheidungsträger waren, dankte Armin Langer mit einer konstruktiv-lebhaften, langdauernden Diskussion.

update: Der Vortrag  auf YouTube,

(Quelle des Rückblicks: PM Forum Juden-Christen; Foto dito Armin Langer, Meike Behm, Heribert Lange v. lks)

 

Inszenierung

18. Juni 2018

Die private Initiative von Heinrich Liesen, ein Rosemeyer-Museum und damit eine Gedenkstätte für ein SS-Mitglied, in Lingen zu eröffnen, gehört in den öffentlichen Diskurs – nicht hinter irgendwelche „Mauschelmauern“. Die aber errichtet gerade das Ludwig-Windthorst-Haus (LWH) aus Motiven, die ich nicht kenne.

Heute findet nämlich ein erstes, ganz vertrauliches Treffen in den aufgeklärt-katholischen Hallen des Holthausener LWH statt. Das soll wohl dazu dienen, den vom Museumspaten Heinrich Liesen beauftragten und vergüteten  Professor Dr. Bernd Walter mit dem LWH-Akademiedirektor Dr. Michael Reitemeyer bekannt zu machen. Ebenfalls, so höre ich, seien dort der Initiator Heinrich Liesen und der Münchener Arzt und Rosemeyer-Sohn Bernd Rosemeyer jr. dabei – sowie -ganz sicher sind sich meine Quellen nicht-  auch der ehemalige Lingener Stadtarchivar Dr. Ludwig Remling, der bei dem nächsten, bereits für den 22. 6. anberaumten Treffen verhindert sei.  Von Anfang an ist auch LT-Mann Carsten von Bevern mit im Boot, wird sich aber zunächst zurückhalten. Das Ziel heute ist offenbar: Gemeinsam soll das Szenario für die größere Veranstaltung festgelegt werden.

Das heutige Treffen bereitet also eine freitägliche Zusammenkunft vor, die dann in knappen zwei Stunden den Rosemeyer-Museumsplan behandeln soll. Das Treffen am kommenden Freitag ist als nicht-öffentliches „Fachgespräch“ deklariert, und es wird anschließend einen großen Bericht in der LT-Lokalzeitung geben. Er soll jetzt bereits zwischen LT-Mann Carsten von Bevern und Museumsinitiator Heinrich Liesen abgestimmt sein. Tenor des Artikels: Liesens Museumskurator Professor Dr. Bernd Walter hat – sehr demokratisch – einen Entwurf für die Konzeption des Museums einem Kreis von ausgewiesenen Fachleuten sowie dem Forum Juden Christen vorgestellt. Mit diesen wurde Walters Entwurf eingehend erörtert. Die Hinweise, die Prof. Walter erhielt, werden sehr ernst genommen und  werden sich auch in der endgültigen Fassung der Konzeption niederschlagen  So ähnlich wird das der Zeitungsmacher mit dem Kürzel CvB schreiben und die LT es bringen.

Klar ist: Die -mit einer Ausnahme männlichen- Teilnehmer des  Fachgesprächs am 22.06. sind längst nicht alle auf Liesens Linie. Ich denke da an den Osnabrücker Prof. Dr. Christoph Rass, an den Lingener Stadtarchivar Dr. Mirco Crabus und Museumschef Dr. Andreas Eiynck. Bei den beiden letzteren stellt sich mir aber schon die Frage, mit welchem Mandat und in wessen Auftrag sie dort auftreten. Unsere Stadt hat doch eine verbindliche Beschlusslage dazu, dass es keine Zusammenarbeit geben wird. Ist die nicht zumindest für Dr. Crabus bindend?

Bei Teilnehmer Professor Dr. Hans-Ulrich Thamer (Münster) kann man sich der Position nicht sicher ein. Er hat sich zwar nicht geringe Verdienste bei der durchgeführten Umbenennung des Münsteraner Hindenburgplatzes in Schlossplatz erworben, ist aber andererseits langjähriger Wissenschaftsfreund von Liesens Aufragnehmer Prof. Walter. Der  Oldenburger Juniorprofessor Dr. Malte Thiessen (Oldenburg) müsste eigentlich auf Seiten der Gegner des Museums stehen; jedenfalls entsteht dieser Eindruck aufgrund einiger seiner Veröffentlichungen. Andererseits ist er der direkte Nachfolger von Prof. Walter beim LWL in Münster, und wer weiß schon, ob er diesem vielleicht wegen dieses schönen und lukrativen Jobs zu Dank verpflichtet ist? Die emsländische Museumschefin Dr. Andrea Kaltofen, einzige Frau in der Männer-Expertenrunde, ist eine Loyale, vor allem gegenüber dem Landkreis Emsland, ihrem Arbeitgeber. Sie wird sich im Zweifel vermutlich zurückhalten. Eingeladen ist auch Dr. Heribert Lange, der Sprecher des Forums Juden Christen im Altkreis Lingen. Das Forum lehnt die Rosemeyer-Gedenkstätte bekanntlich strikt ab.

LWH-Chef Dr. Michael Reitemeyer ist der „Moderator“ des Fachgesprächs. Er hatte ursprünglich vorgeschlagen, auch den Lingener Kommunikationswissenschaftler und Autor Christoph Frilling einzuladen. Dies haben jedoch die Herren Rosemeyer jr. und Liesen sinngemäß mit den  Worten abgelehnt: „Wenn der kommt, nehmen wir nicht teil.“

Alle genannten Fachleute sind bisher übrigens nur eingeladen. Ob sie tatsächlich am Freitag in’s LWH kommen, weiß ich nicht. Aber falls nicht, hat Museumsmacher Heinrich Liesen ja zumindest seinen guten Willen gezeigt. 😉

Heute stellt sich mir in erster Linie die Frage, ob Gegner des Museums überhaupt gut daran tun, an dieser Inszenierung teilzunehmen. Oder tappen sie da in eine aufgestellte PR-Falle und werden als Alibi eingesetzt. Jedenfalls sollten sie ernsthaft ihre Teilnahme auf den Prüfstand stellen, zumal wenn es im Vorfeld des 22. Juni ein erstes Treffen gibt, zu dem sie gar nicht eingeladen sind. Dasjenige heute zum Beispiel.

Gastgeber Michael Reitemeyer hat in seinem Einladungsschreiben für den 22. geschrieben, das LWH lade ein, weil es sich als „Plattform für die Diskussion aktueller gesellschaftspolitischer Fragestellungen verstehe. In diesem Sinne sei das LWH „neutraler Boden.“ Das ist ein ausgesprochen schräger Terminus, wie ich finde. Wenn es dann noch heißt, dass „gerade dieses Thema aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet werden (sollte)– weil es ausgesprochen vielschichtig ist“, frage ich mich, was an einem von der NS-Propaganda instrumentalisiserten Sportler vielschichtig ist. Seine freiwillige SS-Mitgliedschaft kann es nicht sein.

Gerade in diesem Semester hält Professor Dr. Klaus Kocks eine Vorlesung zu dem Thema an der Hochschule Osabrück auf dem Campus Lingen. Bezeichnend ist es daher, dass auch dieser Mann als Teilnehmer von Initiator Heinrich Liesen abgelehnt wurde. Daneben stört aber vor allem eins: Es wird kein öffentlicher LWH-Akademieabend, sondern eine interne, eingemauerte Veranstaltung. Auf dieses interne „Experten“-Spektakel kann man daher gern verzichten.

Die aufgeklärte Bürgergesellschaft braucht keine solche Expertenrunde. Sie braucht in „Fliegenschiss“-Zeiten mehr denn je den öffentlichen Diskurs, damit die Initiatoren erkennen, was sie da mit ihrer Gedenkstätte anrichten. 

Umstände nicht gefallen

5. April 2018

Gerhard Kastein, der „Vater der Lingener Stolpersteine“ [mehr…], war vor zwei Wochen dabei, als durch Peter Lütje vier Stolpersteine vor dem Neubau verlegt wurden, wo früher das Haus der Familie Grünberg stand. Geehrt wurde damit auch Bernard Grünberg, der einzige aus Lingen stammende und noch lebende Jude, der den Holocaust überlebt hat. Bernard Grünberg hatte drei Tage zuvor sein 95. Lebensjahr vollendet. Kastein schrieb jetzt an Oberbürgermeister Dieter Krone:

Hallo Herr Oberbürgermeister Krone.

Ihnen alles Gute für ihre Aufgaben im Sinne einer lebenswerten Kommune.

Sie waren beim Verlegen der vier Grünberg-Stolpersteine anwesend. Ich habe mich gewundert, dass hier keine Sicherheit für die Teilnehmer von ihnen geschaffen wurde. Die Teilnehmer waren teilweise dem Verkehr voll ausgesetzt – wie im beigefügten Bild zu sehen. Eine akustische Kommunikation war teilweise nicht möglich. Wie hat der Jubilar diese Wertschätzung seiner Person wohl empfunden? Lediglich der Schrankenwärter hatte die Situation richtig erkannt und im Fahrplanzyklus für Sicherheit und Ruhe gesorgt.

Die aus dem oben liegende Fenster klingende Musik war gleichfalls sehr störend. Wieso gehen Sie (oder der gleichfalls anwesende erste Bürgermeister) als Gallionsfigur des Rates  nicht in das Haus und bitten die Bewohner die Störung  abzustellen. Hätte der Sache auf jeden Fall genützt.

Teilen sie mir bitte mit, warum diese Situation so geplant wurde.

Vorab vielen Dank
Gerhard Kastein

Soweit ich weiß, hat die Lingener Tagespost hat inzwischen das Forum Juden Christen Alkreis Lingen offiziell um eine Stellungnahme gebeten.Das Forum hatte die „Aktion Stolpersteine“ mitgetragen. Vorsitzender Heribert Lange schrieb an die Lokalzeitung, die Stolpersteinverlegung sei bei der Stadt Lingen bereits vor einigen Monaten beantragt und dort anstandslos genehmigt worden. Es sei, so Dr. Lange, in seiner Verantwortung, wenn es im Gegensatz zu früheren Stolperstein-Verlegungen Probleme gegeben habe.

In der Stadtverwaltung  habe, so Dr. Lange, man unabhängig davon entschieden, dass „im Hinblick auf den verkehrsruhigen Samstagnachmittag und auf die umstandslosen Stolpersteinverlegungen an selbiger Stelle im Jahr 2012 flankierende Maßnahmen des städtischen Ordnungsdienstes verzichtbar seien“. 

Gerhard Kastein, langjähriges ehemaliges Ratsmitglied, hat bislang noch keine Antwort vom Oberbürgermeister auf seine Kritik erhalten. Das will ich dann hier übernehmen: 

Lieber Gerhard Kastein,
der Festakt vor dem Haus Georgstraße 12 lief wirklich nicht sonderlich würdig ab. Du hast die kritikwürdigen Einzelheiten in Deinem Schreiben dargestellt. Allerdings hat der Oberbürgermeister bei einem solchen mahnenden Festakt andere Aufgaben, als in der direkten Nachbarschaft für angemessene Ruhe zu sorgen; das gilt auch für den Ersten Bürgermeister unserer Stadt Heinz Tellmann (CDU), dem die Umstände -wie allen anderen Anwesenden- auch nicht gefallen haben; das konnte jede/r sehen.

Als aber die Musik aus der Dachgeschoswohnung noch störender wurde, bin ich kurzerhand -gemeinsam mit einer engagierten Dame, die aus Meppen zur Verlegung der Stolpersteine gekommen war – in das Miethaus gegangen. Im Dachgeschoss haben wir einige Zeit energisch an der Wohnungstür geklopft und geklingelt, bis eine verängstigte junge Frau öffnete. Sie sei gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden und versuche sich mit der Musik ein wenig Ablenkung zu verschaffen. Sie beklagte sich, unten vor der Tür von einem Mann angegangen worden zu sein, sie habe die Polizei gerufen.

Tatsächlich hatte es vor der Tür einen, allerdings misslungenen Schlichtungsversuch der herbeigerufenen Polizei gegeben. Die immer noch sehr aufgeregte junge Frau erkannte mich dann („Sie sind doch der Rechtsanwalt?!“) . Meine Meppener Mitschlichterin und ich baten sie  jetzt, ihre Musik leise zu stellen, weil unten vor dem Haus eine Gedenkfeier stattfinde, an der der 95jährige Ehrenbürger und Überlebender des Holocaust Bernard Grünberg teilnehme. Sie drehte sogleich die Lautstärke auf leise und entschuldigte sich. Wir bedankten uns bei ihr und gingen zurück zur Gedenkfeier, die allerdings nicht mehr sehr lange dauerte.

Herzliche Grüße

Robert Koop“

 

 

stolperstein_lingen_kaiserstrasse_1_caroline_heilbronnMit Hilfe und Unterstützung freiwilliger und großzügiger Spender konnten inzwischen 38 Stolpersteine in der Stadt Lingen verlegt werden. Sie sollen die Lebenden an das Schicksal der umgekommenen und ermordeten Opfer des Nationalsozialismus erinnern und den Toten Namen, Ehre und Menschenwürde zurückgeben.

Zwei weitere Stolpersteine für Ihno ten Brink (1932-1944) und Riekchen ten Brink (1896-1944) werden jetzt durch das Forum Juden Christen und die Stadt Lingen (Ems) verlegt. Die damals 48-jährige Mutter Riekchen und ihr 12-jähriger Sohn Ihno ten Brink starben am 6. Oktober 1944 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.
Dazu sind alle Lingenerinnen und Lingener am kommenden Dienstag, 13. Dezember, 14 Uhr zur Lindenstraße 45, Eingang des Hotels Altes Landhaus, eingeladen. Der Stolperstein von Ihno ten Brink wird vom Lingener Kinder- und Jugendparlament finanziert.
Neben Grußworten von Oberbürgermeister Dieter Krone und Dr. Heribert Lange, Vorsitzender des Forum Juden-Christen Altkreis Lingen e. V., wird Benno Vocks die Lebensläufe der beiden Ermordeten vor Ort darstellen.
(Foto: Stolperstein für Caroline Heilbronn, Lingen (Ems), von Gmbo 2013  CC 1.0)

Die Reihe der Lehrhausgespräche des Forum Juden Christen in der Jüdischen Schule am Konrad-Adenauer-Ring wird am kommenden Dienstag (15. November) ab 19.30 Uhr dmit Prof. Dr. jur. Hans Michael Heinig (Göttingen/Berlin; ) sein. Sein Thema:

„Wie gut sind wir gerüstet für eine multireligiöse Gesellschaft ?“

heinigMichael Heinig (Foto lks, © privat) ist 1971 in Lingen geboren, hat 1990 am Gymnasium Johanneum sein Abitur gemacht und engagierte sich während seiner Lingener Zeit politisch. Ab WS 1990/91 studierte er Rechts-, Geschichts- und Sozialwissenschaften, zunächst in Hamburg, dann in Hannover und Bochum. Nach dem ersten juristischen Staatsexamen und einer Praktikumszeit beim Bevollmächtigten des Rates der EKD promovierte er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Martin Morlok in Düsseldorf  und erhielt den Dissertationspreis der dortigen Fakultät. Von 2002 bis 2004 absolvierte er sein Rechtsreferendariat unter anderem im Dezernat Udo Di Fabio beim Bundesverfassungsgericht und im Bundeskanzleramt. Nach dem zweiten juristischen Staatsexamen forschte Heinig bis in das Jahr 2008 als wissenschaftlicher Assistent von Görg Haverkate an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Dort habilitierte Michael Heinig und erhielt die venia legendi für die Fächer Öffentliches Recht, Rechtsphilosophie, Kirchenrecht, Europarecht und Sozialrecht. Anschließend wurde er auf den Lehrstuhl für Öffentliches Recht, insb. Kirchenrecht und Staatskirchenrecht nach Göttingen berufen. Er hat seitdem auch die Leitung des Kirchenrechtlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland inne.

Professor Heinig ist bestens mit dem gesellschaftlichen, politischen und den kirchlichen Diskurs über das Thema ‚Multireligiösität“ vertraut – aufgrund seiner eigenen Arbeiten dazu und seiner Debattenbeiträge in den einschlägigen Gremien – einer Debatte, die die Gesellschaft nicht nur in Deutschland schon lange beschäftigt, und ebenso lange auf eine gute, verträgliche und tragfähige Problemlösung wartet.

„Deshalb können Sie getrost mit hohen Erwartungen am kommenden Dienstag in die Jüdische Schule kommen und sich auf einen gewiß spannenden Vortrag gefaßt machen oder besser noch: freuen. Und nicht weniger Interessant dürfte die Wiederbegegnung mit Michael Heinig für seine Lehrer und „seine“ Kreuzkirche(n)-Gemeinde sein. Auch diese laden wir alle auf diesem Wege ausdrücklich und herzlich zum nächsten Abend unserer Lehrhausgespräche ein.

Man darf sich auf den Abend freuen, über den die Lokalzeitung angekündigt hat, nicht unmittelbar berichten zu wollen; der Lokalteil sei nicht die richtige Plattform für ein Lehrhausgespräch. Also darf jede/r selbst kommen und nach dem Vortrag auch diskutieren. Wenn es in der Jüdischen Schule zu voll wird, ist kurzerhand ein Umzug in die Kreuzkirche am Universitätsplatz geplant.