auch unsere Helden

24. Juni 2021

Vor 80 Jahren überfiel Hitler-Deutschland die Sowjetunion und begann einen Krieg an desen Ende die Befreiung Deutschlands durch die Rote Armee und die westlichen Alliierten stand. Daran erinnert Anne-dore Jakob (Pax Christi) in einem Schreiben an mich. Anlässlich des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion vorgestern vor 80 Jahren, legte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Dienstag im Rahmen eines „stillen Gedenkens“ einen Kranz am sowjetischen Ehrenmal in der Schönholzer Heide nieder. Ein Solo-Trompeter der Bundeswehr spielte die Melodie „Der gute Kamerad“, gedichtet 1809 von Ludwig Uhland.

Die bekannteren Ehrenmale finden sich bekanntlich im Berliner Tiergarten an der Straße des 17. Juni und in Treptow, die beide vielleicht schon jemand bei einem Berlin-Besuchen gesehen hat. Erstmals besuchte ein Bundespräsident die sowjetische Kriegsgräberstätte in Pankow. Eine weitere Besonderheit: Erinnert wird in der Schönholzer Heide auch an gestorbene sowjetische Kriegsgefangene. Stalin hatte übrigens ausdrücklich befohlen, dieser Opfer nicht zu gedenken, denn er sah sie als mögliche Kollaborateure an.

Im April 1945 fanden 33.000 Rotarmisten in der Schlacht um die Seelower Höhen den Tod fanden, zehn Tage später starben 20.000 in der „Kesselschlacht bei Märkisch Buchholz“ im Unteren Spreewald. Bei der „Schlacht um Berlin“ starben weitere 80.000 Rotarmisten, 13.200 fanden 1949 in der Schönholzer Heide ihre letzte Ruhestätte. Nur 2.700 konnten namentlich ermittelt werden. Der Historiker Götz Aly gehörte zu den wenigen, beim Gedenkbesuch Steinmeiers anwesenden Journalisten am Ehrenmal in der Schönholzer Heide. Er berichtete gestern ausführlich in der Berliner Zeitung über den Gedenkstättenbesuch Steinmeiers. Über die toten russischen Soldaten schrieb Aly in der Berliner Zeitung:

„Sie alle und ihre etwa zwölf Millionen bereits gefallenen Kameraden und – in der Roten Armee auch: – Kameradinnen opferten ihr Leben für ihr Mutterland, für die Freiheit Europas und für das Glück von uns heutigen Deutschen. Die Helden der Sowjetunion sind auch unsere Helden.“

Am letzten Freitag hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Foto lks) übrigens eine vielbeachtete Rede im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst gehalten. Eröffnet wurde dort eine Ausstellung über sowjetische Kriegsgefangene im II. Weltkrieg, die noch bis zum 3. Oktober 2021 zu sehen ist. Hier ein Bericht auf der Homepage des Bundespräsidenten und ein Link zu seiner Rede. Ich empfehle sie zum Nachlesen bzw. Nachhören.

Zurück ins Emsland:
Auf dem Lingener Neuen Friedhof hat niemand am Dienstag Blumen auf den Gräbern der sowjetischen Kriegsgefangenen niedergelegt. Die toten Russen fanden auch keine Erwähnung in der Lokalzeitung. Daher sei erinnert, dass vor nunmehr 20 Jahren das Dokumentations- und Informationszentrum DIZ Emslandlager in Papenburg (seit 1989 zum 7. Mal) zu einem Treffen ehemaliger „Moorsoldaten“ einlud, wie die Meppener Tagespost am 22. März 2001 berichtete. 30 Überlebende mit ihren Angehörigen sagten zu. Aus Russland kam der ehemalige Kriegsgefangene des Lagers Meppen-Versen, Nikolaji Sorin. Stellvertretend für seine Kameraden besuchte er den ehemaligen Lagerort. In einem Bericht beschreibt der spätere Kinderarzt, wie die Kriegsgefangenem mit dem Kauen von trockenem Heidekraut gegen den Hunger ankämpften. Das Meppener Ehepaar Focken begleitete Nikolaji Sorin in jenen Maitagen, später verband sie eine lange Brieffreundschaft.

In vielen deutschen Familien gibt es viele erzählte und unerzählte Geschichten unserer Väter, Großväter und Urgroßväter über den Krieg in Russland und anderen Ländern. Es ist aber längst notwendig,  nach Jahrzehnten auch die „andere Seite“ in den Blick zu nehmen und zu hören, was das „Unternehmen Barbarossa“ 1941 angerichtet hat. Denn die „Wehrmachtsausstellung“ in den 90er Jahren war kontrovers, aber wahr.

Bekanntlich hat die Sowjetunion den höchsten Blutzoll im Zweiten Weltkrieg gezahlt. Insgesamt verloren mindestens 24 Millionen sowjetische Bürger:innen ihr Leben – bedingt durch den Rassenwahn des nationalsozialistischen Deutschlands.

Historiker schätzen, dass 12 Millionen russische Soldat:innen fielen, bis zu 5,7 Millionen sowjetische Soldaten gerieten während des Zweiten Weltkrieges in deutsche Gefangenschaft gerieten. 2,6 bis 3,3 Millionen Gefangene sind hierzulande ums Leben gekommen, zumeist verhungerten sie. Meine Mutter berichtete, dass sich Tausende russischer Kriegsgefangener vom Lingener Bahnhof in die Emslandlager quälten, quer durch die Stadt und über die Wilhelmstraße. Anwohnerinnen, die ihnen Brot zusteckten, bekamen Schwierigkeiten mit den lokalen NS-Behörden.

Apropos Emslandlager: Bekannt wurde übrigens Anfang dieser Woche, dass die Generalstaatsanwaltschaft Celle seit einigen Tagen offiziell gegen einen 95-Jährigen aus Bayern ermittelt, der Wachmann des Kriegsgefangenen-Lagers VI C Bathorn in der Niedergrafschaft Bentheim war. Die Ermittler werfen dem Mann Beihilfe zum Mord vor.

Er soll zwischen Oktober 1943 und April 1945 Dienst in dem Kriegsgefangenenlager geleistet haben, wie die Generalstaatsanwaltschaft Celle der taz bestätigt hat. In dem Lager auf dem Gebiet der Gemeinde Hoogstede (Landkreis Grafschaft Bentheim) sollen viele sowjetische Kriegsgefangene zu Tode gekommen sein. Die meisten sind verhungert. Die Zentrale Stelle für die Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg (Baden-Württemberg) hatte mehr als zwei Jahre lang Hinweise zur möglichen Schuld des 95-Jährigen zusammengetragen.

Der Celler Oberstaatsanwalt Bernd Kolkemeier sagte, noch sei nicht klar, ob es zu einer Anklage komme. Man müsse Beschuldigten, die in einem Kriegsgefangenenlager eingesetzt waren, „konkrete Beteiligungshandlungen an Tötungsdelikten nachweisen“, sagte Kolkmeier dem Evangelischen Pressedienst. Außerdem müssen Wohnort und Gesundheitszustand des 95-Jährigen ermittelt werden, so Kolkmeier, bevor die Tatvorwürfe weiter verfolgt werden könnten. Dem Bericht zufolge gingen den Ermittlungen der Generalstaatsanwaltschaft mehr als zwei Jahre Vorermittlungen der Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg voraus.

Foto: Frank-Walter Steinmeier, CC s. Archiv v. 3.5.20

 

Vor 75 Jahren

18. Juni 2021

Vor 75 Jahren ging es um eine Schicksalsfrage im Emsland: Zu welchem deutschen Teilstaat wolle man gehören?

Mit der Aufteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen und der Auflösung des größten deutschen Bundesstaates Preußen standen die Besatzungsmächte vor der Aufgabe, die staatlichen Verwaltungseinheiten in ihren jeweiligen Zonen neu zu regeln. Ziel war ein föderaler Aufbau und Voraussetzung dafür die Schaffung neuer Bundesländer, die sich an historischen Einheiten wie an praktischen, vor allem wirtschaftlichen Gegebenheiten orientieren sollten.

Die Britische Militärbehörde hatte im Sommer 1946 mit der Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen Fakten geschaffen. Um den Wiederaufbau des Ruhrgebietes zu erleichtern und es mit einem breiten ländlichen Umland zu versorgen bildete sie aus den früheren preußischen Provinzen Rheinland und Westfalen ein neues Mega-Bundesland mit dem größten Industrierevier Westdeutschlands.

Damit stand auch der Rest der Britischen Zone unter Zugzwang. Ein echtes Gegengewicht zu NRW hätte nur ein einheitlicher „Nordstaat“ von der holländischen bis an die dänische Grenze mit dem Zentrum Hamburg gebildet. Doch den wollten die Norddeutschen nicht. Ganz im Norden war bald ein Land Schleswig-Holstein abgesteckt. Es blieben die frühere preußische Provinz Hannover, das Land Braunschweig, das Großherzogtum Oldenburg sowie die Grafschaft Schaumburg-Lippe und das Fürstentum Lippe-Detmold.

Hannover förderte eine „Fünferlösung“, bei der alle diese fünf Länder unter dem Dach eines neuen Landes Niedersachsen mit dem Kern Hannover bilden sollten. Eine schon in den 1920er-Jahren diskutierte Ausweitung Niedersachsens um angrenzende Teile Westfalen wurde vorgeschlagen, aber von NRW entschieden abgelehnt.

Oldenburg schlug vor, den niedersächsischen Raum in drei etwa gleich große Länder aufzuteilen: ein vergrößertes Land Braunschweig im Süden, ein Land Hannover mit Teilen Westfalens sowie ein Land Weser-Ems mit dem Kern in Oldenburg, das natürlich auch die Hauptstadt werden sollte.

Hiergegen regte sich der Widerstand besonders in den Kreisen Lingen und Grafschaft Bentheim, wo eine regelrechte „Los von Oldenburg-Bewegung“ entstand. Denn dem nationalsozialistischen Gau Weser-Ems war man gerade erst entronnen und hatte mit den Oldenburger offenbar keine guten Erfahrungen gemacht. Der spätere Bentheimer Landrat Heinrich Specht forderte im Mai 1946:

„Nach 1933 nutzte Oldenburg seine Stellung als Gauhauptstadt zu starken wirtschaftlichen und politischen Zentralisierungsbestrebungen aus … heute will man nicht herausgeben, was (die NSDAP-Gauleiter) Röver und Wegener eingeheimst haben. Die Grafschaft Bentheim verwahrt sich jedoch dagegen, zum Opfer dieses Machtstrebens degradiert zu werden, und erst recht dagegen, mit jenem Oldenburger Partikularismus identifiziert zu werden, den man heute bereits in ganz Deutschland belächelt. Sie tritt beharrlich ein für eine völlige und endgültige Lösung aller Wirtschafts- und Verwaltungsbindungen an Oldenburg. In der Erkenntnis, daß sie Hannover ihre wirtschaftliche Existenz verdankt, wünscht sie vollen Anschluss an die Provinz Hannover…“.

Ebenfalls im Mai 1946 hatte in Meppen eine Versammlung der emsländischen und südoldenburgischen Landkreise stattgefunden, an der auch Bürgermeister Zurhorn aus Münster teilnahm, der eifrig für einen Anschluss an Westfalen zu warb. Um die befürchtete Zuordnung an Oldenburg zu verhindern, forderten die Kreise Cloppenburg, Meppen und Lingen am 4. Juni ihren Anschluss an Westfalen. Der Redakteur Andreas Büscher schrieb hierzu am 2. Juli 1946 in der Osnabrücker Rundschau:

„Es unterliegt keinem Zweifel, daß das Emsland wirtschaftlich nach Westfalen orientiert ist. Ein möglichst enger Zusammenschluss dieser Gebiete, auch in verwaltungstechnischem Sinne, würde diese Zusammengehörigkeit vertiefen und sich dadurch zum Besten beider Gebiete auswirken. Deshalb müssen die vier Emslandkreise – möglichst geschlossen – rechtzeitig danach trachten, in der zukünftigen Neuordnung des nordwestdeutschen Raumes den Anschluß an das benachbarte Westfalen zu erreichen.“

Vorgeschlagen wurde hierzu ein Volksentscheid parallel zu den geplanten Kommunalwahlen im Herbst 1946. Doch daraus wurde nichts, denn mittlerweile war die Gründung von NRW bereits erfolgt. Osnabrück hatte ohnehin mehr auf Niedersachsen gesetzt, weil es die Bezirksregierung nicht an Oldenburg oder Münster abgeben wollte und erreichte einen Beschluss aller Landkreise des Regierungsbezirks, dass sie auf jeden Fall zusammenbleiben wollten. Im Falle eines Anschlusses an Nordrhein-Westfalen befürchtete man, letztlich doch nur Randregion in einem zukünftigen vergrößerten „Ruhrstaat“ zu werden. So setzten die Emsländer im Zweifelsfall gemeinsam mit Osnabrück auf Niedersachsen.

Dort hatte es schon im Sommer 1945 den Vorschlag gegeben, die Provinz Hannover per Staatsvertrag mit Braunschweig und Oldenburg unter eine „gemeinsame Landesregierung in Niedersachsen“ zusammenzufassen. Die Militärregierung lehnte dies ab, weil die Leiter besetzter Länder keine Verträge miteinander schließen könnten. Sie bildete für die entsprechenden Gebiete aber einen „Gebietsrat Niedersachsen“.

Auch eine Umwandlung der Provinz Hannover in ein Land Hannover als Vorstufe für einen freiwilligen Zusammenschluss lehnten die Briten zunächst ab. Doch nach der Bildung von NRW lenkte die Besatzungsmacht ein. Am 4. Juli 1946 befahl sie dem Zonenbeirat die Bildung eines Sonderausschusses zur Neugliederung der Zone. Von den fünf dort vorgelegten Möglichkeiten erhielt der Vorschlag von Hinrich Wilhelm Kopf die meisten Stimmen. Er favorisierte ein Land Niedersachsen aus Hannover, Braunschweig, Oldenburg, Schaumburg-Lippe und Lippe-Detmold sowie weiteren Gebieten im nördlichen Westfalen, wo seit dem Frühjahr bei Versammlung und Vorträgen für einen Anschluss an Niedersachsen geworben wurde.

Dieser war aber nach der Bildung von NRW nicht mehr durchsetzbar und Lippe-Detmold entschied sich für einen Anschluss an NRW. Der Nordstaat, das Land Weser-Ems und weitere Vorschläge fanden keine Mehrheit…


gefunden im  Blog des Emslandmuseum / Andreas Eiynck

#geschichtenderbefreiung

18. April 2021

Am 18. April 1945 fällt in Ihrhove ein Schuss: der Gefangene Emil Walter Köster ist standrechtlich erschossen worden und wird am Rande des Friedhofs verscharrt. Der selbsternannte „Hauptmann“ Willi Herold hatte zwei Wachmänner geschickt, um „die Sache in Ihrhove zu erledigen“.

Was hat der Mord in Ihrhove mit den Emslandlagern zu tun? Ein Kriegsgericht verurteilte den Bremer Köster 1943 wegen des Vorwurfs homosexueller Neigungen („Unzucht unter Männern, § 175“), er wurde aus der Wehrmacht (Marine) ausgestoßen und kam am 13. Oktober 1944 im Strafgefangenenlager VII Esterwegen in den zivilen Strafvollzug.

Da die Alliierten weiter vorrückten, hatte die Zentralverwaltung in Papenburg Anfang April 1945 angeordnet, die Inhaftierten des Lagers VII Esterwegen zu Fuß zum Lager I Börgermoor zu schicken. Vom Lager I Börgermoor folgte ein Weitermarsch über Burlage bis nach Collinghorst. Dort erhielt die Marschkolonne den Befehl zum Rückmarsch, jedoch nicht ins Lager I Börgermoor, sondern ins Lager II Aschendorfermoor. Über Nacht blieb die Gruppe zunächst in Westoverledingen. Die allgemeinen Wirren dieser Tage nutzten einige Gefangenen zur Flucht – so auch Köster.

Er wurde völlig entkräftet bei Ihrhove in einem Graben gefunden, im Feuerwehrhaus in Ihrhove untergebracht, versorgt und bewacht. Dennoch kam es zu einem Übergriff des örtlichen Polizisten. Nach etwa einer Woche wurde Köster von zwei Wachmännern aus Westoverledingen abgeholt und in der Nähe des Friedhofes erschossen. Die Wachmänner handelten auf „Befehl“ des Hochstaplers Willi Herold, der in einer gefundenen Hauptmannsuniform die Kontrolle über das Lager II Aschendorfermoor übernommen hatte und Jagd auf geflüchtete Gefangene machen ließ.

Nach Kriegsende kam es in Oldenburg zum Strafprozess gegen die beiden Wachmänner. Einer von ihnen nahm sich noch vor der Urteilsverkündigung das Leben. Der zweite Angeklagte blieb bis November 1946 im Gefängnis und lebte danach in Westoverledingen.
Die Mutter des Ermordeten veranlasste nach Kriegsende die Umbettung ihres toten Sohnes. Am 1. Oktober 1945 erhielt Emil Walter Köster seine letzte Ruhestätte auf dem Buntentor-Friedhof in Bremen.

(Quellen:
Die Schilderung des Mordes wird ausführlich dargestellt im Buch „Erschossen am 18. April 1945 in Ihrhove – Westoverledingen“ (Eigenverlag 2018) von Hermann Adams. Es ist im regionalen Buchhandel erhältlich. Die Gedenkstätte Esterwegen bedankt sich bei Herrn Adams herzlich für seine Unterstützung. Foto: Das Feuerwehrhaus in Ihrhove, in dem Emil Walter Köster mehrere Tage gefangen gehalten wurde. Undatiert.
Quelle: Entnommen aus „Vom Feuereimer bis zur Handdruckspritze“ von Hermann Jelting,  FB/Gedenkstätte Esterwegen)