Kein Datenschutz

18. Dezember 2021

Am gestrigen Freitag hat die 1. Kammer des Verwaltungsgerichts Osnabrück (Foto lks) einem Eilantrag der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ)  gegen die Stadt Osnabrück überwiegend stattgegeben. Die Kammer verpflichtete die Stadt, die Namen und die Wohnorte der Personen zu nennen, die die Corona-Protest-Demonstrationen in Osnabrück am 4., 11. und 18.12.2021 angezeigt haben. Verschweigen darf sie allerdings  deren konkrete Anschriften.

Ein leitender Redakteur der Zeitung hatte sich am Dienstag an die Stadtverwaltung gewandt und für die beabsichtigte Berichterstattung um Mitteilung der Namen der Personen gebeten, die die genannten Corona-Protest-Demonstrationen angezeigt haben. Die hatte dies unter Verweis auf datenschutzrechtliche Gründe noch am selben Tag abgelehnt.

Daraufhin stellte die NOZ kurzerhand vor dem Verwaltungsgericht den Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung, und der hatte überwiegend Erfolg. Die Lokalpresse habe einen Anspruch darauf, zum Zwecke der Recherche und Berichterstattung die Namen und den Wohnort noch vor der am 18.12.2021 stattfindenden Veranstaltung zu erfahren. Dieser Anspruch habe seine Grundlage im § 4 Absatz 1 Niedersächsisches Pressegesetz. Schutzwürdige private Interessen stünden der Auskunftserteilung letztlich nicht entgegen. Hier habe eine Abwägung zu erfolgen, im Rahmen derer zwei sich gegenüberstehende Grundrechtspositionen miteinander in Ausgleich zu bringen seien. Auf der einen Seite stehe die dem Auskunftsanspruch zugrundeliegende Pressefreiheit, auf der anderen Seite das Recht auf informationelle Selbstbestimmung der die Demonstration anzeigenden Personen.

Die von der Kammer unter Vorsitz von Gerichtspräsident Ulrich Schwenke vorgenommene Abwägung komme zu dem Ergebnis, dass der Informationsanspruch der Antragstellerin und damit das Informationsinteresse der Öffentlichkeit gegenüber den Rechten der die Demonstrationen anzeigenden Personen überwiege.

Allerdings habe die NOZ keinen Anspruch darauf, neben dem Wohnort auch die vollständige Anschrift der Anmeldenden zu erfahren. Insoweit sei ihr Antrag abzulehnen gewesen. Während das Interesse, den Wohnort zu erfahren, durchaus berechtigt sei um zu erfahren, ob „Fremde“ oder „Einheimische“ die Demonstrationen angemeldet hätten, habe die Antragstellerin ihr Interesse an der vollständigen Anschrift nicht hinreichend dargelegt.

Darüber kann man durchaus geteilter Meinung sei, finde ich. Wer eine öffentliche Protestversammlung anmeldet, kann sich schwerlich darauf berufe, man dürfe nicht erfahren, wer er ist und wo er wohnt.

Gestern Abend meldete die NOZ, die Demo am vergangenen Samstag habe Olaf Claudepierre aus Georgsmarienhütte angemeldet. Beim Aufzug am heutigen Samstag sei Peter zur Linde (Lemförde) der Anmeldende. In einem Gespräch mit NOZ-Redakteur Wilfried Hinrichs äußerte der die feste Überzeugung, dass die Menschen nicht nur in Osnabrück über die, wie er meint, wahren Hintergründe der Corona-Maßnahmen bewusst falsch informiert würden. Corona leugnet zur Linde nicht, hält sie aber nur für eine Infektionskrankheit wie jede andere. Das Virus werde von den Mächtigen genutzt, um die Grundrechte dauerhaft abzuschaffen. Zwar dauert das Gespräch mit dem NOZ-Mann letztlich mehr als eine halbe Stunde (NOZ: „33 Minuten“). Doch zu einem richtigen Interview wäre er nur dann bereit, wenn die Zeitung „zuvor einen Beweis vorlege, ihre Berichterstattung grundlegend ändern zu wollen.“

Die Demonstranten -mehr als 2.000 werden erwartet., müssen während der Kundgebung und beim Marsch über den Wall einen „medizinischen oder höherwertigen Mund-Nasen-Schutz“ tragen, wie die Polizei am Donnerstag mitteilte. Die Polizei machte zugleich in einer Pressemitteilung klar, „dass die geltenden Auflagen unbedingt einzuhalten sind und Verstöße konsequent verfolgt werden“.

Auf dem Willy-Brandt-Platz vor der Arbeitsagentur in Osnabrück findet von 13.15 bis 15 Uhr eine Gegendemonstration statt. Gerhard Torges, der sich am vergangenen Samstag allein mit einem Megaphon den Demonstranten entgegengestellt hatte, hat zu einer Gegenveranstaltung unter dem Titel „Gegen Querdenker und Coronaleugner“ aufgerufen. Torges rechnet mit bis zu 200 Menschen. Es ist möglich, dass es zu einer Begegnung der beiden Gruppen kommt, weil die demonstration der Impfgegner direkt am Willy-Brandt-Platz vorbeiführt.

Der Osnabrücker Gerichtsbeschluss (Az. 1 B 72/21) ist übrigens noch nicht rechtskräftig und kann binnen zwei Wochen nach Zustellung mit der Beschwerde vor dem Niedersächsischen Oberverwaltungsgericht in Lüneburg angefochten werden.

Werlte jubelt

4. Oktober 2021

Ausgerechnet im emsländischen Werlte wird heute eine weitere Pilotanlage für CO2-neutrales Kerosin eingeweiht – keine Weltpremiere, wie die NOZ schrieb, weil schon am 12. November 2019 in Karlsruhe eine besonders kompakte Versuchsanlage zur Herstellung von E-Fuels in Betrieb ging. Erwartet werden in der noch jungen Stadt zur offiziellen Intebriebnahme  die Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD), der bekannte Kieler Klimaforscher Mojib Latif sowie Lufthansa-Vertreter – und eine Videobotschaft von Angela Merkel.

Die neue Anlage soll aus Wasser, erneuerbarem Strom, Abfall-CO2 aus einer Biogasanlage und CO2 aus der Umgebungsluft synthetischen Kraftstoff produzieren. Betrieben wird die „Power-to-Liquid“ (PtL)-Anlage von der Firma Solarbelt Fairfuel gGmbH (Stammkapital: 25.000 Euro). Die kleine Gesellschaft ist Tochterfirma der Atmosfair gGmbH, die ihrerseits aus einem Forschungsprojekt des Umweltministeriums hervorging und einer Gemeinschaftsinitiative des Reiseveranstalterverbandes Forum Anders reisen und der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch hervorgegangen ist, und  u.a. Emissionshandel für Privatleute und Firmen betreibt.

Wie in der Region üblich wird heute und danach sicher und nur emsländisch-unkritisch gejubelt. Dabei darf aber nicht übersehen werden, wie umstritten die Produktion sogenannter E-Fuels – also synthetischen Kraftstoffen – weiterhin ist. Sie erfordert nämlich einen hohen Energieeinsatz, ist daher ineffizient und sehr teuer. Allerdings sind E-Fuels im Rahmen der bisherigen Infrastruktur und Motorentechnologie nutzbar – und so möglicherweise schneller einzusetzen als eine flächendeckende Umstellung auf Elektroantriebe. Damit ist das Vorhaben ein großer Hoffnungsträger für alle, die möglichst wenig Veränderung wollen. Am aussichtsreichsten gilt die Technologie übrigens dort, wo Alternativen kaum verfügbar oder sinnvoll einsetzbar sind – zum Beispiel im Schwerlast- oder Luftverkehr, wo Batterien oder Wasserstofftanks viel zu schwer oder zu groß wären.

Ein Blick auf  die Fotoaufnahmen der NOZ zeigt sofort, wie klein die Werlter Anlage dimensioniert ist.  Die Betreiberin rechnet dort mit einer Jahresproduktion von nur 350 bis 400 Tonnen synthetischen Kerosins, wie Geschäftsführer Christoph Weber gerade der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) erläuterte. Das entspricht etwa 500.000 Litern, die per Tankwagen an den Flughafen in Hamburg geliefert werden sollen.

Zum Vergleich: Allein der Verbrauch durch die 11 deutschen Airlines lag vor der Corona-Krise bei knapp 11,9 Milliarden Litern. Um nur zwei Prozent des deutschen Kerosinbedarfs zu decken, wie es die CDUCSU/SPD-Bundesregierung bis 2030 als Ziel ausgegeben hat, bräuchte man also ein Vielfaches der Werlter Anlage: rund 230 Millionen Liter Kerosin statt 500.000.

Bei der Produktaufbereitung fällt übrigens auch klimaneutraler Dieseltreibstoff an, der für Shuttle-Busse oder eben den Schwerlastverkehr eingesetzt werden könnte. Klimaneutral meint hier, dass der Treibstoff in der Verbrennung nur so viel CO2 freisetzt, wie ihm bei der Produktion zugeführt werden. Die Pilotanlage in Werlte soll jedenfalls erst einmal das zuverlässige Funktionieren der Technologie und Prozesse demonstrieren, sagte Weber zur NOZ. Dann seien in Zukunft größere Anlagen möglich.


(Quellen: taz / NOZ)

Lutschpastillen

29. März 2021

Der Deutsche Presserat ist die Freiwillige Selbstkontrolle der Print- und Onlinemedien in Deutschland. Er tritt für die Einhaltung ethischer Standards und Verantwortung im Journalismus ein sowie für die Wahrung des Ansehens der Presse.Jetzt hat das Gremium hat auf seinen Sitzungen vom 23. bis 25. März insgesamt 15 Rügen ausgesprochen, fünf davon für Verletzungen des Opferschutzes sowie fünf wegen Schleichwerbung. Schleichwerbung gab es auch bei unserer Monopolzeitung:

Die Online-Ausgabe der NEUEN OSNABRÜCKER ZEITUNG wurde wegen gravierender Verstöße gegen die journalistische Sorgfaltspflicht nach Ziffer 2 des Pressekodex und die besonderen Anforderungen an Medizin-Berichterstattung nach Ziffer 14 gerügt. Die Redaktion hatte unter der Überschrift „Fraunhofer-Institut: Extrakt aus Glandorf wirkt gegen Coronavirus“ lediglich auf Grundlage eines vorab veröffentlichten Manuskripts über eine Studie zur Wirksamkeit des „Cystus Pandalis-Extrakts“ gegen das Corona-Virus berichtet. Die Untersuchung habe die antivirale Wirksamkeit des Extrakts beweisen können, heiße es im Manuskript. Der Artikel ließ – insbesondere angesichts der dünnen Quellenlage – die notwendige journalistische Distanz vermissen. So fand beispielsweise eine Einordnung durch einen unabhängigen Experten nicht statt. Stattdessen formulierte die Redaktion insbesondere in der Überschrift ein Wirkversprechen für die frei verkäuflichen Lutschpastillen, das geeignet war, unbegründete Hoffnungen bei den Lesern zu erwecken.

Die Rüge ist das härteste Sanktionsmittel des Presserats: Das Medium wird aufgefordert, eine „Öffentliche Rüge“ abzudrucken.  Ich bin gespannt, ob und wie die NOZ das macht.

Stefan „Niggi“ Niggemeier ist aktuell wohl der bekannteste Medienjournalist im Land. Zusammen mit Boris Rosenkranz -früher taz und NDR- präsentiert er das Medienblog „UEBERMEDIEN“. Geboren im Harderberg nahe Osnabrück sammelte er nach dem Abitur bis 1993 erste berufliche Erfahrungen  als „fester freier Mitarbeiter“ bei der Neuen Osnabrücker Zeitung in seiner Heimat. Oder um seine „Offenlegung, natürlich“ zu zitieren:

„Ich habe vor rund 30 Jahren für die „Neue Osnabrücker Zeitung“ über Kaninchenzüchter, Karneval und Kommunalpolitik berichtet.“

Weihnachten war er zuhause im Osnabrücker Land, und jetzt bekannte er darüber bei UEBERMEDIEN dies:

„Ich hatte ja keine Ahnung! Ich war nur über Weihnachten für ein paar Tage in die alte Heimat gefahren und wusste nichts von dem Aufruhr, der die Region erfasst hat, seit RTL Mitte November bekannt gegeben hatte, dass der nächste Mann, dem in der Show „Der Bachelor“ knapp zwei Dutzend paarungswillige Kandidatinnen zugeführt werden, aus Osnabrück kommt.

Aus Osnabrück!

Und es kommt noch besser: Der Mann ist nicht irgendein Osnabrücker, nein: Es ist der Sohn des Oberbürgermeisters!

Die „Neue Osnabrücker Zeitung“ (NOZ) beschloss dann offenkundig, aus dieser Nachrichtenlage, die ihr beschert wurde, das Beste Meiste zu machen. Doch trotz ihres heftigen Buhlens um Aufmerksamkeit sieht es bislang nicht nach einer Liebesgeschichte zwischen dem Lokalblatt und dem Lokalbatsch aus.

Es beginnt alles ganz konventionell: Am Tag, als RTL die Personalie verkündete, klöppelte die NOZ aus dem PR-Material des Senders einen nachrichtlichen Artikel zusammen. Sie notiert, dass Niko Griesert 1,91 Meter groß und sportlich sei und „einfach immer gerne neue Sachen dazu“ lerne. Seine Wunsch-Partnerin solle „das Herz am rechten Fleck haben“ und „sich selbst nicht ganz so ernst nehmen“, das tue er nämlich auch nicht. Griesert sei Vater einer neunjährigen Tochter, die mit ihrer Mutter in den USA lebe und ihm alles bedeute.

Die Eskalation beginnt am nächsten Tag. „Fünf Dinge, auf die wir uns freuen“, formuliert Daniel Benedict. Benedict ist Online-Redakteur der Zeitung, aber ausweislich seines Autorenprofils auch „Zeitungspate des Bereichs Dschungelcamp“, was einerseits rätselhaft klingt, andererseits womöglich einiges erklärt.

Sein Text ist ein Ritt auf der Rasierklinge; eine gewagte Mischung aus Lokalstolz und Lokalverachtung, aus gut gelaunter Ironie und übertriebenem Wichtignehmen. Er fragt:

Hat Niko das Zeug zum OSfluencer? Hält die Stadt des Westfälischen Friedens den Zickenkriegen der Kuppel-Show stand? Und wird die Nation jetzt endlich begreifen, dass Osnabrück weder Oldenburg ist noch Saarbrücken?

Benedict weiß, dass RTL „traditionell“ schon in der ersten Folge an Orte führe, „die den Titelhelden prägten“:

Vor einem Millionenpublikum kann eine Stadt hier ihre schönsten Seiten zeigen. Sebastian beispielsweise, der Vorjahres-Bachelor, posierte im Münchner Wohnghetto seiner Kindheit, er zeigte die U-Bahn-Station, für die ihm wegen Jugendgewalt ein Platzverweis erteilt wurde, und die JVA, in der ihn seine Mutter besuchte.

Auch Osnabrück habe schöne Ecken:

gesellschaftliche Hotspots wie die Halle Gartlage mit ihren Zuchtviehauktionen. Naherholungsgebiete wie den Piesberg, jenen malerischen Steinbruch, in dem die Ladung von 500.000 Müllautos vergraben ist.

Bis an die Zähne bewaffnet mit einer beindruckenden, beunruhigenden Menge an Detailwissen über vergangene „Bachelor“-Staffeln malt sich der Berichterstatter aus, wie der gegen Ende der Show anstehende Besuch im Elternhaus der Auserwählten verlaufen…“

…das Osnabrücker Drama lest bitte weiter bei UEBERMEDIEN
Es lohnt, wie fast immer bei @niggi.

 

Eure Aufgabe

10. April 2020

Karfreitag 2020. In diesem Jahr reden wir nicht aufgeregt über ein Tanzverbot. Dieser so ruhige Feiertag erscheint uns noch stiller, und wir fragen: Das alte deutsche Wort „Kar“ in Karfreitag heißt „kümmern“, „Kummer haben“ oder „sich kümmern um“. Wer ist derjenige, der bekümmert ist, und wer kümmert sich in  dieser Welt – um die die Trauernden zum Beispiel und ihre Erinnerungen an die, die gehen mussten? Das bewegt mich an diesem stillen und aktuell so traurigen Tag.

Heute früh veröffentlichte unser Landkreis Emsland die neuen Corona-Zahlen. Im Emsland sind es inzwischen 10 Corona-Infizierte, die gestorben sind. 10 Menschen, die nicht mehr leben. Es werden noch viele dazu kommen, fürchte ich und frage: Was wissen wir von diesen Menschen? Wie und für wen haben sie gelebt? Was haben sie gelebt? Wie trauern wir um die Verstorbenen?

Abgebrochene Leben, Verzweiflung, bleibender Schmerz. In Corona-Zeiten ist so vieles  anders. Gestern ist der Großvater von Lukas gestorben. Ich weiß, weshalb. Aber ich weiß kaum etwas davon, welcher Mensch er war. Nicht einmal die Trostreden helfen, wie wir sie früher hörten. Weil sie kaum jemand hören darf. Selbst Beerdigungen finden in diesen Zeiten der Corona-Krise nur im engsten Familienkreis, ohne kirchliche Messe und ohne Trauerfeier statt.

Längst ist es an der Zeit, dass wir gemeinsam derer gedenken, die diesem tödlichen Coronar-Virus nichts entgegensetzen konnten? Warum werden sie nicht genannt, warum wird über sie geschwiegen? Liebe Neue Osnabrücker Zeitung mit  Euren Emslandzeitungen: Bitte zeichnet das Leben dieser Verstorbenen bach. Bitte schreibt über die, die wegen COVID-19 nicht mehr leben und deren Tod vor nur sechs Wochen noch undenkbar war. Denn das gemeinsame Gedenken an die Corona-Opfer und die Erinnerung sind (auch) Eure Aufgabe.


Foto: Jüdischer Friedhof in Lingen © Forum Juden Christen

unglaublicher Murks

6. April 2020

Lesebefehl! Ein Beitrag aus der heutigen NOZ zur Murks-Verordnung des Gesundheitsministeriums vom 2. April:
Der niedersächsischen Rechtsverordnung zur Eindämmung der Corona-Pandemie wurde ein vernichtendes juristisches Zeugnis ausgestellt. Sie enthalte „unglaublichen Murks“ und sei „bemerkenswert schlecht gemacht“, sagte der Göttinger Staatsrechtsprofessor Hans Michael Heinig unserer Redaktion.

Heinig hat den Lehrstuhl für Öffentliches Recht der Universität Göttingen inne. Mit Blick auf die Corona-Verordnung erklärte er: „Grundregeln des Gesetzemachens werden hier nicht beherrscht.“ Im Text fänden sich „verschwurbelte Formulierungen“, die mehr Fragen als nötig aufwürfen. „Das ist angesichts der tief greifenden flächendeckenden Grundrechtseingriffe problematisch und auch ganz unnötig.“

„In den ersten Tagen einer so gravierenden Krise sind handwerkliche Fehler entschuldbar“, sagte Heinig. „Aber so langsam werden sie Ausdruck schlechten Regierens.“ Dem Text sehe man die „Handschrift des Gesundheitsministeriums“ an, „bei dessen delegierter Gesetzgebung im Sozialrecht es sonst auf Normenklarheit und Präzision nicht ganz so ankommt wie bei Verordnungen etwa des Innenministeriums“.

Auch die Prioritätensetzung des Sozialministeriums verstehe er nicht. „Jeder Besuch zu Hause sollte verboten werden, um zugleich Baumärkte zu öffnen, während weiterhin Buchläden geschlossen sind.“

Beim Vergleich der Corona-Verordnungen mehrerer Bundesländer stach für den Professor ein Text als formal besonders gut heraus. „Die Verordnung in Bayern ist im Vergleich viel schlanker und dabei präziser. Jeder, der hier den Normtext liest, versteht, was von ihm verlangt wird.“

Die niedersächsische Corona-Verordnung war zuletzt am Freitag neu gefasst worden. Wesentliche Passagen zu Besuchen und Beerdigungen wurden allerdings wegen Unklarheiten und anderer Mängel bereits wieder widerrufen.

 

verfolgt

14. Februar 2020

Nix Liebliches zum heutigen Valentinstag. Sondern ein Gruß an Facebook & Co, wie beispielsweise die Neue Osnabrücker Zeitung, deren lokale Journalisten immer so tut, als wären frei lesbare, unentgeltliche Artikel gnadenhalber im Netz. FB beob­achtet seine Nutzer nämlich längst nicht nur auf Facebook selbst, sondern auch auf vielen anderen Seiten und Apps. Mit der neuen Funk­tion „Aktivitäten außer­halb von Facebook“ gewährt das soziale Netz­werk erst­mals Einblicke in diese Daten von Dritt­firmen – darunter auch die NOZ, wie ich selbst erfahren durfte.

Nutzer können die Über­wachung zwar nicht stoppen, aber immerhin etwas einschränken. test.de erklärt, wie das geht und welche weiteren Tricks gegen den Daten­hunger von Facebook helfen.

Neue Funk­tion gut versteckt

Neuerdings können Facebook-Nutzer über­wachen, wo über­all Facebook sie über­wacht. Unter facebook.com/off_facebook_activity/ zeigt das soziale Netz­werk, welche „Aktivitäten außer­halb von Facebook“ es mithilfe fremder Seiten und Apps erfasst. Wer die obige Adresse nicht kennt, muss etwas suchen, ehe er die OFA-Funk­tion („Off-Facebook Activity“) findet:

  1. Auf der Website führt der Weg über den Drop-Down-Button rechts oben in der blauen Farb­leiste: „Einstel­lungen > Deine Facebook-Informationen > Aktivitäten außer­halb von Facebook“.
  2. In der App muss man rechts oben auf die drei Striche drücken, dann runter scrollen, „Einstel­lungen und Privatsphäre“ auswählen, auf „Einstel­lungen“ klicken, erneut scrollen und den Punkt „Aktivitäten außer­halb von Facebook“ aufrufen.

Hunderte Firmen liefern Daten an Facebook

Als erstes sind auf der Seite ein paar Logos von Firmen zu erkennen, die Facebook in den letzten Monaten mit Daten über den Nutzer versorgt haben. Nach einem Klick auf die Logos öffnet sich eine lange Liste solcher Daten­lieferanten.

Im Fall unseres Autors waren das seit Ende Juli 2019 mehr als 380 Apps und Websites. Da er täglich nur etwa 10 Minuten auf Facebook aktiv ist, mag diese hohe Zahl über­raschen. Doch wie intensiv jemand Facebook nutzt, spielt für die Beob­achtung seines Surf­verhaltens auf externen Portalen kaum eine Rolle. Auch bei Nutzern, die das soziale Netz­werk nur einmal monatlich ansteuern, können Hunderte Websites und Apps als Daten­lieferanten für Facebook agieren…

[weiter bei test.de…]

NOZ-Männer

21. Januar 2020

Die „Neue Osnabrücker Zeitung“ vergibt ihre Preise für besonders gelungene Beiträge nur an Männer schreibt die taz. Auch in der Chefredaktion gibt es keine Frau.

„Qualität entscheidet über Zukunft“, lautet der Titel über dem Eigenbericht zur jüngsten Verleihung des Herausgeberpreises bei der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ). „Qualität“ und „Zukunft“ scheinen nach der dort präsentierten Logik reine Männersache zu sein. Denn auf dem dazugehörigen Foto reihen sich links die drei Chefredakteure, rechts die zwei Herausgeber und dazwischen acht der neun siegreichen Redakteure auf. Von Frauen keine Spur.

Hat das Medienhaus etwa aus Versehen ein Bild aus dem Printarchiv geholt? Diese Frage dürften sich viele Le­se­r*in­nen beim Blick auf Bericht­ und Foto gestellt haben. Aber nein: Gezeigt werden die Träger der in diesem Jahr verliehenen Preise.

Was also ist mit den Frauen bei der NOZ? Es gibt sie, keine Frage, aber sie sind in der Minderheit. 95 Redakteure und 51 Redakteurinnen sowie neun Volontäre und fünf Volontärinnen beschäftigt­ die NOZ. Dazu freie Autorinnen.

Wie konnte es aber bei einem Frauenanteil von rund 30 Prozent zu einer Preisverleihung nur an Männer kommen? NOZ-Chefredakteur­ Ralf Geisenhanslüke­ holt zur Beantwortung der Frage sein Smartphone heraus und scrollt durch Fotos: Bilder von den Verleihungen der Herausgeberpreise beim Medienhaus „mh:n“ in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, mit denen NOZ Medien seit 2016 einen Medienverbund bildet. Geisenhanslüke will zeigen: Dort gingen die Frauen nicht leer aus. Sie würden keineswegs bewusst von der Vergabe ausgeschlossen. Zudem seien auch bei der NOZ in den Vorjahren immer Frauen unter den Prämierten gewesen.

Kopfschütteln beim Deutschen Journalistenverband

Die Herausgeberpreise gibt es seit 2011. Einmal im Monat werden die besten Beiträge in den Kategorien Bericht, Kommentar und Optik ausgezeichnet. Am Jahresende wählt die NOZ daraus die besten Arbeiten aus. Kriterien bei der Auswahl seien Relevanz sowie sprachliche und journalistische Qualität, so Ralf Geisenhanslüke.

Erst nachdem die aktuellen Jahressieger festgestanden hatten, stellte ein Mitglied des Chefredakteurs­teams fest: „Ist euch aufgefallen, dass wir gar keine Frauen dabei haben?“ Rückgängig machen wollte die Jury ihre Entscheidung nicht. „Wir vergeben die Preise nach journalistischen Kriterien, nicht nach Proporz“, so Geisenhanslüke. Zudem sei das „unfair gegenüber den Männern, die die Preise gewonnen haben“, ergänzt er.

Auf Kopfschütteln trifft die Entscheidung bei Christiane Eickmann, Geschäftsführerin­ des Deutschen Journalistenverbands (DJV) in Niedersachsen. Sie sieht….

[weiter hier bei der taz]

Es reicht!

25. September 2019

Da schrieb NOZ-Journalist Burkhard Ewert einen außerordentlich seltsamen Kommentar über, man sagt Klimaaktivistin Greta Thunberg. Kernsatz: „Es reicht!“, womit er nicht sich und seine Aussage meinte, sondern die junge Schwedin. Ein Freund der Familie wies ihn per E-Mail so zu recht:

„…mit Abscheu habe ich Ihren heutigen Kommentar zu Greta Thunberg  gelesen – mit Abscheu vor soviel Anmaßung. Haben Sie „wohl“ bedacht, dass diese junge Aktivistin von einer psychischen Entwicklungsstörung betroffen ist, die Ihnen und mir ein derartiges Engagement, die kaum noch begreifliche Energie, das überzeugende Gedankengerüst und das wirkungsvolle Echo bei allen Menschen, die noch halbwegs wach und offen geblieben sind und nicht aufgegeben haben, kaum noch hätte ermöglichen können?

Und haben Sie vielleicht doch oder auch wahrgenommen, dass Angst und Sorge, die das Kind wegen der unabweislichen Klimakatastrophe nicht nur um die Welt und die Menschen, sondern auch um sich selbst hat, ihr ebenfalls nicht im Wege sind, wenn und da sie in der ganzen Welt um Einsicht und Umkehr wirbt.

Und haben Sie wahrgenommen, dass Ihr, auf Verachtung gebürsteter Text gegen Greta Thunberg sich kaum von dem unterscheidet, was unser aller „Freund“ Donald Trump nach ihrem Auftritt in der UNO-Vollversammlung über diese junge Heroein gesagt hat?

Gott sei Dank haben die Verantwortlichen für den Alternativen Nobelpreis da eine andere Sicht als Sie!“

Tja, Herr Ewert. Einer meiner Hochschullehrer hätte zu Ihnen gesagt: „Setzen, Ewert. Ungenügend.“


Foto: Greta Thumberg Anders Hellberg CC Attribution-Share Alike 4.0 International

 

Ferienwohnung

21. Mai 2019

Das ging aber flott! Gestern Nachmittag bemühte ich mich darum, eine E-Mail aus dem Rathaus zu erhalten, in der die Lingener Lokalzeitung „Lingener Tagespost“ in der vergangenen Woche die Kulturschaffenden anschrieb. 90 Minuten später und offenbar aufgeschreckt durch die von mir kontaktierte Kulturamtsmitarbeiterin (Kulturamtschef Rudolf Kruse war nicht erreichbar), schickte die Stadtverwaltung die angefragte E-Mail dann – natürlich an alle Ratsmitglieder.

Nun, dann nehme ich doch heftig an, dass künftig auch alle schriftlichen oder mündlichen Anfragen sämtlicher Ratsmitglieder an den gesamten Stadtrat weitergeleitet werden. Doch abgesehen von diesen wundersamen Erlebnissen Lingener Ratsarbeit möchte ich das Augenmerk auf den Inhalt der erfragten E-Mail richten. LT-Redaktionsleiter Thomas Pertz teilt nicht mehr oder eniger mit, dass sich die LT „ab 1. Juni“ aus der kontinuierlichen Kulturberichterstattung verabschiedet. Er schreibt:

Betreff: Berichterstattung über die Kultur im Lokalteil

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir wollen zum 1. Juni unsere kulturelle Berichterstattung im Lokalteil umstellen. Über die wichtigsten Änderungen möchte ich auf diesem Wege vorab informieren. Natürlich stehen ich oder die anderen Kolleginnen und Kollegen jederzeit auch für ein Gespräch zur Verfügung.

Im Kern geht es darum, künftig nicht mehr automatisch nahezu jede Veranstaltung mit einem Nachbericht bzw. einer Rezension zu versehen. Das gilt für alle Veranstaltungsorte, ob es nun das Lingener Theater, die Emslandarena oder Kultureinrichtungen im südlichen Emsland sind. Selbstverständlich werden alle Veranstaltungen weiterhin vorangekündigt. Nachberichte/Rezensionen wird es aber nur noch in Ausnahmefällen geben, und zwar dann, wenn sie bestimmte Kriterien erfüllen: Beispiele sind Veranstaltungen mit örtlichen Akteuren, regionale Großveranstaltungen, Benefizveranstaltungen, außergewöhnliche Künstler, Premieren oder Konzerte mit Alleinstellungsmerkmal.

Die Nachberichterstattung findet auf den lokalen Seiten statt, nicht mehr auf einer Kultur-Seite im Lokalen. Künftig wird es an einem festgelegten Tag in der Woche eine Kultur-Seite im Lokalteil geben, auf der Veranstaltungen angekündigt werden, aber auch die regionale Kulturszene beschrieben wird.

Insgesamt wollen wir mit der veränderten Berichterstattung näher an den Leser heranrücken, indem wir uns stärker auf die regionalen Kulturakteure konzentrieren.

Mit  freundlichen Grüßen
Thomas Pertz, Redaktionsleiter“

Ausgerechnet bei der Kultur präsentiert sich die LT mit Relevanzprüfung! Für das Blatt, das wie seine Schwesterausgaben von MT und EZ fast jede Pressemitteilung („PM“) der lokalen Verwaltungen unkommentiert veröffentlicht, ist dieser Schritt in der Tat außergewöhnlich – allerdings völlig anders, als Thomas Pertz es meint, wenngleich der hier nur als Bote seiner Osnabrücker Chefs agiert. Die nämlich kürzen schlicht die Berichterstattung, obwohl die Tageszeitungen der NOZ-Gruppe längst alles andere als preiswert sind: Das Vollabo kostet monatlich stolze 41,90 Euro (per Post gar knapp 46 € ) und gönnt sich der Leser ergänzend die Digitalausgabe kommen sogar noch rd. 6 € dazu.

Was die Verabschiedung der Lokalzeitung aus der Kulturberichterstattung bedeutet, muss diskutiert werden. Natürlich. Und mir geht da spontan durch den Kopf, für all die eine Alternative zu schaffen, die sich das nicht bieten lassen wollen. Leider gibt es das Stadtblatt nicht mehr, doch eine Plattform jenes Zuschnitts scheint mir vonnöten zu sein. Denn die NOZ widmet sich längst Themen, die mich den Kopf schütteln lassen, wie etwa -während Österreich brennt- als Aufmacher auf Seite 1 der Frage, dass bei einem Bundesetat von 360 Milliarden Euro Nullkommadrei Hunderttausendstel davon an PR-Akteure gezahlt werden. Oder wie man seine Ferienwohnung nach Kameras durchfilzt, auf Ibiza beispielsweise…