Architekten, Theologen und andere Unterstützer setzen sich dafür ein, dass die nach Ende des Zweiten Weltkriegs gebauten Notkirchen des Architekten Otto Bartning in Hannover und an rund 100 anderen Orten Unesco-Welterbe werden.

Von Weitem sieht sie unscheinbar aus. Die Außenmauern der evangelischen St.-Petri-Kirche in Hannover-Döhren sind grau verputzt, auch die kleinen Kirchenfenster wirken schmucklos. Umso stärker hat der Architekt das Augenmerk auf das Innere gerichtet: Die Gemeinde rückt durch die Anordnung der Holzbänke nahe an den Altar.

Neben dem unverputzten Backstein dominiert Holz den Kirchenraum – 18 mächtige Holzstützen führen zum Holzdach. „Durch die sichtbare Holzbinderkonstruktion und das zeltartige Dach entsteht eine warme, beschützende Atmosphäre, die gerade zu Weihnachten eine besondere Wirkung entfaltet“, sagt Volker Gläntzer, Vorsitzender des Kirchenvorstandes. „Die Ausmauerungen aus rotem Backstein passen dazu farblich sehr gut und unterstützen den besinnlichen Charakter des Raumes.“

[…. weiter bei der taz]


Notkirchen von Otto Bartning finden sich in unserer Region:

Petruskirche, Bawinkel (gebaut 1950)

Erlöserkirche, Emsbüren-Leschede (1952)

Pauluskirche, Geeste-Dalum (1950, Foto)

Dreifaltigkeitskirche, Haselünne (1951)

St.-Johannes-Kirche, Neuenhaus (1950)

Martin-Luther-Haus, Nordhorn (1951)

Markuskirche, Sögel (1950)

St.-Lukas-Kirche, Werlte (1951)


Wer war Otto Bartning?
Der 1883 als jüngstes von fünf Kindern in Karlsruhe geborene Otto Bartning gehört zu den bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Wegweisend sind seine protestantische Kirchenbauten.  

„Glas, Stahl, Beton oder Holz – für Otto Bartning schlummerte in jedem Material eine „Geistigkeit“. Mit seinen Kirchenschöpfungen verfolgte der Architekt keinen geringeren Anspruch, als diese Geistigkeit in eine Form zu bringen, sie durch die Gestalt des Raumes wirken zu lassen.“ – analysiert die Zeitschrift Monumente der Deutschen Stiftung Umweltschutz.

Mit Rudolf Schwarz und Dominikus Böhm auf katholischer Seite gehört Otto Bartning auf protestantischer zu den bedeutenden Vertretern des modernen Kirchenbaus in der Weimarer Republik und nach 1945.

Nach seinen Plänen  wurden nach dem 2. Weltkrieg rund 100 seiner sogenannten Notkirchen errichtet wurden. Notkirche bedeutet dabei nicht Provisorium, sondern bezieht sich auf die Orientierungslosigkeit und Depression vieler Menschen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. 1950 wurde er zum Präsidenten des Bund Deutscher Architekten (BDA) gewählt.

Bartning starb 1959 in Darmstadt, wo sich auch das Otto-Bartning-Archiv befindet.

Mehr zum architektonischen Schaffen Otto Bartnings hier…

(Quellen taz, monumente-online, TU Darmstadt, Foto: TU Darmstadt; eine erste Version dieses Beitrags hab ich „upgedatez“ )

Hach, Königs kommen nächsten Montag. König Willem-Alexander und Königin Máxima besuchen am 26. Mai den Nordwesten. Es ist ein Arbeitsbesuch.

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Beginnen wird die Reise am Vormittag des 26. Mai in Oldenburg, wo das Königspaar von Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) offiziell an der Universität empfangen wird. Dort wohnt das Königspaar einem Seminar über die Speicherung erneuerbarer Energien bei, indem unter anderem auf neue Speichertechniken, auf ihre Anwendung in der Praxis und auf langfristige Entwicklungen eingegangen wird. Der König wird hier eine Rede halten. An dem Seminar, das der weiteren Intensivierung der deutsch-niederländischen Zusammenarbeit auf diesem Gebiet dienen soll, nehmen auch deutsche und niederländische Spitzenvertreter aus Wissenschaft und Wirtschaft teil.

Im Anschluss werden sich der niederländische König und seine Gattin das EWE-Forschungszentrum für Energietechnologie Next Energy anschauen und sich zum Thema Energiewende informieren. Das Institut, das zu den Themen Smart Cities und Smart Regions forscht, ist der Universität Oldenburg angegliedert. Im Rahmen der Präsentation verschiedener Forschungsprojekte und Innovationen auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien wird auch das Projekt „Batteriewechselstation für Elektrofahrzeuge“ vorgestellt. Hierbei handelt es sich um die erste und einzige Batteriewechselstation in Deutschland, bei der Autos, wenn sie nicht fahren, als Energiespeicher genutzt werden.

Eine weitere Station des Arbeitsbesuches wird Leer sein, wo es das maritime Kompetenzzentrum Mariko besuchen wird. Vom Mariko aus wird ein gemeinsames deutsch-niederländisches Projekt für Flüssiggasschiffe koordiniert. Besonderes Interesse wird der König dem dortigen Schifffahrtsimulator entgegenbringen, der ihm von Studierenden des Fachbereichs Seefahrt der Hochschule Emden/Leer erläutert wird. Im Mariko findet im Rahmen eines Mittagessens auch ein Gespräch mit deutschen und niederländischen Entscheidungsträgern zum Thema „grenzüberschreitende Kooperation bei der Aus- und Weiterbildung“ statt. Vorab werden themenbezogene Präsentationen gegeben, unter anderem über die gemeinsamen Bemühungen der Region Leer und der Gemeinde Oldambt in der Provinz Groningen, Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt zusammenzuführen.

Königin Máxima wird währenddessen einen Stand der Kampagne „Frische ist Leben“ besuchen, einer gemeinsamen Initiative deutscher, niederländischer und flämischer Akteure zur Förderung des Obst- und Gemüseverzehrs in Deutschland. Deutschland ist der wichtigste Absatzmarkt für niederländisches Obst und Gemüse, wobei ein überdurchschnittlich hoher Anteil der Exporte nach Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen geht, so das niederländische Presseamt.

Die letzte Station in Niedersachsen wird die emsländische Gemeinde Werlte sein, wo der Besuch einer Gas-Produktionsstätte von Audi auf dem Programm steht. Die dortige Power-to-Gas-Anlage verwandelt Strom aus erneuerbaren Energiequellen in Methangas und speichert dies anschließend, bevor es als Kraftstoff für Autos zum Einsatz kommt. Mit Hilfe dieser Technologie kann Strom aus erneuerbaren Energiequellen für eine nachhaltigere Gestaltung der Mobilität genutzt werden. Aktuell sondieren verschiedene Akteure gemeinsam mit Audi die Chancen für eine Produktion dieses E-Gases im Norden der Niederlande.

Aus dem Emsland reist das Königspaar am Montagnachmittag ins Münsterland, wo zum Abschluss des ersten Besuchstages ein Abendessen in Schloss Wilkinghege in Münster stattfindet. Teilnehmen wird neben dem niedersächsische Ministerpräsidenten Weil auch die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD).

[Text: Quelle NiederlandeNet; Foto: Willem-Alexander und Máxima: Das niederländische Königspaar besucht Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, Quelle: RVD]

update: Platzt Besuch in Werlte? fragt die NOZ.

Warnstreik

5. Mai 2012

Mit Warnstreiks und Kundgebungen haben die Mitglieder der IG Metall gestern bundesweit ihren Arbeitskampf in der Metall- und Elektroindustrie fortgesetzt. In den aktuellen Tarifverhandlungen fordert die IG Metall in allen Tarifbezirken 6,5 Prozent mehr Lohn. Daneben will sie bundesweit die unbefristete Übernahme aller Auszubildenden und mehr Mitbestimmung beim Einsatz von Leiharbeitern erreichen. Alle beteiligten Arbeitgeberverbände der Metallindustrie haben bisher drei Prozent mehr Lohn angeboten und lehnen die beiden anderen Punkte ab.

Nach dem Auslaufen der Tarifverträge und dem Ende der Friedenspflicht greift die IG Metall deshalb jetzt zum erprobten Mittel des Warnstreiks. Gestern erreichte der Arbeitskampf das Emsland. An den meist ein- bis zweistündigen Arbeitsniederlegungen beteiligten sich gestern allein im Landkreis rund 4000 Metaller. So waren auf der Meyer-Werft in Papenburg 2500 Beschäftigte dem Aufruf der Gewerkschaft gefolgt.  Nebenan legten 300 Arbeitnehmer bei KS Gleitlager die Arbeit nieder. 700 Mitarbeiter streikten beim Fahrzeugwerk Krone in Werlte. Nach einem Bericht der Papenburger Ems-Zeitung sagte dort Betriebsratsvorsitzender Ulrich Forsting, der auch Mitglied der IG Metall-Tarifkommission ist: „Die Kollegen wollen und brauchen eine deutliche Lohnerhöhung.“ Zudem müssten auf dem Feld der Leiharbeit dringend Verbesserungen greifen. Diese müssten flächendeckend und einheitlich geregelt werden.

500 Beschäftigte der Firmen Krone Fahrzeugbau und  August Storm in Spelle hatten schon morgens um 9.15 Uhr die Arbeit nieder gelegtund zogen dann in einem für das konservative Dorf beeindruckenden Demonstrationszug  (Foto re.) vom Werksgelände der Firma Krone zum Neubau der Firma Storm.  Bei den Tarifverhandlungen komme „nur mit Druck was Gescheites heraus“, sagte der IG Metall-Bevollmächtigte Heinz Pfeffer (Rheine; Foto lks).

In Weser-Ems gab es neben Arbeitsniederlegungen im Ammerländer Raum und an der Unterweser Warnstreiks auch bei Leoni in Friesoythe, Lumberg Connect (Cloppenburg) und Waskönig & Walter (Saterland). In Leer streikten 100 Arbeitnehmer des Leda-Werks, und in Emden versammelten sich 450 Beschäftigte von Siag, Blohm & Voss Naval und der Emder Werft- und Dockbetriebe zu einer Kundgebung vor dem Betriebsratsbüro. Auch in Lotte bei Osnabrück gab es einen Warnstreik

Bereits am Donnerstag hatten mehr als 1000 Arbeitnehmer bei KME  und Elster in Osnabrück die Arbeit niedergelegt. Ebenfalls vorgestern waren 150 Mitarbeiter der Firma Stemmann Technik im Industriegebiet zu einer Kundgebung vor das Werkstor gezogen. Stemmann-Geschäftsführer Michael Grunwald ist Mitglied in der Tarifkommission der Arbeitgeber und stand deshalb im Fokus der Gewerkschafter. „Es wird keinen weiteren Warnstreik geben, aber wenn im Mai kein vernünftiger Vorschlag kommt, werden wir vor dem Tor der Firma Stemmann ein Ur-Abstimmungsbüro für den Streik einrichten“, kündigte Gewerkschaftssekretär Gerd Will (Foto lks) den Stemmann-Mitarbeitern an. (Video)

Der Arbeitgeberverband Nordmetall hat inzwischen die Gewerkschaft aufgefordert, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Das war aber wohl schon vorher vereinbart. Verhandelt wird im Bezirk Küste nämlich wieder am 9. Mai in Bremen. Am selben Tag kommen auch im Tarifbezirk Niedersachsen in Hannover die Verbände zu Verhandlungen zusammen;  in der Metall- und Elektroindustrie Osnabrück-Emsland treffen sich die Tarifvertragsparteien dann einen Tag später.

Es ist übrigens sehr aufwändig, sich einen Überblick über die Arbeitskampfaktionen im Emsland, der Grafschaft Bentheim und der Region zu verschaffen. Dazu sind die -über Jahrzehnte entstandenen- Tarifbezirke zu unterschiedlich. Beteiligt sind jedenfalls die IG-Metall Bezirke Niedersachsen, Küste und NRW und dann finde ich bei meiner Suche noch örtliche IG-Metall Verwaltungsstellen mit veralteten, lieblosen Internetseiten. So zeigt etwa die Webseite der IGM-Verwaltungsstelle Leer-Papenburg als Aufmacher Infos über den IG-Metall Jugendtag im vergangenen Oktober und einen Besuch der IGM-Senioren im VW Werk Emden…

(Fotos: © IG Metall Rheine)

Weiterwulffen

28. März 2012

Die taz titelt: „Weiterwulffen“. „Forderungen der Opposition nach strengeren Regeln beim Polit-Sponsoring lehnen Niedersachsens Regierungsparteien CDU und FDP ab. Auch „Club 2013″ von und mit unionsnahen Unternehmern geht weiter.

Unbelehrbarkeit wirft die Opposition in Niedersachsen der schwarz-gelben Landesregierung vor. Diese nämlich lehnt – ungeachtet aller Debatten um Polit-Sponsoring und zu viel Wirtschaftsnähe nach der Wulff-Affäre – strengere Regeln strikt ab. Auch führt die CDU ihren umstrittenen „Club 2013“ fort. Nach dessen jüngsten Treffen Anfang der Woche fordern die Landtagsgrünen jetzt Auskunft über die genaue Organisationsstruktur.

150 Gäste, meist CDU-nahe Kleinunternehmer und Mittelständler, waren am Montagabend zum Fahrzeugbauer Krone nach Werlte im Emsland gekommen. Darunter fast das ganze Kabinett: Ministerpräsident und CDU-Landeschef David McAllister, Finanzminister Hartmut Möllring, Justizminister Bernd Busemann, Sozialministerin Aygül Özkan, Wissenschaftsministerin Johanna Wanka, auch Staatskanzlei-Chefin Christine Hawighorst (allesamt CDU) war aus Hannover angereist.

„Besonders zahlreich“ seien die CDU-MinisterInnen dieses Mal vertreten gewesen, erklärt CDU-Generalsekretär Ulf Thiele – „auch, um den Kritikern Flagge zu zeigen“. Was Thiele „einen Segen für die CDU“ nennt, gehört für die rot-grüne Opposition längst aufgelöst: Regelmäßig treffen beim Club 2013 Unternehmer und CDU-Politiker zum „offenen Dialog“ aufeinander, wie Thiele sagt. Die SPD sieht eine „Verknüpfung von Parteispenden mit Regierungsinformationen aus erster Hand“. Die Grünen wollen wissen, wer genau die Mitglieder der Landesregierung zu den Treffen einlädt.

Offizielles ist kaum bekannt…“

weiter bei der taz

ps Auf der Internetseits der CDU-Niedersachsen ist der Club 2013 übrigens nicht zu finden (Foto),  Honi soit, qui mal y pense.

Speichern

21. September 2011

Siemens-Vorstandsvorsitzender Peter Löscher (Foto lks)  hat gerade in einem Interview mit dem SPIEGEL den Ausstieg seines Weltkonzerns aus der Atomtechnologie verkündet und erklärt, der Atomausstieg Deutschlands sei ein Jahrhundertprojekt.

Das zentrale Problem dabei: Die Speicherung der regenerativ erzeugten Energien. Weht nämlich der Wind zu stark oder produziert eine Solaranlage zu viel Strom, ist es bislang kaum möglich, diese Stromüberschüsse zu speichern. Deshalb werden Windräder bei zu hoher Stromproduktion entweder abgeschaltet oder die erzeugte überschüssige Energie wird kostenfrei vorübergehend in die Stromnetze benachbarter Staaten wie Tschechien oder Polen eingeleitet.

Das Problem muss schnell gelöst werden: Schon in acht Jahren sollen nicht ganz 40 % und bis 2050 dann 80 Prozent des Strombedarfs erneuerbar erzeugt werden. Wie löst man den Wechsel von langen Phasen der Überproduktion – zum Beispiel im windreichen Herbst – mit Zeiten des Mangels, etwa im Winter? Speicherlösung könnte sein, den erzeugten Windstrom in Gas umzuwandeln. Denn Gas kann problemlos gespeichert werden. „Das Erdgasnetz hat heute eine Kapazität von über 220 Terrawattstunden“, sagt nicht nur Stephan Rieke vom Start-up-Unternehmen Solar Fuel Technology, „damit kann Deutschland über zwei Monate lang versorgt werden.“ Zum Vergleich: Heutige  Pumpspeicherkraftwerke, mit denen regenerative Energie ein bisschen gespeichert wird, reichen nur für Stunden.

Grundlagen für die Gas-Speicher-Lösung  hat  der  französische Chemiker Paul Sabatier (Foto lks) schon 1923 entdeckt. Der Nobelpreisträger von 1912 entdeckte ein Verfahren („Sabatier-Prozess“) zur  Umwandlung von Strom zu Erdgas. In einem Elektrolyseverfahren wird mit Hilfe des Windstroms Wasser in seine Grundbestandteile Wasserstoff und Sauerstoff aufgespalten. Der Wasserstoff wird dann in einem zweiten Schritt mit Kohlendioxid zu Methan (CH4) umgewandelt. Dieses  synthetische Erdgas kann anschließend ins deutsche Erdgasnetz eingespeist und damit gespeichert werden.

Seit zwei Jahren gab es eine ganz kleine Pilotanlage in Stuttgart. Seit März wird der Sabatier-Prozess  unter der  Bezeichnung „Solarfuel“ in einer etwas größeren Testanlage beim Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoffforschung (ZSW) in Mosbach erprobt. 2013 soll die erste größere Anlage quasi vor unseren Stadttoren im emsländischen Werlte  in Betrieb gehen. Sie wird 6,3 Megawatt Strom verbrauchen und ist 250-mal größer als die Testanlage von ZSW.

Ein wirtschaftliches Problem ist allerdings noch der große Energieverlust bei der Umwandlung, die 20 bis 40 Prozent der eingesetzten Energie beansprucht. Bei der Rückwandlung von Methan in Strom geht nochmals mehr als die Hälfte der Energie verloren.  Zwar erscheint das alles besser, als den mühsam erzeugten Ökostrom wegzuwerfen. Für den wirtschaftlichen Erfolg ist aber mehr notwendig. Hieran wird zu forschen sein…

(Quellen: ZEIT, Telepolis, 100% erneuerbare)

Pingel-Anton

24. April 2011

Nix mehr mit Pingel-Anton auf dem Hümmling! Der Zugverkehr auf der 25-km-Strecke zwischen Lathen und Werlte  wird nach Ostern komplett eingestellt, nachdem jahrzehntelang der  Landkreis Emsland, die betroffenen Gemeinden und die kreiseigene Emsländische Eisenbahn („Mit unserem jungen Team stehen wir Ihnen täglich von 7.00 Uhr morgens bis 18.00 Uhr abends zur Verfügung.“) notwendige Investitionen in die Schienenstrecke unterlassen haben.

Der Niedergang der Hümmlinger Strecke Strecke lässt sich bei wikipedia  nachlesen: Wurden um die 1960er Jahre noch 100.000 t Güter befördert, davon 40.000 t Öl aus dem Vorkommen bei Ostenwalde (Streckenfoto unten) , so sank die Leistung danach rapide. 1970 waren es nur noch etwas 50.000 t. Im Personenverkehr wurden jährlich ca. 70.000 Personen befördert, er verkehrten täglich fünf Zugpaare. Am 30. Mai 1970 wurde der Personenverkehr auf der Schiene eingestellt.

Jetzt  sind nach 54 Jahren Nutzung die  Schienen so abgenutzt und sanierungsbedürftig, dass -so der Landkreis- keine Sicherheit mehr gegeben sei. Also kommt das Aus auch für den Pingel-Anton, nachdem schon im Herbst letzten Jahres der Güterverkehr auf der Bahnstrecke aus demselben Grunde eingestellt worden war. Laut Landkreis kostet eine  Sanierung im ersten Schritt 1,2 Mio Euro, um die gröbsten Schäden zu beseitigen und dann weitere 3,3 Mio Euro für die restliche Komplett-Instandsetzung. Das ist ihm zu viel.

Die Konsequenz: Mit der Schließung geht dem Hümmling nach 103 Jahren Betrieb dauerhaft ein Stück Verkehrsinfrastruktur verloren und der Tourismus in dem Bereich verliert ein wichtiges Angebot: die Fahrten im „Pingel – Anton“ waren eine Attraktion. Die Holzwirtschaft, die seit den 1990er Jahren zu einem kleinen Aufschwung des Güterverkehrs  geführt hatte, hat sich längst Verladestellen außerhalb des Landkreises als Ersatz gesucht und Dünger für die Landwirtschaft kommt jetzt mit dem LKW.

Zwar will man -so die offiziellen Worten- „die Strecke jetzt noch nicht komplett abschreiben, sondern sich die Möglichkeit offenhalten, bei neuen (Finanzierungs-)Wegen die Strecke wieder zu aktivieren. Wer’s glaubt, wird seelig. Es wird einer dieser Gras bewachsenen Schienenstränge werden, an die bald niemand mehr denken wird. Wie auch an diese traditionsreiche Einrichtung.

Da passt es doch irrsinnig gut, dass gerade der Bund noch einmal 2,5 Mio € Steuergelder in das längst gescheiterte, benachbarte Transrapidprojekt fließen lässt.  Die Millionen sind Gitta Connemann (CDU-MdB) zufolge „nur die erste Tranche“.  Derzeit erarbeite die Transrapid-Gesellschaft IABG ein Konzept für den Rückbau der Anlage. Sobald dieses vorliege, werde über die Freigabe weiterer Mittel für die zweite Jahreshälfte entschieden.  Connemann erzählt den Steuerzahlern treuherzig und tapfer das Märchen,  „auch die Vermarktungsoffensive“ des Ministeriums zeige „Wirkung“. Schon kurzfristig könne der Transrapid „auf Teneriffa“ fahren. „Noch nie“ sei die Chance einer Realisierung so groß gewesen wie dort. Für eine Strecke bei  „Sao Paulo in Brasilien“ sei „die systemoffene Ausschreibung“ um rund drei Monate bis Ende Juni verlängert worden. Die Wirtschaft hält dies alles für Unfug und ist längst aus dem Projekt ausgestiegen.

Die Konsequenz derartiger Connemannscher Unfähigkeit, Nein zu sagen: Für das bestehende deutsche  Schienennetz ist kein Geld da (guckst Du auch hier). An diesem Wochenende veranstaltet daher in Sögel der  Verein Museumseisenbahn Hümmlinger Kreisbahn mit seinem erst vor zwei Jahren in Betrieb genommenen Uerdinger Schienenbus (Foto oben) ab und  von Sögel noch einmal etliche Abschiedsfahrten. Danach ist auf  dem Hümmling Schluss mit Pingel-Anton im Besonderen und Zügen im Allgemeinen …

(Fotos: Reisetagebuch Emsland)

Große Freiheit

11. Januar 2011

Niedersachsen steht vor der Einführung  des kommerziellen Lokalfernsehens. Dabei sind  etliche regionale  Zeitungsverleger mit am Start. An mehreren der Sender, die sich um einen Platz im Kabelnetz bewerben, seien maßgebliche niedersächsische Zeitungsverlage beteiligt, so die Niedersächsische Landesmedienanstalt (NLM) am vergangenen Freitag in Hannover. Damit bestätigte die NLM entsprechende Erwartungen, nachdem die schwarz-gelbe Landesregierung ihr neues Mediengesetz gerade auf die Beteiligung der  Regionalpresse ausgerichtet hatte.  Auf die regionalen Pressehäuser in Niedersachsen kann sich schwarz-gelb traditionell  verlassen. Politisch versucht man schon seit einiger Zeit auch die Rundfunkmedien unter die eigene Fuchtel zu bekommen. Schon 2005 kassierte der Niedersächsische Staatsgerichtshof deshalb eine verfassungswidrige Regelung im Mediengesetz, mit dem die schwarz-gelben Koalitionäre die SPD aus ihren traditionellen, bis in das 19. Jahrhundert zurückreichenden Medienbeteiligungen hatte herausdrängen wollen (mehr…)

Nach der jetzt beschlossenen Neufassung des Niedersächsischen Mediengesetzes hatte die NLM schon vor Inkrafttreten des Gesetzes Kabelkanäle im analogen Kabelnetz für lokales oder regionales Fernsehen ausgeschrieben.  Für insgesamt 17 der 21 ausgeschriebenen Netzregionen liegen jetzt „Zuweisungsanträge“ vor, und die Versammlung der NLM will in ihrer nächsten Sitzung am 10. Februar 2011 voraussichtlich erste Entscheidungen treffen. Bei konkurrierenden Anträgen will die NLM, schreibt sie, auf eine Einigung der Bewerber hinwirken.

Niedersachsen hat mit seinem neuen Mediengesetz  zwei wesentliche Änderungen erlaubt: Zunächst ist jenseits des existierenden Internet-Fernsehens  (Logo von Ems-TV oben rechts) erstmals überhaupt kommerzielles Lokalfernsehen erlaubt, und zweitens dürfen jetzt auch Unternehmen im Staatsbesitz (wie der Oldenburger Energiedienstleister EWE) Sender besitzen. Ein Schelm der Böses dabei denkt, dass dieses schwarz-gelbe Gesetz in ganz wundersamer Weise den Interessen der großen niedersächsischen Medienhäuser  und des größten niedersächsischen Energiekonzerns entgegen kommt.  Regionale Tageszeitungen können sich mit bis zu 49,9 Prozent an den Sendern beteiligen, wenn „die Vielfalt gesichert und eine Meinungsmacht ausgeschlossen“  ist.

Die Folge:

  • Der Hannöversche Madsack-Verlag bewirbt sich mit Hannover TV für das Gebiet Hameln, Hannover, Hildesheim, Nienburg, Walsrode, Celle (mehr…).
  • Bei regiotv (Cloppenburg, Oldenburg, Osnabrück, Werlte [Kreis Emsland]) ist die „Oldenburgische Volkszeitung“ mit im Boot.
  • Von einem örtlichen TV-Macher aufgezogen wird der Sender fan24.tv (Lüneburg, Nienburg, Rosengarten, Verden, Walle, Walsrode, Celle)
  • An den Sendern ev1.tv (Lingen) und os1.tv (Osnabrück) sind die „Neue Osnabrücker Zeitung“ und die „Grafschafter Nachrichten“ beteiligt.
  • Beteiligt am Friesischen Rundfunk (Hemmoor [Kreis Cuxhaven], Leer, Norden [Kreis Aurich], Oldenburg, Wilhelmshaven, Wittmund) ist die „Nordwest-Zeitung“.

Dabei sprechen die Monopole bei  den gedruckten Tageszeitungen in Niedersachsen (guckst Du ganz aktuell auch hier…) nicht nur kartellrechtlich sondern bereits auf den ersten Blick gegen die gesetzlich geforderte Vielfalt und für unzulässige Meinungsmacht.

Nach mir vorliegenden, allerdings noch ungesicherten  Informationen soll es außerdem bei den TV-Projekten so etwas wie stille Querverbunde zwischen den einzelnen regionalen Zeitungsverlagen geben. So solle etwa -sagt meine Quelle-  die NOZ  an dem NWZ-Projekt „Regionalfernsehen“ ebenso beteiligt sein wie anders herum.  Ich kann das bioslang nicht verifizieren. Aber das wäre noch mehr als sogar von schwarz-gelb zugestanden, nämlich die ganz große  Freiheit unserer konservativ-einseitigen Medienmonopolisten. Ich bin sehr gespannt, wie intensiv die Bundeskartellbehörde hinter die Kulissen schaut…

ps:
Gestern Montagabend hat die CDU  darüber beraten, wie man künftig mit dem Lokalfernsehen umgehen wolle. Werden etwa demnächst doch TV-Übertragungen aus Lingener Ratssitzungen zugelassen? Liegt das nun daran, dass die Jungen Liberalen genau das aktuell per Pressemitteilung gefordert haben oder daran, dass  die Neue OZ  künftig maßgeblichen Einfluss auf die Fernseh-Übertragungen hat. Stimmen Sie ab!