Wegen der Unterbringung von bis zu 1000 Flüchtlingen in den ehemaligen ADO-Hallen hat sich in Aschendorf eine sogenannte Bürgerwehr gebildet. Das meldeten gestern die „Ems-Vechte-Welle“ und die Papenburger „Emszeitung“, der nord-emsländische Ableger der NOZ. Auf einer Facebook-Seite präsentiert sich tatsächlich seit Donnerstagnachmittag -natürlich anonym- die „Bürgerwehr Aschendorf„:

So Leute,
am 19.01.2016 wird Aschendorf/Papenburg nie mehr so sein wie früher. Wenn es Neuigkeiten gibt Postet es bitte hier. Bilder, Kommentare,Links,usw. bitte alles auf diese Seite damit wir gut Informiert sind. Wichtig ist das ihr auf eure Kinder und Frauen aufpasst!! Und bitte teilt diese Seite damit ganz Aschendorf bescheid weiß.

Parolen wie „Vorsicht! Wachsamer NachbarWachsamerNachbar“ (Foto unten via FB) und „Nicht mit uns!“ springen auf der FB-Seite ins Auge, die sich zudem zunächst mit dem Aschendorfer Stadtwappen schmückte. Weil das jedoch nicht gestattet war, wurde es inzwischen nach einem entsprechenden Hinweis aus dem Papenburger Rathaus von der FB-Seite entfernt.

Angeblich sind „ganz normale Bürger unserer Gemeinde und Umgebung“ in der Bürgerwehr. Auf Facebook liest man dazu altbekanntes, interpunktionsmäßig wie orthografisch ausbaufähiges Geseiere. O-Ton:

Wir wollen keine Selbstjustiz aber einen sicheren Ort in dem wir wieder leben können, ohne Angst zu haben, dass unser hart erworbenes Gut gestohlen wird oder unsere Kinder in Gefahr kommen. Sicherheit für uns alle soll an obererster Stelle stehen.

Ihr „Vertrauen in die Sicherheitskräfte“ sei nach eigenen Angaben „erschüttert“. Man rufe nicht zur Selbstjustiz auf, sondern wolle sich nur dafür einsetzen, ohne Angst vor Diebstählen, Einbrüchen oder sexuellen Übergriffen leben zu können. Die Aktivisten:

Wir stellen Transparent und offen klar das wir weder zu einer politischen Richtung noch zu irgendeiner Organisation oder Partei gehören. Die Verantwortlichen bei der Bürgerwehr Aschendorf / Papenburg sind parteilos und gegenüber jeder Person die Hilfe benötigt, neutral!“.

Die Bürgerwehr erntete allerdings sofort in zahlreichen Facebook-Kommentaren heftige Kritik, wobei kritische Kommentare „haufenweise gelöscht“ wurden. Außerdem entstand nur Stunden später auf Facebook die Gruppe „Bürgerwehr gegen die Bürgerwehr Aschendorf“  – leider auch anonym. Sie hat inzwischen knapp 250 Facebook-Likes, die Bürgerwehr etwa das Doppelte.

Bürgerwehren entstanden vor etwa drei Jahren zuerst im Osten Deutschlands, wo auch anders. Die ZEIT berichtete schon kurze Zeit später, wie eine krude „Bürgerwehr“ in Sachsen und Brandenburg Staatsmacht spiele. Seit „#Kölnhbf“ gibt es auch im Westen kein Halten mehr und mittels Facebook kann jede/r Durchgeknallte inzwischen so tun, als seien Recht wie Rechtschreibung bei ihm in besten Händen: „Ich bin kein Rechter, aber…“ In Bürgerwehren sammeln sich vor allem Rechtsextreme und Schlägertypen. Mehrfach gerieten freiwillige Ordnungshüter schon außer Kontrolle., wusste die ZEIT zu berichten: In Neuruppin standen im letzten Jahr mehrere Bewohner des Dorfes Kremmen vor Gericht, die polnische Erntehelfer verprügelt und stundenlang festgehalten hatten, weil sie sie des Einbruchs verdächtigten. Bestraft wurden sie ausgesprochen milde.

In Sachsen läuft seit Jahren ein selbsternanntes Freiwilliges Polizeihilfswerk Streife. Hinter der Gruppe verbergen sich die sog. Reichsbürger, ein Netzwerk von größtenteils  Rechtsextremen, das vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Als sie vor zwei Jahren in Bärwalde bei Dresden einen Gerichtsvollzieher festhielten und in Todesangst versetzten, konnte erst die Polizei helfen. Vor vier Wochen mussten sich die ersten vier von insgesamt 17 Beschuldigten vor dem Amtsgericht Meißen verantworten. Doch nur einer der mutmaßlichen Anhänger der Reichsbürgerbewegung erschien dabei zum Prozessauftakt und er wurde zu 22 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, die anderen werden jetzt per Haftbefehl gesucht [mehr].

Nach den Kölner Silvesterereignissen haben sich in ganz kurzer Zeit in ganz NRW Bürgerwehren nach ostdeutschem Muster gebildet, berichtet der WDR. Seit heute ist dieselbe Bewegung in der emsländischen Provinz angekommen.

Die Reaktionen seitens der nord-emsländischen Größen auf die Aschendorfer Initiative sind erfreulicherweise gleichermaßen klar und eindeutig; sie finden sich hier. Der Leiter der Polizeiinspektion Emsland/Grafschaft Bentheim, Karl-Heinz Brüggemann, sprach von „überzogenem Aktionismus“. „Aktuell“ [er sagte wirklich „aktuell“] könne „die Polizei die objektive Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger in der Gemeinde garantieren“. In denjenigen Städten im Emsland und der Grafschaft Bentheim, in denen sich Notunterkünfte für Flüchtlinge befinden, gab es Brüggemann zufolge bislang auch keine Häufung von Straftaten wie sexuelle Belästigung, Ladendiebstahl, Bedrohung oder Sachbeschädigung. Gut zu wissen, auch dies hier.

Ab kommenden Dienstag -und damit einige Tage später als angekündigt- ziehen bis zu 1000 Flüchtlinge in die neue Notunterkunft in Aschendorf. Die seit vergangenem Oktober als Notunterkünfte genutzten Sporthallen in Lingen(Ems), Meppen und Sögel werden dann geräumt und stehen wieder für den Schul- und Vereinssport zur Verfügung.

Premiere

14. Februar 2015

StolpersteineFreren

Jüdisches Leben im Emsland ist ausgelöscht. Von den emsländischen Juden haben nur wenige die Deportationen und Morde überlebt. Wo einst im Emsland Synagogen und Bethäuser standen, sind heute meist nur Erinnerungstafeln zu sehen. Allein in Lingen ist die Jüdische Schule und in Freren ist das Bethaus erhalten – überall sonst, ob Meppen, Aschendorf oder Sögel, sind selbst die baulichen Zeugnisse jüdischen Lebens Opfer der Pogrome im November 1938 geworden.

Morgen, Sonntag 15. Februar 2015 16 Uhr präsentiert der Kulturkreis impulse e. V. zusammen mit der Geschichtswerkstatt „Samuel Manne in der Alten Molkerei, Bahnhofstraße 79 in Freren die Filmpremiere „Entrechtet, ermordet, vertrieben und nicht vergessen – Vom Ende jüdischen Lebens im Emsland“. Dieser Film spannt den Bogen vom Umgang mit den Nazi-Verbrechen nach 1945, der heutigen Erinnerungskultur im Emsland mit den Spuren jüdischen Lebens bis hin zum latenten Antisemitismus heute.

Die Autoren des Films, Klaus-Peter Kolbe und Prof. Dr. Peter Marchal, stehen am Sonntag in Freren für eine Diskussion zur Verfügung. Der Film (DVD) kann auch für zwölf Euro erworben werden.

Noch ein Programm-Hinweis:
Am kommenden Aschermittwoch, 18.2., 19.30 Uhr findet in der Jüdischen Schule in Lingen (Ems), Konrad-Adenauer-Ring, das nächste Lehrhausgespräch statt mit Manfred Rockel über:
„Nach Auschwitz als Jüdin in Deutschland – eine Rückschau auf das Leben Hella Wertheims“ [mehr…]

Maulbertsch_Apotheose_40e958319bDeutsche Malerei des 18. Jahrhunderts. 
Aus dem Bestand der Berliner Gemäldegalerie

Aschendorf – Gut Altenkamp
vom 18. Mai bis zum 12. Oktober 2014
Di – So von 11:00 Uhr bis 18:00 Uhr
Eintritt: 4,50 Euro 
Die Ausstellung auf Gut Altenkamp aus dem Bestand der Berliner Gemäldegalerie zeigt ein repräsentatives Spektrum der deutschen Malerei des 18. Jahrhunderts. Zu ihren Höhepunkten gehört das letzte authentische Bildnis Wolfgang Amadeus Mozarts (1756- 1791), das  Johann Georg Edlinger (1741 – 1819), um 1790 in München schuf.Die künstlerische Kultur Mitteldeutschlands wird von den Werken des aus Frankreich stammenden preußischen Hofmalers Antoine Pesne und dessen Schülern Christian Bernhardt Rode und Joachim Martin Falbe, aber auch von Malern des sächsischen Hofes, dem Porträtisten Anton Graff und dem vielseitigen Christian Wilhelm Ernst Dietrich, repräsentiert.Der hannoversche Hofmaler Johann Georg Ziesenis ist mit vier Porträts, Johann Heinrich Wilhelm Tischbein („Goethe – Tischbein“) mit einem vertreten. Die Ausstellung zeigt Studiengemälde von Franz Anton Maulbertsch, Historienmaler und Freskant, Mitglied der Wiener Kunstakademie, der für den Kaiserhof und den süddeutschen und österreichischen Klerus Schlösser und Gotteshäuser großartig schmückte. Von den Grafikern Daniel Nikolaus Chodowiecki aus Berlin und Johann Elias Ridinger aus Augsburg werden Kostproben ihrer seltenen Gemälde vorgestellt.

Außerdem werden noch Arbeiten u.a. von Balthasar Denner, Anton von Maron, Anna Dorothea Therbusch und Januarius Zick gezeigt sowie schöne Porträtminiaturmalerei, die seinerzeit als persönliches Andenken an eine geschätzte Person genutzt wurde.

Abgerundet wird die Sonderausstellung durch passende kleinformatige Bildwerke aus der Skulpturensammlung im Berliner Bode-Museum, wo sich seit langem die künstlerischen Gattungen ergänzen.

Hinweis: Gut Altenkamp ist übrigens trotz der dazu schweigenden Internetseite vom Bahnhof Aschendorf in wenigen Schritten zu erreichen.

Ob eine offizielle Ausstellungseröffnung stattfindet, war im Internet nicht herauszufinden. Stattdessen titelt die Lokalzeitung „Kunst in Aschendorf hat sich akklimatisiert„. Tja, Provinz eben. Die Ausstellung besuchen sollte man trotzdem.

(Bild: Franz Anton Maulbertsch, Apotheose der Ungarischen Heiligen. 1772/1773 – Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie)

9. November

9. November 2011

Gedenkfeiern

heute am 9. November
im Emsland zur Erinnerung an die Novemberpogrome von 1938 in
Lingen (Ems),
Lengerich,
Freren,
Haren,
Meppen,

Sögel,
Papenburg.

Noch ein Wort zu  Sögel. Dort werden heute erstmals Stolpersteine von dem Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt, zunächst in der „Alte Poststraße“ zum Gedenken an die Familie Bertha Jacobs und im Anschluss daran in der Straße „Am Pohlkamp 10“ zum Gedenken an die Familie Gottfried Grünberg und daran anschließend in derselben Straße bei der Haus-Nr. 6 zum Gedenken an die Familie Isidor Grünberg. Im Anschluss daran, lese ich auf der Webseite der Gemeinde im Gegensatz zur NOZ, ist die Gedenkveranstaltung anlässlich des Jahrestages der Reichsprogromnacht am Denkmal in der Straße „Am Pohlkamp“ vorgesehen. Dazu sei die gesamte Bevölkerung ebenso wie zu der anschließenden Kaffeetafel im Heimathaus eingeladen. Leider findet sich auf der Internetseite der Gemeinde Sögel keine Uhrzeit. Die Lokalzeitung meldet allerdings, dass die Veranstaltung um 15 Uhr beginnt.

Ähnlich gedankenlos präsentieren sich leider auch die Internetseiten der Stadt Freren und Lengerich. Noch peinlicher: Andere emsländische Orte, in denen noch Spuren jüdischen Lebens zu finden sind, ignorieren diese und verzichten gleich ganz auf  Gedenkveranstaltungen. Zu nennen sind Aschendorf, Haselünne, Herzlake und Lathen.

(Foto: Jüdischer Friedhof in Lingen (Ems) © Forum Juden – Christen, Altkreis Lingen eV)