allerdings pünktlich

10. November 2020

Gestern Abend wurde an der Jüdischen Schule in Lingen (Ems) der Pogromnacht vor 82 Jahren gedacht – wegen der Corona-Verordnung nur vor geladenen Gästen. Neben der traditionellen Ansprache des Oberbürgermeisters sprach von Seiten des Forum Juden Christen zum ersten Mal deren stellv. Vorsitzender Dr. Walter Höltermann, dessen Rede hier im Wortlaut nachzulesen ist. Umrahmt wurde die Gedenkveranstaltung durch die einfühlsam gespielte Klarinette des Lulzim Bucaliu.

Höltermann hat auf die Blumen hingewiesen, die Lingener/innen am Montag auf zahlreiche Stolpersteine in der Stadt zum Gedenken an die jüdische Opfer der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 gelegt hatten. Zum Beispiel hier in der Schlachterstraße 12, wo sechs Stolpersteine an Rosa Wolf, Siegfried Hanauer, Siegmund Hanauer und Bernard Hanauer sowie Max Hanauer und Familie erinnern. Schon nach sehr kurzer Zeit waren die kleinen Erinnerungsrosen durch ein Lieferauto plattgefahren. Die Pizza soll allerdings pünktlich gewesen sein.

Update vom 11.1.20:
Ich habe Walter Hoeltermanns Rede nachgetragen und den Text daher angepasst

Dr. Felix Klein, der „Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus“, besuchte jetzt das Forum Juden-Christen.  Dabei stellte er seine Tätigkeit vor und informierte sich über die Arbeit des Forums.

Der stellvertretende Vorsitzende des Forums, Dr. Walter Höltermann, begrüßte den Gast mit einem Überblick über die Geschichte des Gedenkortes Jüdische Schule. Als die nahegelegene Synagoge von den Nazis niedergebrannt wurde, blieb das Schulgebäude aus „Brandschutzgründen“ in der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 verschont. Bevor die Stadt Lingen das Gebäude kaufte, diente es als Pferdestall und Lagerraum. „Heute ist die Jüdische Schule neben dem Jüdischen Friedhof ein wichtiger Ort des Gedenkens an die Ermordung und Vertreibung der jüdischen Mitbürger Lingens“, so Höltermann.

Dr. Felix Klein unter Corona-Bedingungen in der Jüdischen Schule. Dr. Walter Hölltermann und Simon Göhler vom Vorstand freuen sich über das Lob für das Forum.

Forum-Vorstandsmitglied Simon Göhler, der den Besuch organisiert hatte, berichtete, wie er persönlich zum Forum gekommen sei. Als Schüler am Franziskus-Gymnasium hatte er im Rahmen einer Facharbeit ein von Anne Scherger verfasstes Buch über den jüdischen Friedhof illustriert. Seither engagiere er sich für die Erinnerungsarbeit. Göhler berichtete zudem von den „Stolpersteinen“, die im Stadtgebiet an die Opfer des Naziterrors erinnern.

Angela Prenger von der Arbeitsgemeinschaft Erinnerungskultur des Forums berichtete über die Schicksal der Lingener Ehrenbürger Ruth Foster und Bernard Grünberg. Ruth Foster, als Ruth Heilbronn in Lingen geboren, wurde nach Riga und von dort in das KZ Stutthoff verschleppt. Ihre Eltern wurden ermordet, sie überlebte. Foster forderte 1984 ein Mahnmal für die Lingener Opfer der Verfolgung. Durch ihr Engagement kam auch der Kontakt mit Bernard Grünberg zustande. Grünberg konnte 1938 mit einem „Kindertransport“ nach England entkommen. Seine Eltern und seine Schwester wurden ermordet.

Ebenfalls für die AG Erinnerungskultur stellte Agnes Kläsener, Referentin im Ludwig-Windhorst-Haus, Projekte zur Jugendbildung vor. Mit Fahrten nach Auschwitz und Stutthoff sollen junge Menschen auf die Folgen von Rassismus und Hetze aufmerksam werden.

Felix Klein hob die Bedeutung von Erinnerungskultur hervor. Bürgerliches Engagement wie das des Forum Juden Christen sei unverzichtbar, um dem Vergessen des Naziterrors entgegenzuwirken. Klein freute sich darüber, dass eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen ihm und den Antisemitismusbeauftragten der Bundesländer bestehe. Auch die Zusammenarbeit mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland sei im Kampf gegen den Hass auf jüdische Menschen sehr wichtig. Klein erwähnte, dass der Zentralrat der Juden nicht mit AfD- Politikern spreche. In den Staat Israel würden sie nicht offiziell eingeladen.

Albert Stegemann (CDU-MdB) bezeichnete das Forum Juden-Christen als „Leuchtturm“ der Erinnerungsarbeit. Er hob die Bedeutung der Schule für die Immunisierung von Kindern und Jugendlichen gegen „falsche Propheten“ hervor. Er selbst sei durch das Tagebuch der Anne Frank im Schulunterricht über die Naziverbrechen aufgeklärt worden.

Felix Klein, Albert Stegemann und OB Dieter Krone waren sich einig, dass der Rückgang der Zeitungslektüre in jüngeren Jahrgängen die Gefahr berge, dass Falschnachrichten verbreitet würden. Krone erwähnte insbesondere junge Menschen, die ungeprüfte Nachrichten ohne Quellenangabe konsumierten. Die Arbeit von Zeitungsredakteuren sei gerade im Bereich der politischen Bildung und der Diskussionsfähigkeit gesellschaftlicher Gruppe unverzichtbar. Ein Vertreter der lokalen Lingener Tagespost war allerdings bei dem Gespräch in der Jüdischen Schule nicht anwesend.

Dr. Felix Klein, der sich bei seinem Besuch in das Gästebuch des Forum Juden Christen eintrug, führte übrigens am Freitag auch ein Pressegespräch mit Redakteuren der Lokalzeitung, auf die er dem Vernehmen nach nicht gut zu sprechen war. Klein hatte sehr wohl registriert, dass in der Diskussion um das Rosemeyer-Museum die „LT“ einen zitierten Satz aus seinem kritischen Brief zu dem Vorhaben aus dem Zusammenhang gelöst hatte. Dadurch war der falsche Eindruck entstanden, der Antisemitismusbeauftragte habe keine Einwände gegen das Museum.

(Fotos: © Forum Juden Christen; Quelle: PM Forum Juden Christen)

Auf einem Stadtrundgang der unabhängigen Wählergemeinschaft „Die BürgerNahen“ sollen am Montagabend (10.Aug.) „Spuren jüdischen Lebens in Lingen“ erkundet werden. Der Ehrenvorsitzende des Forum Juden-Christen, Dr. Heribert Lange, führt die Erkundungstour. Treffpunkt ist um 18 Uhr der Jüdische Friedhof an der Weidestraße. Anschließend geht es über die Schilderung des Lebens der Opfer des NS-Regimes, deren durch die vom Kölner Künstler Gunter Demnig verlegten Stolpersteine gedacht wird zur Jüdischen Schule.

Die BN weist daraufhin, dass Männer auf dem Jüdischen Friedhof bitte eine Kopfbedeckung tragen . aus Respekt und Ehrerbietung den Toten gegenüber; denn nach jüdischem Glauben sollte man sowohl in der Synagoge, im Angesicht Gottes, als auch auf dem Friedhof, im Angesicht des Todes, sein Haupt bedecken.

Wegen der Corona-Einschränkungen ist die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Die BN bittet daher um eine Anmeldung per E-Mail an Andre Schoo (schoo(at)bn-lingen.de). Der etwa 90minütige Rundgang ist kostenlos.

(Quelle: PM Die BürgerNahen)

Benno Vocks ist tot

26. Februar 2020

Lingen muss um Benno Vocks trauern. Der pensionierte Lingener Lehrer starb nach kurzer schwerer Krankheit am vergangenen Freitag in der Universitätsklinik in Münster. Benno Vocks wurde 75 Jahre alt. Er hinterlässt seine Frau Margret, zwei Kinder und zwei Enkelkinder.

Unsere Stadt hat mit ihm einen bemerkenswert engagierten, feinfühligen Mann verloren. Bis zu seiner Pensionierung 2009 war Benno Vocks insgesamt 39 Jahre (!) Konrektor an der Marienschule.  Er war seinen Schülern und Kollegen das, was wir alle uns von einem Lehrer wünschen: Ein Vorbild, ein wirklicher Pädagoge, der seine Schülerinnen und Schüler mit Dingen vertraut machte, die sie nicht kannten. In Erinnerung ist, wie er in den 90er Jahren eine Schulklasse im Selbstverlag ein Buch über Straßennamen in Lingen verfassen, wie er überhaupt mit seinen Schülerinnen und Schüler an der Marienschule gern Projekte über die Lingener Lokalgeschichte erarbeitete, zum Beispiel die Suche nach Erinnerungen zur NS-Zeit in der eigenen Familie.

Schreiben über das, was war, war ihm immer besonders wichtig. Vor einigen Jahren durfte ich ihn zusammen mit Frank Krümmer vom Anno-Verlag Ahlen (Westf) überzeugen, die Idee mit den Straßennamen wiederaufzugreifen: In den Monaten danach entstand aus seiner Feder das Buch „Lingen wegweisend“, in dem Benno Vocks in Kurzbiografien, Fotos und Illustrationen 99 Straßennamen seiner Heimatstadt erklärte –  ein Lieblingsprojekt des Pädagogen. Bei der Präsentation im Herbst 2015 meinte er, das Schreiben dieses Buches sei so gewesen wie „Kreuzberger Nächte – Erst fang’se ganz langsam an, aber dann, aber dann!“ Und er gab den Tipp: „Das Buch ist nicht wie ein Roman zu lesen. Lesen, amüsieren, weglegen – aber nicht zu weit.“

Beim TuS Lingen war der Fußballfan Benno Vocks jahrelang hinter den Kulissen tätig. Er war für die kleine, feine Stadionzeitung  verantwortlich, erstellte 2010 die große Festschrift zur 100-Jahrfeier des traditionsreichen Lingener Fußballvereins, und nebenbei arbeitete er auch als Hallensprecher bei Fußballturnieren.

Zeitlebens aber berührte ihn die Geschichte und das Schicksal der Lingener Juden. Engagiert arbeitete er deshalb im Vorstand des Forum Juden Christen mit, organisierte so manche Reisen zu Stätten des Judentums in den Niederlanden und war bei Gedenkfeiern und der Verlegung von Stolpersteinen aktiv. Noch Ende vergangenen Jahres zeichnete er maßgeblich für die Neuauflage der Broschüre „Stolpersteine. Ein Wegweiser für die verfolgten und ermordeten jüdischen Bürger der Stadt Lingen (Ems) – Ein Stadtrundgang“ mitverantwortlich.

Benno Vocks  begründete auch die Kooperation zwischen dem Forum Juden Christen und dem Heimatverein Lingen (Ems), in dem er sich engagierte. Vor drei Jahren mobilisierte er seinen Freund Georg Henrichs und mich, mit ihm nach Osten zu fahren, um dort einen -wie er sagte- „Ost-West-Krimi zwischen Lingen und Pritzwalk“ nachzuzeichnen, der 1960 für Aufsehen gesorgt hatte. Vereinbart hatte der Heimathistoriker dies mit einem Pädagogenkollegen aus Pritzwalk, den er aus Anlass eines lokalgeschichtlichen Wettbewerbs des Bundespräsidenten vor 20 Jahren in Hamburg getroffen hatte.  Er war ein begeisterter Geschichtsforscher. Googeln Sie ihn einfach, wenn Sie ihn nicht kannten.

Benno Vocks war sportlich wie nicht viele in seinem Alter. Wandern und Radfahren waren seine bevorzugten Freizeitaktivitäten, und immer gab es ein freundliches Wort für die vielen Lingenerinnen und Lingener, die er unterwegs traf.  Jetzt gibt es Benno Vocks immer noch in seinen Zeilen, in Interviews mit dem lokalen Radio und vor allem in unseren Erinnerungen. Er wird unserer Stadt und ihren Menschen sehr fehlen.


Update: Die Trauerfeier für Benno Vocks hat am Freitag, 6. März, stattgefunden. Im Mittelpunkt stand die Trauerrede des kath. Geistlichen Christoph Höckelmann (Thuine), die mich sehr bewegt hat. Hier der Text.

Foto: Benno Vocks © Johannes Franke, Lingener Tagespost

Lehrhausgespräch

8. Februar 2020

5. Lehrhausgespräch des Forum
Juden Christen im Altkreis Lingen
Manfred Rockel
„Geschichte und Schicksal der Kivelinge im Nationalsozialismus“.
Lingen (Ems) – Gedenkort Jüdische Schule, Synagogenplatz
neu: Kunst-Halle IV/ Kaiserstr. 10a
Mittwoch 12. Februar – 19.30 Uhr

Es geht bei diesem Lehrhausgespräch ein weiteres Mal um ein zeitgeschichtliches Thema. Auch die Stadt Lingen (Ems) und ihre Bürger*innnen waren wie jeder andere Flecken im damaligen Deutschen Reich vom totalitären System der Nationalsozialisten, ihrer vergifteten Gesellschaftslehre und Rassenideologie sowie von den sehr wirkungsvollen Repressionen betroffen, mit denen die  Nazis ihre gesellschaftlichen Ziele durchsetzten.

Manfred Rockel, pensionierter und früher in Lingen (Ems) tätiger Gymnasiallehrer, hat sich bereits vor 40 Jahren mit einzelnen Teilen und Abschnitten der Geschichte Lingens im Nationalsozialismus beschäftigt und darüber mit seinen Schülern im Geschichtsunterricht gearbeitet. Eines seiner Themen war damals das Thema dieses Lehrhausgespächs „Geschichte und Schicksal der Kivelinge im Nationalsozialismus“. Manfred Rockel wird über die Ergebnisse seiner Recherchen berichten. Er sagt vorab:

Die Kivelinge sind heute zurecht ein Aushängeschild der Stadt Lingen – die ‚Stadt der Kivelinge‘. In meinem Beitrag der Lehrhausgespräche in der Jüdischen Schule will ich untersuchen, wie es den Kivelingen in der Zeit des Nationalsozialismus ergangen ist: ob sie sich widersetzt haben, gleichgeschaltet wurden, womöglich gar überzeugt waren oder sich bis verleugnung angepaßt haben. Wesentliche Quellen bilden die Kivelingszeitungen der NS-Zeit und die Frage wie der Versuch einer Antwort auf die Frage, wie die Kivelinge nach 1945 mit der NS-Vergangenheit umgegangen sind.

Angesichts des seit Jahrzehnten überfälligen, aber immer noch fehlenden und seit langem vergeblich vom Forum Juden Christen geforderten Erstellen einer umfassenden, wissenschaftlich fundierten Geschichte Lingens in der Zeit des Nationalsozialismus durch unabhängige, externe und mit der Materie vertraute Autoren dürfte es spannend und für die Verantwortlichen unserer Stadt anregend sein, anhand eines dieses Abschnitts der Zeitgeschichte Lingens in jüngerer Zeit Einblick in das Geschehen und die Realität des Lebens unserer Stadt im NS-Staat zu gewinnen.

ps Ich habe Zweifel, ob der Raum der kleinen Jüdischen Schule am nächsten Mittwoch ausreicht…

„Nico de Jong“-Kita

11. November 2019

Am kommenden Samstag eröffnet die Stadt Lingen offiziell die neue Kindertagesstätte die  in der ehemaligen Halle des Tennisvereins Grün-Weiß entstanden ist. Diese Halle hatte die Stadt erworben, um dort Flüchtlinge vorübergehend unterzubringen. Das ist nun nicht mehr notwendig, und es ist dort eine moderne Kita entstanden. Übrigens in Rekordzeit von nicht einmal einem Jahr.

Eingeladen hat die Stadt zur Einweihung der „Kita am Kiesbergwald“- Aber bei der Feier am vergangenen Samstag zum Gedenken an die Reichspogromnacht vor 81 Jahren sagte der Vorsitzende des Forum Juden Christen, Dr. Heribert Lange, dies:

„…Der inzwischen vielzitierte Satz aus dem Talmud: „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung“ ist uns eben dazu aufgegeben. Wir könnten ihn wie eine Botschaft verstehen, die den Weg, unseren Weg bereitet, auf dem wir vorankommen wollen, um Versöhnung und Frieden zu finden – wiederzufinden. Aktuell und heute vielleicht so, dass wir der wohl in der nächsten Woche einzuweihenden neuen Kita „Am Kiesbergwald“ den Namen von Nico de Jong geben, dem kleinen Neffen unseres Ehrenbürgers Bernard Grünberg.  Der kaum 2-jährige Nico de Jong wurde zusammen mit seiner Mutter Elise und ihrem Mann Bob de Jong im Juni 1943 in den Gaskammern des KZs und Vernichtungslagers Sobibor ermordet.“

Dies sollten wir in der Tat tun. Unverzüglich.

 

Gestern Abend wurde mit einem Konzert des Fink-Körner-Duo mit Posaune und Piano die Woche der Brüderlichkeit auch in Lingen (Ems) eröffnet. Manfred Rockel rezitierte bei der gemeinsamen Veranstaltung des Kunstvereins und des Forum Juden Christen in der Lingener Kunsthalle den nachfolgenden Text. zum Thema: „Der / Die/ Das Fremde„, den ich hier gern im Wortlaut wiedergebe.

„Es sagte die Mutter zu ihrem kleinen Sohn: „Steig’ bei keinem fremden Mann ins Auto!“ In den 1950er-Jahren fuhren wenige Autos. Deshalb sagte sie auch meistens: „Geh mit keinem fremden Mann mit!“ Später, als der kleine Junge größer geworden war, sagte sie zu ihm: „Du kannst keinem fremden Menschen trauen.“

Die Mutter hatte schlimme Erfahrungen gemacht, im Krieg, auf der Flucht. Sie hatte das Vertrauen in andere Menschen verloren. Der Junge wusste oder besser: ahnte davon und wollte seiner Mutter bewusst oder unbewusst nicht zusätzlichen Kummer bereiten. So war er brav, gefällig, ordentlich, so wie sich das seine Mutter wohl wünschte.

Die Fremde lernte er mit seinen Eltern, die keine Fremdsprache gelernt hatten, nicht kennen. Einmal über die Grenze, in die Schweiz, zum Rheinfall nach Schaffhausen, am Abend wieder zurück. Ganz schön teuer im Ausland. Und doch ein Urlaub in Holland, wo man mit Deutsch gut zurecht kam. Hier waren bisher unbekannte Pommes Frites das große Erlebnis.

Das Junge wuchs heran, und er machte andere Erfahrungen mit fremden Menschen, gute Erfahrungen, aufregend schöne Erfahrungen. Zum Beispiel bei einer Begegnung mit jungen Franzosen, organisiert vom gerade gegründeten deutsch-französischen Jugendwerk. Zum Beispiel bei einer vom Stadtjugendring Hannover 1968 durchgeführten Austauschfahrt nach Prag. Und auch bei einer Fahrt mit einem Freund nach England, wo sie per Anhalter reisten. „Steig bei keinem fremden Mann ins Auto.“ Das musste er nun endlich doch seiner Mutter sagen, dass er den Satz, Fremde zu meiden und ihnen nicht zu trauen, nicht als Lebensmotto akzeptieren könne.

Natürlich wäre dem Kind auch eine Duo-Besetzung Piano und Posaune völlig fremd gewesen. Denn in der Musik gab es für den Jungen zwar keine Vorgaben, Musik spielte gar keine Rolle in der Familie. Da lief am Morgen die laue Unterhaltungsmusik im Radio, wichtig waren die ständigen Zeitansagen, damit man den Aufbruch zur Arbeit oder zur Schule nicht verpasste. Kein Wunder, dass er sich zum Geburtstag als erste Schallplatte für die elterliche neue Musiktruhe „Weiße Rosen aus Athen“ von Nana Mouskouri wünschte. Das Süße und Glatte blieb sein Geschmack, bis er an anderen Orten ganz andere Töne vernahm. In der Eisdiele kamen aus der Musikbox ja nicht nur Schlager, sondern auch härtere, rhythmischere, ja wilde Klänge. Ziemlich fremd. Er warf dafür kein Geld hinein.

„Fremdes kann auch durch Gewöhnung vertraut und liebgewonnen werden,“ dachte er, als er nun freiwillig und regelmäßig dichtgedrängt an der Raupe stand, einem Fahrgeschäft auf der Kirmes, wo es ums Fahren ging, aber noch mehr um Mädchen und um die neuesten Hits aus Amerika oder aus England. Bald war er verrückt danach und hatte erfahren, dass der Deutschlandfunk die Hits am Samstag um 23 Uhr sendet und der britische Soldatensender BFBS am Sonntag um 17 Uhr.

Einen Jazzclub gab es in seiner Nähe, der freitags Dixieland und montags Modern Jazz anbot. Bald stellte er für sich fest, dass er viel häufiger an Montagen dort war. War nicht Dixieland und „Icecream, Icecream“ doch irgendwie so süß wie Schlager? Er fand für sich heraus, dass ihn die Musik mehr reizte, die gerade nicht so griffig war, die ihn forderte und die etwas hatte, an dem er sich reiben musste, Modern Jazz.

Als er dann von der Großstadt in die Kleinstadt kam, merkte er bald, dass den meisten Menschen dort diese Art der Musik noch recht fremd war. Sie wollten sich das nicht anhören.

Dabei waren es Größen des Jazz, die um 1990 in der Kleinstadt auftraten und die er hörte, in kleinem Kreis. So schrieb der Rezensent der Lokalzeitung zu Peter Herbolzheimer und dem Bundesjazzorchester:

„Eine starke Truppe, in jeder Hinsicht: Peter Herbolzheimers Bundesjazzorchester, mitreißende Kompositionen, geschliffene Arrangements, engagiertes und gekonntes Spiel der deutschen Jungjazzerelite unter der souveränen Führung Peter Herbolzheimers, …

Wenn er allerdings auch auch die Lingener als eine `starke Jazzgemeinde` begrüßt – auf die Größe käme es nicht an – dann kann damit die peinliche und so wenig inspirierende Situation eines schwach besetzten Theaters kaum aufgelöst werden.“

Und die Posaune als Soloinstrument? Der damalige Weltmeister des Instruments, Albert Mangelsdorff, trat tatsächlich mit seinen „Ohritschinells“, er war Hesse, auch in dieser Kleinstadt auf. Und wieder hieß es in der Lokalzeitung: „Beim Anblick des schwach gefüllten Parplatzes vor dem Theater … war schon klar, daß dieses Konzert mit der kulturellen Fünfprozentklausel des Publikumszuspruchs zu kämpfen haben würde.“

Schön, dass Sie da sind. Und sich auf das Fremde oder das etwas Fremde einlassen.

Denn so kann es auch gehen: Ich suche Heimat und finde die Fremde. Nicht alles Fremde fängt jenseits der Grenzen an.

Ich suche der/die/das Fremde und finde Heimat. Ich habe das Grenzenlose nicht als fremd und bedrohlich, Angst machend, sondern – wie gesagt – als bereichernd erlebt. Und natürlich leben wir in gemischten Formen mit gemischten Gefühlen:

VOLL INTEGRIERT

Seine Familie stammt aus Ostpreußen,
und er ist hier voll integriert.
Seine emsländischen Freunde:
Martin aus Loccum, Marianne aus Hessen,
Georg aus Cloppenburg, Klaus aus Essen,
Natalia, Kirgisien, Eva, Josef, Tschechoslowakei,
Doctores der Nachbarn, Leipziger Allerlei,
Elisabeth aus Polen, Christel Wolfenbüttel,
Petar halb Serbien, Sabine Osnabrück-EL.
Walter ist fast von hier, aus Rheine.

Er fühlt sich gut, gar nicht alleine.
Er ist hier voll integriert
in die Parallelgesellschaft.

Was ihn stört:
Wo bleibt Heribert?
(aus: Manfred Rockel / Gedichte Emsiges Land, Düsseldorf 2017)

Ich möchte anlässlich dieses Konzerts zur Woche der Brüderlichkeit noch kurz zweier jüdischer Musiker gedenken, mit denen ich persönlich Kontakt hatte. Musik kann viele Funktionen haben, sie kann auch erzwungen und missbraucht werden. Damit möchte ich an Esther Bejarano erinnern, die im Mädchenorchester von Auschwitz spielen musste, wenn im Arbeitslager Auschwitz die Gefangenen zur Zwangsarbeit gingen und zurückkehrten. Sie überlebte.  Und die Musik half ihr zu überleben.

Sie engagierte sich danach im Auschwitz-Komitee und als Künstlerin mit ihrem Programm „Spiel mir das Lied vom Frieden“, um damit auch eine Brücke zu schlagen für eine Gesellschaft „ohne Fremdenfeindlichkeit, ohne Rassismus, ohne Antisemitismus“, wie sie 1991 bei ihrem Auftritt in Lingen sagte. Esther Bejarano ist auch als 94-Jährige noch als Zeitzeuge aktiv.

Zum zweiten möchte ich des Musikers Coco Schumann gedenken, der als ganz junger jüdischer Jazz-Gitarrist im Ghetto Theresienstadt bei den „Ghetto Swingers“ Schlagzeug spielte. Und auch nach seiner Deportation nach Auschwitz wohl überlebte, weil er für die SS Musik machte, dann kein Swing, sondern „La Paloma“ usw. Er wollte nach 1945 nicht in erster Linie als Holocaust-Überlebender gesehen werden, sondern als Musiker. Er machte weiter Musik in verschiedenen Ensembles, u.a. bei dem Geiger Helmut Zacharias und spielte Jazzgitarre auf der Bühne. Er war um 1990 bereit, in Lingen ein Konzert zu geben, in Verbindung mit dem Jazzfest Münster und einem Auftritt in Papenburg, aber aus irgendwelchen Gründen kam es nicht zustande.

Coco Schumann starb im Januar 2018 mit 93 Jahren.


Nachbemerkung. Duo Körner Fink duo brachte mancherlei Fremdes oder fremd Erscheinendes zu Gehör. Auch dies sehr Bekanntes:

 

[Star Trek – The Next Generation (Jerry Goldsmith/Aleander Courage)]


Woche der Brüderlichkeit

 

Forum Juden-Christen, Ludwig-Windthorst-Haus und Stadt Lingen (Ems):
Shalom – Kirche trifft Synagoge
Gedächtniskonzert zum Holocaust-Gedenktag
mit Semjon Kalinowsky (Bratsche) und Konrad Kata (Orgel)
Lingen (Ems) – Bonifatius-Kirche, Burgstraße 21
SONNTAG, 27. Januar ’19 – 19.30 Uhr
kein Eintritt

Als Zeichen der Trauer hatte man seit der Zerstörung des 2. Tempels (70 nach Chr.) auf Musik in den Synagogen verzichtet. Im 19. Jahrhundert führten Reformsynagogen in Deutschland die Orgelmusik in ihren Gottesdiensten ein.

Semjon Kalinowsky (Bratsche/Viola) und Konrad Kata (Orgel) lassen in Vergessenheit geratene Werke durch die Vereinigung christlicher Orgelmusik und jüdischer Liturgie zu einem außergewöhnlichen Klangerlebnis werden. Zwischen den einzelnen Musikbeiträgen werden Texte zum Gedenktag vorgetragen.

Semjon Kalinowsky (Bratsche), Lübeck
Als leidenschaftlicher Vertreter seines Instruments versucht Semjon Kalinowsky durch seine rege Konzerttätigkeit als Solist und Kammermusiker in Europa, Russland und in Israel die Viola von der Patina der abschätzigen Vorurteile zu befreien.
Als Mitglied des Trio Arpeggione rief er vergessene Stücke in Erinnerung und ließ Bekanntes ungewöhnlich erklingen. Andere kammermusikalische Schwerpunkte bilden heute die durch viele Repertoire-Neuentdeckungen angeregte Duotätigkeit mit seiner Frau, der Pianistin Bella Kalinowska, sowie Kammermusik für Viola und Orgel. Dabei gilt sein besonderes Interesse dem Aufspüren alter Notenmanuskripte in den europäischen Musikbibliotheken. Zu den Höhepunkten der letzten Konzertsaisons gehören zahlreiche Auftritte mit renommierten Organisten bei Festivals in ganz Europa und Israel.

Konrad Kata (Orgel), Warschau/ Lübeck
Konrad Kata studierte von 1987 bis 1992 Orgel bei Joachim Grubich an der Frédéric-Chopin-Musikakademie in Warschau und von 1992 bis 1998 bei Martin Haselböck an der Musikhoschschule Lübeck. Seine Ausbildung vertiefte er bei über 20 Meisterkursen, die er bei führenden europäischen Pädagogen absolviert hat.
In den Jahren 1994 und 1995 erhielt er Prämien beim Lübecker Possehl-Musikpreis-Wettbewerb und 1996 bekam er den 3. Preis beim Johann-Heinrich-Schmelzer-Wettbewerb in Melk, Österreich. In den Jahren 1999-2009 erweiterte er seine Horizonte durch das Studium der Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Als Kammermusiker ist er Mitglied im Trio St. Cäcilia und ein gefragter Continuo-Spieler (Orgel und Cembalo) in verschiedenen Ensembles und Orchestern in Norddeutschland. Seit mehreren Jahren verbindet ihn eine enge Zusammenarbeit mit dem Bratschisten, Semjon Kalinowsky. Seit 1995 ist Konrad Kata Organist an der St. Vicelin Kirche und seit 2011 an der Hl. Geist Kirche in Lübeck.

 

(Foto: Bonifatius Kirche, © milanpaul via fickr)

Armin Langer
„Wer gehört zu Deutschland?“

Lingen (Ems) – Kunst-/Halle IV, Kaiserstr. 10a
Mittwoch 17. Oktober 2018 – 19.30 Uhr
Eintritt frei

Ein Lehrhausgespräch des Forum Juden-Christen in Kooperation mit dem Kunstverein Lingen.

Der Philosoph und jüdische Theologe Armin Langer greift in seinem Vortrag die aktuelle gesellschaftliche und politische Debatte in Deutschland auf. Armin Langer lebt in Berlin. Er hat Philosophie und Theologie in Budapest, Jerusalem und Potsdam studiert und ist Autor des Buchs „Ein Jude in Neukölln – mein Weg zum Miteinander der Religionen“ sowie Herausgeber und Co-Autor des soeben erschienenen Sammelbands „Fremdgemacht & Reorientiert – jüdisch-muslimische Verflechtungen“. Er ist gleichermaßen Kenner und Aktivist im jüdisch-muslimischen interreligiösen und interkulturellen Dialog und darüber hinaus. In Neukölln war er Mitbegründer der Salaam-Schalom-Initiative – ein Bündnis von Juden und Muslimen.

Man darf ausgesprochen neugierig auf diesen Abend in der Kunsthalle sein.

Zum Holocaust-Gedenktag
Ufermann und Hayat Chaoui
„Salam“
Lingen (Ems) – Bonifatius-Kirche, Burgstraße 21a
Sa 27. Jan 2018 – 19 Uhr*
Der Eintritt ist frei. Um eine Spende am Ausgang wird gebeten.
Weltweit wird am 27. Januar anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau der Opfer des Nationalsozialismus gedacht.
Mit dem Konzert „Salam“ der Wuppertaler Jazzformation Ufermann und der marokkanischen Sängerin Hayat Chaoui laden das Lingener Forum Juden-Christen, der Meppener Initiativkreis „Stolpersteine“, das Ludwig-Windthorst-Haus in Lingen-Holthausen  in Kooperation mit den Kirchen und den Städten Lingen und Meppen zur Erinnerung ein und regen zur Wachsamkeit an. „Salam“ ist eine poetisch-musikalische Friedensbotschaft.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte am letzten Tag seiner Amtszeit als Außenminister:
Wir können, was geschehen ist, nicht ändern oder rückgängig machen. Es ist aber unser Auftrag und unsere Verpflichtung, die Erinnerung an den Zivilisationsbruch der Shoah, das Gedenken an die Opfer aufrecht zu erhalten und die Verantwortung, die uns heute daraus erwächst.“ In einer Welt, „die uns unsicher, ruhelos und ungeordnet vorkommen mag“, sei die Geschichte Lehre, Mahnung und Ansporn zugleich. „Das Erinnern hat kein Ende und darf es auch nicht haben.“

Die Gedenkveranstaltung mit dem Konzert „Salam“ setzt dieses Erinnern fort. Es wird mit heutigen und traditionellen, weltlichen und geistlichen Texten und Melodien aus Orient und Okzident eine Brücke zwischen Kulturen, Religionen und musikalischen Stilen geschlagen.

Wie diese Begegnungen sein können, zeigt dieses Konzert mit eigenen wunderschönen Chansons und jazzigen und poetischen Assoziationen. Die Wuppertaler Formation Ufermann um den Musiker, Kulturarbeiter und Theologen Erhard Ufermann spielt seit zwanzig Jahren poetische Konzerte im interkulturellen Kontext.

In Lingen wird das Konzert durch Gedichte und Texte aus der Anthologie des Forum Juden-Christen im Altkreis Lingen ergänzt.
Am Vorabend des Konzertes in Lingen (Ems) findet am Freitag, 26.01.2018 um 20.00 Uhr ein weiteres Konzert Ufelmann und Hayat Chaoui in der Meppener Propsteikirche St. Vitus statt.

* In einer früheren Version dieses Postings war eine andere Anfangszeit angegeben. Ich bitte, das Versehen zu entschuldigen.