„Nico de Jong“-Kita

11. November 2019

Am kommenden Samstag eröffnet die Stadt Lingen offiziell die neue Kindertagesstätte die  in der ehemaligen Halle des Tennisvereins Grün-Weiß entstanden ist. Diese Halle hatte die Stadt erworben, um dort Flüchtlinge vorübergehend unterzubringen. Das ist nun nicht mehr notwendig, und es ist dort eine moderne Kita entstanden. Übrigens in Rekordzeit von nicht einmal einem Jahr.

Eingeladen hat die Stadt zur Einweihung der „Kita am Kiesbergwald“- Aber bei der Feier am vergangenen Samstag zum Gedenken an die Reichspogromnacht vor 81 Jahren sagte der Vorsitzende des Forum Juden Christen, Dr. Heribert Lange, dies:

„…Der inzwischen vielzitierte Satz aus dem Talmud: „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung“ ist uns eben dazu aufgegeben. Wir könnten ihn wie eine Botschaft verstehen, die den Weg, unseren Weg bereitet, auf dem wir vorankommen wollen, um Versöhnung und Frieden zu finden – wiederzufinden. Aktuell und heute vielleicht so, dass wir der wohl in der nächsten Woche einzuweihenden neuen Kita „Am Kiesbergwald“ den Namen von Nico de Jong geben, dem kleinen Neffen unseres Ehrenbürgers Bernard Grünberg.  Der kaum 2-jährige Nico de Jong wurde zusammen mit seiner Mutter Elise und ihrem Mann Bob de Jong im Juni 1943 in den Gaskammern des KZs und Vernichtungslagers Sobibor ermordet.“

Dies sollten wir in der Tat tun. Unverzüglich.

 

Gestern Abend wurde mit einem Konzert des Fink-Körner-Duo mit Posaune und Piano die Woche der Brüderlichkeit auch in Lingen (Ems) eröffnet. Manfred Rockel rezitierte bei der gemeinsamen Veranstaltung des Kunstvereins und des Forum Juden Christen in der Lingener Kunsthalle den nachfolgenden Text. zum Thema: „Der / Die/ Das Fremde„, den ich hier gern im Wortlaut wiedergebe.

„Es sagte die Mutter zu ihrem kleinen Sohn: „Steig’ bei keinem fremden Mann ins Auto!“ In den 1950er-Jahren fuhren wenige Autos. Deshalb sagte sie auch meistens: „Geh mit keinem fremden Mann mit!“ Später, als der kleine Junge größer geworden war, sagte sie zu ihm: „Du kannst keinem fremden Menschen trauen.“

Die Mutter hatte schlimme Erfahrungen gemacht, im Krieg, auf der Flucht. Sie hatte das Vertrauen in andere Menschen verloren. Der Junge wusste oder besser: ahnte davon und wollte seiner Mutter bewusst oder unbewusst nicht zusätzlichen Kummer bereiten. So war er brav, gefällig, ordentlich, so wie sich das seine Mutter wohl wünschte.

Die Fremde lernte er mit seinen Eltern, die keine Fremdsprache gelernt hatten, nicht kennen. Einmal über die Grenze, in die Schweiz, zum Rheinfall nach Schaffhausen, am Abend wieder zurück. Ganz schön teuer im Ausland. Und doch ein Urlaub in Holland, wo man mit Deutsch gut zurecht kam. Hier waren bisher unbekannte Pommes Frites das große Erlebnis.

Das Junge wuchs heran, und er machte andere Erfahrungen mit fremden Menschen, gute Erfahrungen, aufregend schöne Erfahrungen. Zum Beispiel bei einer Begegnung mit jungen Franzosen, organisiert vom gerade gegründeten deutsch-französischen Jugendwerk. Zum Beispiel bei einer vom Stadtjugendring Hannover 1968 durchgeführten Austauschfahrt nach Prag. Und auch bei einer Fahrt mit einem Freund nach England, wo sie per Anhalter reisten. „Steig bei keinem fremden Mann ins Auto.“ Das musste er nun endlich doch seiner Mutter sagen, dass er den Satz, Fremde zu meiden und ihnen nicht zu trauen, nicht als Lebensmotto akzeptieren könne.

Natürlich wäre dem Kind auch eine Duo-Besetzung Piano und Posaune völlig fremd gewesen. Denn in der Musik gab es für den Jungen zwar keine Vorgaben, Musik spielte gar keine Rolle in der Familie. Da lief am Morgen die laue Unterhaltungsmusik im Radio, wichtig waren die ständigen Zeitansagen, damit man den Aufbruch zur Arbeit oder zur Schule nicht verpasste. Kein Wunder, dass er sich zum Geburtstag als erste Schallplatte für die elterliche neue Musiktruhe „Weiße Rosen aus Athen“ von Nana Mouskouri wünschte. Das Süße und Glatte blieb sein Geschmack, bis er an anderen Orten ganz andere Töne vernahm. In der Eisdiele kamen aus der Musikbox ja nicht nur Schlager, sondern auch härtere, rhythmischere, ja wilde Klänge. Ziemlich fremd. Er warf dafür kein Geld hinein.

„Fremdes kann auch durch Gewöhnung vertraut und liebgewonnen werden,“ dachte er, als er nun freiwillig und regelmäßig dichtgedrängt an der Raupe stand, einem Fahrgeschäft auf der Kirmes, wo es ums Fahren ging, aber noch mehr um Mädchen und um die neuesten Hits aus Amerika oder aus England. Bald war er verrückt danach und hatte erfahren, dass der Deutschlandfunk die Hits am Samstag um 23 Uhr sendet und der britische Soldatensender BFBS am Sonntag um 17 Uhr.

Einen Jazzclub gab es in seiner Nähe, der freitags Dixieland und montags Modern Jazz anbot. Bald stellte er für sich fest, dass er viel häufiger an Montagen dort war. War nicht Dixieland und „Icecream, Icecream“ doch irgendwie so süß wie Schlager? Er fand für sich heraus, dass ihn die Musik mehr reizte, die gerade nicht so griffig war, die ihn forderte und die etwas hatte, an dem er sich reiben musste, Modern Jazz.

Als er dann von der Großstadt in die Kleinstadt kam, merkte er bald, dass den meisten Menschen dort diese Art der Musik noch recht fremd war. Sie wollten sich das nicht anhören.

Dabei waren es Größen des Jazz, die um 1990 in der Kleinstadt auftraten und die er hörte, in kleinem Kreis. So schrieb der Rezensent der Lokalzeitung zu Peter Herbolzheimer und dem Bundesjazzorchester:

„Eine starke Truppe, in jeder Hinsicht: Peter Herbolzheimers Bundesjazzorchester, mitreißende Kompositionen, geschliffene Arrangements, engagiertes und gekonntes Spiel der deutschen Jungjazzerelite unter der souveränen Führung Peter Herbolzheimers, …

Wenn er allerdings auch auch die Lingener als eine `starke Jazzgemeinde` begrüßt – auf die Größe käme es nicht an – dann kann damit die peinliche und so wenig inspirierende Situation eines schwach besetzten Theaters kaum aufgelöst werden.“

Und die Posaune als Soloinstrument? Der damalige Weltmeister des Instruments, Albert Mangelsdorff, trat tatsächlich mit seinen „Ohritschinells“, er war Hesse, auch in dieser Kleinstadt auf. Und wieder hieß es in der Lokalzeitung: „Beim Anblick des schwach gefüllten Parplatzes vor dem Theater … war schon klar, daß dieses Konzert mit der kulturellen Fünfprozentklausel des Publikumszuspruchs zu kämpfen haben würde.“

Schön, dass Sie da sind. Und sich auf das Fremde oder das etwas Fremde einlassen.

Denn so kann es auch gehen: Ich suche Heimat und finde die Fremde. Nicht alles Fremde fängt jenseits der Grenzen an.

Ich suche der/die/das Fremde und finde Heimat. Ich habe das Grenzenlose nicht als fremd und bedrohlich, Angst machend, sondern – wie gesagt – als bereichernd erlebt. Und natürlich leben wir in gemischten Formen mit gemischten Gefühlen:

VOLL INTEGRIERT

Seine Familie stammt aus Ostpreußen,
und er ist hier voll integriert.
Seine emsländischen Freunde:
Martin aus Loccum, Marianne aus Hessen,
Georg aus Cloppenburg, Klaus aus Essen,
Natalia, Kirgisien, Eva, Josef, Tschechoslowakei,
Doctores der Nachbarn, Leipziger Allerlei,
Elisabeth aus Polen, Christel Wolfenbüttel,
Petar halb Serbien, Sabine Osnabrück-EL.
Walter ist fast von hier, aus Rheine.

Er fühlt sich gut, gar nicht alleine.
Er ist hier voll integriert
in die Parallelgesellschaft.

Was ihn stört:
Wo bleibt Heribert?
(aus: Manfred Rockel / Gedichte Emsiges Land, Düsseldorf 2017)

Ich möchte anlässlich dieses Konzerts zur Woche der Brüderlichkeit noch kurz zweier jüdischer Musiker gedenken, mit denen ich persönlich Kontakt hatte. Musik kann viele Funktionen haben, sie kann auch erzwungen und missbraucht werden. Damit möchte ich an Esther Bejarano erinnern, die im Mädchenorchester von Auschwitz spielen musste, wenn im Arbeitslager Auschwitz die Gefangenen zur Zwangsarbeit gingen und zurückkehrten. Sie überlebte.  Und die Musik half ihr zu überleben.

Sie engagierte sich danach im Auschwitz-Komitee und als Künstlerin mit ihrem Programm „Spiel mir das Lied vom Frieden“, um damit auch eine Brücke zu schlagen für eine Gesellschaft „ohne Fremdenfeindlichkeit, ohne Rassismus, ohne Antisemitismus“, wie sie 1991 bei ihrem Auftritt in Lingen sagte. Esther Bejarano ist auch als 94-Jährige noch als Zeitzeuge aktiv.

Zum zweiten möchte ich des Musikers Coco Schumann gedenken, der als ganz junger jüdischer Jazz-Gitarrist im Ghetto Theresienstadt bei den „Ghetto Swingers“ Schlagzeug spielte. Und auch nach seiner Deportation nach Auschwitz wohl überlebte, weil er für die SS Musik machte, dann kein Swing, sondern „La Paloma“ usw. Er wollte nach 1945 nicht in erster Linie als Holocaust-Überlebender gesehen werden, sondern als Musiker. Er machte weiter Musik in verschiedenen Ensembles, u.a. bei dem Geiger Helmut Zacharias und spielte Jazzgitarre auf der Bühne. Er war um 1990 bereit, in Lingen ein Konzert zu geben, in Verbindung mit dem Jazzfest Münster und einem Auftritt in Papenburg, aber aus irgendwelchen Gründen kam es nicht zustande.

Coco Schumann starb im Januar 2018 mit 93 Jahren.


Nachbemerkung. Duo Körner Fink duo brachte mancherlei Fremdes oder fremd Erscheinendes zu Gehör. Auch dies sehr Bekanntes:

 

[Star Trek – The Next Generation (Jerry Goldsmith/Aleander Courage)]


Woche der Brüderlichkeit

 

Forum Juden-Christen, Ludwig-Windthorst-Haus und Stadt Lingen (Ems):
Shalom – Kirche trifft Synagoge
Gedächtniskonzert zum Holocaust-Gedenktag
mit Semjon Kalinowsky (Bratsche) und Konrad Kata (Orgel)
Lingen (Ems) – Bonifatius-Kirche, Burgstraße 21
SONNTAG, 27. Januar ’19 – 19.30 Uhr
kein Eintritt

Als Zeichen der Trauer hatte man seit der Zerstörung des 2. Tempels (70 nach Chr.) auf Musik in den Synagogen verzichtet. Im 19. Jahrhundert führten Reformsynagogen in Deutschland die Orgelmusik in ihren Gottesdiensten ein.

Semjon Kalinowsky (Bratsche/Viola) und Konrad Kata (Orgel) lassen in Vergessenheit geratene Werke durch die Vereinigung christlicher Orgelmusik und jüdischer Liturgie zu einem außergewöhnlichen Klangerlebnis werden. Zwischen den einzelnen Musikbeiträgen werden Texte zum Gedenktag vorgetragen.

Semjon Kalinowsky (Bratsche), Lübeck
Als leidenschaftlicher Vertreter seines Instruments versucht Semjon Kalinowsky durch seine rege Konzerttätigkeit als Solist und Kammermusiker in Europa, Russland und in Israel die Viola von der Patina der abschätzigen Vorurteile zu befreien.
Als Mitglied des Trio Arpeggione rief er vergessene Stücke in Erinnerung und ließ Bekanntes ungewöhnlich erklingen. Andere kammermusikalische Schwerpunkte bilden heute die durch viele Repertoire-Neuentdeckungen angeregte Duotätigkeit mit seiner Frau, der Pianistin Bella Kalinowska, sowie Kammermusik für Viola und Orgel. Dabei gilt sein besonderes Interesse dem Aufspüren alter Notenmanuskripte in den europäischen Musikbibliotheken. Zu den Höhepunkten der letzten Konzertsaisons gehören zahlreiche Auftritte mit renommierten Organisten bei Festivals in ganz Europa und Israel.

Konrad Kata (Orgel), Warschau/ Lübeck
Konrad Kata studierte von 1987 bis 1992 Orgel bei Joachim Grubich an der Frédéric-Chopin-Musikakademie in Warschau und von 1992 bis 1998 bei Martin Haselböck an der Musikhoschschule Lübeck. Seine Ausbildung vertiefte er bei über 20 Meisterkursen, die er bei führenden europäischen Pädagogen absolviert hat.
In den Jahren 1994 und 1995 erhielt er Prämien beim Lübecker Possehl-Musikpreis-Wettbewerb und 1996 bekam er den 3. Preis beim Johann-Heinrich-Schmelzer-Wettbewerb in Melk, Österreich. In den Jahren 1999-2009 erweiterte er seine Horizonte durch das Studium der Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Als Kammermusiker ist er Mitglied im Trio St. Cäcilia und ein gefragter Continuo-Spieler (Orgel und Cembalo) in verschiedenen Ensembles und Orchestern in Norddeutschland. Seit mehreren Jahren verbindet ihn eine enge Zusammenarbeit mit dem Bratschisten, Semjon Kalinowsky. Seit 1995 ist Konrad Kata Organist an der St. Vicelin Kirche und seit 2011 an der Hl. Geist Kirche in Lübeck.

 

(Foto: Bonifatius Kirche, © milanpaul via fickr)

Armin Langer
„Wer gehört zu Deutschland?“

Lingen (Ems) – Kunst-/Halle IV, Kaiserstr. 10a
Mittwoch 17. Oktober 2018 – 19.30 Uhr
Eintritt frei

Ein Lehrhausgespräch des Forum Juden-Christen in Kooperation mit dem Kunstverein Lingen.

Der Philosoph und jüdische Theologe Armin Langer greift in seinem Vortrag die aktuelle gesellschaftliche und politische Debatte in Deutschland auf. Armin Langer lebt in Berlin. Er hat Philosophie und Theologie in Budapest, Jerusalem und Potsdam studiert und ist Autor des Buchs „Ein Jude in Neukölln – mein Weg zum Miteinander der Religionen“ sowie Herausgeber und Co-Autor des soeben erschienenen Sammelbands „Fremdgemacht & Reorientiert – jüdisch-muslimische Verflechtungen“. Er ist gleichermaßen Kenner und Aktivist im jüdisch-muslimischen interreligiösen und interkulturellen Dialog und darüber hinaus. In Neukölln war er Mitbegründer der Salaam-Schalom-Initiative – ein Bündnis von Juden und Muslimen.

Man darf ausgesprochen neugierig auf diesen Abend in der Kunsthalle sein.

Zum Holocaust-Gedenktag
Ufermann und Hayat Chaoui
„Salam“
Lingen (Ems) – Bonifatius-Kirche, Burgstraße 21a
Sa 27. Jan 2018 – 19 Uhr*
Der Eintritt ist frei. Um eine Spende am Ausgang wird gebeten.
Weltweit wird am 27. Januar anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau der Opfer des Nationalsozialismus gedacht.
Mit dem Konzert „Salam“ der Wuppertaler Jazzformation Ufermann und der marokkanischen Sängerin Hayat Chaoui laden das Lingener Forum Juden-Christen, der Meppener Initiativkreis „Stolpersteine“, das Ludwig-Windthorst-Haus in Lingen-Holthausen  in Kooperation mit den Kirchen und den Städten Lingen und Meppen zur Erinnerung ein und regen zur Wachsamkeit an. „Salam“ ist eine poetisch-musikalische Friedensbotschaft.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte am letzten Tag seiner Amtszeit als Außenminister:
Wir können, was geschehen ist, nicht ändern oder rückgängig machen. Es ist aber unser Auftrag und unsere Verpflichtung, die Erinnerung an den Zivilisationsbruch der Shoah, das Gedenken an die Opfer aufrecht zu erhalten und die Verantwortung, die uns heute daraus erwächst.“ In einer Welt, „die uns unsicher, ruhelos und ungeordnet vorkommen mag“, sei die Geschichte Lehre, Mahnung und Ansporn zugleich. „Das Erinnern hat kein Ende und darf es auch nicht haben.“

Die Gedenkveranstaltung mit dem Konzert „Salam“ setzt dieses Erinnern fort. Es wird mit heutigen und traditionellen, weltlichen und geistlichen Texten und Melodien aus Orient und Okzident eine Brücke zwischen Kulturen, Religionen und musikalischen Stilen geschlagen.

Wie diese Begegnungen sein können, zeigt dieses Konzert mit eigenen wunderschönen Chansons und jazzigen und poetischen Assoziationen. Die Wuppertaler Formation Ufermann um den Musiker, Kulturarbeiter und Theologen Erhard Ufermann spielt seit zwanzig Jahren poetische Konzerte im interkulturellen Kontext.

In Lingen wird das Konzert durch Gedichte und Texte aus der Anthologie des Forum Juden-Christen im Altkreis Lingen ergänzt.
Am Vorabend des Konzertes in Lingen (Ems) findet am Freitag, 26.01.2018 um 20.00 Uhr ein weiteres Konzert Ufelmann und Hayat Chaoui in der Meppener Propsteikirche St. Vitus statt.

* In einer früheren Version dieses Postings war eine andere Anfangszeit angegeben. Ich bitte, das Versehen zu entschuldigen.

„NS-Täter vor Gericht“

18. Oktober 2017

Reihe Lehrhausgespräche
des Forum Juden Christen

„NS-Täter vor Gericht“
Karl-Heinz Keldungs, Richter am OLG aD

Lingen (Ems) – Jüdische Schule,
Konrad-Adenauer-Ring
Heute (18.10.) – 19.00 Uhr

Karl-Heinz Keldungs hat im vergangenen Jahr das Buch „Große Strafprozesse vor Düsseldorfer Gerichten“ (, 304 Seiten, 29 Euro, ISBN 978-3-944011-55-4) veröffentlicht. Darin finden sich eindrucksvolle Berichte über die NS-Prozesse, die in Düsseldorf gegen die Protagonisten der Massenmorde in den Todesfabriken von Majdanek und Treblinka stattfanden.

In seinem Lingener Vortrag wird Karl-Heinz Keldungs über die Entstehungsgeschichte des Holocaust, die politischen, administrativen und organisatorischen Weichenstellungen und  die juristische Aufarbeitung nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland und im Ausland und die Entwicklung der Rechtsprechung gegen die Täter im Laufe der Jahrzehnte seit 1945 sprechen. Ein Schwerpunkt wird dabei der Majdanek-Prozess sein, der von 1975 bis 1981 vor dem Landgericht Düsseldorf stattfand.

„Und im Fenster der Himmel“
Lesung von Johanna Reiss
Lingen (Ems) – Kreuzkirche, Universitätsplatz 1
Mo 19. Juni 2017 – 19 Uhr
kein Eintritt

Die Holocaust-Überlebende Johanna Reiss berichtet in dieser Lesung von ihrer Kindheit im besetzten Holland. Als kleines Kind überlebte die 1932 als Johanna (Annie) de Leeuw im niederländischen Winterswijk geborene Autorin den Holocaust in einem geheimen Versteck auf einem Dachboden. Über ihre Kindheit im Versteck und die Erlebnisse während des Zweiten Weltkrieges berichtet sie eindrucksvoll in dem Buch „Und im Fenster der Himmel“. Am 19. Juni 2017 kommt die heute 84-jährige Reiss, die seit Mitte der 1950 Jahre in New York lebt, zum zweiten Mal nach Lingen (Ems) und liest um 19 Uhr in der Kreuzkirche aus ihrem Buch.

In der Lesung nimmt die Autorin ihre Zuhörer mit in die Niederlande im Herbst 1941: Als die Deutschen die Niederlande besetzen, geraten die damals neunjährige Annie und ihre Familie in große Gefahr – weil sie Juden sind. Hilfreiche Bauern aus einem Dorf bei Enschede verstecken sie und ihre große Schwester in einer kleinen Kammer auf dem Dachboden. Fast drei Jahre lang leben sie dort in drangvoller Enge, sehnen sich nach frischer Luft und Bewegung und fürchten sich vor dem Entdecktwerden. „Es war eine traumatische Zeit, doch Angst und Bedrängnis haben sie nicht gebrochen. Wer sie erlebt, könnte im ersten Moment glauben, einen Menschen mit glücklicher Vergangenheit vor sich zu haben. Die 84-jährige ist ein Energiebündel, sprühend vor Humor und Lebensfreude,“ so die Lingener Tagespost zur Lesung im vergangenen Jahr.

Die Erinnerungen an diese schwere Zeit wollte Reiss eigentlich nur für ihre beiden Töchter aufschreiben. 1972 erschienen sie dann jedoch in den USA unter dem Titel „The Upstairs Room“. Sechs Jahre später wurde das Buch erstmals auch in deutscher Sprache veröffentlicht und mehrfach ausgezeichnet. 2015 hat der dtv-Verlag das Werk komplett neu übersetzen und gestalten lassen. Veranstaltet wird die Lesung von der Stadtbibliothek und dem Heimatverein Lingen in Zusammenarbeit mit dem Forum Juden Christen. Die Lesung ist auch Bestandteil des diesjährigen Julius-Clubs und insbesondere für Kinder und Jugendliche interessant.

(Quelle)

beschämt

16. Mai 2017

Da gab es gestern Nachmittag eine beeindruckende Veranstaltung des Forum Juden-Christen in der Gedenkstätte Alte Jüdische Schule am Konrad-Adneauer-Ring (Foto lks). Neben Medienvertretern nahmen auch vier von fünf Fraktionen des Lingener Stadtrates teil – allein die CDU ließ mitteilen, die vor vier Tagen geschickte Einladung sei „zu kurzfristig“ gekommen und sagte ebenso die OB Krone ab; der allerdings, weil er „mit Herrn Liesen noch ein Gespräch führen wolle“.

Bekanntlich will der agile Kaufmann und Rennsportfan Heinrich Liesen in Lingens Burgstraße ein privates Museum für den Autorennfahrer Bernd Rosemeyer errichten, weil der aus Lingen komme. Das Problem ist nur, dass Rennfahrer Rosemeyer der verbrecherischen SS angehörte und zwar seit 1932, wie er selbst schrieb. Das Liesen-Projekt zerreißt den gesellschaftlichen Konsens in Lingen, den es seit Ende der 1970er Jahre gab. Damals erkannten nicht nur die Stadtväter, wie unsäglich es war, 1975 bei der 1000-Jahrfeier der verfolgten und ermordeten Juden dieser Stadt mit keinem (!) Wort zu gedenken. Das Vergessen der Opfer des NS-Terrors beschämte damals – so wie heute das geplante Museum als Heldengedenkstätte für einen Täter uns alle und vor allem die NS-Opfer beschämt.

Gestern nun hat das Forum Juden-Christen mit bemerkenswerter Klarheit Stellung bezogen und seine Auffassung deutlich gemacht. Das fast einstimmig im Vorstand des Forum verabschiedete Dokument finden Sie im Wortlaut hier.

Und das Forum Juden:Christen hat sich auch sonst ausgesprochen klar positioniert:

„Niemandem von uns hier und keinem sonst im Forum Juden-Christen liegt, ebenso wie auch sonst keinem vernünftigen Bürger oder Bürgerin Lingens da-ran liegen kann, den Menschen Bernd Rosemeyer zu verurteilen. Denn weder sind wir eine dazu legitimierte rechtliche noch moralische Instanz.

Gleichwohl verurteilen wir die Haltung und das Tun Bernd Rosemeyers, der sich aus Gründen des persönlichen Vorteils und Nutzens dem unmenschlichen Hitlerregime angedient hat und von diesem in nachgerade symbiotischer Weise vereinnahmt wurde, und zwar zu einer Zeit, in der bereits klar war, wohin die Reise mit der Menschenwürde bzw. ihrem Bruch und der Verfolgung und Drangsalierung der als unliebsam etikettierten Deutschen und der blutrünstigen Kriegsvorbereitung ging.

Sein Leben endete dann aber, ohne dass ihm die Gelegenheit geblieben wäre, es zu bedenken, Unziemliches zu widerrufen und sich neu zu orientieren.

Wo könnte darum die Befugnis herkommen, über ihn den Stab zu brechen?

Gleichwohl kann Bernd Rosemeyer, der zu einer Gallionsfigur des NS-Systems avancierte, und damit auf der Täterseite im Apparat von NS und SS stand, kein Vorbild sein – für niemanden von uns, allemal nicht für junge Menschen, und darum eben auch darf er nicht zum Mittelpunkt einer Heldengedenkstätte in der Elektrobäckerei* in Lingens Burgstraße werden.

Zudem wäre die Existenz einer derartigen Einrichtung gleich einer Ohrfeige für die Opfer des Naziterrors, nicht nur die Lingener Opfer, und käme, so hat das soeben der Vorsitzende des Forums Juden-Christen in Nordhorn, Gerhard Naber, ganz fein und nach Abstimmung mit seinem Vorstand geschrieben, einem „Schlag gegen alle so intensiven Bemühungen in Lingen um eine gelingende und nachhaltige Erinnerungskultur gleich.“

Ich habe große Sorge, dass der seit 1977 bestehende gesellschaftliche Konsens zerrissen wird, wie wir in Lingen mit unserer Geschichte umgehen. Scheitern gar Arbeit und Einsatz von Alt-OB Bernhard Neuhaus (CDU) und Oberstadtdirektor Kerl-Heinz Vehring (CDU) für ein würdiges Gedenken an die Opfer des NS-Staates?

Meine Sorge gründet sich konkret auf das Fehlen eines Vertreters der CDU beim gestrigen Presse- und Informationsgespräch des Forums Juden-Christen. Das gab es seit 1979 nicht mehr, als Ratsmehrheit und Verwaltung die Gedenkfeier zum 9. November vergaßen; dass die jetzige Einladung „zu kurzfristig“ war, ist natürlich vorgeschoben. Dies wird schon dadurch klar, dass alle anderen Ratsfraktionen vertreten waren. Weshalb also hätte die 24-Köpfe-starke-CDU eine Teilnahme nicht leisten können?…

[mehr…]


* Das Gebäude Burgstraße 20, in dem jetzt nach den Plänen von Heinrich Liesen das Museum für Bernd Rosemeyer entstehen soll, ist in Lingen (Ems) als Elektro-Bäckerei bekannt. Im linken Hausteil nämlich führte Familie Spiegelberg ihr Elektro-Geschäft, rechts Familie Hollenkamp ihre Bäckerei. Die identische Lichtreklame beider Geschäfte las sich eben als „Elektro Bäckerei“.

Einblicke –
Die unbekannten Zeitzeugen von Krieg und Judenvernichtung
Lingen (Ems) – Ludwig-Windthorst-Haus 
Do., 26.01.17 – ab 18 Uhr
Неизвестные свидетели войны и уничтожения еврейского народа
Четверг, 26 январь 18:00, Людвиг-Ветерxорст-Дом, Линген

Aus Anlass des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus findet an dessen Vorabend parallel zur entsprechenden Ausstellung eine Gedenkveranstaltung im Ludwig-Windthorst-Haus statt. 

Programm
18.00 Uhr
Musik
18.05 Uhr
Begrüßung von Seiten der Stadt Lingen (Ems), Forum Juden-Christen e.V. und LWH, kurze Einführung in den Abend
18.15 Uhr
Einführung in die Ausstellung‘
Dr. Michael Gander (Gedenkstätten Augustaschacht und Gestapokeller) und Inessa Goldmann („Judentum begreifen“)
18.30 Uhr
Zeitzeugengespräch: Dr. Michael Gander spricht mit Mortko Jazowitskij, dessen Lebensgeschichte Eingang in die Ausstellung gefunden hat
Musik

—-

einblickeÜberlebende der nationalsozialistischen Vernichtung der Juden in der früheren Sowjetunion und jüdische Veteranen des sowjetischen Militärs leben seit rund 20 Jahren in und um Osnabrück. Sie erlebten Evakuierungen nach Asien, Ghettos und Massenerschießungen. Andere überlebten die Blockade von Leningrad oder kämpften als sowjetische Soldaten gegen die Armee des nationalsozialistischen Deutschlands. Ihre Erinnerungen an das Leben in der Sowjetunion brachten sie mit. Ihre Erfahrungen von Krieg und Verfolgung stehen im Mittelpunkt der Ausstellung, die seit dem 19. Januar im Ludwig-Windthorst-Haus insgesamt 26 Lebenswege Osnabrücker Zuwanderer vorstellt – übrigens in deutscher und russischer Sprache  Das Kennenlernen der Menschen und ihrer Geschichten sowie die Teilhabe an ihren Erinnerungen und Erlebnissen bringt die heutige, vielfältige Gesellschaft näher zusammen. Dazu möchte die Ausstellung beitragen.

Gemeinsam mit dem Verein „Judentum begreifen“ und zwei Osnabrücker Studentinnen erarbeitete die Gedenkstätte Augustaschacht diese, in der bundesdeutschen Erinnerungskultur besondere Ausstellung. Angehende Gestaltungstechnische Assistenten/-innen sowie Fotografen/-innen des Osnabrücker Berufsschulzentrums am Westerberg entwickelten mit ihren Lehrern die Ausstellungsgestaltung und nahmen bei Besuchen Portraits von den Zeitzeugen/-innen auf.
Für die Ausstellung wurden lebensgeschichtliche Interviews mit den Zeitzeugen in ihrer Muttersprache Russisch geführt. Ebenso wichtig sind die  Erzählungen Angehöriger, denen die Zeitzeugen noch zu Lebzeiten ihre Erinnerungen anvertrauten.
Die Ausstellung ist noch bis zum 26. Februar im LWH-Hauptgebäude zu sehen.

Friedensgebet

31. Januar 2016

Interreligiöses Friedensgebet
Lingen (Ems) – Kulturforum St. Michael, Langschmidtsweg 66a
Di 02.02.16 – 19:30 Uhr

Möglicherweise kann der eine oder die andere auch in diesen Zeiten mit Beten nicht viel anfangen, dann aber sicherlich mit dem gegenseitigen Kennenlernen im Anschluss an das interreligiöse Friedensgebet, das das Forum Juden-Christen Altkreis Lingen initiiert hat.

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