Weinbude

31. August 2016

Eine Weinbude soll weg. In Lathen. Ernsthaft überlege ich gerade, ob wir von den Lingener BürgerNahen am Wochenende einen Solidaritätsausflug nach Lathen im nördlichen Emsland machen sollten. Da nämlich hat sich gerade ein Projekt entwickelt, das wie kein zweites zeigt, wie die politische Mehrheit in der Region tickt: Anmaßend, besserwisserisch und vor allem reichlich „durchgeknallt“, wie ich finde.

Spannend
sind übrigens die Kommentare auf der Internetseite des NDR. Sie machen in ihrer gestelzten Anonymität deutlich, dass CDU-Parteigänger in koordinierter Aktion daran stricken, den rot-grünen Weinverkäufern einfach mal Anarchie ins Stammbuch zu schreiben, wo es doch allenfalls um eine Ordnungswidrigkeit gehen könnte.

Bei der Gelegenheit eine Bitte des Blogbetreibers:

Der Landkreis Emsland hat just in der Region eine „Wie-isses-denn-wieder-und-immer-so-großartig-im-Emsland“-Broschüre  verteilen lassen. Natürlich auf Kosten der Steuerzahler. Das ist unerlaubte, ungesetzliche und rechtswidrige Wahlkampfhilfe für die CDU, und ich möchte daher ein Exemplar dieser Alles-ist-gut-wegen-der-CDU-Broschüre an die Staatsanwaltschaft schicken. Weil dreist und feist nicht immer gewinnen darf. Leider habe ausgerechnet ich kein Exemplar des Emsland Magazin Nr. 2 erhalten.
Wer wirft mir eins in den analogen oder virtuellen Briefkasten?

Erna de Vries

29. Januar 2015

Bildschirmfoto 2015-01-28 um 23.54.02

Nur wenige können noch berichten, was wirklich im Konzentrationslager Auschwitz geschah. In dieser SPIEGEL-Serie erzählen Überlebende von ihrem Leidensweg durch den Holocaust.
Lathen im Emsland, 4. Januar. Erna de Vries, 91, lebt in einem hellen Backsteinhaus, auf einem Schrank stehen Familienfotos von drei Kindern, sechs Enkeln. 1943 hatte die damals 19-jährige Erna Korn Gestapo-Leute überredet, sie nach Auschwitz zu deportieren. Warum wollten Sie ins KZ?

Ich wollte meine Mutter nicht alleinlassen. Das war alles. Mein Vater ist schon 1930 gestorben, ich war das einzige Kind. Meine Mutter meinte, wir stünden unter einem gewissen Schutz durch meinen Vater, weil der ja kein Jude war. Um nahe bei ihr zu sein, hab ich meine…

[SPON-Fortsetzung hier]

[Ein Crosspost von Dirk Fisser, Ohren-auf.tumblr.com]

„Seit Monaten recherchiere ich zu Arbeits- und Lebensbedingungen ausländischer Schlachter in Niedersachsen. Die Kollegen der Oldenburgischen Volkszeitung und der Münsterländischen Tageszeitung hatten mich mit ihren Berichten auf das Thema aufmerksam gemacht. Die geschilderten Zustände in den Landkreisen Vechta und Cloppenburg ließ bei mir die Frage aufkommen: Ist es nur dort so? Nach einigen Monaten, in denen ich mich mit dem Thema beschäftige, fällt die Antwort eindeutig aus: Nein.

Alles fing eigentlich damit an, dass ich den Bürgermeister der Samtgemeinde Sögel am Telefon fragte, ob es bei ihm auch Massenunterkünfte gebe. Immerhin steht in der Kommune ein großer Schlachthof. Er verneinte das, ich druckte die Aussage im Zusammenhang mit Schilderungen der Zustände in Vechta und Cloppenburg ab (hier der Artikel). Ganz offensichtlich sahen das viele Bürger aber anders als ihr Bürgermeister. Ich wurde überflutet mit Hinweisen – während ich aus dem Rathaus mit dem Vorwurf konfrontiert wurde, alles auf den Kopf gestellt zu haben. Der Bürgermeister warf mir in einer E-Mail „manipulierenden, tendenziösen Journalismus“ vor und teilte mit, dass er für weitere Auskünfte nicht zu Verfügung stünde.

Das war zunächst aber auch gar nicht notwendig, da ich nur die Hinweise der Leser abfahren musste. Die Recherchen mündeten in dem Artikel „Das Zuhause der Eimermenschen“ – erschienen kurz vor Weihnachten. Die Kurzfassung: Über 50 Menschen leben auf einer Baustelle und das alles mit behördlicher Genehmigung.

Arbeiterunterkunft

Das Echo auf den Artikel war gespalten. Negative Kritik kam aber vor allem aus Sögel. Man warf mir vor, die Gemeinde in ein schlechtes Licht zu rücken. „Was erwarten die denn hier?“ – so oder so ähnlich vielen einige Rückmeldungen aus. Auch im Rathaus war man einmal mehr not amused. Bis heute heißt es in Sögel, die NOZ hätte den Begriff „Eimermenschen“ geprägt, die Arbeiter dahinter abgestempelt. Natürlich war das Wort nicht meine Erfindung. Tatsächlich werden die ausländischen Arbeiter in Sögel so genannt, weil sie Tag für Tag mit weißen Eimern in der Hand zum Schlachthof laufen – quer durch den Ort.

Wir blieben dran, fragten beispielsweise, wie viel Platz ein Mensch zum Leben braucht und fanden heraus, dass jeder Landkreis diese Frage anders beantwortet (hier der Artikel). Auf Landesebene rückten die Lebensumstände der Menschen ein wenig aus dem Fokus. Hier ging es mehr um den Mindestlohn. Auf kommunaler Ebene erließen Parlamente und Behörden strengere Richtlinien – die in einigen Fällen nicht wirklich strenger waren. Sögel verfolgte zu dem den viel versprechenden Ansatz, Vermietungen nur dann zu zu lassen, wenn vorher ein Behördenmitarbeiter die Wohnung zertifiziert hat.

Aber immer noch erreichten mich Hinweise. Beispielsweise aus Lathen im Emsland. Mitten im Ort dient ein altes Hotel als Unterkunft für Schlachthof-Mitarbeiter (siehe Foto, nach unseren Recherchen kostet das Bett 75 Euro im Monat), die jeden Tag per Bus nach Sögel gebracht werden.

Arbeiterunterkunft2

Die ARD-Doku „Lohnsklaven in Deutschland“ aus dem Juni 2013 machte die Zustände im Oldenburger Münsterland dann bundesweit bekannt. Die Diskussionswelle rollte an, die Gewerkschaft NGG beispielsweise forderte im Gespräch mit der NOZ ein Sozial-Siegel für Fleisch – ähnlich den Biosiegeln.

Und die niedersächsische Landespolitik zitierte Vertreter der Fleischindustrie ins Wirtschaftsministerium. Doch das zweite Treffen ließen die Manager am 27. Juni platzen – so zumindest die Sichtweise der Politik. Die Minister kündigen Konsequenzen an: schärfere Kontrollen. Fraglich, ob das etwas bewirken kann.

Wie es jetzt genau weitergehen soll, ist unklar. In den nächsten Wochen werde ich hier über meine weiteren Recherchen zum Thema berichten.“

(Dirk Fisser, Ohren-auf.tumblr.com, Fotos: © Dirk Fisser)

Mietersuche

12. März 2012

Da hatte ich den Eindruck, dass der in Lingen ganz gut gelegene Schlecker bei mir im Hause läuft. WIr haben auch gerade erst im letzten Spätsommer den Vertrag neu abgeschlossen. Aber ich muss wohl trotzdem einen neuen Mieter für rd. 160 qm Ladenfläche suchen; denn Anton Schleckers Drogeriemarkt zieht „nach der vorläufigen Liste des vorläufigen Insolvenzverwalters“ auch aus der Bauerntanzstraße 10 aus. Hier die ganze (wie gesagt vorläufige) regionale Schlecker-Schließliste:

Bawinkel
Geeste-Groß Hesepe
Twist
Haren/Ems Erika
Haren-Wesuwe

Heede
Lathen
Rhede-Ems
Börger
Papenburg-Bokellesmoor

Lingen, Bauerntanzstraße
Lingen-Baccum
Lingen-Bramsche
Lingen-Gauerbach

Neuenhaus, Hauptstraße
Neuenhaus-Veldhausen
Nordhorn, Bentheimer Straße

9. November

9. November 2011

Gedenkfeiern

heute am 9. November
im Emsland zur Erinnerung an die Novemberpogrome von 1938 in
Lingen (Ems),
Lengerich,
Freren,
Haren,
Meppen,

Sögel,
Papenburg.

Noch ein Wort zu  Sögel. Dort werden heute erstmals Stolpersteine von dem Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt, zunächst in der „Alte Poststraße“ zum Gedenken an die Familie Bertha Jacobs und im Anschluss daran in der Straße „Am Pohlkamp 10“ zum Gedenken an die Familie Gottfried Grünberg und daran anschließend in derselben Straße bei der Haus-Nr. 6 zum Gedenken an die Familie Isidor Grünberg. Im Anschluss daran, lese ich auf der Webseite der Gemeinde im Gegensatz zur NOZ, ist die Gedenkveranstaltung anlässlich des Jahrestages der Reichsprogromnacht am Denkmal in der Straße „Am Pohlkamp“ vorgesehen. Dazu sei die gesamte Bevölkerung ebenso wie zu der anschließenden Kaffeetafel im Heimathaus eingeladen. Leider findet sich auf der Internetseite der Gemeinde Sögel keine Uhrzeit. Die Lokalzeitung meldet allerdings, dass die Veranstaltung um 15 Uhr beginnt.

Ähnlich gedankenlos präsentieren sich leider auch die Internetseiten der Stadt Freren und Lengerich. Noch peinlicher: Andere emsländische Orte, in denen noch Spuren jüdischen Lebens zu finden sind, ignorieren diese und verzichten gleich ganz auf  Gedenkveranstaltungen. Zu nennen sind Aschendorf, Haselünne, Herzlake und Lathen.

(Foto: Jüdischer Friedhof in Lingen (Ems) © Forum Juden – Christen, Altkreis Lingen eV)

Entlassung

22. September 2011

Manchmal bleibt mir immer noch die Spucke weg. Da werden in Lathen 60 Mitarbeiter der Transrapid-Teststrecke entlassen und das wird Ihnen auf eine unglaublich verkommene Weise mitgeteilt:

„Einst war sie ein Vorzeigeprojekt für Niedersachsen: die Magnetschwebebahn. 1985 wurde die Teststrecke für den Transrapid im emsländischen Lathen eröffnet. Doch dann fanden dort vor fünf Jahren 23 Menschen den Tod, elf Menschen wurden schwer verletzt. Ein Transrapid war auf der Teststrecke mit mehr als 170 Stundenkilometern in einen Wartungswagen gerast. Am Donnerstag haben Politiker und die Eltern des eines Opfers zum Gedenken an die Toten einen Kranz am Gedenkstein an der Unglücksstelle niedergelegt. Während der Kranzniederlegung verkündete die Betreibergesellschaft die Entlassung von 60 Mitarbeitern.

Bislang hatte sich die Betreibergesellschaft der Transrapidanlage, die Industrieanlagen-Betriebsgesellschaft (Iabg), nicht zu den Diskussionen über das mögliche Ende geäußert. Während des Gedenkens an die 23 Toten und die elf Verletzten des Unglücks teilte der Chef der Betreibergesellschaft Rudolf Schwarz gegenüber dem NDR das endgültige Aus für die Transrapid-Teststrecke mit. Als Grund …“

Weiter auf der Seite des NDR

Transrapido

28. August 2011

Nach dem SPIEGEL meldet jetzt auch die Wirtschaftswoche, dass die Transrapidstrecke bei Lathen vor dem Aus steht. Er galt -so DER SPIEGEL-  „als Inbegriff deutscher Ingenieurskunst, als Symbol für die Zukunftsfähigkeit des Landes – doch in Deutschland scheiterten alle geplanten Bauprojekte an den hohen Kosten. Die bislang einzige kommerzielle Transrapid-Strecke ist seit 2003 in Shanghai in Betrieb.“

Aber trotz Milliardenförderung aus dem Staatstopf ist es der Industrie nicht gelungen, den Transrapid zu vermarkten. Jetzt gibt es keinen Glauben mehr an diese Technologie in Deutschland und Europa. Auch China und viele andere Länder setzen lieber auf herkömmliche Bachntechnik und bauen Hochgeschwindigkeitstrassen für herkömmliche Züge. Nach außen tut CSU-Verkehrsminister Ramsauer noch, als sei er für den erhalt. Aber im Entwurf für den Bundeshaushalt 2012 sind 9 Mio Euro für den Abbau der Betonstelzen nahe Lathen und Dörpen ausgewiesen, außerdem Verpflichtungsermächtigungen über weitere jeweils 25 Mio. Euro für die beiden Folgejahre.  Die Wirtschaftswoche fasst zusammen.

„Nachdem die Industrie schon den Glauben in die Vermarktung verloren hat, steht nun die Versuchsanlage im Emsland (TVE) kurz vor der Abwicklung. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) wollte die Teststrecke nicht schließen. Doch es bleibt ihm vermutlich keine Wahl. Mehr als neun Millionen Euro sind auf Drängen der Bundestags-Haushälter erstmals für den „Rückbau der TVE“ im Haushaltentwurf der Bundesregierung für 2012 vorgesehen, dazu Verpflichtungsermächtigungen über weitere 25 Millionen für 2013 und für 2014. Sollte der Betrieb der Anlage Ende des Jahres auslaufen, wäre der Bund vertraglich verpflichtet, den Abbruch zu bezahlen.

„Das sind die Bestattungskosten für eine längst tote Dinosauriertechnologie“, kritisiert der Verkehrsexperte der Grünen, Stephan Kühn. „Industriepolitisch hat Deutschland zu lange auf das falsche Pferd gesetzt“, fügt er hinzu.

Zukunft hätte die Teststrecke nur, wenn die Betreibergesellschaft IABG bis Ende 2011 ein schlüssiges neues Nutzungskonzept vorlegt. Geplant war bisher, auf dem Gelände Forschung für Elektroauto-Batterien zu starten. Doch die Zeit wird knapp: Noch liegt dem Bundesverkehrsministerium nach eigener Aussage kein Antrag auf Projektförderung vor. Die IABG selbst will sich zu ihrer Anlage und möglichen Konzepten nicht äußern.

Die Betreibergesellschaft müsse „jetzt dringend ihr Interesse an der Anlage klären“, heißt es aus Kreisen des Ministeriums, „der Ball liegt bei der Industrie“.

Auch aus dem Landkreis Emsland, in dem die Anlage liegt, ist zu hören, man sei nicht am Zug. Der Kreis hatte Anfang des Jahres darüber nachgedacht, die Anlage zu übernehmen.“

Schon damals sehr teuer und wenig genutzt. Transrapid.

Natürlich ist die Teststrecke ein Fass ohne Boden und wäre eine völlig unsinnige Investition, die deshalb nicht kommen darf. CDU-Landratskandidat Reinhard Winter, dessen rückständiges Wahlprogramm nicht einmal die Hürde des politisch Unverbindlichen nimmt, schweigt vor der in zwei Wochen stattfindenden Kommunalwahl und drückt sich so um eine klare Aussage.  Die hatte vollmundig der Noch-Amtsinhaber Hermann Bröring (CDU) aber im vergangenen November abgegeben. „Der Abbau der Anlage wäre volkswirtschaftlicher Schwachsinn“. Landkreis Emsland und der Bund hatten denn auch in den letzten Jahren Millionen an Steuergeldern in die Strecke gesteckt – bejubelt von der Leeraner Abgeordneten Gitta Connemann (CDU) und dem Aschendorfer FDP-Abgeordneten Hans-Michael Goldmann. Zuletzt warenDurchhalteparolen von den unkritischen Lokalblättern aus dem NOZ-Verlag publiziert worden mit angeblich ernsthaften Interessenten aus Brasilien und Teneriffa. Dabei war nicht einmal dem legendären Eddi Stoiber  eine wirklich überzeugende Darstellung des Verkehrssystems gelungen, das von vornherein konzeptionell daran krankte, nur Personen aber keine Güter zu transportieren. Also zur Erinnerung hier noch einmal eine der wenigen Sternstunden des Transrapid:

Pingel-Anton

24. April 2011

Nix mehr mit Pingel-Anton auf dem Hümmling! Der Zugverkehr auf der 25-km-Strecke zwischen Lathen und Werlte  wird nach Ostern komplett eingestellt, nachdem jahrzehntelang der  Landkreis Emsland, die betroffenen Gemeinden und die kreiseigene Emsländische Eisenbahn („Mit unserem jungen Team stehen wir Ihnen täglich von 7.00 Uhr morgens bis 18.00 Uhr abends zur Verfügung.“) notwendige Investitionen in die Schienenstrecke unterlassen haben.

Der Niedergang der Hümmlinger Strecke Strecke lässt sich bei wikipedia  nachlesen: Wurden um die 1960er Jahre noch 100.000 t Güter befördert, davon 40.000 t Öl aus dem Vorkommen bei Ostenwalde (Streckenfoto unten) , so sank die Leistung danach rapide. 1970 waren es nur noch etwas 50.000 t. Im Personenverkehr wurden jährlich ca. 70.000 Personen befördert, er verkehrten täglich fünf Zugpaare. Am 30. Mai 1970 wurde der Personenverkehr auf der Schiene eingestellt.

Jetzt  sind nach 54 Jahren Nutzung die  Schienen so abgenutzt und sanierungsbedürftig, dass -so der Landkreis- keine Sicherheit mehr gegeben sei. Also kommt das Aus auch für den Pingel-Anton, nachdem schon im Herbst letzten Jahres der Güterverkehr auf der Bahnstrecke aus demselben Grunde eingestellt worden war. Laut Landkreis kostet eine  Sanierung im ersten Schritt 1,2 Mio Euro, um die gröbsten Schäden zu beseitigen und dann weitere 3,3 Mio Euro für die restliche Komplett-Instandsetzung. Das ist ihm zu viel.

Die Konsequenz: Mit der Schließung geht dem Hümmling nach 103 Jahren Betrieb dauerhaft ein Stück Verkehrsinfrastruktur verloren und der Tourismus in dem Bereich verliert ein wichtiges Angebot: die Fahrten im „Pingel – Anton“ waren eine Attraktion. Die Holzwirtschaft, die seit den 1990er Jahren zu einem kleinen Aufschwung des Güterverkehrs  geführt hatte, hat sich längst Verladestellen außerhalb des Landkreises als Ersatz gesucht und Dünger für die Landwirtschaft kommt jetzt mit dem LKW.

Zwar will man -so die offiziellen Worten- „die Strecke jetzt noch nicht komplett abschreiben, sondern sich die Möglichkeit offenhalten, bei neuen (Finanzierungs-)Wegen die Strecke wieder zu aktivieren. Wer’s glaubt, wird seelig. Es wird einer dieser Gras bewachsenen Schienenstränge werden, an die bald niemand mehr denken wird. Wie auch an diese traditionsreiche Einrichtung.

Da passt es doch irrsinnig gut, dass gerade der Bund noch einmal 2,5 Mio € Steuergelder in das längst gescheiterte, benachbarte Transrapidprojekt fließen lässt.  Die Millionen sind Gitta Connemann (CDU-MdB) zufolge „nur die erste Tranche“.  Derzeit erarbeite die Transrapid-Gesellschaft IABG ein Konzept für den Rückbau der Anlage. Sobald dieses vorliege, werde über die Freigabe weiterer Mittel für die zweite Jahreshälfte entschieden.  Connemann erzählt den Steuerzahlern treuherzig und tapfer das Märchen,  „auch die Vermarktungsoffensive“ des Ministeriums zeige „Wirkung“. Schon kurzfristig könne der Transrapid „auf Teneriffa“ fahren. „Noch nie“ sei die Chance einer Realisierung so groß gewesen wie dort. Für eine Strecke bei  „Sao Paulo in Brasilien“ sei „die systemoffene Ausschreibung“ um rund drei Monate bis Ende Juni verlängert worden. Die Wirtschaft hält dies alles für Unfug und ist längst aus dem Projekt ausgestiegen.

Die Konsequenz derartiger Connemannscher Unfähigkeit, Nein zu sagen: Für das bestehende deutsche  Schienennetz ist kein Geld da (guckst Du auch hier). An diesem Wochenende veranstaltet daher in Sögel der  Verein Museumseisenbahn Hümmlinger Kreisbahn mit seinem erst vor zwei Jahren in Betrieb genommenen Uerdinger Schienenbus (Foto oben) ab und  von Sögel noch einmal etliche Abschiedsfahrten. Danach ist auf  dem Hümmling Schluss mit Pingel-Anton im Besonderen und Zügen im Allgemeinen …

(Fotos: Reisetagebuch Emsland)

Beinbruch

15. November 2010

Während der Landkreis Emsland für die nicht marktfähige Transrapid-Technologie Hunderttausende an Subventionen in den Sand gesetzt hat und das Projekt jetzt -wie zu erwarten und hier angekündigt- trotz Brasilien und sonstwo und kräftigen lokalen Worten wohl alsbald beendet wird, fehlt Geld für den Ausbau der Bahnstrecke Leer-Oldenburg. Diese Bahnstrecke gehört nämlich zu den 9 jetzt im aktualisierten Bedarfsplan für Straße und Schiene durch Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) gestrichenen Bahnprojekten bundesweit -gleich zwei davon in Niedersachsen-, die vorerst nicht umgesetzt werden. Der zweispurige Ausbau „bringt derzeit keinen ausreichenden wirtschaftlichen Nutzen und soll deshalb vorerst nicht umgesetzt“ werden. So steht es im Bedarfsplan für Straße und Schiene bis zum Jahr 2025, den Bundesverkehrsminister Ramsauer  dem Verkehrsausschuss des Bundestags vorgestellt hat. Der Bund stellt also zunächst keine Mittel für Leer-Oldenburg zur Verfügung. Der Streckenausbau sei nicht wirtschaftlich, heißt es zur Begründung.  Als wirtschaftlich wird eine Strecke angesehen, wenn sie für jeden investierten Euro auch einen Euro Nutzen bringt oder in Stuttgart liegt… 😉

Zur Streichung des Ausbaus der Strecke Oldenburg-Leer kommentierte der niedersächsische Wirtschaftsminister Bode, dies sei „kein Beinbruch“. Der vorgesehene zweigleisige Ausbau sei kein Projekt des „vordringlichen Bedarfs“, deshalb gebe es kein Eile. Südemsländer erreichen Oldenburg und die Hansestädte Bremen und Hamburg also in zumutbarer zeit weiterhin nur über die Südroute Rheine-Osnabrück.

Übrigens hat Michael Ziesak, Bundesvorsitzender des Verkehrsclub Deutschland (VCD) Recht mit dieser Aussage:

“Der von Minister Ramsauer vorgelegte Bericht hat mit der Realität nicht viel zu tun. Zum einen werden Straßenbauprojekte grundsätzlich besser beurteilt als Schienenprojekte. In den Prognosen wird dabei mit einem Ölpreis für 2025 gerechnet, der fast ein Drittel unter dem heutigen Niveau liegt, obwohl selbst konservative Schätzungen von einem Preis von mehr als 100 Dollar pro Barrel für 2025 ausgehen.“

Die Verkehrsprognose 2025, die der Überprüfung zu Grunde liegt, geht von einem Rohölpreis von 60 Dollar pro Barrel im Jahr 2030 aus, obwohl er schon heute bei 85 Dollar liegt. Selbst die Internationale Energieagentur geht mittlerweile von einem Ölpreis von rund 120 Dollar (in Preisen von 2010) aus, andere Gutachten von 200 Dollar und mehr. Es ist einfach nur peinlich und soll die Menschen wohl verdummen, wenn CSU-Mann Ramsauer eine Planung präsentiert, der einen derartigen Berechnungshumbug enthält.

Was übrigens der Bedarfsplan für Straße und Schiene zu dem vom Landkreis Emsland forcierten, autobahnähnlichen Straßenausbau der B 402 und B 213 aussagt, habe ich bislang nicht herausfinden können. Angesichts der dramatischen Unterfinanzierung des ganzen Planes, wahrscheinlich nicht viel.

 

Nachtrag:
Grundsätzliches zur Verkehrspolitik a la CDUCSUFDP  formuliert der Kölner Stadtanzeiger hier

(Foto: Lingener Bahnhofsgleise; © dendroaspis2008)

Heinrich Riebesehl

3. November 2010

Heinrich Riebesehl, einer der bedeutendsten deutschen Fotografen der Nachkriegszeit, ist im Alter von 72 Jahren gestorben. Dies teilte das Sprengel Museum in Hannover mit, das das Archiv des Fotografen verwaltet. Der 1938 in Lathen im Emsland geborene Heinrich Riebesehl  hat mit seinem fotografischen Werk in den vergangenen 50 Jahren maßgeblich zu einer Erneuerung der Dokumentarfotografie in Deutschland beigetragen. Bekannt wurde er vor allem mit seiner Serie Agrarlandschaften: nüchterne, detailgenaue Schwarzweißfotografien von Getreidesilos, Bauernhöfen oder Rübenfeldern, in denen er den Blick auf die typischen Erscheinungsformen der norddeutschen Landschaft lenkt. Diese »lakonischen Fotografien einer lakonischen Gegend« (Peter Sager) bilden den Auftakt für seine intensive künstlerische Auseinandersetzung mit der norddeutschen Kulturlandschaft, für die der Fotograf mit dem Niedersächsischen Kunstpreis 2000 ausgezeichnet wurde. Spätestens seit den 1970er Jahren prägte Riebesehl die künstlerische Fotografie in Deutschland maßgeblich. Mit seinen Fotografien vor allem norddeutscher Kulturlandschaften schuf er dabei einen neuen «dokumentarischen Stil». Riebesehl starb bereits am Sonntag, 31. Oktober in Hannover.

Der gebürtige Emsländer studierte an der Folkwangschule für Gestaltung in Essen. Während dieser Zeit entstand die Serie «Lokomotiven» (1963-1965) und auch seine berühmt gewordene Fotografie von Joseph Beuys, die den Künstler 1964 bei einem Happening mit erhobenem Arm, blutender Nase und einem Kruzifix in der Hand zeigt. Riebesehl arbeitete zunächst auch als Fotojournalist, unter anderem in Hannover, wo 1969 seine Serie «Menschen im Fahrstuhl» entstand, die ihn auch international bekanntmachte. Mehr oder weniger versteckt hatte Riebesehl dafür seine Kollegen im Aufzug fotografiert.

Anfang der 1970er Jahre waren Riebesehls Bilder noch den Ideen eines «magischen Realismus» verhaftet, doch im Lauf der Jahre ging er dazu über, seine Objekte ohne fototechnische Manipulationen abzubilden und eine nüchterne, möglichst wirklichkeitsgetreue Form der Dokumentarfotografie zu entwickeln. Aus dieser Schaffensphase stammen die berühmt gewordenen Fotoserien «Agrarlandschaften» (1976-1979) und «Bahnlandschaften» (1979-1997).

1972 gründete Riebesehl mit anderen Fotografen in Hannover die «Spectrum Photogalerie», eine der ersten Fotogalerien in Europa, die später in das Sprengel Museum integriert wurde. Riebesehl lehrte auch als Fotografie-Professor in Hannover. Für sein Werk wurde er unter anderem mit dem Kodak-Fotobuchpreis, dem Sprengel Preis für Bildende Kunst und dem Niedersächsischen Kunstpreis ausgezeichnet.

Eine Anfang des Jahrzehnts  erschienene, längst vergriffene Monografie (Einband rechts, © Hatje Cantz Verlag ) gibt einen Überblick über Heinrich Riebesehls vielfältiges fotografisches Werk und sein konsequentes Arbeiten in Serien. 2004/5 widmeten das Sprengel Museum in Hannover und der Kunstverein Lingen dem gebürtigen Emsländer eine Werkschau.

 

Nachtrag: Mehr im Interview in der taz.