Silvester

31. Dezember 2012

aufstandcoevordern1770Auch an Silvester kann noch manches geschehen. Das war auch vor 242 Jahren so. Am 22. Dezember 1770 begann eine deftige bürgerliche Revolte im benachbarten niederländischen Coevorden (Provinz Drenthe). In die niederländische Geschichte ist sie als „Iizerkoekenoproer“ eingegangen, was man am besten mit Neujahrshörnchen-Revolte übersetzen kann. Denn Ursache für den Aufruhr war dieses krosse Neujahrsgebäck, auf niederländisch Ijzerkoeken oder Kniepertjes, bzw. der Umgang damit. Knieperties sind mit dem Waffeleisen gebackene, süße und krosse Plätzchen oder Hörnchen. Sie werden eben nicht nur bei uns sondern auch in den östlichen niederländischen Provinzen Groningen, Drenthe, Overijssel und Gelderland gemocht und gegessen. Ihre niederländische Bezeichnung stammt vom Wort „knijpen“, das auf niederländisch Quetschen bedeutet; denn der Waffelteig wird zwischen die heißen Waffeleisen „gequetscht“, damit sie auch gelingen.

Seit mindestens 500 Jahren (Gemälde unten: Lubin Baugin, Der Nachttisch, Stilleben Mitte des 17. Jhdts; Quelles) gehören Knieperties (hier bei uns auch Rullerkes, Neeijahrskook oder auch Krüllkoken, Klemmkuchen, Eiserkuchen oder Piepkuchen) traditionell dazu, wenn die Menschen das Neue Jahr in der Region diesseits und jenseits der deutsch-niederländischen Grenze feiern. Im Dezember sind die gebackenen Knieperties bei den niederländischen Nachbarn flach als Symbol für das ablaufende Jahr. Doch zum 1. Januar werden die frisch gebackenen Neujahrshörnchen gerollt und symbolisieren damit das neue Jahr, das noch alle Geheimnis verbirgt und sozusagen noch aufgeknuspert werden muss.

220px-Lubin_Baugin_001Zurück zu 1770 und Coevorden, wo damals der strenge, reformierte Kirchenvorstand die lokale Obrigkeit ersuchte, ein Gesetz eben gegen die Kniepertjes und die Menschen zu machen, die zu Silvester und Neujahr den Armen der Gemeinde diese Neujahrshörnchen schenkten. Das nämlich wurde dabei ausgiebig gefeiert; es wurde viel getrunken und es ging hoch her. Zu hoch meinten die Kirchenmännern.

Der Magistrat diskutierte den Antrag des Kirchenvorstandes auf „afschaffing van dat oudt en slegt gebruik, dat op nieuwjaarsdag lange heeft plaatsgehad, met betrekking tot het uitdelen van zo genoemde nieuwjaars- of Ijzerkoeken aan straatlopers en dergelijke“  (frei übersetzt: Verbot des alten und schlechten Brauchs, der seit langem am Neujahrstag stattfindet, betreffend sogenannte Neujahrs- oder Eiserkuchen an Gesindel und ähnliche Personen auszuteilen) und beschloss das neue lokale Verbotsgesetz bei einer Sitzung am 22. Dezember. Wütende Einheimische protestierten vergeblich vor der örtlichen Kirche, doch die Demonstration wurde verboten und das Gesetz verabschiedet. Das hatte aber ganz und gar nicht die erwünschte Wirkung. Die Einheimischen waren weiter empört und sahen in dem Verbot einen Angriff des Magistrats, um den Armen den einzigen fröhlichen Tag im Jahr zu nehmen. Am Silvestertag 1770 marschierten die Hörnchenbäcker deshalb zum Rathaus (Stich oben lks), wo der Magistrat erneut tagte. Unter den Protestierenden waren sehr viele Frauen aus Coevorden und viele mit ihren Waffeleisen in den Händen. Ihre Forderung war klar: Rücknahme des neuen Gesetzes. Zunächst lehnte das Gremium  ab, bekam es dann aber mit der Angst zu tun, als die Protestierenden gewalttätig wurden und der Magistrat das Rathaus nicht mehr verlassen konnte. Schließlich hob er noch am Silvestertag das Gesetz auf. Doch damit war die empörte Menge nicht mehr zu beruhigen, so dass der Magistrat schließlich eine militärische Eskorte der örtlichen Garnison anfordern musste, damit er das Rathaus verlassen konnte. Als die Mitglieder nach draußen kamen,  schlugen die wütenden Protestierenden mit ihren Waffeleisen auf Mänteln und Jacken der Oberen ein. Dabei wurde aber niemand ernsthaft verletzt

Einer der Aufrührer des Aufstandes war Harmen Slingenberg. Er wurde vor dem Gerichtshof  Drenthe angeklagt, doch über den Ausgang des Prozesses ist nichts bekannt.  Sein Sohn Berend Slingenberg war später der erste Bürgermeister Coevordens im 19. Jahrhundert.

Bis heute ist das Ereignis in den Niederlanden als “Ijzerkoekenoproer” bekannt und bis jetzt hat es nie wieder jemand gewagt, das Kniepertiesfest zu Silvester in Coevordern oder anerswo in Frage zu stellen.

Das Rezept für 50 bis 60 Knieperties á la Coevordens Iizerkoekenoproer

Neujahrshoernchen500 gr gewöhnliches Mehl
275 gr Zucker
225 gr Butter
3 Eier
10 gr Zimt

Zubereitung:
1. Die Butter schmelzen, ohne sie heiß werden zu lassen oder gar zu kochen.
2. Den Zucker zur geschmolzenen Butter hinzugeben.
3. Die Eier nacheinander vorsichtig hineinrühren
4. Das Mehl dazugeben und so lange miteinander verrühren bis ein Teig entstanden ist, den man zu Kugeln formen kann.
5. Stell‘ aus dem Teig 50 bis 60 Kugeln her und lasse sie über Nacht im Kühlschrank ruhen
6. Bestreiche das Waffeleisen mit Fett und lege eine kleine Teigkugel mittendrauf. Drücke das Waffeleisen zusammen, bis die Waffel fertig ist. Sie soll hellbraun und sehr dünn sein und ca. 13 cm Durchmesser haben..

Auch ohne Waffeleisen kann man Neujahrshörnchen herstellen. Dazu muss eine Teigkugel zu einem dünnen, runden Teigplätzchen von ca 13 cm Durchmesser ausgerollt werden. Wer will, kann mit einem Schälmesser Muster hineinritzen. You can make a pattern with a skimmer if you like. Etwas Butter in die Pfanne und wenn die heiß ist, kann man die Hörnchen backen, bis sie auf beiden Seiten hellbraun geworden sind.

7. Die Waffeln abkühlen lassen; erst dann werden sie schön knusprig.
8. Gerollte Hörnchen bekommt man, indem man sie um das Ende eines Löffels wickelt, solange sie noch warm und biegsam ist. Anschließend abkühlen lassen.
9. Früchte, Eiscreme oder Sahne runden den Genuss ab.

Guten Appetit!

2 Antworten to “Silvester”

  1. Birgit Kemmer said

    Lieber Robert netter Beitrag, mein lieber Mann hat unsere Neujahrshörnchen nicht so spektakulär gebacken, aber nach einem Rezept das auch Heinz Rolfes verteilt, sie schmecken dennoch. Ein gutes neues Jahr.

  2. Ines Heimberg said

    Liebe Birgit Kemmer, leider backt mein Mann keine Neujahrshörnchen, so dass ich an Neujahr immer zu anderen Leuten gehen muss. Sie sind wirklich zu beneiden. Ich werde Heinz Rolfes anrufen und nach dem Rezept fragen. Vielleicht verrät er mir dann auch, warum er von Hannover und seinem Amt nicht lassen kann. Wenn nun alle Emsländer ihm seinen Ruhestand gönnten, vielleicht würden ihn dann so viel Leute weniger wählen, dass Sie oder der Mann, der sogar sein Fahrrad durch die Fußgängerzone schiebt, unsere Frau oder unser Mann in Hannover würden.
    Grüße und ein gutes Neues Jahr

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