Doppelt

9. Dezember 2012

Bildschirmfoto 2012-12-08 um 13.34.45Es ist Fahrplanwechsel. Ab heute befahren Züge wieder durchgängig die Emslandstrecke – wochentags sogar sechs Mal (sonntags 4 x) in beiden Richtungen Fernzüge der Linie IC35, die sechs Wochen bei uns im Nordwesten gar nicht unterwegs waren. Die Emsländer haben dies ebenso klaglos ertragen wie „Schienenersatzverkehr“ und nervende Sperrungen von Bahnübergängen im Adventsverkehr. Die Städte, Gemeinden und Landkreise hatten kein sichtliches Interesse, dies und vor allem den Abbau der Fernverbindungen offen und öffentlich zu kritisieren; die männliche Regionalliga konzentriert sich auf’s Auto und plant eine überflüssige West-Ost-Rollbahn von Meppen nach Cloppenburg. Müssen wir also erwarten, dass die Region auf Sicht vom Branchenführer Deutsche Bahn AG abgekoppelt wird?

In zwei Jahren ändert sich erst einmal der Regionalverkehr auf der Emslandstrecke, den heute täglich zwischen 1000 und 4000 Reisende nutzen. Denn die  Westfalenbahn hat vor einem Vierteljahr den Zuschlag erhalten, ab 2015 den Regionalverkehr auf der Strecke Emden – Münster zu betreiben. Das erst 2005 gegründete Bielefelder Unternehmen investiert nach eigenen Angaben rund 75 Mio Euro in 15 nagelneue Züge mit einer maximalen Kapazität von 430 Reisenden pro Zug rund 75 Mio Euro. Mit diesem Anbieterwechsel ist dann die Deutsche Bahn bei uns nur noch mit Fernverkehrszügen vertreten, wenn es ihn dann gibt.

Jüngst ergab nämlich eine Zusammenstellung von „Report Mainz“, dass die Fernzugverbindungen für 368 Bahnhöfe jenseits der Metropolen seit 1999 um fast die Hälfte reduziert wurden (von 38.027 auf 20.506). Viele auch größere Städte sind inzwischen nicht mehr an den Bahn-Fernverkehr angebunden. Außerdem werden Bahnhöfe geschlossen, die Zahl der Schalter und die Öffnungszeiten der Reisezentren reduziert [Report-Video unten]. Da habe ich große Zweifel, ob bei uns mehr als ein paar Automaten bleiben.

Und dann die Bahnpreise! Mit dem heutigen Fahrbahnwechsel steigen auch die Bahnpreise und sind damit teurer als je zuvor. Auch hier gibt es große Fragezeichen. Das neue Bündnis „Bahn für Alle“ beispielsweise kritisiert diese Fahrpreis- Erhöhung angesichts der angekündigten hohen Gewinne der DB AG, wozu insbesondere das Wachstum des Schienenpersonenverkehrs um 4,5 Prozent beiträgt.

Dennoch erhöht die DB wieder kräftig ihre Fahrpreise – nach eigenen Angaben um 2,8 Prozent. Ohnehin ist die Tarifstruktur der Bahn seit der Einführung des Preissystems „PEP“ vor zehn Jahren immer unübersichtlicher geworden. „Mit ihrer Preispolitik schröpft die Bahn weiter diejenigen, die klima- und umweltfreundlich mobil sind“, sagt Bernhard Knierim vom Bündnis Bahn für Alle. „Stattdessen sollte sie mit einem verbesserten Angebot und einem bezahlbaren und übersichtlichen Preissystem attraktiver werden.“

Rechnet man die Preiserhöhungen der letzten zehn Jahre zusammen, so belaufen sich diese seit 2003 auf 35,2 Prozent im Fern- und 34,7 Prozent im Nahverkehr. Über den gleichen Zeitraum betrug die Inflation gerade einmal knapp 18 Prozent. Die Bahnpreise haben sich also etwa doppelt so stark erhöht wie das allgemeine Preisniveau.

Daneben wirken sich versteckte Preiserhöhungen aus, mit denen insbesondere Vielfahrer belastet werden: Die BahnCard 50 („Mobilitätskarte“) wird erneut um 3,8 Prozent teurer. Damit hat dieses Vielfahrerangebot in den letzten zehn Jahren einen gesamten Preisanstieg von über 80 Prozent (!) erfahren. Reservierungen haben sich im Preis mehr als verdoppelt und Bahnfahrer wissen, dass es insbesondere von Freitags bis Montags ohne Reservierung kaum geht.

Sascha Vogt, Bundesvorsitzender der Jusos in der SPD, die Mitglied im Bündnis Bahn für Alle sind, kritisiert die Profitorientierung der Deutschen Bahn: „Statt auf Gewinne zu achten, muss die Bahn dringend in die Infrastruktur investieren. Wir brauchen eine Versorgung der Menschen mit Mobilität und zwar in allen Gegenden des Landes. Mobilität ist für uns zentraler Bestandteil öffentlicher Daseinsvorsorge. Außerdem brauchen wir sozial gerechte Preise: Alle Menschen müssen sich Mobilität leisten können!“

Den von „Bahn für Alle“ erstellten sog. Alternativen Geschäftsbericht 2011, der die Geschäftspolitik der DB AG kritisch unter die Lupe nimmt findet man hier; der Alternative Geschäftsbericht 2012 erscheint im März 2013.

Mehr Informationen:
www.bahn-fuer-alle.de

„Bahn für Alle“ setzt sich ein für eine bessere Bahn in öffentlicher Hand. Im Bündnis sind die folgenden 20 Organisationen aus Globalisierungskritik, Umweltorganisationen, politischen Jugendverbänden und Gewerkschaften vertreten: Attac, autofrei leben!, Bahn von unten, BUND, Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz BBU, Bürgerbahn statt Börsenbahn, Gemeingut in BürgerInnenhand, Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten, Grüne Jugend, GRÜNE LIGA, IG Metall, Jusos in der SPD, Linksjugend Solid, NaturFreunde Deutschlands, ProBahn Berlin-Brandenburg, ROBIN WOOD, Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken, Umkehr, VCD Brandenburg und Ver.di.