Scham

9. November 2012

Heute Abend finden die Feiern zum Gedächtnis an das November-Pogrom 1938 statt (mehr…). Um 18 Uhr mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Alexanderkirche in Schepsdorf und eine Stunde später am Gedenkort Jüdische Schule, die die Brandlegung in der benachbarten Lingener Synagoge in der Nacht vom 9. auf den 10. September 1938 überstand.

Nicht nur in dem großen Buch zur Lingener Stadtgeschichte, das 1975 zum 1000-jährigen Bestehen unserer Stadt erschien, blieben die Geschichte und das Schicksal der jüdischen Gemeinde, die Verfolgung und Ermordung der Lingener Juden unbeachtet. Die Lingener Juden kamen nicht vor, während sich Lingen und seine 1000 Jahre feierte. In einem erschütternden Leserbrief machte Helga Hanauer, die letzte damals in Lingen wohnende Holocaust-Überlebende, auf diese unerträgliche Unterlassung aufmerksam. Selbst als die linke niederländische Wochenschrift „Vrij Nederland“ diese Unsäglichkeit des Verdrängens in einem großen Beitrag aufgriff, setzte sich die Bürgerschaft nicht etwa selbstkritisch mit ihrem Versagen auseinander – nein, sie empörte sich über die kritische Berichterstattung.

Erst nachdem sich auch Ruth Hanauer unter dem Eindruck dieser Ignoranz das Leben genommen hatte, setzte ein Umdenken ein.  Am 15. November 1977 errichtete die Stadt nahe der früheren Synagoge einen Gedenkstein. 1985 besuchten mehrere ehemalige jüdische Bürger Lingens auf Einladung der Stadt ihre alte Heimat. Auf ihre Anregung hin wurde auf dem Synagogenplatz zusätzlich ein Gedenkstein mit den Familiennamen der verfolgten und ermordeten Juden aufgestellt. 1989 wurde nach 12 Jahren Ablehnung durch die Ratsmehrheit der angrenzende Gertrudenweg in Synagogenstraße umbenannt. Ruth Foster-Heilbronn und Bernard Grünberg, Überlebende des Holocaust, wurde 1993 die Ehrenbürgerschaft der Stadt verliehen.

1988 wurde die jahrelang als Pferdestall genutzte Jüdische Schule unter Denkmalschutz gestellt; trotzdem sollte sie einer Eigentumswohnungsanlage weichen, wurde aber doch gerettet. Nach umfassender Renovierung wurde sie im November 1998 als Gedenkort Jüdische Schule eingeweiht. Eine Dauerausstellung erinnert dort an das Schicksal der Jüdischen Familien Lingens. Gegen weiteren Widerstand der Ratsmehrheit werden seit Mitte dieses Jahrzehnts auch Stolpersteine verlegt.

Sie meinen, das sei Geschichte? Mitnichten! Wir alle haben Grund uns zu schämen: Modisch hat sich die Stadt Lingen inzwischen eine Facebook-Seite zugelegt. Und diese offizielle kommunale Seite knüpft in der Facebook-Chronik nahtlos an das Vergessen und Verdrängen an, das sich so hässlich neben die Verfolgung und Ermordung gesellt hat.

Denn die städtische Facebookseite erwähnt die Juden in Lingen nicht – weder ihre Geschichte, noch ihre kulturellen Beiträge, noch die Verfolgung, noch die Pogromnacht, noch die Vernichtung, noch die zögerliche Aufarbeitung, noch die Ehrenbürgerschaften. Statt dessen ein Hinweis auf den Bau der Kasernen durch die NS-Regime und dezidierte Schilderungen über Bombenangriffe auf die Stadt. Die Lingener Juden aber kommen nicht vor.

Ein richtiger Skandal! Wir schreiben 2012. Ich bin empört und fühle wütende Scham.

Nachtrag:

6 Antworten to “Scham”

  1. Das ist auch ein Punkt der mich nervt!!!

    Weil:

    Jüdisches Leben war schon immer ein integraler Bestandteil Deutschlands, ebenso wie die wachsenden jüdischen Gemeinden des Jahres 2012, sowie Einwanderer mit anderen kulturell-religiösem Hintergründen.

    Mit freundlichem Gruß,

    Thomas Adolf

  2. Josef Mudde van Duren said

    So richtig durchgedrungen ist das Schicksal der Bürger jüdischen Glaubens in unserer Stadt wohl immer noch nicht. Gut, dass es immer noch Menschen gibt, die aufmerksam verfolgen, was in diesem Zusammenhang gesagt wird UND was (gedankenlos?) verschwiegen wird. Darf ich eine kleine Korrektur anbringen? Die Jüdin, von der im Beitrag die Rede war, heißt nicht Ruth, sondern Helga Hanauer.
    Josef Mudde van Duren

  3. Brigitte Brüggmann said

    Da sieht es sonst auch nicht viel besser aus. In dem monatlichen
    Veranstaltungskalender vom LWT findet man zwar den Hinweis, das der Gedenkgottesdienst in der Schepsdorfer Kirche um 18 Uhr stattfindet, von der Gedenkfeier um 19 Uhr ist aber nicht die Rede. In den Gemeindebriefen der evangelischen Kirchen ist weder der Gottesdienst noch die Gedenkfeier erwähnt, bei den katholischen Kirchen wird es nicht anders sein.
    Evangelische Geistliche habe ich ja ab und an bei der Gedenkfeier gesehen, aber noch nie einen kath. Geistlichen.

  4. Pömpel said

    Ich denke ….

    Ich denke mal, daß ein akribisches Stöbern nach Verschwiegenem dem eigentlichen Ziel überhaupt nicht gerecht wird. Ich halte dieses Vorgehn für kontraproduktiv. Wer über das geschehene Unrecht und unsere Vergangenheit in diesem Punkt nichts weiß oder wissen will, der wird durch solche Aktionen sicherlich eher abgeschreckt, sich mit diesem Thema zu beschäftigen.

    Außerdem denke ich, daß es einer Unterstellung gleich kommt, jemandem vorzuwerfen etwas bewußt zu nicht nach außen zu verkünden. Auch unseren jüdischen Mitbürgern wird wohl nicht daran gelegen sein, dass bei jeder sich bietenden Gelegenheit zwingend an ihre Belange – auch nach außen hin – gedacht wird.

    Es würde mich allerdings interessieren, ob ich mit Lezterem richtig liege.

    • kib said

      Nichts gegen Ihre Gedanken , z. B. Yoga ist hier auch nicht schlecht – vielleicht hilft es Ihnen : Bringt einiges „in Waage “ und vermeidet schusselige -im Schlusssatz versteckte- Fragen

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