Umstände nicht gefallen

5. April 2018

Gerhard Kastein, der „Vater der Lingener Stolpersteine“ [mehr…], war vor zwei Wochen dabei, als durch Peter Lütje vier Stolpersteine vor dem Neubau verlegt wurden, wo früher das Haus der Familie Grünberg stand. Geehrt wurde damit auch Bernard Grünberg, der einzige aus Lingen stammende und noch lebende Jude, der den Holocaust überlebt hat. Bernard Grünberg hatte drei Tage zuvor sein 95. Lebensjahr vollendet. Kastein schrieb jetzt an Oberbürgermeister Dieter Krone:

Hallo Herr Oberbürgermeister Krone.

Ihnen alles Gute für ihre Aufgaben im Sinne einer lebenswerten Kommune.

Sie waren beim Verlegen der vier Grünberg-Stolpersteine anwesend. Ich habe mich gewundert, dass hier keine Sicherheit für die Teilnehmer von ihnen geschaffen wurde. Die Teilnehmer waren teilweise dem Verkehr voll ausgesetzt – wie im beigefügten Bild zu sehen. Eine akustische Kommunikation war teilweise nicht möglich. Wie hat der Jubilar diese Wertschätzung seiner Person wohl empfunden? Lediglich der Schrankenwärter hatte die Situation richtig erkannt und im Fahrplanzyklus für Sicherheit und Ruhe gesorgt.

Die aus dem oben liegende Fenster klingende Musik war gleichfalls sehr störend. Wieso gehen Sie (oder der gleichfalls anwesende erste Bürgermeister) als Gallionsfigur des Rates  nicht in das Haus und bitten die Bewohner die Störung  abzustellen. Hätte der Sache auf jeden Fall genützt.

Teilen sie mir bitte mit, warum diese Situation so geplant wurde.

Vorab vielen Dank
Gerhard Kastein

Soweit ich weiß, hat die Lingener Tagespost hat inzwischen das Forum Juden Christen Alkreis Lingen offiziell um eine Stellungnahme gebeten.Das Forum hatte die „Aktion Stolpersteine“ mitgetragen. Vorsitzender Heribert Lange schrieb an die Lokalzeitung, die Stolpersteinverlegung sei bei der Stadt Lingen bereits vor einigen Monaten beantragt und dort anstandslos genehmigt worden. Es sei, so Dr. Lange, in seiner Verantwortung, wenn es im Gegensatz zu früheren Stolperstein-Verlegungen Probleme gegeben habe.

In der Stadtverwaltung  habe, so Dr. Lange, man unabhängig davon entschieden, dass „im Hinblick auf den verkehrsruhigen Samstagnachmittag und auf die umstandslosen Stolpersteinverlegungen an selbiger Stelle im Jahr 2012 flankierende Maßnahmen des städtischen Ordnungsdienstes verzichtbar seien“. 

Gerhard Kastein, langjähriges ehemaliges Ratsmitglied, hat bislang noch keine Antwort vom Oberbürgermeister auf seine Kritik erhalten. Das will ich dann hier übernehmen: 

Lieber Gerhard Kastein,
der Festakt vor dem Haus Georgstraße 12 lief wirklich nicht sonderlich würdig ab. Du hast die kritikwürdigen Einzelheiten in Deinem Schreiben dargestellt. Allerdings hat der Oberbürgermeister bei einem solchen mahnenden Festakt andere Aufgaben, als in der direkten Nachbarschaft für angemessene Ruhe zu sorgen; das gilt auch für den Ersten Bürgermeister unserer Stadt Heinz Tellmann (CDU), dem die Umstände -wie allen anderen Anwesenden- auch nicht gefallen haben; das konnte jede/r sehen.

Als aber die Musik aus der Dachgeschoswohnung noch störender wurde, bin ich kurzerhand -gemeinsam mit einer engagierten Dame, die aus Meppen zur Verlegung der Stolpersteine gekommen war – in das Miethaus gegangen. Im Dachgeschoss haben wir einige Zeit energisch an der Wohnungstür geklopft und geklingelt, bis eine verängstigte junge Frau öffnete. Sie sei gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden und versuche sich mit der Musik ein wenig Ablenkung zu verschaffen. Sie beklagte sich, unten vor der Tür von einem Mann angegangen worden zu sein, sie habe die Polizei gerufen.

Tatsächlich hatte es vor der Tür einen, allerdings misslungenen Schlichtungsversuch der herbeigerufenen Polizei gegeben. Die immer noch sehr aufgeregte junge Frau erkannte mich dann („Sie sind doch der Rechtsanwalt?!“) . Meine Meppener Mitschlichterin und ich baten sie  jetzt, ihre Musik leise zu stellen, weil unten vor dem Haus eine Gedenkfeier stattfinde, an der der 95jährige Ehrenbürger und Überlebender des Holocaust Bernard Grünberg teilnehme. Sie drehte sogleich die Lautstärke auf leise und entschuldigte sich. Wir bedankten uns bei ihr und gingen zurück zur Gedenkfeier, die allerdings nicht mehr sehr lange dauerte.

Herzliche Grüße

Robert Koop“

 

 

Wortlaut

10. November 2017

Hier der Wortlaut der Rede von Benno Vocks bei der Gedenkfeier zur Erinnerung an das Novemberpogrom 1938 gestern Abend am Gedenkort Jüdische Schule in Lingen(Ems):

„Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir dürfen Sie hier am Gedenkort Jüdische Schule ganz herzlich begrüßen. Ein besonderer Gruß gilt dem „Lingener Flüchtlingsforum für Integratiuon und Menschenrechte“  mit ihrem Vorsitzenden, Herrn Jean-Marie Minani. Dieses Forum bemüht sich um eine selbständige und verbesserte Kommunikation zwischen Flüchtlingen und Asylbewerbern einerseits und den Behörden und Bewohnern unserer Stadt andererseits….

In Lingen wurde zweimal gefackelt am 9. November 1938. Welch großer Kontrast – welch beklemmender Zusammenhang!

Wie die Zeitung Neue Volksblätter vermeldete, loderten zu beiden Seiten des Saales der Wilhelmshöhe Hunderte von Fackeln zu Ehren der Opfer der Bewegung am 9. November 1923, dem Tag des Hitler-Putsches in München. Zuvor hatte man am Kriegerehrenmal am Neuen Friedhof die Toten geehrt und anschließend gingen die Nationalsozialisten zum Grab von Gottfried Talle.

Dieser Lingener Polizist, der keiner Nazi-Organisation angehörte, war im Jahre 1932 als Polizist in Bremen bei einer kommunistischen Gegendemonstration gegen Nationalsozialisten durch eine Bombenexplosion ums Leben gekommen. Ihn vereinnahmte der hiesige Bürgermeister dreist und verlogen bei seiner Rede als Kämpfer und Opfer für Hitler.

Stunden später loderten die Flammen zum zweiten Mal in Lingen: hier in der jüdischen Synagoge. Und die Reaktion dazu in der Lingener Zeitung? Keine!

Wohl aber lesen wir Aussagen von Joseph Goebbels zu dem Mord des 17jährigen Herschel Grünspan an den deutschen Botschafter von Rath in Paris. Ich zitiere: Die berechtigte und verständliche Empörung des deutschen Volkes über den feigen Mord hat sich in der vergangenen Nacht in umfangreichem Maße Luft verschafft. In zahlreichen Städten und Orten wurden Vergeltungsaktionen gegen jüdische Gebäude und Geschäfte vorgenommen. Es ergeht nunmehr die strenge Aufforderung, von allen weiteren Maßnahmen gegen das Judentum abzusehen. Die endgültige Antwort auf dieses Verbrechen wird auf dem Wege der Gesetzgebung gegen das Judentum erteilt werden.

An anderer Stelle lesen wir: Trotzdem hat sich die Vergeltungsaktion gegen die Juden in einer äußerst disziplinierten Form vollzogen. In Deutschland wurde nicht einem Juden ein Haar gekrümmt.  Zitat Ende

Und geschah hier in Lingen am nächsten Tag? Mit Fredy Markreich, dessen Geschäft in der Großen Straße ausgeplündert und zerstört wurde? Mit Hugo Hanauer? Mit Wilhelm Heilbronn, dem Vater von Ruth Foster? Mit Neumann Okunski, der halbangezogen die Treppe heruntergeworfen wurde – hier gegenüber? Mit dem Synagogenvorsteher Jakob Wolff? Mit Bendix Grünberg, dessen Sohn [und Ehrenbürger der Stadt Lingen(Ems)] Bernard sich hoffentlich nach seiner Operation erholen und im nächsten Frühjahr hier seinen 95. Geburtstag feiern kann.

Diese sechs Lingener Mitbürger wurden ins KZ Buchenwald verschleppt und Wochen später nach ihrer sogenannten Freilassung unter Androhung der Todesstrafe zum Schweigen verpflichtet.

Lassen Sie mich nun einige persönliche Gedanken aufgreifen: Im Jahre 1963 lasen wir Schüler mit Dr. Göken im Deutschunterricht am Georgianum die Erzählung von Albrecht Goes: Das Brandopfer.

In dieser Erzählung geht es darum, dass eine Metzgersfrau in einer deutschen Kleinstadt dazu bestimmt ist, als einzige knapp vor dem Sabbat Fleisch an die Juden auszugeben. Ihre winzigen Möglichkeiten zu helfen bestehen darin, eventuell eine Nachricht von einer Jüdin zur anderen in das Papier der minimalen Fleischration einzuwickeln oder ein freundliches Wort zu wechseln.

Bei einem Bombenalarm während des Krieges bleibt sie in ihrer Wohnung. Sie will sich in ihrer Barmherzigkeit opfern wegen ihrer Schwäche und vermeintlichen Schuld. Sie wird aber von einem Juden aus dem brennenden Haus geborgen. Diesem war wegen seines Judensterns auf dem Mantel der Zutritt zum Bunker verweigert worden. Das Opfer wird aber von Gott, wie der Theologe Albrecht Goes sagt, nicht angenommen. Aber seit diesem Zeitpunkt nimmt die Metzgersfrau als Zeichen ihrer „passiven Schuld“ ein Brandmal in ihrem Gesicht an.

Ein Satz aus dieser Erzählung ist seit meiner Schülerzeit mir äußerst intensiv im Gedächtnis hängengeblieben:

Sabine, die Tochter eines jüdischen Verlegers, fragt zunächst ihre Mutter nach dem Verbleib ihrer Freundin Rebecca, die plötzlich verschwunden ist: Die Mutter sagt aus Angst vor der Wahrheit mit dem Satz „Sie ist verreist!“ die zweifache Unwahrheit. Sie ist nicht VERREIST. Und wenn schon: Dann WAR sie verreist. Sabine löchert nun ihren Vater immer wieder „Wo ist Rebecca?“, bis er antwortet: REBECCA IST IN DIR!

Rebekka ist in dir. Ist das nicht auch immer wieder unser Auftrag: sie, die Ermordeten in uns aufzunehmen, ihrer zu gedenken und ihnen wieder einen Namen zu geben?

Schauen wir nur auf diese Gedenktafel, auf Straßennamen und die Stolpersteine in unserer Stadt.

Auch die Probleme der heutigen Flüchtlinge und Asylbewerber werden Fall identischer, wenn wir nicht von DEN Flüchtlingen und Asylbewerbern sprechen, sondern sie beim Namen nennen, zum Beispiel Ahmed oder Saphira, Mahmood oder Okbeab, so wie es auch sicher die Flüchtlingshelfer unter uns machen.

Wir wollen gleich anschließend bei der Mahnwache an dem Stolperstein zwischen altem Krankenhaus und der Stadtbücherei der unscheinbaren Frau Henriette Flatow wieder einen Namen geben und die Erinnerung an sie und die anderen ermordeten Mitbürger in uns tragen. Zu dieser Mahnwache mit Herrn Kastein darf ich Sie noch sehr gerne einladen.“

Sturmglocke

21. Juni 2016


Seine Begrüßung war der einzige Beitrag beim gestrigen Friedensgebet, der den notwendigen gesellschaftspolitischen Bezug der Tat des Gewehrschützen von Lingen zur politischen Rechten in diesem Land herstellte. Hier im Original und zum geduldigen Nachlesen die Rede, die der Vorsitzende des Forum Juden Christen, Dr. Heribert Lange, vor etwa 220 Teilnehmern in der Kreuzkirche hielt; wetterbedingt war dorthin die ursprünglich auf dem Universitätsplatz geplante Veranstaltung verlegt worden:

„Der Fremde, der sich bei Euch aufhält, soll Euch wie ein Einheimischer gelten und Du sollst ihn lieben wie Dich selbst; denn Ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, Euer Gott“ (Lev. 19, 34)

Liebe Lingenerinnen und Lingener, lieber, sehr verehrter Ehrenbürger Bernard Grünberg, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Krone, liebe Neu-Lingener, die nach abenteuerlicher und gefährlicher und am Ende geglückter Flucht aus dem im Kriegschaos versunkenen Syrien hierhergekommen und unserer Einladung und Bitte gefolgt sind, sich heute Abend zusammen mit uns hier in der Kreuzkirche zu diesem oekumenischen Friedensgebet zu versammeln.

„Mit uns“ bedeutet: mit Ihnen allen hier, mit den Kirchengmeinden St. Bonifatius und der re formierten und der Kreuzkirchegemeinde und ihren Pfarrern Wolfgang Becker, Thomas Burke, Dieter Grimmsmann, Patorin Verena Hoff-Nordbeck, dem Kantor Peter Müller, Traute Pott und Erika Ahlers vom oekumenischen Friedensgebetskreis und last not least dem Forum Juden Christen, das sich auch diesmal gar nicht sehr heftig an die Sturmglocke hängen musste, um Sie und uns alle heute Abend zusammenzubringen. Mein Name ist Heribert Lange.

Wir freuen uns wirklich sehr, dass Sie unserem Aufruf in so großer Zahl gefolgt sind, heute Abend zusamenzukommen, gemeinsam innezuhalten ob unserer Erschütterung, unserer Entrüstung und unserer Ratlosigkeit, und uns neu zu besinnen, uns und die geflüchteten Neulingener des Zusammenstehens miteinander zu versichern, uns zu ermutigen und uns in neuem Mut, neuer Zuversicht und Solidarität zu bestärken – „aus gegebenem Anlass“ nämlich:

Dahinter, also dem ‚gegebenen Anlass‘, verbirgt sich die Tat des 21-jährigen Gewehrschützen, der inmitten unserer scheinbar friedlich gestimmten Stadtgesellschaft gezielt und wiederholt anlegen und abdrücken konnte, schießen konnte auf geflüchtete Menschen, die sich in der Nähe ihrer derzeitigen Unterkunft aufgehalten hatten. –

Kann man sich diese Tat eigentlich ohne die Hetztiraden interessierter Gruppen gegen Geflüchtete, ohne das halbgare oder eher rohe Stammtischgehackte auf dem Beilagenteller dieser Debatte und ohne die Beschwörungsformeln vom Untergang des Abendlandes einschließlich seiner, wie man neuerdings sagt, jüdisch-christlichen Tradition vorstellen?

Nein, ohne diese permanente, nicht nur Hintergrundbeschallung wäre die Botschaft von einer humanen und miteinander befriedeten Gesellschaft, einer einzigen Menschengesellschaft eben, die sowieso und überhaupt keiner nationalen oder ethnischen Zuschreibung bedarf, nicht zu einer bigotten und sinnentleerten Scheinmoral verkommen, also zur Unmoral, und zur Unwahrhaftigkeit und Unglaubwürdigkeit ihrer Sprecher und ihrer gedankenlosen Sprachrohre. Und auf diesem Propaganda-Express fahren wir dann alle, mehr oder weniger frustriert, besorgt oder schicksalsergeben mit und lassen uns die unsinnigen Parolen von rechts tagtäglich auf’s Neue wie Juckpulver in die Halskrause pusten – gerade so, als ob wir den Mund nicht mehr aufbe-kämen oder der Sprache nicht mehr mächtig seien.

Ist diese Untat darum nicht auch für uns ein unübersehbarer Anlass, uns bei den verschreckten und verletzten Opfern des unbesonnenen und offenbar verblendeten Gewehrschützen, der dazu freilich selbst einen noch viel gewichtigeren Grund hat, zu entschuldigen? Ja, wir wollen sie um Verzeihung bitten: Bitte, verzeihen Sie uns, wir wollten das nicht! Wir waren aus mancherlei Gründen nicht tüchtig genug, um die Schüsse, die Sie getroffen haben, zu verhindern.

Und: Gibt es sodann nicht auch eine Lehre, die wir alle aus dieser Untat, gar nicht zu reden von den „Kreisen“, die sie in den Köpfen der Menschen, in den Medien und in der Gesell-schaft insgesamt gezogen hat, – gibt es also nicht auch eine Lehre, die wir zu ziehen hätten? Diese vielleicht, dass solches Geschehen nicht nur von der Tat betrachtet und beurteilt wird, die uns alle verstört und erschüttert hat, sondern auch von der Antwort, die wir darauf geben – darauf geben können und geben müssen.

Könnte unsere Antwort nicht so beschaffen sein, dass wir all die verzagten Abendlandbe-schwörer, die Untergangsakrobaten und die sich selbstverliebt feiernden und befeuernden Neonazis einfach nur beim Wort nehmen und sie eindringlich auffordern und auch drängen, sich an den Ursprung und die geistige Wurzel, das gesellschaftspolitische, ethische, freilich auch religiöse Manifest dieses von der jüdisch-christlichen Kultur und ihrer Tradition geprägten Abendlandes, die hebräische und die christliche Bibel nämlich, zu erinnern und sodann bitte auch die Widersprüche zu betrachten, die sie genau dazu in ihren menschenverachtenden Programmen, schäbigen Politparolen und oft genug doppelzüngigen Einlassungen aufgeschrieben haben und tagein tagaus lauthals und sattsam in die Welt posaunen?

SturmglockeDie Frage, die zu stellen wir uns trauen sollten, könnte lauten: Wie haltet Ihr’s denn selbst mit diesen gewiss doch einschlägigen Regeln, die aus unser aller abendländischen Wurzeln erwachsen sind, den Wurzeln des nach euren Phantasien über alles erhabenen Europas? Wie ernst nehmt Ihr eigentlich selbst Eure Rede von der Unverzichtbarkeit abendländisch-europäischer Geisteskultur, ihrer Errungenschaften und ihrer Prinzipien, etwa der Achtung der Menschenwürde und der Menschenrechte? Wir meinen aber auch die ethischen Prinzipien, nach denen zu handeln uns allen aufgegeben ist. Regeln auch, die für jedermann verständlich im Manifest der Bibel aufgeschrieben sind und von unserer Aufgabe, genauer gesagt, unserer Pflicht hier und in dieser Zeit handeln – der Pflicht, zu beschützen, zu teilen und zu helfen, wem daran nottut.

Die eine dieser Regeln, nämlich die von der „Liebe, die auch dem Fremden zu gelten hat“, haben wir soeben schon gehört. In der anderen, von der heute Abend auch noch die Rede sein soll, lautet eine der Verszeilen so: „Ich war fremd und obdachlos und Ihr habt mich aufgenommen.“

Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Geduld!

—-

(Foto: Sturmglocke  St. Patroklus in Soest (Westf), Foto von Andreasdziewior CC-BY-3.0; Dr. Heribert Lange © EmsVechteWelle)

 

unbefleckt weiter

20. Juni 2015

Bernhard GrünbergHeute in der Lokalzeitung: Klare und eindeutige Worte, die nach dieser Veröffentlichung vor einer Woche notwendig waren und sind – in einer Debatte, die keineswegs eine „leidige Diskussion“ (Rosemeyer jun.) ist. Einmal mehr zeigt sich das Forum Juden-Christen als die moralische Instanz in unserer Stadt:

„Das Forum Juden-Christen in Lingen hat Bernd Rosemeyer jun. und Heinrich Liesen von der Bernd-Rosemeyer-Stiftung vorgeworfen, den Besuch des jüdischen Ehrenbürgers Bernard Grünberg (Foto lks)  in Lingen für ihre Zwecke instrumentalisiert zu haben.

Grünberg hatte bei einem Treffen letzte Woche gesagt, der 1938 tödlich verunglückte Lingener Rennfahrer Bernd Rosemeyer (Foto unten) sei kein „erster Nazi“ gewesen. Was Rosemeyer und Liesen bei ihrer Zusammenkunft mit Grünberg zustande gebracht hätten, sei aber weder historisch richtig noch entlaste es Bernd Rosemeyer von seiner Verstrickung mit dem NS-System, so das Forum in einer Pressemitteilung.

„Es ist der durchschaubare Versuch, einen trotz seiner Erlebnisse mit der Judenverfolgung menschenfreundlichen alten Mann zu bedrängen und kalkuliert zu instrumentalisieren, um den verehrten Helden Bernd Rosemeyer endlich von seiner Schuld reinwaschen und das eigene Tun unbefleckt weiter betreiben zu können. Das wird nicht gelingen.“

Rosemeyer2_9531_bigRosemeyer sen. möge ein unpolitischer Mensch gewesen sei, bei dem die Sicherung der Karriere im Vordergrund gestanden habe, so das Forum. „Es kann also sein, dass er wirklich kein Nationalsozialist im eigentlichen Verständnis dieser Zuschreibung war. Sicher aber war er durch die von ihm zugelassene Instrumentalisierung ein Kollaborateur des NS-Systems.“ Rosemeyers früher Tod habe ihm allerdings die Möglichkeit genommen, sich anders zu entscheiden.

Das Forum Juden-Christen verweist außerdem darauf, dass es auch keinerlei Berichte darüber gebe, nach denen Rosemeyer beispielsweise den damals noch kleinen zehnjährigen Knirps Bernard Grünberg (ab 1933) vor dem regelmäßigen Verprügeln durch seine Mitschüler bewahrt oder, ihn beschützend, eingegriffen hätte. „Walter Demann war der, der da geholfen hat, damals genauso jung wie Bernard Grünberg“, so das Forum abschließend.“

Ruth Foster +

11. August 2014

Ruth Foster, Lingener Ehrenbürgerin, ist vor wenigen Tagen in ihrer Londoner Heimat verstorben. Als Ruth Heilbronn in Lingen geboren, besuchte die Jüdin hier die Höhere Töchterschule, bis sie sie wegen ihrer Glaubenszugehörigkeit 1937 verlassen musste. 1941 ging sie freiwillig mit ihren vertriebenen Eltern nach Riga, musste dort die Ermordung ihres Vaters ansehen, kam später in die KZs Stutthof und Ravensbrück. Auf einem der sogenannten Todesmärsche wurde sie 1945 schließlich bei Lauenburg von englischen Truppen der Roten Armee befreit. Trotz alledem kehrte die Jüdin nach Lingen zurück, lernte ihren Mann kennen, heiratete ihn und beide emigrierten nach England. Sie war die einzige Lingener Überlebende des Holocaust, über den sie dies berichtete:

Bildschirmfoto 2014-08-10 um 23.37.30Am 3. September 1984 rief Ruth Foster bei der Lingener Stadtverwaltung an und erklärte, nach ihrer Kenntnis sei sie wohl die einzige überlebende Jüdin aus Lingen (Ems). Sie erkundigte sich, ob auch die Stadt Lingen (Ems) so wie andere Städte beabsichtige, Gedenktafeln aufzustellen, auf denen die Namen der im Dritten Reich umgekommenen jüdischen Mitbürger aufgeschrieben würden.

Der damalige Oberstadtdirektor Karl-Heinz Vehring hatte aus dem Versagen der Stadt 1975  anlässlich der 1000-Jahrfeier gelernt, als Geschichte und Verfolgung der Lingener Juden verschwiegen worden waren. Schnell lud er Ruth Foster zu einem Besuch ein. Bereits am 14. Oktober antwortete Ruth Foster und man erfuhr erste Namen umgekommener Lingener Juden und von Personen, die mit dem sog. „Bielefelder Transport“ im Dezember 1941 in die Vernichtung gingen. Vehring beauftragte Atze Storm aus dem städtischen Hauptamt und den Leiter des Bürgerbüros Karl-Hermann Hüllsieck, den Verbleib ehemaliger jüdischer Mitbürger zu ermitteln. In enger Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Judentum-Christentum (dem späteren Forum Juden Christen) und seinem Initator Josef Mödde sowie der Lingener Pax Christi Gruppe mit Annedore Jakob begann ein reger Brief- und Telefonkontakt mit Ruth Foster, die der Stadt dazu ein erhaltenes Verzeichnis aus dem Jahr 1924 mit über 120 Lingener jüdischen Glaubens überließ.

Immer wieder angeregt und unterstützt durch Ruth Foster wurden anhand der alten Unterlagen viele Städte im In- und Ausland, Botschaften und Israels zentrale Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem angeschrieben, um Näheres über das Schicksal der früheren Lingener Juden zu erfahren. Außerdem veröffentlichte die Stadt einen Artikel im „Aufbau“,  dem damaligen jüdischen Wochenblatt in New York. Einige frühere Mitschüler/innen hatten inzwischen ebenfalls Briefkontakt mit Ruth Foster.

RuthFoster_holohoaxerZu einem einwöchigen Besuch wurden dann im Oktober 1985 neben Ruth Foster weitere frühere jüdische Mitbürger nach Lingen eingeladen: Herbert Joseph, Doris Lindemann und Rita van der Hoek, geb. Markreich. An dem Besuch nahmen auch Nachkommen von inzwischen verstorbenen ehemaligen Lingener Juden teil.

Als gleichermaßen beeindruckend und rührend empfanden viele  Lingener, mit welcher Freundlichkeit Ruth Foster in vielen Briefen Anerkennung und Dankbarkeit gegenüber der Stadt und dem Forum Juden-Christen für die Aufarbeitung der jüdischen Geschichte zum Ausdruck brachte. Immer wieder gab sie auch Ratschläge für die Ermittlung des Schicksals weiterer ehem. jüdischer Mitbürger aus Lingen. Sie war es schließlich auch, die Anfang 1986 die Anschrift von Bernard Grünberg in Derby (GB) erfuhr und mitteilte.

Ein denkwürdiger Tag im Leben unserer Stadt war der 13. Dezember 1993, an dem Ruth Foster und Bernard Grünberg zu Lingener Ehrenbürgern ernannt wurden. Lingen (Ems) war damals wohl die erste Stadt in Niedersachsen, die ehemalige jüdische Mitbürger zu Ehrenbürgern ernannte. In einer bewegenden Feierstunde sagte Ruth Foster damals unter anderem:

„Als man mir die Ehrenbürgerschaft angetragen hat, habe ich mir Gedanken gemacht, ob ich sie annehmen kann und soll, denn vor 50 Jahren wurde uns Bürgern jüdischen Glaubens die Bürgerschaft genommen. Wir wurden staatenlos und deportiert, so kamen 1.000 Juden aus dem Emsland und Westfalen nach Riga und wurden dort vernichtet. Das geschah im ganzen Deutschen Reich, bis Deutschland „judenrein“ war“.  

Und:

„ Jetzt bin ich nicht mehr das junge Mädchen von damals, ich bin auch nicht nur Besucher und Gast der Stadt Lingen, wie in den vergangenen Jahren, sondern wieder Bürger dieser Stadt, ja sogar Ehrenbürger. Ich nehme diese Ehre gern entgegen, aber nicht nur für mich allein, sondern für alle ehemaligen jüdischen Bürger der Stadt, deren Spuren verschollen sind“.

„Die Ehrenbürgerschaft, die Sie mir heute geben, fügt sich ein in Ihre Zeichen der ausgestreckten Hand, die ich gerne annehme. Es ist ein Aufruf an Sie alle und besonders an die junge Generation dieser Stadt damit verbunden, nie zu vergessen, was in Deutschland geschah und leider jetzt noch in der Welt vorkommt. Versöhnung durch Dialog ist möglich geworden, die Ehrenbürgerschaft ist für mich ein Zeichen der Hoffnung. Mein Dank gilt Ihnen, meine Damen und Herren der Stadt, besonders aber meinem Freund Josef Möddel, der sich unermüdlich für dies alles eingesetzt hat. Man sagt: Hoffnung lebt, wenn Menschen sich erinnern und niemals vergessen. Ich danke Ihnen, das ist heute ein denkwürdiger Tag in meinem Leben.“

Oft hat Ruth Foster fortan ihre Vaterstadt besucht und ungezählte Briefe über das Schicksal der Lingener Juden geschrieben und beantwortet. Besonders enge Kontakte entwickelte sie zu Josef Möddel, Anne Scherger, Annedore Jakob und die Geschwister Marie-Theres und Ulla Klaas. Nach einer Feier zum Gedenken an die Reichspogromnacht vom 9. November 1938  schrieb sie 1988:

„…ist es auch zuckersüß, wenn ich zurückkomme, die Erinnerungen kann man nicht auslöschen. So ist es für mich immer eine Freude und Genugtuung zu wissen, dass es in Lingen liebe Menschen gibt, die es mir sehr erleichtern, zurückzukommen und das Zurückdenken wird mir viel leichter gemacht.“

Besonders gefreut hat sie sich über den Erhalt und die Restaurierung der ehemaligen jüdischen Schule mit der Einrichtung eines kleinen Dokumentationszentrums zur Geschichte der Lingener Juden.

Erwähnen muss man auch den ersten Besuch Ruth Fosters in der Realschule Freren, bei dem sie auf Bitten des langjährigen Schulleiters Bernhard Fritze Schülerinnen und Schülern über ihr Schicksal berichtete. Anschließend hat sie immer wieder dort und in Lingen viele Schulklassen besucht und erzählt. Noch lange wird sie daher bei den vielen Menschen in Erinnerung bleiben, die sie so kennenlernen durften.

Die British Library (London) hat in der Reihe “Life Stories – Living memory of the Jewish Community”  vor drei Jahren ein Interview mit Ruth Foster-Heilbronn veröffentlicht, die am 5. August im ALter von 92 Jahren verstorben ist. Damals habe ich vorgeschlagen, ob nicht Lingener Schüler dieses beeindruckende Gespräch in die deutsche Sprache übersetzen. Seinerzeit antwortete Josef Möddel in diesem Blog:

„Das ist eine sehr gute Idee. Ruth Heilbronn – Freudenheim – Foster, das sind die Namen, die sie trug, würde dankbar lächeln. Ihre Geschichte ist mit Lingen, in der sie geboren wurde, eng verwoben. Wir wissen immer noch nicht genug und verstehen zu wenig. Mit einer Übersetzung, gerade durch Schüler!, machen wir einen weiteren großen Schritt gegen das Vergessen“

Bislang ist dies, so glaube ich, noch nicht geschehen. Sollte es aber. Das Forum Juden Christen plant außerdem, auf dem jüdischen Friedhof an der Weidestraße eine Gedenktafel zu enthüllen, die an Ruth Foster, diese so außergewöhnliche Persönlichkeit unserer Stadt, erinnern wird.

Scham

9. November 2012

Heute Abend finden die Feiern zum Gedächtnis an das November-Pogrom 1938 statt (mehr…). Um 18 Uhr mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Alexanderkirche in Schepsdorf und eine Stunde später am Gedenkort Jüdische Schule, die die Brandlegung in der benachbarten Lingener Synagoge in der Nacht vom 9. auf den 10. September 1938 überstand.

Nicht nur in dem großen Buch zur Lingener Stadtgeschichte, das 1975 zum 1000-jährigen Bestehen unserer Stadt erschien, blieben die Geschichte und das Schicksal der jüdischen Gemeinde, die Verfolgung und Ermordung der Lingener Juden unbeachtet. Die Lingener Juden kamen nicht vor, während sich Lingen und seine 1000 Jahre feierte. In einem erschütternden Leserbrief machte Helga Hanauer, die letzte damals in Lingen wohnende Holocaust-Überlebende, auf diese unerträgliche Unterlassung aufmerksam. Selbst als die linke niederländische Wochenschrift „Vrij Nederland“ diese Unsäglichkeit des Verdrängens in einem großen Beitrag aufgriff, setzte sich die Bürgerschaft nicht etwa selbstkritisch mit ihrem Versagen auseinander – nein, sie empörte sich über die kritische Berichterstattung.

Erst nachdem sich auch Ruth Hanauer unter dem Eindruck dieser Ignoranz das Leben genommen hatte, setzte ein Umdenken ein.  Am 15. November 1977 errichtete die Stadt nahe der früheren Synagoge einen Gedenkstein. 1985 besuchten mehrere ehemalige jüdische Bürger Lingens auf Einladung der Stadt ihre alte Heimat. Auf ihre Anregung hin wurde auf dem Synagogenplatz zusätzlich ein Gedenkstein mit den Familiennamen der verfolgten und ermordeten Juden aufgestellt. 1989 wurde nach 12 Jahren Ablehnung durch die Ratsmehrheit der angrenzende Gertrudenweg in Synagogenstraße umbenannt. Ruth Foster-Heilbronn und Bernard Grünberg, Überlebende des Holocaust, wurde 1993 die Ehrenbürgerschaft der Stadt verliehen.

1988 wurde die jahrelang als Pferdestall genutzte Jüdische Schule unter Denkmalschutz gestellt; trotzdem sollte sie einer Eigentumswohnungsanlage weichen, wurde aber doch gerettet. Nach umfassender Renovierung wurde sie im November 1998 als Gedenkort Jüdische Schule eingeweiht. Eine Dauerausstellung erinnert dort an das Schicksal der Jüdischen Familien Lingens. Gegen weiteren Widerstand der Ratsmehrheit werden seit Mitte dieses Jahrzehnts auch Stolpersteine verlegt.

Sie meinen, das sei Geschichte? Mitnichten! Wir alle haben Grund uns zu schämen: Modisch hat sich die Stadt Lingen inzwischen eine Facebook-Seite zugelegt. Und diese offizielle kommunale Seite knüpft in der Facebook-Chronik nahtlos an das Vergessen und Verdrängen an, das sich so hässlich neben die Verfolgung und Ermordung gesellt hat.

Denn die städtische Facebookseite erwähnt die Juden in Lingen nicht – weder ihre Geschichte, noch ihre kulturellen Beiträge, noch die Verfolgung, noch die Pogromnacht, noch die Vernichtung, noch die zögerliche Aufarbeitung, noch die Ehrenbürgerschaften. Statt dessen ein Hinweis auf den Bau der Kasernen durch die NS-Regime und dezidierte Schilderungen über Bombenangriffe auf die Stadt. Die Lingener Juden aber kommen nicht vor.

Ein richtiger Skandal! Wir schreiben 2012. Ich bin empört und fühle wütende Scham.

Nachtrag:

Fokkema

4. Juli 2012

Ganz kurz als Ihr persönliches, kommunales Update für die Wochenmitte:

Ich bin nämlich müde, weil gestern eine Verwaltungsausschuss-Sitzung (kurz: VA) stattfand, in der es teilweise hart zur Sache ging. Wir haben uns im VA -das war noch fast das Angenehmste-  auf die Straßennamen in der Emsauenpark genannten Siedlung in Reuschberge geeinigt, einstimmig.  Nicht optimal, aber man ich kann damit leben, auch wenn bei der Josef-Krieger-Straße blöderweise der Vorname Josef gestrichen ist (jetzt heißt sie also zwiedeutig „Krieger-Straße“) und auch wenn ich mir eine Umbenennung der vorderen Georgstraße zugunsten Bernard Grünbergs sowie der Nordstraße zugunsten Ruth Fosters gewünscht hätte. Die Nordstraße wird aber wohl irgendwann Helmut-Kohl-Ring sein. Im Emsauenpark wird jetzt eine Straße Bernard-Grünberg-Straße und eine weitere Ruth-Foster-Straße heißen. Zu Recht und zu Ehren der beiden jüdischen Lingener Ehrenbürger, die vor 70 Jahren aus ganz unterschiedlichen Gründen den Holocaust überlebten.

Jemand sagte, man solle in der Ratssitzung „nun nicht mehr darüber reden“ und jemand anderes klagte später in der Sitzung über Ausschussprotokolle, in denen „nur der Ratsherr Füst genannt“ werde. Er meinte den mit einem niederdeutschen Dehnungs-E versehenen grünen Ratskollegen Michael Fuest (Foto oben). Sie sehen, es war teilweise deutlich unter der Gürtellinie.

Ich erfuhr, dass der Abifestival eV gegen die Stadt klagt, nachdem diese den Abifestival-Leuten verordnet hat, alle (der zahlreichen) Straßensperrungen während des „AF12“ mit Abiturienten zu bestücken, während der Verein darauf pocht, dies seien polizeiliche Aufgaben, die durch die Polizei erledigt werde müssten. Mein Hinweis, dass niemand in der Verwaltung so viel Ahnung von einem Festival habe wie die AF-Leute, die das seit 10 und mehr Jahren machen, sei „anmaßend“, hörte ich, und es gab noch andere Nettigkeiten.  Dann wurde „der Vau-Ahh“ informiert, dass Wolfgang Dülle, der ehem. Personalratsvorsitzende der Stadt, einstweilen mit seinem Versuch gescheitert sei, im Eilverfahren die schriftliche Zusage durchzusetzen, eine städtische A13-Planstelle als Leiter des Rechtsamtes zu erhalten. Die schriftliche Garantie sei nichtig, hat das Verwaltungsgericht entschieden und darüber eine Pressemitteilung verfasst. Ich habe vorgeschlagen, Dülle  jedenfalls ein ordentliches Zimmer und nicht den Zwischenraum zu geben, in dem er seit dem 27.4. untergebracht ist. Aber man will ihm wohl zeigen, wo die alte Frau Fokkema wohnt (wie das früher sprichwörtlich hieß; weiß noch jemand, woher das Sprichwort stammt?)

Angenehmes gab es auch: Das  war der Bericht von VHS-Leiterin Ute Bischoff, die die alte Tante Volkshochschule wohl ins richtige Fahrwasser bringt. Ich hab ihr gern zugehört!

Zu den LWT-Plänen, für 25.000 Euro (oder mehr?) die Touristinformation umzubauen, war mein Vorschlag: Mistet das jetzige Informationsbüro erst einmal kräftig aus. Alles was an den zahlreichen Überflüssigkeiten in 17 Jahren aufgestellt und angesammelt wurde, gehört raus. Einschließlich der großformatigen (!) Fotos (!) an der Bürowestseite zur Ehren der Werktätigen des LWT. Ich habe kurzerhand familiäre Hilfe beim Ausmisten angeboten. Mal sehen, ob stattdessen 25.000 Euro ausgegeben werden, weil 5 Quadratmeter Teppichboden ein pressewirksam fotografiertes Loch aufweisen.

Was noch?
Vorgestern wurde der Grundstein für die Emslandarena gelegt, wo die letzten Einsprüche  jetzt mit viel öffentlichem Geld und der Aufgabe eines Einzelhandelskonzepts aus dem Weg geräumt werden. Kaufland kommt deshalb  mit knapp 7500 qm Verkaufsfläche, also halb so groß wie die Lookentor-Mall und entgegen den bisherigen Innenstadtplanungen und –wünschen. Viele waren zur Grundsteinlegung am Montag gekommen (ich nicht), wenige fanden sich auf dem obligaten Foto in der LT wieder. Bloß Heiner Pott (Foto) nicht. Der Vater des Projekts war zwar auch da, wurde aber in der Begrüßung des  amtierenden OB Dieter Krone  nicht erwähnt, obwohl man einen Staatssekretär eigentlich erwähnen sollte, denke ich mir – so aus Höflichkeit beispielsweise. Stattdessen begrüßte Dieter Krone aber Conny Spielmanns,  eine Freundin aus Zeiten, in denen er gegen eine zweite Arena neben den Emslandhallen war und für den Ausbau der Emslandhallen war und Conny Spielmanns auch.

Gestern Abend traf sich übrigens die CDU mit der BI Altenlingenerforst, worüber ich nicht berichten soll, wie mir bedeutet  wurde; so etwas -sorry!- reizt dann natürlich besonders. Ich kenne noch kein Gesprächsergebnis, aber mir schwant nichts Gutes. Es gehe um einen Kompromiss, hörte ich im Vorfeld. Man darf gespannt sein, wer wie weit warum eingeknickt ist. Ende September wird mit den BP-Leuten aus London verhandelt, denen unser Altenlingener Forst wahrscheinlich schnuppe ist. Die BP will 700m lange, neue Gleise, von der Bahnstrecke parallel rund 60m westlich in den Forst hinein und bis zur Anschlussstelle an die Umgehungsstraße. Und trotz iHp-Insolvenz will sich die BP nicht in deren Räumen am Hohenpfortenweg sondern auf der abgeholzten Flächen mit Verwaltungsgebäuden verbreiten. Und dann sollen die Schneisen eigentlich aufgeforstet werden, was aber nicht geht, weil man eine Feuerwehrzufahrt zu den neuen Gleisen braucht. Mittendurch West-Ost und da, wo jetzt die größte der Schneisen ist. (Achtung jetzt ironisch:) Natürlich sind die Gleise an der Stelle alternativlos, was niemand unabhängig prüft, weil man der BP ja glauben mussDas ist ungefähr so eindeutig, wie bei Katastrophen jeder Art zu keiner Zeit eine Gefahr für die…. Sie erinnern sich natürlich.

Warum tu ich mir das alles an? Darüber werde ich nachdenken, wie seit mindestens 486 Monaten. Oder waren es schon 498? Dann gäbe es ja in Kürze ein Jubiläum., das zu feiern wäre. Oder?

Schönen Mittwoch noch!

(Fotos: Michael Fuest (c) privat; Heiner Pott (c) ms.niedersachsen)

Bielefelder Transport

11. Dezember 2011

„Heute ist der 70. Jahrestag der Deportation der Juden aus dem Emsland, der Grafschaft Bentheim, dem Osnabrücker und dem Bielefelder Raum. Am 11. Dezember 1941 wurden auch aus dem jüdischen Bethaus in Freren die letzten Juden der Stadt deportiert. Über Osnabrück gelangten sie nach Bielefeld, von wo am 13.12. der Zug nach Riga abfuhr.  in tiefer Nacht traf er am 15.12.1941 auf dem  Rangierbahnhof Skirotawa bei Riga ein.

Anlässlich des Jahrestages wurde heute im jüdischen Bethaus in Freren die Ausstellung “hope lives when people remember” eröffnet. Sie thematisiert das Schicksal der letzten sechs Frerener Juden, die vor 70 Jahren in das Ghetto Riga verschleppt wurden. Die Deportierten, an deren Schicksal erinnert wird, bekommen hier wieder ihre Namen: Emma Schwarz, Simon Schwarz, Martin Manne, Erika Manne, Samuel Manne und Siegfried Meyberg.

Gezeigt werden Bilder und Texte des Lingener Künstlers Mudde van Duren. Sie thematisieren die Biografien von deportierten jüdischen Menschen, von denen van Duren in zahlreichen Gesprächen mit Überlebenden der Shoa erfahren hat und setzen sich bildhaft mit dem Geschehen in der NS-Zeit auseinander. Seine Kunst illustriert keine Zeitgeschichte, sondern verweist durch Bilder und Lyrik auf die Schicksale der Menschen.

Initiiert wurde die Ausstellung von der Geschichtswerkstatt „Samuel Manne“ und dem Kulturkreis impulse Freren. Sie ist bis zum 31. Januar 2012 im jüdischen Bethaus Freren in der Grulandstraße zu sehen.“ (aus dem emskopp)

Von den über 1000 Menschen, die in dem so genannten 1. Bielefelder Transport nach Riga deportiert wurden,  haben nur wenige überlebt. Alle Lingener Juden kamen ums Leben.  Nur Ruth (Foster-)Heilbronn (Foto re.) kam davon. Ermordet wurden Marianne Grünberg und Gerda Grünberg, Bendix Grünberg. Wilhelm Heilbronn, der Vater von Ruth, wurde am 18. Mai 1942 in Riga vor den Augen von  Frau und Tochter erschossen. Caroline Heilbronn, die Mutter von Ruth, wurde am 28. Juli 1944 im Wald von Bikernieki als Opfer der sog. Aktion Dünamünde erschossen.

Der Rat unserer Stadt verlieh 1993 Ruth Foster-Heilbronn und dem  15-jährig mit einem Kindertransport 1938 nach England  gelangten Bernard Grünberg (Foto lks, © NOZ)  die Ehrenbürgerschaft der Stadt Lingen (Ems). Ruth Foster-Heilbronn lebt heute hochbetagt in London, der 88-jährige Bernard Grünberg nahe Birmingham. Er besucht regelmäßig die Stadt Lingen. 

Goldenes Buch

23. September 2010

Bevor ich den Grund vergesse, möchte ich noch ein paar Bemerkungen zum Goldenen Buch unserer Stadt machen:

In Berlin gibt es eine weitgehend unbekannte CDU-Ministerin Schröder, die sich im Familienressort versucht. Bei ihrem Besuch in Lingen vor einigen Tagen durfte sie sich in das Goldene Buch eintragen (Foto lks. Frau Schröder vorn, dahinter 1. Bürgermeisterin Ursula Haar und 3. v. lks  1. Stadtrat Ralf Büring, sowie Fans). Dazu müssen Sie wissen, dass es das Gästebuch der Stadt gibt und das Goldene Buch. In die laufende Reihe der Gästebücher darf sich jeder eintragen, der im Rathaus empfangen wird: ausländische Besuchergruppen, ehemalige Schulklassen, Preisträger in der Musik und früher auch mal im Sport usw.

Der ehemalige Oberstadtdirektor Karl-Heinz Vehring hatte Recht, als er sagte: „Wir empfangen grundsätzlich jeden und dies angemessen, freundlich und höflich. Denn wer weiß, was aus unseren Besuchern in der Zukunft noch einmal wird.“ Das war vor Vehring anders. Aber Vehring ist ein kluger Mann und lag richtig: Ende der 1980er Jahre besuchte  eine polnische Parlamentariergruppe die Stadt, die der legendäre SPD-Bundestagsabgeordnete Jan Oostergetelo (Höcklenkamp) in die Region eingeladen hatte. Auch sie verewigte sich im Gästebuch und niemand ahnte, dass einer der Unterzeichner nur wenige Jahre später plötzlich polnischer Ministerpräsident war. Ein junger Bundestagsabgeordneter, der 1985 mit reichlich Verspätung zu seinem Empfang eintraf, wurde 1998 Bundeskanzler. Auch er trug sich ins Gästebuch ein, nicht in das Goldene Buch.

In das Goldene Buch der Stadt und zu ihrer Ehre durften sich nämlich stets nur  illustre Persönlichkeiten eintragen wie Konrad Adenauer, Walter Scheel, Yehudi Menuhin und José Carreras  oder auch die beeindruckenden Ehrenbürger unserer Stadt: Die Holocaust-Überlebenden Ruth Foster, geb Heilbronn und  Bernard Grünberg sowie der Berliner Bischof Martin Kruse. Bei Theo Lingen bin ich mir nicht einmal sicher, meine aber, dass er auch zu denen gehört, die sich in das Goldene Buch eintragen durften.

Jetzt also kam diese Frau Schröder, eine normale Bundesministerin, von denen es im Laufe der Jahrzehnte Hunderte gegeben hat und geben wird. Doch auch sie, eine bislang wenig bedeutende Politikerin,  durfte sich in das Goldene Buch Lingens eintragen. Weiß jemand, warum?  Nachhaltigen Eindruck hat die Ehre bei der verehrten Frau Ministerin auch nicht gemacht. Ihr Twitterkommentar über den Aufenthalt in Lingen belegt dies.

Ich finde, dass der Eintrag in das Goldene Buch unserer Stadt mehr ist als ein für parteipolitische Medienspielereien ausnutzbarer Vorgang.  Entsprechend sollte sich die CDU künftig verhalten. Aber es scheint mir ohnehin, dass die Lingener Union immer beliebiger wird. Das zeigen auch ihre Auswahl des OB-Kandidaten, ihr Umgang mit der Baugeschichte unserer Stadt, der Umgang mit den natürlichen Ressourcen, den materiellen und immateriellen Werten und Zukunftschancen.

(Foto: © Stadt Lingen)