Ein, auch aus Lingener Sicht, ebenso spannendes wie bedrückendes Stück deutsch-jüdischer Geschichte behandelt das in Berlin erschienene, neue Buch „Am Gelände von Herrn Latte fing ein reges Leben an“, das die „Berliner Woche“ jetzt vorstellte. 

Der Beitrag enthält ein Foto von Johannes Jakob aus dem Sommer 2016. Unschwer erkennt man auf ihm Lingens Ehrenbürger Bernard Grünberg (Jg. 1923), der vor mehr als 80 Jahren eine Ausbildung an eben diesem Ort in Berlin-Niederschönhausen machte. Die Dame mit der gepunkteten Bluse ist Eva Seker, geb. Jany, aus Tel Aviv/Israel; sie wurde 1933 in Pankow in der Kissingenstraße geboren, wo ihr Vater bis 1939 einen Großhandel für Landmaschinen unterhielt. Das Fabrikantenehepaar, Selma und Paul Latte (Bild auf der Stele), das ab 1934 mehrere Ausbildungshallen für junge Leute zur Verfügung stellte, waren Evas Großtante und Großonkel. Der Herr (Bildmitte, mit Krawatte) ist Dennis Kew aus Cambridge/GB, Sohn von Leopold „Poldi“ Kuh (später „Kew“), dem damaligen Ausbildungsleiter, der für Bernard Grünberg zum Lebensretter wurde.

Vor vier Jahren waren sie alle in Berlin-Niederschönhausen, als eine bis dahin namenlose Grünfläche zwischen Beuth- und Buchholzer Straße endlich einen Namen erhielt. Benannt wurde sie nach Selma und Paul Latte. Gleichzeitig wurde vor Ort eine kleine Gedenkstätte eingerichtet. An deren Einweihung nahmen Zeitzeugen und deren Angehörige teil, darunter auch Bernard Grünberg. Inzwischen erhielt auch die dortige BVG-Haltestelle den Namen Selma- und Paul-Latte-Platz.

Dieser Benennung ging eine jahrelange Recherche und Beschäftigung mit der Geschichte des nahegelegenen ehemaligen Betriebsgeländes der Flaschenfabrik Latte voraus. Diese wurde in der NS-Zeit zu einer bedeutenden Hachscharah-Einrichtung für jüdische Auswanderer. Initiatoren der Benennung waren Gudrun Schottmann und Christof Kurz. „Im November 2013 erfuhren wir vom Leiter der Stolpersteingruppe Pankow, dass das Mehrfamilienhaus, in dem wir seit 2001 wohnen, früher dem jüdischen Flaschenfabrikanten Paul Latte und seiner Frau Selma gehört hat“, berichtete Gudrun Schottmann zur Platzbenennung. Eine Radioreportage des rbb über das Ehepaar Latte und die auf dem Gelände ihrer Flaschenfabrik befindliche Hachschara-Einrichtung regte sie und Christof Kurz an, mehr über das Schicksal des Ehepaares und die Geschichte ihres Fabrikgeländes herauszufinden. 

Bei der Hachschara-Einrichtung handelte es sich um eine Ausbildungsstätte, in der junge Juden in der NS-Zeit auf eine Emigration vorbereitet wurden. Die Einrichtung bestand aus Lehrwerkstätten, einem großen Garten und Wohnbaracken für junge Frauen und Männer. 

Nach der Platzbenennung liefen die Recherchen weiter, und in einigen Tagen erscheint nun unter dem Titel „Am Gelände von Herrn Latte fing ein reges Leben an“ ein Buch über das engagierte jüdische Ehepaar Selma und Paul Latte. Herausgegeben wird es von Museum Pankow im Verlag Hentrich & Hentrich. Daran mitgeschrieben haben die langjährige Baccumerin Anne-Dore Jakob mit Verena Buser, Gudrun Schottmann und Christof Kurz.

Das Fabrikantenehepaar Latte betrieb zwar eine große Flaschenhandlung. Aber ab 1934 befanden sich auf dem Fabrikgelände eben auch die Hachscharah-Einrichtung. 

Das jetzt erschienene Buch ermöglicht einen Blick in den Alltag der Hachscharah in Berlin-Niederschönhausen. Darin ist unter anderem mehr über Einzelschicksale ehemaliger Teilnehmer zu erfahren. Illustriert ist es mit zahlreichen Fotos. Natürlich wird auch auf die Biografie des Ehepaares Latte eingegangen. Diese widerspiegelt auch, welche Versuche der jüdischen Selbsthilfe es gab und wie das jüdische Unternehmertum in Nazi-Deutschland systematisch ausgelöscht wurde. 

Das Buch umfasst 120 Seiten und ist im Buchhandel und im Museum Pankow an der Prenzlauer Allee 227/228 zum Preis von 16,90 Euro erhältlich, ISBN 978-3-95566-377-4.

Nachtrag:
Manchmal schließen sich Kreise: Ruth Foster-Heilbronn, der die Stadt Lingen (Ems) zusammen mit Bernard Grünberg die Ehrenbürgerwürde verlieh, war mit Leopolds Witwe, Ruth Kew, zusammen in einem Survivor Club in London. Gemeinsam besuchten sie Ende der 90er Jahre „Beth Shalom“ in Laxton/GB und luden dann Bernard Grünberg dorthin ein. Es war der Beginn eines 20jährigen Engagements Grünbergs, um englischen Schulkindern als Zeitzeuge von seiner Rettung durch den Kindertransport zu erzählen.


Quelle: rbb, berlin.de, Berliner Woche, Foto: © privat/Johannes Jakob

Projekt

12. Dezember 2012

ruthfosterDie British Library (London) hat in der Reihe „Life Stories – Living memory of the Jewish Community“  ein Interview von Patricia R. Mendelson  mit Lingens jüdischer Ehrenbürgerin Ruth Foster-Heilbronn veröffentlicht, die im letzten Monat ihr 90. Lebensjahr vollendet hat.

Natürlich in englischer Sprache. Jetzt habe ich die Idee, ob nicht eine oder mehrere Lingener Schulklassen dieses beeindruckende Gespräch in die deutsche Sprache übersetzen könnten. Es ist klares, in meinen Augen nicht sehr schweres Englisch, das übertragen werden müsste. 32.000 Wörter auf rund 80 DIN-A4-Seiten. Es wäre ein schönes lokalgeschichtliches Projekt, wie ich finde.

Bitte eine E-Mail an mich, wenn es Interesse gibt. Ich melde mich dann.

Scham

9. November 2012

Heute Abend finden die Feiern zum Gedächtnis an das November-Pogrom 1938 statt (mehr…). Um 18 Uhr mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Alexanderkirche in Schepsdorf und eine Stunde später am Gedenkort Jüdische Schule, die die Brandlegung in der benachbarten Lingener Synagoge in der Nacht vom 9. auf den 10. September 1938 überstand.

Nicht nur in dem großen Buch zur Lingener Stadtgeschichte, das 1975 zum 1000-jährigen Bestehen unserer Stadt erschien, blieben die Geschichte und das Schicksal der jüdischen Gemeinde, die Verfolgung und Ermordung der Lingener Juden unbeachtet. Die Lingener Juden kamen nicht vor, während sich Lingen und seine 1000 Jahre feierte. In einem erschütternden Leserbrief machte Helga Hanauer, die letzte damals in Lingen wohnende Holocaust-Überlebende, auf diese unerträgliche Unterlassung aufmerksam. Selbst als die linke niederländische Wochenschrift „Vrij Nederland“ diese Unsäglichkeit des Verdrängens in einem großen Beitrag aufgriff, setzte sich die Bürgerschaft nicht etwa selbstkritisch mit ihrem Versagen auseinander – nein, sie empörte sich über die kritische Berichterstattung.

Erst nachdem sich auch Ruth Hanauer unter dem Eindruck dieser Ignoranz das Leben genommen hatte, setzte ein Umdenken ein.  Am 15. November 1977 errichtete die Stadt nahe der früheren Synagoge einen Gedenkstein. 1985 besuchten mehrere ehemalige jüdische Bürger Lingens auf Einladung der Stadt ihre alte Heimat. Auf ihre Anregung hin wurde auf dem Synagogenplatz zusätzlich ein Gedenkstein mit den Familiennamen der verfolgten und ermordeten Juden aufgestellt. 1989 wurde nach 12 Jahren Ablehnung durch die Ratsmehrheit der angrenzende Gertrudenweg in Synagogenstraße umbenannt. Ruth Foster-Heilbronn und Bernard Grünberg, Überlebende des Holocaust, wurde 1993 die Ehrenbürgerschaft der Stadt verliehen.

1988 wurde die jahrelang als Pferdestall genutzte Jüdische Schule unter Denkmalschutz gestellt; trotzdem sollte sie einer Eigentumswohnungsanlage weichen, wurde aber doch gerettet. Nach umfassender Renovierung wurde sie im November 1998 als Gedenkort Jüdische Schule eingeweiht. Eine Dauerausstellung erinnert dort an das Schicksal der Jüdischen Familien Lingens. Gegen weiteren Widerstand der Ratsmehrheit werden seit Mitte dieses Jahrzehnts auch Stolpersteine verlegt.

Sie meinen, das sei Geschichte? Mitnichten! Wir alle haben Grund uns zu schämen: Modisch hat sich die Stadt Lingen inzwischen eine Facebook-Seite zugelegt. Und diese offizielle kommunale Seite knüpft in der Facebook-Chronik nahtlos an das Vergessen und Verdrängen an, das sich so hässlich neben die Verfolgung und Ermordung gesellt hat.

Denn die städtische Facebookseite erwähnt die Juden in Lingen nicht – weder ihre Geschichte, noch ihre kulturellen Beiträge, noch die Verfolgung, noch die Pogromnacht, noch die Vernichtung, noch die zögerliche Aufarbeitung, noch die Ehrenbürgerschaften. Statt dessen ein Hinweis auf den Bau der Kasernen durch die NS-Regime und dezidierte Schilderungen über Bombenangriffe auf die Stadt. Die Lingener Juden aber kommen nicht vor.

Ein richtiger Skandal! Wir schreiben 2012. Ich bin empört und fühle wütende Scham.

Nachtrag: