angesprochen

12. September 2013

Joachim schreibt: „In unserem Urlaub haben uns unsere Freunden in Barcelona – Katalonien – auf  einen Artikel in „El Pais“ angesprochen. Hintergrund: Der Besuch von Frau Merkel im KZ Dachau  ein paar Tage zuvor. Der Autor des Artikels fragte sich, warum seit Bestehen der BRD so wenige Bundespräsidenten und Bundeskanzler dieses KZ besucht haben und nach den Gründen dafür.

Eine überzeugende Erklärung ist uns, Anita und mir, nicht eingefallen. Nach dem Kniefall von Willy Brandt 1970 im Warschauer Ghetto scheuen sich offensichtlich unsere höchsten Repräsentanten „Flagge“ zu zeigen. Scham? Wahltaktik?

Ich habe ein wenig im Internet recherchiert. Im Jahr 1985 besuchte der amerikanische Präsident Ronald Reagan zusammen mit dem damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker und Kanzler Helmut Kohl das KZ Dachau. Reagan ließ sich von dem Besuch nicht abhalten. 1985 fanden Teile der Regierung Kohl und Teile der deutschen Bevölkerung den Besuch in Dachau als unerfreulich und unangebracht.

Wir haben unseren Freunden versprochen, unsere Familie und Freunde um ihre Meinung zu bitten.

Was meint Ihr, woran liegt es?“

Eine Antwort zu “angesprochen”

  1. Peter Lütje said

    Politiker machen Politik. So groß die Geste des Kniefalls in Warschau auch war, Brandt verfolgte vor dem Hintergrund seiner Ostpolitik natürlich glasklare Ziele.
    1985 fand der Besuch in Dachau am Ende übrigens nicht statt; man flog stattdessen am 5. Mai nach Bergen Belsen (und danach nach Bitburg, der wahre Aufreger im Zusammenhang mit diesem Staatsbesuch). Der Hauptgrund der Kohlberater auf einen Verzicht des Dachau-Besuchs zu drängen, war damals übrigens der, dass ein Termin auf bayrischem
    Staatsgebiet verhindert werden sollte.
    Einige Tage später, am 8. Mai hielt Richard von Weizsäcker im Deutschen Bundestag seine berühmte Rede zum 40. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus, in der er ausdrücklich darauf hinwies, auch Deutschland sei an diesem Tag von den Nazis befreit worden. Kniefall vor den Amerikanern oder selbstbewusste Darstellung deutscher Lebenswirklichkeit? Die delikaten Querverbindungen und -verästelungen dieser Ereignisse mit damaligen (Welt-)Politiken aufzuzeigen, fehlt hier Zeit und Raum; nur soviel: Seit einigen Wochen war Michail Gorbatschow im Amt und obwohl er seine Politik des Glasnost und der Perestroika erst ein Jahr später auf dem Parteitag der KPdSU verkündete, war schon ein laueres Lüftchen aus dem Osten zu spüren, außerdem macht die deutsche Außenpolitik Vorstösse in Richtung China; der alte kalte Krieger Reagan (Jahrgang 1911) verspürte sicherlich den Drang seine westlichen Koalitionäre auf Linie zu halten (oder zu bringen und sei’s durch Zuckbrot/Bitburg und Peitsche/Bergen Belsen).
    Warum besucht Kanzlerin Merkel nun die Gedenkstätte KZ Dachau als erste deutsche Regierungschefin (Horst Köhler war als Bundespräsident vor ihr da)? Man kann nur spekulieren: Die jüdischen Gemeinden in Deutschland spielen heute gewiss eine andere Rolle im Wahlvolk als 1985. Vielleicht mochte sie auch den Kränkungen aus Griechenland, Portugal und Polen eine klare Geste entgegensetzen, war sie doch dort mit Hitlerbärtchen oder in KZ-Häftlingsuniform dargestellt worden. Hinterher fuhr sie dann auf eine Wahlkampsveranstaltung der CSU, also alle Vorzeichen anders als 1985.
    Politiker in Deutschland scheinen mit dem öffentlichen Gedenken an den Holocaust immer eine Gefahr für das deutsche Ansehen daheim und in der Welt zu verbinden und wollen also keine schlafenden Hunde wecken. Was in der Politik opportun erscheint, ist ja moralischen Kriterien nicht immer gewachsen.

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