Kürzlich vorgestellt hat die Studiengesellschaft für Emsländische Regionalgeschichte den Band 32 ihrer Reihe „Emsländische Geschichte“. Ein Schwerpunkt des Bandes 32 ist die NS-Zeit; diesmal steht das Kriegsende vor 80 Jahren im Mittelpunkt.

Im Emsland hat man erst spät begonnen, diese Zeit zu erforschen, so dass entsprechend wenig zeitgenössische Quellen zur Verfügung stehen.  Helmut Lensing zeigt, dass Schulchroniken eine bislang übersehene Quelle von Zeitzeugenberichten über die Zeit vom Herbst 1944 bis Frühsommer 1945 bilden. Getrennt nach den drei Altkreisen zeichnet er so ein Bild von den Geschehnissen. Seinerzeit mussten Hunderte „Volkssturmmänner“, „HJ“-Angehörige, aber vor allem auch Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene westlich der Ems eine Verteidigungsstellung, den so genannten „Emswall“, aufschütten – völlig nutzlos, wie die späteren Kriegsereignisse zeigen. Weiterhin berichten die Quellen von stetigen Luftangriffen, dem Durchzug flüchtender deutscher Soldaten und niederländischer Kollaborateure, von Kämpfen vor Ort, Unglücken oder wundersamen Rettungen. Nach dem „Überrollen durch die Front“ herrschte kurzzeitig in der Region völlige Gesetzlosigkeit, in der Plünderungen und Verbrechen an der Tagesordnung waren und übrigens fast automatisch polnischen Soldaten, ehemaligen Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeitern angelastet wurde. Wie die Quellen offenlegen, „beteiligten sich aber auch Einheimische kräftig daran“ (Helmut Lensing). Es gab offenbar auch deutlich mehr Vergewaltigungen, als bislang berichtet – ein Sachverhalt, der bis heute tabuisiert wird. Illustriert ist der Beitrag mit bislang unbekannten Bildern des Vormarsches der unter britischem Kommando stehenden kanadischen Armeeeinheiten aus einem kanadischen Archiv.

Der Papenburger Paul Meyer verfolgt den Weg des Kriegsverbrechers Willi Herold in den letzten Kriegstagen nach dessen Fund einer dann angeeigneten Hauptmannsuniform durch die Obergrafschaft bis ins Lager Aschendorfermoor bei Papenburg. Der sadistisch-brutale Herold sammelte versprengte Soldaten um sich, erhielt allein durch die Uniform Befehlsgewalt über Leben und Tod und ermordete Dutzende Menschen.

Ein zweiter Schwerpunkt des 32. Bandes sind familiengeschichtliche Forschungen. Hans Jürgen Hilling untersucht die Geschichte der evangelischen Pastorendynastie Bothe aus Aschendorf, die Wurzeln in Südoldenburg hat und ausgehend von Henrich Bothe (+ 1638) anschließend in den nördlichen Niederlanden hohe Positionen erlangte. Alois Pöttker ist den Vorfahren von Brigitta von Langen (1595-1664) aus Sögel auf der Spur, der Stamm-Mutter des bekannten emsländischen Beamtengeschlechts Behnes.

Wie gewohnt mit wunderschönen Bildern illustriert ist der Abschnitt „Natur und Umwelt“. Naturfotograf Andreas Schüring aus Werlte berichtet über die Erforschung der seltenen Zwergschwäne in unserer Region. Vorgestellt wird auch der Schwalbenschwanz, ein farbenprächtiger Tagfalter, der im Sommer in die Region einfliegt.

Die unmittelbare Vergangenheit der Grafschaft beleuchtet Thomas Küster. Der Münsteraner Historiker untersucht die Auswirkungen der deutschen Wiedervereinigung und der Blockauflösung auf die Grafschaft Bentheim im Vergleich zu (Ost-)Westfalen. Dazu thematisiert er die deutsch-deutsche Migration, die Wirtschaftsentwicklung, die Auflösung von Militärstandorten – so auch der Bundeswehrdepots in Klausheide und Itterbeck – , aber auch den vergeblichen Kampf vor Ort für ein Ende des Bombenabwurfplatzes Nordhorn-Range. Zwar zogen die Briten schließlich ab und die kleine britische Kaserne in Nordhorn konnte für den Bau von Privathäusern genutzt werden. Doch die Bundeswehr betreibt Nordhorn-Range bis heute [nachdem ab 1990 die ‚rist konservativen Spitzen der Gemeinde- und Kreisverwaltungen so lange untätig blieben, bis die rechtlichen Angriffspunkte verjährt waren…].

In ein unbekanntes Kapitel der Verkehrsgeschichte vertieft sich Manfred Fickers. Anhand von Notlandungen untersucht er die Anfänge des Luftlinienverkehrs im Emsland und der Grafschaft während der Weimarer Republik. So starb etwa 1926 bei einer missglückten Notlandung der Nordhorner Unternehmer Jan van Delden im Watt vor Juist.

Im Rahmen der „Biografien zur Geschichte des Emslandes und der Grafschaft Bentheim“ finden sich drei Lebensläufe im neuen Buch. Ulrich Adolf informiert über die aus Meppen stammende Schriftstellerin Mathilde Raven, die Mitte des 19. Jahrhunderts eine der bekanntesten deutschen Autorinnen war. Der Geistliche Bernhard Köster aus Lahn im Hümmling gehörte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den ersten in der Region, der seine Romane auf Plattdeutsch veröffentlichte; seinen Lebenslauf stellt Paul Thoben detailreich dar.

Josef Grave schreibt über den in Lingen geborenen Bernhard Fritze, der ein langjähriges aktives Mitglied der Studiengesellschaft war. Fritze machte sich in jungen Jahren einen Namen als Kommunalpolitiker, später als Rektor, engagierter Zeitzeuge und Heimatforscher in Freren, wo er zum Ehrenbürger ernannt wurde.

Seit nahezu einhundert Jahren gibt es in Haselünne einen beeindruckenden Nikolausumzug. Die Geschichte seiner Vorläufer und Anfänge in der Weimarer Zeit bis heute beleuchtet Bernhard Herbers in seinem bebilderten Beitrag.

Studiengesellschaft für Emsländische Regionalgeschichte (Hrsg.), Emsländische Geschichte 32, ISBN 978-3-9826952-0-4, 500 Seiten, 25,00 Euro.

Bestellungen (auch von Altexemplaren) sind zu richten an: kontakt(at)emslandgeschichte.de. Sie ist auch in lokalen Buchhandlungen erhältlich. Die Buchreihe kann (übrigens vergünstigt) abonniert werden.
(Quelle: PM Studiengesellschaft/Helmut Lensing)

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ZUM HINTERGRUND:

Die Studiengesellschaft für Emsländische Regionalgeschichte fördert den Austausch unter Geschichtsinteressierten und macht Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit zugänglich. Der 1989 gebründete Verein vereint Hobby- und Berufshistoriker, die sich mit der Geschichte der Region Emsland und der Grafschaft Bentheim (im nordwestlichen Niedersachsen, grenznah zu den Niederlanden) beschäftigen.
Seit 2019 fungiert der Verein unter Wahrung seiner Selbstständigkeit zugleich als Arbeitskreis der Emsländischen Landschaft.
Hauptaktivitäten sind
— Herausgabe der jährlichen Buchreihe „Emsländische Geschichte“ sowie weiterer Studien und Quellen zur

*Regionalgeschichte. Der Verein betreibt einen kleinen Verlag in Meppen.
– Veranstaltungen — Jährliche Tagungen (meist Ende August) mit Vorträgen und Exkursionen, oft in Kooperation mit dem Emsländischen Heimatbund wie Bus- oder Radtouren zu historischen Stätten wie Mooren, Burgen oder Spuren der Emslandlager).
– Projekte — aktuell die Sammlung und Transkription von örtlichen Schulchroniken, biographische Forschungen zur Regionalgeschichte und Themen wie Alltagsgeschichte, NS-Zeit, Wirtschafts- und Sozialgeschichte.
Der Verein mit rund 60 Mitglieder ist auf www.emslandgeschichte.de und mit einer Facebook-Seite präsent, wo auch Publikationslisten, Termine und Kontakte zu finden sind.

Im Oktober und November veranstaltet die Louis Ignatius Gall Stichting aus Bornerbroek (bei Almelo) das Projekt „Euregio Helden“. Dies findet in Zusammenarbeit mit dem Förderverein 3 Stufen aus Osnabrück diesseits und jenseits der Grenze statt. Die Veranstaltungsreihe zeigt eine Ausstellung, Konzerte und Vorträge, über die Menschen, die der NS-Gewaltherrschaft Widerstand leisteten. Sowohl in den Niederlanden als auch in Deutschland gab es solche Helden des Widerstands. Das interkulturelle und interreligiöse Programm will durch Kunst, Musik, Bildung und Dialog zu friedlichen Beziehungen zwischen den Menschen unserer Region beitragen. Die Veranstalter sagen: 

Heute hören wir immer häufiger solche Aussagen:

„Es ist schon so lange her, lasst uns aufhören, darüber zu sprechen…“
„Auch für die deutschen Soldaten war es schwer, hatten sie eigentlich eine Wahl?…“
„Das war alles Hitlers Schuld…“
„Meine Familie war auch gegen die Nazis, doch was konnten wir tun?…“

Die Ausstellungsmacher stellen sich gegen das Vergessen. Sie stellen auch zunehmend fest, dass Menschen auf beiden Seiten der Grenze zunehmend dazu neigen, über ihre Eltern, Großeltern und/oder Urgroßeltern zu behaupten, sie alle seien im Widerstand gegen den NS-Staat gewesen. Längst ist aber bekannt, dass diese subjektive Behauptung grundfalsch ist. Tatsächlich gab es aber wirkliche Helden des Widerstandes in der eurgeio. Vier von ihnen -Heine Bolks, Hermina Berendina Kerkdijk, die Familie Nagel und Adolf Padzera- werden in der Ausstellung „Euregio Helden“ gewürdigt. Sie riskierten ihr Leben, um anderen zu helfen, andere zu retten, die Nazis zu sabotieren usw. Vier Widerstandsgeschichten aus der Euregio werden in der jetzigen Ausstellung gezeigt und das ohne „Ende gut, alles gut“, sondern mit Tragödie, Tod und Verderben. In der Euregio gab es übrigens nicht nur diese vier, es gab viele weitere Helden!

Die Ausstellung handelt von Menschen iM Widerstand auf beiden Seiten der niederländisch-deutschen Grenze, die alles zu verlieren hatten: Haus, Familie, Arbeit, Kinder… Menschen, die sogar ihre eigene Familie in Gefahr brachten, weil sie davon überzeugt waren, dass es immer eine Wahl gibt, das Richtige zu tun und konsequent zu handeln, wenn die Tyrannei herrscht: Widerstand!

„Euregio Helden“ findet genau 80 Jahre nach dem Herbst 1944 und damit nach dem großen Bankraub vom 15. November 1944 in Almelo bei statt, bei dem so viele Widerstandskämpfer mutig ihr Leben riskierten und es später dann in deutschen KZ’s tatsächlich verloren. Diesem Ereignis des Widerstands gegen den NS-Terror widmet die Veranstaltungsreihe einen eigenen Schwerpunkt.

Besonders bemerkenswert ist, dass in einigen dieser Geschehnisse die Grenze zwischen den Niederlanden und Deutschland eine spezielle Rolle spielte:

– Französische Kriegsgefangene, die über die Grenze von Lingen nach Daarle flohen
– Ein in Deutschland lebender Widerstandskämpfer, der über die Grenze ging, um in den Niederlanden im Widerstand mitzuwirken…
– Ein in Deutschland lebender Widerstandskämpfer, der illegale Schriften aus den Niederlanden in Deutschland verbreitete…

Sie handelten im Wortsinne grenzüberschreitend. Schon damals arbeitete man, wenn nötig, in der Euregio zusammen.

Obwohl in dieser Ausstellung nur vier Lebensgeschichten erzählt werden, gibt es noch viele weitere Helden-Geschichten in der Euregio. Die Veranstaltungsreihe ist zu Ehren all dieser Widerstandshelden auf beiden Seiten der Grenze, damit wir sie auch 80 Jahre später nicht vergessen.

Die Ausstellung über die „Euregio Helden“, die Konzerte und Vorträge finden hier statt:

Mittwoch, 2. Oktober – 19.00 Uhr – Neuenhaus,
Musik: Duo NIHZ & Maurizio di Fulvio, Klezmer, Jiddisch, Jazz in der Kirche Kirche Maria Himmelfahrt, Neuenhaus

Donnerstag, 3. Oktober – 20.00 Uhr – Hezingen,
Musik: Duo NIHZ & Maurizio di Fulvio, Klezmer, Twentsche Lieder, im
Erve Stefan, Braambergweg 3, Hezingen

Mittwoch, 16. Oktober – 20.00 Uhr – Borne,
Musik: Duo NIHZ & Erich Oskar Hütter, Klezmer und Klassik mit u.a. Cello, Gitarre und Flöte in der Bornse Synagoge, Borne

Sonntag, 27. Oktober – 18.00 Uhr – Itterbeck, 
Musik: Baruch Chauskin & Duo NIHZ, Jiddisch, Holocaust-Musik Heimathaus, Itterbeck

Mittwoch, 30. Oktober – 20.00 Uhr – Coevorden,
Mish-Mash, Duo NIHZ & Baruch Chauskin, Klezmer, Jiddisch, Folkmusik in der Synagoge Coevorden

Montag, 11. November – 10.00 Uhr Lingen (Ems), 10.00 Uhr Vortrag: Bobby Rootveld – ‘Judentum, Holocaust und Antisemitismus heute in der Euregio, Jüdische und Widerstandsmusik: Duo NIHZ,
Franziskusgymnasium, In den Strubben, Lingen (Ems), 

Mittwoch, 13. November – 20.00 Uhr – Daarle,
Musik: Duo NIHZ & Loek Boer Der Große Raubüberfall vom 15. November 1944, Ein Abend im Dorpshuis ’n Kadiek, Daarle

Der Eintritt ist jeweils frei, Spenden werden erbeten. Mehr hier im Flyer!

Hinweis: Ob die Veranstaltung  am Montagvormittag des 11.11.24 im Franziskusgymnasium in Lingen öffentlich zugänglich oder „nur“ eine Schulveranstaltung sein wird, konnte ich bisher nicht in Erfahrung bringen.


Was ist die die Louis Ignatius Gall Stichting? Im März 2016 verstarb der großartige Gitarrist, Komponist und Gitarrenlehrer Maestro Louis Ignatius Gall, der bedeutendste klassische Gitarrenlehrer und Komponist der Niederlande. Immer auf der Suche nach Kombinationen mit anderen Instrumenten oder Kunstdisziplinen ebnete Maestro Gall den Weg für eine neue Generation von Gitarristen. 

Die nach dem Tode Galls gegründete Louis Ignatius Gall Stichting (=Stiftung) ehrt seither Maestro Gall durch:
– die Organisation von Konzerten mit seinen Kompositionen
– die Kompositionen von Maestro Gall verfügbar hält (Elgo Sheet Music Publishing)
– die CDs von Maestro Gall verfügbar zu halten
– eine Musikkomposition zu Ehren von Maestro Gall veranstalten
– die Veröffentlichung neuer talentierter Komponisten bei ELGO
– Unterstützung besonderer musikalischer Projekte 
– Verwaltung des musikalischen Nachlasses von Maestro Gall.