Nachdenktag 9. November

10. November 2025

SchülerInnen der 9. Klasse der Lingener Marienschule (Foto unten) prägten gestern die von mehr als 120 Lingenerinnen und Lingener besuchten Gedenkfeier am Gedenkort Jüdische Schule zur Erinnerung an das Reichsprogrom vor 87 Jahren. Sie berichteten über das Schicksal der über 10.000 jüdischen Kinder, die mit den sog. Kindertransporten  aus dem Deutschen Reich zwischen Ende November 1938 und dem Kriegsbeginn am 1. September 1939 vor der Vernichtung nach Belgien, Frankreich, Schweden und Großbritannien fliehen konnten. Die MarienschülerInnen brachten dabei -ergönzt um eine kleine Stand-up-Ausstellun— ihre ganz persönlichen Empfindungen und Gefühle zum Ausdruck.Das beeindruckte.

Die ernsthaft formulierten, wenn auch bisweilen etwas unkonzentriert vorgetragenen Reden des OB und von Simon Göhler, Vorsitzender des Forum Juden Christen, brachten hingegen keine neuen  Anknüpfungspunkte, wie es denn mit der notwendigen Erinnerungskultur weitergehen wird. Nie wieder ist jetzt, hieß es – doch das ist ja längst klar. Der mehrfach beschworene Kampf gegen den Antisemitismus ist genauso klar; den Teilnehmenden an der Gedenkfeier musste beides nicht erklärt werden. Doch die Frage ist doch: Was sagen wir zu dem brutalen Vorgehen der rechtsgerichteten Netanyahu-Regierung im Gaza-Streifen?  Dazu hätte ich gern Aussagen beider Redner gehört; denn die Kritik daran ist nicht Antisemitismus.

Auch die mehr als 50 Jahre nach dem NS-Täter Sauerbruch benannte Straße – wie letzten Mittwoch im Lingener Kulturausschuss beschlossen- nach dem NS-Opfer, dem SPD-Reichtagsabgeordneten und Arzt Dr. Julius Moses umzubenennen, hätte dem abstrakten Erinnern an Grauen und Gräuel der NS-Zeit ein konkretes, lokales Bild geben können und müssen. Doch dazu hörten die Teilnehmenden der Erinnerungsstunde nichts. Und nebenbei: Auch ganz Lingen wird davon nicht viel hören, weil unsere Lokalzeitung selbst bei dieser Gedenkfeier der Demokraten meinte, nicht    anwesend sein zu müssen.

Angesichts dessen eher ratlos möchte ich hier -ungewöhnlich für dieses Blog- die Predigt wiedergeben, die Domkapitular Theo Paul gestern in der Krypta der Hl.Geist Kirche in Georgsmarienhütte-Oesede. Die Fresken dort (Foto ganz unten) erinnern eindrücklich an den Schrecken und die Dunkelheit der  NS-Zeit. Der Kreuzweg in Oesede ist übrigens der weltweit einzige in einer Kirche, der den überlieferten Leidensweg  Jesu Christi konsequent in die Leidensgeschichte der Opfer des Naziregimes einbettet (mehr…).

In seinen Worten erinnerte Paul an die vier Lübecker Geistlichen, die morgen ihren Todestag haben: Die drei katholischen Priester Johannes Prassek, Eduard Müller und Hermann Lange sowie der evangelische Pastor Karl Friedrich Stellbrink wurden am 10. November 1943 kurz hintereinander in der Untersuchungshaftanstalt Hamburg am Holstenglacis durch Enthauptung mit der Guillotine hingerichtet. Grund waren ihre öffentlichen, kritischen Bemerkungen zu den Unrechtstaten der Nationalsozialisten, die sie als Geistliche geäußert hatten.

Theo Paul: „Der 9. November hätte es verdient, ein Feiertag zu sein. 9. November 1848: „Ich sterbe für die Freiheit!“, ruft der Abgeordnete des Paulskirchenparlaments Robert Blum. Dann stirbt er im Kugelhagel des Militärs und mit ihm stirbt die freie Republik. 9. November 1918: „Es lebe die deutsche Republik!“, ruft Philipp Scheidemann vom Balkon des Reichstags und in Deutschland wird die Demokratie geboren. 9. November 1923: „Die Regierung der Novemberverbrecher in Berlin ist heute für abgesetzt erklärt worden!“, proklamiert Hitler, als er gegen die junge Demokratie putscht. 9. November 1938: „Juda verrecke!“, krakelen sie mit Steinen und Lunten in der Hand, stinknormale Deutsche mit und ohne Uniform, und der systematische Terror gegen die jüdische Bevölkerung beginnt. Am Vorabend des 9. November 1938: „Ich habe den Krieg verhindern wollen!“, sagt Georg Elser. Sein Versuch, Hitler mit einer selbstgebauten Bombe im Münchener Bürgerbräukeller zu töten, ist gescheitert. 9. November 1989: „Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich…“, stammelt Politbüromitglied Günter Schabowski bei einer Pressekonferenz, und die Berliner Mauer fällt in diesem Augenblick.

Welcher Tag hätte es mehr verdient, ein Feiertag zu sein, als der 9. November? Aber er ist nicht? Ein Tag der Deutschen mit Sternstunden und mit dunklen Schattenseiten. Was sollen wir tun? Dankbar sein oder beschämt? Korken knallen lassen oder Stille halten? Viele nennen ihn den Schicksalstag der Deutschen. Ich mag die Bezeichnung nicht. Was am 9. November geschehen ist, ist nicht Schicksal. Es war nicht unausweichlich. Es war kein Zufall. Es war nicht vorherbestimmt. Es waren Menschen, die entschieden und gehandelt haben, mutig und feige, widerständig oder gehorsam. Geschichte geschieht nicht, Geschichte wird gemacht. Es ist unsere Entscheidung: Wo mache ich mit und wo nicht?

Der 9. November ist der Tag der Deutschen Aufklärung „…über sich selbst, er befreit aus der selbstverschuldeten, historischen Unwissenheit.“ (Heribert Prantl) Und fährt fort: „Er steht für hell und dunkel. Er ist das dunkle Datum schlechthin. Er ist nicht Feiertag, sondern Nachdenktag.“

Nur ganz wenige sprechen es aus, sehr viele denken es vermutlich: dass die ganze „Gedenkkultur“ nichts bringt. Obgleich als Ritual offensichtlich unvermeidlich, trage das Gedenken an Kriege, Katastrophen und Genozide weder zu rechtem Erinnern bei, noch helfe es gar, künftige Untaten zu verhindern oder auch nur zu erschweren. Und außerdem gebe es keinen Steg, der das Erinnern an Vergangenes mit der Gegenwart verbindet. Alle Appelle, sich mit dem Erinnern für gegenwärtige Kämpfe zu wappnen, können nichts daran ändern, dass das Erinnern eine originär – und vielleicht sogar ausschließlich – rückwärtsgewandte Tätigkeit ist. Es wäre schön, wenn wir uns in jedem in jedem Land für Gegenwart und Zukunft rüsten könnten. Doch einiges spricht dafür, dass das nicht mehr ist, als eine schöne Illusion. Sind wir nicht schon etwas müde des Gedenkens? Sollten wir uns nicht mehr den Problemen der Gegenwart und der Zukunft, dem Klimawandel, der Migration und der Flucht, der Entwicklung unserer gegenwärtigen Gesellschaft und Demokratie zuwenden? Erreichen die Rituale der Empörung (Nie wieder!) die Opfer der Vergangenheit? Kann das Erinnern die Toten lebendig machen oder fixieren wir uns auf Tote und auf Täter?

Das Gedächtnis gehört zu unserem Leben in der Zeit. Es ist Bedingung für Identität und Selbstbewusstsein. Gedächtnisschwund kann so weit führen, dass ein Mensch von seiner Vergangenheit wie abgeschnitten ist: Er weiß nicht mehr, wer er ist. Freilich gibt es auch die Schattenseite der Erinnerung: Wer von der eigenen Vergangenheit nicht loskommt, muss an der Gegenwart verzweifeln. Und: Im Gedächtnis steckt nur das Potenzial der Hoffnung, sondern auch das der Verzweiflung, der Verachtung, des Hasses und der Gewalt. Erinnern und Gedenken sind zutiefst christlich und zeichnen jede humane Kultur aus. Das Gedächtnis an die Zeit des Nationalsozialismus ist nicht neutral und objektiv distanziert, es steht im Kontext von Hass und Verzweiflung, von Gleichgültigkeit und Hoffnung.

Welche Rolle nehmen wir gegenwärtig ein? Opfer, Täter, Angeklagter, Zuschauer, Anwalt? Erinnerung ist verbunden mit Trauer, Scham, Reue,… Es ist gar nicht so leicht, eine Kultur der Erinnerung zu leben. Wie geht Erinnerung, ohne Vergleiche, ohne Grabenkämpfe, ohne Messen und Wettkämpfe. Es reicht nicht, sich nur von der Gegnerschaft zum Nationalsozialismus her zu definieren, um die eigene Armseligkeit zu überwinden. Es entsteht eine Gegen-Abhängigkeit, wenn eigenes Denken, Fühlen und Urteilen von der eigenen Negation her bestimmt ist. Es ist kein stolzes Gedenken, keine stolze Trauer, keine Geschichte, wie sie in Museen von Siegern aufbereitet wird. Wir stehen heute vor den Trümmern der Humanität – der Ermordeten. Ihnen ist keine Gerechtigkeit widerfahren. Wir beklagen die Barbarei zwischen Menschen. Jeder sitzt in seiner Blase und ist gekränkt, weil es auch noch eine andere Meinung gibt. Wir sind Teil unserer passiv-aggressiven Gesellschaft. Selbst in der Politik fällt es schwer zu diskutieren. Unsere Zeiten fordern uns heraus. Wie können wir unser Immunsystem gegenüber tödlichen Viren stäken? Wir brauchen ein Abrüsten des Denkens, der Feindbilder, von Hass und Verschwörungstheorien.

An der Wurzel von Terror und Barbarei stand nicht selten die Anmaßung absoluter Macht über Leben und Tod, Verachtung der Menschen, die Verachtung von Behinderten, Zigeunern, Verachtung politischer Gegner, die Verachtung von Traditionen, die im jüdischen Volk lebten und leben. Verachtung signalisiert: Du bist überflüssig, reiner Müll, eine Null, ein Kostenfaktor, den wir uns nicht mehr leisten wollen. Die Auseinandersetzung mit dem …. ist keine rein historische Beschäftigung. Sie macht uns sensibel, um gegen Gewalt und Barbarei aufzustehen. Dabei können wir Versöhnung nicht erpressen. Wir können als Nachkommen der Täter und Opfer die Versöhnung nicht diktieren. „Man muss […]von der Tatsache ausgehen, dass es […] Unverzeihbares gibt.“ (Jacques Derrida)

Das Gedenken soll uns helfen, Hitler nicht posthum Recht zu geben durch das Vergessen der Schandtaten, durch das Ausmerzen der Opfer aus dem Gedächtnis. Erinnerung soll uns davor bewahren, ihm nicht nachträglich noch einmal Macht zu geben, durch Selbstverachtung, Resignation. Ein Gedächtnis der Opfer ohne Hoffnung wird zu Buchhaltung des Todes.

Wir sind am einmaligen Ort der Nachdenklichkeit und Erinnerung versammelt. Die Krypta der Heilig-Geist-Kirche in Oesede ist künstlerisch und spirituell eine einzigartige Erinnerungsstätte an Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Hier wird kein billiger Versöhnungskult organisiert, sondern an diesem Ort geht es um eine Solidarisierung mit allen Verfolgten zu allen Zeiten. Die Gestaltung der Krypta geschah auf dem Hintergrund der Kritik an Kirche und Christen während der Nazi-Zeit. Deutlich wird gezeigt, es ist heilige Pflicht, die Geopferten nicht zu vergessen.

Menschen, die Furchtbares erleben, können verstummen. Dafür gibt es gute Gründe: Die schlimmen Bilder werden tief vergraben. Wenn jemand anfangen kann, von inneren Bildern zu reden, löst sich etwas. Erzählen ist ein erster Schritt zur Heilung.

Auch der Prophet Ezechiel musste Furchtbares erleben. Sein Land wurde im 6. Jh. v. Chr. von der Großmacht Babylon besiegt. Er wurde nach Babylon deportiert. D. h., 1000 Kilometer Fußmarsch durch die Wüste, den Weg überlebten nicht alle. Ezechiel ist traumatisiert und kann lange nicht reden. Dann passiert es: Er fühlt sich berufen, den anderen Deportierten die Augen zu öffnen für die Realität. Ihnen wird klar: So schnell ist an Rückkehr nicht zu denken.

Ezechiel bleibt nicht in der Katastrophe stecken. Er verkündet tröstliche, heilsame Bilder. Nachfahren im Exil beschreibt er den neuen Tempel. Er ermutigt uns zum Erzählen, von den Katastrophen, die sie überlebt haben und von ihrer Hoffnung auf einen neuen Anfang. Erzählen ist ein erster Schritt zur Heilung. Ezechiels Vision gilt nicht nur anderen. Wir können sie hören als Hoffnungslied für uns selber. Wir können unseren inneren Fluss wieder lebendig werden lassen.

Heute erinnert die Kirche an die Weihe der Kirche im Lateran. Der Weihetag fällt auf ein für die deutsche Geschichte ambivalentes Datum. Mit vielen Gedenkorten und Gedenktagen ist die Verheißung verbunden: Wieder stolz sein können. Putins Selbstinszenierung zum Tag des Sieges im „Vaterländischen Krieg“ vor 80 Jahren. Was für toxische Energie wird in einer solchen Erinnerungspolitik entfaltet? Präsident Trump will nicht zurückstehen und fordert für die USA zwei neue Gedenktage: zum Sieg im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Diese imperiale Erinnerungspolitik reicht weit zurück. Diesem Ort aber ist diese imperiale Erinnerungspolitik fremd und abstoßend. Die Grausamkeiten unseres Landes gegen Juden und Kriegsgegnern sind eingebrannt in unser Gedächtnis.

Doch es regt sich auch bei uns wieder die Sehnsucht, stolz sein zu können. Mit dieser Sehnsucht fängt man Massen, die sich gedemütigt fühlen und denen man die Demütigung einredet. Endlich wieder stolz sein dürfen. Worauf? Auf eine Vergangenheit, die es nie gegeben hat? Wir sind mittendrin in den gegenwärtigen Kämpfen um die Erinnerungskultur, um das in Erinnerung zu Rufende. Wie kostbar ist in dieser Situation die Krypta in Oesede? Wie wertvoll die Geschichte des Widerstands? Wie erhellend der Mut eines Pfarrer Beckmann? Er ist ein Seelsorger gewesen, der mit einer Vision den kirchlichen Alltag in Oesede gestaltete.

Ich war vor einigen Wochen am Grab von Papst Franziskus in Rom. Ich wollte einfach meine Dankbarkeit für sein Leben und Wirken ausdrücken. Das schlichte Grab – abseits – ist ein Gedenkort für Menschen jeden Alters und jeder Herkunft. Uns verbindet die Hoffnung, dieses Grab ist ein Auferstehungsgrab – auch am 9. November.


Foto oben: Vier SchülerInnen der 9. Klasse der Marienschule Lingen bei der Gedenkfeier zum 9. November am Gedenkort Jüdische Schule in Lingen

Foto darunter: Generalvikar Theo Paul Bild: (c) Bistum Osnabrück

Foto unten: Die Lübecker Geistlichen sind in der Krypta zu sehen, ihre Totenmasken in der linken Hand haltend Bild: (c) Bistum Osnabrück