Wer gestaltet das „bunte Lingen“?
2. Februar 2026
Die politische Landschaft in Lingen sortiert sich neu. Nach 16 Jahren im Amt strebt Oberbürgermeister Dieter Krone eine dritte achtjährige Amtszeit an. Unterstützt wird er dabei von der SPD und den Grünen, die am Samstag ihre Gründe dafür in der Lingener Tagespost darlegen konnten. Ihm gegenüber steht der parteilose Jens Hofschröer, Dezernent für Digitales und Wirtschaft in Wolfsburg, den die CDU als Kandidaten ins Rennen schickt. Offen ist, welche weitere KandidatInnen es geben wird.
Hinter diesen Personalien verbirgt sich eine tiefergehende Debatte über die politische Kultur, soziale Verantwortung und die Frage, wie repräsentativ die aktuelle Stadtführung für ein modernes, buntes Lingen noch ist.
1. Die Rhetorik des „Funken, der nicht übersprang“ und die politische Realität
Die in der Lokalzeitung zu lesende Begründung der SPD, man unterstütze Krone, weil beim Gespräch mit Jens Hofschröer „der Funke nicht übergesprungen“ sei, wirkt in einem sachlichen politischen Diskurs deplatziert. Statt politischer Substanz präsentiert die lokale SPD nämlich eine Rhetorik, die eher an ein Datingtreffen als an die verantwortungsvolle Auswahl des Stadtoberhauptes erinnert. Wer eine 60.000-Einwohner-Stadt nach Bauchgefühl statt nach Bilanz führen will, hat den Ernst der Lage nicht erkannt.
2. Das Erbe der 16 Jahre: Eine gemeinsame Verantwortung
Festzuhalten ist: Die Probleme, die von CDU, SPD und Grüne heute als „neue Schwerpunkte“ (bezahlbares Wohnen, Mobilitätswende, Nachhaltigkeit) deklariert werden, sind das Resultat der letzten 16 Jahre, in denen sie alle größer geworden sind. Gelöst wurden sie nicht. Ganz im Gegenteil.
- Die CDU hat diese Zeit als stärkste Kraft und enger Partner des Oberbürgermeisters maßgeblich mitgestaltet. Ein personeller Wechsel an der Spitze entbindet die Partei nicht von der entscheidenden Mitverantwortung für den Status Quo.
- SPD und Grüne, die nun die „konstruktive Zusammenarbeit“ rühmen, standen lange Zeit im Abseits, die Grünen mehr, die SPD weniger. Dass sie nun den Amtsinhaber stützen, der sie oft politisch unbeachtet ließ, deutet eher auf den Wunsch nach Teilhabe an der Macht hin als auf eine plötzliche inhaltliche Harmonie.
3. Fallbeispiel Reuschberge: Soziale Verantwortung im Härtetest
Wie wenig belastbar die Versprechen für „bezahlbaren Wohnraum“ sind, zeigt der aktuelle Fall der Stadtsanierung im nördlichen Reuschberge. Hier haben CDU, SPD, Grüne und FDP im Stadtrat gemeinsam entschieden und dabei die Interessen der Mieter gegenüber den Plänen eines Investors zurückgestellt.
Wegen freiwilliger Versprechungen wird auf verbindlichen Mieterschutz und auf unabhängige Mieterberatung zugunsten von Investoreninteressen verzichtet. Dies belegt eine tiefe Kluft zwischen den Wahlkampf-Slogans für sozialen Wohnraum und dem faktischen Abstimmungsverhalten im Rat.
Und was bedeutet es eigentlich, wenn ausgerechnet die Grünen öffentlich erklären: „Bezahlbarer Wohnraum muss auch jenseits des sozialen Wohnungsbaus gedacht werden“? Dieser strukturliberale Satz, wie ihn Grünen-Sprecherin Christina Djakovic im Gespräch mit LT-Mann Thomas Pertz von sich gab, muss einem erst einmal in den Sinn kommen. Zur Erinnerung: Bei 20.000 Haushalten in Lingen gibt es aktuell gerade einmal 150 Sozialwohnungen. Als OB Krone 2010 antrat gab es noch 400. Nach 16 Jahren hat er keine Umkehr geschafft. Seine Bilanz ist verheerend: Heute sind es weniger als die Hälfte geworden. Auch das 2017 von Krone verkündete Ziel, mit Hilfe der Lingener Wohnungsbaugenossenschaft jährlich 30 neue Sozialwohnungen zu bauen, ist bei weitem verfehlt. Dafür trägt er die politische Verantwortung.
4. Ökologie, Nachhaltigkeit und Wirtschaft: Schein gegen Sein
Vier weitere Punkte verdeutlichen die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit:
- Alibi-Entsiegelung: Während die Grünen den Amtsinhaber Krone wegen dessen angeblichem Einsatz für Entsiegelung loben, ist die wirkliche Bilanz ernüchternd: In der laufenden Wahlperiode wurden lediglich 50 m² Fläche (!) entsiegelt -übrigens für teuere 14.000 EUR – weitere lediglich 150 m² sind in 2026 geplant. Angesichts der massiven Versiegelung durch neue Bau- und Gewerbegebiete ist dies keine ökologische Wende, sondern nicht einmal eine symbolische Geste.
Jetzt entdecken Krone und seine Unterstützer plötzlich auch ihr Herz für den LiLi-Stadtbus. . Krone und die anderen Ratsfraktionen haben Anträge der BürgerNahen zum Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs abgelehnt. Ist es nicht grotesk, wenn dieselben jetzt versprechen, das zu ändern? In Wahrheit ist es sogar bizarr: Man feiert den OB als Retter des Nahverkehrs, während er und seine Unterstützer die Wirtschaftsbetriebe Lingen GmbH als verantwortliche städtische Gesellschaft finanziell ausbluten lassen. Die fehlenden Gelder nachzuschießen, haben CDU, SPD und Grüne vor sechs Wochen abgelehnt.- Kein Wort zur Gesundheitspolitik ist unisono von SPD, Grünen und Dieter Krone zu hören trotz der zunehmendne Überalterung unserer Bevölkerung denken; in 10 Jahren werden voraussichtlich rund 8.000 Lingenerinnen und Lingener über 80 Jahre alt sein. Aktuell gibt es 592 Plätze für Pflegebedürftige, von aber nur 520 belegt werden können, weil es nicht genug Pflegekräfte gibt. Und was ist mit der Schließung der Rheumaarztpraxis, die auch OB Krone zu verantworten hat, weil er im Kuratorium des Bonifatius-Krankenhauses Sitz und Stimme hat.
- Investitionen ohne Beschäftigungseffekt: Die Ansiedlung des großen RWE-Batteriespeichers wird als wirtschaftlicher Meilenstein gefeiert. Sachlich betrachtet handelt es sich um eine hunderte Millionen Euro teure Investition, die jedoch aufgrund ihres hohen Automatisierungsgrades kaum neue Arbeitsplätze für Lingener schafft. Der Erfolg findet in der RWE-Bilanz statt, kommt aber lokal kaum an.
5. Repräsentationslücke: Wer gestaltet das „bunte Lingen“?
Lingen ist im Jahr 2026 vielfältiger denn je. Doch blickt man auf die handelnden Akteure in Rat und Verwaltung, zeigt sich ein Bild, das diese Diversität kaum widerspiegelt.
Die Stadtpolitik wird weiterhin von etablierten Strukturen dominiert, in denen Zuwanderer, junge Menschen, sozial Engagierte und BürgerInnen außerhalb der klassischen Netzwerke kaum eine Stimme haben. Ein angestrebter Zeitraum von insgesamt 24 Jahren unter derselben alten Führung wirft jedenfalls die berechtigte Frage auf, wo hier noch die notwendige Offenheit für neue Impulse, gesellschaftliche Veränderungen und die Lösung vom Amtsinhaber zu verantwortender Defizite vorhanden ist. Über die katastrophale Stimmung unter den Mitarbeitenden im Rathaus haben wir da noch nicht einmal gesprochen.
Kritische NOZ-Initiative: „Bemerkenswerte Resonanz“
2. Februar 2026
Es geht um die Neue Osnabrücker Zeitung und ihre Lokalausgaben, zu denen auch die Lingener Tagspost zählt, die örtliche Tageszeitung. Der Verlag wirbt für sich:
Journalismus ist unsere DNA.
Doch was soll man, fragen KritikerInnen, von dieser Tageszeitung halten, deren Herausgeber zum Vorwurf des Rechtspopulismus schweigen? Deren Chefredakteur sich für Trump als Friedensnobelpreisträger stark macht und Bundeskanzler Merz zuruft, er solle mehr Musk und Milei wagen. Deren Kommentare auffällig oft eine fragwürdige Begeisterung für Autokraten an den Tag legen. Über die Aktion NOZkritisch hatte auch dieser Blog bereits berichtet. Jetzt laden die Kritiker ein:
„Unsere Initiative – ANK Aktion NOZkritisch – hält diese Entwicklung der NOZ für gefährlich. Wer das ähnlich sieht, ist herzlich zu unserer zweiten öffentlichen Veranstaltung eingeladen. Wir möchten die NOZ so begleiten, dass sie ihrem selbstgewählten Anspruch eines faktenbasierten Journalismus und einer fairen Abbildung gesellschaftlicher Wirklichkeit gerecht wird.
Dazu treffen wir uns am Dienstag, 24. Februar 2026 um 19 Uhr im Kulturzentum Lagerhalle/Spitzbogen, Rolandsmauer 24, Osnabrück.,
Wir wollen eure Meinungen hören und Kräfte bündeln.
In einem ersten öffentlichen Teil, zu dem auch PressevertreterInnen eingeladen sind, ist Zeit für ein Resümee und für Stellungnahmen und Erfahrungsberichte aus dem Plenum. Nach einer kurzen Pause stehen künftige Projekte und neue Aktionen auf der Agenda. Dieser zweite Veranstaltungsteil findet ohne Pressebeteiligung statt. Wer Lust hat, sich zu informieren, besser noch bei uns mitzuarbeiten, ist herzlich willkommen. Wir sind viele! Und freuen uns auf deinen Besuch!
ANK – Aktion NOZkritisch.“
Yes, It’s Fascism
1. Februar 2026
En sonntäglicher Lesebefehl Yes, It’s Fascism. In The Atlantic von Jonathan Rauch. In englisch, aber die Leserschaft dieses kleinen Blogs weiß ja, wie man den Text übersetzt:
„Until recently, I thought it a term best avoided. But now, the resemblances are too many and too strong to deny.
By Jonathan Rauch
First published in The Atlantic on January 25, 2026.“
„Until recently, I resisted using the F-word to describe President Trump. For one thing, there were too many elements of classical fascism that didn’t seem to fit. For another, the term has been overused to the point of meaninglessness, especially by left-leaning types who call you a fascist if you oppose abortion or affirmative action. For yet another, the term is hazily defined, even by its adherents. From the beginning, fascism has been an incoherent doctrine, and even today scholars can’t agree on its definition. Italy’s original version differed from Germany’s, which differed from Spain’s, which differed from Japan’s.
I accepted President Biden’s characterization of the MAGA movement as “semi-fascist” because some parallels were glaringly apparent. Trump was definitely an authoritarian, and unquestionably a patrimonialist. Beyond that, though, the best description seemed to be a psychological one propounded by John Bolton, Trump’s first-term national security adviser: “He listens to Putin, he listens to Xi, he listens to how they talk about governing unburdened by uncooperative legislatures, unconcerned with what the judiciary may do, and he thinks to himself, Why can’t I do that? This doesn’t amount to being a fascist, in my view, [or] having a theory of how you want to govern. It’s just Why can’t I have the same fun they have?”
Writing a year ago, I argued that Trump’s governing regime is a version of patrimonialism, in which the state is treated as the personal property and family business of the leader. That is still true. But, as I also noted then, patrimonialism is a style of governing, not a formal ideology or system. It can be layered atop all kinds of organizational structures, including not just national governments but also urban political machines such as Tammany Hall, criminal gangs such as the Mafia, and even religious cults. Because its only firm principle is personal loyalty to the boss, it has no specific agenda. Fascism, in contrast, is ideological, aggressive, and, at least in its early stages, revolutionary. It seeks to dominate politics, to crush resistance, and to rewrite the social contract.
Over Trump’s past year, what originally looked like an effort to make the government his personal plaything has drifted distinctly toward doctrinal and operational fascism. Trump’s appetite for lebensraum, his claim of unlimited power, his support for the global far right, his politicization of the justice system, his deployment of performative brutality, his ostentatious violation of rights, his creation of a national paramilitary police—all of those developments bespeak something more purposeful and sinister than run-of-the-mill greed or gangsterism.
When the facts change, I change my mind. Recent events have brought Trump’s governing style into sharper focus. Fascist best describes it, and reluctance to use the term has now-Salem Journal in North Carolina, bevor er 1984 nach Washington zog. Von wo er bis 1989 für das National Journal über Steuer- und Wirtschaftspolitik berichtete. Im Jahr 1990 verbrachte er sechs Monate in Japan als Stipendiat des Japan Society Leadership Program. Aktuell schreibt er für The Atlantic.
Er ist Mitarbeiter der Brookings Institution, eines Thinktanks in Washington. 2021 erschien sein Buch The Constitution of Knowledge. A Defense of Truth, in dem er über Infokriege und die Zerstörung der Wahrheit schrieb.
The Atlantic
The Atlantic ist eine US-amerikanische Zeitschrift. Sie kommentierte ursprünglich vor allem literarische und kulturelle Themen und enthält heute auch Artikel und Kommentare zur Politik und Außenpolitik sowie Rezensionen. Ursprünglich eine Monatszeitschrift, erscheint The Atlantic heute zehnmal jährlich und hatte im Jahr 2021 etwa 830.000 Abonnenten.
