Volkstrauertag: Zum Frieden gehören zwei, zum Krieg reicht einer
19. November 2023
Heute ist Volkstrauertag. Seit 71 Jahren wird er am Sonntag zwei Wochen vor dem ersten Adeent im November als staatlicher, gesellschaftlicher Gedenktag begangen, und er gehört zu den sogenannten stillen Tagen. Viele Gedenkfeiern in ganz Deutschland und eine Gedenkstunde im Deutschen Bundestag erinnern an alle Opfer von Gewalt und Krieg. In Lingen wird ihrer in den Ortsteilen der Stadt gedacht und bei der Gedenkveranstaltung am Mahnmal Alter Friedhof.
Dort war heute Vormittag die Zahl der Teilnehmenden leider nicht sehr groß: Rund 120 Vertreter der Schützenvereine Reuschberge und Bürgerschützen sowie der Kivelinge waren da, Bundeswehrreservisten und rund 30 Zuhörende, darunter aus dem Stadtrat je zwei von der BN und den Grünen, der OB und einige weitere Offizielle. Der Musikverein Holthausen-Biene sorgte für die musikalische Umrahmung. Neben manch anderen fehlte vor allem die Presse, wohl weil ein Bericht über Gedenken, Trauer und Opfer nicht die für notwendig erachteten Klickzahlen bringt.
Zunächst sprachen Hannes, Marcel und Paul aus der 9. Klasse der Marienschule in kurzen, klugen Reden darüber, was sie mit diesem Tag verbinden, und dann richtete Pastor Thomas Burke das Wort an die Teilnehmenden. Und er hielt eine wirklich beeindruckende, klare Rede, die ich deshalb hier im Wortlaut wiedergeben möchte:
„Ich bin sehr dankbar dafür, dass die Stadt Lingen, dass die vielen Schützenvereine den Volkstrauertag nicht vergessen.
Der NOZ ist es nur noch eine kleine Information wert, so dass es umso wichtiger ist, dass Verantwortliche der Stadt, der Schulen und Vereine, eben nicht zum Vergessen beitragen, sondern zum Erinnern.
Am 11. November 1918 endete der erste Weltkrieg, nur wenige Jahre später begann der zweite Weltkrieg und wenn wir heute hier zusammenkommen, dann hat es seitdem weltweit hunderte von kriegerischen Auseinandersetzungen gegeben und aktuell sind wir mittendrin: Der brutale Überfall der Hamas auf Israel, der brutale Überfall Russlands auf die Ukraine.
Die vielen Ermordeten und Getöteten weltweit.
Und kein Ende in Sicht!
Und keine Lösung in Sicht!
Und kein Weg zum Frieden in Sicht?Als Theologe beunruhigt mich immer wieder, dass das Böse sich durch Verwirrung vorbereitet. In einem Gebet heißt es: Bewahre uns vor Verwirrung und Sünde.
Vor der Sünde steht die Verwirrung.
Vor dem Töten steht die Hetze,
die Desinformation,
die sogenannten alternativen Wahrheiten,
das Wegschauen,
das Vergessen,
der offene Antisemitismus,
die Lüge und die Bedrohung der Demokratie durch Antidemokratische Parteien und Bewegungen.Der Volkstrauertag ist kein kirchlicher Gedenktag und doch hält er – wie die Theologie – eine wichtige Dimension des Zusammenlebens lebendig: Die Erinnerung.
Er soll dazu beitragen, dass durch Erinnerung,
durch Verlebendigung der Erinnerung,
durch Stolpersteine,
durch Zeitzeugen und deren Kinder,
die Erinnerung weitergetragen wird, dass Deutschland, weil die Opfer nicht vergessen werden, ein besseres Deutschland sein wird.Dadurch treten wir denen entgegen, die den Holocaust leugnen, den Nationalsozialismus verharmlosen, die Demokratie ablehnen, dass „Jeder für sich“ populistisch in einem offenen und gefährlichen Nationalismus hineintreiben, der jede Form von Solidarität und Menschlichkeit in Frage stellt.
Als Theologe beunruhigt mich, dass das Böse sich im Stillen vorbereitet.
Plötzlich – wie aus dem Nichts – überfallen brutale Terroristen mit bestialischer Grausamkeit wehrlose Menschen.Wenn das Böse sich im Stillen vorbereitet, dann kann eine Antwort auf Krieg und Frieden nur heißen, sich ebenfalls vorzubereiten. Dann gilt es auf all die Signale zu achten, die uns tagtäglich begegnen. Dann ist es nicht egal, welche Partei ich wähle, welchen Landrat oder welchen Vorsitzenden im Sportverein oder wem ich stillschweigend zustimme.
Dann gilt es zu lesen, sich zu informieren, zu hinterfragen, den Überschriften nicht ohne weiteres zu glauben und Konsequenzen zu ziehen.
Ein großer Theologe hat mal gesagt: Die Hoffnung kann lesen. Und darauf vertraue ich in all den scheinbar aussichtslosen Ereignissen. Die Hoffnung vermutet in den kleinen Vorzeichen das ganze Gelingen. Ich stelle nicht nur fest, was ist, ich analysiere nicht nur und beschreibe, wie schwierig alles ist, sondern:
Die Hoffnung kann lesen.
Ich weiß zwar nicht, ob alles gut wird.
Ich sehe nicht, wie es am Ende sein wird, ich weiß nicht, ob die Erde am Ende nicht doch kollabiert, und kein Regenbogen garantiert mir, dass alles gut wird. Hoffen lernt man dadurch, dass man handelt, als sei Rettung möglich.
Hoffen heißt darauf vertrauen, dass es sinnvoll ist, was wir tun. Hoffnung ist eine Form des Widerstandes gegen Resignation, Mutlosigkeit und Zynismus.Persönlich orientiere ich mich innerlich im Gebet an die Seligpreisungen.
Die Worte Jesu, an die Mahatma Ghandi, Martin Luthe King und unendlich viele Frauen und Männer geglaubt haben. Die Worte, in denen sich die Sehnsucht vieler Menschen nach Frieden, Gerechtigkeit und Menschlichkeit wiederfindet.Wenn es stimmt, dass die Gewaltlosen das Land erben, dann müssen wir Gewaltlosigkeit einüben: In der Sprache, in den Medien, im Internet, im Umgang miteinander.
Wenn es stimmt, dass die Friedenstifterinnen und Friedenstifter Kinder Gottes sind, dann müssen wir immer und immer wieder nach Wegen des Friedens suchen: Im Einüben von Solidarität, im Einüben von Toleranz, im Einüben der Unvollkommenheit des Menschen.
Ich möchte enden mit einem Auszug aus der Rede des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, aus seiner wegweisenden Rede vom 08. Mai 1985, die nach wie vor hoch aktuell ist und in keinem Schulunterricht fehlen darf. Da wendet er sich den jungen Menschen zu und sagt:
‚Die Bitte an die jungen Menschen lautet:
Lassen sie sich nicht hineintreiben
in Feindschaft und Hass
gegen andere Menschen,
gegen Russen oder Amerikaner,
gegen Juden oder Türken,
gegen Alternative oder Konservative,
gegen Schwarz oder Weiß.
Lernen Sie,
miteinander zu leben,
nicht gegeneinander.‘Und ich füge ein Zitat von Bertold Brecht von 1933 hinzu, der auf all diese Herausforderungen am Ende seiner Rede „An den Schwankenden“ sagt:
‚Erwarte keine andere Antwort als die deine‘.“

Volkstrauertag
15. November 2020
Heute ist Volkstrauertag. Diesen stillen Gedenktag gibt es etwa 100 Jahre; ursprünglich gedachte man der getöteten deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs. Heutzutage hat sich das geändert: Am Volkstrauertag wird an die Toten beider Weltkriege sowie die Menschen erinnert, die unter Gewaltherrschaft Opfer ihrer Überzeugung oder ihres Glauben, ihrer Herkunft waren oder einem anderen Volk angehörten. 2020 prägt das deutsch-britisches Gedenken den Tag. Prinz Charles spricht daher auf der Zentralen Gedenkstunde zum Volkstrauertag im Plenarsaal des Bundestages, die ab 13.30 Uhr vom ZDF direkt übertragen wird.
Die kleine Gedenkveranstaltung in unserer Stadt beginnt bereits um 11.30 Uhr am Ehrenmal am Alten Friedhof – ohne deutsch-britische Bezüge und pandemiebedingt in kleinem Rahmen. Die Ansprache hält Pfarrer Thomas Burke (St. Bonifatius Gemeinde). Die musikalische Untermalung erfolgt durch Andreas Lögering (Trompete).
Der Gedenktag und seine Veranstaltungen sind übigens nicht, wie man meinen könnte, aus der Zeit gefallen. Das belegt diese Reportage, die die taz schon vor fünf Jahren veröffentlichte:
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„Das letzte Laub glänzt an den Rebstöcken, der Himmel ist blau, hinten liegt das Dorf. „Wie Frühling“, sagt Walter Hoffmann, blinzelt in den Himmel und weist auf seinen Wein. „Hoffmann’s Tropfen“ steht auf dem Etikett. Der ehemalige Bürgermeister führt durch die Weinberge, seine und die der anderen aus Niederhorbach im Landkreis Südliche Weinstraße. Im Osten glitzert der Rhein, im Westen liegt der Pfälzer Wald. Zwischen sanfte Hügel schmiegt sich, wie in einem goldenen Bett, Niederhorbach, 800 Jahre alt, 500 Einwohner, kleine Höfe, viel Fachwerk. Ein lieblicher Ort. Angela Merkel wird trotzdem nicht kommen mit der Sammelbüchse in der Hand. Auch nicht Ursula von der Leyen oder Frank Walter Steinmeier. Und Joachim Gauck hat im vorigen Jahr bereits eine Absage geschickt.
„Ich habe mir über Jahre die Hacken abgelaufen“, erzählt Hoffmann und stampft über die Hauptstraße. Man kann sich gut vorstellen, wie der 67-Jährige, so wie jetzt, leicht nach vorn gebeugt, von Hof zu Hof gezogen ist, um für die Kriegsgräberfürsorge zu sammeln. Hoffmann stammt von hier. Er hat sich hochgearbeitet, vom Kleinbauernjungen zum Dozenten bei Siemens in Karlsruhe. Im Jahr 2010 wurde der Ruheständler zum Bürgermeister gewählt. Du hast doch jetzt Zeit, haben die Leute gesagt. Wenn Hoffmann in der Tür stand, haben sie das Portemonnaie aufgemacht.
Damit ist Schluss. [2014] hat dies der Gemeinderat einstimmig beschlossen. Und er hat eine Resolution verabschiedet. Sollen die Leute wissen, warum die Büchse nicht mehr rasselt. Nein, es geht nicht gegen den Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge, stellen die Volksvertreter klar. Die Arbeit gegen das Vergessen sei richtig und wichtig. Deswegen rufen sie die Einwohner auf, das Geld zu überweisen. Aber wenn „etliche Vertreter unserer großen Politik“ meinen, Deutschland müsse „mit Mann und Material an internationalen Brandherden mitzündeln“, dann sollen sie in Zukunft selbst die Häuser abklappern, stellten die Gemeinderäte klar.
Mehr noch: „Wenn im Militärhaushalt Geld ist, um in fremde Kriege zu ziehen, dann ist erst recht Geld da, vorhandene und zwangsläufig hinzukommende Gräber gefallener Soldaten zu pflegen.“ Und sie schließen: „Krieg geht von deutschem Boden aus, wenn deutsche Soldaten in die Kriege der Welt getrieben werden, und wenn die deutsche Rüstungsindustrie erfolgreich ihrem Bombengeschäft nachgeht.“ Die Resolution haben sie dann…“