Rosatom wirft Siemens raus. Und was macht Lingen?
18. Februar 2026
Das Ende kam nicht überraschend, und doch ist eine Zäsur. Wie jetzt (Stand: 18. Februar 2026) bekannt wurde, hat der russische Staatskonzern Rosatom den Vertrag mit Siemens Energy über die Leittechnik für das ungarische AKW-Projekt Paks II offiziell beendet. Was in Berlin und München wohl mit einer Mischung aus Erleichterung und Resignation aufgenommen wird, hat eine Sprengkraft, die bis nach Lingen reicht.
Das Bundeswirtschaftsministerium (BMWK) gibt sich gewohnt schmallippig, doch zwischen den Zeilen der jüngsten Antworten auf Kleine Anfragen im Bundestag liest man die klare Kante heraus: Wer die energiepolitische Unabhängigkeit von Russland ernst meint, darf keine Hochtechnologie für Putins Prestigeprojekte liefern.
Die faktische Blockade der Exportgenehmigungen für sensible „Dual-Use“-Güter durch das Ministerium war der Genickbruch für den Deal. Man ist in Berlin das „Problem Siemens“ nun los, ohne selbst ein formales Verbot aussprechen zu müssen, das teure Entschädigungsforderungen nach sich gezogen hätte. Rosatom hat die Reißleine gezogen – ein eleganter Ausweg für die Bundesregierung.
Die politische Fallhöhe für Lingen steigt
Doch während man in Ungarn die Trümmer der Kooperation zusammenfegt, stellt sich im Emsland die Frage nach der Konsequenz. Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer (Grüne) hat bereits mehrfach betont, dass Sicherheitsaspekte wie Spionage und Sabotage eine „zentrale Rolle“ im laufenden Genehmigungsverfahren für die Brennelementefabrik (ANF) spielen werden Die Logik ist bestechend simpel: Wenn die Bundesregierung Siemens die Technik-Lieferung nach Ungarn wegen Sicherheitsbedenken untersagt, wie will sie dann rechtfertigen, dass Rosatom-Mitarbeiter im Emsland ein- und ausgehen, um deutsches Personal an russischer Technik zu schulen?
Die Kündigung bei Paks II erhöht den Druck auf Framatome und die Lingener Tochter ANF massiv. Die „Zeitenwende“, von der in Berlin so oft die Rede ist, darf nicht vor der Lingener Brennelementeproduktion haltmachen. Es wird immer unwahrscheinlicher, dass eine Genehmigung für die Kooperation mit Rosatom in der jetzigen Form erteilt werden kann, ohne die eigene Glaubwürdigkeit in Sicherheitsfragen komplett zu opfern. Die über 11.000 Einwendungen gegen das Projekt in Lingen wiegen nach dem Paks-Aus schwerer denn je. Es bleibt abzuwarten, ob die Genehmigungsbehörden in Hannover und Berlin nun endlich den politischen Mut finden, auch hier den Stecker zu ziehen.
- Hintergrund I:
Das PAKS II-Projekt ist der Ausbau des einzigen ungarischen Atomkraftwerks um zwei neue Reaktoren (Block 5 und 6). Es wird vom russischen Staatskonzern Rosatom mit WWER-1200-Reaktoren. Großteils (ca. 80 %) soll es durch einen staatlichen Kredit aus Russland (ca. 10 Mrd. Euro) finanziert werden. Nach drei Jahren Vorarbeiten war der offizieller Baubeginn am 5. Februar 2026; das Projekt ist wegen der Abhängigkeit von Russland und fehlender Ausschreibungen politisch sowie auch rechtlich durch den EuGH höchst umstritten.
(Quellen: wikipedia, google)
- Hintergrund II:
Jüngste Anfragen im Deutschen Bundestag zur Brenneleentafbrik in Lingen:
BT-Drucksache 21/4118 (Februar 2026): Eine aktuelle Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke mit dem Titel „Planungen von Framatome für die Produktion von Brennelementen russischer Bauart für osteuropäische Atomkraftwerke am Standort Lingen“. Hier werden gezielt Sicherheits- und außenpolitische Risiken der Zusammenarbeit mit Russland thematisiert.
BT-Drucksache 21/354 (Juni 2025): Ein Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen („Sicherheit stärken – Russische Atomgeschäfte in der Brennelementefabrik Lingen unterbinden“), der die Bundesregierung auffordert, Einflussmöglichkeiten russischer Staatskonzerne auf die deutsche Nuklearinfrastruktur zu verhindern.
BT-Drucksache 21/3857 (Januar 2026): In dieser Antwort auf eine Anfrage zu Paks II wurde Lingen ebenfalls mitbehandelt, da die dortige Produktion von Brennelementen als Teil der nuklearen Wertschöpfungskette für russische Reaktoren im Ausland (wie eben Paks II) gilt.