Lingen: Stadtrat einstimmig für Julius-Moses-Straße
24. November 2025
Einstimmig hat der Lingener Stadtrat in seiner Sitzung am vergangenen Donnerstag dafür votiert, die bisherige Sauerbruchstraße im Stadtteil Damaschke in Julius-Moses-Straße umzubenennen. Der Rat folgte damit dem Votum des Kulturausschusses, der vor zwei Wochen mit absoluter Mehrheit für den jüdischen Arzt und SPD-Reichstagsabgeordneten Moses gestimmt hatte.
Tatsächlich stellt Moses menschlich das Gegenteil des Chirurgen Sauerbruch dar, der die Finanzmittel für Menschenversuche in den deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern befürwortete und bereit stellen ließ. Die grüne Ratsfrau Claudia Meinert hatte dazu gesagt, mit Moses werde eine Person als Namensgeber für die Straße ausgewählt, die Gegenpol zu Ferdinand Sauerbruch sei. Obwohl ihre Fraktion gern eine Frau bevorzugt hätte, sei hier der Arzt und Politiker Julius Moses der richtige Namensgeber. Er stelle als Vorreiter der Medizinethik und des hippokratischen Eids einen direkten Gegenpol zum NS-Täter Sauerbruch dar. Dies ermögliche es, die Umbenennung nicht als Verdrängen der Vergangenheit aufzufassen, sondern als sichtbares Zeichen der Auseinandersetzung und Verantwortung.
Im Kulturausschuss hatte ich bei der Debatte unterstrichen, dass Julius Moses die Patienten und Patientinnen aus ihrer bis dahin tradierten Objektrolle in eine Subjektstellung gebracht habe. Daher sei die Aussage von Claudia Meinert richtig, dass Julius Moses als gezielte Antithese zu Sauerbruch zu verstehen sei. Dies sei der Unterschied zu den anderen Namensvorschlägen, die sämtlich honorige Personen darstellten. Julius Moses stehe für einen ethisch hochstehenden Ansatz in der Medizin.
Anschließend stimmten sieben, davon vier CDU-Mitglieder des Kulturausschusses, zwei Grüne und ich als Vertreter der BürgerNahen am 6. November für Julius Moses. Drei CDU-Mitglieder waren für den früheren Kommunalpolitiker Franz Trümper (CDU), die beiden SPD-Ratsmitglieder für Marie Juchacz und der FDP-Mann für Rahel Hirsch.
Den Durchbruch für das jetzt erfolgte einstimmige Votum im Rat erreichte das aus dem Stadtteil Damaschke stammende CDU-Ratsmitglied Stefan Heskamp. Er hatte sich noch im Kulturausschuss für den früheren Kommunalpolitiker Franz Trümper (CDU) als Namensgeber aus dem Stadtteil ausgesprochen, lehnte es aber ab, gegen Julius Moses zu stimmen. Er könne nicht gegen das NS-Opfer Julius Moses sein, der im KZ Theresienstadt verhungert war.
Ohne das Statement von Heskamp war die Straßen-Neubenennung für Julius Moses trotz der Entscheidung im Kulturausschuss keineswegs sicher, zumal weiterhin die SPD ihre Sozialpolitikerin, die AWO-Gründerin Marie Juchacz und die FDP die Ärztin Rahel Hirsch als Straßennamen vorschlagen wollten. Davon sahen beide politischen Kräfte dann nach Heskamps Appell ab, einstimmig zu votieren und damit ein starkes Signal aus dem Stadtrat zu geben.
Mich persönlich hat Heskamps Aussage, wie ich in der Ratssitzung sagte, emotional sehr angefasst, weil sie gleichermaßen ehrlich wie überraschend kam. Heskamp kündigte an, dass der Bürgerverein Damaschke eine andere Ehrung für sein gründungsmitglied Franz Trümper anstrebe. Es dürfte sich dabei um die Neubenennung des im Stadtteil gelegene Hauses der Vereine nach Trümper handeln.
In der Diskussion um die Neubenennung hatte zuerst der frühere Vorsitzende des Arbeitskreises Juden Christen Dr. Heribert Lange Julius Moses vorgeschlagen im April hatte der Rat die Umbenennung der Sauerbruchstraße mit absoluter Mehrheit beschlossen; die Neubenennung anderer, nach NS-Angehörigen benannte Straßen war mehrheitlich abgelehnt worden. In einem Papier hatte Stadtarchivar Dr. Mirko Crabus über Julius Moses geschrieben:
„Julius Moses (*02.07.1868, ✝24.09.1942), Sohn eines Schneiders, ließ sich nach dem Studium in Greifswald 1893 als praktischer Arzt im Norden Berlins nieder. Politisch aktiv wurde er erstmals 1895 mit einer Rede vor dem Deutsch-Freisinnigen Arbeiterverein. In der Folge beschäftigte er sich vor allem mit Themen der jüdischen Identität, des Zionismus und des Antisemitismus. So war er etwa Herausgeber des „Generalanzeigers für die gesamten Interessen des Judentums“. Ab 1910 verlagerte er sich thematisch zunehmend auf den Zusammenhang von Gesundheit und Sozialer Fragen und schloss sich wohl 1912 der Sozialdemokratie an. Gegen die Parteilinie machte er sich in der 1912/13 geführten „Gebärstreik-Debatte“ für Geburtenbeschränkung stark. 1919 wurde er Vorstandsmitglied der USPD, dann der SPD, von 1920 bis 1932 gehörte er dem Reichstag an. Von 1924 bis 1933 war er außerdem Herausgeber der Zeitschrift „Der Kassenarzt“. Als profilierter Redner prägte er die Gesundheitsdebatten seiner Zeit. So forderte er die Schaffung eines Reichsgesundheitsministeriums, lehnte wissenschaftliche Experimente an Menschen und entgegen dem Zeitgeist auch die Eugenik ab. Zudem bemühte er sich um eine Reform des Abtreibungsparagraphen 218.
Früh warnte er vor dem gesundheitspolitischen Programm der Nationalsozialisten. Mit der Vernichtung „unlebenswerten“ Lebens würden sie den Arzt zum Henker machen. Obwohl als Jude und Sozialdemokrat doppelt gefährdet, blieb er 1933 in Deutschland. 1938 verlor er seine Zulassung als Arzt. 1942 wurde er nach Theresienstadt deportiert und starb kurz darauf.“
Nach dem Appell von Stefan Heskamp war das offene Votum des Rates einstimmig. Lediglich vier CDU-Mitglieder enthielten sich bei der Abstimmung, ohne dies aber zu begründen.
Die volljährigen Anwohner*innen der neuen Julius-Moses-Straße erhalten wegen ihres Aufwandes aufgrund der beschlossenen Straßenumbenennung jeweils einen Pauschalbetrag 50,00 Euro. Auch dies hatte der Kulturausschuss am 6. November beschlossen.
Foto oben: Rathaus Lingen (c) RobertsBlog
Foto unten: Julius Moses
Beitragsbild: Lingener Stadtfahne