Tödlicher Unfall
18. Juli 2023
Mindestens ein Mensch ist am vergangenen Freitagmorgen bei einem Unfall im russischen Atomkomplex Novouralsk getötet worden, wo 80.000 Menschen leben. Die Strahlungswerte am Standort der Fabrik in der Region Ural östlich von Moskau seien normal, berichtete später die Nachrichtenagentur RIA. Der 65-jährige Techniker sei auch nicht an Strahlungseinwirkung verstorben, sondern Verletzungen erlegen, die er bei dem Unfall erlitten hatte. Laut Berichten lokaler Medien, u.a. Ekaterinburg Online, seien nach der „Explosion“ mehr als hundert Mitarbeiter der betroffenen Anreicherungsanlage in ein Krankenhaus eingewiesen worden, der Großteil von ihnen konnte entlassen werden, nachdem sie dekontaminiert worden seien. 24 Personen waren am Freitagabend noch in stationärer Behandlung.
Medizinisches Personal wurde aufgefordert, unverzüglich aus dem Urlaub oder dem bereits angetretenen Wochenende an seine Arbeitsplätze zurückzukommen.
Der Betreiber der Anlage, das zum russischen Rosatom Konzern zählende russische Elektrochemische Kombinat, teilte mit, abgereichertes Uranhexafluorid (UF6) sei um 9.13 Uhr (Ortszeit) aus einem Zylinder in der geschlossenen Werkshalle Nr. 53 entwichen. Die Substanz ist hochgiftig, radioaktiv und verflüchtigt sich leicht. Warum der einen Kubikmeter große Zylinder undicht war, wurde nicht mitgeteilt.
Anti-Atom-Initiativen aus dem Münsterland haben inzwischen in Schreiben an das NRW-Wirtschaftsministerium und das Bundesumweltministerium Aufklärung zu dem tödlichen Unfall in der russischen Anlage gefordert. Eine weitere Anfrage des Bündnis AgiEL aus Lingen an das niedersächsische Umweltministerium sei in Vorbereitung, wurde heute mitgeteilt. Die Initiativen fordern auch die Einschaltung der Internationalen Atomenergiebehörde IAEO, um die Ursachen des gravierenden Vorfalls sowie die möglichen Konsequenzen für die deutschen Uranfabriken in Gronau und Lingen zu klären.
Beide Uranfabriken arbeiten mit Uranhexafluorid und lagern auch entsprechende Uranfässer. Zudem wollen die Initiativen wissen, ob eventuell ein Uranfass aus der Urananreicherungsanlage Gronau an dem Unfall beteiligt war. Aus Gronau waren seit 1995 Zehntausende Tonnen abgereichertes Uranhexafluorid nach Russland exportiert worden, insbesondere nach Novouralsk, wo sich die weltweit größte Urananreicherungsanlage befindet. Der Brennelementehersteller Framatome unterhält zudem in Lingen trotz des russischen Angriffskriegs in der Ukraine eine aktive Geschäftsbeziehung mit Rosatom, dem Betreiber der Atomanlagen in Novouralsk.
„Auch wenn es sehr schwierig ist, aus Russland verlässliche Informationen zu bekommen, so müssen Bund und Land alles daran setzen, ein genaues Bild von dem tödlichen Unfall zu bekommen. War ein deutsches Uranfass an dem Unfall beteiligt? Und gibt es Lektionen für den Umgang mit Uranhexafluorid in den deutschen Uranfabriken Gronau und Lingen zu lernen? Undichte Uranfässer können schließlich überall auftreten. Um solche Fragen zu beantworten, gibt es die Internationale Atomenergiebehörde. Dort muss das Bundesumweltministerium einen Bericht anfordern, auch wenn die Antworten unbequem sein mögen,“ erklärte Matthias Eickhoff vom Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen.
Vladimir Slivyak, Ko-Vorsitzender der russischen Umweltorganisation Ecodefense und Träger des Alternativen Nobelpreises, bezeichnete die Explosion als „Konsequenz einer extrem niedrigen Sicherheitskultur in der russischen Atomindustrie“.
Uranhexafluorid (UF6) ist der Grundstoff für die Urananreicherung, aber auch für die Brennelementefertigung. Er bildet schon bei Berührung mit Luftfeuchtigkeit die äußerst toxische Flusssäure. Ein Unfall mit UF6 hat sich Anfang der 1980er Jahre in der heutigen Framatome-Brennelementefabrik in Lingen ereignet; damals wurde ein UF6-Fass auf einem Schieberoller herumgefahren und fiel dann um. Auch in der Urananreicherungsanlage Gronau führte ein UF6-Unfall 2010 zur Verstrahlung eines Arbeiters. Die atomkritischen Initiativen fordern deshalb schon lange einen Transportstopp für UF6. Auch gegen die „unverantwortlichen Geschäfte mit der russischen Atomindustrie“ gibt es immer wieder Proteste. Sogar in Novouralsk selbst kam es 2019 zu einer Protestaktion. Die letzten Urantransporte von Gronau nach Novouralsk 2019/20 verstießen nach einem Rechtsgutachten im Auftrag der Grünen bereits gegen die damals schon geltenden EU-Sanktionen gegen Russland, da abgereichertes UF6 von Rosatom unter anderem zur Herstellung von panzerbrechender Uranmunition verwendet werden kann.
Quellen: PM AgiEL, Der Standard, taz,